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Alais

Bewertungen

Insgesamt 152 Bewertungen
Bewertung vom 02.10.2022
Feuerpanorama
Gerassimow, Sergej

Feuerpanorama


ausgezeichnet

Wie Menschen in Charkiw die russische Invasion erleben - ungeschminkt und berührend erzählt:
Wer lesen möchte, wie Zivilisten in der Ukraine die von Putin initiierten schrecklichen Ereignisse dieses Jahres erlebt haben bzw. weiterhin erleben müssen, dem empfehle ich, zu diesem Kriegstagebuch zu greifen.
Der Autor Gerassimow schildert darin den Alltag und die Erlebnisse seiner Familie in Charkiw in der Kriegszeit. Schnell, unter dem Eindruck der ständigen Bedrohung des eigenen Lebens und des Lebens seiner Lieben und dadurch natürlich auch mit starken Gefühlen geschrieben, ist dieses Buch auch schnell zu lesen. Das tut der Eindrücklichkeit der Schilderung keinen Abbruch, sorgt eher dafür, dass dieses Buch mir ungeschminkt und unverstellt erscheint. So ist dies zwar eine sehr persönliche und zwangsläufig subjektive Schilderung, aber es kommen durchaus auch kritische Punkte zur Sprache wie der Umgang mit Plünderern, den ich zwar verständlich, aber absolut nicht akzeptabel finde. Der Autor schreibt im Übrigen sehr überzeugend gegen Putins „Alle-Ukrainer-sind-Nazis“-Märchen an, und geht auch auf den heiklen Punkt Asow-Regiment ein.
Was mir aber besonders gefiel, ist die menschliche Güte, die aus seinen Zeilen spricht, der geschilderte Zusammenhalt vieler Menschen angesichts der Gefahr. Und vor allem: dass auch die Haustiere nicht vergessen werden. Gerassimow schreibt auf seine berührende Weise über die Freundschaften zwischen Menschen und Tieren und wie auch die Tiere unter dem Krieg leiden.
Sehr lesenswert!

Bewertung vom 18.09.2022
Omi, ich bin jetzt vegan!
Vochezer, Angelique

Omi, ich bin jetzt vegan!


sehr gut

Viele leckere Rezepte aus der Kindheit in einer tierleidfreien Variante, von herzhaft bis süß

Wie viele andere vegane Kochbücher auf diesem Markt wirkt dieses frisch, bunt und sympathisch - zeichnet sich von den anderen jedoch durch eine ganz persönliche Note aus: der liebevollen Beziehung zwischen nicht-veganer Großmutter, die ihre Lieben gerne bekocht, und der Enkelin, die einen neuen, veganen Weg einschlägt, um ihre Migräne zu bekämpfen. Zusammen entwickelten sie vegane Varianten vertrauter Familiengerichte, wobei die Großmutter Kochwissen aus ihrer Jugend einfließen ließ, als Gerichte aus Tieren noch viel zu teuer waren, um bei jeder Mahlzeit auf den Tisch zu kommen.
Die Darstellung der Rezepte und Zutatenlisten ist sehr gelungen und übersichtlich - jeweils mit einem motivierenden, weil appetitanregenden Foto des jeweiligen Gerichts auf der gegenüberliegenden Seite. In den allermeisten Fällen wird auch sorgfältig erklärt und das Kochbuch bietet neben komplizierteren Gerichten erfreulicherweise eine Reihe von Rezepten, die sich auch von unerfahreneren Köchen und Köchinnen (also sogar von mir) leicht nachkochen lassen. Nur an ganz wenigen Stellen hätte ich mir noch idiotensicherere Informationen gewünscht, beispielsweise ob bei dem Gefüllte-Tomaten-Rezept auf S. 78 der Reis vorher gekocht werden sollte. Gewünscht hätte ich mir auch noch ein Zutatenverzeichnis mit Verweis auf die einzelnen Rezepte, so etwas finde ich immer sehr praktisch, wenn man Reste verwerten will und auf der Suche nach einer passenden Rezeptidee ist.
Dafür gefiel mir der einleitende Teil sehr - er ist berührend (persönliche Geschichte), informativ (zum Thema Nährstoffe) und äußerst hilfreich (mit Anleitungen, wie man beispielsweise Löwenzahnhonig oder veganen Parmesan selbst herstellen kann).
Ein wunderbares Kochbuch mit vielen leckeren herzhaften und süßen Rezepten!

Bewertung vom 12.09.2022
Kerl aus Koks
Brandner, Michael

Kerl aus Koks


ausgezeichnet

Eine schön zu lesende Hommage an das Leben und die Liebe zu den Menschen:
Paul, dessen fiktive Lebensgeschichte Michael Brandner in diesem Roman erzählt, ist so ganz anders als ich - viel mutiger, anderen Menschen gegenüber weitaus aufgeschlossener und vertrauensvoller - und dennoch fühlte ich mich ihm gleich von Anfang an unglaublich nahe. Ein bisschen hatte ich das Gefühl, Brandner würde von dem freundlicheren Ich erzählen, das in den meisten von uns schlummert, aber leider häufig im Laufe des Lebens zunehmend aufgrund von Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Zynismus in dauerhaften Tiefschlaf verfällt. Dabei ist Paul zwar für mich sehr inspirierend, aber zum Glück auch nicht die ärgerliche personifizierte Perfektion.
Für die Schilderung von Pauls Abenteuern schöpft Brandner sicherlich auch aus dem Erfahrungsschatz seines eigenen Lebens als Schauspieler, bietet Einblicke in die Schauspielerwelt und lässt zwei Regionen, die auch Brandners Leben prägen - Bayern und NRW - lebendig werden. Besonders beeindruckten mich aber die begeisterten Schilderungen verschiedener kulinarischer Geschmackserlebnisse im ersten Teil. So etwas interessiert mich normalerweise nicht, hier aber wurde so voller Enthusiasmus und alle Sinne ansprechend geschildert, dass ich mich mit Paul als kleinem Jungen mitfreuen konnte und das sogar bei kulinarischen Genüssen, die für mich „im echten Leben“ als Tierfreundin allenfalls Anlass zum Gruseln bieten.
Der Autor präsentiert eine rundum authentisch wirkende Erzählung, die ohne nervenzerfetzende Spannung auskommt, sondern stattdessen angenehm unterhält und mit einem wunderbaren Schreibstil brilliert - eine positiv gestimmte Lektüre, die mir große Freude bereitete.

Bewertung vom 25.08.2022
Denk ich an Kiew
Litteken, Erin

Denk ich an Kiew


ausgezeichnet

Ein mitreißender, sehr emotionaler Roman:
In zwei Handlungssträngen (der eine beginnt 2004 in den USA, der andere 1929 in der Ukraine) erzählt die Autorin eine packende Familiengeschichte, in der es um die ganz großen Themen im Leben wie Liebe und Verlust, Gewalt, Trauer, Neuanfang, Elternschaft, Resilienz und Hoffnung, vor allem aber um ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte Europas geht: den Holodomor, eine Massenhungersnot, die mit voller und in schlimmster Absicht von Stalin in der Ukraine ausgelöst wurde ...
Dieses Buch mit seinen zwei sehr unterschiedlichen und doch miteinander verflochtenen Handlungssträngen hat mich von der ersten Zeile an mitgerissen und es immer wieder geschafft, mich mitten ins Herz zu treffen.
Dabei war es vor allem der Handlungsstrang in der Vergangenheit, der mich tief berührte und einen (wenn auch bitteren) Erkenntnisgewinn bot. Von der Darstellung einer ersten Liebe bis zur Mutterschaft gelingen der Autorin immer wieder packende Schilderungen, die sehr authentisch und lebensnah wirken. Ich muss leider zugeben, dass ich zuvor nichts über den Holodomor (eine absichtlich ausgelöste Massenhungersnot) wusste, so traf mich das volle Ausmaß des Grauens der weiteren Entwicklung der Ereignisse vollkommen unvorbereitet. Und da die Autorin nicht nur Schriftstellerin ist, sondern auch Historikerin, ist wohl davon auszugehen, dass sie den historischen Hintergrund gut recherchiert hat ... Dabei wirft sie keinen kühlen, geschichtswissenschaftlichen Blick auf die Geschichte, sondern verarbeitet die Thematik in einer sehr emotionalen und oft sehr persönlich wirkenden Erzählung – auch wenn es sich um eine fiktive Erzählung und keineswegs um ihre Familiengeschichte handelt, hat sich die Autorin doch unter anderem von den Erzählungen und Erlebnissen ihrer aus der Ukraine stammenden Großmutter inspirieren lassen.
Der drastischen, einprägsamen Schilderung des Holodomors stellt die Autorin den helleren Handlungsstrang der "Gegenwart" (2004) entgegen, der unter anderem eine fürchterlich kitschige, sich munter Klischees bedienende Liebesgeschichte enthält, auf die ich gut hätte verzichten können, die mich aber auch nicht weiter störte. Auch die Themen Traumatisierung und Neuanfang finden hier wieder ihren Platz, besonders spannend aber war für mich die Zusammenführung beider Handlungsstränge ...
Ein Buch, das mich tief berührt und vieles gelehrt hat.

Bewertung vom 22.07.2022
Mein Kompass durch die Wechseljahre
Fischer, Heide

Mein Kompass durch die Wechseljahre


ausgezeichnet

Ein freundlicher Begleiter durch eine kritische Lebensphase
Das sympathische Cover passt perfekt zum Inhalt dieses freundlichen Begleiters durch eine Zeit im Leben, die sicherlich für die meisten Frauen mit starken Emotionen, vielfältigen Problemen und manchmal auch Ängsten verbunden ist. Die Autorin schreibt sachlich und warmherzig zugleich, sodass ich mich von ihr kompetent begleitet und sanft an die Hand genommen fühlte.
Besonders beeindruckte mich an dem Schreibstil, dass sich das Buch so leicht liest, obwohl es prallgefüllt mit Informationen ist und oft sehr in die Tiefe geht. Man merkt einfach, dass es Heide Fischer als Ärztin gewohnt ist, Informationen laiengerecht zu verpacken und sich dabei auf die für die Betroffenen besonders wichtigen und somit besonders interessanten Punkte zu konzentrieren.
Die Themenvielfalt von Osteoporose über neue Gefühlswelten bis hin zum Beckenboden und vielem mehr spiegelt die Komplexität der Wechseljahre gut wider und, auch wenn am Anfang dieser Phase (bzw. eigentlich ja: Phasen) noch nicht alle Themen für mich relevant sind, war das Buch für mich sehr spannend zu lesen. Präsentiert werden verschiedenste Behandlungsmethoden (und dabei durchaus nicht nur Heilmittel der Natur, wie das Cover suggeriert), vor allem aber auch viele wertvolle Tipps von Frau zu Frau, was man jenseits der Arztpraxen tun kann, um sich diese Zeit zu erleichtern und Problemen gegenzusteuern.
Ein tolles Buch!

Bewertung vom 17.07.2022
Kreaturenkritzelbuch - Wilde Waldwesen
Hussung, Thomas

Kreaturenkritzelbuch - Wilde Waldwesen


ausgezeichnet

Zeichenschule mit Witz und Fantasie
An der Seite Gretels aus dem Märchen von Hänsel und Gretel kann man sich mit dieser fantasievollen Zeichenschule in ein spannendes Abenteuer stürzen, das von seinen kleinen und großen Leserinnen und Lesern fordert, selbst aktiv zu werden. Ein Punkt, der mir besonders gut gefiel: Es geht nicht nur darum, sich im Zeichnen fantasievoller Wesen zu üben (wobei das allein auch schon toll gewesen wäre), sondern auch darum, aktiv mitzuhelfen, etwas Gutes zu bewirken, positiv auf den Verlauf der Geschichte einzuwirken.
Die Rahmengeschichte dazu ist mit einem Augenzwinkern geschrieben und einige lustige Einfälle machen aus den Zeichenübungen manchmal regelrechte Events. Mir machte das einen Riesenspaß und ich kann mir vorstellen, dass viele Kinder dabei nicht nicht nur viel lachen und Zeichnen üben, sondern auch an Selbstvertrauen gewinnen können.
Die Übungen können allein gelöst werden, eignen sich aber auch dazu, sie im Freundeskreis durchzuführen, und können natürlich eine gute Ausgangsbasis für eigene Kreationen sein. Zur Unterstützung werden für die einzelnen Wesen Schritt-für-Schritt-Anleitungen mit hilfreichen Linien geboten. Unter den fantastischen Waldwesen befinden sich vertrautere und weniger vertraute Wesen, einfacher und weniger einfach zu zeichnende Figuren. Raum für eigene Ideen wird ebenfalls immer wieder gegeben.
Ein geniales, liebevoll gestaltetes Buch, das mir viel Freude bereitet hat!

Bewertung vom 09.07.2022
Das Haus der stummen Toten
Sten, Camilla

Das Haus der stummen Toten


ausgezeichnet

Als Eleanor ihre Großmutter besuchen möchte, begegnet sie der Person, die gerade ihre Großmutter getötet hat - doch sie kann die Person nicht beschreiben, denn sie leidet unter Prosopagnosie. Dass Eleanor Gesichter nicht voneinander unterscheiden kann, ist natürlich ein besonders interessantes Element in einer Kriminalerzählung, in der ein Mörder oder ein Mörderin frei herumläuft...
Auch den Ort, der bald zum Haupthandlungsort wird, fand ich gut gewählt – ein altes Gutshaus mit einer geheimnisvollen Vergangenheit. Eleanor begibt sich dorthin zusammen mit ihrem Freund und einem Notar, auf der Spur des geheimnisvollen Vermächtnisses ihrer Großmutter und unheilvoller Familiengeheimnisse... So erhält die Erzählung einen gruseligen Touch - man kann förmlich spüren, wie die Geister der Vergangenheit durch das Haus spuken - ohne dass sie in einen anderen Genrebereich abgleitet. Dafür wird durch einen Schneesturm, der sie von der Außenwelt abschirmt, ein klassisches, aber immer wieder gut funktionierendes Krimielement eingeführt.
Ich war von diesem Thriller begeistert, nur das Ende hätte ich mir noch etwas ausgeschmückter gewünscht. Auch wenn die wesentlichen Fragen beantwortet werden, hätte ich mir gewünscht, zu erfahren, wie es für die eine oder andere Person weitergeht.
Ein erstaunlich versöhnliches, für Thriller ungewöhnlich tiefblickendes Buch, das daran erinnert, dass ein Mensch viele verschiedene Facetten hat...

Bewertung vom 04.05.2022
Atlas der Unordnung
Papin, Delphine;Tertrais, Bruno

Atlas der Unordnung


ausgezeichnet

Grenzen in all ihrer Vielfalt, ob sichtbar oder unsichtbar, sonderbar, umstritten, schärfstens überwacht oder eigenwillig, ob Flussgrenzen, Mauern, Barrieren, natürliche oder künstliche Grenzen, stehen im Mittelpunkt dieses spannenden Atlas. Einleitend finden sich im vorderen Teil informative Texte zur Geschichte und zum Konzept „Grenze“, danach folgt ein umfangreicher Kartenteil (eingeteilt in die Abschnitte „Grenzen als Vermächtnisse“, „Meere und Grenzen“, „Mauern und Migration“, „Spezielle Grenzen“ und „Umstrittene Grenzen“), der von kurzen Texten und Diagrammen begleitet wird. Abgeschlossen wird das Buch mit einem kleinen Fazit und einem Ausblick auf die wahrscheinliche weitere Entwicklung.
Was mich gleich begeisterte, ist die hochwertige Gestaltung mit gestochen scharfen Abbildungen, die ich als sehr augenfreundlich empfand. Das Buch ist relativ groß und doch lässt sich gut damit umgehen, ohne dass man das Gefühl hat, Schwergewichte stemmen zu müssen. Nur ein Lesebändchen habe ich vermisst, aber da dieses Buch dazu einlädt, fasziniert hin und her zu blättern, hätte mir eines allein auch nicht ausgereicht.
Natürlich hat das Thema „Grenze“ viele finstere und brisante Aspekte und das Eintauchen in die Geschichte und aktuelles Zeitgeschehen, das dieses Buch bietet, ist oft beklemmend. Aber ich fand es hilfreich, mir ein Bild von den geografischen Gegebenheiten zu machen, zum Beispiel von Guantánamo, dessen besondere Lage für schlimmsten Machtmissbrauch ausgenutzt wurde. Und natürlich findet sich in diesem Buch auch eine erläuternde Karte zu „Ukraine gegen Moskau – eine explosive Grenze“, die die angespannte Lage kurz vor Putins Angriffskrieg wiedergibt …
Aber das Buch hat auch eine Fülle weiterer Informationen zu bieten – zu Mikronationen, Pässen und ihrer Anerkennung, Niemandsländern, Enklaven, Tripoints und vielem mehr. Und für mich war es besonders spannend zu erfahren, wie verschieden das Konzept „Grenze“ im Laufe der Geschichte aufgefasst wurde (und sich immer noch weiterentwickelt).
Ein klar strukturiertes Buch, das Einblicke in viele fesselnde Themen gewährt – zum Nachschlagen, Lernen und Staunen.

Bewertung vom 06.04.2022
Monster auf der Couch
Strandberg, Mats;Jägerfeld, Jenny

Monster auf der Couch


sehr gut

Wenn sich ein Buch nicht in eine Schublade packen lässt, dann dieses! Lange rätselte ich, was ich da überhaupt vor mir habe, und war doch bzw. gerade deshalb gleich fasziniert. Worum es geht: Monster (oder drücken wir es freundlicher aus: therapiebedürftige Gestalten) aus alten Klassikern wie Stevensons „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“, Oscar Wildes „The Picture of Dorian Grey“ oder auch der Vampirgeschichte „Carmilla“ aus „In a Glass Darkly“ von Sheridan Le Fanu landen auf der Couch einer Psychologin aus unserer Zeit.
Die Therapiegespräche sind erstaunlich. Die Erzählungen der Patienten und Patientinnen folgen in Erzählweise und Inhalt eng den literarischen Vorlagen aus den klassischen Werken und passen doch hervorragend in die hier neugeschaffene Situation „auf der Couch“. Teilweise entsteht ein interessanter Kontrast zu den modernen Einstellungen der Psychologin, teilweise wird aber auch eine Brücke geschlagen und die Gemeinsamkeiten der Menschen der verschiedenen Zeiten treten zutage.
Gerade auch die moderne Rahmenhandlung mit der Psychologin gibt jede Menge Rätsel auf, die durch spannende Details der Buchgestaltung untermalt werden. Da finden sich von Hand geschriebene Briefe der Patienten und Patientinnen an die Psychologin, Zeichnungen, rätselhafte Flecken … Ich liebe diesen „authentischen“ Touch, der mir hilft, mich beim Lesen wie ein Teil der Welt des Romans zu fühlen. Ein wenig erscheint mir das auch eine Hommage an den irischen Klassiker „In a Glass Darkly“ von Sheridan Le Fanu zu sein, dessen Erzählungen als posthume Dokumente eines Arztes dargestellt werden. Auch die Psychologin ist zu dem Zeitpunkt, da wir uns durch die von ihr hinterlassenen aufgezeichneten Therapiegespräche lesen, nicht mehr da …
Letztendlich ließ mich „Monster auf der Couch“ ein wenig ratlos zurück. Einerseits hatte es mich begeistert und ich fand es ganz wunderbar, weil es ausgetretene Pfade verlässt und seinen ganz eigenen Weg geht. Es kam meiner Liebe zu Klassikern der (Horror-)Literatur, zur Psychologie, zur Geschichte und zu außergewöhnlichen Erzählungen, die mit einem Augenzwinkern erzählt werden, sehr entgegen.
Andererseits schwächelte es für mich im letzten Teil ein wenig, was vor allem an dem Patienten Dorian Grey lag, dessen fürchterlich flacher Charakter mich langweilte, sodass ich die Therapiegespräche mit ihm nicht so genoss wie mit den anderen Gestalten. Auch hätte ich mir das im Übrigen erfreulich überraschende Ende noch etwas ausgeschmückter gewünscht. Zumindest Letzteres ist aber Jammern auf hohem Niveau: unterm Strich ist „Monster auf der Couch“ für mich vor allem ein außergewöhnliches, humorvoll-skurriles Buch, das mich auf vielerlei Weisen fasziniert und ganz wunderbar unterhalten hat.

Bewertung vom 28.03.2022
Papier & Blut / Die Chronik des Siegelmagiers Bd.2
Hearne, Kevin

Papier & Blut / Die Chronik des Siegelmagiers Bd.2


ausgezeichnet

Leicht verrücktes Fantasyabenteuer, mit cleverem Humor und grandioser Lässigkeit erzählt:
Dies ist bereits der zweite Band der Chronik des Siegelmagiers, aber wer (wie ich) den ersten Band nicht gelesen hat, kann ganz beruhigt sein: Am Anfang steht eine ausführliche Zusammenfassung der Ereignisse aus dem ersten Band. Ich fühlte mich dadurch ausreichend informiert und hatte keinerlei Mühe, in die Geschichte einzutauchen.
Kevin Hearne erzählt aber auch auf eine unnachahmlich lässige Weise, die mich gleich begeisterte. Sie wirkt auf positive Art wunderbar amerikanisch und umfasst herrlich lustige Dialoge (großes Lob an das Übersetzerteam für die gelungene Übertragung ins Deutsche!). Worum es eigentlich geht: Der schottische Siegelmagier Al MacBharrais ist beunruhigt – zwei befreundete Siegelagentinnen sind in Australien verschwunden. Zusammen mit dem Hobgoblin Buck, der in seinem Dienst steht, bricht er auf eine gefahrvolle Reise auf, um sie zu suchen …
Buck war für mich ganz eindeutig der Star dieses Fantasyromans. Der Hobgoblin sorgt mit seiner gnadenlosen Geschwätzigkeit und Respektlosigkeit für gute Laune und bildet einen guten Gegenpol zum ernsteren Siegelmagier Al, der aufgrund eines Fluches (alle, die sich länger mit ihm unterhalten, beginnen, ihn zu hassen) für die Kommunikation mit anderen auf eine Sprach-App angewiesen ist. Wer Fan des Eisernen Druiden aus Kevin Hearnes anderen Romanen ist, kann sich außerdem auf ihn und seine beiden Hunde Oberon und Starbuck freuen. Und dann gibt es noch einige weitere schillernde Figuren ...
Die Handlung erschien mir wild, skurril und ereignisreich – leider auch oft sehr blutig, wenn auch nicht mit der voyeuristischen Detailgenauigkeit beschrieben, die man von schlechteren Thrillern kennt. Die Monster, von denen es reichlich gibt, werden allerdings als ziemlich plump und primitiv dargestellt. Das fand ich ein bisschen schade. Sie ähneln völlig emotionslosen Tötungsmaschinen, sodass es innerhalb der Erzählung akzeptabel erscheint, sie mit der gleichen Emotionslosigkeit niederzumetzeln – ich weiß nicht ganz, was ich davon halten soll … Undifferenziertes Denken würde ich dem Autor nämlich dennoch nicht unterstellen, dafür stellt er die meisten Handlungsfiguren zu vielschichtig dar und auch Empathie kommt in der Erzählung immer wieder zum Tragen.
Ausgestattet ist das Buch im Übrigen im hinteren Teil mit einem kurzen Glossar mit Hinweisen zur Aussprache (insbesondere für die vorkommenden gälischen Namen von Sagenwesen und der einen oder anderen Gottheit sehr nützlich, obwohl ich in solchen Fällen auch gerne gnadenlos meine eigene Aussprache erfinde).
Eine schöne Lektüre für Fantasyfans, souverän und mit cleverem Humor erzählt!