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Benutzername: Alais
Danksagungen: 4 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 107 Bewertungen
Bewertung vom 04.07.2020
Die Frauen von der Purpurküste - Isabelles Geheimnis / Die Purpurküste Bd.1
Ziegler, Silke

Die Frauen von der Purpurküste - Isabelles Geheimnis / Die Purpurküste Bd.1


ausgezeichnet

Feinfühlig erzählter Wohlfühlroman, lenkt erfolgreich von dunklen Gedanken ab!
Dieser weise und mit zarter Leichtigkeit erzählte Roman hat mich in einem schwierigen Moment im Leben erwischt und mir trostreiche, schöne Lesemomente beschert.
Erzählt wird in zwei Handlungssträngen, von denen es in dem einen um eine in der Vergangenheit angesiedelte Geschichte rund um die junge Bäckerstochter Isabelle geht und der andere, in dessen Mittelpunkt die trauernde Amélie steht, in der Gegenwart spielt. Wichtige Themen in diesem Buch waren für mich unter anderem der Mut zum Leben und zur Liebe und wie schwer es manchmal ist, einen neuen Weg zu finden. Durch Amélies ärgerliche Situation, das Haus ihrer Familie im kleinen französischen Küstenort Collioure unerwarteterweise mit einem Fremden, den sie am liebsten vertreiben möchte, teilen zu müssen, wird für etwas Auflockerung und Komik gesorgt.
Zunächst empfand ich es als etwas irritierend, dass immer wieder einfach zu übersetzende Wörter wie „Bonjour“ eingestreut wurden, weil sich „im wirklichen Leben“ die meisten Handlungspersonen, außer den Zweisprachigen, ja auch nur in einer Sprache und nicht in einem Mischmasch unterhalten würden. Aber im weiteren Verlauf änderte ich meine Meinung, denn diese französischen Wörter tragen zum Charme und zur Atmosphäre des Romans bei und sie sind auch so gewählt, dass sie sicherlich selbst von Menschen, die eigentlich kein Französisch sprechen, verstanden werden.
Ich muss außerdem gestehen, dass Liebesgeschichten nicht gerade zu meinen Lieblingsgenres zählen, und ich dieses Buch nur wegen des mir bekannten Handlungsortes, in dessen Nähe ich mal zwei Jahre gelebt habe, gelesen habe. Das erwies sich für mich letztendlich jedoch als großer Glücksfall, denn der Autorin gelang es tatsächlich, mich aufgrund ihrer schwierigen Umstände mit der Liebesgeschichte, die in der Vergangenheit spielt, zu fesseln.
Im Handlungsstrang der Gegenwart interessierte mich hingegen vor allem die Entwicklung von Amélie. Die Darstellung von Trauer und Depression, der typischen Gefühlskälte, des Rückzugs in sich selbst und der Unfähigkeit, andere und ihre Gefühle wahrzunehmen, erscheint mir sehr überzeugend – und ich fand es schön mitzuerleben, wie Amélie in dem Maße, in dem es ihr besser geht, auch einen anderen Blick auf die Menschen in ihrer Umgebung gewinnt.
Ich kenne Collioure als ein einfach unfassbar schönes kleines Küstenstädtchen, so bilderbuchschön, dass es eigentlich kitschig sein müsste, dabei ist es authentisch, geschichtsträchtig und voller Leben – und ich finde, dass dieses Buch seinem Handlungsort voll und ganz gerecht wird, denn genau diese Eigenschaften hat auch dieser Roman!

Bewertung vom 17.06.2020
Schwestern im Tod / Commandant Martin Servaz Bd.5
Minier, Bernard

Schwestern im Tod / Commandant Martin Servaz Bd.5


ausgezeichnet

Dieser Thriller aus der Feder des französischen Schriftstellers Bernard Minier hat einen leicht verruchten Charakter und blickt in tiefe Abgründe der menschlichen Seele. Er entstammt der Buchreihe um den Ermittler Servaz, der in diesem Band mit einem Verbrechen konfrontiert wird, das ihn an den ersten großen Fall seiner Laufbahn erinnert – einen Fall, dessen Aufklärung nun nicht mehr ganz so sicher erscheint …
Zu Beginn eilen zwei junge Mädchen in weißen Kommunionskleidern durch einen Wald und Minier gelingt es, mit diesem Handlungsort und einer bildhaften Schilderung diesem Einstieg einen fast schon märchenhaft-verzauberten Charakter zu verleihen – natürlich inklusive der Ahnung einer finsteren Gefahr ... Ich fühlte mich sofort in den Bann gezogen, auch von dem ansprechenden Schreibstil, den ich als sehr viel künstlerischer als bei so vielen anderen Büchern dieses Genres empfand.
Später treten die Handlungsfiguren ganz in den Vordergrund. Und sowohl auf der Zeitebene des ersten Verbrechens als auch bei dem Verbrechen in der Gegenwart scheint sich alles vor allem um eine Person zu drehen: den Schriftsteller Erik Lang. Dieser Narzisst von dunklem Charisma ist einer jener Menschen, die auf manche verführerisch, auf andere hingegen unerträglich und widerwärtig wirken, immer jedoch einen starken Eindruck hinterlassen.
Ähnlich erging es mir so auch mit der Erzählung, die mich stets fesselte, manchmal aber auch abstieß. Zwar badet Miniers Thriller nicht so tief im Blut wie andere Werke dieses Genres, er enthält aber einige grauenvolle Details und handelt von beunruhigenden Gefühlswelten und Abhängigkeiten. Überblättern musste ich die für mich schier unerträgliche Leidensgeschichte einer gequälten Katze.
An einigen wenigen Stellen wird spürbar, dass dieses Buch Teil einer Reihe ist, aber es steht für sich und lässt sich ohne Kenntnisse der vorherigen Bände lesen. Mir hat dieser dunkle und verstörende Thriller sehr gut gefallen!

Bewertung vom 05.06.2020
Der Eispalast, Zwanzig Geschichten aus Russland
Vitale, Serena

Der Eispalast, Zwanzig Geschichten aus Russland


sehr gut

Dieses Buch, in dem von Ereignissen aus dem untergegangenen Zarenreich Russlands berichtet wird, war für mich zunächst eine positive Überraschung. Lange musste es in meinem Regal ungelesener Bücher aufs Gelesenwerden warten, denn ich erwartete eher sperrige Texte, zwar lehrreich und mit altmodischem Charme, aber eben schwer zu lesen. Und all dies war auch ein wenig der Fall, dennoch zogen mich die allermeisten Erzählungen, die beunruhigenderweise auf wahren Geschichten basieren zu scheinen, aufgrund ihres zum Teil völlig grotesken und manchmal auch burlesken Charakters und der farbenfrohen Schilderungen in ihren Bann.
Fast fühlte ich mich auch wie in einem düsteren Fantasyroman, so verrückt erschienen mir die Grausamkeiten, die sich die Menschen in manchen dieser Erzählungen für andere einfallen lassen – abgeschnittene Nasenflügel als Strafmaßnahme, ein aufgrund seiner Liebesheirat in Unehren gefallener Adliger, der sich künftig als Hofnarr verspotten und demütigen lassen muss, etc. etc. Die Autorin zeichnet ein ziemlich beunruhigendes Bild der Zarenzeit, an einigen Stellen könnte man meinen, es hätte dort statt Menschen Vampirwesen und andere merkwürdige Gestalten gegeben, für die Grenzüberschreitungen, die wir heute auf schwere psychische Störungen zurückführen würden, Normalität sind.
Umso erschreckender, wenn man dann im hinteren Teil des Buches auf die zahlreichen Quellen stößt und sich verdeutlicht, dass diese Geschichten keineswegs auf der Fantasie der Autorin gründen … Was ich mir in dieser Hinsicht im Übrigen gewünscht hätte: zum Schluss eine kurze Erklärung, wie weit an der Wirklichkeit das Geschilderte ist, denn ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dies alles gesicherte Fakten und nicht etwa zum Teil auch Legenden oder Spekulationen sind. (Wobei natürlich Geschichte auch nur eine von Menschen berichtete und dadurch von ihnen mehr oder weniger interpretierte und veränderte Erzählung ist …)
Wer das Buch wie ich während der Coronakrise oder danach liest, wird aber auch staunen, wie sehr im Kapitel über die Pest der Umgang mit dieser Erkrankung an den Umgang mit dem Coronavirus erinnert – und auch die Pestzeit kannte offensichtlich Gestalten, die sehr an die heutigen Covidioten erinnern ...
Leider ließ die Faszination dieser Texte für mich gegen Ende des Buches etwas nach und die Vielzahl der genannten Personen und der geschilderten Ereignisse begann aus irgendeinem Grund allmählich, mich zu ermüden. Dennoch: eine ungewöhnliche und interessante Lektüre!

Bewertung vom 10.05.2020
Neapel
Buhl, Marc

Neapel


ausgezeichnet

Jede Zeile ein Genuss!
Mit diesem Reiseroman beschreitet Marc Buhl für mich ungewohnte Wege. Ein Mann reist mit einem Reiseführer aus dem Jahr 1911 im Gepäck außerhalb der Touristensaison nach und durch Neapel. Was sich auf den ersten Blick als schlichter Reisebericht präsentiert, wird nach und nach mit Betrachtungen, Gedanken und Erlebnissen, welche zum Teil die Grenze der Wirklichkeit zu überschreiten scheinen, angereichert. Dieses Spiel mit Wirklichkeit und Fantasie ist sehr geschickt gestaltet, da sich immer auch eine natürliche Erklärung bietet. Ich hatte das Glück, vor ein paar Jahren einmal einen kurzen Aufenthalt in Neapel verbringen zu können, und dieses ungewöhnliche Eintauchen in die faszinierende Welt Neapels spiegelt sehr schön den Charakter dieser Stadt mit dem erstaunlichen Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, wie ich sie erlebt habe, wider und bot mir gleichzeitig eine Fülle neuer Informationen zum Staunen und Träumen.
Der Autor zeichnet ein Bild Neapels, das voller farbenfroher Lebendigkeit und von einer bodenständigen Schönheit ist, aber auch gleichzeitig geprägt von der Vorstellungskraft der Menschen, die auch bei der Entstehung dieser Stadt eine große Rolle gespielt hat: Parthenope, so lautete einst der Name einer kleinen Siedlung an dieser Stelle, benannt nach der griechischen Sirene, deren lebloser Körper dort an Land gespült worden sei, und später der dichterische Name Neapels, das Parthenope zur Stadtgöttin erhob. Und Parthenope ist es auch, der wir Leser in diesem Reiseroman immer wieder begegnen, ob als lebende Statue oder Exponat im archäologischen Museum.
Dieses Eintauchen in das neapolitanische Kulturerbe und in die Mythen der Vergangenheit, vor allem aber auch die Einblicke in das Lebensumfeld einiger Bewohner des modernen Neapels bieten eine Fülle von kleinen Wissensperlen. Dabei wirkt das Buch keineswegs überladen und es wird trotz einiger aufregender Erlebnisse sehr entspannt erzählt, sodass ich mich beim Lesen wie im Urlaub fühlte.
Der Autor schöpft aus einem reichen Wortschatz und bildet wohlgeformte, elegante Sätze, die das bunte Kaleidoskop Neapels treffend darstellen und gleichzeitig eine wohltuende Ruhe ausstrahlen.
Begeistert haben mich neben dem Text auch die großformatigen, künstlerischen Fotos von Christian Seeling, die Neapel in all seinen Facetten zeigen und mich an Bölls Beschreibung von Wuppertal als einer Stadt, "die sich nicht schminkt" erinnern - solche Städte mochte ich immer schon besonders gerne.
Ein einfach wunderbares Buch, um auch in Coronazeiten wenigstens "lesend" auf Reisen gehen zu können!

Bewertung vom 11.04.2020
Die Kunst des stilvollen Wanderns - Ein philosophischer Wegweiser
Graham, Stephen

Die Kunst des stilvollen Wanderns - Ein philosophischer Wegweiser


ausgezeichnet

Durch Wandern zum Lebenskünstler werden

„An Stiefel gerichtete Gedichte sind schwer zu finden; man muss wohl davon ausgehen, dass Dichter zum größten Teil nicht wandern“, S. 23

Vor fast hundert Jahren geschrieben überrascht dieses Buch mit modernen Tönen und einer auch heute noch inspirierenden Wander- und Lebensphilosophie – was sicher auch der frischen und wohlklingenden Übersetzung von Andrea Kunstmann zu verdanken ist. Graham bietet seinen Lesern in diesem hübschen Büchlein auch keinen trockenen Ratgeber, sondern eine oft humorvoll verfasste Liebeserklärung an seine große Leidenschaft, das Wandern – eine Begeisterung, die in jeder Zeile zu spüren und definitiv ansteckend ist!
Praktische Tipps kommen deshalb nicht zu kurz – beispielsweise zur Reisekasse, zur Garderobe, zu Wandergefährten oder auch zu mitzunehmenden Büchern. Vieles davon lässt sich auch auf Wandertouren in heutigen Zeiten anwenden. Wobei der Autor weniger an die heute üblichen kürzeren Wanderungen oder Wanderurlaube mit Übernachtung in diversen Hotels denkt, sondern eher an sehr lange Wanderungen mit spontan ausgewählten Stellen in der Natur für die Übernachtung im Freien.
Durch Wandern wird der Mensch zum Lebenskünstler – so lautet seine Überzeugung und gleichzeitig möchte er das Wandern vom Zwang jeglicher Nützlichkeit befreit sehen. Statt sorgfältiger Planung empfiehlt er, sich einfach treiben zu lassen und den Augenblick zu genießen, was ich sehr sympathisch finde. Ganz besonders liebt er am Wandern eben gerade die Überraschung und die Entdeckungsfreude und hat dafür sogar eine eigene Technik, den sogenannten Zickzack-Marsch (siehe Kapitel 25), entwickelt.
Manchmal sind seine Ansichten aus heutiger Sicht schon etwas erstaunlich – so seine Ausführungen zum Schnorren, unbefugtem Betreten oder auch zum Rauchen („Das Rauchen in Gesellschaft gehört jedoch zweifellos zu den guten Umgangsformen“ (S. 141) (fürs Wandern empfiehlt er es dennoch nicht)). Und ein kleiner Aufreger war für mich seine Aussage, dass Blumen zum Pflücken da wäre … Erstaunlich ist aber auch, wie viele Regionen der Welt der Autor zu damaliger Zeit durchwandern konnte und auf jeden Fall auch in heutiger Zeit nachahmenswert sind sein Bemühen um Toleranz und seine Offenheit gegenüber anderen Traditionen und Kulturen und ganz allgemein die verständnisvolle Haltung, die er gegenüber seinen Mitmenschen einnimmt.
Der hintere Teil umfasst viele nützliche Anmerkungen der Übersetzerin, die auch einen kleinen Einblick in die mit dieser Übersetzung sicherlich verbundene umfangreiche Recherchearbeit geben, denn Graham war offenbar sehr belesen und zitierte gerne. Diese Anmerkungen wären allerdings meiner Ansicht nach als Fußnoten statt gebündelt am Ende geschickter eingebaut gewesen. Außerdem umfasst das kleine Buch noch ein Foto und eine kurze Vorstellung von Graham, den vom Autor in seinem Kapitel über Bücher gepriesenen Raum für Notizen und ein hübsches baumgrünes Lesebändchen.
Eine Lektüre, die mir sehr viel Freude bereitet hat!

Bewertung vom 01.04.2020
Die unglaubliche Reise der Pflanzen
Mancuso, Stefano

Die unglaubliche Reise der Pflanzen


ausgezeichnet

Eine Reise durch Raum und Zeit auf den Spuren der Pflanzen ...
In dieses Buch habe ich mich aufgrund seiner liebevollen und hochwertigen Gestaltung sogar schon vor dem Lesen verliebt. So ist es mit einem grünen Lesebändchen und traumhaft schönen Aquarellbildern von Grisha Fisher ausgestattet, die Landkarten ähneln, nur dass auf ihnen Blätter als Kontinente fungieren … Manchmal hätte ich mir, wenn im Text von fernen Ländern, ausgefallenen Pflanzen und ausgestorbenen Tierarten die Rede war, auch hierzu Bilder zur Veranschaulichung gewünscht, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Die Illustrationen dieses Buches sind etwas ganz Besonderes, sehr künstlerisch und doch zugänglich, farbenfroh und dabei sehr zart und zum Träumen einladend, einfach zauberhaft.
Aber auch der Inhalt begeisterte mich: Was für unterschätzte Wesen Pflanzen doch sind! Ich staunte immer wieder über die wissenschaftlichen Erkenntnisse über sie – elterliche Fürsorge, jahrtausendealte Samen, die noch keimen können ... Dieses Buch ist eine wahre Schatztruhe für solche Wissensperlen, nie langweilig oder zu akademisch, immer allgemein verständlich und ganz offensichtlich mit einer leidenschaftlichen Liebe für die Pflanzen verfasst. Und wie bei allen richtig guten Sachbuchautoren hatte ich auch hier das Gefühl, einem Universalgelehrten zu lauschen, der auf unterhaltsame Art einen großen Bogen schlägt, sowohl auf die neuere als auch auf die weit zurückliegende Geschichte unseres Planeten eingeht und größere Zusammenhänge aufzeigt. So erfährt man nebenbei Wissenswertes aus aller Welt und verschiedenen Zeiten – beispielsweise über die ausgestorbene Megafauna Amerikas oder die grausige Geschichte der Festung Masada ...
Der Autor räumt mit etablierten Vorstellungen von invasiven Pflanzen auf und zeigt, dass beispielsweise typische Pflanzen der italienischen Küche genau auf diese Weise in Italien eingewandert sind (die Tomate aus Mittelamerika, Basilikum aus Indien), erst invasiv, dann heiß geliebt ... Es handelt sich also eine Entwicklung, die nicht per se schlecht ist und in die der Mensch sich auch nicht unbedingt einmischen muss ...
Besonders berührt aber haben mich die Geschichten der einsamen und unglaublichen alten Bäume und der respektvolle Umgang der Japaner mit jenen Bäumen, die den Atombombenangriff auf Hiroshima überlebt haben ("Hibaku jumoku" genannt).
Zum Schluss möchte ich auch den Übersetzer Andreas Thomsen lobend erwähnen, denn auch sprachlich ist dieses Buch ein Genuss!
Für mich ein Lieblingsbuch!

Bewertung vom 27.03.2020
Wie viele willst du töten / Ellery Hathaway Bd.1
Schaffhausen, Joanna

Wie viele willst du töten / Ellery Hathaway Bd.1


sehr gut

Was mich gleich für diesen Thriller einnahm, war die Opferperspektive, denn die Polizistin Ellery Hathaway, die eine der Hauptfiguren ist, war als junges Mädchen selbst Opfer eines Serientäters geworden – und der Ermittler Reed, der ihr nun bei einem anderen möglichen Serienmordfall helfen soll, hatte sie damals befreien können. In den meisten Thrillern spielen die Opfer leider eher eine untergeordnete Rolle und nehmen weniger Raum ein als die dunkel-schillernden Täter. Hier hingegen lässt sich erleben, wie es für einen Menschen nach einem traumatischen Erlebnis weitergehen kann, und ich fand es absolut bewundernswert, dass Ellery sich ausgerechnet für den Polizistenberuf entschieden hat, dass sie sich nicht in die Sicherheit eines Schneckenhauses zurückzieht, sondern dass sie sich solchen schrecklichen Taten, deren Opfer sie einst selber wurde, entgegenstellt ...
Überhaupt hat die Autorin mit dieser so taffen und gleichzeitig einfühlsamen, verletzlichen jungen Frau und dem älteren, von Selbstzweifeln geplagten tragischen Helden Reed ein leicht verloren wirkendes Ermittlerpaar geschaffen, das mir schnell ans Herz wuchs. Der eigentliche Star dieses Romans war aber für mich eindeutig Ellerys treuseliger Hund Bump. Sicherlich kennt und liebt die Autorin Hunde, denn er wirkt sehr authentisch. Bei seiner liebevollen Beschreibung ging mir das Herz auf, obwohl ich es eigentlich vorziehe, wenn in Thrillern keine süßen kleinen oder großen Haustiere vorkommen, da diese sich gegen die in solchen Romanen ihr Unwesen treibenden Täter in der Regel noch viel weniger zur Wehr setzen können als wir Menschen …
Die Sprache ist recht einfach gehalten und teilweise umgangssprachlich, aber die Erzählung mit einigen atemberaubend spannenden Szenen und dem ungewöhnlichen Ermittlerpaar nahm mich ganz gefangen und ließ mich Alltag und Sorgen eine Weile vergessen, was in Zeiten der Coronakrise ein besonders wertvolles Geschenk ist.

Bewertung vom 24.03.2020
Das Gerücht
Kara, Lesley

Das Gerücht


sehr gut

Ein fesselnder und ungewöhnlicher Thriller, in dem es um einen lang zurückliegenden Mordfall unter Kindern geht, der in der Gegenwart der Romanwelt erneut zu einer Bedrohung führt. Gleichzeitig behandelt dieses Buch jedoch auch Fragen, die mich gerade jetzt, zu Beginn der Coronavirus-Krise in Europa, und durch diese ganz spezielle Perspektive, die wir Menschen in diesen Krisenzeiten haben, besonders bewegen: die natürliche Fehlbarkeit des Menschen, die allseits mangelnde Bereitschaft zur Vergebung, die Begeisterung für Gerüchte und Hetze.
Die Autorin Lesley Kara, die unter anderem als Krankenschwester und Sekretärin tätig war, lässt in ihren Roman ein hohes Maß an Menschenkenntnis und Bodenständigkeit einfließen. Der Schreibstil ist unprätentiös und schlicht, die Erzählung bietet dafür ein raffiniertes Verwirrspiel, das in dem typischen Milieu einer Kleinstadt eingebettet ist. Bald kam mir jeder irgendwie geheimnisvoll und suspekt vor ...
Mit Joanna hat die Autorin eine Hauptfigur geschaffen, der ich mich als Leserin sehr nahe fühlte. Aufgrund ihrer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstkritik ist sie mir außerdem sehr sympathisch. Sie liebt ihren Sohn Alfie über alles und versucht, gewissenhaft durchs Leben zu gehen, doch unterlaufen ihr immer wieder Fehler und einer bringt ihre Familie in große Gefahr ...
Ein spannendes Leseerlebnis!

Bewertung vom 26.02.2020
Rote Kreuze, 4 Audio-CD
Filipenko, Sasha

Rote Kreuze, 4 Audio-CD


sehr gut

Während Deutschland wieder einmal vom rechten Terror überzogen wird und die rechtsradikalen Brandstifter-Ideen, die dieses Land schon einmal in den Abgrund getrieben haben, es sogar wieder in die Parlamente geschafft haben, muss auch in anderen Ländern leider wieder einmal gegen das Vergessen angeschrieben werden … Das scheint zumindest ein wichtiger Beweggrund Filipenkos zu sein, wie in dem Interview im hinteren Teil des Buchs zu erfahren ist.
Dabei steht in diesem Roman, der in mir einen Sturm der Gefühle ausgelöst hat, keineswegs nur Stalins Terrorherrschaft im Mittelpunkt, auch wenn sie und ihre Folgen zwangsläufig den größten und grauenvollsten Eindruck hinterlassen. Es geht vielmehr um eine Begegnung zwischen zwei Menschen verschiedener Generationen, die in ihrem Leben auf unterschiedliche Weise sehr großes Leid erfahren mussten, und – so interpretiere ich diesen Roman – um das Überleben und das Weiterleben, trotz all des Schrecklichen.
Durch die Geschichte der einundneunzigjährigen Tatjana, die mit ihrem Galgenhumor und ihrer Selbstironie schnell einen Platz in meinem Herzen fand, wird ein düsterer Blick auf die russische Geschichte geworfen und ich erfuhr auch von einem für mich neuen, so völlig absurden wie grausamen Aspekt des Zweiten Weltkriegs – der Haltung der russischen Regierung gegenüber den eigenen Soldaten, die das „Verbrechen“ begangen hatten, in Kriegsgefangenschaft zu geraten, und ihren Familien, die für dieses „Verbrechen“ gleich mitbestraft wurden.
Der junge Alexander war mir aufgrund all seiner Vorurteile, mit denen er Tatjana zunächst (und generell seinem Stiefvater Grischa) begegnet, weniger sympathisch. Allerdings steht er auch unter einem enormen Druck – er ringt mit Trauer und Verlust und muss doch bald eine wichtige Verantwortung übernehmen … Sicher ist es kein Zufall, dass er denselben Vornamen wie der Autor trägt (Sascha/Sasha ist eine Kurzform von Alexander) und wie der Autor ein Fußballfan ist, umso mehr beeindruckt mich, dass Filipenko Tatjana so weise darstellt, während Alexander ein paar Ecken und Kanten mehr hat.
Ich hätte mir noch etwas mehr Einblick in die Freundschaft der beiden gewünscht, aber natürlich ist leider von Anfang an klar, dass Tatjana, die an Alzheimer erkrankt ist, immer mehr verschwindet und ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt …
Sehr gekonnt fand ich in der Erzählung Tatjanas die Darstellung des Drucks, der auf Menschen lastet, die in einem Terrorregime leben. Auch wird gut vermittelt, wie problematisch es ist, wenn das Individuum, wenn Einzelschicksale nicht zählen. Und dieser Gedanke, dass Tatjana Alexejewna sogar für sehr viele Einzelschicksale steht, macht mich über alle Maßen traurig.
Meine anfänglich große Begeisterung für diesen Roman wurde allerdings durch die einseitige, karikaturistische Darstellung von Saschas Stiefvaters Grischa, der Stalins Taten verharmlost oder schlicht leugnet, gebremst. Sicher, solche Verharmlosungen sind unerträglich und lassen auch meinen Blutdruck in die Höhe schnellen. Aber Grischa wird nur von außen betrachtet und verurteilt, das ist für einen Schriftsteller ein bisschen schwach.
Verständlicher, aber mir zu weit gehend fand ich die Verurteilung eines besonders grausamen Vertreters des Regimes („dass dieses ganze System, diese riesige Maschinerie, auf komplexbeladenen Nullen wie ihm beruht“, S. 161). Natürlich drängt sich beispielsweise beim Anblick der AfD-Wähler, die das Erbe von Stalins Freund Hitler weitertragen, ein solches Bild von Extremisten auf – das sind keine glücklichen, geliebten oder erfolgreichen Menschen. Aber Beleidigungen sind meiner Meinung nach der falsche Weg. Es ist natürlich schwer, angesichts dieser Thematik ein versöhnliches Buch zu schreiben, dennoch habe ich das Gefühl, dass der Autor in diesem Punkt versagt hat und dass sein Buch zur Spaltung beiträgt.
Dennoch: ein wichtiges Buch gegen das Vergessen, in einem brillanten Schreibstil verfasst.

Bewertung vom 14.02.2020
Das Evangelium der Aale
Svensson, Patrik

Das Evangelium der Aale


weniger gut

Obwohl bereits eifrig von Aristoteles erforscht gibt der Aal bis in die heutige Zeit den Naturwissenschaftlern Rätsel auf. In diesem Buch bietet der Autor Einblick in das Wissen, das bisher über diese erstaunlichen Wesen zusammengetragen wurde, und setzt seinem verstorbenen Vater in liebevoller Erinnerung ein Denkmal.
Was so brillant und lehrreich begann, entpuppte sich leider für mich als eine zunehmend schwer zu ertragende Lektüre und daher fällt mir auch diese Rezension äußerst schwer. Ich wusste ja, dass das gemeinsame Angeln des Autors mit seinem Vater und somit eine besonders grausame Tötungsart Thema sein wird, hatte aber gehofft, dass dies im weiteren Verlauf in den Hintergrund rückt. Schließlich zeichnet der Autor gleich zu Beginn seines Buches ein faszinierendes und mit viel Bewunderung gezeichnetes Bild von Aalen, ihren Verwandlungen im Laufe ihres langen Lebens und ihrer Wanderung. Sehr schade, dass versäumt wurde, diesen ersten Teil mit ein paar Fotos zu illustrieren.
Tatsächlich drängte sich in den Kapiteln aber immer mehr die Beschreibung sinnloser Grausamkeit (beispielsweise auf S. 96: "man briet ihn im Ganzen und noch lebendig" oder die Erklärung von "Pöddern" auf S. 103), aus Eigennutz, zu Forschungszwecken oder aus völlig unverständlichen Gründen wie einem ganz und gar merkwürdigen Verantwortungsgefühl ("dafür, sie leben oder sterben zu lassen", S. 133) heraus, in den Vordergrund. Die eigentlich einfühlsame Schilderung der Beziehung zu seinem Vater hätte mir gefallen, wenn es sich bei dem Vater nicht um einen Mann gehandelt hätte, der angeblich Tiere mochte, aber bereits als Kind Tiere quälte und sich später gern zum Herrn über Leben und Tod machte ... Und der Gedanke an die arme ältere, kranke Katze, die der Vater erschießen wollte, anstatt sie wie jeder zivilisierte Mensch schmerzfrei von einem Tierarzt einschläfern zu lassen, die ihm aber tapfer entkommen war und dann allein und womöglich mit Schmerzen und ohne medizinische Hilfe durch die Wildnis irrte, ließ mich die letzten Tage kaum schlafen. Zumal sich mir angesichts ihrer Flucht die Frage aufdrängt, ob sie wirklich so sterbenskrank war – wer weiß, ob das arme Wesen überhaupt von einem professionellen Tierarzt untersucht worden war und ob man ihr mit einer medizinischen Behandlung nicht noch etwas schöne Lebenszeit hätte verschaffen können …
Durch mein Entsetzen über die mangelnde Kritik des Autors an der immer wieder in diesem Buch geschilderten Grausamkeit ist mein Urteil über dieses Buch leider stark getrübt und es fiel mir schwer, bis zum Ende durchzuhalten. Dabei kamen durchaus auch immer wieder wunderbare und zum Nachdenken anregende Stellen, beispielsweise als Svensson mit spürbarer Erschütterung über bereits ausgestorbene Tierarten berichtet und auf die Gefährdung des Aals eingeht. Auch über ausgesprochen kluge Textstellen wie auf S. 244, auf der es um die Grenzen des menschlichen Wissens und um mögliche Bewusstseinszustände, die wir nicht kennen, geht, und über einige deutliche Worte zum vom Menschen verursachten Klimawandel freute ich mich.
Dann aber wieder diese merkwürdige Stelle auf S. 101, die er allerdings selbst als "großes Paradox" bezeichnet und die nicht unbedingt seine eigene Meinung, sondern die einiger der Menschen, "die dem Aal immerhin am nächsten gekommen sind", widerspiegelt: "Um den Aal zu verstehen, müssen wir uns für ihn interessieren, und um uns für ihn zu interessieren, müssen wir ihn weiterhin jagen, töten und essen." Da kann ich nur hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, mich verstehen zu wollen ...
Zwar habe ich das Gefühl, dem Buch gegenüber etwas ungerecht zu sein, da es die geschilderten Denk- und Handlungsweisen sind, die mich abstoßen, und nicht unbedingt die Ansichten des Autors selbst, aber Svensson distanziert sich für mich einfach nicht genug von dieser Grausamkeit. Und das können dann auch sein wunderschöner Schreibstil und der spannende Einblick in die Welt der Aale nicht mehr kitten ...