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Benutzername: LaberLili
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Bewertungen

Insgesamt 51 Bewertungen
Bewertung vom 05.09.2018
Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1
Fellowes, Jessica

Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1


gut

Deutlich hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben!

„Unter Verdacht“ ist der erste Band der „Die Schwester von Mitford Manor“-Buchreihe, deren Bücher jeweils eine der Mitford-Schwestern in den Mittelpunkt rücken sollen, wobei die tatsächliche Hauptfigur nun bereits im ersten Band ganz eindeutig das neue Kindermädchen Louisa ist, die eine Freundschaft zu der nur wenige Jahre jüngeren Nancy Mitford aufbaut. Ich würde vermuten, dass die weiteren Bände sich nun „dem Alter nach“ abspielen und Louisa die eindeutige Hauptfigur bleibt und als zentrale Nebenfigur jeweils die Mitford-Schwester, die just auf der Schwelle zur Volljährigkeit steht, auftritt. Vielleicht würde Louisa aber auch aus der Reihe verschwinden und es stehen später tatsächlich die weiteren Schwestern im Fokus. Ich weiß also nicht, wie diese Reihe weiter gesteuert werden soll; nach diesem Auftakt ist da eigentlich alles möglich – und ich weiß nach der Lektüre nun auch nicht, ob ich diese Reihe weiterhin verfolgen werde.

Eine gewisse (und ganz bestimmt morbide) Neugier empfinde ich gegenüber einem Band rund um Unity Mitford, sicherlich die schwierigste Figur in diesem Fall, die in „Unter Verdacht“ auch wiederholt so dargestellt wurde, dass sie zumeist mit bösem Blick schweigend in der Ecke stand. Die fast volljährige Nancy Mitford, die sich für Kriminalfälle und knifflige Rätsel begeisterte und im Buch jetzt später einmal einen Roman schreiben wollte (und ja im wahren Leben tatsächlich auch Schriftstellerin wurde), war da sicher eine deutlich einfachere Figur. Insgesamt finde ich es aber schwierig, real gelebt habende Personen zum Oberthema fiktiver Belletristik zu machen, die noch relativ „aktuell“ sind und über die so viel bekannt ist wie z.B. eben über die Mitford-Schwestern.
Dass der Kriminalfall, der hier zudem eher nebensächlich abgehandelt wurde, der in der Wirklichkeit unaufgeklärt gebliebene Mord an Florence Nightingale Shore ist, wirkte auf mich in der Kombi mit den Bewohnern Mitford Manors schon ein wenig zu gewollt und effektheischend. Dass im Falle des Romans ständig die Autorin hervorgehoben wird, nur weil sie die Nichte des Oscar-Preisträgers und Autors der „Downtown Abbey“-Drehbücher Julian Fellowes ist und bislang ein paar Begleitbücher zu jener Serie geschrieben hat, verstärkt für mich den Effekt des Namedropping nur noch mehr, den ich letztlich völlig unangenehm empfand: Prinzipiell hätte die ganze Geschichte auch komplett fiktiv, mit völlig frei erfundenen Figuren, funktioniert, aber meiner Ansicht nach bleibt ohne die großen Namen eine eher blasse Geschichte übrig. Die „Ermittlungen“, die im Klappentext hervorgehoben werden, werden eigentlich erst im letzten Romanviertel zum tatsächlichen Thema; hauptsächlich geht es darum, wie sich Louisa auf Mitford Manor einlebt und da ist die Handlung teils übertrieben langgestreckt, dass teilweise der Eindruck von 20 „Larifari-Seiten“ rund um zwei Seiten tatsächliches Geschehen auf mich entstand. Interessant war es sicherlich, wie der Mordfall hier schließlich aufgelöst wurde, wobei man diese Täterenthüllung auch als reichlich unfair gegenüber der realen Person empfinden könnte.

Letztlich habe ich den Roman im Grunde als nette Geschichte vor historischem Hintergrund empfunden, deren Außergewöhnliches allerdings einfach nur in den bekannten Namen bestand, die abgesehen davon in meinen Augen aber einfach gewöhnlich war. Kann man mal lesen, kann man aber auch lassen ohne was zu versäumen.

Bewertung vom 26.08.2018
Tiergeister AG - Achtung, gruselig!
Iland-Olschewski, Barbara

Tiergeister AG - Achtung, gruselig!


gut

„Tiergeister AG – Achtung, gruselig!“ hatte mich vor Allem deshalb interessiert, weil ich wissen wollte, ob es schon eine Vorleselektüre für mein begeistert Gespenst spielendes, inzwischen 4 ½ jähriges Patenkind wäre, ob sich das Buch später als Schultüteninhalt zur Einschulung eignen würde oder ab welchem Alter ich es in die Kinderbibliothek stellen würde: Die offizielle Altersempfehlung „8 und älter“ würde ich bestätigen und das Lesen dieses Kinderbuchs nicht vor der 3. oder 4. Klasse andenken.
Die Geschichte ist nett gemacht, unterhaltsam, und dürfte von Kindern zumindest als ein klitzekleines bisschen spannend empfunden werden. Das Buch ist nicht zu lang, also auch für jüngere Leser auf „Übungskurs“ prinzipiell geeignet, zumal Schriftgröße und Zeilenabstand so gewählt sind, dass die Augen kaum zwischen zu eng Gesetztem abrutschen könnten. Dazu gibt es zudem noch immer wieder kleine Zeichnungen zu den just geschilderten Szenen: Das ist handwerklich einfach gut gemacht.

Mein Problem liegt eher in den Figuren begründet: Arik war, bis eben grade eben, noch Haustier einer Familie mit Kindern, die er eingangs zwar ein wenig vermisst, vor Allem, als ihm sein eigener Tod noch nicht so klar ist, aber später wirkt es ein bisschen mehr als „denen ist halt mal der Hund hopsgegangen“. Kinder, für die das Thema Tod noch ein eher abstraktes Konstrukt darstellt und die womöglich selbst daheim mit Haustieren zusammenleben, wird diese Darstellung vermutlich noch ängstigen können; mein Patenkind würde ich so aktuell nicht mit dem Tod konfrontieren wollen, obschon sich zeigt, dass es auch Arik in dieser Geisterwelt ganz gut geht. Den Buchanfang, der direkt und ohne Umschweife den toten Arik in einer Grube zu sich kommen lässt, fand ich da viel zu wenig einfühlsam und einfach zu drastisch für jüngere Kinder. Diese Szenerie ist erst recht konträr zu Aussagen wie „Unser Hund ist zwar tot, aber er passt trotzdem noch immer auf dich auf. Er ist jetzt ein Schutzengel!“, mit denen man Kinder gerne über den Tod hinwegzutrösten versucht. Im Buch ist es eher, dass „unser Hund ist jetzt tot und da ist’s ihm schnell egal, nicht mehr bei uns zu sein, egal, wie traurig wir nun sind“. Denn während Arik zumindest zwei-, dreimal noch an „seine“ Menschenkinder denkt, ist bei den anderen Geistertieren, die im Leben auch Haustiere gewesen sein dürften, überhaupt nicht, und erst recht nicht wehmütig, mehr die Rede von ihrer Vergangenheit mitten unter den Menschen.
Da sollte man sich vorher schon genau bewusst machen, wie „abgeklärt“ ein Kind mit dem Tod umgeht, ehe man ihm „Tiergeister AG – Achtung, gruselig!“ in die Hand drückt.

Die Handlung ist letztlich nicht sooooo spektakulär oder eindringlich; ich würde das gesamte Buch eher als „Zwischendurch-Unterhaltung“ ansehen und würde ggf. durchaus auch zu einem weiteren Band greifen, aber ich würde nun nicht davon ausgesehen, dass dies der erste Band einer künftigen „Kult-Reihe“ sein könnte oder dass dies ein Buch ist, was mal generell ganz begeistert im Klassenraum von SchülerIn zu SchülerIn ausgeliehen werden würde.

Für mich ergeben sich aus dem Großen und Ganzen hier eine "gut"-Wertung (im deutschen Schulnotensystem einer Zwei Minus entsprechend, knapp vor Drei Plus) und eine Leseempfehlung an 8-11Jährige, wobei ich wiederum befürchte, dass Kinder >10 Jahren die Geschichte der Geistertiere in der Schule schon wieder als zu kindisch abtun würde; in diesem Fall sehe ich die Zielgruppe leider als definitiv sehr eng gesteckt an.

Bewertung vom 24.08.2018
Selbstverfickung (eBook, ePUB)
Roehler, Oskar

Selbstverfickung (eBook, ePUB)


schlecht

Faules Ei.

Bis jetzt hatte noch nie ein Roman nach der Lektüre den Wunsch in mir geweckt, mich mitten in den Bahnhof zu stellen und über die Lautsprecher kundzutun, wie sehr das Lesen desselben doch völlige Zeitverschwendung war, aber soll ich das diesem Roehler-Werk nun ernsthaft als Pluspunkt anrechnen?
Ich hatte Medienschelte auf skurrile Art erwartet – und wurde lediglich mit einem frustrierten, deprimierten, depressiven Griesgram von einem abgehalfterten Regisseur konfrontiert, der abwechselnd nur auf alles und jeden schimpfte und, trotz eines Potenzproblems, Prostituierte, einmal quer durch Berlin, von Stammnutte zu Stammnutte, besuchte, wobei Schimpftiraden und Bordellbesuche oftmals auch gleichzeitig stattfanden. Er ist mit nichts zufrieden, außer mit seiner Tochter, zu der in einem Verhältnis stand, von dem ich ständig erwartete, dass es völlig ins Inzestuöse abgleiten würde, hat offensichtlich aber auch nicht den Anspruch, in irgendeinem Punkt sowas wie Zufriedenheit zu erreichen.

Medienvertreter aus Film und Fernsehen lesen diesen Roman, den ich eher als Pamphlet bezeichnen würde, wohl aus demselben Grund, der auch mich mitgereizt hat: Kann man beschriebene Figuren tatsächlich identifizieren? Bei mir war das wohl eher die Lust an Klatsch und Tratsch; bei Erstgenannten wäre die Motivation wohl eher eine potentielle Klage, die man im Sinne des Esra-Urteils anstrengen könnte, gefolgt von der Überlegung, ob man so nicht einfach den Streisand-Effekt erzielen würde. Einige Schaffende der Showbranche sind hier allerdings so beliebig geschildert, wobei über die generelle Beliebigkeit des deutschen Films ohnehin ständig bitter lamentiert wird, dass sich diverse SchauspielerInnen und Co. wiederzuerkennen glauben könnten.

Nach dem ersten Drittel überlegte ich, dieses eBook zur DNF-Lektüre werden zu lassen, gab mich aber der irrigen Hoffnung hin, es müsse doch noch so etwas wie eine Geschichte entstehen und dass es nicht Hunderte von Seiten nur darum gehen könne, dass einfach so ziemlich alles doof ist und dass die Hauptfigur ständig wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt, um es charmanter auszudrücken.
Im vorletzten Absatz vor dem Epilog wird dann erklärt, dass diese Geschichte keine Handlung hat, weder über Auflösung noch Konflikt verfügt und was das eigentliche Thema sei: hierfür wird zwar ein anderes Bild genutzt, aber eigentlich meint es letztlich auch kaum was Anderes als dass, was man unter einer quersitzenden Blähung verstehen würde. Dieser kleine Teil, weniger als zwei Seiten auf dem Reader, viertkleinste Schriftgröße, fasst den gesamten Inhalt zusammen und mehr müsste man eigentlich auch gar nicht lesen. Na gut, dann vielleicht noch den Epilog, um sich zu verdeutlichen, dass von der Hauptfigur Samsa hier wirklich nix Gescheites zu erwarten ist/war.

Und weil ich aus diversen Buchgruppen von sehr vielen LeserInnen weiß, dass sie generell nichts lesen mögen, in dem Tiere gequält werden: Finger weg hiervon! Wobei ich das generell jedem anraten würde.

Bewertung vom 24.08.2018
Der Blumensammler
Whitehouse, David

Der Blumensammler


ausgezeichnet

So geht herausragende Literatur!

War seine „Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ noch eine eher sentimentale Roadnovel, mit der Whitehouse zeigte, dass er Zwischentöne erzeugen kann, beweist sein „Blumensammler“, dass David Whitehouse diese feinen Nuancen auch absolut dominieren kann. Dieses Werk positioniert ihn auf Linie mit Paulo Coelho und Gabriel García Márquez und lässt Whitehouse wie den Maestro der jungen Literaten Großbritanniens dastehen, der jetzt zweifelsohne unter dem Druck stehen wird, mit jedem weiteren Roman seinen Platz bei den Eliteschreibern verteidigen zu müssen.

Dabei ist „Der Blumensammler“ nicht elitär; die Geschichte würde sich auch einfach so nebenher weglesen lassen und ist zugleich doch eine hervorragende Lektüre, die man auch im Unterricht ab Klasse 10 aufwärts vorzüglich lesen und sezieren könnte ohne dass sich Schüler bei der Analyse langweilen müssten.
Es gibt Bilder, die äußerst irreal sind, kaum zu glaubende Momente, aber sieht man diese Aspekte eben als Bilder und Symbole an, kann man vielfach versteckte Bedeutungen erkennen. „Der Blumensammler“ spielt zuweilen sehr mit Sprache und an dieser Stelle sei ebenfalls auf die absolut gelungene Übersetzung Dorothee Merkels hingewiesen, der es gelang, zudem die sprachlichen Feinheiten zu übertragen und Satzfragmente, teils nur einzelne Wörter, so ins Deutsche zu übersetzen, dass auch hier das zwischen den Zeilen zu Lesende erkennbar bleibt. Ob es nun die „luftigen“ Metaphern und Begriffe sind, die eingangs zuhauf vorhanden sind und später mehr und mehr durch „Bodenständiges“ ersetzt werden, je mehr Handlung und vor Allem Protagonisten geerdet werden, oder der Fakt, dass die allerersten und die allerletzten Zeilen zusammengenommen die unterschiedlichen Seiten einer Waagschale ergeben, die im Verlaufe der Handlung nicht einfach ausbalanciert wird, sondern auch die Schwermut leicht werden lässt.

Fragt man sich eingangs noch, was der Mageninhalt des Wals mit einem New Yorker Putzmann zu tun hat, an dessen Leben Erinnerungsfetzen im Kopf eines Londoner Notruf-Telefonisten aufblitzen und wieso jener so an besagtem Leben teil hat, dessen „Inhaber“ ihm fremd ist, setzen sich diese einzelnen Puzzlestücke schon bald zu einem groben Bild zusammen. Man ahnt, nicht zuletzt wegen teils völlig unauffällig eingeworfener Details, bald Zusammenhänge ohne dass alles vorweggenommen werden würde. So gibt es auch Hinweise, die sich später als falsche Fährten oder zumindest lediglich als semikorrekt erweisen, und ohnehin ist die Geschichte so wunderbar poetisch erzählt, dass auch ich nun kaum von ihr lassen konnte und die letzte Seite mit Wehmut betrachtete, aber auch mit Begeisterung angesichts einer so wundervollen Erzählung.

Bewertung vom 15.08.2018
The Stranger - Wer bist du wirklich? (eBook, ePUB)
Sarginson, Saskia

The Stranger - Wer bist du wirklich? (eBook, ePUB)


sehr gut

[Ursprünglich hatte mich die Kurzbeschreibung so sehr gereizt, dass ich diesen Thriller unbedingt hatte lesen wollen – dann hörte ich allerdings von diversen Seiten eher negative Rückmeldungen zum Roman, die mich zunächst abschreckten. Jetzt bin ich allerdings ein bisschen gram mit mir selbst, dass ich die Lektüre so lange vor mir hergeschoben habe, denn ich fand „The Stranger – Wer bist du wirklich?“ richtig, allerdings ebenfalls nicht völlig bedingungslos, gut.

Ein wenig unausgereift, im wahrsten Sinne des Wortes, fand ich Ellie, der mein Kopf kein höheres Alter als „Mitte 20“ zugestehen wollte, obschon sie die 40 bereits überschritten hatte. Die lebenserfahrene Cafébesitzerin glaubte ich ihr einfach nicht; generell erschienen mir hier diverse Figuren alters- und verhaltenstechnisch eher diffus dargestellt. In Hinsicht auf Alter und Generationen hatte ich noch nie derart auffällige Probleme, die verschiedenen Buchcharaktere zu differenzieren. Das fand ich in diesem Fall wirklich schwierig.

Ansonsten hatte ich im Vorfeld eher mit einem gradlinigen, „typischen“ Thriller gerechnet; die Auflösung war letztlich aber doch etwas komplexer, passte nicht nur in die heutige Zeit der 2010er, sondern griff zudem noch die Thematik einiger großer Strafermittlungen in Großbritannien während der letzten 20 Jahre auf. Leser, die es allerdings schätzen, wenn Thriller sich letztlich komplett in einem eher eng gesteckten, rein persönlichen Rahmen abspielen, werden von der Entwicklung der Geschichte in diesem Fall jedoch wohl eher enttäuscht sein.
Persönlich mag ich es auch nicht, wenn es megakomplex und womöglich gar politisch wird, schließlich alles so verworren ist dass man es kaum noch entwirren kann, aber „The Stranger – Wer bist du wirklich?“ konnte ich bis zuletzt sehr gut nachvollziehen. In diesem Fall war ich auch positiv überrascht von der Auflösung, die einfach mal anders war; passend war auch die eher verschwommene, vernebelte Darstellung von Land und Leuten: Der Roman strahlte sehr viel Trübnis und Düsternis aus, was einfach passte und zudem dafür sorgte, dass man lieber keinem recht trauen wollte – so wie auch in jenem kleinen englischen Dorf, in das es Ellie und ihren Mann verschlagen hatte, großes Misstrauen herrschte.
Man mag darüber streiten, wieviel Klischee in der Darstellung der vorurteilsbehafteten, konservativen Dörflern steckte: Mich hat es zumindest sehr daran erinnert, wie ich auch einst mein völlig konservatives Heimatdorf erlebt hatte. Ich fand das in „The Stranger - …“ geschilderte Leben auf dem platten Land von daher durchaus authentisch.

Für mich war das insgesamt ein gelungener Thriller und ich bin sehr froh, ihn noch während der großen Sommerhitze gelesen zu haben, weil ich glaube, im Winter würde mich die ganze Geschichte, auch die Art der Erzählung, mit ihrer Nicht-Nettigkeit einfach nur völlig deprimiert haben.

Bewertung vom 03.08.2018
Alligatoren (eBook, ePUB)
Spera, Deb

Alligatoren (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ganz, ganz großes Kino! Riesenkino.

Was diesen Roman angeht, hatte ich mich durch andere Vorablesenden absolut heiß auf diese Geschichte machen lassen: Die Kurzbeschreibung klang durchaus interessant, schien mir aber auf eine zu konstruierte Geschichte hinzudeuten; für mich klang es als würde man versuchen, die verschiedenen Protagonistinnen auf Biegen und Brechen zusammen sein zu lassen. Nachdem ich allerdings eine Leseprobe des Romananfangs gelesen hatte, war es neben den allgemeinen Schwärmereien vor Allem der sehr klassische Erzählstil, der mich überzeugt sein ließ, „Alligatoren“ unbedingt ebenfalls lesen zu wollen – und wow, diese Entscheidung habe ich nicht bereut und mich innerhalb eines Tages vom Anfang bis zum Ende hindurchgeschmökert.
Vom Stil sowie von der Ausstrahlung der Erzählung war „Alligatoren“ nun für mich irgendwo zwischen „Die Farbe Lila“ und „Grüne Tomaten“ angesiedelt, was ich wunderschön fand, obschon „Alligatoren“ definitiv ein recht tragisches Südstaatendrama erzählt.

Insgesamt werden hier drei unterschiedliche Lebensgeschichten erzählt von Frauen, die eben letztlich in Verbindung miteinander stehen, aber diese Erzählstränge waren in meinen Augen doch sehr parallel zueinander angeordnet und keine der Figuren wurde eindeutig in den Mittelpunkt gestellt; da war die Verteilung sehr „gleichberechtigt“, während in der Geschichte gleich und gleich nicht immer, sondern gar nur selten, gleich sind. Gertrude, Oretta und Annie sind prinzipiell allesamt starke Frauen, die in einer Zeit leben, in der Stärke bei Frauen eher als Manko gesehen wird und in der sie eher über ihren Mann als ihr eigenes Tun definiert werden. Oretta schien mir da noch das respektabelste Renommee zu haben, hatte aber den „Makel“ ihrer dunklen Hautfarbe, wobei Oretta selbst im Prinzip gar keine Standesdünkel kannte und auch keine Unterschiede bei den Hautfarben machte, weswegen sie allerdings wiederum in ihrer schwarzen Gemeinde kritisch beäugt wurde.
„Alligatoren“ zeigt da insgesamt sehr schön den Umbruch der Zeit ohne dass alles letztlich perfekt sein muss, aber am Schluss erkennt man, dass sich der Fortschritt weder aufhalten lässt noch dass sich die Gesellschaft nicht weiterhin völlig wandeln kann und zum großen Teil eben auch muss. Im historischen Kontext wird Einiges dabei nur angedeutet: Annie, generell den reichen, weißen Bessergestellten zuzurechnen ,spricht im Verlaufe des Romans die finanziell allmählich prekäre Situation ihrer Familie an; auch sie persönlich sieht man irgendwann auf einen Abgrund zusteuern, von dem man hofft, dass sie noch rechtzeitig vor ihm zum Stoppen kommt… die ganz große Weltwirtschaftskrise erreicht die Handlung noch nicht, aber es wird allgemein sehr klar verdeutlicht, dass es Annie vor Allem kaum anders als Gertrude ergeht, obschon sie aus absolut gegensätzlichen gesellschaftlichen Schichten stammen. Hier scheinen sich die Rollen letztlich auch bis zum Tausch hin zu verschieben; wie gesagt: „Wandel“, Veränderung, ist ein sehr großes, wenn nicht gar das zentrale, Thema in „Alligatoren“.

Die dargestellten Lebensgeschichten dieser drei Frauen waren sehr bewegend, sehr bedrückend, sehr traurig und zugleich aber sehr hoffnungsvoll und voller Vertrauen. Das ist ein Roman, der tatsächlich mit Tiefgang einhergeht, und der im Inneren auch noch eine Weile leise nachhallt.
Zuletzt hatte mir „Der englische Liebhaber“ von Federica de Cesco bereits sehr zugesagt, dass ich mich dazu habe hinreißen lassen zu behaupten, mit jenem Roman wohl bereits mein diesjähriges Lese-Highlight gefunden zu haben und dass es jedes weitere Buch 2018 da bei mir schwer haben würde: Nun ja, „Der englische Liebhaber“ ist von den „Alligatoren“ nun mit Leichtigkeit auf Rang 2 verwiesen worden.
Für mich hat „Alligatoren“ ganz eindeutig das Zeug dazu, zu einem der ganz großen Klassiker der Weltliteratur zu werden.

Bewertung vom 01.08.2018
Die Elternsprecherin (eBook, ePUB)
Gelman, Laurie

Die Elternsprecherin (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Es einfach mal locker nehmen...

Warum nur habe ich in meinem Umfeld just kein einziges Elternteil, dessen Kind in diesem Sommer eingeschult wird? Ich würde jenem Elternteil so gerne und ganz unbedingt ein Exemplar der „Elternsprecherin“ schenken wollen.

Das war eine einzige große Spaßlektüre, von der ich gar nicht erwartet hatte, dass sie derart lustig wäre, obschon ich durchaus hoffte, dass Jennifer ein wenig Claire, der Protagonistin aus Jennifer Coburns "Field of Schemes", ähneln würde, welche sich dort über den Ehrgeiz diverser „Fußballmütter“ nur wundern kann: Tatsächlich gab es da gewisse Parallelen, da Jennifer sich ebenfalls mit bestimmten überanstrengten und allzu anspruchsvollen Elterntypen konfrontiert sieht, aber der Rahmen der Geschichte ist doch ein völlig anderer. Jennifer geht bereits auf die 50 zu; neben ihrem just in die Vorschule gekommenen Sohn hat sie noch zwei bereits erwachsene Töchter, betreffs deren Vätern sie sich nicht 100%ig sicher ist, da sie in jüngeren Jahren, mit allen Konsequenzen, ein recht wildes Leben als Rock’n’Roll-Groupie geführt hat. Bis sie ihren jetzigen Ehemann, den Vater ihres Sohnes, getroffen hat, führte Jennifer also ein sehr unkonventionelles Leben. Nun hebt sie sich nur schon aufgrund ihres Alters von den Eltern der anderen Vorschulkinder in den meisten Fällen ab und ihre Vergangenheit disqualifiziert sie eben von vornherein völlig als übervorsichtige, überanstrengte Helikoptermutter und sie nimmt das typische „Gewese“ in ihren regelmäßigen Nachrichten an den Klassenverteiler gleich mal direkt ein wenig auf die Schippe und eckt mit ihrem, zuweilen tatsächlich fragwürdigem, Humor natürlich teils heftigst an, obschon sich andere Adressaten wiederum sehr über die flapsigen Formulierungen amüsieren.

Ich fand „Die Elternsprecherin“ nun herrlich zu lesen; da wurde einfach ein schöner Querschnitt wohl sämtlicher Elterntypen dargestellt. Zudem verzichtete der Roman auf eine kitschige Liebesgeschichte; unter den Vätern der Klasse entdeckt Jennifer zwar „SoEinHottie“, für den sie zu Schulzeiten heimlich schwer geschwärmt hat und der immer noch heiß sei, aber Jennifer ist ja krisenlos verheiratet und es entbrennt ein kleiner Flirt, aber da hat man von Anfang an das Gefühl, dass Jennifer da einfach nur ein bisschen zur früheren Schwärmerei gefunden hat, und ich habe zumindest nie erwartet, dass daraus noch ein großes Ding werden würde.
Ich empfand die gesamte Handlung einfach als glaubwürdiges Abbild der heutigen Realität. Das zudem sehr witzig herübergebracht wurde.
Wie eingangs gesagt: ideale Lektüre für alle, deren Kinder eingeschult (oder auch nur in den KiGa aufgenommen) werden!

Bewertung vom 31.07.2018
Annas (fast) perfekte Hochzeit (eBook, ePUB)
Stieglitz, Marion

Annas (fast) perfekte Hochzeit (eBook, ePUB)


gut

Unromantisch, und völlig banal!

Meine 3-Sterne-Wertung ergibt sich aus aufgerundeten 2,5 Sternen: vom reinen Schreibhandwerk her ist der Roman sicher gut gemacht und ich kann nicht sagen, dass ich die Geschichte gar nicht mochte, aber ich kann auch nicht ehrlich behaupten, dass dies ein Roman ist, den ich weiterempfehlen würde.
Während ich mich durch derlei Bücher sonst so schnell hindurchschmökere, wie sich ein Maulwurf durch den Boden zu graben vermag, habe ich diesen Roman tatsächlich nur kapitelweise, teils gar nur halbkapitelweise, lesen mögen: Nicht, weil die Geschichte so zäh gewesen wäre, sondern weil sie für mich völlig uninteressant war.
Ich sehe diesen Roman zudem absolut nicht als „Liebesroman“ an: Für mich war das eher wie ein Tagebuch einer Frau, die befürchtet, als alte Jungfer zu enden. Die gesamte Geschichte strahlte für mich einfach eine Aura aus, die nur anzeigte, dass es für Anna nun mit Anfang 30 ja wohl bitte wirklich Zeit wurde, sich fest und ganz offiziell zu binden; bis zur letzten Seite schrie hier alles für mich, dass Anna in ihrem „hohen“ Alter halt froh sein müsse, überhaupt noch einen in bislang keiner Ehe steckenden Mann zu finden.
Ich mochte Anna nicht, die des Öfteren darüber lamentierte, was die „Konventionen“, der Durchschnitt, die „Normalität“ von ihr verlangte – und dann weithin sich selbst bildschön im spießigen Rahmen drapierte.
Romantik, Liebe oder auch nur das vage Gefühl eines Verliebtseins kamen bei mir als Leserin nicht an; Annas Verlobten Bernd empfand ich als absolut dröge und ihre Beziehung strahlte für mich eher den Charme einer WG aus, und zwar keiner allzu geselligen, in der die Bewohner tatsächlich miteinander befreundet sind. Den Simon-Strang fand ich zu gewollt eingebunden; das war für mich wieder zuviel „Anna braucht aber gaaaaaaaaaanz uuuunbedingt einen Mann“. Das Emotionalste an diesem Roman war für mich nun mit ganz großem Abstand, dass er bei „feelings*emotionale ebooks“ erschienen ist.

In der Handlung fehlten mir einfach die (ganz) großen und guten Gefühle; „Annas (fast) perfekte Hochzeit“ ist für mich, trotz des romantischen Titels, einfach eine oberflächliche Unterhaltungslektüre gewesen: gut, wenn es einen einfach nur nach ablenkender Lektüre gelüstet, die einen nicht in sich einsaugt, und man eben weder Schmachtiges noch Dramatisches lesen will, aber eben schlecht, wenn man mehr von einem Buch erwartet als dass es zu lesen „immer noch besser als nur gelangweilt rumsitzen“ ist.

Bewertung vom 22.07.2018
Landeierforschung
Spieker, Karin

Landeierforschung


sehr gut

In „Landeierforschung“ ist Anne sozusagen ihre eigene, unfreiwillige Eliza Dolittle: Mit 40 Jahren ist sie bereits ihr halbes Leben lang Mutter und dabei eine Karrierefrau sondergleichen; in der Werbeagentur, in der sie wie auch ihr Ex-Ehemann Oliver arbeitet, schätzt man ihre Kompetenz und Professionalität. Anne gibt sich immer besonders jugendlich; für das großstädtische Flair sorgt das Leben in Köln ohnehin… und in ihrem Umfeld gilt Anne eher als verwöhntes Luxusweibchen, als „Stadtbarbie“, die es gerne möglichst sauber und bequem hat. In Folge eines Disputs mit ihrem Ex-Mann reißt Anne die Klappe allzu weit auf, betont ihre Abenteuerlust und verkündet, demnächst sozusagen eine Studienreise durch die deutsche Provinz zu unternehmen, während derer sie sich rundreisenmäßig das Leben in einigen kleinen Dörfern ansehen möchte. Zu ihrem eigenen Bedauern findet sie aus dieser Nummer auch nicht mehr raus, aber zu ihrer Freude erklärt sich ihr Mitbewohner und Cousin Mike sofort bereit, Anne auf ihrer „Expedition“ zu begleiten; er, generell eher unkonventionell und ein Freigeist, hofft auf Inspirationen für seine Arbeit als Künstler: Ich fand den Hintergrund der Reise zunächst sehr schräg; Anne hasst den Gedanken an diesen Urlaub von Anfang an und macht ihn tatsächlich nur deshalb, um vor Allem ihrem Ex-Mann eins auszuwischen. Da dachte ich nur: „Hallo?! Wie wäre es mal mit einfach drüberstehen?!“ Dass Anne, eine durchaus gestandene Frau von immerhin 40 Jahren, ein derart kindisches Verhalten an den Tag legte, wollte mir nicht so recht in den Kopf.
Irgendwie war dieser Reisegrund für mich derart an den Haaren herbeigezogen, anderseits: Ich weiß auch nicht so recht, wie man Anne sonst so weit aufs platte Land hinaus verfrachten hätte können; das musste wohl aufgrund ihrer sturen, stadtliebenden Persönlichkeit so oder so wohl etwas völlig Hanebüchenes sein.

Klar, gleich im ersten Ort ihrer Tour lernt sie den charismatischen Ben kennen, der sich auch nicht so einfach die Butter vom Brot nehmen ließe, und diese Anbändelei begleitet Anne neben Mike fortan, der sich seinerseits auch mit romantischen Gefühlen für eine Landbewohnerin konfrontiert sieht. Das klingt jetzt nach sehr viel Kitsch, wirkt aber bei aller Romantik auch sehr bodenständig und authentisch: Ich mochte, wie die aufflammenden Gefühle hier dargestellt wurden und fand das auch durchaus realistisch.

Die Reise ist eher kurz angesetzt und es dauert auch nur kurz, ehe Anne, die mit ihrem Styling, wie aus dem Ei gepellt, anfangs gleich für ein gewisses Amüsement sorgt, zu erkennen beginnt, dass das Äußere nur wenig zählt und der „gemütliche“ Look für das Landleben äußerst praktisch sein kann. Sie entdeckt neue Leidenschaften, findet das Dorf letztlich gar nicht unbedingt doofer als die Stadt und merkt, dass sie sich in der Vergangenheit allzu häufig für Andere, vornehmlich den Ex, aber auch das Kollegium, verbogen hat und sich in vielerlei Hinsicht ganz anders geben wollen würde. Der Ex-Mann ist hier generell ein großes Thema und ich habe den Eindruck, „Landeierforschung“ handele vor Allem davon, dass (und wie) Anne endlich völlig mit diesem vergangenen Lebensabschnitt abschließen muss (was sich für mich eingangs schon darin zeigte, dass sie diese Reise nur angetreten hatte, um es Oliver, von dem sie schon zwei Jahre geschieden war, „mal so richtig zu zeigen“).

Insgesamt war „Landeierforschung“ für mich nicht der große Humorkracher, sondern eher ein Roman, den man ab und an sicherlich mit einem Schmunzeln bedenken wird, aber er war doch kurzweilig und unterhaltsam. Da gab es keine Strecken, über die hinweg ich das Lesen mühseliger empfand; ich habe den Roman einfach gerne gelesen. Das ist halt, nicht mehr und nicht weniger, eine heitere Lektüre; schöner Lesestoff "für den Moment"!

Bewertung vom 22.07.2018
Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren
Benjamin, Ali

Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren


ausgezeichnet

„Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ ist sehr einfach zu lesen; ich mochte den Erzählstil mit den Perspektivenwechseln: Mal wurde aus Suzys Gegenwart berichtet, dann erinnerte sie sich wiederum an die Vergangenheit mit Franny und ferner wurde immer wieder Suzys „Forschungsarbeit“ bezüglich der Quallen beleuchtet… und immer scheint ihre Trauer, die Fassungslosigkeit, die Hilflosigkeit, durch.
„Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ ist als Jugendbuch gelistet, mit einer 12-15jährigen Zielgruppe: Dabei ist die Handlung sehr eindrücklich, nachhallend und melancholisch, teils auch depressiv; darauf muss man sich schon einlassen (können): Ich bin der Zielgruppe nun schon seit 20 Jahren entwachsen und hatte nach einer OHS vor knapp zwei Jahren auch noch sehr lange mit (typischen) starken postoperativen Depressionen zu kämpfen und wenn ich das Buch in dieser Zeit direkt nach der Operation gelesen haben würde: Ich bin mir sicher, dass ich da nur noch tiefer in jenes Loch gefallen wäre. Diese Auseinandersetzung mit „Dingen, die einfach passieren“ kann da durchaus substantiell sein. Darum würde ich es, ob nun als Jugendlektüre oder nicht, generell eher nur an die Leser weiterempfehlen wollen, die psychisch (weitgehend) stabil sind.

Ansonsten ist es eine wunderschöne, leise Auseinandersetzung mit Trauer und „Verlusten“ im Sinne von Veränderungen generell: Für Suzy entpuppt sich die Situation insofern als noch tragischer, da ihre Generation nun an der Grenze zwischen Kindsein und Erwachsenwerden steht; Freundschaften und Bekanntschaften verändern sich nur schon aufgrund sich in unterschiedliche Richtungen entwickelnden Interessen; die Pubertät setzt zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein; in Suzy haben somit schon vor Frannys unerwartetem Tod diverse Konflikte zu schwelen begonnen. Letztlich geht es darum, loszulassen ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Für mich ist dieser Roman ein klarer Lese-Tipp; hervorragend geeignet für alle, die tiefere Auseinandersetzungen ebenso mögen wie Geschichten, die nachdenklich zu machen vermögen!