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Helena

Bewertungen

Insgesamt 123 Bewertungen
Bewertung vom 12.02.2024
Lichtungen
Wolff, Iris

Lichtungen


sehr gut

„Ob es im Westen alles gab? Ob man wirklich überall hinreisen konnte? Ob eine Sprache für ein Land reichte? Für das Sagbare und Unsagbare, Offensichtliche und Verborgene, Wahre und Unwahre?“

Lev und Kato verbindet eine besondere Freundschaft. Als Lev sich am tiefsten Punkt in seinem Leben befand, war Kato diejenige, die ihn aus dem Zustand größter Hoffnungslosigkeit herausholte. Seitdem sind die beiden unzertrennlich und vertrauen einander bedingungslos. Als Kato das Heimatdorf und auch die Landesgrenzen hinter sich lässt, fühlt sich Lev verraten und er lässt viel Zeit verstreichen bevor er Kato in Zürich besuchen kommt. Zusammen mit Lev erleben wir das Wiedersehen und lernen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge die Phasen und Ereignisse in Levs Leben kennen, die ihn als Menschen besonders geprägt haben.

Mit „Lichtungen“ legt uns die Autorin Iris Wolff einen sehr atmosphärischen Roman vor, den man am besten als ein Buch der leisen Klänge bezeichnen könnte. Es ist ein unaufgeregtes, aber trotzdem sehr intensives Buch. Mit nur wenigen Worten wird eine ganze (Innen)Welt erschaffen, die da Erzählte hautnah miterleben lässt. Wir tauchen in Levs Innen- und Außenleben ein und erfahren auf diese Weise wie ein empfindsamer Mensch im kommunistischen Rumänien aufwächst und wie er seine innere Freiheit trotz widriger politischer Umstände bewahrt. Iris Wolff hat sich in ihrem Roman „Lichtung“ für die zeitlich umgekehrte Chronologie der Erzählung entschieden. Mir persönlich hat diese Erzählweise etwas den Zugang zu dem Erzählten, der Hauptfigur und den weiteren in Erscheinung tretenden Figuren erschwert und ich weiß nicht, ob ich den Roman in klassisch chronologisch erzählter Form nicht besser gefunden hätte. Nichtsdestotrotz ist „Lichtungen“ ein wahrer Schatz unter den Neuerscheinungen, da Iris Wolff ohne Zweifel zu den Autorinnen gehört, die das „Sagbare und Unsagbare, Offensichtliche und Verborgene, Wahre und Unwahre“ in Worte zu kleiden weiß.

Bewertung vom 20.10.2023
Florence Butterfield und die Nachtschwalbe
Fletcher, Susan

Florence Butterfield und die Nachtschwalbe


weniger gut

Nachdem die alleinstehende Florence Butterfield einen Unfall erleidet und an den Rollstuhl gefesselt ist, wird klar, dass sie nicht mehr alleine in ihrem Cottage wohnen kann. Ihre Suche nach einer geeigneten Seniorenresidenz ist schließlich erfolgreich. Babbington Hall ähnelt eher einem Herrenhaus mit seinem großen, verwinkelten Garten voller Obstbäume und Wildblumen als einem Altersheim. Hier fühlt sich Florence unglaublich wohl. Doch ihr Glück wird sehr schnell getrübt: Zuerst erleidet ein Bewohner der Seniorenresidenz einen tödlichen Unfall, kurz darauf stürzt Ranata, die Leiterin des Heims, aus dem Fenster. Florence glaubt nicht an einen tragischen Unfall und stellt Nachforschungen an, die sie immer näher an die Wahrheit bringen…

Die Autorin Susan Fletcher war mir bereits durch ihren Vorgängerroman „Das Geheimnis von Shadowbrook“ bekannt und so war ich sehr gespannt auf ihren neuesten Roman, bei dem das Cover als auch der Klappentext mich gleichermaßen angesprochen haben. Doch so sehr ich „Das Geheimnis von Shadowbrook“ mochte, so sehr war ich von „Florence Butterfield und die Nachtschwalbe“ enttäuscht. Während der Vorgängerroman geheimnisvoll, spannend und voller unerwarteter Wendungen war, plätschert die Geschichte des gegenwärtigen Romans gemächlich vor sich hin. Während das Geschehen in „Das Geheimnis von Shadowbrook“ glaubwürdig und schlüssig ist, sind die Handlung und die Begebenheiten in „Florence Butterfield und die Nachtschwalbe“ ziemlich weltfremd, naiv und unglaubwürdig. Während die Figuren in „Das Geheimnis von Shadowbrook“ interessant, vielschichtig und originell waren, sind die Figuren in „Florence Butterfield und die Nachtschwalbe“ uninspiriert, einfältig und flach. In gewisser Weise ist die Auflösung des Kriminalfalls in dem Roman nachvollziehbar, aber die Charaktere, ihr Innenleben und das Romangeschehen haben schon derartig an meinen Nerven gezogen, dass ich einfach nur froh war, den Roman beendet zu haben. So sehr ich gewillt war, den neuesten Roman von Susan Fletcher zu mögen – leider war mir dies nicht möglich. Von Susan Fletchers Gabe, eine Geschichte geheimnisvoll und spannend bis zum Ende erzählen zu können, ist hier leider nichts zu spüren.

Bewertung vom 13.10.2023
Die Wahrheiten meiner Mutter
Hjorth, Vigdis

Die Wahrheiten meiner Mutter


ausgezeichnet

„Bitte lass mich deine Augen sehen! Deine großen dunklen Augen! Sie sind kalt, ja, das weiß ich! Aber lass sie mich anschauen, lass mich tief in sie hineinsehen und sehen, ob es in der tiefsten Tiefe einen Gedanken für mich gibt, einen kleinen guten Gedanken über mich!“

Johanna, eine angesehene Künstlerin, die auf die sechzig zugeht, hat vor über dreißig Jahren ihr Elternhaus und ihren Ehemann verlassen und dabei ein ‚sicheres Leben‘ für Freiheit und einen anderen Mann aufgegeben. Nach dem Tod dieses Mannes kehrt Johanna in ihre Heimatstadt zurück – etwas drängt sie unaufhörlich, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ihr Vater, vor dem sie immer Angst hatte, ist vor einigen Jahren gestorben, und zu der jüngeren Schwester hat Johanna nie ein enges Verhältnis gehabt. Was Johanna interessiert, ja geradezu schmerzhaft bedrängt, ist der Gedanke an ihre Mutter. Was für ein Mensch war und ist sie? Wie war ihre Kindheit, Jugend und Elternzeit? Wie hat sie ihre Ehe empfunden? Wie war ihr Verhältnis zu Johanna und sind ihre Erinnerungen mit denen von ihrer Tochter kompatibel? Hat sie Johanna geliebt und wie war es für sie, als ihre Erstgeborene das Zuhause für immer verlassen hat? Möchte sie aus freien Stücken keinen Kontakt mehr zu Johanna haben oder ist es nur der Wille ihrer jüngeren Tochter? Diese und viele weitere Fragen beschäftigen die Ich-Erzählerin. Da die Mutter Johannas Telefonanrufe nicht entgegennimmt, fährt die Ich-Erzählerin zu der Straße, auf der die Mutter wohnt, versteckt sich, macht sich mit deren Angewohnheiten vertraut und folgt ihr regelmäßig mit ein paar Metern Entfernung. Ihr Verhalten hat etwas Wahnhaftes an sich. Doch je mehr man in das Innenleben und die Vergangenheit der Protagonistin eintaucht, desto besser kann man ihr Handeln nachvollziehen. Als es schließlich zu einer unmittelbaren heftigen Konfrontation zwischen Mutter und Tochter kommt, erkennt Johanna, dass es keinen Austausch auf einer Ebene mit ihrer Mutter geben kann. Da sich die Mutter nie den Wahrheiten in ihrem Leben gestellt hat, kann Johanna ihre ehemalige Heimat und auch ihre unaufgearbeitete Vergangenheit schließlich für immer hinter sich lassen.

Es ist ein einzigartiges Erlebnis, in die Gedankenwelt der Ich-Erzählerin einzutauchen. Vigdis Hjorth verfügt über eine wunderschöne, subtile, leichtfüßige Sprache, die gleichzeitig eine Direktheit, Intensivität und Gewalt ausübt, dass der Leserin buchstäblich der Atem wegbleibt. Man fühlt sich wie von einer Schlingpflanze umwoben, die zunächst zart und schmeichelnd die Seele berührt, dann aber immer fester zuschnürt. Ich ziehe meinen Hut vor dieser schriftstellerischen Meisterleistung, die einer Mutter-Tochter-Beziehung so tief auf den Grund gehen und dabei auch die Leserin dauerhaft in ihrem Denken prägen kann.

„Die Mutter ist ein Spiegel, in dem die Tochter sich selbst in der Zukunft sieht, und die Tochter ist ein Spiegel, in dem die Mutter ihr verlorenes Ich sieht, vielleicht will Mutter mich nicht sehen, um nicht zu erfahren, was sie verloren hat? Vielleicht muss ein Kind gegen die Eltern aufbegehren, um seinen eigenen Willen zu entdecken und seinen eigenen Weg zu finden, und wenn die Eltern das ertragen und damit umgehen können, können alle Beteiligten danach eine gleichwertige Beziehung entwickeln, weil sich in der Hitze des Gefechts alle nackt und verletzlich gezeigt haben und weil alle versucht haben, komplizierte und ambivalente Gefühle in Worte zu fassen, etwas, das Mutter und ich nie getan haben. Das ist es, was geschehen muss, damit der Teufelskreis aus Schmerzen gebrochen werden kann.“

Bewertung vom 30.08.2023
Frau Komachi empfiehlt ein Buch
Aoyama, Michiko

Frau Komachi empfiehlt ein Buch


ausgezeichnet

„Die Erde dreht sich. Vom Sonnenlicht beschienen, den Mond betrachtend. Auch ich werde mich stets wandeln und weiterentwickeln, fest verwurzelt mit der Erde zum Himmel blickend. Um dem Leser, der gerade diese Buchseite aufschlägt, eine «größere Wahrheit» zu vermitteln.“

Tomoka, 21 Jahre, Verkäuferin; Ryo, 35 Jahre, Buchhalter; Natsumi, 40 Jahre, ehemalige Zeitschriftenredakteurin; Hiroya, 30 Jahre, arbeitslos und Masao, 65 Jahre, Rentner – diese fünf Personen stehen an einem Wendepunkt in ihrem Leben: Sie hadern mit ihrer gegenwärtigen Anstellung oder leiden darunter, dass sie keiner Arbeit nachgehen. Wer schon einmal in Japan war oder sich ein wenig mit dem Land auskennt – ich selbst war im Mai für zwei Wochen zum ersten Mal in Japan – der weiß, dass die Arbeit eine wichtige Rolle im Leben der Japaner und Japanerinnen spielt. Deshalb ist auch nicht verwunderlich, dass die fünf Figuren in Michiko Aoyamas Roman nach einer erfüllenden Tätigkeit suchen. Im Laufe ihrer individuellen Geschichte, die sie uns erzählen, treffen die fünf Protagonisten auf Sayuri Komachi, die in einer Bibliothek im Gemeinschaftszentrum arbeitet. Sie empfiehlt ihren Klienten Bücher, nach denen sie auf der Suche sind, es befindet sich aber immer eine Art Ausreißer auf der Liste, der nicht zu den restlichen Büchern passt. Bei diesen Ausreißern handelt es sich um eine persönliche Empfehlung von Frau Komachi, die jeweils eine Veränderung bei den Suchenden auslöst. Außerdem gibt es immer eine Art Zugabe zu dem Buch – ein kleines Filzobjekt, das Frau Komachi selbst hergestellt hat. Dabei wählt sie die Zugaben nach Intuition aus, genau so wie die Ausreißer-Bücher, wie sie selbst erklärt: „Der Leser assoziiert das Geschriebene mit seinem eigenen Leben und zieht etwas sehr Persönliches aus der Lektüre, das vielleicht gar nichts mit der ursprünglichen Absicht des Autors zu tun hat.“ Frau Komachi wird von den fünf Figuren unterschiedlich beschrieben, Übereinstimmung herrscht allerdings darüber, dass sie groß und füllig ist und eine ungemein weiße Haut hat. Tomoka erinnert sie an einen Eisbären, Ryo vergleicht sie mit dem Marshmallow Man aus Ghostbusters, Natsumi assoziiert Disneys Baymax mit ihr, Hiroya behauptet, sie sähe wie Genma Saotome aus – der Pandabär aus dem Manga Ranma ½ und Masao denkt bei ihrem Anblick einen riesigen Kagami-Mochi. Das ist äußerst ergötzlich zumal es keinesfalls herabwürdigend gemeint ist. Ich hatte das Gefühl, dass die Figur der Frau Komachi so beschrieben wurde, um Ähnlichkeit mit einem Buddha herzustellen – sie verkörpert Gleichmut, Ruhe, Weisheit und die Kenntnis des menschlichen Geistes. Sayuri Komachi übt großen Einfluss auf das Leben von Tomoka, Ryo, Natsumi, Hiroya und Masao aus, aber die Verflechtungen zwischen den einzelnen Figuren untereinander werden im Laufe des Romans ebenfalls offenbar. Die Hauptfiguren, aber auch Randfiguren in dem Roman beeinflussen sich gegenseitig. Der aufmerksame Leser wird seine helle Freude daran haben, Figuren aus den vorangehenden Geschichten wiederzubegegnen und Näheres über sie zu erfahren.

„Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama ist ein wahres Herzensbuch. Ich konnte es gar nicht aus den Händen legen, weswegen ich sogar beim Gehen gelesen habe – das habe ich tatsächlich schon seit längerem nicht mehr getan – und die Passanten haben mir mit einem verständnisvollen Lächeln Platz gemacht. Belletristik, in der es darum geht, dass Bücher eine heilende Wirkung ausüben oder eine Veränderung herbeiführen, findet immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. So auch dieser Roman, der aufzeigt, wie fünf verschiedene Bücher fünf unterschiedliche Lebensschicksale ins Positive gewendet haben.

Wonach suchen Sie? Nach einem herzerwärmenden Roman? Dann sind Sie hier genau richtig!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.08.2023
Nichts in den Pflanzen
Haddada, Nora

Nichts in den Pflanzen


sehr gut

„Es ist so viel Wut in dir“, bekommt Leila, die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans „Nichts in den Pflanzen“ stets zu hören und so ist es auch – Leila, deren Name nicht umsonst „sehr finstere lange Nacht“ bedeutet, bringt Wut und Zerstörung mit sich. Für ihr Drehbuch, das gleichzeitig ihr Durchbruch in der Filmwelt sein soll, ist sie bereit über Leichen zu gehen. So nutzt sie ihren Partner Leon, der eine Koryphäe im Filmgeschäft ist, für ihre Zwecke aus und versucht ihn gleichsam mit ihrem Aufstieg in den Abgrund zu ziehen und zu zerstören. Als Leila in eine Schreibblockade gerät, die in einer Schreibkrise mündet, sucht sie diese auf jede erdenkliche Art zu lösen. So geht sie mit dem „Anderen Leon“ eine Liebesbeziehung ein und nutzt ihn intellektuell aus, weil sie ihn für ihre Muse hält. Denn an die Liebe glaubt Leila nicht und Nettigkeit verachtet sie zutiefst. Grausamkeit und Zerstörung sind Begriffe, mit denen sie durchaus etwas anfangen kann – nur dank ihnen kann der Durchbruch gelingen. Zu dumm nur, dass es eine Konkurrentin gibt, die eine ähnliche Idee für ein Kammerspiel hatte und höchstwahrscheinlich vor Leila fertig wird. Und dann sind da diese lästigen Fliegen, die aus ihrem Laptop zu kriechen scheinen und Leila die Schreibarbeit erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Dabei ist doch nichts in den Pflanzen. Die sind gesund. Nein, den Pflanzen fehlt nichts. Natürlich nicht. Und auch kein Kammerjäger kann ein Mittel gegen die Fliegen mit den grünen Augen finden, die schwarze Flecken hinterlassen, wenn man sie zerdrückt, denn sie stehen metaphorisch für nichts anderes als die innere Verdorbenheit der Ich-Erzählerin.

Nora Haddada gelingt mit „Nichts in den Pflanzen“ ein geniales, bitterböses Debüt, das mit seiner Scharfsicht und Sprachbrillanz leuchtet. So wie sich die Ich-Erzählerin in Haddadas Roman dagegen wehrt die Hauptfigur in ihrem Drehbuch netter oder zumindest menschlicher zu machen, so wehrt sich auch die Autorin dagegen, ihre Protagonistin Leila freundlicher zu gestalten – denn das würde die Botschaft des Romans verfälschen. Es geht nicht darum, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren, ganz im Gegenteil: Durch die Distanzierung von der Ich-Erzählerin soll unser unverfälschter, kritischer Blick auf die Untiefen unserer Lebenswirklichkeit scharf gehalten werden. Einen Stern Abzug gibt es lediglich für das abrupte Ende, das meiner Meinung nach nicht zu der Protagonistin passt und daher insgesamt die Aussage des Romans abschwächt. Ich freue mich auf weitere Bücher aus der Feder dieser jungen, brillanten Gegenwartsautorin!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.08.2023
Tasmanien
Giordano, Paolo

Tasmanien


ausgezeichnet

„Trotzdem gab ich nicht auf. Es gibt Projekte, die eine Art Unausweichlichkeit haben, dich jenseits aller Vernunft fesseln, aus Gründen, die du nicht verstehst. Oft sind das Fata Morganas, das weißt du, aber du kannst nicht anders, als dich ihr so weit anzunähern, bis sie vor dir verschwindet. Die Bombe war so etwas. Ich schrieb immer langsamer und mit einer Art luzider Verzweiflung, den Moment erwartend, in dem ich mich mit nichts in Händen wiederfinden würde.“

Paolo ist ehemaliger Physikstudent. Nun ist er Journalist und arbeitet seit einigen Jahren an einem Buch zur Atombombe. Nachdem seine neun Jahre ältere Ehefrau Lorenza nach drei Jahren fruchtlosen Versuchens ein gemeinsames Kind zu bekommen, die Bemühungen einstellen möchte, stürzt diese Entscheidung Paolo in eine persönliche Krise. Diese Krise bringt einen Stein ins Rollen und lässt den Ich-Erzähler sich bewusst mit den großen und kleinen Katastrophen im Leben eines Menschen auseinandersetzen. Der Klimawandel, Terroranschläge und die atomare Bedrohung beschäftigen Paolo genauso wie seine eigene Kinderlosigkeit, die Trennung seines ehemals besten Studienfreundes von dessen Frau, die persönlichen Irrungen eines befreundeten Priesters, die Freundschaft mit dem bekannten Professor Novelli, der sich mit Wolkenformationen und ihrem Einfluss auf den Klimawandel beschäftigt. Paolo reist rastlos in der Weltgeschichte umher, ist mal motiviert, dann wieder auf seine niedersten Instinkte reduziert. Als eine schwerwiegende Augenoperation bei ihm durchgeführt wird und er einige Zeit später nach Japan reist, wo er den Gedenkfeiern zu den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki bewohnt und dort Terumi Tanaka trifft, der als dreizehnjähriger Junge den Atombombenangriff in Nagasaki überlebt, werden Paolo buchstäblich die Augen geöffnet für das, was wirklich im Leben zählt und die persönliche Krise scheint überwunden. Gleichzeitig bleibt die große Frage im Raum stehen: Würden wir, wenn wir wüssten, was die Zukunft bringt, anders handeln als wir es jetzt tun oder würde trotzdem jeder sein eigenes Leben so weiterleben wie bisher? Nur eines ist sicher: Aus der Perspektive von Überlebenden ist alles möglich zu erzählen.

Alle Themen und alle lauten wie leisen Töne, die Paolo Giordani in seinem Roman „Tasmanien“ unterbringt und behandelt, in einer Rezension wiedergeben zu wollen, ist schier unmöglich. Das Werk liest sich wie eine persönliche Chronik von 2015 bis 2022. Man wird an die Ereignisse in diesem Zeitraum erinnert, erlebt sie wie von Neuem und erinnert sich an die Gedanken und Gefühle, die man selbst zu dieser Zeit gehegt und empfunden hat. Und man stellt sich unweigerlich selbst die Frage: Hätte ich irgendetwas in meinem Handeln geändert, wenn ich gewusst hätte, was kommt? Paolo Giordani ist mit „Tasmanien“ wahrhaftig ein schriftstellerisches Werk gelungen, das nachhaltig zur Reflexion anregt, und dabei Gefühl und Verstand gleichermaßen anspricht. Es ist ein wichtiger Roman in unserer Zeit und zurecht das meistgelesene Buch des vergangenen Jahres.

Bewertung vom 27.04.2023
Lebendige Nacht
Kimmig, Sophia

Lebendige Nacht


ausgezeichnet

„Die Nacht ist nicht nur eine Zeit, sondern ein Lebensraum, eine Nische im großen komplexen Haus des Lebens.“

Gehören Sie vielleicht zu den Lesern von Sophia Kimmigs Sachbuch und Bestseller „Von Füchsen und Menschen“ und haben sich schon auf ihr neuestes Buch „Lebendige Nacht“ gefreut? Oder kennen Sie noch keins der beiden Bücher? In beiden Fällen sollten Sie so schnell wie möglich in die Buchhandlung rennen und sich das Sachbuch „Lebendige Nacht. Vom verborgenen Leben der Tiere“ holen, denn es ist alles, was man sich von einem Sachbuch wünscht: Es ist interessant, informativ, spannend sowie sehr humorvoll und empathisch geschrieben! Ich liebe es von ganzem Herzen. Vielleicht muss man sich für Biologie und insbesondere die Tierwelt interessieren, um dieses Buch so sehr zu lieben wie ich es tue, aber ich glaube nicht. Ich denke jeder und jede wird sich von dem Sachbuch angesprochen fühlen – vom Inhalt, dem Schreibstil und der Autorin selbst.

Wer möchte nicht mehr über solche süßen und faszinierenden Tiere wie Schlafmäuse, Eulen, Fledermäuse, Waschbären und Nachtfalter erfahren – umso mehr, da wir diese nachtaktiven Tiere als tagaktive Spezies so selten zu Gesicht bekommen? Denn über genau diese Tiere schreibt Sophia Kimmig in ihrem neuesten Sachbuch auf ihre so einnehmende Art und Weise, die jeden unweigerlich in ihren Bann zieht. Aber sie schreibt auch über allgemeine, wichtige Themen wie die Lichtverschmutzung und erklärt uns, wie wir als Menschen großen Einfluss auf die uns umgebende Tierwelt nehmen. Sie hat die besondere Gabe, schwierige Sachverhalte verständlich und einleuchtend zu erklären. Sophia Kimmig berichtet aber auch von Menschen, Dichtern und Künstlern, die bewusst die Nacht für ihre Kreativität nutzen und Werke dank der nächtlichen Magie erschaffen. Abgerundet wird das große Werk „Lebendige Nacht“ – anders kann man es nicht nennen – mit vielen persönlichen Akzenten aus dem Leben von Sophia Kimmig, so dass der Leser auch die Autorin kennen und lieben lernt. „Lebendige Nacht“ ist ein Herzensbuch und das kann man von einem Sachbuch nicht so oft behaupten. Glaubt mir aufs Wort und holt euch das Buch!

Bewertung vom 17.03.2023
Das Haus an der Herengracht / Die Magie der kleinen Dinge Bd.2
Burton, Jessie

Das Haus an der Herengracht / Die Magie der kleinen Dinge Bd.2


weniger gut

„Thea hält in der einen Hand die Puppe von Walter, in der anderen das glänzende Haus. Ein Leben lang ist sie in dieser Stadt angestarrt worden, aber einen Spiegel hat es nie gegeben. Die Amsterdamer gaffen Thea so lange an, bis sie sich als alles Mögliche, nur nicht als das fühlt, was sie wirklich ist. Aber mit der Aufmerksamkeit, die ihr in Gestalt dieser Miniaturen zuteilwird, verhält es sich anders: Sie gilt tatsächlich ihr, sie bestätigt sie in ihrem Wesen. Es fühlt sich so an, wie Rebecca sagte: als betrachte Thea sich in einem Spiegel.“

Thea ist gerade achtzehn Jahre alt geworden. Sie ist mündig und braucht in Zukunft ihr Verhältnis zu dem Kulissenmaler des Amsterdamer Theaters nicht mehr geheim zu halten. Doch nachdem ihr Vater seine Anstellung verliert, wird es immer schwerer für sie, Otto, ihre Tante und Cornelia, die Köchin. Sie müssen immer mehr vom Mobiliar verkaufen, um über die Runden zu kommen. Dass das nicht lange so weiter gehen kann, ist allen Familienmitgliedern klar. Tante Nella sieht den einzigen Ausweg darin, Thea mit einem reichen Mann zu verheiraten. Auf einem Ball gelingt es ihr, den richtigen Kandidaten an Land zu ziehen. Doch Thea weigert sich hartnäckig gegen eine arrangierte Heirat. Sie möchte aus Liebe heiraten. Als sie eines Tages auf der Treppe vor der Haustür eine Miniaturfigur von Walter findet, fühlt sie sich in ihrem Wunsch bestärkt. Doch warum ist seine Farbpalette leer und nur auf dem Pinsel, den er in der Hand hält, ist leuchtendes Rot zu sehen? Und was haben das goldene Miniaturhaus und die kleine Ananas zu bedeuten, die sie wenig später ebenfalls auf der Treppe findet? Langsam beginnt Thea zu ahnen, dass die Miniaturistin, von der Tante Nella auch einst Minaturen erhielt, hinter den Figuren steckt und dass sie ihr etwas mitzuteilen versucht. Nachdem Thea eine schockierende Erfahrung macht, fällt sie eine folgenschwere Entscheidung.

Jessie Burton war mir bereits mit ihren Romanen „Das Geheimnis der Muse“ und „Die Geheimnisse meiner Mutter“ bekannt, die mir beide recht gut gefallen haben. Mit ihrem neuesten Roman „Das Haus an der Herengracht“ konnte sie mich dagegen überhaupt nicht überzeugen. Die Geschichte ist vorhersehbar und weist eindimensionale, wenig überzeugende Figuren auf. Sie ist in Amsterdam um 1705 angesiedelt und bietet bis auf die Beschreibung der Kleidung, der Hausausstattung und des Alltags einer Köchin kaum Lokalkolorit und historische Authentizität. Thea strebt wie selbstverständlich die Liebesheirat an, die zu dieser Zeit noch nicht einmal ein Begriff war, und auch viele andere Begebenheiten wirken wie aus der Zeit herausgefallen. Die Gespräche und Gedanken der Figuren weisen in keinster Weise auf die Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, vielmehr scheinen sie aus unserer heutigen Zeit zu kommen. Ganz besonders auf die Nerven ging mir die Figur der Tante Nella: Stets wollte sie entweder etwas zerschmettern oder in Stücke reißen – als ob man als Schriftsteller*in die Gefühle der Romanfiguren nicht auch anders zum Ausdruck bringen kann! Und das einzige Geheimnis, das den Roman ein wenig Leben einhaucht, das Geheimnis um die Miniaturistin, wird nicht aufgeklärt. „Das Haus an der Herengracht“ war alles andere als eine angenehme Lektüre für mich, ich habe mich durch das Buch geradezu gequält. Eine Leseempfehlung gibt es somit von meiner Seite nicht, viel eher die Erkenntnis, dass das Werk eines Autors oder einer Autorin mit dem Alter nicht unbedingt klüger und weiser werden muss. Nein, es kann auch das Gegenteil der Fall sein.

Bewertung vom 16.02.2023
Männer sterben bei uns nicht
Reich, Annika

Männer sterben bei uns nicht


sehr gut

„Ich war von klein auf dazu erzogen worden, mir und anderen Mädchen und Frauen nicht zu glauben, an meiner und der Geschichte jeder Einzelnen zu zweifeln, weil nur so die große Geschichte im Dunkeln blieb.“

Es ist der Tag der Beerdigung ihrer Großmutter, der bisherigen Herrin des Anwesens, das Luise nun erben soll. Alle Frauen, die auf dem Anwesen gelebt hatten, versammeln sich am Sarg der Toten, um sie zu betrauern. Die Enkelin Luise und ihre ältere Schwester Leni. Luises Mutter und deren Mutter: Großmutter Vera. Marianna, die Tochter, und deren eigene Tochter: Olga. Auch Justyna, die Haushälterin ist anwesend. Etwas später stößt Luises Großtante dazu, von deren Existenz Luise erst vor ein paar Tagen erfuhr. Männer sind keine anwesend, denn Männer haben auf dem Anwesen keine gelebt – jedenfalls nicht seit Luise sich erinnern kann. Nur das fünfte, unbewohnte und abgeschlossene Haus auf dem Anwesen erinnert an deren Existenz. Und sie kommen auch nur in den Erzählungen der Frauen vor. „Wie wenig meine Mutter sich hier zu Hause gefühlt hatte, wollte ich nie wirklich wahrhaben, doch jetzt erkannte ich, dass es für uns alle unmöglich war, hier zu Hause zu sein, selbst für meine Großmutter war es unmöglich. Vielleicht waren sie und ich, anders als die anderen, nur in den Wunschvorstellungen zu Hause gewesen, vielleicht war ich deswegen die Auserwählte, weil ich an diesem Glauben festgehalten, weil ich ihn noch nicht aufgegeben hatte, ihn nicht aufgeben wollte.“

Die Geschehnisse auf der Beerdigung werden immer wieder von Rückblenden aus der Vergangenheit der Ich-Erzählerin unterbrochen. In diesen Rückblenden erleben wir zusammen mit Lusie wie sie zum ersten Mal die Leiche einer jungen Frau im See findet, ein Jahr später die zweite Selbstmörderin in demselben See. Zwei sehr einschneidende Erlebnisse in Luises Kindheit. Weitere Erinnerungssequenzen folgen, in denen das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu den Mädchen und Frauen, die eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielten, beleuchtet wird, allen voran das Verhältnis zur Schwester, zur Mutter und zu der verstorbenen Großmutter väterlicherseits – einfach Großmutter genannt. In all diesen Erinnerungsstücken geht es vor allem um Gefühle. Ein Anwesen, auf dem nur Frauen leben und die Frau als Verkörperung der Gefühle – da würde man als Leser*in meinen, dass davon viele in Erscheinung treten – doch das Gegenteil ist der Fall: „Meine Mutter vermied Gefühle, Marianna wollte sie besiegen, Olga verkleidete sie, bis sie ihr nicht mehr ähnlich sahen, und Großmutter Vera betäubte sie. Gefühle machten einsam – das war eine der großen Lektionen meiner Kindheit, und daran hatte sich nichts geändert, auch heute nicht.“ Sind die Männer – allen voran Luises Vater und ihr Großvater – verantwortlich für das Leben der Frauen, die Gefühle stets negierten und den Geschichten anderer Frauen skeptisch gegenüber standen? Wir wissen es nicht. Doch mit Sicherheit lässt sich sagen, dass sie eine Stärke entwickelten, die nur dem Tod nicht standhalten konnte.

Annika Reich legt uns mit „Männer sterben bei uns nicht“ ein äußerst dichtes Stück Literatur vor, in das ich gerne versunken bin – es hat eine unwiderstehliche Anziehungskraft von der ersten bis zur letzten Seite auf mich ausgeübt. Es hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf, sondern versucht stets das in der Tiefe Liegende zu ergründen. Vielleicht war es gerade durch das Fehlen von männlichen Figuren, was den Roman so dicht und unergründlich machte. Die weitreichende Introspektion der Ich-Erzählerin lässt uns voller Ehrfurcht erschauern. „Ich hatte mit all diesen Frauen nichts zu tun, mit den toten nicht und mit den ausgestoßenen nicht, mit den verschwundenen nicht und den herabgewürdigten nicht. Ich konnte sie nicht retten, ich konnte ihnen nicht zur Seite stehen. Ich ließ mir keine weitere tote Frau andichten. Ich musste ihre Geschichte nicht erzählen, ich schuldete niemandem irgendetwas. […] Ich war meine Großmutter.“

Wer einen tiefgründigen Roman sucht, der nicht beschwert, ist mit „Männer sterben bei uns nicht“ bestens beraten. Ich habe ihn nicht aus der Hand legen können und war wie betäubt beim Lesen. Nur ein paar inhaltliche Ungereimtheiten haben mein Leseerlebnis ein wenig getrübt, weswegen ich nur vier Sterne vergebe. Ansonsten wünsche ich mir persönlich viel mehr solcher Romane auf dem Büchermarkt!

Bewertung vom 30.09.2022
Miss Kim weiß Bescheid
Cho, Nam-joo

Miss Kim weiß Bescheid


ausgezeichnet

„Meine insgesamt sehr unterschiedlichen Texte, die alle aus meiner langen und komplizierten persönlichen Geschichte, der Vielzahl an mir zugewiesenen Rollen und meinen Grübeleien entstanden waren, wurden versimpelt und nach Lust und Laune angeführt. […] Nach dieser Vereinnahmung meiner Texte konnte ich kein Wort mehr schreiben.“ (S. 69f.)

Seit ich Cho Nam-Joos Debutroman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ gelesen hatte, der einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ, wusste ich, dass ich jedes weitere Buch, das diese Autorin schreiben würde, lesen würde. Wie groß war somit meine Freude, als ich feststellte, dass bereits ein Jahr später ein neues Buch der südkoreanischen Autorin erscheint! Mit großer Vorfreude habe ich mich auf das neue Buch gestürzt und wurde – natürlich! – nicht enttäuscht.

„Miss Kim weiß Bescheid“ ist im Gegensatz zu ihrem Erstlingswerk, in dem sich die ganze Geschichte um die Figur der Kim Jiyoung dreht, eine Kurzgeschichtensammlung. Wir tauchen hier in acht verschiedene Frauenschicksale unterschiedlichster Altersstufen ein. Während in der Geschichte „Junge Liebe, 2020“ die Hauptfigur im Schulalter ist, befindet sich die Erzählerin von „Unter dem Pflaumenbaum“ bereits in Rente. Meistens jedoch handeln die Kurzgeschichten von jungen Frauen, die einer Arbeit nachgehen, was oftmals mit einem Kampf gegen die Reduzierung auf Frau und Mutter einhergeht. Wir sehen wie sich diese Frauen stets weiterbilden, hart arbeiten und geradezu verausgaben, um dieselbe gesellschaftliche Position und Anerkennung wie die Männer ihres Landes zu erhalten. Doch Männer spielen in Cho Nam-Joos Kurzgeschichten eine eher untergeordnete Rolle, sie sind lediglich Randfiguren. Nur eine Kurzgeschichte springt in dieser wie auch in stilistischer Hinsicht aus dem Schema heraus und zwar die Geschichte unter dem Titel „Lieber Hyunnam“, die in Form eines Briefes verfasst ist. Die Briefschreiberin schreibt einen Abschiedsbrief an ihren Partner, mit dem sie zehn Jahre lang zusammen war. In diesem Brief reflektiert die namenlos bleibende Schreiberin über die Natur ihrer zehnjährigen Beziehung zu Hyunnam. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sie in einem unausgewogenen und ungesunden Verhältnis steckte, das durch Demütigung und Manipulation von Seitens ihres Partners charakterisiert war. Folgerichtig endet der Brief mit einer völligen Loslösung und den Worten „du Arschloch!“ Die anderen Kurzgeschichten werden uns ebenfalls meistens von der Ich-Erzählerin, manchmal aber auch aus der Perspektive der personalen Erzählerin näher gebracht.

Die Autorin überrascht und begeistert auch in diesem ihrem zweiten Werk mit einer nüchternen, ungeschönten Sprache. Doch so wie die erste Blume im Frühling die noch von Frost gehärtete Erde durchbricht, bricht auch hier in jede Erzählung unvermittelt die poetische Schönheit ein. Wie bereits in ihrem Erstlingswerk ist die Autorin auch hier ganz weit davon entfernt in irgendeiner Hinsicht nach Beifall heischen zu wollen. Ihre wahrheitsliebende Stimme möchte vielmehr gehört werden, sie möchte Aufmerksamkeit erwecken und sie möchte Veränderung herbeiführen. Sie möchte, dass die Frauen Südkoreas gesehen werden und sie möchte, dass sich ihr Alltag und ihre Ausgangsposition verändert. Chon Nam-Joo sehnt sich danach, dass sie ihr Dasein als lebenswert erachten und ihr Leben genießen können. Aber auch Mut zusprechen, möchte sie, und den unterdrückten Frauen Südkoreas und auf der ganzen Welt Trost spenden. Sie möchte ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein. Das gelingt ihr wunderbar mit „Miss Kim weiß Bescheid“. Der Name Kim, der oft in dem Buch vorkommt, steht dabei stellvertretend für alle Frauen in Südkorea – Miss Kim weiß Bescheid, aber nicht nur sie, auch die anderen müssen Bescheid wissen, damit sich die Zustände für sie zum Besseren wenden können. Die Kurzgeschichtensammlung ist nach „Kim Jiyoung, geboren 1982“ das zweite bewegende Manifest der Autorin, das die Leserin wie einen kostbaren Schatz hegen, das sie aber genaus