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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: takabayashi
Wohnort: Berlin
Über mich: Vielleser
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Bewertungen

Insgesamt 71 Bewertungen
Bewertung vom 28.05.2021
Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2
Kellerhoff, Lutz Wilhelm;Kellerhoff, Lutz W.

Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2


sehr gut

West-Berlin-Krimi mit viel Lokal- und Zeitkolorit
Eine Zeitreise nach West-Berlin im Jahre 1969 - Rebecca Hirsch, Ehefrau des Richters Joachim Hirsch, wird in ihrer Wohnung von einem Unbekannten getötet. Und Kommissar Heller, der vor dem Hause Hirsch Posten bezogen hat, war zwischendurch kurz weg und hat die Ankunft des Mörders verpasst. Was steckt dahinter? Ein antisemitischer Angriff? Richter Hirsch ist nebenberuflich auch als Cantor in der Synagoge tätig. Und die schon aus dem ersten Band bekannte Amerikanerin Louise Mackenzie ist seine Nichte.
Im MI in der Keithstraße vermutet man bald eine Beteiligung des KGB und nun versucht der Staatsschutz den Fall an sich zu reißen, es beginnt ein Kompetenzgerangel unter häufiger Teilnahme und Einmischung des damaligen Bürgemeisters und Innensenators Kurt Neubauer. Aber Heller verbeißt sich in en Fall und findet mehr heraus, als seine Kollegen.
Sowohl Hellers Halbschwester Petra als auch Louise Mackenzie halten sich häufig in der Wieland-Kommune auf, die rege Kontakte zur Kommune 1 (Kunzelmann, Langhans, Teufel, Obermaier) pflegte.
Der Krimi ist fast ein Spionage-Thriller, zum Ende hin sehr spannend, zwischendurch manchmal ein wenig langatmig. Man erfährt viel über die damalige Westberliner Szene, Jargon und Zeitgeist sind gut getroffen, was speziell Leuten wie mir, die damals dabei waren, viel Spaß macht. Wieder eine gute Mischung aus Zeitgeschichte und Krimihandlung, die ich allerdings nicht ganz so gelungen fand, wie im ersten Band. Trotzdem eine gute Idee für eine Serie, die doch viel mehr bietet, als nur einen Krimi. Eine unterhaltsame und informative Lektüre!

Bewertung vom 27.05.2021
Der Donnerstagsmordclub / Die Mordclub-Serie Bd.1
Osman, Richard

Der Donnerstagsmordclub / Die Mordclub-Serie Bd.1


sehr gut

Ein amüsanter Cozy Krimi
Als Joyce - eine ehemalige Krankenschwester und Hausfrau - dank ihrer gut verdienenden Tochter eine Wohnung in einer luxuriösen Seniorenresidenz bezieht, wird sie bald in den Donnerstagsmordclub aufgenommen, denn ein Mitglied der Gruppe, eine ehemalige Kriminalkommissarin, wurde leider krankheitsbedingt in das hauseigene Hospiz verlegt. Joyce soll nachrücken. Die anderen 3 Mitglieder der Gruppe sind eine ehemalige Geheimagentin (Elizabeth), ein ehemaliger Psychiater (Ibrahim) und ein ehemaliger Gewerkschaftsführer (Ron, "der rote Ron"). Bisher hat diese höchst unterschiedliche Gruppe sich mit der Aufklärung alter, ungelöster Fälle befasst, aber nun gibt es einen Mord in ihrem Umfeld: einen eher zwielichtigen Bauunternehmer. Und natürlich schaffen es die vier, sich in die Ermittlungen einzumischen.
Das wird auf sehr britisch ironische Weise amüsant beschrieben, die chronologische Erzählung wird immer wieder durch Auszüge aus Joyce' Tagebuch unterbrochen, bzw. ergänzt. Die sehr unterschiedlichen Charaktere der Protagonisten werden etwas plakativ gezeichnet, aber das hat mich nicht gestört, jedenfalls haben sie alle besondere Fähigkeiten, mit denen sie zur Aufklärung beitragen. Es gibt durchaus unterschwellige Gesellschaftskritik, und die Themen Tod, würdevolles Alter und Demenz werden nebenbei auch auf einfühlsame Weise angesprochen. Es gibt immer wieder mal Spuren, die in die falsche Richtung führen und die Aufklärung der Morde (es geschieht noch ein zweiter) ist spannend und unterhaltsam. Zwischendurch zieht sich die Lektüre manchmal etwas in die Länge, einige Kürzungen hätten da gutgetan, jedoch ist es insgesamt ein amüsanter britischer Krimi, der Fans von Cosy Krimis gut unterhält. Falls es eine Fortsetzung gibt, werde ich bestimmt hineinschauen.

Bewertung vom 26.05.2021
Enriettas Vermächtnis
Madsack, Sylvia

Enriettas Vermächtnis


sehr gut

Lebenslügen
Die in der Schweiz lebende argentinische Erfolgsautorin Enrietta Da Silva ist in hohem Alter gestorben. Ihre Bücher haben sie reich gemacht und nun werden ein argentinischer Schönheitschirurg, Emilio, und eine österreichische Schauspielerin, Jana. zur Testamentseröffnung beim Notar nach Zürich bestellt. Die beiden sind von Enrietta als Haupterben ihres beträchtlichen Vermögens eingesetzt worden. Außer Emilio weiß niemand von ihrem leiblichen Sohn Armando. Warum wurde er verleugnet und nicht im Testament bedacht?
Wie die Schicksale dieser so unterschiedlichen Personen zusammenhängen und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun, das erzählt uns dieser Roman. Das liest sich sehr spannend und unterhaltsam, wenn auch teilweise wie eine Telenovela. Das Verhalten der Protagonisten ist oftmals nicht nachvollziehbar, sie zeigen zum Teil nicht immer sehr "edle" Charakterzüge, im Gegenteil, und wirken manchmal auch recht unsympathisch, aber das ist eigentlich normal, nicht alles ist nur schwarz oder weiß ... So erfährt man im Laufe des Romans viele Familiengeheimnisse, bis sich das Bild in seiner Gesamtheit offenbart. Der Autorin scheint auch am Herzen zu liegen, dass man selbst in fortgeschrittenem Alter seinem Leben noch einmal eine Wende geben und einen Neuanfang wagen kann.
Genau das tun nämlich die Protagonisten dieses Buches: Aufgewühlt von den neuen Erkenntnissen, den Irrungen und Wirrungen dieses Erbschaftsstreits, eine Kehrtwende machen und ihr Leben verändern! Dass gleich vier Personen (Emilio, Jana, Armando und der Notar) ihr Leben umkrempeln wirkt vielleicht etwas unrealistisch, aber insgesamt liest sich diese Familiengeschichte wirklich spannend und unterhaltsam, so dass ich die letzten zwei Drittel in einem Zug durchgelesen habe. Schöner Schmöker!

Bewertung vom 18.04.2021
Johanna spielt das Leben
Falk, Susanne

Johanna spielt das Leben


gut

Emanzipation oder purer Egoismus? Dramatischer Lebensweg einer jungen Schauspielerin im Wien der 50/60er Jahre


Johanna hat es geschafft: aus ärmlichen Verhältnissen kommend landet sie schon als Neunzehnjährige mit großem Erfolg am Wiener Burgtheater.
Dann verliebt sie sich unseligerweise in einen jungen Juristen und wird bald darauf schwanger. Was nun? Man beschließt zu heiraten und Johannas Aufstieg in die obere Mittelschicht ist besiegelt.
Bald zeigt sich allerdings, dass diese Ehe auf sehr wackeligen Füßen steht.
Der Roman wird auf zwei unterschiedlichen, nicht sehr weit auseinanderliegenden Zeitebenen erzählt, 1948-51 und 1961.
Johanna will alles haben, Ehe, Kind und Karriere. Das ist natürlich schwer unter einen Hut zu bringen, speziell in den Fünfziger Jahren, als ein Ehemann seiner Frau noch verbieten konnte zu arbeiten. Sie lässt sich allerdings nichts verbieten, aber das Wichtigste ist ihr doch ihre Schauspielkarriere und der damit verbundene Ruhm, so dass Ehe und Kinderversorgung auf der Strecke bleiben. Nichts ist gegen den Karrierewunsch einzuwenden, aber dann sollte man sich überlegen, ob das mit einer Familie, speziell mit einem Kind vereinbar ist.
Für mich ist Johanna keine starke Frau, sondern eine, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Interessen durchsetzt und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter nur „spielt“, wenn es ihr gerade in den Kram passt. Sie erscheint selbstverliebt, egoistisch und ziemlich unreif und wurde mir beim Lesen zunehmend unsympathischer.
Johannas Entscheidungen sind für mich nicht nachvollziehbar, auch nicht die ihres Ehemannes Georg. Das mag daran liegen, dass die Figuren nicht ausreichend charakterisiert werden, man sie nur oberflächlich kennenlernt.
Am Ende wird noch unvermittelt ein Familiengeheimnis aufgetischt, das ich schon eine ganze Weile geahnt hatte, das aber eigentlich keinen besonderen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte hat. Zum abrupten Schluss dann ein versöhnlicher Epilog in der Jetztzeit, der aber viele Fragen über die inzwischen verstrichene Zeit offen lässt.
Zu Beginn hat mir der Roman sehr gut gefallen, doch je unsympathischer die Protagonistin mir im Verlauf der Handlung wurde, desto weniger konnte ich mich für sie begeistern. Der Schreibstil der Autorin ist größtenteils gut lesbar, jedoch erforderten die von ihr gern genutzten langen Schachtelsätze des öfteren einen Rückblick um zu schauen, welches Subjekt denn zum Verb gehört.
Eine durchaus interessante Story-Idee, deren Umsetzung aber nicht die Erwartungen erfüllen kann, die der Klappentext und das sehr gelungene Titelbild geweckt haben.

Bewertung vom 18.04.2021
Montecrypto
Hillenbrand, Tom

Montecrypto


sehr gut

Informativer Krimi von Tom Hillenbrand
Wie schon bei seiner Xavier Kieffer-Reihe, ranken sich Hillenbrands Krimis immer um Sachthemen, da kommt der Journalist in ihm zu Worte. Vom Verlag wird der Roman als Thriller eingeordnet, was ich eher unzutreffend finde, es ist vielmehr ein Krimi oder sogar ein Abenteuerroman über eine Schnitzeljagd nach einem Schatz. Das spannende Finale enthält noch am ehesten Thrillerelemente, sonst geht es eher gemächlich voran.

Ed Dante ist ein typischer Noir-Detective, allerdings mit angelsächsischem Hintergrund. Er hat eine Schwäche für Cocktails aller Art, guten Tee und war in seinem vorigen Leben selbst Investment Banker. Als Privatermittler beschattet er nicht untreue Ehemänner und -frauen, sondern deckt eher Finanskandale auf. Sein Name ist eine augenzwinkernde Anspielung auf den Dumas'schen Grafen von Monte Christo Edmont Dantés (solche Namensähnlichkeiten gibt es im weiteren Verlauf noch einige). Nachdem Kryptomillionär Greg Hollister ums Leben gekommen ist, wird Dante von dessen Schwester beauftragt, den vermeintlich in irgendwelchen Kryptowelten verborgenen Schatz Hollisters aufzuspüren. Obwohl aus dem Finanzwesen kommend, kennt Dante sich im Bereich der Bitcoins und Co, nicht sonderlich gut aus, deshalb stößt dann auch noch die kenntnisreiche Bloggerin Mercy (Mercedes) Montego als Verstärkung zu ihm.

Über Las Vegas, Zug in der Schweiz, New York und Mexiko führt die Suche nach dem Schatz, immer mit einer Horde Kryptonerds auf den Fersen, die auch den Schatz heben wollen.

Meinem erklärten Ziel, nämlich Bitcoins etc. besser zu verstehen, bin ich nicht wirklich sehr viel näher gekommen, aber ich bin trotzdem dankbar für diesen Blick in die Kryptowelt mit ihren skurrilen Nerds. Gut recherchiert und verständlich formuliert werden die Informationen gekonnt in die Krimihandlung eingearbeitet. Ich fand die Protagonisten sympathisch, die Dialoge witzig und die Handlung spannend, jedoch nicht auf Thrillerart, was aus meiner Sicht eher ein Vorteil ist.

Kurz, ein informativer, spannender und unterhaltsamer Krimi mit origineller Handlung, mehr Cosy als Hard-boiled!

Bewertung vom 18.03.2021
Toskanisches Vermächtnis
Trinchieri, Camilla

Toskanisches Vermächtnis


ausgezeichnet

Spannender Toskanakrimi in gemächlichlichem Tempo - ein echter Cosy Krimi mit viel Lokalkolorit

Nico Doyle, New Yorker Ex-Cop mit italienischen Wurzeln ist nach dem Tod seiner Frau Rita und seinem unfreiwilligen Aussscheiden aus dem NYPD ins Chianti übergesiedelt, der Heimat seiner Frau, in der auch ihre Verwandten leben, die jetzt alles sind, was er noch an Familie hat. Er beginnt sich allmählich dort einzuleben und eine tägliche Routine zu entwickeln. Da wird durch einen streunenden Hund sein Weg zu einer Leiche gelenkt.

Eigentlich wollte er mit Polizeiarbeit nichts mehr zu tun haben, kann aber dem anhaltenden Werben des ermittelnden Maresciallo dei Carabinieri bei der Aufklärung mitzuwirken letztendlich nicht widerstehen. Der Maresciallo hat in seinem Leben bisher erst an einem Mordfall gearbeitet, weiß um Nicos Vorgeschichte und kann jede Hilfe gebrauchen, die er bekommen kann.

Bei den Ermittlungen kommen Ereignisse von vor 22 Jahren zutage, die auch Nicos Familie betreffen. Alle Dorfbewohner scheinen mehr zu wissen, als sie zugeben.

Die Ermittlungen gehen eher gemächlich voran, die Autorin lässt sich viel Zeit, uns mit den wesentlichen Charakteren bekannt zu machen, die alle anschaulich gezeichnet werden. Außerdem kommen Weine und die italienische Küche nicht zu kurz, was mir gefällt und viel zum Lokalkolorit beiträgt, tendenziell ein bisschen wie bei Martin Walkers Bruno.

Gegen Ende nimmt der Roman spannungsmäßig kräftig an Fahrt auf und liefert eine unerwartete Auflösung. Gut lesbarer, flüssiger Schreibstil, Einblicke ins ländliche, jedoch vom Tourismus geprägte, italienische Dorfleben, gute Charakterisierungen der Hauptfiguren, Schlemmerei und weinselige Abende, viel Lokalkolorit und Atmosphäre, etwas Humor, auch etwas Melancholie und Tiefgang, ein mysteriöser, spannender Fall, Familiengeheimnisse und ein überraschender Täter - was will man mehr von einem Regionalkrimi?

Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen und kann ihn allen Cosy-Fans bedingungslos empfehelen. Auf Englisch gibt es schon einen zweiten Band und man kann sich also auf eine Fortsetzubg freuen.

Bewertung vom 13.03.2021
Lockvogel
Prammer, Theresa

Lockvogel


ausgezeichnet

Sympathischer und spannender Krimi
Ich mochte schon Theresa Prammers Krimireihe um Carlotta Fiore, die allerdings etwas düsterer war. Hier haben die Protagonisten zwar auch reichlich Probleme, aber die Grundstimmung ist doch eher heiter. Antonia (Toni) ist eine junge Schauspielschülerin, die bei ihrer Großmutter aufgewachsen ist. Die Oma ist inzwischen in eine edle Senoirenresidenz umgezogen, hat aber ihre Ersparnisse (über 300.000 €) und ihren Schmuck in einem Tresor in der Wohnung ihrer Enkelin deponiert. Nur leider hat sich Tonis Freund und Mitbewohner Felix mit diesen Wertsachen davongemacht - sie ist verzweifelt und glaubt an unglückliche Umstände, die Felix dazu veranlasst hätten. Deshalb sucht sie einen Privatdetektiv auf, der nach Felix suchen soll. Edgar Brehm ist ihr als preiswert empfohlen worden, aber auch er ist für Toni viel zu teuer. Da Edgar selbst in einer gewissen Notlage ist und einen großen Auftrag, den er allein nicht schaffen würde, bekommen könnte, schließen die beiden einen Pakt: Edgar sucht nach Felix, aber Toni soll ihm bei dem Auftrag der Frau des berühmten Filmregisseurs Alexander Steiner helfen: und schon ist ein originelles und sympathisches Ermittlerduo geboren!
Bei der jährlichen großen Party des Starregisseurs ist ein Kellner ermordet worden, der allerdings gar kein Kellner ist, sondern ein erfolgloser Drehbuchautor, der gehofft hatte, sein Manuskript an den Mann zu bringen. Aber darum geht es Frau Steiner gar nicht - ihr waren Dokumente zugespielt worden, aus denen hervorgeht, dass ihr Mann junge Schauspielerinnen sexuell belästigt hat und daher zu einem #MeToo-Fall werden könnte.
Es gibt diverse Verdächtige und Handlungsstränge und eine für mich unerwartete Auflösung. Wir lernen die beiden Ermittler gut kennen, der Schreibstil ist flüssig und die Handlung ist spannend. Nebenbei können wir auch noch etwas Atmosphäre am Filmset und in der Schauspielschule schnuppern. Obwohl der Krimi in Wien spielt, gibt es nicht allzu viel Lokalkolorit, was mich aber nicht weiter gestört hat. Ich habe die Lektüre genossen und mich gut unterhalten gefühlt, gegen Ende konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Klare Leseempfehlung für alle, die Ihre Krimis eher gewaltlos lieben!

Bewertung vom 25.02.2021
Kim Jiyoung, geboren 1982
Cho, Nam-joo

Kim Jiyoung, geboren 1982


gut

Zwiespältig

Ist es ein Roman? Oder eher eine sozialwissenschaftliche Abhandlung? Etwas von beidem. Zwischendurch gibt es immer wieder Fußnoten, wie in einer wissenschaftlichen Arbeit Angaben zur Herkunft der demographischen Daten, die im Text mitgeteilt werden. Das ist meiner Meinung nach auch die Crux dieses Romans: man erfährt sehr viel über die Situation der Frauen in Südkorea, die so viel anders nicht ist als bei uns vor ca. 70 Jahren, aber das Einzelschicksal von Jiyoung wird so kühl geschildert, dass einen zwar die Fakten erschüttern, die Erzählung einen jedoch emotional nicht packen kann. Das Buch liest sich trotz Fußnoten durchaus flüssig, aber es fehlt der gewisse Hoffnungsschimmer, damit es einem Spaß machen könnte. Jiyoungs Lage ist ziemlich hoffnungslos, die gesellschaftlichen Erwartungen erdrücken sie. Nachdem es ihr tatsächlich gelungen ist zu studieren und schließlich auch einen relativ guten Job zu finden (immer unterstützt von ihrer Mutter, die ihrer Tochter gern ihr eigenes Schicksal ersparen möchte), lernt sie einen netten jungen Mann kennen und heiratet ihn. Aber nun ist auch die Schwiegerfamilie im Spiel, die dringend einen Stammhalter erwartet ... viel früher, als es Jiyoung lieb ist. Als sie schwanger wird, erscheint es für alle logisch, dass sie ihren hart erkämpften Job aufgibt. Das Geld, das ihr Mann nach Hause bringt, reicht hinten und vorne nicht, weshalb sie sich dann schließlich einen schlecht bezahlten Teilzeitjob sucht, der sich mit Kinderversorgung und Haushalt kombinieren lässt. Und dafür hat sie studiert? Sie fühlt sich ständig müde und ausgelaugt und wird depressiv und psychisch krank. Das ist sehr traurig und deprimierend. Sicher ein wichtiges feministisches, und für Korea bahnbrechendes Buch, aber dass es zum Bestseller geworden ist, erstaunt mich.
Für uns als westliche Leser wirkt das alles sehr weit entfernt und exotisch, dabei sind dieselben Denkweisen - wenn auch in abgeschwächter Form - doch auch bei uns immer noch gang und gäbe!

Bewertung vom 25.02.2021
Totentanz im Pulverschnee / Ein Fall für Arno Bussi Bd.3
Fischler, Joe

Totentanz im Pulverschnee / Ein Fall für Arno Bussi Bd.3


sehr gut

Arno Bussis dritter Fall – gewohnt launig und spannend

Arnos Mama hat einen Verehrer, der zwar einen Kurzurlaub für beide gebucht hat, aber Marina Bussi in letzter Minute aufgrund geschäftlicher Verpflichtungen versetzen muss. Tja, da muss der Arno als Lückenbüßer mitfahren, obwohl er lieber in Wien bleiben und mit seiner Triathlon-Partnerin Franzi trainieren möchte.

Als gehorsamer Sohn fährt er zum Eisfestival nach Maria Schnee, einem Ort, der trotz seines Namens unter notorischem Schneemangel leidet. Aufgrund des milden Winters ist auch das Eis künstlich!

Das Remmidemmi des Festivals geht Arno ziemlich gegen den Strich, es geht zu wie auf dem Ballermann und der Swimmingpool des Sternehotels, auf den er für sein Schwimmtraining gehofft hatte, ist auch gesperrt. Und dann erliegt er auch gleich am ersten Abend den Verlockungen des „Schmarrnkaisers“ und fühlt sich danach sehr unwohl.

In der Nacht meint seine Mutter eine Rangelei zwischen Rosa, der jungen Rezeptionistin und gleichzeitig Eisprinzessin des Festivals, und einem Mann beobachtet zu haben und behauptet steif und fest, dass Rosa entführt worden sei, als sie am nächsten Tag verschwunden bleibt. Sie drängt ihren Sohn, zu ermitteln und der spricht mit vielen, die ihn alle nur belächeln – auch der Dorfpolizist nimmt ihn nicht ernst. Erschwert wird alles durch einen völlig unerwarteten, heftigen Schneeeinbruch, so dass das Dorf seinem Namen alle Ehre macht!

Als dann am Abend die Rosa in der Eislaufshow zu sehen ist, schämen sich Mutter und Sohn ob ihres unbegründeten Verdachts. Nur seltsam, dass sie am zweiten Abend so viel besser eisgelaufen ist als am ersten …

Am nächsten Tag wird Rosas Leiche gefunden und alles ist ganz anders als es scheint. Das erste Drittel des Buches plätschert eher gemächlich dahin, aber dann nimmt die Krimihandlung richtig Fahrt auf: es gibt verwirrend viele Verdächtige, viele „Red Herrings“, und es wird richtig spannend.In gewisser Weise ist fast das ganze Dorf in den Fall verwickelt und viele dunkle Familiengeheimnisse werden aufgedeckt. Ich konnte bis zum Ende nicht erraten, wer der Täter war. Ein netter, humoriger Regionalkrimi mit furiosem Finale. Für mich hat sich beim nunmehr dritten Band der Serie der launige Schreibstil etwas abgenutzt, deswegen ein Punkt Abzug, aber im Großen und Ganzen doch ein unterhaltsames und fesselndes Lesevergnügen.

Bewertung vom 09.02.2021
Sprich mit mir
Boyle, T. C.

Sprich mit mir


sehr gut

Wie viel Kommunikation ist möglich zwischen Mensch und Tier?
Die drei wesentlichen Protagonisten dieses Romans sind Guy Schemerhorn, Psychologie-Professor, der über den Spracherwerb von Schimpansen forscht, Aimee, eine schüchterne, kontaktscheue und etwas ziellose Psychologiestudentin und - last but not least - Sam, ein junger Schimpanse, der von Guy wie ein Mensch aufgezogen wird und Unterricht in Gebärdensprache erhält. Der Roman spielt in den 70er/80er Jahren, als die Verhaltensforschung ihren Höhepunkt erreicht.
Aimee sieht zufällig im Fernsehen eine Rate-Show, bei der Guy mit Sam zu Gast ist und ist auf Anhieb begeistert, noch mehr, als sie dann am nächsten Tag am Schwarzen Brett in der Uni ein Angebot für studentische Hilfskräfte für just dieses Projekt entdeckt. Sie bewirbt sich um den Job und bekommt ihn, denn Sam springt ihr sofort auf den Arm und lässt sie nicht mehr los: Liebe auf den ersten Blick.
Sie zieht bei Guy und Sam ein, bemuttert und unterrichtet Sam und wird Guys Geliebte. Sie leben in einer familienähnlichen Konstellation zusammen. Doch Sam wird mit zunehmendem Alter immer kräftiger und schwerer kontrollierbar - und in der wissenschaftlichen Forschung kippt die Stimmung ein paar Jahre später, man hält den Spracherwerb von Primaten nun für ein Hirngespinst. Sams Besitzer, ein skrupelloser und geldgeiler Professor aus Iowa will Sam zurückhaben, um ihn als Versuchstier zu halten. Guy gibt schließlich nach, denn seine Beziehung zu Sam war letztenendes nur ein Mittel zum Zweck für seine Karriere. Aimee ist entrüstet und fährt selbst mit dem Wagen nach Iowa.
Und Sam, der sich für einen Menschen hält, sitzt verzweifelt in einem scheußlichen Käfig und kann seine Mitgefangenen in den anderen Käfigen nicht als sene Artgenossen erkennen ...
Boyles Thema ist die Beziehung zwischen Mensch und Natur, Mensch und Tier. Der Mensch sieht sich als Krone der Schöpfung und fühlt sich deshalb berechtigt, mit den anderen Lebewesen zu machen was er will, sogar einen Affen wie einen Menschen aufzuziehen und mit ihm qua Gebärdensprache zu kommunizieren, bzw. - weit schlimmer - ihn als Versuchstier zu nutzen. Doch wie weit reicht die Lernfähigkeit unserer nächsten Verwandten? Handelt es sich wirklich um eine echte Kommunikation? Da es sich um ein fiktives Werk handelt, nimmt der Autor sich die Freiheit, in einigen kurzen Kapiteln Sams Perspektive einzunehmen.
Ein teils witziger und unterhaltsamer Roman, teils sehr berührend und traurig, ein Roman, der einen nachdenklich macht.