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Benutzername: takabayashi
Wohnort: Berlin
Über mich: Vielleser
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Bewertungen

Insgesamt 50 Bewertungen
Bewertung vom 26.07.2020
Die Marschallin
Buono, Zora del; Buono, Zora del

Die Marschallin


weniger gut

Zeitgeschichte, Familiengeschichte mit einer sperrigen Protagonistin
Ich lese sehr gern historische Romane, aber DIE MARSCHALLIN von Zora del Buono hat mir leider nicht das geboten, was ich von einem solchen erwarte: nämlich Geschichte erfahrbar zu machen anhand der Geschichte von Protagonisten, denen man sich als Leser emotional verbunden fühlt, mit denen man mitfiebert. Es geht um die Großmutter gleichen Namens der Autorin, um deren Lebensgeschichte als großbürgerliche Arztgattin, Kommunistin und glühende Tito-Verehrerin - ein Widerspruch in sich! Zora ist in einem kleinen Ort in Slowenien geboren, aber bürgerlich pölyglott aufgewachsen. Ihr Ehemann Pietro, gebürtiger Sizilianer, ist ein erfolgreicher Radiologe und auch er ein Kommunist. Man residiert in Bari, wo Zora ein palastartiges Haus nach ihren Vorstellungen bauen läßt. Eigentlich fühlt sie sich nicht wirklich zur Mutterschaft berufen, hätte auch selbst gern gearbeitet.

Die Geschichte wird chronologisch erzählt, allerdings zumeist mit mehrjährigen Lücken. Im Mittelpunkt der meisten Kapitel steht Zora, hin und wieder aber auch ein anderes Familienmitglied. Leider bleibt man als Leser auf Distanz, eine Identifikation mit den Protagonisten bleibt aus.

Eigentlich finde ich Zeit und Schauplatz sehr interessant, aber die Art, wie die Autorin die Geschichte präsentiert macht das Ganze zu einer eher zähflüssigen Lektüre, durch die ich mich zeitweise regelrecht hindurchquälen musste.

Zora lebt in einer Welt von Männern: sie hat viele Brüder, ihren Ehemann und 3 Söhne. Am liebsten wäre es ihr, wenn es keine Schwiegertöchter gäbe, oder wenn, dann solche, die sie selbst ausgewählt hat. 1948 wird die großbürgerliche Familie zu ihrer eigenen Verwunderung aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Den Leser wundert das weniger! Der Roman endet mit einem langen inneren Monolog von Zora, in dem sie im Zeitraffer die Zeit von 1948 bis 1980 (Titos Todesjahr) reflektiert. Sie ist inzwischen verarmt und lebt in einem Altersheim in Slowenien, während ihr Mann Pietro in einem anderen Altersheim in Italien residiert. Seine Demenz konnte Zora nicht ertragen, weshalb sie nach Slowenien zurückging.

Diese Frau wirkt ziemlich unsympathisch, sie wächst einem nicht ans Herz und ihr Schicksal ist einem letztendlich gleichgültig. Ich wollte den Roman mögen und finde die darin abgehandelte Zeitgeschichte sehr spannend, aber für mich hat dieses Buch leider nicht funktioniert.

Bewertung vom 29.06.2020
Schwarzer August / Leander Lost Bd.4
Ribeiro, Gil

Schwarzer August / Leander Lost Bd.4


sehr gut

Band 4 von LOST IN FUSETA: etwas schwächer als die Vorgänger
Wie immer bei dieser Reihe, lebt der Roman von den Eigenheiten seines Protagonisten, der an einer Asperger-Störung leidet, die die Interaktion mit seinen Mitmenschen prägt. Der Hamburger Kommissar, der Dank eines europäischen Austauschprogramms seit einem Jahr in Portugal arbeitet, wird von seinen portugiesischen Kollegen aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten in manchen Bereichen sehr geschätzt - an seine Eigenarten im Umgang mit anderen Menschen (z.B. Unverständnis von Ironie, die Unfähigkeit zu lügen, das Wörtlichnehmen von Metaphern usw.) haben sie sich schnell gewöhnt und sind gewillt, diese hinzunehmen. Ganz im Gegensatz zu seinen ehemaligen deutschen Kollegen, von denen zwei im Verlauf des Romans auftauchen, die ihn nur als Witzfigur ansahen und sehr erstaunt sind, über die Wertschätzung, die er in Fuseta gnießt. Erst hier erfahren sie, was tatsächlich mit ihm los ist. Und so ist es eine große Freude für Lost, dass seinem Antrag auf Verlängerung des Aufenthaltes stattgegeben wurde. Zumal er und Soraia - die Schwester seiner Chefin - wie es sich in den ersten Bänden schon andeutete, nun endlich zusammengekommen sind und Lost seine erste Liebe erlebt. Dieser Liebe wird vom Autor etwas zu viel Platz eingeräumt und obwohl man sich als Leser für Lost freut, erscheint mir Soraias Liebe zu ihm doch etwas zu selbstlos dargestellt zu sein. Überhaupt geht es in diesem Band sehr viel um die persönlichen Beziehungen der Protagonisten untereinander, und für Band 5 oder 6 zeichnet sich jetzt schon eine Annäherung zwischen Losts Vorgesetzter Graciana und ihrem Kollegen Carlos ab. Das ist zwar alles ganz nett, nimmt aber für einen Krimi hier etwas zu viel Raum ein. Das portugiesische Lokalkolorit macht wie gewohnt Lust und Laune auf einen Portugalurlaub, aber die Krimihandlung liest sich teilweise leider etwas zäh und wirkt auch etwas konstruiert: ein todkranker Weltverbesserer versucht, vor seinem Ableben noch etwas Positives zu bewirken und nimmt zum Ende hin auch in Kauf, dass nicht nur Sachschäden durch seine Sprengsätze entstehen, sondern auch Menschenleben gefährdet werden. Erst ganz zum Ende hin kommt dann endlich Spannung auf.
Ich mag die Lost-Reihe und hoffe, dass uns in den nächsten Bänden wieder ein besserer Plot erwartet!

Bewertung vom 03.05.2020
Pandatage
Gould-Bourn, James

Pandatage


sehr gut

Komische und zugleich rührende Vater-Sohn-Geschichte
Danny Maloony und sein elfjähriger Sohn Will leben zu zweit, seit Liz, Dannys Frau und Wills Mutter, vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben kam. Will hat seitdem aufgehört zu sprechen und Danny geht es auch gar nicht gut. Als er seinen Job auf dem Bau verliert und wegen Mietschulden der Rausschmiss aus der Wohnung droht, verfällt Danny auf die Idee, als Straßenkünstler Geld zu verdienen - denn er hat gesehen, dass manche von denen eine ganze Menge Geld verdienen. Nur hat er leider keinerlei Talente, tanzen kann er auch nicht, glaubt aber, dass er das am ehesten noch erlernen kann. Er kauft sich ein Pandakostüm und legt los. Durch einen Zufall treffen Will und "der Panda" aufeinander und seltsamerweise kann Will dem Panda gegenüber seine Redehemmung überwinden. So erfährt Danny vieles über seinen Sohn, das er vorher nicht wusste und versucht, durch dieses Wissen zu einem besseren Vater zu werden. Er lernt zufällig die Pole-Tänzerin Krystal kennen und sie hilft ihm beim Tanzenlernen und wird allmählich zu einer guten Freundin. Mit ihrer und Dannys Freund Ivans Hilfe gelingt es Will und Danny ihre Beziehung zu reparieren, ihre Probleme zu lösen und wieder Freude am Leben zu haben.
Das Ende ist vielleicht ein wenig zu märchenhaft, aber insgesamt eine beglückende Feelgood-Lektüre um Verlust, Trauerarbeit, Freundschaft und ein sympathisches Vater-Sohn-Duo, sehr komisch und sehr berührend! Der Autor findet die richtige Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit und reißt viele Themen an. Es hat Spaß gemscht, Danny und Will und ihre Freunde kennenzulernen. Die Geschichte wird leicht, aber nicht seicht erzählt. Ein empfehlenswerter heiterer Roman mit Tiefgang.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.04.2020
Das wirkliche Leben
Dieudonné, Adeline

Das wirkliche Leben


ausgezeichnet

Grandios, egrreifend und hammerhart
Wirklich ein ganz hervorragender Roman, wunderbar geschrieben - und doch nichts, was ich gleich noch einmal lesen möchte. Denn es geht um die harte Realität einer dysfunktionalen Familie mit einem gewalttätigen Vater. Auch wenn das Ende zufriedenstellend ist und ein gewisser Abschluss zu spüren ist, so bleibt doch der bittere Nachgeschmack über diese unsäglichen Lebensumstände.
Berichtet wird über dieses Leben von einem zehnjährigen Mädchen. Die Ich-Erzählerin beschreibt, wie sich bei ihrem Vater über einen längeren Zeitraum eine solche Wut anstaut, dass er sie irgendwann nicht mehr zurückhalten kann und dann an der Mutter auslässt. Nur wenn er zwischendurch Reisen macht, bei denen er seinem Hobby, der Großwildjagd frönen kann, gelingt es ihm, eine längere Zeit friedlich zu bleiben.
Ihre Mutter beschreibt das Mädchen als "Amöbe", als ein willenloses Wesen, das stumm duldet und sicht bemüht, nicht aufzufallen. Von beiden Eltern können die Kinder keine Herzlichkeit und Wärme erwarten. Der einzige Sonnenschein im Leben des Mädchens, dessen Namen wir nicht erfahren, ist ihr kleiner Bruder Gilles, dessen Milchzahnlächeln ihr das Herz erwärmt. Ihre Mission im Leben ist es, diesen Bruder zu beschützen.
Sie und ihr Bruder werden Zeuge eines scheußlichen Unfalls und von da an verändert sich der kleine Bruder, er zieht sich zurück, wird verschlossen, lächelt nicht mehr und gerät allmählich unter den Einfluss des Vaters.
Das Mädchen tut nun alles, was sie kann, um sich und ihren Bruder aus dem Einflussbereich des Vaters zu entfernen. Sie ist stark, hochintelligent, interessiert sich besonders für Physik und flüchtet sich in ihre Lehrbücher. Sie schafft sich eine eigene Gegenwelt, die sie vor der Familie verbirgt. Sie befreundet sich mit Leuten, die sie als "normal" ansieht - einer freundlichen älteren Nachbarin, die ihr von Marie Curie erzählt, einem netten jungen Nachbarsehepaar, bei denen sie als Babysitter arbeitet, einem emeritierten Professor, der ihr Privatstunden in Physik gibt.
Die Geschichte wird über einen Zeitraum von 5 Jahren erzählt, das Mädchen kommt in die Pubertät und bekommt allmählich weibliche Rundungen, wodurch sie nun auch ins Opferschema ihres Vaters passt. Ich will das Ende der Geschichte nicht spoilern, aber jedenfalls entwickelt das Buch gegen Ende einen immer stärkeren Sog, so dass ich es gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Die Protagonistin dieser besonderen Coming of Age Story, ist eine starke Persönlichkeit, die sich mit ihren Mitteln zur Wehr setzt. Der Schreibstil ist beeindruckend, die Ich-Erzählerin beweist größere Reife, als ihrem Alter entsprechen würde, die Art, wie sie ihre Familie analysiert ist erstaunlich klar und ich stand immer voll hinter ihr, habe mit ihr mitgefiebert. Und obwohl es um deprimierende Lebensumstände geht, ist das Buch doch nicht deprimierend, sondern hoffnungsvoll.
Ein formidabler Debutroman von einer Autorin, von der man mit Sicherheit noch einiges hören wird. Unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 07.04.2020
Die Toten vom Lärchensee / Ein Fall für Arno Bussi Bd.2
Fischler, Joe

Die Toten vom Lärchensee / Ein Fall für Arno Bussi Bd.2


ausgezeichnet

Richtig netter Krimi - humorvoll und spannend
Ich kenne schon die Veilchen-Reihe des Autors, die mir auch sehr gefallen hat, aber im Vergleich mit den heiteren Bussi-Romanen ist Veilchen eher etwas düster.
Der gebürtige Tiroler Arno Bussi ist Polizist in Wien, allerdings unseligerweise in der Abteilung Kriminalstatistik tätig, weil Innenminister Qualtinger es Arno verübelt, dass er ihn mit seiner Frau im Bett erwischt hat. Aber hin und wieder, wenn es einen kniffligen Fall in Tirol zu lösen glt, kommt Arno dann als "Einheimischer" doch zum Einsatz.
Wie nun hier am Lärchensee, wo es um einen Cold Case geht, einen fünf Jahre alten Todesfall, der anfänglich als vermeintlicher Unfalltod ad acta gelegt wurde. Warum das nun gerade jetzt wieder aufgerollt werden soll, versteht Arno zwar nicht, macht sich aber nichtsdestotrotz an die Arbeit. Im Laufe seiner Ermittlungen drängt sich ihm die Vermutung auf, dass es Qualtinger weniger um diesen Fall geht, als um die Durchsetzung seiner eigenen dubiosen politischen Interessen ...
Der vom Tourismus weitgehend unbeleckte Lärchensee soll mit Macht erschlossen werden. als erster Schritt steht die Erbauung eines Chalet-Dorfes an. Und wo gebaut werden soll, da gibt es auch Proteste. Der Arno gerät gleich mitten hinein ins Geschehen und trifft dabei den Bauunternehmer mit seinen zwei Bodyguards, die ehrgeizige Bürgermeisterin, die engagierte Umweltaktivistin, den alten Polizisten Bernhard Franz und dessen Lawinenhund Bernhard und das Bäckerehepaar Baldauf, deren Käsesahnetorte fast so gut ist wie die von Arnos Mutter.
Der Bruder vom Bäcker ist derjenige, der vor fünf Jahren zu Tode gekommen ist. Er hatte das Restaurant Zum Seewirt so erfolgreich betrieben, dass es weit über Tirol hinaus in Schickimicki-Kreisen bekanntgeworden war. Die Einheimischen zum Sprechen über seinen Tod zu bewegen ist schwieriger als erwartet. Aber dann beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen und es gibt zwei weitere Todesfälle. Zusammen mit der aus Innsbruck angereisten Inspektorin Katz (mit Berliner Zungenschlag) gelingt es Arno schließlich, den äußerst verschlungenen Fall zu lösen.
Ein reines Lesevergnügen! Ein Krimi genau nach meinem Geschmack, zwar heiter und amüsant, aber trotzdem spannend und durchaus am Puls der Zeit. Arno Bussi ist ein sympathischer und liebenswerter Charakter, der nun schon zum zweiten Mal beweist, dass er ein zu guter Ermittler ist, um seine Talente in der Kriminalstatistik zu vergeuden. Die Riege skurriler Figuren, auf die er in diesem Fall stößt, sind die humorvolle Würze der Geschichte. Wer Cosies liebt, wird hier hervorragend bedient. Klare Leseempfehlung!

Bewertung vom 04.04.2020
Pandora
Amber, Liv; Berg, Alexander

Pandora


sehr gut

Berlin 1948 - Interessanter Krimi aus der Nachkriegszeit
Kommissar Stein, dessen Eltern in der Nazi-Zeit nach England emigrierten, wo er dann auch seine Polizistenkarriere bei Scotland Yard begann, ist nun nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt. Zuerst hat er bei der Volkspolizei im Ostteil der Stadt gearbeitet, wo auch sein Vater - ein glühender Kommunist - eine hohe Position innehat, ist aber nun gerade zur Westberliner Polizei gewechselt, da er die Überzeugungen seines Vaters nicht teilt.

Sein Vorgesetzter, ein unangenehmer Alt-Nazi, ist ihm nicht wohlgesonnen und möchte den "Tommy" schnell wieder loswerden, sein direkter Kollege Wuttke ist aufgrund traumatischer Erlebnisse während des Krieges pervitinabhängig und entsprechend unberechenbar. Ein Mord an einem Charlottenburger Bordellbesitzer muss aufgeklärt werden. Außerdem gibt es eine alte Akte über den Tod von fünf Patientinnen der Nervenheilanstalt Wittenau, die Stein in die Hände fällt. Er möchte dem Fall auch gern nachgehen, muss aber feststellen, dass sein Chef Krüger alles daran setzt, die Akte unter Verschluss und ihn von Ermittlungen in Wittenau abzuhalten. Die Dritte im Bunde ist Lore Krause, die junge Schreibkraft und Assistentin, die eigentlich auch gerne Polizeibeamtin sein möchte und Stein und Wuttke hin und wieder bei den Ermittlungen hilft. Im Laufe der Zeit wird klar, dass die beiden Fälle zusammenhängen und auch, welches Interesse Krüger daran hat, den Fall zu deckeln.

Das große Thema dieses Krimis sind die Nazi-Verbrechen, die an den Insassen von Nervenheilanstalten begangen wurden. Der Kommissar ist zwar gebürtiger Berliner, sieht seine Heimatstadt nach 15 Jahren Abwesenheit aber doch mit den Augen eines Außenseiters und tut sich manchmal schwer, die Verhaltensweisen seiner Landsleute zu verstehen, geschweige denn zu verzeihen. Allmählich wachsen aber er, Wuttke und Lore doch zu einem Team zusammen und schaffen es, ihren Fall gegen alle Widerstände aufzuklären. Die Stimmung, die Atmosphäre dieser Zeit wird gut zum Leben erweckt, der Fall ist durchaus spannend, wenn auch etwas gebremst, und mit den beiden Kommissaren konnte ich nie so ganz warm werden. Dennoch ein gelungener historischer Berlin-Krimi, aber mit Luft nach oben ... wie z.B. bei Volker Kutscher oder Susanne Goga, deren historische Krimis für mich einen stärkeren Sog entwickeln.

Bewertung vom 22.03.2020
Die Geheimnisse meiner Mutter
Burton, Jessie

Die Geheimnisse meiner Mutter


sehr gut

Eine Tochter sucht ihre Mutter und findet sich selbst
Im Jahre 2017 bekommt die 34jährige Rose von ihrem Vater endlich einen Hinweis auf ihre kurz nach ihrer Geburt verschwundene Mutter. Er gibt ihe zwei Bücher der Autorin Constance Holden, mit der ihre Mutter befreundet gewesen sein soll. Rose lebt seit Jahren zusammen mit Joe, dem sie versucht, bei der Verwirklichung seines Traumes zu helfen: Joe träumt von einem Burrito Food-Truck, hat auch irgendwann einen alten Truck gekauft, den er aufmöbeln will, aber viel konkreter ist die Träumerei noch nicht geworden. Rose glaubt allmählich nicht mehr an das Projekt, hat aber auch keine eigenen Träume, denn die Geheimnisse, die das Verschwinden ihrer Mutter umgeben, haben sie irgendwie davon abgehalten, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, 1979-1983 und 2017/18. 1979 lernt die blutjunge und bildschöne Elise Morceau die über zehn Jahre ältere Autorin Constance Holden kennen und verliebt sich in sie. Wir können die Entwicklung dieser Beziehung verfolgen, den temporären Umzug nach LA, wo Constances erster Roman verfilmt wird und wie es zu Roses Zeugung und Geburt kam.
In den der Jetztzeit gewidmeten Kapiteln versucht Rose, deren Beziehung zu Joe nicht mehr sonderlich gut läuft, Constance ausfindig zu machen. Sie nutzt dann eine sich zufällig ergebende Chance und nimmt unter falschem Namen eine Arbeit als Connies Assistentin an. Der Kontakt mit dieser Frau eröffnet ihr völlig neue Perspektiven und sie wird endlich erwachsen und findet zu sich selbst.
Diese beiden Handlungsstränge, die schließlich zu einer Geschichten zusammenfließen, sind durchaus spannend, man bleibt die ganze Zeit über neugierig zu erfahren, wie es weitergeht. Mit der Figur von Rose' Mutter Elise konnte ich nicht recht warm werden, Rose selbst bietet da mehr Identifikationspotenzial. Ich habe schon DAS GEHEIMNIS DER MUSE von dieser Autorin gelesen, das nach einem ganz ähnlichen Strickmuster aufgebaut ist (Notiz an den Verlag: Muss jeder deutsche Titel dieser Autorin das Wort "Geheimnis" enthalten? Wenig einfallsreich, zumal dieses Wort in den kurzen und kackigen Originaltiteln (The Muse + The Confession) nicht vorkommt!). Beides gut lesbare, unterhaltsame Schmöker!

Bewertung vom 11.03.2020
Echo des Schweigens
Thiele, Markus

Echo des Schweigens


sehr gut

Justizdrama, Liebesgeschichte, historischer Roman
Echo des Schweigens ist ein Genremix: spannendes Gerichtsdrama, Liebesgeschichte zwischen 2 der Protagonisten, die auf unterschiedlichen Seiten stehen und historischer Roman - ein Thriller, wie in den Verlagsinformationen angegeben, ist es aber nicht!
Ausgangspunkt ist ein Fall, wie es ihn in Deutschland mehrfach real gegeben hat - ein Asylbewerber ist im Polizeigewahrsam verbrannt und von offizieller Seite wird dies als Selbstmord dargestellt, eine sehr unwahrscheinliche These. Für den jungen hanseatischen Anwalt Hannes Jansen ist die erfolgreiche Verteidigung des angeklagten Polizeibeamten die Chance, endlich Partner in seiner Kanzlei zu werden. Als er die Rechtsmedizinerin Sophie Tauber kennenlernt und die beiden sich ineinander verlieben, ahnen beide nicht, dass sie sich bald im Gerichtssaal auf gegnerischen Seiten begegnen werden, denn Sophie ist es gelungen, durch ihre forensischen Untersuchungen zu beweisen, dass es unmöglich Selbstmord gewesen sein kann.
In einem weiteren Handlungsstrang geht es um Sophies Familiengeschichte, beginnend in der Nazizeit, bis hin zu der Tatsache, dass sie ihren Vater nie kennengelernt hat. Erst nach dem Tod ihrer Mutter hat sie Informationen über ihn gefunden und macht sich suf die Suche nach ihm. Sophies Großmutter war Jüdin und verliebte sich in einen Sohn aus einflussreicher Familie, der ihr bei der Flucht helfen wollte. Die beiden hatten eine - damals illegale - Beziehung, aus der eine Tochter hervorging, wurden aber denunziert, was für beide schwerwiegende Folgen hatte.
Es liest sich alles sehr interessant und spannend, es geht um Recht versus Gerechtigkeit, es geht darum, ob eine Liebe so massive Hindernisse aushalten kann, es geht um die Art, wie Flüchtlinge in unserer Gesellschaft heutzutage behandelt werden und auch um Vergangenheitsbewältigung. Ich konnte mit den Hauptfiguren mitfühlen, ihre Konflikte verstehen und bin dabei gut unterhalten worden. Ein kleiner Wermutstropfen war die manchmal etwas zu saloppe Sprache des Autors: In Dialogen ist das völlig okay, nicht aber in der laufenden Erzählung, wenn z.B. das umgangssprachliche "rüber" statt des schriftsprachlichen "hinüber" verwendet wird. Und - wie man schon an meiner Inhaltsangabe sieht - ist der Roman thematisch etwas überfrachtet, etwas weniger wäre vermutlich mehr gewesen. Nichtsdestotrotz eine spannende, berührende, zum Nachdenken anregende und unterhaltsame Lektüre!

Bewertung vom 10.03.2020
Der Empfänger
Lenze, Ulla

Der Empfänger


gut

Die Lebensgeschichte eines deutschen Auswanderers im Zwanzigsten Jahrhundert
Die Autorin Ulla Lenze berichtet über den rheinländischen Auswanderer Josef Klein, aber leider gelingt es ihr nicht, das dramatische Potenzial dieser Lebensgeschichte spannend zur Geltung zu bringen.
Grob umrissen klang die Geschichte sehr vielversprechend, doch leider bleibt die Persönlichkeit des Josef Klein äußerst blass, gewinnt keine Kontur – ein Mann ohne Eigenschaften!
Eigentlich wollte er in den Zwanziger Jahren mit seinem jüngeren Bruder zusammen nach Amerika auswandern, doch das scheitert an einem Unfall, bei dem der Bruder ein Auge verliert. Mit solch einem Handicap besteht keine Chance, durch die rigiden Gesundheitskontrollen in Ellis Island zu kommen, deshalb zieht Josef alleine los. New York gefällt ihm er fühlt sich wohl dort, bekommt aber nicht wirklich ein Bein auf den Boden und arbeitet als ungelernte Hilfskraft. Sein Hobby ist das Amateur-Funken und dadurch rutscht er mehr oder weniger zufällig in einen Spionagering deutscher Nazis hinein, die seine Talente für ihre Zwecke ausnützen. Er hat nicht wirklich eine Meinung zur politischen Entwicklung in Deutschland, ihm gefällt es, dass er mit seinem Hobby Geld verdienen kann. Er wird erwischt, landet erst im Gefängnis, wird dann auf Ellis Island interniert und letztendlich (da hat er Glück) in die Heimat abgeschoben und kommt dann 1948 wieder zu seinem Bruder – der inzwischen Frau und Kinder hat – nach Neuss. Dort fühlt er sich gar nicht mehr heimisch, alles ist ihm zu eng und da er nicht in sein geliebtes New York zurückkann, landet er schließlich in Costa Rica.
Das klingt nach einer spannenden Geschichte und die Autorin kann auch gut schreiben. Der Roman spielt in unterschiedlichen Zeitebenen an verschiedenen Orten, doch keine der handelnden Personen ist mir nahegekommen. Das Schicksal Josef Kleins hat mich kalt gelassen, ich konnte seine Beweggründe nicht verstehen und das ist wirklich schade, denn es wäre genug Stoff für ein Familiendrama, einen historischen Roman oder eine Spionagegeschichte vorhanden. Obwohl ich mich eigentlich für die Handlung interessierte, bin ich teilweise nur quälend langsam vorangekommen, musste mich regelrecht bis zum Ende durchkämpfen. Für mich leider eine eher enttäuschende Lektüre!

Bewertung vom 03.03.2020
Der freie Hund
Schorlau, Wolfgang; Caiolo, Claudio

Der freie Hund


ausgezeichnet

Gelungene Gemeinschaftsarbeit
Entgegen dem sprichwörtlichen "Viele Köche verderben den Brei" stelle ich immer wieder fest, dass Krimis, die von 2 Autoren geschrieben wurden, meist sehr gelungen sind. So auch hier: Wolfgang Schorlau, erfahrener Autor der dezidiert gesellschaftspolitischen Dengler-Krimis, und Claudio Caiolo, ein in Deutschland lebender italienischer Schauspieler mit biographischer Verbindung zu sowohl Sizilien als auch Venedig haben mit Antonio Morello einen interessanten, sympathischen Ermittler erschaffen. Für den Mafia-Jäger aus Cefalú ist Sizilien zu heiß geworden, auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt, so dass sein um ihn besorgter Chef ihn kurzentschlossen nach Venedig versetzt, wo er vermeintlich in Sicherheit ist.
Dort fühlt Morello sich fehl am Platze, er kann die Schönheit der Serenissima nicht würdigen und sehnt sich nach Sizilien zurück. Aber dorthin kann er nicht zurück, wie ein kurzer Wochenendtrip zum Besuch seiner kranken Mutter deutlich macht. Doch ihm bleibt auch nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn in Venedig wird er sofort in seinen ersten Fall verwickelt - ein junger Umweltaktivist aus einflussreicher, wohlhabender, alteingesessener venezianischer Familie, ist getötet worden. Der junge Mann kämpfte für ein Verbot der Durchfahrt der riesigen Kreuzfahrtschiffe, die für das fragile ökologische Gleichgewicht in Venedig extrem schädlich sind und langfristig zum Untergang der Serenissima beitragen. Doch mit diesem Anliegen kam er massiven geschäftlichen Interessen in die Quere. Morello glaubt an eine Mafia-Verbindung, was die venezianischen Kollegen für seinen Spleen halten. In Venedig gibt es zwar Korruption, aber doch nicht die Mafia!
Der Roman spielt mit den Klischees über Nord- und Süditaliener und deren gegenseitiger Abneigung. Aber im Laufe des Geschehens gewöhnen sich Morellos neue Kollegen an ihn, ja, lernen ihn sogar zu schätzen und Morellos Widerstand gegen seine neue Heimat beginnt auch allmählich zu bröckeln.
Gut beschriebene Charaktere, eine spannende und plausible Handlung, aktuelle Themen, Lokalkolorit, ein sympathischer, glaubwürdiger Ermittler, das sind die Ingredenzien dieses spannenden Krimis, den ich mit Vergnügen gelesen habe und kaum aus der Hand legen konnte. Gern mehr davon!