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Benutzername: amena25
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Bewertungen

Insgesamt 190 Bewertungen
Bewertung vom 05.07.2020
Schwarzer August / Leander Lost Bd.4
Ribeiro, Gil

Schwarzer August / Leander Lost Bd.4


ausgezeichnet

Lost ist angekommen
Sein Name ist Programm - Leander Lost wirkt immer etwas verloren in der normalen Welt. Er als Asperger versteht weder Ironie noch Zwischentöne, wodurch er zu Beginn seines Austauschaufenthalts bei der portugiesischen Polícia Judicária in Faro ziemlich angeeckt ist und was auch jetzt noch zu teils aberwitzigen Dialogen führt. Inzwischen haben sich die Kollegen aber an seine Merkwürdigkeiten gewöhnt und ihn als brillanten Ermittler schätzen gelernt. Dazu hat auch Soraia, die Schwester von Losts Kollegin Graciana Rosado entscheidend beigetragen. Sie hat sich unsterblich in den seltsamen Deutschen verliebt und kann sein Verhalten akzeptieren und verstehen. Aus diesem Grund ist sie zu Beginn des nunmehr 4. Bandes in Losts Villa eingezogen und die beiden Verliebten genießen ausgiebig ihre Zweisamkeit. Doch da explodiert im Hinterland der Algarve eine Autobombe, was es in der Region noch nie zuvor gab. Eine kleine Bankfiliale wurde in die Luft gesprengt, glücklicherweise aber an einem Sonntag, sodass niemand zu schaden kam. Merkwürdigerweise wurde die Bank aber auch nicht ausgeraubt. Kurz darauf werden drei Thunfisch-Trawler in die Luft gesprengt. Wieder kommt niemand zu Schaden. Allerdings taucht ein Manifest auf, das sich unter anderem gegen die Ausbeutung der Meere richtet. Lost und seine Kollegen ermitteln und stoßen auf einen Täter, der mit seinen rätselhaften Bekennerschreiben die Polizei herausfordert. Offensichtlich geht es dem Täter um Gerechtigkeit, Bloßstellung von Ausbeutern und deren Gier. Immer wieder kreuzt dabei der Journalist Julio Moreno die Wege der Ermittler. Obwohl er verdächtig ist, fühlt sich Graciana Rosado unwiderstehlich zu ihm hingezogen....
Auch in diesem 4. Fall verknüpft der deutsche Autor mit portugiesischem Pseudonym einen spannenden und abwechslungsreichen Fall mit der leicht melancholischen Atmosphäre der Region und setzt familiäre und freundschaftliche Bande zwischen den Kollegen der Polícia Judicária geschickt in Szene. Ein wunderbarer Krimi, der gut unterhält, Lust auf ein Glas Vinho Verde und Urlaub an der Algarve macht.

Bewertung vom 04.07.2020
Der Fahrer / Kerner und Oswald Bd.3 (eBook, ePUB)
Winkelmann, Andreas

Der Fahrer / Kerner und Oswald Bd.3 (eBook, ePUB)


sehr gut

Spannend, aber auch klischeehaft

In Hamburg wird eine junge Frau tot aufgefunden, deren Gesicht mit Leuchtfarbe angemalt wurde. Schon bald werden weitere junge Frauen entführt und - nach Ablauf eines Ultimatum - ermordet. Immer handelt es sich um junge Frauen, die nachts unterwegs waren. Auf ihren Autos und auch an anderen Stellen finden sich Hashtags in derselben Leuchtfarbe, mit denen auch ihre Gesichter angemalt wurden. Eine weitere Gemeinsamkeit der Opfer ist, dass sie häufig auf Instagram unterwegs waren und regelmäßig recht freizügige Fotos von sich gepostet haben. Und so finden sich in den Instagram-Accounts der Opfer Nachrichten des Täters, z.B. #findemich und ein 24-Stunden-Ultimatum an die Polizei. Einige der jungen Frauen waren zuvor mit dem neuen Fahrdienst MyDriver unterwegs. Kommissar Jens Kerner und seine Kollegen ermitteln und gehen verdächtigen Fahrgästen und Fahrern des Unternehmens nach. Merkwürdigerweise haben fast alle verdächtigen Personen in irgendeiner Art und Weise mit Jens Kerner zu tun, sodass er und sein Team bald davon überzeugt sind, dass der Täter Kerner persönlich im Visier hat. Offenbar will der Täter die Inkompetenz der Polizei und speziell die von Kerner öffentlich machen.

Der Krimi ist durchaus spannend, allerdings gibt es zahlreiche Spuren und Verdächtige, sodass man als Leser teils zu oft und zu offensichtlich in die Irre geführt wird.
Jens Kerner wirkt zu Beginn sehr abweisend und reserviert, obwohl sich seine Kollegin Becca sehr um ihn bemüht. Die Überraschungsparty, die sie zu seinem Geburtstag organisiert hat, verlässt er im Streit. Doch im Verlauf der Handlung gewinnt Kommissar Kerner an Sympathiepunkten, da er beharrlich jeder noch so kleinen Spur nachgeht, vor allem, als eine Kollegin seines Teams in die Fänge des Täters gerät.
Ingesamt bleiben die Figuren für meinen Geschmack aber etwas zu klischeehaft. Auch wenn das Privatleben im Krimi eine untergeordnete Rolle spielen soll, dürften die Protagonisten gerne etwas mehr Persönlichkeit und charakteristische Eigenheiten haben.

Bewertung vom 04.06.2020
Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6
Eyssen, Remy

Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6


sehr gut

Spannend, trotz einiger Klischees

Die frühsommerliche Stimmung in Le Lavandou wird jäh unterbrochen, als unter einer Autobahnbrücke die Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Zunächst weist alles auf einen Selbstmord hin. Die junge Frau war wohl von der Brücke in den Tod gesprungen und von einem LKW geradezu zermalmt worden. Doch der deutsche Pathologe Leon Ritter, der seit einigen Jahren in Le Lavandou lebt und arbeitet, findet heraus, dass die junge Frau schon vor dem Sprung tot war. Zudem weist die Leiche Verletzungen auf, die auf Folter und eine rituelle Tötung hinweisen. Doch Leon Ritters Verdacht nimmt außer seiner Lebensgefährtin Capitaine Isabelle Morell niemand so recht ernst. Immerhin geht der deutsche Rechtsmediziner mit seinen bisweilen recht eigenen Methoden den französischen Kollegen doch hin und wieder gehörig auf die Nerven! Bis wieder zwei junge Frauen verschwinden - und dieses Mal ist eine davon die Stieftochter des französischen Kultusministers. Neben dem Presserummel wird der Polizei von Le Lavandou auch noch ein Ermittler aus Paris vor die Nase gesetzt. Dieser ist natürlich nicht nur Isabelles ehrgeizigem Vorgesetzten Zerna ein Dorn im Auge. Er stört durch seine Inkompetenz nur die Ermittlungen und bringt sich selbst und andere in Gefahr.
Der Autor versteht es ausgezeichnet, das Städtchen Le Lavandou, seine Bewohner und die Region in ein besonderes Licht zu setzen. Man besucht gerne mit Leon Ritter die örtliche Bar, trinkt einen Rosé und fährt mit ihm im offenen Cabrio durchs malerische Hinterland.
Allerdings stört mich, dass Vorgesetzte meist als inkompetent, überehrgeizig und rechthaberisch dargestellt werden, besonders wenn sie dann auch noch aus einer größeren Stadt anreisen. Zudem scheint außer Leon Ritter kaum einer der Polizisten dazu in der Lage, Spuren korrekt zu deuten.
Der Fall an sich ist aber spannend, immer wieder werden andere Verdächtige ins Licht gerückt, sodass man sich mit dem Krimi trotz einiger Klischees gut unterhalten fühlt.

Bewertung vom 02.06.2020
Beute
Meyer, Deon

Beute


ausgezeichnet

Achtung: Hochspannung!
,,Die Beute" ist ein hochspannender und geschickt konstruierter Thriller des erfolgreichen südafrikanischen Autors Deon Meyer.
Bennie Griessel von der südafrikanischen Polizei möchte seiner Lebensgefährtin endlich einen Heiratsantrag machen. Doch nicht nur der neue Fall macht ihm dabei Probleme, sondern auch die pure Panik, dass seine Freundin den Antrag womöglich ablehnen könnte!Mit seinem Partner Cupido muss Griessel in einem Fall ermitteln, der von den Sicherheitsbehörden möglichst schnell abgeschlossen werden soll. Ein Mann, ein ehemaliger Polizist, der nun als Personenschützer arbeitete, ist mitten in der Einöde aus einem Luxuszug geworfen worden. Da die Sicherheitsbehörden alles dafür tun, den Fall als Selbstmord zu den Akten zu legen, wird das Misstrauen Griessels und seines Partners geweckt. Als sie dann auch noch feststellen, dass der Mann vor seinem ,,Fall" aus dem Zug erstochen wurde, ermitteln sie im Geheimen weiter und stoßen auf zwei verdächtige Passagiere, beide weit in den Siebzigern, die unter falschem Namen mitreisten. Können die beiden Alten verantwortlich für den Mord sein?
Parallel zu den Geschehnissen in Südafrika lernt man Daniel Darret kennen, der seit Jahren unter falschem Namen in Bordeaux lebt. Er, der früher mit allen Mitteln für die Befreiung Südafrikas gekämpft hatte, wird erneut angeheuert, um den korrupten Präsidenten Südafrikas zu ermorden. Darret alias Tobela weigert sich zunächst, als aber ein alter Freund und Mitstreiter in Gefahr schwebt, lässt sich Tobela erneut auf seine Vergangenheit ein...
Sowohl Bennie Griessel als auch sein Partner Cupido dürfen ein gewisses Maß an Privatleben aufweisen, allerdings bleibt immer der Fall im Vordergrund. Auch der angeheuerte Killer Tobela wird menschlich, mit Ängsten und Schwächen, durchaus sympathisch dargestellt, was ich sehr interessant und spannend fand. Die verschiedenen Handlungsebenen werden aus der Perspektive der jeweiligen Protagonisten geschildert und bewegen sich immer schneller aufeinander zu, sodass Spannung und Dynamik zum Ende hin stetig zunehmen.
Wer sich für die Geschichte Südafrikas, aber auch für die heutigen politischen Strukturen des Landes interessiert, wird mit diesem aktuellen und spannenden Thriller bestens unterhalten. Hilfreich ist außerdem das Glossar mit Erklärungen zu Afrikaans und anderen wichtigen Begriffen der südafrikanischen Kultur und Geschichte.

Bewertung vom 22.05.2020
#CrashTag
Brückner, Martin

#CrashTag


sehr gut

Zwiespältiger Eindruck

In ein paar Jahren könnte die Handlung schon Realität sein: Autos können autonom fahren, für diese Fahrzeuge ist sogar eine besondere Fahrspur reserviert. Allerdings hat die Technik doch noch ihre Tücken, sodass es immer wieder zu Kollisionen mit Fußgängern oder Radfahrern kommt.
Genau so ergeht es Fritz Graber, als er mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit von solch einem Autonomen über den Haufen gefahren wird.
Graber ist Journalist bei der Neuen Frankfurter Zeitung, hat aber seine erfolgreichsten Jahre schon hinter sich. Er liebt Oldtimer, was sich in der liebevollen und detaillierten Beschreibung der alten Modelle widerspiegelt, hat schräge Freunde und ist ansonsten eher ein einsamer Wolf. Eins seiner speziellen Hobbies ist Crashtag.com, eine Webseite, auf der schwere Unfälle weltweit präsentiert werden.
Als ein deutscher Unternehmer an der Côte d'Azur mit einem alten und seltenen Porsche verunglückt, weckt dies Grabers Neugier nicht nur wegen des Oldtimers. Er vermutet, dass es sich gar nicht um einen Unfall, sondern um Manipulation an dem edlen Wagen gehandelt haben könnte. Der tote Unternehmer stellte nämlich Sensoren für autonom fahrende Autos her, ein heiß umkämpfter Markt! Und schon sehr bald interessiert sich eine asiatische Firma für das Unternehmen. Grabers Ehrgeiz wird zusätzlich noch durch eine neue, junge Kollegin angestachelt, der er offensichtlich nicht nur beruflich etwas beweisen will.
Graber ist sehr ,,oldschool", aber für meinen Geschmack nicht immer im positiven Sinne. Dafür wirkt er stellenweise zu gemächlich, zu sehr Sonderling. Seine ,,Dialoge" mit Steve McQueen mögen vielleicht Autofans erfreuen, mich haben sie nicht so vom Hocker gerissen. Immerhin aber nimmt er sich selbst mal gern auf die Schippe, was ihn wiederum sympathisch macht. Die Handlung nimmt nach den ersten Drittel deutlich an Fahrt zu, allerdings wirkt sie mit den diversen Themen von autonomem Fahren, modernster Computertechnik, Wirtschaftskriminalität usw. auch etwas überladen.
Etwas irritierend sind stellenweise Sprünge in der Handlung, auch die Sprache wirkt für einen erzählenden Text oft zu sachlich, berichtähnlich und eher nüchtern.
,,Crashtag" vermittelt mit dem autonomen Fahren eine interessante Thematik, die aber durch zu viele Nebenaspekte etwas in den Hintergrund gerät. Man hat irgendwann das Gefühl, dass der Autor sich nicht so recht zwischen den vielen Möglichkeiten entscheiden konnte.

Bewertung vom 15.05.2020
Ich bleibe hier
Balzano, Marco

Ich bleibe hier


ausgezeichnet

Geraubte Heimat

Ich muss gestehen, auch ich war bisher einer der Touristen, die den Reschensee mit seinem halb versunkenen Kirchturm fotografierten und anschließend Urlaub im wunderschönen Südtirol gemacht haben. Zwar war mir die Geschichte des Orts im Großen und Ganzen bekannt, die wahre Geschichte aber über ein fiktives Schicksal vermittelt zu bekommen, geht doch deutlich unter die Haut.
Erzählt wird aus der Perspektive Trinas, die Lehrerin werden möchte und ein ruhiges und beschauliches Leben mit wenig Abwechslung in Graun verbringt. Doch mit der Machtergreifung Mussolinis wird die Lebenssituation der deutschsprachigen Südtiroler komplett umgekrempelt. Die deutsche Sprache wird verboten, Namen werden italianisiert, nur italienisch sprechende Lehrer an den Schulen zugelassen, die die Schüler nicht verstehen.
Trina, die sich zum Unterrichten berufen fühlt, lernt die fremde Sprache, in der Hoffnung, doch noch eine Stelle zu bekommen. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Stattdessen unterrichtet sie in den Kriegsjahren heimlich in einer sogenannten Katakombenschule Deutsch, was für sie, aber auch für ihre Schüler ein großes Risiko darstellt.
Mit ihrem Mann Erich, der nie aus Graun fort will, bekommt sie eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter verlässt später ohne Abschied die Familie, worunter Trina ihr Leben lang leidet.
Erzählt wird auch die leidvolle und entbehrungsreiche Zeit, in der Erich als Deserteur heimkehrt und die beiden in die Berge fliehen, um nicht verhaftet und getötet zu werden.
Eine sehr wichtige Rolle spielt immer der Staudamm, der über Jahrzehnte hinweg geplant, verworfen, letzten Endes aber doch gebaut wird. Das ganze Tal wird geflutet, die Dörfer Graun und Reschen verschwinden und die Menschen werden für immer ihrer Heimat beraubt.
Trina erzählt ihr Schicksal in einer nüchternen, schnörkellosen Sprache, was das unsagbare Leid und die Ungerechtigkeit, die den Bewohnern der Region zugefügt wurden, aber auch ihr persönliches Leid, fast dokumentarisch wirken lässt und einen dennoch tief berührt.
Für mich ist ,,Ich bleibe hier" ein sehr trauriges, aber starkes Buch, das man unbedingt lesen sollte.

Bewertung vom 03.05.2020
Die Herren der Zeit / Inspector Ayala ermittelt Bd.3
Garcia Saenz, Eva

Die Herren der Zeit / Inspector Ayala ermittelt Bd.3


ausgezeichnet

Schade - Trilogie abgeschlossen

Auch im 3. Band mit Inspector Ayala alias Kraken wird durch ein Verbrechen die Gegenwart auf geheimnisvolle Weise mit der Vergangenheit verknüpft.

Nicht nur Inspector Ayala, sondern fast alle Bewohner Vitorias im spanischen Baskenland sind begeistert von einem gerade erschienen historischen Romans, dessen Titel ,,Die Herren der Zeit" lautet. Mysteriös ist allerdings, dass der Autor trotz des riesigen Erfolgs unbekannt bleiben will. Nicht einmal der Verleger kennt seinen wahren Namen oder seine Identität!

Als die Stadt Vitoria durch eine Serie von Morden erschüttert wird, die dem Vorbild düsterer mittelalterlicher Ritualen folgen, stellt Inspector Ayala bald fest, dass alle diese Tötungsarten in dem erfolgreichen historischen Roman beschrieben werden. Auch mit Ayalas eigener Vergangenheit und der Geschichte seiner Familie scheint der Roman - und dadurch auch die jetzigen Verbrechen - zusammenzuhängen. Für Inspector Ayala, der seit dem letzten Fall (,,Das Ritual des Wassers") mit seiner Chefin Alba und seinem kleinen Töchterchen sein privates Glück gefunden hat, ist dieser Fall höchst gefährlich und bringt auch seine Familie in große Gefahr.
Sehr interessant ist, wie Eva García Sáenz den historischen Roman und die Perspektive der Protagonisten aus dem 12. Jahrhundert mit der Gegenwart verwebt. Durch diese beiden Zeitebenen entsteht ein spannungsreiches Handlungsgeflecht, das durch den fiktiven ,,Roman im Roman" und die Frage nach der Autorenschaft noch komplexer wird.
Auch wenn die private Verwicklung Ayalas in die Geschehnisse, wie auch in den vorigen Bänden, etwas übertrieben wirkt, tut dies der Spannung jedoch keinen Abbruch.
Sehr anschaulich lässt uns die Autorin Eva García Sáenz an den mittelalterlichen Geschehnissen teilhaben, doch auch das moderne Leben in der baskischen Stadt wird dem Leser bildhaft vor Augen geführt.
Sehr schade, dass die Trilogie mit dem sympathischen und interessanten Ermittler und seinen Kollegen damit abgeschlossen ist!

Bewertung vom 05.04.2020
Pandora
Amber, Liv; Berg, Alexander

Pandora


sehr gut

Alte Schuld
,,Pandora" ist der Beginn einer Krimi-Reihe über die Nachkriegszeit in Berlin.
1948 ist Berlin noch deutlich vom Krieg gezeichnet und die Trennung in Ost- und Westsektor ist nicht nur eine räumliche, sondern auch eine, die die Bevölkerung spaltet.
Hans-Joachim Stein kehrt nach 15 Jahren als Ermittler bei Scotland Yard in seine Heimatstadt Berlin zurück. Dort arbeitet er als Kommissar an der neu gegründeten Mordinspektion des Westteils der Stadt. Als ,,Engländer", der den Krieg nicht in Deutschland erlebt hat, dazu immer elegant gekleidet, höflich und attraktiv, begegnen ihm die Kollegen mit Vorurteilen und Misstrauen. Außerdem kommt noch hinzu, dass Hans-Joachim Steins Vater ein hohes Tier bei der Polizeidirektion Ost ist, sodass er zudem noch dem Verdacht ausgesetzt ist, ein Spion seines Vaters zu sein.
Steins erster Fall führt ihn ins Milieu der Prostituierten und der feinen Herren, die die Dienste der Damen in Anspruch nehmen. Ein bekannter Schieberkönig wurde brutal ermordet, kurz darauf passiert ein Mord mit deutlichen Parallelen. Stein und sein etwas hemdsärmeliger Kollege Max Wuttke ermitteln, doch nicht nur Steins Vorgesetzter Krüger versucht, die Ermittlungen zu behindern. Parallel dazu geht Hans-Joachim Stein dem Schicksal von fünf Frauen aus einer psychiatrischen Klinik nach, die offenbar erst nach Kriegsende ermordet wurden. Auch hier werden Steins Ermittlungen vor allem durch seinen Vorgesetzten blockiert, doch das motiviert Stein umso mehr, seine Nachforschungen hartnäckig voranzutreiben.
Als Fremder in seiner Heimatstadt hat Hans-Joachim Steins eine ganz eigene Perspektive auf das Geschehen. Sein Blick ist nicht von alter Schuld und Verstrickung getrübt, aber auch kein Blick des Außenstehenden, des Feindes. Durch seine konfliktreiche Beziehung zu seinem Vater, aber auch seine Schwäche für das weibliche Geschlecht, wird Stein menschlich, sympathisch und nicht allzu sehr als Held dargestellt. Allerdings sind manche Figuren doch sehr schwarz-weiß dargestellt, wie z.B. Steins Vorgesetzter. Auch die Frauen dürfen nur eine eher klischeehafte Rolle spielen. Dennoch ist ,,Pandora" ein interessanter uns spannender Krimi und man darf auf die Fortsetzung gespannt sein.

Bewertung vom 03.04.2020
Rote Kreuze
Filipenko, Sasha

Rote Kreuze


sehr gut

Win-Win-Situation

Zu Beginn der Lektüre begleitet man den 30-jährigen Alexander beim Bezug einer neuen Wohnung. Die Maklerin macht ihm die Wohnung damit schmackhaft, dass auf seinem Stockwerk nur eine alleinstehende 90-jährige Frau lebt, die an Alzheimer leidet. Doch Alexander ist wortkarg bis hin zur Unhöflichkeit. Nur aus einzelnen Andeutungen erfährt man, dass er eine dreimonatige Tochter hat, er aber allein in der Wohnung mit ihr leben wird. Man ahnt, dass ihn ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat.
Seine neue Nachbarin, Tatjana Alexejewna, versucht freundlich zu Alexander zu sein und ihn in Gespräche zu verwickeln, was dieser zunächst rüde abweist. Noch versteht man als Leser nicht, warum Alexander sich so schroff verhält. Doch nach und nach öffnet er sich und Tatjana, die immer vergesslicher wird, erzählt ihm ihre Lebensgeschichte, eben damit diese nicht in Vergessenheit gerät. Da Tatjana Alexejewna 1910 geboren wurde, umfasst ihr Leben fast das ganze 20. Jahrhundert. Und was sie in Russland, im Krieg, während der Stalinzeit, aber auch später erlebt hat, erfährt Alexander, und somit auch der Leser nach und nach. Und trotz aller Schrecken und unvorstellbaren Ungerechtigkeiten ist Tatjana Alexejewna keine gebrochene Frau, sondern eine Kämpfernatur, die weiß, dass Gott Angst hat vor ihr. ,,Zu viele unangenehme Fragen kommen da auf ihn zu." (S: 11)
Allmählich schließen Alexander und die alte Frau Freundschaft, und je mehr der junge Mann von Tatjanas Lebensgeschichte erfährt, desto mehr scheint er sich auch mit seinem persönlichen Schicksal zu arrangieren.
Schwierig an diesem Roman fand ich die sehr nüchterne, sachliche Darstellungsweise, die durch die Einbindung von authentischen Dokumenten noch verstärkt wurde.
,,Rote Kreuze" ist ein Roman, der weniger durch Emotionen als durch eine starke Protagonistin und eine wichtige Thematik überzeugen kann.

Bewertung vom 24.03.2020
Das kann uns keiner nehmen
Politycki, Matthias

Das kann uns keiner nehmen


sehr gut

Freundschaft auf den zweiten Blick


Der sensible, zurückhaltende und vermeintlich tolerante und weltoffene Hans macht sich auf, den Kilimandscharos zu besteigen. Dort will er aber nicht nur den Gipfel erreichen, sondern auch noch im Krater die Nacht verbringen. Mit dieser Reise will er mit sich und seiner Vergangenheit endlich ins Reine kommen. Offenbar hat er mit dem Berg, oder sogar mit ganz Afrika, noch eine persönliche Rechnung offen.
Doch obwohl normalerweise niemand im Krater nächtigt, steht dort bereits ein Zelt, und mit ihm ,,der Tscharli", ein von sich selbst eingenommener, lauter und aufdringlicher Ur-Bayer. Für Hans ein Alptraum! Doch der Schneesturm in der Nacht, der auch den Trägern und Reisebegleitern unheimlich ist, bringt die beiden zusammen , wenn auch von Hans Seite aus nur äußerst widerwillig. Doch so unsympathisch, respektlos und abstoßend Tscharli auch zunächst wirkt, so schafft er es doch, die Menschen um ihn herum in seinen Bann zu ziehen. Mit seinem Bayrisch-Phantasie-Suahelie hat er immer die Lacher auf seiner Seite, bekommt das, was er will und setzt sich, auch in Konfliktsituationen, durch. Und er kann das Leben in vollen Zügen genießen, alles Dinge, die Hans bisher im Leben nicht gelernt hat. Als dieser merkt, dass Tscharlie schwer krank ist und nur noch einmal richtig Spaß haben will, bevor es zu Ende geht, schließt Hans sich ihm auf eine abenteuerliche gemeinsame Reise an, die auch ihm ganz neue Horizonte eröffnet.
Die Geschichte einer Freundschaft auf den zweiten Blick ist berührend, traurig und witzig zugleich, allerdings nicht immer angenehm und unterhaltsam zu lesen. Tscharlies Redewendungen, die Hans allmählich übernimmt, nerven, auch wenn sich in ihnen eine gewisse Lebensweisheit manifestiert. Tscharlies Verhalten wirkt, auch nachdem Hans ihm einen gewissen Respekt zollt, nicht weniger unsympathisch bis teils sogar ekelhaft.
,,Das kann uns keiner nehmen" ist eine interessante Geschichte über Lebenslügen und Lebensweisheiten, Liebe und Freundschaft, die kein klischeehaftes Bild von Afrika zeigt, sondern eher das alltägliche Leben in verschiedenen Facetten.