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Benutzername: Pedi
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Bewertungen

Insgesamt 24 Bewertungen
Bewertung vom 01.03.2019
Wir, die wir jung sind
Taneja, Preti

Wir, die wir jung sind


gut

Schwierig fand ich die Lektüre von Taneja Pretis indischem Familienroman. An Shakespeares "König Lear" angelehnt, erzählt er ein modernes Märchen von einem mächtigen Industriemagnaten und seinen drei Töchtern im heutigen Indien. Intrigen, Ränke, Eifersüchteleien - manchmal etwas ausufernd, häufig drastisch, oft fremd, ist es doch eine interessante Geschichte, die die Autorin da ausbreitet. Was sie allerdings phasenweise unlesbar macht, sind nicht die vielen, vielen Anspielungen, literarischen Verweise und nicht erläuterten Hintergründe - das kann man überlesen oder nachschlagen. Störend empfand ich den inflationären Gebrauch von Hindi-Wörtern und kompletten Absätzen auf Hindi. Zudem ist dem Buch die Art Glossar angefügt, die mich beim Lesen wahnsinnig macht: von zehn verwendeten Wörtern findet man maximal zwei. Die Umsetzung des Shakespeare-Dramas fand ich allerdings sehr gelungen. Im Endeffekt war aber der Ärger größer als das Vergnügen.

Bewertung vom 01.03.2019
Die Farben des Feuers
Lemaitre, Pierre

Die Farben des Feuers


sehr gut

Endlich habe ich Pierre Lemaitres mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman "Wir sehen uns dort oben" gelesen. Lange schon stand er im Regal. Nun, da mit "Die Farben des Feuers" ein Quasi-Nachfolger erschienen ist, wurde es Zeit. Ich war zunächst mal wieder überrascht, wie nah an guter Unterhaltungsliteratur sich der französische Literaturpreis bewegt und davor auch keine Scheu zu haben scheint. Denn das ist es, was Lemaitre kann: gut unterhaltende Romane schreiben. Erzählt er in "Wir sehen uns dort oben" die Geschichte zweier durch ein tragisches Fronterlebnis zusammengeführter junger Männer nach dem Ersten Weltkrieg, bleibt er mit dem neuen Roman in der Familie eines der beiden. Hier ist nun die Schwester von Édouard Péricourt die Hauptprotagonistin, die 1927 nach dem Tod ihres Vaters dessen Bankimperium erbt. Für sie als Frau der damaligen Zeit kein leichtes Unterfangen, zumal ihr kleiner Sohn just am Tag der Beerdigung schwer verunglückt und fortan auf den Rollstuhl angewiesen ist. Auch der Prokurist Gustave Joubert, die Gesellschafterin Léonce, der Onkel Charles und ihr Liebhaber Alain spielen dabei ein nicht faires Spiel, das Madeleine in den Bankrott treibt. Doch ihre Rache lässt nur kurz auf sich warten. Viel Plot, zahlreiche Wendungen, Spannung und reichlich Intrigen - man merkt Pierre Lemaitre den versierten Krimi- und Thrillerautoren, der er ist, auch in seinen historischen Romanen an.

Bewertung vom 26.11.2018
Ein Winter in Paris
Blondel, Jean- Philippe

Ein Winter in Paris


ausgezeichnet

Der französische Autor Jean-Philippe Blondel, Jahrgang 1964, schreibt seit 2003 sehr schmale, ruhige und sehr persönliche Romane, von denen mittlerweile sechs auf Deutsch erschienen sind. Es sind Texte, die man gemeinhin als „typisch französisch“ bezeichnet. Dies und vielleicht auch die Tatsache, dass sie hier bei uns in verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden, sind möglicherweise der Grund dafür, dass sie eher wenig beachtet geblieben sind. Neuere Französische Literatur wird in Deutschland in jüngerer Zeit gerne als innovativ, frisch, provokant, politisch wahrgenommen. All das sind Blondels Romane nicht.
Blondel erzählt gerne leise Geschichten, von jungen und mittelalten Männern in ganz bestimmten, oft nur wenige Stunden oder Tage umfassenden Situationen. Das ist mal der Roadtrip mit Freunden an die amerikanische Pazifikküste um eine persönliche Tragödie zu überwinden („Zweiundzwanzig“), mal das unverhoffte Zusammentreffen zweier einstiger Liebender in einem Vorortzug ( „6 Uhr 41“) oder ein Besuch bei den Eltern („This is not a lovesong“). Von diesen Situationen ausgehend schweifen die Gedanken des Erzählers in die Vergangenheit.
So ist es auch in „Ein Winter in Paris“. Hier ist es der Brief eines Mannes, der für kurze Zeit im Leben des Erzählers Victor eine bedeutende Rolle gespielt hat, der eine Erinnerungswelle auslöst. Patrick Lestaing ist der Vater eines Jungen, mit dem sich Victor während der Vorbereitungskurse zum Lehrerexamen angefreundet hatte. Ein Jahr unter ihm, aber genauso einsam in den Reihen der „höheren Söhne und Töchter“ an diesem renommierten Pariser Lycée, und genauso unter dem enormen Leistungsdruck hier, besonders hinsichtlich des Bestehens des berüchtigten „Concours“, der Aufnahmeprüfung zur Grande ècole, leidend, fühlte Victor zum ersten Mal eine gewisse Nähe zu einem der Mitschüler. Doch eines Morgens musste er den Selbstmord Mathieus miterleben. Dieser stürzte sich während des Unterrichts im Treppenhaus der Schule zu Tode.
Neben seinem eigenen Schock und Kummer trug Victor in der Folgezeit auch noch eine ganze Menge der Trauer von Mathieus Vater, der sich ihm annäherte. Dies und die widerstreitenden Gefühle, die er erlebte, als er merkte, dass er plötzlich für seine Mitschüler interessant geworden war, „der Freund des Selbstmörders“, sogar den beliebtesten Studenten als Freund gewann, verwirrten den jungen Mann. Dazu kam das angespannte Verhältnis zu den eigenen Eltern und dem Bruder in der Provinz, von denen er sich nie richtig anerkannt gefühlt hatte.
Nun, dreißig Jahre später, Victor ist mittlerweile Schriftsteller, ergreift er vielleicht die Gelegenheit, sein Verhalten von damals geradezurücken.
Wie stets benötigt Jean-Philippe Blondel keine zweihundert Seiten, um diese Geschichte zu erzählen. Und wie immer ist er sehr nah an Autobiografischem. Sein Erzählen ist knapp, sensibel, zart und auf den ersten Blick sehr leicht daherkommend. Immer steckt dahinter aber eine tiefe Melancholie, immer werden auch die ganz großen Fragen gestellt.
Was ich in einer französischen Kritik zu „Zweiundzwanzig“ einmal las gilt eigentlich für alle Bücher Blondels, auch wenn sie zeitweise durchaus auch heiter sind:
"Es ist wie bei einer Wunde: Am Anfang spürt man nichts. Aber später, wenn man dieses imponierende Buch geschlossen hat, dann leidet man."
Es ist allerdings ein angenehmes Leiden, eines, dass bewirkt, dass die Lektüre dieser schmalen Romane nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

Bewertung vom 26.11.2018
Der Narr und seine Maschine / Tabor Süden Bd.19
Ani, Friedrich

Der Narr und seine Maschine / Tabor Süden Bd.19


ausgezeichnet

Nach langen Jahren, in denen er Menschen aufzuspüren versuchte, die spurlos verschwunden waren, möchte Tabor Süden jetzt selbst einfach verschwinden. Er hat seine Wohnung aufgelöst, das Handy zurückgelassen.
Seine langjährige Chefin in der Detektei Liebergesell hat aber den richtigen Riecher und passt ihn am Bahnhof ab, ja, kann ihn sogar für einen neuen Fall, den sie übernommen hat, zurückgewinnen.
Es geht um den ehemals sehr bekannten Kriminalschriftsteller Georg Ulrich, einen Meister des Crime Noir, etliche Male verfilmt, prämiert, übersetzt, um den es aber seit vielen Jahren sehr still geworden ist. Zu Beginn seines Ruhms ist er mit seiner Mutter, die ihn als einfache Schneiderin allein und unter erheblichen finanziellen Mühen großgezogen hat, in ein Hotel gezogen. Hier lebte er bis zuletzt, ruhig und völlig zurückgezogen nach dem Tod der Mutter. Seine Biografie wurde unlängst geschrieben und nun ist der Autor verschwunden. Der Hotelbesitzer und seine Angestellten, die sich Cornelius Hallig, so der wahre Name des Autors, freundschaftlich verbunden fühlen und sich sorgen, haben Liebergesell mit der Suche nach ihm beauftragt. Nicht unbegründet befürchten sie, dass hier ein Suizid geplant sein könnte.
Tabor Süden fühlt sich von Beginn an verwandt mit Hallig und der absoluten Dunkelheit, die ihn zu umgeben scheint. Beide sind Menschen, die irgendwie nicht wissen, wohin mit sich in dieser Welt, beide schwer erschüttert, beide ohne enge Bindungen. „Rabenschwarz“ könnte man die Stimmung im Buch nennen und ein wenig bangt man sogleich auch um sie Seelenlage des Autors Ani, der hier ja immerhin von einem Schriftsteller-Kollegen erzählt.

Gewohnt intuitiv lässt sich Tabor Süden durch seine Ermittlungen, falls man das überhaupt so nennen kann, treiben. Es wird sehr viel geraucht und getrunken und man verrät kein Geheimnis, wenn man erzählt, dass die beiden Männer sich am Ende tatsächlich begegnen. Auch wenn es natürlich kein Happy-End gibt. Das gibt es bei Ani in diesem Sinne nie.
Eine absolut dunkle, bedrückende Stimmung herrscht, eine tiefe existenziellen Erschütterung bleibt auch beim Lesen.

Bewertung vom 07.09.2018
Das weibliche Prinzip
Wolitzer, Meg

Das weibliche Prinzip


gut

Der Titel ist etwas hochgegriffen. "Das weibliche Prinzip", das klingt nach allgemeingültigen Gedanken, nach Feminismus, nach dem Buch zur aktuellen Debatte, zu #metoo, zum neuen Antifeminismus (auch) unter Trump und wird auch ein wenig so beworben. Ein wenig steckt auch darin, aber für mich eindeutig zu wenig. In ihrem Essay "The second shelf" beklagte Meg Wolitzer 2012, dass Bücher weiblicher Autoren in der Wahrnehmung immer ein wenig benachteiligt werden, quasi auf den unteren Regalbrettern enden, weil die Themen, mit denen sie sich beschäftigen gerne als "Frauenliteratur" abgetan werden. Da ist sicher etwas dran. Aber wer so harmlose, freundliche Bücher über junge Frauen (und Männer) und ihren Weg ins Leben schreibt, alles schon tausendmal gelesen und nur ein bisschen Feminismus und Trump-Kritik untermischt, ohne irgendetwas beim Leser zu bewirken ( außer gepflegter Langeweile), darf sich nicht wundern, wenn er genau dort landet. Ganz nette Unterhaltung, aber das können Sie besser, Frau Wolitzer.

Bewertung vom 01.07.2018
Häuser aus Sand
Alyan, Hala

Häuser aus Sand


sehr gut

„Häuser aus Sand“ ist ein Roman über die Gemeinschaft, die uns alle prägt, die Familie, und über den Ort, der für uns alle lebensnotwendig ist, das Zuhause.
So heißt es im Klappentext zu Hala Alyans Roman über vier Generationen einer palästinensischen Familie. Im Mittelpunkt stehen, wie so oft, die mehr oder weniger „starken“ Frauen. Sie alle müssen den Verlust dieser lebensnotwendigen Verankerungen im Leben erleben. Das von ihnen geschaffene Zuhause erweist sich ein ums andere Mal als ein „Haus aus Sand“ (die „Salt Houses“ aus dem Original hätte man meiner Meinung nach beibehalten können; auch ihre Vergänglichkeit wird durchaus deutlich).
Salma und Hussam mussten 1948 nach Ende des britischen Mandats in Palästina und der Gründung des Staates Israels ihre Heimat Jaffa verlassen, wo sie eine große Orangenplantage führten. In Nablus finden sie ein neues Zuhause, hier wachsen ihre Kinder Widad, Mustafa und Alia auf. Diese können das Festhalten ihrer Mutter an alten Gewohnheiten, ihre Sehnsucht nach Jaffa und ihre Traurigkeit nicht ganz verstehen. Bis sie in Folge des Sechstagekriegs nicht nur ihr Haus, sondern auch den Bruder Mustafa verlieren. Die Familie wird getrennt.
Alia zieht mit ihrem Mann Atef nach Kuweit. Alia hasst das Land, die Hitze, sehnt sich nach ihrer Mutter und der Schwester, die in Amman/Jordanien Zuflucht finden. Hierhin fährt sie die Sommer über mit ihren Kindern Riham, Karam und Souad, entfernt sich mehr und mehr von Atef. Sie ist eine unduldsame, wenig warmherzige Mutter. Besonders die unattraktive Riham leidet darunter, sucht Zuflucht im Glauben, im Islam. Souad wiederum rebelliert, führt ihr eigenes Leben, in Paris, London, später in Boston und Beirut.
Die Kinder, die vierte Generation wiederum, ist in alle Winde zerstreut. Und sucht doch immer auch nach den Wurzeln, nach Zugehörigkeit, nach Beständigkeit.
Hala Alyan schreibt keinen innovativen Roman. Geschichten von entwurzelten Familien, gerade auch aus dem nahöstlichen Teil der Welt, sind nicht eben selten. Viele Muster hat auch die Autorin verwendet, beispielsweise die starken Frauen, die wechselnden Perspektiven, die chronologisch voranschreitenden Zeitsprünge. Auch das Milieu der wohlhabenden, gutbürgerlichen, gebildeten Großfamilie ist vertraut. Weniger häufig allerdings erfolgen sie aus palästinensischer Sicht. Das ist so positiv wie die ruhige, souveräne Erzählweise, der man bei aller Konventionalität gerne folgt. Zeithistorische Verwerfungen bilden stets nur den Rahmen des Familienlebens, bekommen aber niemals wirklich Platz in der Geschichte. Ein wenig bedauerlich finde ich, dass die Autorin ihre Geschichte an keiner Stelle aus ihrer doch recht engen Perspektive auf eine wohlhabende palästinensische Familie mit all ihren Möglichkeiten und Verbindungen öffnet. Weder in andere Gesellschaftsschichten, noch gar auf die israelische Seite des Konflikts wird ein Blick geworfen. Und so wird aus „Häuser aus Sand“ niemals mehr als eine schön erzählte Familien- und Frauengeschichte. Das ist ein wenig schade.

Bewertung vom 17.06.2018
Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10
Klüpfel, Volker; Kobr, Michael

Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10


sehr gut

Kommissar Kluftinger hat seit fünfzehn Jahren eine große Fangemeinde. Bodenständig wie er ist, reichlich altmodisch und starrköpfig dreht sich bei ihm (fast) alles um die Familie. Seine Frau Erika, die ihm die besten Kaasspatzen der Welt kocht, Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko, die gerade Eltern geworden sind und der langjährige Freund/Feind Doktor Langhammer – sie sind dem Leser schon lange ans Herz gewachsen. Deswegen nehmen auch familiäre Abschnitte in den Büchern zunehmend Raum ein. So beginnt auch der neue Fall mit einem Besuch der ganzen Familie zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Das Entsetzen ist groß, als man dort ein frisches Grab entdeckt, auf dessen Grabkreuz Kluftingers Name, Geburts- und Todesdatum stehen. Ein Scherz? Wohl kaum, die Drohungen mehren sich und schließlich kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.

Auch hier entfaltet sich die Spannung nur sehr gemächlich. Es geht in Kluftingers Vergangenheit, von der wir so einiges erfahren und, nun endlich im 10. Band, wird auch das Geheimnis um seinen Vornamen gelüftet. Wie gewohnt sparen die Autoren auch nicht an Klamauk und stereotypen Situationen und Charakteren. Sie verlassen dabei aber nie ein solides Niveau, wie leider mittlerweile so mancher Regionalkrimi. Und dass Kluftinger beinahe den Hubertus Jennerwein anstatt Kollege Maier eingestellt hätte, erweist einem zweiten bayrischen Kommissar, eben jenem Jennerwein aus der Feder von Jörg Maurer, eine vergnüglich-ironische Referenz. Auch er einer der wenigen empfehlenswerten Regionalermittler.

„Kluftinger“ macht Spaß, auch wenn es an einigen Ecken knirscht in Sachen Schlüssigkeit und die Spannung ein wenig kurz kommt. Wer noch nicht Teil der Kluftinger-Gemeinde ist, wird es mit diesem Teil eher nicht werden. Für alle anderen ist es ein amüsantes, kurzweiliges Wiedersehen.

1 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.05.2018
Eine Liebe, in Gedanken
Bilkau, Kristine

Eine Liebe, in Gedanken


ausgezeichnet

Ein Buch, das mich sehr begeistert hat: "Eine Liebe in Gedanken" von @kristinebilkau. Ich weiß gar nicht, welchen Strang ich am schönsten fand. Die Liebesgeschichte von Mutter Antonia zu Edgar in den Sechziger Jahren, die auf so leise wie ungreifbare Weise scheitert? Oder die Spurensuche der Ich-Erzählerin nach dem Tod der Mutter, in Briefen, Fotos, Lebenszeugnissen? Oder auch der Abschied von der eigenen Tochter, die nun nach dem Abitur eigene Wege gehen wird - Kindheit, solch eine schnell vergehende Episode. Vielleicht aber doch die Bilder der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, deren Ausstellung die Erzählerin vorbereitet und in deren unabhängigem, aber auch tragischem Leben sich das Leben der Mutter immer wieder spiegelt. Alles zusammen ergibt einen so einfühlsamen wie kitschfreien, so behutsamen wie klugen Roman. Unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 03.04.2018
All die Jahre
Sullivan, J. Courtney

All die Jahre


ausgezeichnet

Bei der Totenwache und der Beerdigung des bei einem Verkehrsunfall getöteten Patrick treffen alle Familienmitglieder aufeinander, auch Theresa, die Tante, verlässt die Klausur des Klosters. Erinnerungen werden lebendig, alte Verletzungen aufgerissen, Bindungen erneuert, Geheimnisse kommen ans Licht, der schon Verstorbenen wird gedacht.
Das ist alles natürlich nicht grundlegend neu. Aber J. Courtney Sullivan erzählt gut. Sie ist psychologisch feinfühlig und genau und dicht dran an ihren Personen. Sie wechselt die Perspektive ihrer allwissenden Erzählstimme, verschränkt die Zeitebenen mühelos. Zentral stellt sie die Frage nach der Offenheit in Familien, nach dem Verschweigen, dem nicht miteinander reden können, nach Pflichtgefühl und Liebe, vor allem aber auch nach Vergebung, nach verzeihen können. Sullivan bewertet nicht, beantwortet diese Fragen auch nicht. Sie erzählt. Und das ganz ausgezeichnet.

Bewertung vom 03.04.2018
Die Herzen der Männer
Butler, Nickolas

Die Herzen der Männer


sehr gut

Die Herzen der Männer - wer möchte da nicht mal hineinschauen. Ich habe anfangs ein wenig gezögert. Pfadfinder, alte amerikanische Tugenden, Sommerlager, Söhne im Konflikt mit ihren meist abwesenden Vätern, und das über 60 Jahre, kein ganz neues Thema. Aber Nickolas Butler hat mich mit seinem Ton, der schlicht, gefühlvoll, aber nicht pathetisch ist, und seinem Blick, in dem durchaus auch die Frauen im Mittelpunkt stehen, sehr überzeugt. Eine Freundschaftsgeschichte, eine Familiengeschichte, aber auch ein durchaus kritischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft.