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Benutzername: Alais
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Bewertungen

Insgesamt 66 Bewertungen
Bewertung vom 11.10.2018
Piccola Sicilia
Speck, Daniel

Piccola Sicilia


ausgezeichnet

Eine bunt schillernde Erzählung am Kreuzungspunkt verschiedener Zeiten und Kulturen
Die Rahmenhandlung in diesem Roman bildet eine Suche nach einem im Zweiten Weltkrieg verschollenen Flugzeug. Dies ist schon spannend genug, doch die eigentliche Faszination übt die Erzählung Joëlles aus, einer geheimnisvollen Fremden, die behauptet, dass einer der damals vermissten Deutschen noch leben könnte – und ihr Vater ist …
Eine zentrale Frage dieses wunderbaren Buches ist für mich, wer und was wir sind und wie wandelbar dieses Ich je nach den äußeren Umständen sein kann, weil wir nicht immer alle Facetten unseres Ichs entwickeln und zeigen können. In dieser Hinsicht bot der Handlungsort Tunis vor der Besatzung durch die Nazis durch seine Sprachen- und Kulturvielfalt seinen Bewohnern den perfekten Raum, um möglichst viele Seiten ihres Ichs hervorzubringen und so Zufriedenheit und gegenseitigen Respekt zu erlangen. So gleicht dieses literarische Eintauchen in das Tunis vergangener Tage einem verführerischen Potpourri aus verschiedenen Sprachen, Religionen, Bräuchen und Farben, das meine Sehnsucht weckt und am liebsten würde ich gleich dorthin reisen. Aber leider ist es auch, wie der Autor eindrucksvoll zeigt, eine Welt, die durch die Zeit der deutschen Besatzung schweren Schaden nahm …
Von den Romanfiguren stellt sich unter anderem Moritz, Wehrmachtssoldat und Kameramann, der Frage nach dem, was für ein Mensch er ist oder sein möchte, als er im besetzten Tunis plötzlich aus seiner Rolle des Beobachters und Mitmachers heraustritt und eine Entscheidung fällt. Eine Entscheidung, die ihm sein Leben kosten kann …
Die Stärken dieses Buches liegen für mich darin, dass es viele inspirierende Denkansätze bietet, ohne im Geringsten belehrend zu wirken, dass es die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus einem anderen Blickwinkel zeigt und gleichzeitig eine spannende, facettenreiche Geschichte erzählt, in der es um die Liebe, aber nicht nur um die Liebe, sondern auch um die Suche nach dem richtigen Weg im Leben geht, um Menschlichkeit, Zusammenhalt unter den Menschen, zu schnelle Urteile und das Liebenswerte der Menschen mit all ihren Schwächen ... und um eine Frage, die angesichts des Sterbens so vieler Menschen im Mittelmeer und der so absurden wie erschreckenden Klagen gegen engagierte Seenotretter von beklemmender Aktualität ist ...
Ein wunderbares Buch zum Immer-wieder-lesen, mit einem poetisch schlichten und zugleich bildhaften, eleganten Schreibstil und bemerkenswerten Stellen, die immer wieder zum Innezuhalten und Nachdenken einladen!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 31.08.2018
Zehn Jahre musst du opfern / Dark Palace Bd.1
James, Vic

Zehn Jahre musst du opfern / Dark Palace Bd.1


ausgezeichnet

Vic James hat für ihren Roman eine düstere Welt geschaffen, die nah genug an unserer eigenen Erfahrungswelt liegt, um Identifizierungsmöglichkeiten zu bieten, und doch völlig anders ist. Sie ist bestimmt durch das „Geschick“, eine Form von Magie, die jedoch nur wenige, die sogenannten Ebenbürtigen, besitzen. Dieses Geschick ist von Ebenbürtigen zu Ebenbürtigen unterschiedlich ausgeprägt und verleiht diesen eine gefährliche Macht. So muss in dieser Welt jeder Geschicklose eine zehnjährige Sklavenzeit im Dienste der Ebenbürtigen absolvieren …
Die Autorin überzeugte mich bereits im Prolog, der Erzählung einer Flucht, durch ihre mitreißende Erzählweise. Ganz schnell fieberte ich mit den Figuren mit, obwohl mir diese in diesen Zeilen zum ersten Mal begegneten. Diese Faszination für die Handlungspersonen zog sich für mich durch das ganze Buch und dennoch hatte ich, bedingt durch die Wahl der Erzählung in der dritten Person, das Gefühl, dass mir die wahren Gefühle und Beweggründe der Personen oft verborgen blieben. Gerade das fand ich sehr spannend, denn die Autorin ist eine wahre Meisterin darin, vielschichtige Charaktere zu schaffen, die betörend und rätselhaft wirken, denen man einfach alles zutraut und die sich glücklicherweise auch nicht stupide in „die Guten“ und „die Bösen“ einteilen lassen …
Besonders geheimnisumwittert und dadurch herrlich unheimlich sind die ebenbürtigen Brüder Gavar, Silyen und Jenner Jardine. Noch mehr gefiel mir jedoch die Darstellung der geschicklosen Renie, ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, das ganz allein in einer Sklavenstadt lebt und dort nach Kräften versucht, die Welt weniger trostlos zu gestalten - ein bisschen erinnerte sie mich mit ihrer Energie trotz aller widrigen Umstände an Pippi Langstrumpf, nur dass Renies Welt sehr viel grauer aussieht ...
Die Romanwelt, zu der auch ganz nebenbei Informationen über ihre Geschichte und die Entwicklung in anderen Ländern eingeflochten werden, wird meines Erachtens sehr stimmig und leider sehr realistisch dargestellt. Wenn man bedenkt, wie lange sich auch ohne das „Geschick“ mit seinen grauenvollen Möglichkeiten, anderen Menschen Schaden zuzufügen, in Europa beispielsweise die Leibeigenschaft hielt, ist es leider nicht verwunderlich und ich finde es auch verständlich, dass die meisten Geschicklosen nicht den Mut finden, sich gegen die Sklavenzeit auflehnen ... Umso mehr hat es mich gefreut, dass im Zentrum der Handlung unter anderem eine kleine Gruppe von Menschen steht, die dennoch keineswegs gewillt sind, dieses Gesellschaftssystem einfach hinzunehmen, denn „keine Magie ist mächtiger als der Geist des Menschen“ (S. 269) …
Die Situation der Sklaven hat mich überrascht – angesichts der Macht der Ebenbürtigen, der Rechtlosigkeit der Geschicklosen und meiner eigenen Erfahrungen in der Arbeitswelt hätte ich noch deutlich mehr Machtmissbrauch erwartet. Zwar kommt es in der Tat immer wieder zu schrecklichen Misshandlungen, doch ähnelt die Situation der Sklaven erschreckenderweise oft auch einfach der Situation einiger unterdrückter Arbeitnehmer in unserer Welt – ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus so gewollt ist …
Die Erzählweise war für mich als Fan alter Klassiker mit zahlreichen Beschreibungen anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig – die Autorin konzentriert sich auf Highlights und lässt manches im Unklaren und im Geheimnisvollen. Dies regt natürlich dazu an, in Lesepausen immer wieder über das Buch nachzudenken und die wildesten Theorien zu entwickeln – und dieser Effekt gefiel mir schließlich sogar richtig gut. Auch hat es mich sehr beeindruckt, wie es Vic James gelingt, in wenigen Sätzen beispielsweise die ganze Tragödie eines schädigenden Vater-Sohn-Verhältnisse darzustellen, das fand ich einfach brillant!
Für das Ende hatte ich mir zwar etwas anderes erhofft, aber ich muss der Autorin zugestehen, dass sie auch hier ihre Erzählkunst unter Beweis und gute Weichen für die Folgebände stellt, die ich nun mit Spannung erwarte …

Bewertung vom 09.06.2018
Miss Gladys und ihr Astronaut
Barnett, David M.

Miss Gladys und ihr Astronaut


ausgezeichnet

Ein britischer Roman, der auf einer großartigen Grundidee beruht: Thomas Major ist mit der Menschheit fertig. Als erster Mensch auf dem Weg zum Mars in eine selbstgewählte völlige Einsamkeit ärgert er das Bodenpersonal sowohl mit seinem griesgrämigen Verhalten, die ihn wenig geeignet für schillernde Berichterstattungen aus dem All macht, als mit seiner sonstigen mangelnden Kooperationsbereitschaft, insbesondere bei einer notwendigen technischen Reparatur.
Zur gleichen Zeit auf der Erde: Gladys, die sich eigentlich um ihre beiden Enkelkinder die 15-jährige Ellie und deren kleinen Bruder James kümmern müsste, während der Vater im Gefängnis sitzt (die Mutter ist verstorben), verliert den Verstand. Mühsam versuchen die beiden Geschwister, dies vor der Außenwelt zu verbergen, damit sie nicht in ein Heim müssen. Zu Gladys Lieblingsbeschäftigungen, wenn die Geschwister gerade nicht da sind, zählen Telefongespräche mit diversen Telefonbetrügern. Doch eines Tages hat sie den mürrischen Astronauten Thomas Major in der Leitung, der eigentlich aus seinem Raumschiff seine Ex-Frau anrufen wollte …
Die fröhliche Gladys, die viel singt und jede Menge schlechter Ideen hat, die sie und die Kinder in äußerst schwierige Situationen bringen, und der zynische Thomas sind zwei sehr starke Charaktere, die mich oft zum Lachen und Weinen brachten. Ich finde, es war ein wahrer Geniestreich des Autors, diese beiden Personen zusammenzubringen und die Erzählung, die sich daraus entfaltet, ist unterhaltsam, einfallsreich und sie bringt den Leser zum Nachdenken.
Dabei empfand ich den Roman anfangs ein wenig sperrig, da er mich sprachlich nicht beeindruckte und ich es wenig glaubhaft fand, dass Thomas mit einer derart wichtigen Mission betraut wurde, obwohl er ganz offensichtlich so wenig Ahnung von der Raumfahrt hat … doch dies zumindest wird im weiteren Verlauf der Geschichte einigermaßen überzeugend erklärt.
Die Geschichte vom ersten Menschen, der zum Mars fliegt, ist auch tatsächlich weniger ein Weltraumabenteuer, sondern vielmehr eine Erzählung, die von diversen Schwierigkeiten, mit denen sich die Menschen auf der Erde herumschlagen müssen, handelt. Davon, wie schwierig es ist, trotz Schicksalsschläge, Mobbing in der Schule und anderer widriger Umstände ein glückliches Leben zu führen, anderen zu verzeihen und mit den eigenen in der Vergangenheit gemachten Fehlern umzugehen.
Für mich zählt dieses Buch zu den über alle Maße wichtigen Notfallbüchern, die sich insbesondere zum Lesen in schweren Zeiten eignen, weil sie die Welt keineswegs beschönigen und dennoch Hoffnung schenken.

Bewertung vom 12.05.2018
Die Romantherapie
Berthoud, Ella; Elderkin, Susan

Die Romantherapie


ausgezeichnet

Dieses Buch ist ein echtes Gemeinschaftswerk: ursprünglich geschrieben von Ella Berthoud und Susan Elderkin, von Traudl Bünger um einige lebenswichtige deutsche Autoren ergänzt und ins Deutsche übersetzt von Katja Bendels und Kirsten Riesselmann.
Vorgestellt werden passende Lektüren bei körperlichen Leiden („Schwitzen“ etc.) und seelischen Leiden (besonders nützlich fand ich: „Dinnerpartys, Angst vor“), Eigenschaften („Superheld, einer sein wollen“ etc.) und Lebenslagen (beispielsweise „Vaterschaft“), die zwar nicht unbedingt behandlungsbedürftig sind, aber ggf. einen erhöhten Beratungsbedarf mit sich bringen, sowie typischen Leseleiden („Buchkäufe, zwanghafte“ etc.). Dies geschieht zwar meistens mit einem Augenzwinkern, doch die Liebe der Autoren zu Büchern und ihr Glaube an deren heilsame Wirkung zeigen sich deutlich.
Der Aufbau dieses Buches als alphabetisches Nachschlagewerk lädt dazu sein, sich vor allem die Tipps zu den Themen anzusehen, die für den Leser gerade relevant sind, aber es lohnt sich auch, das Buch von vorn bis hinten durchzulesen. Auf diese Weise konnte ich auch jenseits meines akuten Bedarfs viele interessante Buchtipps entdecken und fast vergessene Lieblingsbücher wiederentdecken, bei manchen Büchern hingegen, die ich eigentlich schon immer mal lesen wollte, besser verstehen, warum mir bisher der kleine nötige Rest an Motivation fehlte, und den herrlichen, manchmal etwas schwarzen Humor der Autoren genießen (beispielsweise wird unter dem Stichwort „Aus dem Fenster fallen“ vorgeschlagen, unter „Alkoholsucht“, „Drogenkonsum, übermäßiger“, „Heimwerken“ und „Krankenhausaufenthalt“ nachzuschlagen).
Zur Behandlung der äußeren Hülle von Büchern haben die Autoren im Übrigen eine etwas eigenwillige Ansicht, die manche (und teilweise auch mich) entsetzen mag, diese Konzentration auf den Inhalt der Bücher finde ich aber andererseits auch sehr sympathisch.
„Die Romantherapie“ ist ein amüsanter und nützlicher Begleiter in vielen verschiedenen Lebenslagen – birgt allerdings die Gefahr, dass man wie ich nach dem Lesen eine weitere lange Liste von Büchern hat, die man nun unbedingt lesen möchte …

Bewertung vom 11.05.2018
Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10 (12 Audio-CDs)
Klüpfel, Volker; Kobr, Michael

Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10 (12 Audio-CDs)


ausgezeichnet

Dieses Mal wird Kommissar Kluftinger selbst Ziel einer finsteren Bedrohung: Beim alljährlichen „Totenmarathon“, wie er den gemeinschaftlichen Friedhofsbesuch seiner Familie an Allerheiligen nennt, wird er nicht nur mit der feuchten Schnauze des Hundes Wittgenstein, sondern auch mit einem frischen Grab konfrontiert, auf dem sein Name steht …
Der Verlauf der Handlung ist von bayrischer Gemütlichkeit geprägt, aber sehr vergnüglich – immer wieder werden dem Hörer brillante Situationskomik und lustige Dialoge geboten. Sie im Sprachklang der Autoren Kobr und Klüpfel höchstpersönlich vorgetragen zu bekommen, begleitet von Christian Berkel als Erzähler, der ebenfalls ein großartiger Sprecher ist, war für mich ein besonderes Highlight. Sicher lassen sich die Kriminalromane dieser Reihe auch gut selbst lesen, aber allein schon die Art und Weise, wie die Autoren die einzelnen Rollen sprechen, beispielsweise Dr. Langhammer, ist hinreißend komisch und verleiht den verschiedenen Figuren besonders viel Charakter und Lebendigkeit.
In dieser Erzählung kommt es allerdings auch zu sehr ernsten Momenten und eine gruselige Stimmung scheint über den Ereignissen zu liegen … In Rückblenden lernt der Hörer das jüngere Ich und somit weitere Seiten Kluftingers kennen – beispielsweise Kluftinger, den Polizistensohn, der mit seiner Clique auf Mofas in Richtung Abenteuer braust, oder Kluftinger, den jungen Polizisten, der noch nicht einmal bei der Kripo ist und schon seinen ersten Mordfall löst. Doch diese Vergangenheit ist nicht ohne Schatten … Und auch der „Schutzpatron“, ein Verbrecher, den andere Klufti-Fans (ich leider nicht) offenbar aus einem vorherigen Band kennen, scheint wieder in der Gegend sein Unwesen zu treiben …
Außerdem dürfen sich die Hörer und Leser dieser Erzählung freuen auf (unter anderem): die langersehnte Enthüllung von Kluftingers Vornamen, die Klufti-Lösung zur Beruhigung schreiender Enkelkinder, eine Begegnung mit Jennerwein, dem Kommissar aus der Krimireihe von Jörg Maurer und ebenfalls Teil von Kluftis nicht immer ganz so makelloser Vergangenheit, und einen spannenden Showdown. Leider werden am Ende nicht alle Fragen geklärt und so warte ich nun voller Ungeduld und mit viel Vorfreude auf den nächsten Band …

Bewertung vom 01.05.2018
Die Manufaktur der Düfte
Weigand, Sabine

Die Manufaktur der Düfte


ausgezeichnet

Als sich eines Tages ein junger Mann bei Seifensiedemeister Strunz als Lehrling vorstellt, kann dieser nicht ahnen, dass der junge Ribot nicht nur neue Ideen für die Seifensiederei mitbringt, sondern auch Teil seiner Familie werden und den Grundstein für eine erfolgreiche Seifendynastie mit großer Fabrikanlage legen wird ...
Mit diesem Buch kann sich der Leser auf eine spannende Zeitreise an der Seite der Seifenfabrikantenfamilie Ribot begeben, die tatsächlich einmal im kleinen Ort Schwabach gelebt hatte. Ich fand es sehr faszinierend, oft aber auch sehr aufwühlend, lesend mitzuerleben, wie die Menschen damals, im Zeitraum von 1845 bis 1934, einer Zeit großer industrieller sowie gesellschaftlicher Entwicklungen, lebten, fühlten und dachten. Manchmal wünschte ich der einen oder anderen Romanfigur so sehr, dass sie doch die Kraft finden möge, aus den Denkmustern ihrer Zeit auszubrechen, Not und Ungerechtigkeit zu erkennen und mehr ihrem Herzen zu folgen ... (Ich hoffe nur, dass später einmal die Menschen der Zukunft mit der gleichen Fassungslosigkeit auf akzeptierte Missstände unserer Zeit wie beispielsweise die grausame Massentierhaltung zurückblicken werden ...) Sabine Weigand geht jedoch sehr behutsam mit den Haupt- und Nebenfiguren um, sie vermeidet Klischees, Schwarz-Weiß-Malerei und Verurteilungen, sondern zeigt die Menschen einfach als nicht ganz vollkommene Geschöpfe, die stark unter dem Einfluss ihrer Zeit stehen, sich aber durchaus auch weiterentwickeln können.
Es ist dem Buch anzumerken, dass die Autorin nicht nur eine talentierte Erzählerin ist, sondern auch Historikerin. Wie sie im Nachwort erklärt, hatte sie sogar an der Einrichtung und Forschung für die Abteilung "Ribot" im Schwabacher Stadtmuseum mitgewirkt. So wirkt ihre Darstellung der Menschen in den damaligen Zeiten sehr authentisch und überzeugend. Im Nachwort listet sie außerdem auf, welche Personen tatsächlich gelebt haben (erstaunlich viele) und welche sie erfunden hat. Der historischen Unternehmerfamilie, über die es einige Aufzeichnungen gibt, hat sie eine Reihe fiktiver Personen gegenübergestellt, die diejenigen repräsentieren, die in der Regel weniger gut von der Geschichtsschreibung dokumentiert werden: die Ärmeren in der Gesellschaft, die doch gerade in dieser Zeit der Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle spielten ...
Die Zeit mit den relativ vielen Seiten dieses Romans verging für mich wie im Flug, da ich mich den Menschen, von denen er handelt, nahefühlte und sehr gespannt war, wie ihre Geschichte weitergeht - ein sehr empfehlenswerter historischer Roman!

Bewertung vom 29.04.2018
Ich beobachte dich
Stevens, Chevy

Ich beobachte dich


sehr gut

Lindsey hat einen langen Leidensweg hinter sich – ihr Mann Andrew hatte sie jahrelang kontrolliert, missbraucht und schließlich sogar fast getötet. Als er nach vielen Jahren wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, nimmt ihre Tochter Sophie im Rahmen eines Schulprojekts wieder Kontakt zu ihm auf. Sie möchte sich ein eigenes Bild von ihrem Vater machen – möglicherweise ein fataler Fehler …
Chevy Stevens zog mich schnell in den Bann. Mit den Hauptfiguren Lindsey und Sophie und ihren unterschiedlichen Sichtweisen konnte ich mich schnell identifizieren. So begann schon bald das Mitzittern, das Hoffen, dass ihnen nichts passiert, das Rätselraten um die Frage, ob Andrew die einzige Gefahr für die beiden darstellt oder ob er sich vielleicht sogar tatsächlich geändert hat und mit der spürbaren Bedrohung gar nichts zu tun hat.
Erzählt wird mit mehreren Rückblenden, sodass man als Leser auch die Vorgeschichte miterlebt. Diese Darstellung, wie harmlos Andrew zunächst wirkte und wie geschickt er bewerkstelligte, es für Lindsey sehr schwer zu machen, aus ihrer Ehehölle zu entkommen, fand ich besonders gelungen und überzeugend.
Ein bisschen heikel fand ich, dass in dem Zeitstrang, der in der Gegenwart spielt, bald alle Männer (mit Ausnahme von Angus, aber dieser gehört ja auch einer anderen Spezies an) unter Verdacht geraten, nicht ganz ungefährlich zu sein. Das steigert natürlich die Spannung, aber für alle, die sowieso schon Probleme haben, einem Mann zu vertrauen, ist dieser Roman daher wohl eher nicht geeignet, obwohl er durchaus mit einer positiven Note endet.
Als klare Heldinnen gehen dafür die Frauen in diesem Roman hervor – Lindsey und Sophie sind starke Persönlichkeiten mit einem großen Herzen und einer gehörigen Portion Mut. Und genauso wundervoll ist das Porträt, das die Autorin vom Hund Angus zeichnet.
Eine spannende Lektüre, die mir sehr naheging!

Bewertung vom 18.03.2018
Das geheime Leben der Seele
Wery von Limont, Sabine

Das geheime Leben der Seele


ausgezeichnet

Unsere Seele - ihr Gedächtnis, ihre Narben und ihre Heilungschancen

„Das geheime Leben der Seele“ stellt eine gelungene Zusammenarbeit zwischen einer Verhaltenstherapeutin (Sabine Wery von Limont) mit reichem Wissens- und Erfahrungsschatz und einer begabten Schriftstellerin (Jarka Kubsova) dar. Als Leser erfahren wir viel über uns und die Menschen, die uns umgeben, und gleichzeitig sorgen schöne Formulierungen für Lesegenuss und lustige Beispiele für einen Spaßfaktor, den ich bei einem solchen Buch nicht erwartet hätte.
Zum Inhalt: Im ersten Kapitel wird das limbische System („Wo die Seele wohnt“) vorgestellt, die Auswirkung von Neurotransmittern wie Dopamin wird erläutert und es wird auf das lange Gedächtnis unserer Seele eingegangen. Im zweiten Kapitel geht es um die grundlegenden Bedürfnisse unserer Seele, im dritten Kapitel um psychische Störungen und im vierten Kapitel um Psychosomatik. Das Buch schließt mit einer Erläuterung der Funktionsweise einer Therapie und der Chancen, die diese bietet. Besonders wertvoll fand ich in diesem letzten Kapitel die praktischen Tipps zur Psychohygiene.
Angesichts des faszinierenden Themas hätte ich es schön gefunden, wenn das Buch noch viele weitere Seiten gehabt hätte, beispielsweise hätte ich mir ein Kapitel über die schizoide Persönlichkeitsstörung gewünscht, aber es ist klar, dass irgendwo ein Schlussstrich gezogen werden musste.
Ich finde den Erzählstil der beiden Autorinnen sehr sympathisch, das Buch ist voller Wissensperlen und doch so geschrieben, dass es für Laien gut verständlich ist. Und wenn es um die Beziehung zwischen Mutter und Kind geht, wird sehr behutsam formuliert und darauf geachtet, keine Schuldgefühle zu wecken oder zu verstärken.
Beeindruckend und sehr traurig fand ich die Schilderung, wie selbst weit zurückliegende belastende Erfahrungen zu körperlichen Veränderungen führen und Zellen zerstören können, wodurch es beispielsweise zu einer schlechteren Impulskontrolle kommen kann – und dass solche Veränderungen inzwischen für Mediziner auch sicht- und messbar sind.
Ich hatte viele Aha-Erlebnisse und hoffe, meine Mitmenschen jetzt etwas besser verstehen und somit auch besser mit ihnen umgehen zu können – so hielt ich positive Selbstillusionen bisher für die Charakterschwäche einzelner Menschen, lernte nun jedoch, dass es sich um ein wichtiges Grundbedürfnis aller Menschen, auch von mir selbst, handelt. Auch ist ganz offensichtlich seit meiner Schulzeit einiges an Wissen hinzugekommen. Daher bin ich sehr froh und dankbar, das Gefühl zu haben, auf diese unterhaltsame Weise einen guten Überblick erhalten zu haben.

Bewertung vom 04.02.2018
Das erste Opfer / Oxen Bd.1
Jensen, Jens Henrik

Das erste Opfer / Oxen Bd.1


sehr gut

Jens Henrik Jensen stellt mit dem ehemaligen Elitesoldaten Oxen, der wie ein Einsiedler im Wald lebt, eine eher ungewöhnliche Hauptfigur ins Zentrum seines packenden Thrillers. Als ungewöhnlich erweist sich auch die Geschichte, denn Oxen kommt zusammen mit dem dänischen Geheimdienst bei seinen Ermittlungen im Fall einer Reihe von Morden an hochrangigen Persönlichkeiten einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur, das weit in die Geschichte Dänemarks zurückreicht ...
Dank dem anschaulichen, packenden Erzählstil des Autors riss mich dieser Roman mit wie ein spannender Film, den man atemlos verfolgt. Für meinen Geschmack war dieser Thriller allerdings ein bisschen zu brutal, auch wenn es in diesem Genre noch sehr viel blutigere gibt. Dafür waren die einzelnen Figuren gut ausgearbeitet und wirkten authentisch.
Ziemlich entsetzt hat mich die primitive Wahrnehmung, die einige der Personen in diesem Roman von Tieren haben. So stufte die Polizei die Suche nach einem verschwundenen Hund in einem der Mordfälle als völlig unwichtig ein. Das kann ich nicht nachvollziehen – natürlich sind die Mordermittlungen wichtiger, aber deshalb kann doch die Suche nach einem verschwundenen vierbeinigen Familienmitglied des Toten nicht ganz außer Acht gelassen werden. Jeder normale Mensch mit Herz und Verstand würde sich doch um den armen Hund Sorgen machen und notfalls außerhalb der Dienstzeit nach ihm suchen. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Unterlassung natürlich auch ziemlich dumm ist, da sich die Polizei hätte denken können, dass der Täter den Hund möglicherweise ausgeschaltet hat, und daher Interesse hat zu überprüfen, ob der Täter dabei vielleicht Spuren hinterlassen hat …
Hier hebt sich die Hauptfigur Oxen wohltuend von anderen Charakteren in diesem Kriminalroman ab. Der traumatisierte Elitesoldat, der sich in den Wald zurückgezogen hat und von Abfällen, Jagen und Fischen ernährt, sorgt gut für seinen vierpfotigen Begleiter Mr Whitey. Und schließlich ist es auch Mr Whitey, wegen dem Oxen sein Einsiedlerleben aufgibt, um auf die Jagd nach dem Täter zu gehen …
Auch wenn dieser Thriller nicht hundertprozentig meinem Lesegeschmack entsprach, fand ich ihn gut erzählt und vor allem unterscheidet er sich durch seine Außergewöhnlichkeit von den so zahlreichen Serienmörder-Thrillern der letzten Jahre.
Es soll noch zwei weitere Oxen-Romane geben - ich freue mich drauf!

Bewertung vom 06.01.2018
Ragdoll - Dein letzter Tag
Cole, Daniel

Ragdoll - Dein letzter Tag


sehr gut

Die Körperteile mehrerer Menschen wurden zu einer unheimlichen Puppe zusammengesetzt: Mit einem derart grauenhaften Leichenfund hatten es die Londoner Ermittler sicher noch nie zu tun, doch das ist noch nicht alles: der Täter schickt eine Liste mit den Namen seiner nächsten Opfer, jeweils mit dem Datum ihrer geplanten Ermordung, und sein letztes geplantes Opfer ist einer von ihnen ...
Die Geschichte riss mich gleich mit und doch konnte ich mich nicht so ganz mit diesem Autor anfreunden. Kleinere Details im Erzählfluss erschienen mir holprig aufgebaut oder unlogisch, beispielsweise halte ich es für unwahrscheinlich, dass Kriminalbeamte nicht wissen, was ein Neurotoxin ist, und eine Hitzewelle ist, im Gegensatz zu dem, was in diesem Roman behauptet wird, für Pollenallergiker eher segensreich, weil sie die Pollenproduzenten verdorren lässt. Dies sind natürlich nur unwichtige Details, die Bezeichnung „Gutmenschen“ hingegen, die hier mal wieder zur Verunglimpfung von Menschen mit gesundem Herz und Verstand benutzt wird, ärgerte mich sehr … und ich befürchtete, dass der Autor zu den Thrillerautoren gehört, die die Menschen gerne in "gut" und "böse" einteilen, aber ganz so leicht macht er es sich zum Glück nicht.
Vor allem steht diesen kleineren Kritikpunkten gegenüber eine spannende Erzählung mit der Ermordung von Personen, die für den Täter eigentlich hätten unerreichbar sein müssen – hier hat sich der Autor wirklich etwas einfallen lassen und beeindruckte mich immer wieder durch seinen Ideenreichtum.
Auch bei der Darstellung der Personen und den Dialogen brilliert Cole. Die Ermittler wirken authentisch und stellen ausgeprägte Charaktere dar, die Dialoge haben zum Teil einen hohen Unterhaltungswert und bringen eine humorvolle Note in eine ansonsten sehr düstere Erzählung.