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Benutzername: R. S.


Bewertungen

Insgesamt 21 Bewertungen
Bewertung vom 31.08.2019
Ein anderer Takt
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt


ausgezeichnet

William Melvin Kelley ist einer dieser Autoren, die erst nach dem Tod Bekanntheit erlangen – jedoch nicht annähernd in der Form, wie er es verdient hätte. Im Vorwort wird er in einem Satz mit James Baldwin und anderen großen Weltliteraten genannt, allerdings nur bezogen auf sein Schreibtalent, nicht auf seine Popularität.

„Ein anderer Takt“ gilt gemeinhin als sein bekanntestes Werk, was umso erstaunlicher ist, da es sich hier um ein Debüt handelt und zu einer Zeit erschien, in der die Rassentrennung immer noch ein großes Thema war (nicht, dass sie das nicht heute auch noch wäre).

In seinem Roman entwirft Kelley ein Szenario, das sich für mich absolut neu las. Aufgrund eines Ereignisses verlassen alle dunkelhäutigen Menschen den Süden und streifen ihre Ketten ab, angefangen in der Kleinstadt Sutton. Dabei fokussiert sich der Roman darauf, wie es zu dem Ereignis kam. Die Konsequenz daraus nimmt nur einen geringen Teil ein und wird zum Schluss kurz abgehandelt. Was schade war, für mich bietet dieses Szenario wahnsinnig viel Potential und ich hätte gern mehr darüber gelesen.

„Schweigend saßen sie da und dachten darüber nach, was das alles mit jedem Einzelnen von ihnen zu tun hatte und wie sich der nächste Tag, die nächste Woche, der nächste Monat vom vergangenen Tag, der vergangenen Woche, dem vergangenen Monat, von ihrem ganzen bisherigen Leben unterscheiden würde. Keiner war imstande, es zu Ende zu denken. Es war, als würde man versuchen, sich das Nichts vorzustellen, etwas zu erfassen, das noch nie jemand gedacht hatte. Keiner von ihnen verfügte über einen Bezugspunkt, an dem er das Konzept einer Welt ohne Neger hätte festmachen können.“ (S. 271)

Interessant hierbei ist, dass die Geschichte pro Kapitel aus einer anderen Perspektive geschrieben ist und wir so einen Rundumblick erhalten und zudem, dass jede Perspektive die eines weißen Protagonisten ist. Vor allem die Perspektivwechsel empfand ich als wahnsinnig gelungen und machten aus der eh schon spannenden Prämisse ein hervorragend durchdachtes und toll inszeniertes Buch.

Kelley denkt sich dabei erstklassig in seine Figuren hinein und verwebt deren Gedanken und Handlungen zu einem stimmigen großen Ganzen. Auch wenn wir hier in einer Zeit sind, in der die farbigen Menschen nicht mehr als Eigentum galten, so ist der Rassismus in den Köpfen doch allzu präsent, auch bei denen, die sich eigentlich auf der anderen Seite wähnen. Wenn die Tochter einer gut betuchten Familie davon spricht, welche Vorteile es bringt mit einer farbigen Frau befreundet zu sein, da diese bei Männern unbegehrt sind und keine Konkurrenz darstellen oder wie seltsam es ist, einen farbigen Menschen nach seiner Meinung zu fragen, dann hat mich das erst einmal wütend gemacht. Von einem anderen Protagonisten zu lesen, dessen Gedanken sind: „Es war seltsam, mit so vielen Negern in einem Wagen zu sitzen, auch wenn es meine Freunde waren.“ (S. 179) zeigt es, dass die Trennung in den Köpfen der Menschen allgegenwärtig ist. Zwar gibt es auch die Seite, die sich innerlich dagegen ausspricht, aber die Dinge trotzdem geschehen lässt.

Kelley hat hier ein Buch entworfen, über das ich noch gerne lange sinniere und das in seiner Form unvergleichlich ist. Ich kann nur hoffen, dass diesem Autor post mortem die Wertschätzung widerfährt, die er verdient hat. Ein grandioses Buch!

Bewertung vom 22.08.2019
Nichts bleibt so, wie es wird
Bechtolf, Sven-Eric

Nichts bleibt so, wie es wird


weniger gut

Erwartet hatte ich mir eine lockere Geschichte mit viel Witz, Charme und Charakteren, die man liebgewinnen muss. Eingebettet in die Welt des Theaters.
Leider bekam ich davon alles nur in kleinen Ansätzen, der Autor verliert sich in Erzählungen von Nebensächlichkeiten, die nicht zur Handlung beitragen und macht es daher mühselig, dem Geschehen zu folgen. Das Buch ist nicht sehr dick und dennoch dauert es gefühlt ewig, bis man zur Essenz der Geschichte vordringt.
Was das Theater Setting angeht, so kommt man allerdings voll auf seine Kosten. Dass der Autor weiß wovon er spricht ist ihm definitiv nicht abzustreiten und diese spürbare Passion war für dann doch ein kleiner Pluspunkt.

Alles in Allem fällt es mir allerdings schwer das Buch zu beurteilen, da ich während des Lesen oft abgeschweift bin und mich teilweise durch die Seiten gekämpft habe, ohne die Geschichte großartig auf mich wirken lassen zu können.
Es scheint aber einige Fans zu haben, deswegen ist das hier meine sehr subjektiv gefärbte und zugegebenermaßen nicht ausführlich begründete nicht-Empfehlung/macht euch ein eigenes Bild.

Bewertung vom 17.07.2019
Licht und Schatten
Drvenkar, Zoran

Licht und Schatten


ausgezeichnet

„Der Tod ist ein geduldiger Dieb, der auf den richtigen Moment wartet, um sich zu holen, was ihm nicht gehört.“ (S. 80)

Ich persönlich kenne Zoran Drvenkar nur von seinen Thrillern, die ich allesamt auf ihre Art und Weise geliebt habe, haben sie doch das Genre meiner Meinung nach revolutioniert. Als ich sah, dass etwas Neues von diesem begnadeten Autor erscheinen würde, merkte ich mir den Erscheinungstermin fest vor und beschloss, das Buch zu lesen. Auch wenn es, zugegebenermaßen, nicht mein bevorzugtes Genre ist. Milde gesprochen. Aber, um es mal vorweg zu nehmen, ich mochte das Buch. Es wird sich keinesfalls in meine Riga der Lieblingsbücher einreihen, aber ich weiß Drvenkars Ideenreichtum und seine wunderschöne Metaphorik sehr zu schätzen. Außerdem lässt es viel Spielraum für Interpretationen, auch das ist ein Punkt, der mir fast immer zusagt.

Aber wann wäre es trotz allem zu einem Lieblingsbuch geworden? Nun, ich glaube so etwas passiert, wenn ich das Buch zuschlage und wehmütig bin, dass ich die Welt verlassen muss. Wenn ich noch Tage danach an die Geschichte denke, wenn ich geliebte Charaktere nicht gehen lassen möchte oder einfach, wenn mir der Autor ganz viel Stoff zum Nachgrübeln gibt. Das alles war nicht der Fall, ich habe das Lesen durchaus genossen, das schon, aber nachhaltig berühren konnte mich die Geschichte leider nicht. Nichtsdestotrotz mochte ich Vida, ich mochte es mich mit ihr auf die Reise zu begegnen, ich mochte ihre Gefährten und ihre Familie. Ich mochte es innerlich Verknüpfungen zu erstellen und zu interpretieren. Nur eben auf eine sehr kurzweilige Art und Weise.

Daher finde ich das Buch empfehlenswert, vorallem wahrscheinlich für Leser von Fantasy, die passagenweise sehr schön mit der Sprache spielt. Aber ich denke, ich werde das nächste Mal doch eher zu einem Drvenkar Thriller greifen. Und das mit riesengroßem Vergnügen.

Bewertung vom 01.05.2019
Kaschmirgefühl
Aichner, Bernhard

Kaschmirgefühl


gut

"Kaschmirgefühl" von Bernhard Aichner sprach mich an, weil sich mir sofort die Parallelen zu einem ähnlichen Buch eines ebenfalls österreichischen Autoren aufdrängten. Und das lässt sich auch nicht verübeln, gehört eben jenes Buch doch zu meinen Lieblingsbüchern.
Außerdem mag ich Herrn Aichner, seine Thriller gehören mit zu meinen liebsten, daher wusste ich schon von seinem besonderen Schreibstil und seiner Fähigkeit, besonders dichte Atmosphären zu erschaffen.

Das Prinzip ist ganz leicht: Zwei Menschen lernen sich über ein Medium kennen, ohne einander zu sehen und verlieben sich ineinander. In diesem Fall durch eine Sexhotline und sehr eigene Gespräche.
Diese Gespräche ließen auch den teils sehr charmanten, teils gewöhnungsbedürftigen Humor des Autors durchblicken.
Mochte ich mal mehr, mal weniger.

Was mir aber fehlte (und da muss ich leider unweigerlich die Parallelen zu anfangs genannten anderem Buch ziehen...) ist die Anziehung, die die beiden Figuren miteinander verbindet.
Zugegeben gibt es dafür, dass die Figuren mehr spüren, als der Leser zunächst ahnt, eine plausible Erklärung, aber das reichte mir nicht. Ich hatte mich darauf gefreut, mich mit den Figuren zu verlieben und dieses Knistern zu spüren; das Bedauern, wenn der andere auflegt und die Freude, wenn er sich wieder meldet. All das konnte ich leider in groben Ansätzen finden, mehr aber nicht.

Für mich war es dann letztendlich eine nette Nachmittagsunterhaltung, aber nicht der große Wurf, auf den ich mich gefreut hatte.

Bewertung vom 03.03.2019
Niemals ohne sie
Saucier, Jocelyne

Niemals ohne sie


sehr gut

Nach „Ein Leben mehr“ war es für mich bereits beschlossene Sache, dass ich weitere Bücher von Jocelyne Saucier lesen würde. Mit ihrem Erstlingswerk hatte sie mich einkassiert. Umso größer war die Freude, als ich in der Verlagsvorschau auf „Niemals ohne sie“ stieß, ein Roman, der sich wieder in Kanada abspielen würde und mit den Themen Einsamkeit und Identitätsfindung spielte.
Worum geht es genau?
Die Cardinals sind eine Familie von Rebellen und Anti-Helden. Eine 23-köpfige Familie, die sich ihr eigenes Universum aufgebaut hat und für die kanadischen „Landeier“ nur Verachtung empfindet und sich wann immer es geht mit diesen reibt. Selber wachsen sie in Armut auf, sehen sich aber wortwörtlich als die Kardinäle ihres Dorfes Norco. Zentraler Punkt der Handlung ist ein Kongress, in dem der Vater, ein passionierter, aber nicht erfolgreicher Erzsucher, geehrt werden soll. Erstmals treffen alle Geschwister aufeinander und müssen sich ihren Dämonen der Kindheit stellen.
„Ich prügelte mich wegen der Dummheit der Landeier, wegen der viel zu langen Winter, wegen der unbarmherzigen Sonne und der Kriebelmücken im Sommer, wegen der unermesslichen Langeweile, ich prügelte mich, weil meine Träume zu groß für Norco waren, weil einem dort nichts geschenkt wurde, ich kämpfte, um nicht als Mädchen beschimpft zu werden, um nicht zur Zielscheibe von Geronimos Spott zu werden und damit niemand sich traute zu sagen, dass in Westmount ein Schloss auf mich wartete, damit niemand an mir zweifelte und damit du ihnen manchmal entwischen konntest, damit dein hübsches Kleid im Wind flattern und die Trostlosigkeit von Norco in schillerndem Tüll erstrahlen konnte.“ (S. 87)
Nacheinander erzählen einige der Geschwister ihre Perspektive auf ein ganz bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit, das die Familie gleichzeitig entzweite und vereinte. Es geht um den Verlust eines der Geschwister Mädchen, um das sich für den Leser anfänglich ein großes Mysterium spinnt.
Sehr gekonnt wirft uns Jocelyne Saucier in die Köpfe der einzelnen Charaktere, die sich oberflächlich betrachtet sehr ähnlich sind, aber im Grunde genommen völlig unterschiedlich aus dieser teilweise sehr ungesunden Familiensituation entkommen sind.
Auch wenn ich zugegebenermaßen nicht so begeistert war wie bei ihrem Erstlingswerk, vermochte mich die Autorin dennoch wieder zu begeistern. Nicht jede Perspektive unterhielt mich gleichermaßen gut, aber letztendlich hat sich alles zu einem sehr tragisch-schönen Ende gesponnen, das mich stark berührt hat. Und meist ist es ja das Gefühl, mit dem man ein Buch verlässt, das sich einprägt.

Bewertung vom 30.08.2018
Der Abgrund in dir
Lehane, Dennis

Der Abgrund in dir


gut

Dennis Lehane gehört zu meinen absoluten Favoriten wenn es um Thriller und intensive Charakterstudien geht. Mit Meisterwerken wie "Shutter Island" und "Mystic River" schrieb er sich auf Anhieb in mein Herz, weshalb sein neuestes Werk natürlich Pflichtlektüre war.
Warum er mich dieses Mal allerdings zum ersten Mal kalt ließ, versuche ich in einigen Zeilen darzulegen.

Worum geht es überhaupt?

Rachel ist eine angesehene Journalistin, bis sie während einer Reportage auf Haiti einen Zusammenbruch vor der Kamera erleidet und sich von ihrem alten Leben verabschieden muss. Die einst so willensstarke und toughe Frau fällt in ein tiefes Loch, aus dem sie scheinbar nur ihr Ehemann Brian wieder holen kann...

Zuerst einmal zu den positiven Aspekten dieser Geschichte. Die sind sicherlich, und das war tatsächlich nicht anders zu erwarten, die Charaktere. Lehane erschafft ein vielschichtiges Portrait von Menschen und ihren titelgebenden Abgründen. Wenn er uns erzählt, wie Rachel kaum noch das Haus verlassen kann, da der schiere Gedanke an Menschen sie in Panik versetzt, dann ist das absolut glaubwürdig. Und natürlich ist Rachel nicht nur ihre Erkrankung, sie ist so viel mehr. Tochter einer manipulativen Mutter und eines Vaters, den sie nie kennenlernen durfte, (vor Brian) Ehefrau eines absolut uninteressanten und langweiligen Ehemanns und sehr enthusiastisch und geradlinig, wenn es um ihre Karriere geht. All diese Faktoren haben den Charakter geformt, den der Autor uns präsentiert. Bei ihrem zweiten Ehemann Brian kommen auch einige Facetten zusammen, die uns allerdings nicht auf dem Präsentierteller serviert werden.

Nun aber zu den Punkten, die mir nicht gefallen konnten.
Leider vermochte für mich absolut keine Spannung aufzukommen und einige Nebenhandlungen wirkten für das Gesamtwerk einfach unwichtig. So zog sich die Geschichte wie Kaugummi in die Länge.
Um ehrlich zu sein habe ich die ganze Zeit auf einen Plot Twist gewartet, der uns die Geschichte präsentiert, die der Autor WIRKLICH erzählen wollte, aber der kam nie. Und so blieb es bei einem Drama, das gegen Ende noch versucht hat Spannung aufzubauen und allem einen Dreh zu verpassen, der mich persönlich aber absolut kalt ließ. Das was mir hier komplett gefehlt hat, war die Lehansche Raffinesse. Von der konnte ich kaum etwas spüren.

Und so bleibt "Der Abgrund in dir" mit Sicherheit für mich ein eher schwacher Lehane, was aber allgemein gesehen immer noch ein solider Roman ist.

Bewertung vom 24.08.2018
Der Blumensammler
Whitehouse, David

Der Blumensammler


gut

"Der Blumensammler" ist der zweite Roman des englischen Autoren David Whitehouse, der bereits mit seinem bibliophilen Roman "Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek" für Aufmerksamkeit sorgte.
Diesmal scheint er sich einer anderen Leidenschaft zu widmen - der Pflanzenwelt. Wie gut ihm das gelungen ist, möchte ich hier gerne darlegen.

Worum geht es überhaupt?

Das Leben unseres Protagonisten Peter ist routiniert, arm an glücklichen Momenten und farblos. Als ihm ein Liebesbrief in einem alten Bibliotheksbuch in die Hände fällt, deren Romantik ihn derart fesselt, dass er dieses Gefühl auch verspüren möchte und sich auf eine abenteuerliche Reise begibt. Die Leidenschaft für exotische Pflanzen hält ihn gefangen und verändert sein komplettes Dasein.

Zuerst einmal hat mich die Leseprobe wahnsinnig angesprochen. Das erste Kapitel versprach eine spannungsgeladene Dynamik (zumindest für mein Empfinden). Das hat sich dann im Laufe des Buches leider nicht bestätigt und verlief sich teilweise in eine sehr seichte und romantische Schreibe.
Allgemein würde ich das Buch als eines beschreiben: seicht.
Sowohl der Schreibstil, als die Auflösung und der Handlungsverlauf sind kaum überraschend oder fordernd und konnten mir nicht viel bieten.
Ein Aspekt, der für mich die Geschichte dennoch lesenswert und spannend werden ließ waren die exotischen Pflanzen, die der Autor sehr gekonnt beschreibt. Sowohl in ihren Eigenarten, als auch im Aussehen und ihren Besonderheiten. Die Faszination, die er vermutlich selbst verspürt hat, konnte er hervorragend auf den Leser übertragen! Ich kann nur empfehlen, das Internet griffbereit zu haben beim Lesen und sich selbst ein Bild von der Pracht der Pflanzen zu machen).

Auch wenn der Autor mit seiner konstruierten Geschichte nicht zu begeistern vermochte, so doch mit dem Gegenstand dieser. Daher gebe ich eine eingeschränkte Leseempfehlung.

Bewertung vom 05.07.2018
Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren
Benjamin, Ali

Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren


weniger gut

„Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren“ ist das Debüt und zugleich ein riesen Erfolg der amerikanischen Autorin Ali Benjamin. Das Buch wurde für den National Book Award nominiert, was beim potentiellen Leser vermutlich direkt hohe Erwartungen schürt.

Eine Geschichte, die tiefgründig anzumuten scheint, der Hanser Verlag und ein Buch aus kindlicher Perspektive, dies sind drei Komponenten, die meiner Meinung direkt für ein Buch sprechen. Wenn dann noch mit einem so renommiertem Preis und einer laufenden Verfilmung geworben wird, führt für mich kein Weg daran vorbei – das Buch muss gelesen werden. Und auch wenn es mich nicht in der erwarteten Euphorie zurückgelassen hat, so kann ich durchaus zugeben, dass die Geschichte auf die ein oder andere Weise lesenswert ist.

Worum geht es überhaupt?

Suzy hat das Sprechen aufgegeben, seitdem ihre Klassenkameradin „einfach so“ ertrunken ist. So teilt man es ihr zumindest mit, doch dass Dinge „einfach so“ geschehen, will das junge Mädchen nicht akzeptieren. Bei einem Besuch eines Aquariums wird sie auf eine hochgiftige Quallenart aufmerksam, deren Stiche meist nicht als solche identifiziert werden können. Das scheint für Suzy die Lösung und sie setzt alles daran, dies zu beweisen und die anderen Menschen aus ihrer Sorglosigkeit zu wecken.

Suzy ist ein ganz besonderer Charakter, ihr fällt es schwer sich den Oberflächlichkeiten ihrer Mitschüler anzupassen, stattdessen beschäftigt sie sich lieber mit Naturwissenschaften und geht ihren eigenen Weg. Umso härter trifft es sie, als ihre beste Freundin plötzlich beginnt, sich für Jungs zu interessieren und anscheinend nur noch ihr Aussehen als wichtig ansieht.
Die Geschichte ist auf mehreren Ebenen spannend. Zum einen lernen wir rückblickend Suzy in ihrer Unschuld und Begeisterungsfähigkeit kennen und erfahren, wieso sie der Tod ihrer Mitschülerin derart traumatisiert hat, dass sie aufhört zu sprechen.
Zum anderen begleiten wir sie auf ihrem Weg der Trauerverarbeitung, lauschen ihren (teils sehr philosophischen) Gedankengängen und erleben ihre Entwicklung mit.
Was mir zusätzlich sehr gut gefiel, war die Leidenschaft und die Faszinationsfähigkeit Suzys für das Meer (auch die Autorin hat diese Faszination, was man deutlich zu spüren bekommt), jedes Kapitel beginnt zudem mit der Illustration einer Qualle (der englische Titel ist im Übrigen „the thing about jellyfish“).

Weniger gefielen mir jedoch die Dialoge, die auf mich eine teils sehr gekünstelte Wirkung hatten, was umso bedauerlicher war, da ich die gesamte Geschichte schon als ziemlich authentisch empfand. Zudem ist es keine Geschichte, die sich nachhaltig in mein Gedächtnis oder mein Herz eingenistet hat. Daher die eingangs erwähnte fehlende Euphorie. Dennoch eine lesens- und lohnenswerte Geschichte.

Bewertung vom 24.03.2018
Der Zopf
Colombani, Laetitia

Der Zopf


sehr gut

Ein kurzweiliges Lesevergnügen...

…das zu schockieren, aber auch teilweise zu langweilen vermag. Ein Werk, das mich ebenso unterhalten wie desinteressiert hat. Elemente, die die Autorin hier wie in einem Zopf miteinander verwoben hat.

Worum geht es?
3 Frauen, deren Schicksal auf rätselhafte Weise miteinander verknüpft ist.
Smita, eine unglückliche, indische Frau, die der untersten Kaste angehört und deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, den Unrat anderer Leute zu beseitigen. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Frau, die sich trotz ihrer unmenschlichen Umstände ein besseres Leben für ihre Tochter erträumt und mit ihr dem System zu entfliehen versucht.
Dann Giulia, eine sizilianische junge Frau, die für das elterliche Unternehmen kämpft und zuletzt Sarah; das Abziehbild einer erfolgreichen Businessfrau, die in jeglicher Hinsicht versucht allen Klischees gerecht zu werden und dabei vergisst zu leben.

Das Grundprinzip gefällt mir in Geschichten meist sehr: Mehrere Handlungsstränge, die einander beeinflussen und letztendlich zu einem verschmelzen. Das ist keine innovative Idee in der Literatur, trotzdem ein Mittel, das, wenn es gut gemacht ist, mich begeistern kann. Hier empfand ich es als gut gemacht, auch wenn der Weg dorthin mich nur teilweise überzeugen konnte.

Bis zur Mitte des Buches etwa hatte ich die Befürchtung, es sei eines dieser feministischen Werke, das Männer grundsätzlich als Antagonisten darstellt und Frauen preist, die sich gegen von Männern dominierte Systeme auflehnen. Abgesehen davon, dass es diesen drei starken Frauen tatsächlich huldigt, hat sich meine Befürchtung glücklicherweise nicht bewahrheitet, schwarz-weiß Schilderungen kann man der Autorin in dieser Hinsicht absolut nicht vorwerfen.

Allerdings fand ich alle drei Handlungsstränge im Vergleich nicht ebenbürtig und nach dem Lesen war mir die Handlung Smitas, der indischen Unberührbaren, am präsentesten. Oder anders gesagt, die anderen beiden Charaktere musste ich mir tatsächlich erst ins Gedächtnis rufen. Vor allem Sarah, die Karrierefrau, war mir sehr schwer zugänglich. Ich empfand ihren Plot als sehr klischeebeladen und daher absolut uninteressant. Die sizilianische Giuila hatte ein wenig mehr Beigeschmack, allerdings wurden alle Geschichten so kurz abgehandelt, dass schon besondere Alleinstellungsmerkmale nötig gewesen wären, um sie für mich interessanter zu machen.

Kurzum: Ich mochte Smitas Geschichte (und hätte sehr gerne mehr von ihr gelesen), ich fand Giulias Geschichte ausbaufähig, aber recht interessant und habe mich mit Sarahs Handlungsstrang sehr gelangweilt und abgemüht. Die Verwebung aller drei Stränge hingegen empfand ich als gelungen, weshalb ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen möchte mit dem Hinweis, dass es sich um ein kurzweiliges Vergnügen handelt, das möglicherweise nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.

Bewertung vom 04.03.2018
Fliegende Hunde
Kolosowa, Wlada

Fliegende Hunde


sehr gut

Durch die Seiten geflogen...
…und doch würde ich nicht sagen, dass das Buch per se grandios ist.
Es ist aufrührend und doch mit Vorsicht zu genießen. Aber genug der Phrasendrescherei.
Worum geht es?
Die beiden sehr eng miteinander verbundenen (wörtlich zu nehmen) Freundinnen Oksana und Lena wachsen gemeinsam in St. Petersburg auf.
Oksana, eine wissbegierige junge Frau, sehnt sich verzweifelt nach den Berührungen und intimen Nächten mit ihrer Freundin. Berührungen, die es so in der Weltanschauung der St. Petersburger nicht geben sollte. Lena, eigentlich eine unscheinbare junge Frau, ist gerade aufgrund ihrer Unscheinbarkeit sehr gefragt auf dem chinesischen Modelmarkt und verlässt die Vertrautheit ihrer Freundin und die Vorhersehbarkeit ihres Lebens in St. Petersburg, um in Shanghai als Model zu arbeiten.
Während die eine sich verzweifelt sehnt, stößt die andere sie von sich und schafft ein Ungleichgewicht, dass eine normale Freundschaft nie mehr zulässt.

Es ist schon höchst faszinierend, wie die Autorin ihre Charaktere agieren lässt. Die eine will das, was die andere hat und die andere will unbedingt weg von alle dem.
Oksana, und damit wohl der spannendere Part der beiden, sucht sich in der Abwesenheit der Freundin eine Möglichkeit, ihr nacheifern zu können, ihre knabenhafte Figur zu erlangen. Obwohl ich bei ihr nie den richtigen Wunsch verspüren konnte, St. Petersburg tatsächlich zu verlassen.
Im Internet stößt sie auf eine dubiose Website, in welcher User die Zeit der Leningrader Besetzung auf einen Podest heben und die Umstände, unter denen die Menschen leben mussten, nachahmen. Dabei geht es vordergründig darum, so viel Gewicht wie möglich zu verlieren und sich so spartanisch wie möglich, zu „ernähren“ (gekochtes Leder, Pampe aus Papier, Gras usw.). Oksana, getrieben von dem Hunger nach ihrer Freundin, verliert sich zunehmend in dieser krankhaften Nachahmung, wird Expertin für die Verzweiflungstaten der Menschen damals.

Lena als Kontrast dazu lebt in einer medialen Scheinwelt, in der Blässe und Dürre zurzeit gefragt sind. Die Models ernähren und übergeben sich aus anderen Gründen, sie müssen einem Ideal entsprechen, ansonsten schickt man sie aus der armseligen Modelwelt in ihre armselige Heimat zurück. Mit dem Unterschied, dass sie hier ein wenig Prestige genießen, sich dafür oft aber auch prostituieren und einem ungeheuren Druck stand halten müssen.

Die Autorin hat die beiden Motive der Charaktere und die Extreme, in die sie sich entwickeln, fabelhaft herausgearbeitet. Außerdem war der Hunger als Leitmotiv hier allgegenwärtig und auf so vielen Ebenen zu verstehen.
Nachdem man dieses Buch gelesen hat, überlegt man sich vermutlich zwei Mal, wie man mit der Verschwendung von Lebensmitteln umgeht.

Zwar muss ich sagen, dass die Prämisse sich stark bei mir eingebrannt hat, die Geschichte mich aber nur oberflächlich bewegen konnte. Ob es am Schreibstil der Autorin oder an etwas anderem lag, kann ich dabei nicht benennen. Ihre Herangehensweise ist weder verharmlosend, noch beschönigend, im Gegenteil! Sie treibt es in beiden Fällen auf die Spitze. Möglicherweise lag es daran, dass das Ende nicht ganz meinen Nerv getroffen hat. Es war zu versöhnlich, zu „brav“.
Aber ich bitte jeden, den die Prämisse der Geschichte anspricht, sich selbst ein Bild davon zu machen!