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Benutzername: amena25
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Bewertungen

Insgesamt 142 Bewertungen
Bewertung vom 17.10.2018
Der Schatten
Raabe, Melanie

Der Schatten


ausgezeichnet

Bedrohlicher Schatten

Gerade hat die Journalistin Norah Richter ihr altes Leben und ihre Beziehung in Berlin hinter sich gelassen und fängt in Wien neu an. Um der Einsamkeit zu entfliehen, stürzt sie sich sofort in die Arbeit.

Doch dann sagt ihr eine alte Bettlerin, der sie mitten auf der Straße begegnet, voraus, dass sie am 11. Februar einen Mann Namens Arthur Grimm ermorden wird, und zwar aus freien Stücken. Norah ist verständlicherweise verstört. Zwar kennt sie keinen Mann namens Arthur Grimm. Allerdings ist der 11. Februar ein schmerzhaftes Datum für sie. Am 11. Februar vor vielen Jahren hat sich ihre beste Freundin Valerie umgebracht und Norah hat dies noch nicht verarbeitet.
Zufällig begegnet Norah nun immer öfter dem Namen Arthur Grimm und sie beginnt, Recherchen über diesen Mann anzustellen und nach ihm zu suchen. Was verbindet Grimm mit dem 11. Februar? Hat er womöglich mit Valeries Tod zu tun?
Während Norah sich in ihre Recherchen stürzt und sich völlig von ihren neuen Kollegen abkapselt, geschehen merkwürdige Dinge. Sie findet ihr Handy nicht mehr, plötzlich taucht es aber wieder auf. Aus ihrer Wohnung verschwinden Sachen. Ihre besten Freunde belügen sie oder wollen plötzlich keinen Kontakt mehr mit ihr. Es scheint, als wäre Norahs Leben von etwas Mysteriösem überschattet und bedroht. Dazu passend wird die kalte, melancholische Atmosphäre Wiens im Winter sehr anschaulich beschrieben.
Als man schon meint, dass Norah, wie so häufig in Thrillern üblich, sich alles nur einbildet oder durch Verdrängung sich ihre eigene Wirklichkeit zurechtschneidert, wird man eines Besseren belehrt.
Interessante Charaktere, überraschende Wendungen, und vor allem die präzise Sprache der Autorin haben mich überzeugt. ,,Der Schatten" ist ein Psychothriller, der mit wenig Blut und ohne grausige Details auskommt, dafür umso mehr mit subtil aufgebauter Spannung punkten kann.

Bewertung vom 15.10.2018
Alchimie einer Mordnacht
Black, Benjamin; Banville, John

Alchimie einer Mordnacht


sehr gut

Starker Beginn, dann leider zäh

Christian Stern, unehelicher Sohn des Bischofs von Regensburg und aufgewachsen bei wenig liebevollen Zieheltern, ist ehrgeizig und wissensdurstig. Nach dem Studium in Würzburg kommt der 25-Jährige im Winter 1599 nach Prag, um dort am Hof des kauzigen Kaisers Rudolf II sein Glück zu suchen. Doch schon in der ersten Nacht findet er die Leiche eines jungen Mädchens. Der erst 16-jährige Magdalena Kroll wurde die Kehle durchgeschnitten und sie war, wie sich bald herausstellen soll, die Geliebte des Kaisers! Obwohl Christian Stern den Leichenfund sofort bei der Stadtwache meldet, gerät in Verdacht und wird zunächst eingekerkert. Doch bald zieht er die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich. Er vermutet in Stern eine Art Heilsbringer, den er in seinen Träumen vorhersehen hat. Und er beauftragt Christian Stern damit, den Mord an der jungen Magdalena Kroll aufzuklären.
Sterns rascher Aufstieg am Hof bringt ihm natürlich auch Neid und Missgunst ein. Außerdem zieht ihn schon bald Caterina Sardo in ihren Bann, was aber äußerst gefährlich ist, da sie die Geliebte des Kaisers Rudolf und die Mutter seiner Kinder ist. Dazu kommen die Intrigen und Machtspiele skrupelloser Höflinge, sodass Christian Stern schon bald um sein eigenes Leben fürchten muss.
Der Roman beginnt stark. Lebendig, sehr anschaulich und stellenweise sogar witzig erzählt Stern von seiner Ankunft in einer heruntergekommenen Herberge in Prag, einem Saufgelage mit einem Soldaten und dem Leichenfund. Auch Sterns Rückblicke in seine Kindheit und Jugend gestalten sich originell und unterhaltsam. Je länger Stern sich dann allerdings in Prag aufhält und in die Ränkespiele des Hofs verwoben wird, desto zäher gestaltet sich leider auch die Lektüre. So wie für Christian Stern selbst ist es auch für den Leser fast unmöglich, Schein und Sein, Freund und Feind auseinanderzuhalten. Dabei wird einem zwar die Figur des jungen Gelehrten Stern mit all ihren menschlichen Schwächen und in ihrer Widersprüchlichkeit durchaus sympathisch. Dennoch geht die Darstellung der Verwicklungen auf Kosten der Spannung und der Lesegenuss wird deutlich getrübt.
Schade, denn die Idee und der Schauplatz des ,,historischen Kriminalromans" klangen sehr vielversprechend.

Bewertung vom 11.10.2018
Der Spielmann / Die Geschichte des Johann Georg Faustus Bd.1
Pötzsch, Oliver

Der Spielmann / Die Geschichte des Johann Georg Faustus Bd.1


ausgezeichnet

Faustus = Der Glückliche?

1486: Johann Georg ist ein aufgeweckter und besonderer Junge. Seine Mutter nennt ihn ,,Faustus“, den Glücklichen, da bei seiner Geburt die Sterne in einer besonderen Konstellation standen. Doch nach dem Tod der Mutter ist Johanns Leben alles andere als glücklich. Die Brüder hänseln ihn wegen seiner Andersartigkeit, vom Vater wird er abgelehnt. Als dann auch noch die Liebe zu seiner Jugendfreundin Margarethe unglücklich endet, schließt sich Johann Georg dem Magier Tonio del Moravia an. Dieser zieht als fahrender Gaukler und Magier durch die Lande, verkauft Heiltränke und sagt den Leuten ihre Zukunft vorher. Faustus ist fasziniert von Tonio del Moravia, von ihm lernt er nicht nur Zaubertricks, Handlesen und das Erstellen von Horoskopen, sondern wird durch ihn auch selbständiger und erwachsener. Allerdings fürchtet er auch seinen Meister und dessen Raben und Krähen, die ihn immer begleiten. Mehr und mehr beschleicht Faustus der Verdacht, dass del Moravia mit dunklen Mächten in Verbindung steht und eine tödliche Gefahr für ihn darstellt. Faustus flieht und schließt sich einem Gauklertrupp an, mit dem er durch Italien bis nach Venedig zieht. Doch auch dort kann er del Moravias Einfluss nicht entfliehen.
Plötzsch gestaltet seine Figuren facettenreich, das Geschehen wird sehr anschaulich und farbenfroh erzählt, sodass man als Leser mitfiebern und mitleiden kann. Phantastisches und Gruseliges wird mit historischen Fakten verknüpft und zu einer großen Abenteuergeschichte verwoben. Wie schon Goethe ließ auch Oliver Plötzsch sich von der Geschichte des Dr. Faustus inspirieren. Und wer Goethes ,,Faust“ kennt, wird so manche Figur und so manches Zitat im ,,Spielmann“ wiedererkennen, die Plötzsch aber kreativ nutzt und in neue Zusammenhänge stellt.
Der fast 800 Seiten starke Roman ist ein wahrer Schmöker. Wer historische Romane und Abenteuer mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Bewertung vom 13.09.2018
Die Tote im Wannsee / Kommissar Wolf Heller Bd.1
Kellerhoff, Lutz W.

Die Tote im Wannsee / Kommissar Wolf Heller Bd.1


sehr gut

Krimi mit viel Zeitgeschichte

West-Berlin im Jahr 1968: der Alltag der Menschen ist durch die Teilung der Stadt und die Mauer geprägt. Es ist eine unruhige Zeit, zwischen alten Nazi-Seilschaften und der politischen Studentenrevolte auf der einen, Stasi und einem neuen, sozialistischen Gesellschaftsmodell auf der anderen Seite. Auch politisch uninteressierte Menschen wie z.B. der junge Kommissar Wolf Keller können sich den Wirrnissen der Zeit nicht entziehen.
Als eine junge Frau tot im Wannsee gefunden wird, mit zahllosen Messerstichen übersät, will Max Heller eigentlich nur den Fall lösen und für Gerechtigkeit kämpfen. Doch bald bemerkt er, dass Kollegen Beweise am Tatort manipulieren und dass er selbst durch eine Beförderung ruhig gestellt werden soll. Doch Heller lässt sich nicht beirren und bringt sich damit in Gefahr. Allerdings ist nicht nur sein eigenes Leben bedroht. Seine Vermieterin Paula und deren zwei Kinder, für die Heller fast schon eine Art Vaterersatz ist, geraten auch ins Visier derer, die Heller ausbremsen wollen. Bald weiß Heller nicht mehr, wem er noch vertrauen kann.
Die Handlung wird mit den politischen Ereignissen der Zeit geschickt verwoben. Immer wieder werden ,,alte Bekannte“ wie Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, Axel Springer usw. erwähnt, was des Geschehen authentisch, fast schon dokumentarisch wirken lässt. Allerdings gerät dadurch die eigentliche Krimihandlung stellenweise zu sehr in den Hintergrund. Etwas blass bleiben die zahlreichen Figuren, die erwähnt werden. Sehr amüsant allerdings sind z.B. die Gespräche in der Kommune Wielandstraße, die in ihrer Phrasenhaftigkeit so manchen ,,Revolutionär“ der 68er entlarven.
Max Heller selbst ist zwar ein sympathischer und in seiner Zerrissenheit auch interessanter Ermittler, allerdings bleibt er einem doch noch etwas fremd. Er dürfte in einem möglichen zweiten Band dem Leser noch etwas vertrauter werden.
Eine klare Leseempfehlung für historisch interessierte Krimileser.

Bewertung vom 02.09.2018
In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2
Ulrich, Stefan

In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2


sehr gut

Sympathisches deutsch-italienisches Ermittlerduo

Der deutsche Rechtsanwalt Robert Lichtenwald, den man schon im 1. Band ,,Die Morde von Morcone“ als Privatermittler erleben durfte, hat sich nun endgültig in der Maremma niedergelassen. Hier in der südlichen Toskana hat er sich ein Rustico ganz nach seinen Wünschen und Vorstellungen eingerichtet. Der einzige Wermutstropfen ist, dass er diesen Traum nun nicht gemeinsam mit seiner Frau Stefanie leben kann, da diese ihn verlassen hat. Noch immer leidet Robert Lichtenberg unter dieser Trennung und hofft nach wie vor, dass er seine Frau zurückgewinnen kann. Aus seiner schwermütigen Zurückgezogenheit holen ihn endlich seine italienischen Freunde. Allen voran die quirlige Reporterin Giada Bianchi, die nun für eine Zeitung in Rom arbeitet und über einen Raubmord in der Kunstszene schreiben soll. Der schwerreiche und ziemlich exzentrische Sammler Annibale Colasanti wurde in seiner Wohnung überfallen und ermordet. Aus seiner exquisiten Sammlung fehlt aber nur ein einziges Kunstwerk: offenbar eine Statue, um die Colasanti aber ein großes Geheimnis gemacht hat. Giada Bianchi bittet Robert Lichtenwald um Unterstützung. Er soll für sie in der Grabräuberszene ermitteln. Lichtenwald und Bianchi kommen sich dabei auch persönlich etwas näher, allerdings bringen sie sich auch beide in Lebensgefahr.
Italienisches Lebensgefühl und natürliche so einige bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten Roms und der Toskana geben einen interessanten und authentischen Hintergrund für die Krimihandlung ab. Diese wirkt allerdings teilweise etwas zu konstruiert, vor allem das Ende scheint mir überspitzt. Dies gleichen die sympathischen Charaktere Giada Bianchi und Robert Lichtenwald allerdings wieder aus, so dass man gerne eine weitere spannende und unterhaltsame Fortsetzung mit dem Ermittlerduo lesen wird.

Bewertung vom 28.08.2018
Die Elternsprecherin
Gelman, Laurie

Die Elternsprecherin


weniger gut

Enttäuschend

Jennifer Dixon wird von ihrer Freundin dazu überredet, in der Klasse ihres Fünfjährigen Sohns das Amt der Elternsprecherin zu übernehmen. Als dreifache Mutter ist sie schon etwas erfahrener und weiser als die meisten anderen Mütter der Vorschulklasse und deshalb, so ihre Freundin, prädestiniert für diesen undankbaren Job. Wie zu erwarten kommt es in diesem Schuljahr zu so manch lustiger und auch merkwürdiger Begebenheit.
Schon die erste Nachricht von Jennifer an die Eltern der Klasse zeigt: sie ist engagiert, hat aber einen ganz eigenen, eher sarkastischen Humor. Das ist für den Leser zunächst recht unterhaltsam. Die Reaktion der Eltern wiederum zeigt, dass nur die wenigsten mit dieser Art der Kommunikation etwas anfangen können. Und schon beim ersten Elternabend wird deutlich, warum. Da gibt es die hysterische Mutter, deren Sohn praktisch jede Form von Allergie hat und die auf nussfreien Snacks usw. besteht, die schönen und schicken Mütter, die zwei Lesben-Mütter, die gut aussehenden Väter....Tatsächlich findet sich auch Jennifers alter Schulschwarm Don darunter, mit dem sie einen heißen Flirt beginnt. Die sehr attraktive, aber auch sehr rätselhafte Lehrerin Miss Ward bietet Jennifer auch keine Unterstützung. Als eine übereifrige und überkorrekte Mutter allerdings Jennifer aus ihrem Amt drängt, holt diese zum Gegenschlag aus.
Das Buch liest sich flott und ist stellenweise auch ganz lustig. Allerdings störten mich die klischeehaften Personen und die oberflächlichen Dialoge zunehmend. Auch Jennifer selbst mit ihrem recht teenagerhaften Verhalten wird mit der Zeit anstrengend und nervig. Da sie den ganzen Tag neben ihrem Elternsprecherjob nichts anderes zu tun hat, als sich mit einem Privattrainer für einen Schlammlauf fit zu machen, bleibt ihr genügend Zeit für ihren sms-Flirt mit Don, diversen Caffè lattes mit anderen Müttern und entsprechenden Gesprächen. Der fünfjährige Sohn Max spielt eher eine Nebenrolle. Dafür wird Jens Leben in breiter Ausführlichkeit dargestellt, was, mit Ausnahme von ein paar lustigen Situationen, immer langweiliger wurde. Für mich war dieser Roman eher eine Enttäuschung.

Bewertung vom 30.07.2018
Ein unvergänglicher Sommer
Allende, Isabel

Ein unvergänglicher Sommer


sehr gut

Ausschweifende Erzählkunst

Isabel Allende ist ein Garant für humorvolle, kluge und mitreißende Unterhaltung.
In ,,Ein unvergänglicher Sommer“ stellt sie drei Personen in den Mittelpunkt, deren Leben sich zufällig kreuzt und dadurch eine unvorhergesehen Wendung nimmt.
Die Handlung beginnt, ganz anders als es der Titel vermuten lässt, mitten im Winter, in Brooklyn während eines Schneesturms, der eigentlich alle zuhause bleiben lässt. Doch Richard Bowmaster, eigenbrötlerischer Professor an der New York University, muss seinen vergifteten Kater zum Tierarzt fahren. Dabei rutscht er auf den eisglatten Straßen in ein anderes Fahrzeug. Dessen Fahrerin steht kurz darauf völlig aufgelöst vor seiner Tür, denn im Kofferraum des Fahrzeugs befindet sich eine Leiche. Die Fahrerin, Evelyn Ortega, ein guatemaltekisches Kindermädchen, traut sich aber nicht zur Polizei, da sie sich illegal in den USA aufhält. Außerdem hat sich panische Angst vor ihrem Arbeitgeber, der offenbar gewalttätig und sehr gefährlich ist. Richard, heillos überfordert mit der Situation, ruft seine chilenische Untermieterin Lucia zu Hilfe. Diese ist wie Richard Anfang 60, anders als er ist sie aber pragmatisch, zupackend und lebensfroh. Sie entscheidet, dass die Leiche und das Unfallauto verschwinden müssen. Mitten im Schneesturm machen sich die drei ungleichen Gefährten auf eine abenteuerliche Reise.
Die einzelnen Kapitel rücken zu Beginn je eine Figur in den Fokus. So erfährt man nach und nach nicht nur die Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch das vergangene Leben der einzelnen Figuren. Isabel Allende verwebt dabei geschickt die Geschichte Guatemalas, Chiles, Brasiliens und der USA mit dem jeweiligen Schicksal ihrer Figuren. Auch wenn dabei viel Grausames und Trauriges zur Sprache kommt, schafft es die Autorin dennoch, Hoffnung, Lebensfreude und Herzenswärme zu vermitteln.
Ein berührender Roman für Leser, die ausschweifendes Erzählen lieben.

Bewertung vom 27.07.2018
Opfer
Lemaitre, Pierre

Opfer


ausgezeichnet

Sehr eigenwillig

Eigenwillig ist in diesem Krimi nicht nur das Opfer, Anne Forestier, die sich leider zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Bei einem Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft sieht sie zufällig die Täter, kurz bevor diese ihre Masken überstreifen. Da sie die Täter also identifizieren könnte, wird sie brutal zusammengeschlagen, doch sie überlebt.
Nun ist Anne Forestier zufällig die Freundin des Kommissars Camille Verhoeven, Chef der Pariser Mordkommission, allerdings weiß fast niemand von dieser Liaison. Er muss ohnmächtig auf den Bildern der Überwachungskameras mitansehen, wie Anne auf extreme Weise misshandelt wird. Er setzt nun alles daran, den Fall zu übernehmen, obwohl dies ja nun gar nicht in seinen Aufgabenbereich fällt. Dazu verstrickt er sich mehr und mehr in Halbwahrheiten und Lügen, um die Täter zu finden. Als klar wird, dass Anne Forestier auch im Krankenhaus, trotz Bewachung, nicht sicher ist, zieht Verhoeven alle Register.
Anne Forestiers Verhalten kann man zunächst schlecht einordnen, ihre Reaktionen und ihre Art, mit Camille umzugehen, sind oft nicht ganz nachvollziehbar. Ebenso eigenwillig ist Camille Verhoeven, nur 1,45 m groß, aber von einer ganz besonderen Autorität. Nach dem Mord an seiner Frau Irène hat ihn die Welt, und besonders die Frauenwelt, nicht mehr interessiert, bis er auf Anne getroffen ist.
Sehr eigenwillig und gewöhnungsbedürftig ist auch der Stil des französischen Autors. Die Unverbundenheit vieler Sätze zwingt den Leser, selbst logische Schlüsse zu ziehen. Einzelne Szenen, die aus der Sicht des geheimnisvollen Täters in der Ich-Perspektive dargestellt sind, werden in einer teilweise vulgären und menschenverachtenden Sprache und sehr brutal bis ins letzte Detail beschrieben. Das charakterisiert zwar den Drahtzieher sehr gut, ist stellenweise aber schwer erträglich.
Eigenwillig und überraschend ist auch, wie sich die Handlung entwickelt, wie aus Täter Opfer werden und umgekehrt, und wie man als Leser immer stärker verunsichert wird.
,,Opfer“ ist keine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, sondern eher ein etwas sperriger, aber interessanter Krimi.

Bewertung vom 21.07.2018
Ins Dunkel
Harper, Jane

Ins Dunkel


sehr gut

Explosive Gruppendynamik


Im australischen Giralang-Massiv brechen eine Männer- und eine Frauengruppe zu einer mehrtägigen Wandertour auf, ausgerüstet mit Zelt, Kompass und Wanderkarte. Die Wanderung wird als Teambildungsmaßnahme von ihrer Firma Bailey Tennants organisiert.
Während die Männer rechtzeitig und vollzählig von der Wanderung zurückkehren, verspätet sich die Frauengruppe um Stunden. Und statt der ursprünglich fünf kehren nur vier Frauen zurück. Über das Schicksal der verschwundenen Alice Russell wissen die anderen Frauen offenbar nichts.
Für Aaron Falk und seine Kollegin Carmen von der australischen Polizei ist Alice Russells Verschwinden ein größeres Problem. Russell ist ihre Undercover-Informantin in der Firma, gegen die sie seit Jahren wegen des Verdachts der Geldwäsche ermitteln. Hat ihr Verschwinden womöglich damit zu tun, dass sie enttarnt wurde? Immerhin befindet sich in der Frauengruppe neben einfachen Sekretärinnen auch die Vorstandschefin Jill Bailey.
Während sich normale Stadtmenschen an sich schon schwer im australischen Busch orientieren können, kommen in diesem Fall noch die Kälte und das schlechte Wetter, aber auch die Angst vor einem Serientäter, der früher in der Region sein Unwesen trieb, hinzu. Außerdem erfährt man nach und nach, welche Konflikte innerhalb der Gruppe schwelen, die in einer Notsituation zu wahrem Sprengstoff werden. Das Geschehen wird aus den verschiedenen Perspektiven der einzelnen Beteiligten erzählt, was allmählich, Puzzlestück für Puzzlestück, zu einem Gesamtbild zusammenwächst. Die Spannung wird eher subtil gesteigert. Nicht Gewaltszenen oder allzu viel Action, sondern eher die geschickte Verflechtung der Perspektiven, die in immer kürzer werdenden Abständen wechseln, lassen das Buch zu einem Thriller werden. Zwar ahnt man durch den Satz im Klappentext ,,Grausamer als die Natur ist nur der Mensch“ schon, in welche Richtung es gehen wird. Dennoch ist ,,Ins Dunkel“ ein spannender Krimi mit überraschenden Wendungen.

Bewertung vom 09.07.2018
Fake
Rayburn, James

Fake


sehr gut

Lieber Fake-News als langweilige Nachrichten

Welche Rolle Nachrichten in der heutigen Politik spielen und wie sie verändert oder verdreht werden, um die eigenen Ziele zu erreichen, wird in diesem Thriller ernüchternd und schonungslos gezeigt.
Die Amerikanerin Catherine Finch ist vor einigen Jahren als freiwillige Ärztin nach Syrien gekommen. Als sie vom IS gefangen genommen wird, dreht sie Propagandavideos für den IS, gegen Amerika. Damit wird sie in ihrer Heimat berühmt und verhasst, aber sie überlebt und wird für ihre Kidnapper wertvoll. Bei einem Besuch des Chefpropagandisten des Kalifats, Ahmed Assir, werden beide durch einen Drohnenangriff getötet. Damit sind aber die Friedenverhandlungen des amerikanischen Präsidenten in Gefahr, sodass der amerikanische Geheimdienst ein fingiertes Lebenszeichen von Catherine Finch verbreiten lässt.
Die Welt der Geheimdienste und der involvierten Personen ist unübersichtlich und kompliziert. Da jeder nicht nur auf einer Seite spielt, sondern mehreren ,,Herren“ dient und zusätzlich noch sein eigenes Schäfchen ins Trockene bringen will, verliert man fast den Überblick. Keiner der Beteiligten ist ein besonderer Sympathieträger. Im Gegenteil, jeder handelt skrupellos und ist, wie z.B. Richard Finch, der Noch-Ehemann des Opfers, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Der ehemalige CIA-Führungsoffizier Pete Town, jetzt eigentlich im ,,Ruhestand“, wird für diese Aktion reaktiviert. Mit ihm fühlt man etwas mit, muss er sich doch seiner Vergangenheit stellen und von seinem ruhigen, glücklichen und beschaulichen Eheleben verabschieden. Allerdings hat auch er jahrzehntelang seine Ehefrau belogen. Seine Aufgabe ist es, mit einer Doppelgängerin Catherine Finchs die Lüge ihres Überlebens aufrecht zu erhalten.
Der Thriller ist ziemlich brutal und schonungslos, wirkt dadurch aber auch sehr authentisch. Ein Menschenleben mehr oder weniger spielt für kaum einen der Beteiligten keine Rolle! Also nichts für schwache Nerven.