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sleepwalker

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Insgesamt 541 Bewertungen
Bewertung vom 21.11.2025
Ægisdóttir, Eva Björg

Verschworen / Mörderisches Island Bd.5


ausgezeichnet

»Die Morde in diesem Land sind schlampig und stümperhaft. Werden unter Einfluss von Alkohol oder Medikamenten durchgeführt und passieren meist innerhalb von Familien.« Dass aber auch auf Island Morde durchaus minutiös geplant sein können, zeigt „Verschworen“, der fünfte Teil der Reihe Mörderisches Island von Eva Björg Ægisdóttir. In diesem Teil ist Elma wieder da! Und für alle, die sie im vierten Teil vermisst haben, sei gesagt: sie ist in Topform! Natürlich gibt es wieder Tote, es wird ermittelt, und auch das Privatleben von Elma, Sævar und Hörður kommt nicht zu kurz. Wie immer spielt die psychologische Komponente eine sehr große Rolle, was es für mich zu einem rundum gelungenen Buch macht.
Aber von vorn.
Þorgeir, der Sohn der Nachbarin von Elma und Sævar, wird in einem Ferienhaus in Akranes mit sieben Stichen getötet. Über der Leiche des Einundvierzigjährigen steht der Satz „Mit Blut nimm hinweg die Vergehen und Sünden, o Jesu“ an der Wand. Die Zeile stammt aus einem isländischen Kirchenlied. Erste Ermittlungen zeigen, dass Þorgeir vor seinem Tod nicht allein im Ferienhaus war. Wer ist die ominöse „Andrea“, mit der er sich nach Aussage von Freunden in letzter Zeit getroffen hatte? Woher stammt der riesige Blutfleck im Wohnzimmer, der mit Sicherheit älter als zwei Jahre ist? Elma ist frisch aus der Elternzeit zurück im Job, jetzt kümmert sich ihr Partner Sævar um die inzwischen siebenmonatige Tochter Adda. Er hat auf dem Dachboden ihres neugekauften Hauses eine Kiste gefunden, die der ehemalige Eigentümer zurückgelassen hat. Darin ist auch eine Art Tagebuch eines Jugendlichen. Er war 1995 in einem christlichen Ferienlager, in dem auch das Mordopfer Þorgeir war. In diesem Jahr ist dort ein Junge ums Leben gekommen. Haben die Vorfälle etwa miteinander zu tun? Sævars Vermutung wird zuerst belächelt, aber dann kommt es zu einem weiteren Mord. Und auch das Opfer dieses Verbrechens war seinerzeit im Ferienlager in Vatnaskógur.
Nachdem der vierte Teil der „Mörderisches Island“-Reihe eine Art Intermezzo ohne Elma war, ist sie jetzt wieder im Einsatz. Und wie sie das ist! Zwar hatte sie sich eine ruhigere Rückkehr nach ihrer Elternzeit gewünscht, aber auch in Island nehmen Verbrecher nicht unbedingt Rücksicht auf die Wünsche der Ermittler. Dennoch ist der Krimi eher ruhig und die Ermittlungsarbeit ist kompetent und gründlich. Die Charaktere sind sehr gut beschrieben und selbst die Täter haben eine sympathische Komponente. Die Autorin nimmt die Leserschaft in verschiedenen Zeitebenen mit ins Privatleben der Opfer und Täter und im Hier und Jetzt ins Leben von Elma und Sævar mit ihrer Tochter. Über das Wiedersehen mit Elmas Chef Hörður habe ich mich fast genauso gefreut, wie über das Wiedersehen mit Elma selbst. Hörður trauert auch ein Jahr nach ihrem Tod noch sehr um seine Ehefrau Gígja und schottet sich mehr und mehr ab.
Eine Erzählebene spielt 1995, rund um das christliche Ferienlager. Die Beschreibungen sind bedrückend und vage, die Leserschaft erfährt sehr wenig über die Geschehnisse, aber doch so viel, um die Spannung zu steigern. Obwohl man nicht weiß, wer Täter und wer Opfer ist, und ob es überhaupt ein Opfer gibt, wird man von der Geschichte gepackt und will einfach immer nur weiterlesen. Die zweite Erzählebene spielt 25 Jahre später und umfasst die etwa zweiwöchige Ermittlungszeit, allerdings aus verschiedenen Perspektiven. Der Spannungsbogen ist subtil hoch, allerdings weiß man als Leser:in immer ein bisschen mehr als die Ermittelnden. Obwohl alles überwiegend unblutig und sachlich beschrieben wird, hat man beim Lesen ständig ein ungutes Gefühl.
Die Themen, die Eva Björg Ægisdóttir anspricht, sind unter anderem Mobbing, toxische Beziehungen, Korruption, Familientragödien und Trauer. Als wären diese Themen nicht schwer genug, wartet die Autorin auch noch mit einer konstant düsteren Atmosphäre auf. Ich habe alle Teile der Serie gelesen, man kann die Bücher sicher auch unabhängig voneinander lesen, allerdings sind die Personen so miteinander verflochten, dass die Lektüre sicher mehr Spaß macht, wenn man sie alle in der richtigen Reihenfolge liest. Dieser Band endet mit einem losen Ende, das mich ungeduldig auf den nächsten Teil warten lässt: Sævar, Elmas Mann, hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn jetzt einzuholen droht.
Dieses Buch empfehle ich allen Freunden von gut geschriebenen Krimis mit psychologischer Komponente, sympathischen Charakteren und der speziellen Atmosphäre Islands. Fünf Sterne von mir.

Bewertung vom 21.11.2025
Ehley, Eva

Bitteres Ende / Sylt Bd.11


gut

Dass man als Literaturkritiker gefährlich lebt, war mir bislang nicht bewusst. Konrad Otze, das Opfer in Eva Ehleys elftem Sylt-Krimi „Bitteres Ende“, ist Literaturkritiker und lebte von Verrissen. Aus einer Menge Verdächtigen strickt die Autorin einen mäßig spannenden und mäßig logischen Krimi, der mich eher unbefriedigt zurücklässt. Am ehesten hat mich noch die Beschreibung der Landschaft aus Sylt überzeugt.
Aber von vorn.
Ein einwöchiges literarisches Colloquium endet damit, dass der anwesende Literaturkritiker Konrad Otze an der Kampener Vogelkoje mit sechs im Körper steckenden Messern aufgefunden wird. Die Rettungskräfte können ihn nur noch tot bergen. Die örtlichen Kommissare Silja Blanck, Bastian Kreuzer und Sven Winterberg fangen an zu ermitteln. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf den sechs Teilnehmenden des Colloquiums, da Otze als Kritiker jeden davon gegen sich aufgebracht hatte. War es die Kinderbuchautorin oder der empfindsam scheinende Lyriker? Die Talkmasterin, die Ratgeberautorin oder doch die Nachwuchsautorin? Da die Ermittelnden bei der schreibenden Zunft in einer Sackgasse stecken, müssen sie den Kreis der Verdächtigen auch auf die Mitarbeitenden der Cateringfirma erweitern. Über allem steht aber die Frage nach dem Motiv.
Nachdem ich von „Böser Abschied“ aus der Sylt-Krimi Reihe von Eva Ehley sehr angetan war, war ich auf „Bitteres Ende“ sehr gespannt. Mehrfach musste ich nachsehen, ob es von derselben Autorin stammt und ob es dieselben Ermittelnden sind. Was wurde aus dem kompetenten Gespann des Buchs, das ich so gern gelesen habe? Wurden die Personen in der Zwischenzeit ausgetauscht? Bastian Kreuzer weiß nicht, was GHB ist? Er hat noch nie von den bekanntesten aller KO-Tropfen gehört? Staatsanwältin Elsbeth von Bispingen sagt ernsthaft „Also ein vorsätzlicher Mord“. Ach herrje. Mord setzt immer Vorsatz voraus – so will es das Gesetz! Hätte es mich nicht brennend interessiert, wer den Literaturkritiker ermordet hat, hätte ich spätestens an der Stelle aufgehört zu lesen.
Insgesamt ist der Spannungsbogen bei dem Buch nicht übermäßig hoch, aber doch so hoch, dass ich unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht. Sprachlich ist es angenehm zu lesen, die Charaktere blieben mir dieses Mal sehr fremd. Bei den Ermittlungen scheint oft der Zufall sehr viel nachzuhelfen, da bin ich von der Autorin besseres gewohnt, das Ermittlerteam wirkt an vielen Stellen eher inkompetent und hilflos. Die Teilnehmer des Colloquiums sind sehr klischeehaft dargestellt, wobei ich mich bei der Lektüre die ganze Zeit gefragt habe, ob das ein charmantes Element ist oder schlicht platt. Schon die Zusammenstellung der Vertreter der verschiedenen Genres ist so stereotyp, dass ich mich noch am ehesten mit dem Inseljournalisten Fred Hübner anfreunden konnte, der als einziger authentisch wirkt und weiß, was er tut und auch, was er will.
Sprachlich liegt mir das Buch zum Teil nicht wirklich. Da werden unter anderem Verabredungen und Telefongespräche gecancelt, Telefonate werden aber auch durch „Abhängen“ beendet. Der Schluss des Buchs ist okay und stimmig, wenn auch für mich wirklich weit hergeholt und ein bisschen sehr melodramatisch ist. Nach sehr viel Herumgestochere im Sylter Nebel kommt er für mich auch ein bisschen plötzlich, insgesamt umfasst die Handlung vier Tage. Aber es bleiben keine Fragen offen, das ist ja auch viel wert, zumal der 12. Teil der Reihe schon im Regal auf mich wartet. Ich hoffe, der kann mich wieder mehr packen, für „Bitteres Ende“ gibt es von mir drei Sterne.

Bewertung vom 21.11.2025
Dröscher, Daniela

Junge Frau mit Katze


weniger gut

Nach „Lügen über meine Mutter“ hat Daniela Dröscher jetzt mit „Junge Frau mit Katze“ eine Art Fortsetzung vorgelegt. Ich war auf das Buch sehr gespannt, aber jetzt, wo ich es durchgelesen habe, lässt es mich zwiegespalten zurück. Sprachlich ist es angenehm zu lesen, inhaltlich finde ich es in vielerlei Hinsicht schwierig.
Aber von vorn.
Ela liegt in den letzten Zügen ihrer Promotion. Sie hat ihre Dissertationsschrift abgegeben, jetzt steht noch die mündliche Verteidigung an. Ihr Körper droht, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Auf eine Kehlkopfentzündung folgen verschiedenste Krankheitssymptome und eine Ärzte-Odyssee samt Untersuchungsmarathon. Unterstützt wird sie von ihrer Freundin Leo und ihrem namenlosen Bruder. Der lebt aber mit seinem Lebensgefährten in London, steht selbst kurz vor der Heirat, aber er hilft Ela im Rahmen seiner Möglichkeiten so gut er kann. Mit ihrer Mutter verkehrt Ela telefonisch, ihre Gespräche drehen sich überwiegend um Krankheiten.
Da ich selbst mit einem Hypochonder in der Familie aufgewachsen bin, weiß ich, wie viel Raum die Psyche bei Krankheiten einnehmen kann. Die Arztbesuche, das Hineinhorchen in den eigenen Körper auf der Suche nach Symptomen, nur, um dann die gestellten Diagnosen sofort in Frage zu stellen – das ist mir alles bekannt. Auch bei Daniela Dröschers Protagonistin Ela ist es nicht anders, wobei sie dazu auch noch sehr widersprüchlich und reichlich medizinisch unbedarft daher kommt. Bei meiner eigenen Hashimoto-Diagnose habe ich mich in die Literatur gekniet, alles gelesen, was mir unter die Finger kam. Auch habe ich die Hormone einfach genommen, die mir der Arzt verschrieben hat, denn nur die Medikamente, die man nimmt, können auch wirken! Aber gut, da ist jeder wohl anders.
Mir ging ihr „Ärzte-Hopping“ leider ein bisschen auf die Nerven, zumal sie sich auch auf Anregung ihrer Freundin Leo an eine Heilpraktikerin wendet, die ihr etwas von Chakren und Akupunktur vorschwurbelt. Außerdem schreibt sie, die Dosierung ihres Schilddrüsenhormons sei 25 Milligramm. Diese Hormone gibt es ausschließlich in Mikrogramm-Dosen. Und dann noch das gern genommene Chemie-Bashing. Bei dem Spray zur Behandlung ihrer Kehlkopfentzündung konstatiert sie „Es schmeckte widerwärtig, nach Chemie.“ Alles auf dieser Welt ist Chemie, nicht zuletzt auch Luft und Wasser. Und überhaupt, wie schmeckt Chemie eigentlich?
Ein kleines Bisschen Gesellschaftskritik findet sich erfreulicherweise im Buch auch. Das, was Dr. Wilhelm sagt, hat nämlich im Großen und Ganzen Hand und Fuß. Vor allem, dass zu wenig geforscht wird, weil Frauen in der Medizin weniger vorkommen als Männer. „Hashimoto ist eine Frauenkrankheit“ – da stimme ich ihm zwar nicht komplett zu, es reicht aber aus, um mangelnde Forschung zu erklären. Dass Frauen weniger ernst genommen werden, wenn sie krank sind, ist kein Geheimnis und das erfährt auch Ela immer wieder. Allerdings ist sie für viele ihrer Ärzte und ihre Therapeutin auch sehr anstrengend und dass sie dazu neigt, empfohlene Therapien zu verweigern, macht die Sache nicht einfacher. Beeindruckend fand ich allerdings, dass sie aufwändige Untersuchungen wie EEG, MRT und Magenspiegelung problemlos und ohne lange Wartezeiten zu bekommen scheint.
Sprachlich fand ich das Buch sehr angenehm zu lesen, der Inhalt war leider nichts für mich und der Protagonistin konnte ich nichts abgewinnen. Obwohl wir uns in vielen Dingen ähneln, konnte ich für sie keinerlei Sympathie empfinden oder gar Nähe zu ihr aufbauen. Da konnte weder die Liebesgeschichte noch der Schluss etwas retten, obwohl ich den metaphorisch sehr stimmig fand: Mutter und Tochter beim gemeinsamen „sich Freischwimmen“. Von mir gibt es zwei Sterne.

Bewertung vom 07.11.2025
Freudenthaler, Peter;Frölich, Michaela

Mein Leben als Zitronenbaum


ausgezeichnet

Oft stolpere ich in den sozialen Medien über die Frage: „Welches war das schlimmste Lied der 1990er und warum ist es Lemon Tree?“ Da werde ich nicht müde, für den Song und Fools Garden, die Band dahinter, einzustehen. Ich mag das Lied nämlich gern, daher habe ich auch „Mein Leben als Zitronenbaum – Die Lemon Tree-Story: Fools Garden der Welthit und ich“ mit Freude gelesen. In diesem Buch erzählt Sänger und Songschreiber Peter Freudenthaler die Geschichte der Band, eingebaut in die Geschichte seines eigenen Lebens, aufgezeichnet wurde das alles von Michaela Frölich. Ob man „Lemon Tree“ nun mag oder nicht, Fakt ist: es war ein Welthit und obwohl die Band mit keinem ihrer weiteren elf Alben an den Erfolg anknüpfen konnte, wäre es falsch, sie als „One-Hit-Wonder“ zu bezeichnen, denn da ist noch viel mehr mehr als der Zitronenbaum.
Aber von vorn.
Peter Freudenthaler wurde 1963 in Pforzheim geboren, Musik war schon immer ein wichtiger Teil seines Lebens. Nach dem Abitur machte er seinen Zivildienst, anschließend lernte er für ein Jahr Schreiner, eine Voraussetzung für seine Traum-Ausbildung zum Klavierbauer bei C. Bechstein. Nach dem Abschluss schrieb er sich für ein Studium der Medientechnik in Stuttgart ein, dort traf er Volker Hinkel, der später eines der Gründungsmitglieder von Fool’s Garden sein sollte. Die beiden waren musikalisch auf einer Wellenlänge, sodass Peter Freudenthaler damals schon wusste: „Das hier war der Beginn eines neuen Kapitels, für uns beide.“ Der Rest ist Geschichte. 1996 startete Fool’s Garden (damals noch mit Apostroph) durch. Es wurde „Das erste Jahr der allerersten Male“. Die Single „Lemon Tree“ und das Album „Dish of the day“ führten die Charts an. Freudenthaler erzählt von großen Erfolgen und den Schattenseiten des Erfolgs. Mit viel Enthusiasmus beschreibt er das Gefühl, plötzlich auf der Straße erkannt zu werden, aber auch von schlechten Kritiken und den Schattenseiten des Ruhms.
Das Buch ist sprachlich bodenständig, gut strukturiert und die vielen Anekdoten machen es wirklich interessant zu lesen. Ein paar Stellen hätten für mich mehr Einordnung gebraucht. „Dann kam die erste große Samstagabendshow: Stars ’96, live aus dem Kurhaus in Baden-Baden, moderiert von Eva Herman (die damals noch moderieren durfte).“ – da fehlt mir der Kontext, warum sie nicht mehr moderieren darf. Ebenso fehlt mir die Einordnung bei dem anthroposophischen Altersheim, in dem er seinen Zivildienst ableistete. Er sagt zwar „Ich hatte keine Ahnung, was sich hinter dieser geistigen Ausrichtung verbarg“, geht aber nicht näher darauf ein, was sich denn nun dahinter verbirgt. „Ich war ein sehr verträumtes Kind und lebte oft in meiner eigenen Welt. Heute würde man wahrscheinlich sagen, dass ich leicht autistische Züge hatte“ – so funktioniert Autismus leider nicht, auch das sollte man so nicht in den Raum stellen.
Abgesehen davon fand ich das Buch wirklich eine lohnende Lektüre. Sprachlich ist das Buch sehr angenehm, beeindruckend fand ich vor allem, dass Peter Freudenthaler kein böses Wort verliert. Nicht über Menschen, die beim Vertragsabschluss 1995 ihre Naivität ausnutzten und auch nicht über die beiden Bandmitglieder, die irgendwann „ihr eigenes Ding“ machen wollten. „Schließlich nahmen Thomas und Roland eigene Songs auf und reichten sie, ohne uns darüber zu informieren, bei unserer damaligen Plattenfirma ein. Das empfanden wir als Vertrauensbruch“ – schärfer wird sein Tonfall auch da nicht. Allerdings trennten sich Fools Garden 2003 und Freudenthaler tourt seitdem überwiegend mit Volker Hinkel als Duo.
Gerührt hat mich die Wärme, mit der er von seinen drei Kindern und vor allem von seinen inzwischen verstorbenen Eltern erzählt. Interessant fand ich auch die Ausführungen, wie er seine Stücke schreibt: „Unsere Philosophie war simpel: Wenn uns etwas in den Kopf kam, machten wir einen Song daraus, egal, ob es zu dem passte, was wir vorher aufgenommen hatten oder nicht.“ Bei mir läuft seit ein paar Tagen fast pausenlos „Dish of the day“ (aber nicht „Lemon Tree“, sondern „Ordinary Man“), ich schwelge mit Peter Freudenthaler in Erinnerungen und bin dankbar dafür, dass er mich auf seinen Ausflug in die Vergangenheit mitgenommen hat, denn seine Erinnerungen sind ein Teil meines Erwachsenwerdens. Wegen der fehlenden Einordnung mancher Dinge und der QR-Codes und Links im Buch ziehe ich einen halben Stern ab, aufgerundet vergebe ich aber fünf Sterne.

Bewertung vom 07.11.2025
Alber, Wolfgang;Carolin, Albers

Alb


ausgezeichnet

Wenn sich der Autor Wolfgang Alber und die Fotografin Caroline Albers zusammentun, dann kann das Buch definitiv nur „Alb“ heißen. Und bei dem Titel ist der Name Programm: es geht um die Alb. Genauer gesagt, um Wanderungen zu den 20 schönsten literarischen Schauplätzen des schwäbischen Mittelgebirges. Literarische Einblicke kombiniert mit eindrucksvollen Fotos – das Buch mach Freude!
Lang ist es her, dass ich zuletzt auf der Alb gewandert bin. Meine Oma erzählte von ihren Wandertagen in den 1930er-Jahren von Pfullingen zum Lichtenstein. Als Kind haben mich meine Eltern dazu gezwungen, auf die „Unterhose“ oder zur Wurmlinger Kapelle zu wandern. Hätten ich damals schon „Alb“ von Wolfgang Alber und Carolin Albers gekannt, hätten mich die Spaziergänge allerdings genauso wenig gelockt, denn tatsächlich haben mich Geschichte und Literatur damals noch weniger interessiert. Käme ich heute noch einmal in die alte Heimat, wäre das anders – ich würde mit Begeisterung auf den Spuren von Friedrich Hölderlin zum Ulrichstein wandern, auf den Roßberg klettern oder mit Wilhelm Hauff zum Lichtenstein gehen und in die Nebelhöhle steigen.
Obwohl Wolfgang Alber und Caroline Albers ihr Publikum auch mit in Richtung Kirchheim, auf die Teck, zur Burgruine Hohenstaufen bei Göppingen, nach Geislingen, Ulm und Sigmaringen nehmen und auch mit Manfred Mai im Winter durch Winterlingen spazieren – meine Favoriten sind auf der Alb rund um Reutlingen. Obwohl ich inzwischen an der holländischen Grenze im Selfkant wohne, sind meine Wurzeln dort. In Reutlingen wurde ich geboren, daher wurde ich die Beschreibungen der Wanderung von der Albstadt zur Burgruine Achalm ganz nostalgisch und auch das Kapitel „In der Zauberwerkstatt“, das die Leserschaft mit in den Pfullinger Klostergarten mitnimmt, machte mich sentimental. Wie oft war ich als Kind bei meiner Patentante „Im Klostergarten“? Schmunzeln musste ich über das Ernst-Jünger-Zitat „Nennen Sie Ihren Namen. Und was den Ort anbelangt, so ist das Jacke wie Hose, wo Sie sitzen. Haben Sie gute Sachen, so können Sie die in Pfullingen machen. Machen Sie in Pfullingen nichts, so könnten Sie auch in Berlin sitzen und würden nicht auffallen.“
So gar nicht zum Schmunzeln war das Kapitel über Grafeneck, vom barocken Lustschloss zum NS-Vernichtungszentrum, wo die Nazis 10.654 Menschen ermordeten. „Zuvor hatte man sie unter dem Begriff »lebensunwertes Leben« stigmatisiert und ausgesondert. Es war der Beginn des industriellen Massenmordes.“ Ein Kapitel, das heute wichtiger ist, denn je, denn nie wieder ist jetzt!
Ganz unabhängig davon, ob ich die Wanderungen in „Alb“ auf der Alb jemals tatsächlich wandern werde, habe ich das Buch sehr genossen. Die fantastischen Bilder und die ausführlichen Texte führten mich nicht nur auf die geografische Alb, sondern auch in meine Kindheit und näher zu meinen Wurzeln. Das Buch brachte mir Geografie und Geschichte meiner Heimat viel näher, als ich es mir hätte vorstellen können. Von mir fünf Sterne.

Bewertung vom 25.10.2025
Kuttner, Sarah

Mama & Sam


ausgezeichnet

In diversen Fernseh-Formaten wurden sie schon aufgegriffen, wer in den sozialen Medien unterwegs ist, kennt sie ohnehin: Love-Scammer. Vermeintlich nette Menschen, die unschuldigen und naiven (meist weiblichen) Mitmenschen die große Liebe vorgaukeln, nach und nach Geld von ihnen erst erbitten, dann fordern und zuletzt durch Androhungen wie „sonst tue ich mir etwas an“ erpressen. Zuletzt lassen sie diese dann aus heiterem Himmel pleite und psychisch am Boden zurück. In „Mama & Sam“ spürt Sarah Kuttner so einem Scammer nach, denn er hat ihre Mutter belogen und um mehr als 100.000 Euro betrogen. Ihre Mutter kann sie nicht mehr fragen, denn diese starb, bevor sie irgendetwas aufklären konnte. Ein Buch, das nachdenklich und fassungslos macht.
Aber von vorn. Sarah Kuttners Mutter starb völlig überraschend, sie war allein zu Hause, als sie im Flur umfiel, ihre Leiche wurde erst entdeckt, als den Nachbarn der Geruch auffiel. Obwohl Sarah Kuttner das Erbe ausschlägt, kann sie einiges am Nachlass sichten. Sie hat Zugriff auf die Chatprotokolle ihrer Mutter, denn diese war auf einen Love-Scammer hereingefallen. Der hatte sich nicht irgendeine Identität zugelegt, er behauptete, er sei Sam Heughan, Schauspieler, Hauptdarsteller der Serie „Outlander“ und jemand, der bei Instagram vier Millionen Follower hat. Wer sich hinter der Fake-Identität verbarg, ist bis heute nicht geklärt. Fakt ist nur, dass er es nicht nur geschafft hat, die Mutter vollkommen von ihrer Schwester und ihrer Tochter zu entfremden, sondern auch, von der 68-Jährigen innerhalb von acht Monaten über 100.000 Euro zu ergaunern. Sarah Kuttner und ihrer Tante gelingt es nicht, ihrer Mutter klar zu machen, dass sich hinter dem vermeintlichen berühmten Schauspieler vermutlich mehrere Romance-Scammer aus afrikanischen Ländern, maßgeblich aus Westafrika, verbergen. Die Mutter blieb beratungsresistent. Eingesponnen in ein Netz aus Lügen, aufrechterhalten durch Chats, Mails und Videos, schickte „ihrem Samy“ unzählige Apple-Gutscheinkarten, nimmt für ihn einen Kredit auf und kündigt ihre Lebensversicherung.
„Mama & Sam“ ist mein erstes Buch von Sarah Kuttner und, obwohl ich es wirklich gut fand, werde wohl kein Fan werden. Inhaltlich hat das Buch mich vollauf begeistert, aber ihre Sprache liegt mir nicht. Sie ist mir so forsch, zu flapsig und alles in allem etwas unstrukturiert (dafür kann die Autorin nichts, aber ihr ADHS und mein ADHS harmonieren nicht miteinander). Aber ihre Trauerbewältigung, gespickt mit Auszügen aus den Chats ihrer Mutter mit dem Scammer und ein paar Ausflügen in ihre Kindheit, hat mich tief berührt. Nicht zuletzt, weil meine Nachbarn in letzter Zeit mehrfach mit Schock-Anrufen zu tun hatten und ich selbst schon mit Scammern gechattet habe, ging mir das Buch sehr an die Nieren – ich habe mal wieder erkannt, wie viel Glück ich gehabt habe.
Sehr hilfreich finde ich auch das Nachwort. Darin gibt die Autorin sehr gute Tipps für den Umgang mit Menschen, die auf Love-Scammer hereingefallen sind. Sie schildert, welche psychologischen Dynamiken dahinterstecken und wie abgebrüht die Täter sind. Sie zeigt auf, dass die Opfer eben das sind: Opfer. Dass sie nicht „blöd“ sind, sondern eventuell so einsam und liebesbedürftig, dass sie sogar in Kauf nehmen, betrogen zu werden. So schrieb Sarah Kuttners Mutter an ihren vermeintlichen Sam „,wenn das hier wirklich ein Betrug ist, dann habe ich zumindest für ein paar tausend Dollar in einem viertel Jahr mehr liebevolle Worte gehört als in meinen anderen Beziehungen“.
Es ist ein Buch, das nachdenklich und betroffen macht. Das die Leserschaft dazu anhält, die Augen offen zu halten, sich zu engagieren und nicht entmutigen zu lassen. Viele von uns haben eine Mama oder einen Papa (auch Männer können Opfer werden), Onkels, Tanten oder gute Freunde, die auf skrupellose Betrüger im Internet hereinfallen können. Sie nicht aufzugeben, auch wenn sie beratungsresistent sind, das ist die große Kunst. Von mir gibt es für dieses Buch fünf Sterne.

Bewertung vom 24.10.2025
Reichl, Eva

Lügendorf


ausgezeichnet

„Lügendorf“ ist mein erstes Buch von Eva Reichl und ich bin wirklich traurig, dass ich die beiden anderen Teile der Trilogie (noch) nicht kenne. So bin ich ohne Vorkenntnisse in den Krimi gestolpert und bin froh, dass die Autorin alle Wissenslücken gewissenhaft füllt und ich keine Verständnisprobleme hatte. So konnte mich „Lügendorf“ vollauf begeistern.
Aber von vorn.
Diana Heller hat sich in dem Dorf im Mühlviertel, in dem sie aufgewachsen ist, ein altes renovierungsbedürftiges Haus gekauft. Vorher hatte sie mit ihrem Mann auf dem elterlichen Hof gelebt. Nach dem Tod ihres Mannes (Thema im Krimi „Todesdorf“) hat ihr Bruder Alexander den Hof zusammen mit seinem Lebensgefährten Florian übernommen. Diana renoviert ihr neues Zuhause und auf einem Spaziergang trifft sie auf drei Kinder, die an einem Bachufer menschliche Knochen gefunden haben. Schnell wird klar, dass es sich bei dem Skelett um die vor 14 Jahren verschwundene Stefanie Sipenthaler handelt. Alle hatten geglaubt, Stefanie sei einfach nur weggelaufen, aber jetzt ist klar: sie wurde erschlagen, denn ihr Schädel weist schwere Brüche auf. Diana, Stefanie und Nora waren damals in einer Klasse und mehr oder weniger befreundet, hauptsächlich war Diana aber von Stefanie drangsaliert worden. Nora war mit beiden befreundet und ist inzwischen eine enge Freundin von Diana. Da Stefanie vor ihrem Verschwinden unschöne Dinge über Nora in ihr Tagebuch geschrieben hat, wird sie für die Polizei schnell zur Hauptverdächtigen. Aber auch Diana rückt in den Fokus der Ermittler und muss selbst anfangen, den Mörder zu suchen.
„Lügendorf“ ist sowohl ein Titel, der gut in die Serie passt (die anderen Bücher heißen „Todesdorf“ und „Rachedorf“), als auch ein Titel, der das Buch hervorragend zusammenfasst. In diesem Dorf gibt es so viele Lügen, dass es mir beim Lesen ganz schwindelig wurde. Gewöhnungsbedürftig fand ich den österreichischen Dialekt, in dem die Autorin manche Dialoge schreibt, aber, Hut ab dafür, dass sie es kann. Manches musste ich mir laut vorlesen, was das Verständnis erleichterte. Das macht das Buch sprachlich sehr besonders. Das Konstrukt „Dorfleben“ beschreibt sie hervorragend, ich lebe in einem Dorf mit etwa 200 Einwohnern und kann es beurteilen. Dorftratsch ist hier mindestens mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs, wenn nicht noch schneller und Gerüchte sind hartnäckig und schwer aus der Welt zu schaffen.
Dass dieser Krimi mich so packen würde und ich ihn so dermaßen spannend finden würde, hat mich wirklich überrascht. Zwar hatte ich schnell eine Ahnung, wer der Täter ist, aber das tat der Spannung für ich keinen Abbruch. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und muss dringend die beiden anderen Teile der Serie auch noch lesen. Mit Diana Heller hat Eva Reichl eine ganz besondere Protagonistin geschaffen. Sie ist sehr weit davon entfernt, eine Heldin zu sein, sie ist nicht einmal wirklich sympathisch. Aber sie ist bodenständig, arbeitet fleißig an der Renovierung ihres Hauses und ist in Dorf und Familie fest verwurzelt. Sie hat im Dorf keinen leichten Stand und einige Päckchen zu tragen, kämpft sich aber durch. Die anderen Charaktere sind neben ihr ein bisschen blass, aber durchaus dreidimensional dargestellt.
Beim Täter hatte ich schon sehr früh den richtigen Riecher, aber die Ermittlungen, die dann zur Lösung des Falls führen, fand ich trotzdem rasant spannend, zumal die Frage nach dem Motiv immer noch über allem schwebte und die Autorin einige Wendungen einbaut. Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Von mir fünf Sterne.

Bewertung vom 03.10.2025
Blazon, Nina

Hans Christian Andersen


ausgezeichnet

Meine erste Begegnung mit Hans Christian Andersen verursachte bei mir ein tiefsitzendes Trauma, denn seine „Eisprinzessin“ verfolgte mich sehr lang in meinen Alpträumen. „Hans Christian Andersen. Mit dem Märchendichter im Südwesten“ von Nina Blazon hat mich mit dem dänischen Schriftsteller versöhnt. Und das so sehr, dass ich beim nächsten Besuch in Dänemark unbedingt Odense besuchen muss.
Aber von vorn.
Hans Christian Andersen wurde 1805 in Odense auf der dänischen Insel Fünen geboren. 1819 machte er sich auf den Weg nach Kopenhagen, das war nur eine seiner vielen Reisen. Die erste unternahm er, um in der Hauptstadt Schauspieler zu werden. Das klappte nur mäßig und er hatte das Glück, nach seinem Rausschmiss aus der Elevenschule 1822 einen Gönner zu haben, der ihm höhere Bildung ermöglichte. Der Finanzbeamte Jonas Collin sorgte dafür, dass der magere, hochgewachsene Junge aus der Provinz die Lateinschule in Slagelse besuchen konnte. Anschließend besuchte er die Lateinschule in Helsingør und später die Universität in Kopenhagen. Seine Passionen Schreiben und Reisen begleiteten ihn ein Leben lang. Aus Dankbarkeit nimmt er erst Söhne seines Gönners Collin mit in die Ferne, später auch einen Enkel. Selbst nie verheiratet, war Andersen wohl des Öfteren verliebt – in Frauen und Männer gleichermaßen. Nina Blazon wandelt auf den Spuren des Dichters im Südwesten der Bundesrepublik, zusammen mit den beiden besucht die Leserschaft unter anderem Heidelberg, Stuttgart und Wildbad, man reist gemeinsam in Kutsche und Diligence (Express-Kutsche) und in der Eisenbahn. Geschichten treffen bei den Reisen auf Geschichte. Der Bau des Ulmer Münsters, die Neu-Ordnung Europas durch Napoleon, das Aufkommen der Eisenbahn – das alles hat HC Andersen miterlebt, die Anekdoten hat er in seinem Tagebuch notiert oder in seinen Werken verarbeitet. Seine Reisen waren durch Treffen mit großen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik geprägt.
Man spürt die Begeisterung Andersens für das Reisen an sich, für die Sehenswürdigkeiten und für einige der Menschen, denen er begegnete. Und man spürt die Begeisterung Nina Blazons für Andersen. Und diese Begeisterung ist ansteckend. Sie beschreibt den Dichter sensibel und fast wie einen alten Freund. Sie geht nicht mit ihm ins Gericht, wenn seine Hypochondrie ihm Durchfall, Kopf- und Zahnschmerzen beschert, seine Angewohnheit, seine Wertsachen in den Schuhen zu verstecken, weiß sie ebenfalls zu erklären. Sie beruft sich dabei auf sein Tagebuch, das eigentlich gar nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht war. Darin schreibt er nämlich ungeschliffen und ganz sicher nicht druckreif. Aber er schreibt ehrlich und authentisch, ungeschönt und menschlich.
Sprachlich war das Buch für mich ein Hochgenuss und es brachte mir den Dichter so nahe, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Ich hätte noch ewig weiterlesen können. Ich empfehle das Buch Freunden von Biografien, dänischer Literatur, Märchen – eigentlich kann ich es jedem empfehlen, es ist ein wirkliches Highlight.

Bewertung vom 03.10.2025
Kling, Marc-Uwe;Henn, Astrid

Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat / Trubel bei Tiffany Bd.5


ausgezeichnet

Als wären Familienfeiern an sich nicht schon stressig genug – man muss ja auch noch anreisen. Wie so eine Anreise aussehen kann, hat Marc-Uwe Kling in „Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat“ sehr treffend beschrieben. Das Buch ist der fünfte Teil seiner „Trubel bei Tiffany“-Reihe. Ich habe das Hörbuch abends vor dem Einschlafen gehört und bin beinahe vor Lachen aus dem Bett gefallen. Für mich hätte es gerne noch viel länger sein dürfen.
Aber von vorn.
Tante Ilse will heiraten. Zum vierten Mal. Und dann auch noch in Wuppertal. Tiffany und Familie planen, mit dem Auto anzureisen, obwohl Opa Gerhard so viel lieber mit dem Zug gefahren wäre. Die Reise steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Mama ist genervt vom Packen. Papa hat einen Kratzer ins Auto gefahren, das er sich von seinem Chef geliehen hat und das hat auch noch der Nachbar gesehen. Oma sucht ihr Handy, Luisa hat Hormone und Tiffanys großer Bruder Max ist nach einer durchzechten Nacht etwas grün um die Nase. Tiffany hat als einzige gute Laune, muss aber immer mal wieder aufs Klo. Und dann wird Max auch noch schlecht. Mehrmals.
Vorab: das Buch und vor allem das Studio-Hörbuch sind für Emetophobiker absolut nicht geeignet. Die „schrägen Geräusche und Musik von Boris Löbsack“ triggern stark, die Live-Lesung ist da gemäßigter. Ich fand die Live-Lesung insgesamt besser, zwar werden beide vom Autor selbst gelesen, aber live spielt er mehr mit den Stimmen und das hat mich mehr abgeholt.
Ich kannte aus der Reihe bislang nur „Der Tag, an dem Tiffany das Wasser aus der Wanne geschaukelt hat“, aber natürlich kann man „Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat“ auch ohne Vorkenntnisse lesen/hören. Alle wichtigen Informationen werden in die neue Geschichte eingebaut, außerdem ein paar Querverweise auf andere Werke des Autors wie „Das Klugscheißerchen“ oder „Die Känguru-Chroniken“. Das Buch hat durchaus auch eine gewisse unerwartete Spannung. Wann wird Max kotzen? Wird Papa noch mehr Kratzer ins Auto fahren? Findet Oma ihr Handy? Lässt er Opa am Bahnhof aussteigen, damit der mit dem Zug fahren kann? Wann und wie oft muss Tiffany aufs Klo? Und wird jemand „Wann sind wir endlich da?“ fragen?
Autofahrten wie diese hat sicher jeder schon einmal erlebt, entweder aus Kinder- oder aus Erwachsenen-Perspektive. Bei vielen Stellen konnte ich daher nicken, vor allem, da mir beim Autofahren auch immer schlecht wir. Die Charaktere in der Geschichte sind detailliert und bildhaft ausgearbeitet und beschrieben. Sie sind alle so wunderbar stereotyp, dass es schon fast Kult ist. Das Hörbuch hat mich absolut begeistert, aber ich denke, Marc-Uwe Kling könnte auch das Wuppertaler Telefonbuch vorlesen, ich würde es mir anhören. Ich bin mir sicher, auch dort würde er noch Wortwitz und einen Hauch Gesellschaftskritik unterbringen. Von mir die volle Punktzahl.

Bewertung vom 03.10.2025
Johannsen, Anna

Das erkaufte Glück


gut

Mit „Das erkaufte Glück“ startet Anna Johannsen in eine neue Krimi-Serie. Ich kenne die Autorin bereits von den Büchern über die Inselkommissarin Lena Lorenzen, das Ermittlerduo Hanna Will und Jan de Bruyn und natürlich von ihren Enna Andersen-Krimis, daher war ich gespannt, was für eine Ermittlerin sie uns in der neuen Reihe serviert. Ich muss sagen, ich bin mit Lea Nielsen nicht wirklich warm geworden.
Aber von vorn.
Lea Nielsen hatte beim LKA in Hannover eine vielversprechende Karriere vor sich, gab ihre Stelle aber zugunsten eines Jobs in der Provinz, genauer gesagt, in Wittmund, Ostfriesland, auf. Warum sie diesen Schritt gegangen ist, weiß niemand außer ihr selbst. Ihr Vater Karl ist an Demenz erkrankt und, obwohl dieser die Familie im Stich gelassen hatte, als sie noch sehr jung war, möchte sie sich um ihn kümmern. Als dann Maya van Berg vermisst wird, steht Lea vor ihrer ersten Bewährungsprobe im neuen Job. Der Vermisstenfall wird erst als „weggelaufene 19Jährige“ behandelt. Aber kurze Zeit später wird ihr Auto in einem Wald gefunden, ganz in der Nähe liegt der Autoschlüssel. Und damit nicht genug: wenige Tage später bekommen ihre Eltern ein Erpresserschreiben. Die Entführer fordern eine Million Euro in kleinen Scheinen. Dazu verlangen sie von Mayas Mutter, die als Life Coach erfolgreich ist, eine schriftliche Erklärung an alle Kunden „was für eine durchtriebene und geldgeile Person“ sie sei. Tatsächlich ist Sonja van Berg absolut unkooperativ und verweigert die Zusammenarbeit mit der Polizei. Noch dazu erfüllt sie die Forderung der Entführer nicht zufriedenstellend und diese erhöhen das Lösegeld auf zwei Millionen, die Forderung wird durch ein Video der Entführten unterstrichen. Den Ermittlern läuft die Zeit davon.
Mit „Das erkaufte Glück“ hat Anna Johannsen das Rad nicht neu erfunden, aber ist ein bodenständiger Krimi, der mich gut unterhalten hat. Es war nett, mitzuraten, zumal der Krimi einige unerwartete Wendungen nimmt. Lokalkolorit spielt, wie in allen Büchern von Anna Johannsen, eine große Rolle. Mit ihrer neuen Ermittlerin hat die Autorin einen Charakter mit Ecken und Kanten geschaffen, der zu Alleingängen neigt und immer wieder fällt der Satz „es ist kompliziert“. Und genau das ist es: kompliziert. Für mich war das Buch eine Achterbahnfahrt aus Spannung, zu vielen ähnlichen Charakteren und jeder Menge Privatleben der Protagonistin. Diese Privatleben macht einen erheblichen Teil des Buchs aus, wobei Lea eben dieses vor den Kollegen geheim hält. Das Verhältnis zu den Kollegen ist ebenfalls kompliziert, sie fügt sich schlecht in das Team in Wittmund ein. Die Kollegen machen es ihr auch nicht leicht, sie trifft auf Mansplaining, Misogynie und Ablehnung.
Die Protagonistin ist gut beschrieben, leider fand ich sie nicht besonders sympathisch. Vermutlich brauche ich noch ein oder zwei Bücher mit ihr, um mich an sie zu gewöhnen. Vor allem der Spagat zwischen beruflicher Herausforderung und der Belastung durch ihren demenzkranken Vater ist sehr gut dargestellt und gibt ihr eine menschliche Komponente. Ihre Überforderung ist einer der wenigen Punkte, der sie für mich nahbar machen. Sonst weiß ich noch nicht, was ich von der Polizeibeamtin, die die Polizeischule nach dem ersten juristischen Staatsexamen besucht hat, halten soll. Die meisten anderen Charaktere sind eher blass, abgesehen von Leas Freund Jan, ihrem Vater Karl und Sonja, der Mutter der vermissten Maya. Diese Personen werden sehr detailreich beschrieben. Sehr viele Details widmet Anna Johannsen auch Sonja van Berg, der verschwurbelt angehauchten Mutter, die als Life Coach reich geworden ist.
Obwohl das Buch ein solider Krimi, sprachlich gut geschrieben und leicht zu lesen ist, fehlte mir über weite Strecken die Spannung, selbst eine Verfolgungsjagd konnte mich nicht wirklich packen. Für mich schaffte „Das erkaufte Glück“ die Balance zwischen Roman und Krimi nicht ganz, da das Privatleben der Ermittlerin und das Kompetenzgerangel in der Dienststelle viel Platz einnehmen. Da verkommen die komplizierten und komplexen Ermittlungen manchmal fast zur Nebensache, was ich sehr schade finde.
Aber natürlich werde ich auch diese Serie weiterverfolgen. Von mir gibt es für den Auftakt drei Sterne.