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LaberLili

Bewertungen

Insgesamt 117 Bewertungen
Bewertung vom 21.07.2022
Das Haus der stummen Toten (eBook, ePUB)
Sten, Camilla

Das Haus der stummen Toten (eBook, ePUB)


gut

Ich habe bereits „Das Dorf der toten Seelen“ der Autorin gelesen gehabt und jener Roman hatte mir aufgrund des düsteren Settings, der Lost-Place-Atmosphäre, der Verwobenheit mit der Vergangenheit ziemlich gut gefallen, auch wenn die Auflösung bzw. der Schluss mir nicht wirklich authentisch schien. Dass nun ein weiteres Buch Stens erschien, habe ich erfreut zur Kenntnis genommen, aber nachdem ich „Das Haus der stummen Toten“ gelesen habe, hat sich in mir doch der Eindruck verstärkt, dass letztliche Auflösungen einfach nicht das Ding dieser Autorin sind, denn während sich „Das Dorf der toten Seelen“ deutlich in Richtung Mystery/Paranormalität/Okkultismus bewegte, verblieb „Das Haus der stummen Seelen“ zwar im rationalen Bereich, aber letztlich habe ich von diesem Roman einen nur leicht anderen Gesamteindruck als vom Dorf-Debüt.
Auch hier kommt wieder eine gewisse Lost-Place-Atmosphäre auf, da die Protagonistin Eleanor zusammen mit ihrem Freund Sebastian nach Solhöga, einem abgelegenen Gutshof, fährt, wo sie mit ihrer Tante ebenso wie einem Notar zusammentrifft: Während ihre Tante Veronika Solhöga aus ihrer frühsten Kindheit kennt, war dessen Existenz Eleanor bis zum Tode der Großmutter, bei der sie aufgewachsen war, vollkommen unbekannt. Jene hatte sie unmittelbar nach ihrem Mord bzw. schwerverletzt, aber noch lebend, aufgefunden und auch den flüchtenden Täter gesehen, ihn aber aufgrund ihrer Gesichtsblindheit nicht identifizieren können. Auf Solhöga soll die Erbmasse archiviert werden, aber nicht nur ist vom eigentlichen Gutsverwalter weit und breit nichts zu sehen, sondern außerdem ist Eleanor bald sicher, dass eine weitere Person dort umherschleicht. Als sie ein altes Tagebuch von einer früheren Hausangestellten ihrer Großeltern findet, eröffnet sich ihr Stück für Stück ein komplett neuer Blick auf ihre Familiengeschichte – hier hat man als Leser*in den Vorteil, dass „Das Haus der stummen Toten“ parallel von zwei Zeitsträngen erzählt und während Eleanor nur fragmentarisch von Annuschka, der erwähnten Hausangestellten, liest, da das vergilbte Tagebuch auf Polnisch verfasst ist und Eleanor hier mit einer nur halbwegs zufriedenstellenden Übersetzungsapp arbeiten muss, bekommt das Lesepublikum die kompletten Tagebucheinträge Annuschkas geliefert.

Ich fand es wirklich spannend, was Annuschka von damals über die bei ihren Arbeitgebern vorherrschenden Verhältnisse erzählte: da entsponn sich ein richtig schönes Familiendrama. Aber es wäre wohl wirklich besser dabei geblieben, denn auch wenn alles Andere zuletzt zusammengepuzzelt wurde: diese ganze Geschichte rund um diesen gegenwärtigen Kurzaufenthalt auf Solhöga ergab rein gar keinen Sinn. Es gab einen krassen Showdown, bei dem ich in Hinblick auf eine Figur nur dachte: „Wieso zum Geier bist du nu überhaupt hier? Wieso bist du nicht einfach früher schonmal dahin und hast beim Verwalter nachgefragt? Du hast doch von Solhöga gewusst?!“
Schade fand ich zudem, dass zuvor Eleanors Verwandtschaft großväterlicherseits ganz klar angeschnitten wurde, aber auch im Epilog absolut keine Rede davon war, wie sich das nun ausgegangen hatte.

Neben der Familienhistorie fand ich allerdings gelungen, wie Camilla Sten hier mit dezent gestreuten falschen Fährten arbeitete: Ich habe nie daran gezweifelt, dass Eleanor wirklich einen „echten“ Schatten gesehen hatte und dort noch jemand abseits des kleinen Grüppchens herumstromerte, zumal Eleanor doch sehr aufmerksam beobachtete und in Folge ihrer Gesichtsblindheit jedes besondere optische Merkmal von Personen genau hervorhob, sofern es ihr helfen konnte, Leute zu erkennen. Entsprechend aufmerksam gelesen habe ich mir bestimmte Beschreibungen gemerkt und hatte dann nach ca. 60% des Romans auch eine vage Ahnung, wer (warum auch immer) ganz bestimmt der echte Bösewicht hier sein müsste – und während ich noch überlegte, wie der nun mit der Familie in Zusammenhang stünde und was seine Beweggründe sein könnten, ging die Erzählung mehr und mehr in eine vö

Bewertung vom 15.07.2022
Als das Böse kam (eBook, ePUB)
Menger, Ivar Leon

Als das Böse kam (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Anfangs undurchsichtig, aber...

Das war – toll! Im Anschluss an die Geschichte erwähnt der Autor, dass diese Geschichte eigentlich das Drehbuch einer Netflix-Filmproduktion hätte werden sollen, aber aufgrund diverser Drehstopps etc. im Rahmen globaler Covid19-Maßnahmen doch „nur“ sein erster belletristischer Roman wurde: Ich würde mir eine Verfilmung hiervon definitiv auch noch ansehen, bin aber prinzipiell sehr damit zufrieden, diesen Plot gelesen einfach nur gelesen zu haben, da der Erzählstil mein Kopfkino wirklich hat rundlaufen lassen, ohne dass mir da vorgegebene Szenenbilder die Fantasie verpfuscht hätten.

„Als das Böse kam“ wird von Juno erzählt, die sich nicht daran erinnern kann, je woanders als von der Außenwelt isoliert auf der Insel gelebt zu haben, auf der ihre Eltern sich mit ihrem kleinen Bruder und ihr vor den „Fremdlingen“ verstecken. Einmal wöchentlich tuckert mit Onkel Ole ein „Wächter“ vom Festland heran, der allerdings auch nichts von der Existenz der Kinder erfahren soll, bei Vollmond unternimmt der Vater allein die Basiseinkäufe, und die Welt ringsum scheint sich nur in Südland und Nordland zu unterscheiden – doch irgendwann beginnt Juno zu hinterfragen, wieso die Familie so isoliert lebt, in welcher Gefahr sie sich genau befinden und warum auf dem „Risiko“-Spielbrett weder Südland noch Nordland als Länder verzeichnet sind.
Hier ist noch relativ unklar, wie zeitgenössisch dieser Thriller eigentlich ist, oder wie authentisch: Hat das ganze einen SciFi-Hintergrund, gibt es Horrorelemente, sind die Eltern einfach nur sehr konservativ oder gar völkisch eingestellt…? Mich hat „Als das Böse kam“ zuweilen, vor Allem vom Stil her, an „Bird Box“ (von mir sehr geliebt) erinnert und ich habe den Roman wirklich nicht aus der Hand legen können. Das war nun ein psychodramatischer Thriller, der mich definitiv hervorragend unterhalten hat.

Relativ bald erklärt Junos Vater, weswegen die Familie versteckt bleiben muss; angesichts dieser Erklärung dachte ich noch: „Oh, okay, das ergibt Sinn, hätte aber sicherlich auch effizienter geregelt werden können“ und während ich mich aber noch fragte, wieso die Kinder dann eigentlich auch vor den sogenannten „Wächtern“, die dem Schutz der Familie dienen sollten, geheimbleiben sollten, was im Katastrophenfall sicherlich doch kontraproduktiv gewesen wäre (vielleicht doch ein SciFi-Aspekt, bei dem es Wesen wie Körperfresser auf Kinder abgesehen hätten oder Ähnliches?), macht Juno weitere Entdeckungen, die darauf hinweisen, dass sich die Familie nicht vor dem Bösen versteckt, sondern dass das Böse auf der Insel ist und so von der „guten“ Welt abgegrenzt ist… mehr möchte ich dazu nun gar nicht sagen, denn dazu müsste ich richtig übel spoilern.
Die tatsächliche Auflösung ist allerdings sehr nah an ganz bestimmten tragischen Umständen, von denen Menschen weltweit Kenntnisse haben, und hier wird quasi ein „Was ist/wäre, wenn…“-Plot gewoben und was mich letztlich mit am Meisten erschreckt hat, war die unbestrittene Tatsache, dass sich ein solches Drama tatsächlich genauso wie in diesem Roman abspielen könnte.
Naja, vielleicht nicht ganz genauso, denn mich hat es letztlich arg irritiert, dass man es hier zu diesem zugegeben furiosen Showdown hat kommen lassen, obschon die Gegenspieler zu jenem Zeitpunkt die Insel längst hätten stürmen können; da gab es zwar einen halbherzigen Erklärungsversuch, den ich aber nicht wirklich habe glauben können. Das ist allerdings auch mein einziger Kritikpunkt.
Alles in Allem ist „Als das Böse kam“ in diesem Jahr bisher eine meiner liebsten Lektüren in Sachen Unterhaltungsliteratur. 4,7*, um bei der Endwertung ganz genau zu sein.

Bewertung vom 14.06.2022
Schallplattensommer (eBook, ePUB)
Bronsky, Alina

Schallplattensommer (eBook, ePUB)


gut

Vor geraumer Zeit hatte ich „Barbara stirbt nicht“ der Autorin gelesen, wobei mir jener Roman ausnehmend gut gefallen hat, und nachdem dort ältere Personen im Mittelpunkt standen, war ich (da mich dereinst „Der Zopf meiner Großmutter“ auch schon recht angesprochen hatte) ganz besonders neugierig auf diese Geschichte rund um jugendliche Figuren, zumal mich eine zuvor erhaltene Leseprobe nicht nur aufgrund des ungewöhnlichen Vornamens der Protagonistin fasziniert hatte, sondern auch aufgrund des schwermütigen und doch dahintreibenden Stils: Die Geschichten sind grundsätzlich unterschiedlich, aber ich muss sagen, dass mich die Atmosphäre dieses Romans in ihrer Dichte von Anfang bis Ende sehr an den Film „Sommersturm“ von 2004 erinnert hat.

„Schallplattensommer“ habe ich zudem auch eher als Momentaufnahme empfunden und gar nicht so sehr als Liebesgeschichte. Mich erinnerten Maserati und die neu Zugezogenen Caspar und Theo eher an drei, aus unterschiedlichen Gründen, teils sehr in sich gekehrten Eigenbrötler, die eine zarte Freundschaft aufbauen, in deren Rahmen sie sich etwas weniger introvertiert bewegen und sich einander gegenüber öffnen.
Der erzählerische Fokus liegt dabei klar auf Maserati, die mit ihrer Oma zusammenlebt und –arbeitet, und deren Konterfei von Theo auf einer alten Schallplatte entdeckt wird, wobei es offensichtlich ist, dass Maserati selbst aufgrund ihres Alters dort nicht abgebildet ist, sie dem Covermodell aber derart aus dem Gesicht geschnitten ist, dass außer Frage steht, dass es dort ein verwandtschaftliches Verhältnis gibt. Im Verlauf des Romans sieht sich Maserati so auch immer wieder mit ihrer Mutter und der Vergangenheit konfrontiert und dem Lesenden wird Stück für Stück offenbart, dass und warum Maserati sich jeglicher Bezugnahme in Hinblick auf ihre Mutter sperrt. Letztlich zeigt sich auch noch eine oberflächliche, aber doch weitgreifende, Verbindung zur Familie der beiden neuen Freunde.
Jene Verbindung war für mich auch das einzig überraschende Element, wobei es in meinen Augen aber nicht nötig gewesen wäre, hier noch eine Linie zwischen den beiden Familien zu ziehen; der ganz genaue Hintergrund von Maseratis Kindheit war ein kleiner „oh“-Moment, aber ich empfand „Schallplattensommer“ schon ein wenig vorhersehbar bzw. es interessierte mich ebenso wenig, was früher mit Maseratis Mutter gewesen war, wie es Maserati interessierte, was heute mit jener war.

Aufgrund der Kürze, die „Schallplattensommer“ eher Novelle als Roman sein lässt, und Bronskys kurzweiligem Erzählstil ist die Geschichte auch sehr schnell ausgelesen; mir hat sie einen netten Nachmittag auf dem Balkon, bei dem ich mich zwar leicht schwermütig, aber durchaus gut, unterhalten gefühlt habe. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass mir dieser Jugendroman nun groß im Gedächtnis bleiben wird und ich hatte im Vorfeld definitiv erwartet, hier doch etwas beeindruckter zurückgelassen zu werden.

Bewertung vom 11.06.2022
Saftig vom Grill
Mangold, Matthias F.

Saftig vom Grill


gut

„Saftig vom Grill“ scheint mir eher ein passendes Accessoires zum eventuell neuangeschafften Grill zu sein als ein nützliches Koch- bzw. Grillbuch: recht GU-typisch ist der Umfang eher gering und so sind auch nicht allzu viele Rezepte enthalten, die sich hier zudem vor Allem an Omnivore richten – der Buchrücken spricht zwar von „Mit Fleisch und Fisch, veggie oder vegan […]“, meint aber definitiv nicht dieses Buch, in dem ich zwei vegane Grillgerichte entdecken konnte, wobei es allerdings auch noch die gegrillten Süßkartoffeln gab, zu denen ein Mangosalat gereicht werden soll, der mit Fischsauce verfeinert wird und den man dabei bestimmt auch leicht frei von tierischen Produkten hätte lassen können.
Etwas unglücklich fand ich auch, dass der Mangosalat ebenso wie der Tomaten-Paprika-Salat zur gegrillten Avocado genau mitangeführt war, im Falle der türkischen Hackbällchen aber nur als „magischer Tipp“ erwähnt wurde, dass ein Bulgursalat vorzüglich hierzu passen würde. Wieso gab es da denn kein entsprechendes Rezept?

Was ich von diesem ganzen „Magic Cooking“-Drumherum halten soll, weiß ich ohnehin nicht. Die Besonderheit dieser Reihe liegt augenscheinlich darin, dass die Rezepte mit irgendeinem „magischen Hinweis“ versehen sein sollen, der dem Gericht noch mehr Zauber verleiht. Aber wenn DER Lifehack darin besteht, dass man übriggebliebenes Pesto aufbewahren und auch später noch verzehren kann, runzelt sich meine Stirn bereits automatisch und besonders kurios ist es, wenn das „magische Geheimnis für mehr Aha“ die Verwendung eines Salzsteins ist – beim Rezept „Plattes Huhn unter dem Salzstein“. Fleisch vor der Zubereitung selbst zu würzen würde ich persönlich nun auch nicht als den ganz großen Trick ansehen und da schienen mir die magischen Tricks und „Geheimnisse“ häufig ganz normales Verhalten und Wissen von Leuten zu sein, die sich bereits regelmäßig in der Küche betätigen, von daher wäre „Saftiges vom Grill“ da in meinen Augen eher für Kochneulinge geeignet, die auf der anderen Seite aber mit ihrem Grill längst vertraut sein sollten, denn außer „Fleischthermometer benutzen“ gibt es da kaum Anleitung. Das Buch ist dabei übrigens auf die Verwendung eines Gasgrills ausgelegt, wobei eingangs beteuert wird, die Gerichte ließen sich bestimmt auch auf einem Kohlegrill zubereiten, woran ich aber mitunter Zweifel habe.

Somit ist dieses Buch also für die Gasgrillbesitzenden konzipiert, die bisher in erster Linie einfach Wurst und Steak direkt aus der Verpackung auf den Grill geknallt haben und nun etwas „besonderer“ brutzeln wollen.
Da erkenne ich an, dass die enthaltenen Gerichte an keiner Stelle allzu schwierig wirken und vor Allem auch, dass es hier keine seltsamen, schwer beschaffbaren Zutaten gibt und das Buch optisch einfach sehr schön gestaltet ist.

Alles in Allem ist „Saftig vom Grill“ für mich eher ein Geschenkbüchlein, in dem vermutlich zur Grillsaison hin gerne mal geblättert werden wird, das aber nicht ständig genutzt wird. Ich habe nun zwischenzeitlich einige Leute aus meinem Umfeld meine Ausgabe durchblättern lassen und tatsächlich fanden es alle „ganz interessant“, aber niemand hat von mehr als maximal zweien der enthaltenen Rezepte gesagt, dass er das demnächst gerne auch mal nachgrillen möchte.
Das Dessert vom Grill aus der Kurzbeschreibung habe ich dabei übrigens aber auch immer noch nicht gefunden…

Bewertung vom 30.04.2022
Braves Kind (Thriller)
Schwarz, Gunnar

Braves Kind (Thriller)


sehr gut

Kindesmissbrauch, in Zusammenhang mit Kinderpornografie, spielt in diesem Roman eine absolut wesentliche Rolle: dessen sollte man sich bewusst sein. Mir war angesichts der Buchbeschreibung zwar klar, dass hier Kindern sehr übel mitgespielt werden würde, aber mitunter habe ich mich angesichts einiger Szenen (die z.B. die Perspektive eines Täters beleuchten, der die von ihm an Kindern begangenen Verbrechen „schönredet“) schon nicht nur angewidert, sondern auch überfordert, gefühlt. Da sollte man sich definitiv vor dem Lesen darüber klar werden, wie gut man diese Thematik verdauen kann (und ggf. einfach etwas Anderes lesen).

Zudem wird man hier quasi direkt ins kalte Wasser geschmissen: Man ist von Anfang an so sehr mittendrin, dass ich zwischendurch sogar nachgeschaut habe, ob es zuvor schon andere Romane rund um Sina Claasen gegeben hat, da es von der Erzählung her mitunter so wirkte als nähme man an, dass das Lesepublikum mit dieser Figur und vor Allem ihren Eigenheiten längst vertraut sein müsste. Sina Claasen verkörpert das, inzwischen leider schon fast stereotypische Bild, einer taffen Polizistin, deren Erfolg allzu häufig darauf basiert, sich über Anweisungen hinwegzusetzen und komplette Alleingänge durchzuführen. Da ging für mich nun ihr Kollege Eric auch völlig unter, der sowas wie ihr „Partner“ sein soll, ihr aber in dieser Geschichte hauptsächlich hilflos hinterherläuft und von Sina für seinen Frauengeschmack verurteilt wird: nachdem sie sich frühzeitig über sein Techtelmechtel mit einer ihr nicht genehmen Kollegin ausgelassen hat (und zwar „als die Tochter von…“, was mir völlig unverständlich blieb, denn während es bei Sina so klang als fuße die Karriere besagter Kollegin ausschließlich auf Vitamin B, hat jene professionell permanent sowas von abgeliefert), hatte ich über viele Seiten hinweg das Gefühl, dahinter stecke ein Eifersuchtsdrama und war einigermaßen überrascht, dass Sina eben NICHT von ihrem Mann getrennt lebte.
Aber natürlich musste Sina quasi über das gesamte Kollegium herziehen: Schon bald deutet nämlich Einiges darauf hin, dass jemand aus Polizeikreisen in den Fall verwickelt sein muss und vermutlich einen Pädophilenring innerhalb der Hamburger Elite schützt. Wahrscheinlich sollte dadurch, dass Sina nahezu alle um sie herum als unerträglich schilderte, eine Masse an falschen Spuren ausgelegt werden, denn so ließen sich natürlich alle leicht verdächtigen. Ich gebe zu, dass ich hier auch bereitwillig jeden Irrweg beschritten habe, aber letztlich war mir Sina ebenfalls unfassbar unsympathisch.
Eine Buchreihe rund um sie bedürfte es für mich da definitiv nicht.

Der Fall war extrem, lud zum Miträtseln ein und generell war „Braves Kind“ sehr kurzweilig zu lesen; der Teil rund um den „echten“ Fall hat mich da wirklich in den Bann gezogen.

Allerdings gab es da auch noch einen Nebenstrang, der sich um Sinas Schwester drehte, deren Lebensumstände in krassem Gegensatz zu Sina standen: Sie wurde als „heiße Braut, die nichts anbrennen ließ“ geschildert, gerne kokste und sehr viel Party machte und noch dazu ein Verhältnis mit einem der größten Gaunerbosse der Stadt unterhielt – und sich grade so richtig in die Scheiße geritten hatte, weil sie jenem „versehentlich“ ein fettes Drogenpäckchen geklaut hatte.
Dieser Strang erschien mir völlig überzogen (klar, Sina, du legst dich als eigensinnige Polizistin grade mit der sogenannten Crème de la Crème der Hamburger Gesellschaft an, während deine Schwester als zugedröhnte Gangsterbraut die Bosse der dortigen Unterwelt battlet?!) und während er vermutlich zum Ziel hatte, zu zeigen, dass es nicht nur Kinderschänder gab, habe ich mich bald gefragt, ob es irgendwo in Hamburg überhaupt auch noch die einfach nur netten Menschen von nebenan gäbe. Das war mir persönlich definitiv zu viel und in meinen Augen hätte es dem Buch absolut gutgetan, hätte man diesen Teil, der zudem mit der Hauptgeschichte eh nix groß zu tun hatte, völlig weggelassen oder ihn zumindest in einem

Bewertung vom 28.04.2022
Papyrus
Vallejo, Irene

Papyrus


ausgezeichnet

Der Untertitel „Die Geschichte der Welt in Büchern“ fuchst mich nach wie vor, geht es doch vielmehr um „die Weltgeschichte der Bücher“ und ihre Bedeutung bzw. Entwicklung im zeitgeschichtlichen Verlauf – und ist dabei äußerst interessant und recht unterhaltsam zu lesen, wobei sich der historische Bezug zudem allerdings weitgehend auf die westliche Welt konzentriert und hier z.B. selbst Exkursionen aus den europäischen Reichen in den nordafrikanischen Raum hauptsächlich dazu dienten, sich, auf die eine oder andere Weise, zu bereichern.
Aber da habe ich mich zu guter Letzt schon gefragt, wie sich Schrift(en) und Bücher auch auf die Politik und Gesellschaftsverhältnisse in Asien etc. ausgewirkt haben und hätte mir dazu auch noch mehr Informationen gewünscht.

Allerdings ist das Buch nun so schon ~750 Seiten dick, wobei ich es gar nicht als „dick“ bezeichnen möchte: ich war tatsächlich darauf eingestellt, hier letztlich quasi einen Ziegelstein in den Händen zu halten. „Papyrus“ entpuppte sich allerdings als überraschend leichtes und handliches Buch, in typischer Romangröße, während andere non-fiktionale Werke immerhin gerne auch etwas höher und breiter als belletristische Bücher sind. Meine Sehkraft ist miserabel, dass ich angesichts der Buchgröße zunächst einen Schriftgrad befürchtete, der mir definitiv regelmäßige Pausen ob der Anstrengung beim Lesen abverlangen würde – das war aber ebenfalls nicht so und ulkiger Zufall: grad, als ich zum letzten Drittel von „Papyrus“ dachte, dass ich dieses Buch auch körperlich sehr gut lesen könne und zum Glück auch kein strahlendweißes Papier verwendet worden war, ging es plötzlich um die Erfindung der Brille.

„Papyrus“ weist insgesamt einen sehr schönen Querschnitt auf; schlägt Bögen von Kopisten zu Buchdruckern, von Händlern zu Influencern, von Papierrollen zu eReadern, von ersten Schriftzeichen zu Graffiti…; und zeigt an so mancher Stelle den dauerhaft klassischen Status des Buches, indem klar darauf hingewiesen wird, dass so manche Gegebenheiten gar nicht so neuzeitlich und modern sind, wie man womöglich meinen möchte, sondern vor Jahrhunderten schon Thema waren. Manches hat mich wirklich verblüfft und einige Anekdoten haben es ganz definitiv auch in meinen „Wusstest du eigentlich, dass…“-Fundus an oft unnützem, aber immer gut zum Angeben geeigneten, Wissen geschafft.
Zudem wurde eben sehr schön deutlich gemacht, wie sehr Schriftsprache, und natürlich auch Übersetzungen, sich von jener auf die (internationale) Politik ausgewirkt haben und wie Literatur mehr und mehr „massentauglich“ wurde und auch die Gesellschaften veränderte.

Ich mochte ferner die Einteilung des Buchs sehr: die Kapitel sind wie gut verdauliche Häppchen, nur, dass man sie auch getrost mehrfach essen kann. Hier fand ich es wirklich schön, tagtäglich ein, zwei Kapitel zu lesen und mich so ganz geruhsam durch das Buch zu arbeiten; da ist „Papyrus“ definitiv ein Buch, das ich auch zukünftig immer mal gerne wieder aus dem Regal ziehen werde, einfach um nur „ein bisschen“ darin zu lesen.
Die Thematik ist definitiv schon ein wenig nerdy; jedem geschichtsbegeistertem Bücherwurm würde ich „Papyrus“ definitiv empfehlen; aber wie gesagt, ist es sehr verständlich und ohne große Fremdwörter geschrieben. Die größte Gefahr besteht meiner Meinung hier darin, dass man mitunter nicht unbedingt mit jedem der vorkommenden Namen etwas anfangen kann, und dann zusätzlich nachschlagen muss, wer jene Persönlichkeit überhaupt ist/war, wobei sich das im Groben und Ganzen häufig auch schon direkt aus dem Kontext erschließt.

Bewertung vom 16.04.2022
Das Loft (eBook, ePUB)
Geschke, Linus

Das Loft (eBook, ePUB)


sehr gut

Die ersten beiden Jan-Römer-Bände habe ich in der Vergangenheit bereits gelesen und jene Reihe danach zwar aus den Augen verloren, aber der Name „Linus Geschke“ ist mir als Autor in Erinnerung geblieben; aktuell des Reihenlesens ein wenig überdrüssig, nachdem ich kürzlich die Ben-Kitto-Reihe von Kate Penrose quasi am Stück gelesen habe, habe ich es doch sehr erfreut aufgenommen, dass Geschke mit „Das Loft“ nun einen Standalone-Roman vorgelegt hat.

Die Kurzbeschreibung sprach mich auf Anhieb an und ein kurzer Blick ins Buch verriet mir zumindest schonmal, dass ich die Erzählperspektive(n) auch mögen würde: Dieser Thriller, der insgesamt eher psychodramatisch wirkt, wird weithin abwechselnd von den Hauptfiguren Sarah und Marc erzählt, die quasi jeweils ihre persönliche Geschichte reflektieren und dabei zumeist den Anderen, in dessen Abwesenheit, ansprechen. Beide sind verdächtig, ihren Mitbewohner Henning umgebracht zu haben, den Marc zwar als seinen besten Freund bezeichnet, bei dem aber von Anfang an kein Zweifel daran besteht, dass Henning ein Musterbeispiel für „falscher Freundeskreis“ ist. Was zunächst gar nicht so klar ist, ist Hennings Tod, der durch Indizien festgestellt wird, denn statt einer Leiche wird nur jede Menge Blut gefunden, dessen Menge klar für einen Exitus sprach.
Zusätzlich gibt es immer wieder noch Einschübe, die die polizeilichen Ermittlungen beleuchten und sich sehr auf die erst kürzlich nach Hamburg versetzte Chefermittlerin konzentrieren.
Die Polizei glaubt eher an eine Gemeinschaftstat, während durch die Aussagen von Sarah bzw. Marc schnell klar wird, dass zwar beide etwas verheimlichen, aber sich selbst jeweils als unschuldig ansehen, wobei sich einige Szenen so lesen lassen, dass ich auch in Betracht gezogen habe, man würde sich einfach nur einzureden versuchen, nichts mit alledem zu tun zu haben.

Ich habe einige Tage für das Buch benötigt, obschon ich im Vorfeld erwartet hatte, ich würde es regelrecht fressen, aber während mich der Roman nun zwar nicht völlig gefesselt hat, hat er einfach eine grundsätzliche Faszination auf mich ausgeübt, die mich schon wissen lassen hat wollen, was nun hinter dem Ganzen steckt und ob überhaupt tatsächlich ein Mord stattgefunden hat.
Henning wurde eindeutig mehr als Täter denn als Opfer geschildert und so traf mich der Mord nicht wirklich, ferner waren auch weder Marc noch Sarah sonderlich sympathisch und ich habe da auch nicht die ganz große, romantische Liebe erkannt, die zwischen ihnen herrschen sollte; beide schilderten mir ihre Partnerschaft angesichts der ganzen Umstände viel zu verklärt. Für mich fehlte da die Spannung bzw. es war mir von Anfang an klar, dass ich mit keinem mitfiebern, mich auf keine Seite schlagen, konnte – nicht, weil das ganze Szenario bis fast zum Schluss völlig mysteriös blieb, sondern weil es mich nur wenig kümmerte, ob nun Sarah oder Marc oder Beide oder Keiner Henning abgemurkst hatte. Die Auflösung verblüffte mich letztlich zwar kurz, aber ein derartiges „Ha! Große Überraschung!“-Enden habe ich vor Allem in US-Thrillern schon häufiger gelesen, wobei es mir beim „Loft“ nun schon ein wenig übers Knie gebrochen vorkam und mir das tatsächliche Geschehen zu sehr runtergerattert wurde, während die Erzählweise zuvor eher vergleichsweise stockend war. Das war mir zu sehr Bruch im Stil; andererseits, während ich mir den Schluss etwas langsamer gewünscht haben würde, hätte ich mir die Erzählung bis dahin sonst etwas rasanter gewünscht.

Hm… letztlich habe ich „Das Loft“ nicht ungern gelesen und ich würde es auch empfehlen, aber ich hatte eingangs doch erwartet, dass dieser Roman sich als größeres Highlight entpuppen würde. Knapp vier Sterne (aufgerundet).

Bewertung vom 05.04.2022
Man muss sich nur trauen / Online-Omi Bd.16
Bergmann, Renate

Man muss sich nur trauen / Online-Omi Bd.16


sehr gut

Über das Erscheinen einer neuen Bergmann-„Episode“ habe ich mich sehr gefreut; ich bin Fan der Online-Oma, während ich dem ersten Auftritt des mutmaßlichen Online-Opas Günter Habichtletzthin ja doch eher verhalten gegenüberstand, und so war ich froh, dass statt eines weiteren Habicht-Bandes nun erneut ein Bergmann-Buch veröffentlicht wurde. An den Geschichten rund um Renate Bergmann schätze ich vor Allem, dass sie tatsächlich immer andere Themen haben und Frau Bergmann trotz ihres fortgeschrittenen Alters eben immer wieder völlig andere Dinge (neu) erlebt, wie nun eben eine im Rentenalter stattfindende Hochzeit, in deren Rahmen sie sich im Grunde genommen als Wedding Plannerin auslebt, um immer wieder zu betonen, dass Hochzeitsplaner eigentlich völlig überflüssig sind – tatsächlich war Renate Bergmanns Engagement hier für mich letztlich auch ein kleiner Wermutstropfen, denn ich habe mich schließlich tatsächlich zu wundern begonnen, ob Gertrud und Gunter überhaupt irgendetwas zum Ablauf ihrer eigenen Hochzeit wussten, da es hier kaum Unterhaltungen, insbesondere mit Gertrud (da war im Vergleich selbst Gunter dieses Mal schon fast geschwätzig), gab. Da hätte ich mir definitiv sehr viel mehr ganz explizites „Miteinander“ gewünscht.

Man kann nicht bezweifeln, dass Renate Bergmann angesichts ihrer mehrfachen Verwitwungen definitiv hochzeitserfahren ist, und ich fand es schön, dass in „Man muss sich nur trauen“ doch relativ viel aus der Vergangenheit erzählt wurde und wie Hochzeitsfeiern früher gemeinhin so abliefen und inwiefern sich das im Vergleich zu Heute doch, oder auch nicht, gewandelt hat. Allerdings hatte ich an zwei, drei Stellen auch das sichere Gefühl, dass die Online-Omi uns exakt das Gleiche schonmal einige Seiten zuvor erzählt hatte, so dass ich schon zu überlegen begonnen habe, ob da beim Lektorat geschludert wurde oder ob man die Fans subtil darauf vorbereiten möchte, dass Renate Bergmann allmählich doch ein wenig tattrig wird und es auf ein Ende der Serie zuläuft. Denn diese deutlichen Wiederholungen sind mir bislang in keiner anderen Bergmann-Geschichte aufgefallen.

Letztlich reicht es für mich zwar für knapp vier Sterne (leicht aufgerundet) in der Wertung, zumal Renate Bergmann sich hier auch wieder als Unikat positioniert, aber grad den letzten Band „Und fertig ist die Laube“ habe ich doch noch als deutlich heiterer und auch ein wenig kurzweiliger empfunden. Generell aber auch wieder ein sehr nettes Stück Online-Omi!

Bewertung vom 08.03.2022
Jeder Tag für dich
Greaves, Abbie

Jeder Tag für dich


schlecht

Den „unvergesslichsten Liebesroman des Jahres“ werde ich vermutlich deswegen nicht vergessen, weil er mich nach seinem Lesen völlig entgeistert zurückgelassen hat, denn hatte mich eine Leseprobe doch sehr von ihm überzeugt und absolut neugierig auf diese Geschichte gemacht, hat mich sein kompletter Rest doch völlig, nun ja, nicht abgeschreckt, aber absolut gelangweilt. Dies war für mich das ödeste Buch, das ich seit Langem gelesen habe.
Dass Mary seit sieben Jahren allabendlich, und zwar stundenlang, mit einem Schild, auf dem sie ihren verschwundenen Mann zur Heimkehr auffordert, am Bahnhof steht, klingt im ersten Moment wohl romantisch – kurz darauf begann ich aber zu denken, dass zum Einen dieses Schild keinen Sinn ergäbe (denn offensichtlich hielt sich Jim vermutlich ja eher nicht seit Jahren derart ortsnah auf, als dass sie sich nie wieder begegnet wären, und er würde das Schild von daher wahrscheinlich eher genau dann gesehen haben, wenn er eben bereits wieder auf dem Heimweg gewesen wäre) und dass es zum Anderen durchaus auffällig wäre, dass eine Frau in ihren Dreißigern jahrelang ein solches Ritual beibehält. Da begann ich mich alsbald doch auch zu fragen, ob Marys Engagement bei einer Hilfe-Hotline nicht auch eher fragwürdig war und ob sie aufgrund ihrer eigenen Situation da nicht viel mehr auch selbst hilfebedürftig war (was übrigens auch diverse ihrer dortigen Kolleg*innen zutraf). Insgesamt fiel da bald auf, dass in diesem Buch psychische Gesundheit sicherlich eine wesentliche Rolle spielen würde.
Generell ist übrigens alles, was in dieser Geschichte stattfindet, in meinen Augen daraufhin überdenkbar, ob es nicht von völliger Toxizität zeugt.

„Jeder Tag für dich“ ist achronologisch erzählt bzw. es gibt sehr häufig Rückblenden, in denen man erfährt, wie sich die Beziehung zwischen Mary und Jim überhaupt entwickelt hat; mit Alice kommt dann quasi noch eine zweite Protagonistin hinzu – und ich fand beide Frauen, ebenso wie Jim, völlig uninteressant und für mich blieb auch alles so farblos. Für mich kam auch an keiner Stelle rüber, dass das zwischen den Eheleuten überhaupt mal „die ganz große Liebe des Lebens“ gewesen sein sollte; für mich wirkte das eher wie eine schulterzuckend mit einem „das mit uns hat sich halt so ergeben“ abgetane Beziehung.
Das Spannungsfeld ergibt sich hier ausschließlich aus der Frage, warum/wohin Jim verschwunden ist, die auch sehr lange unbeantwortet bleibt, wobei mich diese Auflösung zum Schluss auch gar nicht mehr wirklich interessierte, obschon grade das es war, was ich nach der Leseprobe ganz unbedingt hatte wissen wollen. Da ging es für mich dann allerdings längst darum, dass Mary auch unabhängig von diesem Jim-Thema ihr Leben gestalten sollte.

Der Hintergrund von Jims Verschwinden ist übrigens durchaus ernst; es ist kein „ich hatte einfach spontan Lust, heimlich und alleine eine Weltreise zu unternehmen“-Grund; aber dass hier zuvor nie ein klarer Schnitt gemacht worden war (immerhin waren ja nun längst zig Jahre vergangen), hinterließ dann doch auch einen schalen Beigeschmack.
Insgesamt bin ich vom Romanende auch nicht so ganz überzeugt; irgendwie schrie das für mich alles zu sehr danach, dass „es ohne Mann halt gar nicht geht“.

Alles in Allem wirkte „Jeder Tag für dich“ auf mich schließlich wie ein grob ausgearbeitetes Manuskript, mit dem man Nicholas Sparks hat nacheifern wollen, wobei man aber auf jegliche (liebevollen) Gefühlsausdrücke verzichtet hat, wobei man die Thematik in diesem Fall ohnehin besser von jemandem wie Barbara Leciejewski hätte ausarbeiten lassen sollen, weil die Handlung auch für einen Sparks-Roman schon zu viel Tiefe gehabt hätte.
Ich finde das ursprüngliche Motiv nach wie vor spannend, aber in diesem Roman so miserabel umgesetzt, dass ich es wirklich kaum fassen kann, wie extrem für mich die Diskrepanz zwischen „Kennen der Leseprobe“ und „Kennen des kompletten Romans“ ist. Ich habe übrigens nun relativ lange überlegt, ob ich dem Roman dennoch zwei

Bewertung vom 10.01.2022
Nachts schweigt das Meer / Ben Kitto Bd.1 (eBook, ePUB)
Penrose, Kate

Nachts schweigt das Meer / Ben Kitto Bd.1 (eBook, ePUB)


sehr gut

Das Erste, was ich getan habe, nachdem ich „Nachts schweigt das Meer“ ausgelesen hatte, den nächsten Band anzuschaffen – und damit ist im Grunde genommen doch schon alles gesagt.
Bevor ich den Roman gelesen habe, wusste ich über die Scilly-Inseln nicht viel mehr, als dass sie zu Großbritannien gehören; gut, dunkel meinte ich mich zu erinnern, dass Prinz William und Herzogin Catherine mitsamt ihrer Kinder während der Corona-Pandemie da ihren Sommerurlaub verbracht hatten, weil die Inseln relativ abgeschottet lägen und ein Aufenthalt dort keiner auffälligen Sicherheitsvorkehrungen bedurft habe. Im Buch findet man nun, ehe die Geschichte losgeht, auch eine Karte, die der Leserschaft die Lage der einzelnen Inseln nochmals verdeutlichen soll: nette Idee, die mir allerdings gar nicht weiterhalf, da dieser Plan im eBook hauptsächlich wie ein Kaffeefleck ausschaut und er sich mit dem Paperwhite auch nicht heranzoomen ließ. Zunächst hatte ich es dabei belassen, mir aber später doch online eine Karte der Inseln angeschaut, da im Roman doch häufiger von Inselchen zu Inselchen übergesetzt wurde, mal privat, mal mit der Fähre, dann gab es noch das Flugzeug zum Festland und es mir ohne jegliche Ortskenntnisse schwerfiel, das alles nun auch von den Entfernungen her einzustufen.
Generell verströmte „Nachts schweigt das Meer“ aber doch sehr viel Lokalkolorit; von der Lage der einzelnen Inseln zueinander abgesehen habe ich mir die Scilly-Inseln auch ziemlich gut vorstellen können, obschon es mich eingangs irritierte, als beschrieben wurde, dass eine Insel an der breitesten Stelle nur 1km mäße, ehe erklärt wurde, welches Anwesen in einer Talsenke und sowieso läge: vor Allem in jener Szene hat mir die angeschaute Karte dann doch sehr geholfen, die räumlichen/geografischen Verhältnisse besser nachvollziehen zu können. Nach dem Lesen könnte ich mir nun auch gut vorstellen, selbst einmal auf den Scilly-Inseln Urlaub zu machen; im Roman kommen sie für mich wie eine rauhere Küstenregion rüber, die sich hervorragend zum Entschleunigen und Durchatmen eignet – sofern grad vor Ort kein*e Mörder*in gesucht wird, wovon im realen Leben doch eher auszugehen ist.
Auch „Nachts schweigt das Meer“ ist ein eher ruhiger Krimi, bei dem sehr viel befragt und rekonstruiert wird; großartige Action gibt es hier nicht. Da liegt der Fokus schon eher auf der Belastung, die Ben, der ohnehin daheim auf den Inseln eigentlich zu einem Entschluss kommen wollte, ob er die Polizeikarriere komplett an den Nagel hängt, dadurch erfährt, dass ihm völlig bewusst ist, dass er letztlich wen aus seinem eigenen Umfeld festnehmen werden muss, da ein*e auswärtige*r Täter*in nicht in Frage kommt. Hinzu kommt, dass einige Inselbewohner*innen ihn eher desillusioniert zurücklassen, da er ihre jetzige Persönlichkeit kaum mit dem Mensch in Einklang bringt, der ihm früher wohlvertraut war.
Die Darstellung der Figuren habe ich in diesem Fall übrigens sehr genossen, da ich mir prinzipiell alle Figuren sehr gut vorstellen konnte – da überraschte mich die Auflösung letztlich doch ein wenig; die Hintergründe habe ich nachvollziehen können, aber so ganz konnte ich zunächst nicht glauben, dass betreffende Person derart zielgerichtet hat zustechen können sollen.

Wie gesagt: Auf mich wartet nun bereits Band 2 und ich würde „Nachts schweigt das Meer“ nun nicht unbedingt dem Cozy-Crime-Genre zuordnen, obschon es doch deutlich behaglicher zugeht als in den eher Richtung Psychothriller gehenden Kriminalromanen, was einem vor der Lektüre doch bewusst sein sollte. Bildlich gesprochen würde ich diesen Roman als „Kuschelkrimi mit Gewitter“ bezeichnen; ich mochte ihn jedenfalls!