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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: takabayashi
Wohnort: Berlin
Über mich: Vielleser


Bewertungen

Insgesamt 18 Bewertungen
12
Bewertung vom 05.03.2019
Ein Tropfen vom Glück
Laurain, Antoine

Ein Tropfen vom Glück


ausgezeichnet

Reizvolle Pariser Variante des Zeitreise-Sujets
Es beginnt mit einer UFO-Sichtung durch einen französischen Winzer im Jahr 1954 und dem Verschwinden dieses Mannes im Jahre 1978, nachdem er am Vortag mit seinen Enkeln den Film "Unheimliche Begegnung der dritten Art" angeschaut und daraufhin zur Feier des Tages eine Flasche 1954er Wein geköpft hatte. Dann lernen wir den Amerikaner Bob Brown kennen, der 2017 endlich seinen Lebenstraum verwirklicht, nach Paris zu fliegen. Allerdings leider ohne seine Frau Goldie, die erkrankt ist und im Koma liegt. Und in Paris treffen wir die junge Restauratorin Magalie, die aussieht wie Abby aus der Fernsehserie Navy CIS; ihren schüchternen Nachbarn den Barkeeper Julien, der heimlich in sie verliebt ist; und schließlich Hubert Larnaudie, den letzten Angehörigen der Familie, die das Pariser Bürgerhaus, in dem 2017 unsere vier Protagonisten zusammentreffen, ursprünglich erbaut hat.
Hubert war im Keller gewesem und dabei war ihm zufällig eine Flasche Wein aus dem Jahre 1954 aufgefallen. Plötzlich hörte er Geräusche - ein Einbruch in einem Nachbarkeller! Die Diebe, die ihn auch bemerkt hatten, schlossen ihn ein und flohen. Die anderen 3 Hausbewohner (Bob war über Airbnb dorthin gelangt) retteten ihn und man trank zur Feier des Tages den Rotwein aus dem Jahre 1954. Danach trennten sie sich, aber am nächste Morgen war alles anders ... Die Vier realisieren nach und nach alle, dass sie im Paris des Jahres 1954 gelandet sind. Julien ist übrigens ein Enkel des besagten verschwundenen Winzers, hat sich mit dem Thema UFOs ausgiebig beschäftigt und hat eine Idee, wen man um Rat fragen kann, um ins Jahr 2017 zurückzukehren. Das Ganze erinnert ein wenig an Woody Allens MIDNIGHT IN PARIS, die Erlebnisse und das Zusammentreffen mit berühmten Zeitgenossen wie u.a. Edith Piaf und Jean Gabin lesen sich äüßerst amüsant, ein ausgesprochener Feelgood-Roman, jedoch nicht ohne Tiefgang. Durch dieses außergewöhnliche Ereignis erschüttert, machen sich die vier Reisegenossen auch Gedanken über ihr Leben und diese Zeitreise wird sie und ihr Lebenskonzept nachhaltig verändern. Für einen von ihnen geschieht sogar ein veritables Wunder. Ein unterhaltsames, liebenswertes und warmherziges Buch!

Bewertung vom 05.03.2019
Lago Mortale
Conti, Giulia

Lago Mortale


sehr gut

Richtig netter Regionalkrimi
Genau meine Art von Krimi: Viel Lokalkolorit, etwas Humor, ein spannender, aber nicht allzu brutaler Mordfall.
Ein guter Einstieg in eine neue Krimireihe: der sympathische Protagonist, Simon Strasser, lebt am Lago d’Orta im Piemont, einer Gegend, die von Regionalkrimis bislang - soweit ich weiß - noch nicht behandelt wurde. Er kommt aus Deutschland, hatte aber eine italienische Mutter. Seine Tätigkeit als Polizeireporter in Frankfurt wurde ihm zu stressig, so dass er sich seinen Traum erfüllte ins Piemont umzusiedeln, wo er nun als freier Journalist für diverse deutsche Zeitungen schreibt. Bei ihm lebt die erwachsene Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin, die ihn quasi als Vater betrachtet.
Simon wundert sich über eine anscheinend herrenlos auf dem See herumschlingernde Yacht, fährt mit dem Kanu dorthin und entdeckt die Leiche des Sohnes einer ortsansässigen Unternehmerdynastie, der ein sehr guter und erfahrener Segler war. Unfall oder Mord? Simon ruft die Polizei, aber seine eigene Spürnase hat nun auch die Witterung aufgenommen.
Er forscht selber nach und ist der charmanten Kommissarin, die er sehr mag, immer ein paar Schritte voraus. Dabei unternimmt er mit einem Journalistenfreund ausgiebige Touren durch das Piemont. Im rasanten Finale wird es sehr spannend und Simon, der sich recht leichtsinnig in Gefahr gebracht hat, kommt gerade noch einmal davon.
Der Fall wird komplett aufgeklärt, es bleiben keine Fragen offen. Da dies der erste Fall einer Serie ist, lernen wir Simon und sein Umfeld ausführlich kennen. Mir hat dieses sehr flüssig geschriebene, gut lesbare Krimidebut sehr gut gefallen. Nichts für hard-boiled Fans vermutlich, aber für Cosy-Freunde eine klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 01.03.2019
Die Leben danach
Pierce, Thomas

Die Leben danach


weniger gut

Hat mir die Leselust genommen!
Der erst dreiunddreißigjährige Jim Byrd bekommt nach einem fünfminütigen Herzstillstand ein HeartNet, einen implantierten Defibrillator, modernste Spitzentechnologie. Jim ist enttäuscht, dass er gar keine Erinnerungen an diesen Zustand hat, kein Licht am Ende des Tunnels, keine typischerweise berichteten Nahtod-Erfahrungen - nichts! Er hat das Gefühl, jetzt mehr aus seinem Leben machen zu müssen, keine Zeit zu verschwenden. So geht die Geschichte los, geschrieben in einem entspannten, gut lesbaren, launigen Schreibstil. Leider kann das, was danach folgt, die Versprechen des Anfangs und des Verlagstextes nicht halten. Noch selten habe ich mich so durch einen Text gequält – normalerweise lese ich gern, viel und schnell, aber hier musste ich mich regelrecht dazu zwingen, weiterzulesen und habe schließlich irgendwo nach der Hälfte dann doch aufgegeben. Die Kirche der Suchenden mit ihren Hologrammen, die Geistersuche im Tex-Mex-Restaurant, der brennende Hund, die Beziehung zu seiner Mutter – das alles wirkte so wirr und ich wartete vergeblich auf ein Element, das dies alles zusammenführt und erklärt. Auch Jims Leben mit Annie und ihrer Tochter erschien mir trostlos und langweilig, nichts von Aufbruchstimmung nach dem Nahtod-Erlebnis. Ich kann nicht entschlüsseln, was der Autor eigentlich aussagen will. Ich sehe, dass es auch diverse 4 + 5 – Sterne-Rezensionen gibt, der Roman also durchaus bei manchen Lesern ins Schwarze trifft, aber ich kann ihn leider nicht empfehlen.

Bewertung vom 21.02.2019
Allee unserer Träume
Gerold, Ulrike; Hänel, Wolfram

Allee unserer Träume


gut

Etwas holzschnittartig

Der Klappentext klang nach einer richtig guten Geschichte aus dem 20. Jahrhundert. Gerade auch weil sie vorwiegend in (Ost-)Berlin handelt, interessierte die Geschichte mich als (West-)Berlinerin besonders.
Die Hauptperson ist Ilse Schellhaas, 1922 in Thüringen geboren. Sie und ihre Schwester Marga wachsen nach der Scheidung der Eltern bei der Mutter auf, aber Ilse hängt auch sehr an ihrem Vater, einem Architekten und Bauunternehmer, den sie bewundert und von dem sie die Leidenschaft für die Architektur übernommen hat. Sie setzt sich gegen einen gewissen familiären Widerstand durch, macht Abitur, geht zum Studium nach Weimar und gerät dann in die Wirren der Nazizeit und des zweiten Weltkrieges.
Der Roman spielt abwechselnd auf 2 Zeitebenen: einerseits im Ostberlin der Jahre 1950 - 53, als es Ilse gelingt, ins Planungskollektiv für die erste sozialistische Prachtstraße - die Stalin- bzw. später dann Karl-Marx-Allee - aufgenommen zu werden; andererseits in Rückblicken auf Ilses Entwicklung und Schicksal ab dem Jahr 1932.
Die Grundidee ist sehr gut und die Geschichte historisch interessant, aber die Umsetzung vermochte mich nicht immer zu fesseln, manche Passagen zogen sich recht zähflüssig in die Länge. Im Vordergrund stehen immer Ilse und die Bauarbeiten, denen Ilse sich mit Leib und Seele voller Begeisterung verschrieben hat. Aber es gibt auch zahlreiche andere Figuren, deren Leben mit dem Ilses verwoben ist, die aber oft wie am Reißbrett entworfen wirken und jeweils eine Funktion für den Fortgang der Geschichte haben. Das ist gewiss in Romanen häufiger der Fall, aber hier nehmen sie leider oft nicht wirklich Konturen an, erwachen nicht zum Leben. Die Lektüre von Richard Dübells Jahrhundertsturm-Trilogie hat mich für das Genre der historischen Romane begeistert, er versteht es meisterhaft, historische Fakten und Personen mit fiktiven menschlichen Schicksalen in genau der richtigen Balance zu verbinden, so dass man viel über die jeweilige Epoche erfährt, aber sich auch mit den Protagonisten identifizieren, mit ihnen mitfiebern und sich mit ihnen freuen kann. Diese Qualität habe ich hier vermisst, ich habe mich eher wie ein distanzierter Beobachter gefühlt. Bei Dübell war ich ganz traurig, wenn das Buch zuende war (obwohl mit 700 - 1000 Seiten sehr voluminös), hier habe ich immer mal wieder überprüft, wie viele von den 550 Seiten ich denn noch vor mir hatte...
Der Roman wirkte mit zu vielen Themen, Ereignissen und Personen auch etwas überfrachtet, die Bauarbeiten z.B. nahmen eine etwas zu beherrschende Rolle ein im zweiten Teil und eine gewisse Straffung und Kürzung hätte dem Roman möglicherweise gut getan.
Trotzdem ist es kein schlechtes Buch, die Geschichte, die sich an das Leben der Mutter des männlichen Teils des Autorenpaares anlehnt, ist durchaus interessant, nur die menschlichen Schicksale erschienen mir hin und wieder zu konstruiert und ließen mich auch häufig kalt.

Bewertung vom 01.01.2019
Die Plotter
Kim, Un-Su

Die Plotter


gut

Aus dem Leben eines koreanischen Auftragsmörders. Kein Krimi
Nach einem fulminanten Einstieg, in dem ein Auftragskiller mit Selbstzweifeln und Ladehemmung von seinem potentiellen Opfer zu einem Abend mit Essen und Whiskey am warmen Feuer eingeladen wird, sich dort sich sehr wohlfühlt und den freundlichen alten Mann dann doch am nächsten Morgen erschießt, hat der Roman, den ich nicht als Krimi oder Thriller empfinde, leider ziemlich nachgelassen.
Raeseng wurde als Säugling von Old Racoon aus dem Waisenhaus geholt und als Auftragsmörder aufgezogen. Seine Karriere begann er mit 17, ohne sie zu hinterfragen hat er seine Aufträge ausgeführt und ist dabei zum Meister geworden. Bis er dann einmal von dem vorgefertigten Plan der Plotter abwich und einen Mord anders ausführte als geplant. Seitdem steht er selbst auf der Abschussliste!
Die Zeiten haben sich auf dem "Fleischmarkt" geändert, aufgrund einer veränderten politischen Struktur gibt es nicht mehr so viele Auftragsmorde, Old Racoon ist alt geworden und hat viel von seiner Macht verloren und ein neuer Stern namens Hanja steigt am Plotterhimmel auf. Auch er ein Zögling von Old Racoon, der seinem Ziehvater aber nun Konkurrenz macht.
Raeseng ist orientierungslos, einen Ausbruchsversuch aus dem Killerleben bricht er wieder ab, so ganz bin ich nicht dahintergestiegen, was er eigentlich will.
Es treten einige interessante Nebenfiguren auf, der Schreibstil ist gut lesbar, aber es fehlt doch an Spannung und an mancherlei Erklärungen. Nach dem vielversprechenden Anfang war ich etwas enttäuscht vom weiteren Verlauf des Buches und mir wurde nicht klar, was der Autor uns damit eigentlich sagen will. Ich fremdele eigentlich nicht mit Büchern und Filmen aus Japan und Korea, im Gegenteil, aber hieraus bin ich irgendwie nicht schlau geworden.

Bewertung vom 05.12.2018
Lenz / Kommissar Eschenbach Bd.6
Theurillat, Michael

Lenz / Kommissar Eschenbach Bd.6


ausgezeichnet

Politthriller? Untypischer Krimi, eher ein spannender und mysteriöser Roman über die Gemengelage der heutigen Welt
Der Prolog - eine Reflektion über Menschen, die anders als die anderen sind - wirkte gar nicht wie ein Krimi. Aber dann geht es weiter mit der Versteigerung einer Nobelpreismünze bei Christie's, der titelgebende Herr Lenz telefoniert über ein altmodisches, schwarzes Bakelittelefon mit Wählscheibe, das jedoch mit modernster Sicherheitstechnik aufgerüstet wurde mit seinem alten Freund Walter, der sehr krank ist und kaum noch aus dem Haus geht, und Lenz um einen kleinen Gefallen bittet. Lenz soll einer alten Freundin einen Umschlag übergeben. Er hat früher im Archiv der Züricher Kripo gearbeitet, daher kennt er den Kommissar Eschenbach, einen der wenigen Kollegen, mit denen ihn eine persönliche Sympathie verbindet.
Ewald Lenz, Walter Habicht und Isabel Cron kennen sich seit ihren Studententagen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, alle drei sind hochintelligent und brillant, haben aber nicht die von ihnen erwartete große Wissenschaftskarriere gemacht. Lenz und Habicht waren beide in Isabel verliebt, aber Lenz hat aus Mitleid mit dem kleinwüchsigen Habicht einen Rückzieher gemacht und hat Isabel seit nunmehr 40 Jahren nicht mehr gesehen.
Kommissar Eschenbach kehrt nach mehrmonatiger Auszeit bei seiner Tochter in Kalifornien wieder in sein Präsidium zurück. Er hat seiner Tochter einen längeren Besuch abgestattet, fühlt sich erfrischt und gestärkt, merkt aber, dass sich die Atmosphäre unter den Kollegen inzwischen verändert, bzw. verschlechtert hat, was vor allem an seiner jungen Stellvertreterin Ivy Köhler zu liegen scheint. Ein aktueller Fall soll schnell abgeschlossen werden, es scheint sich um einen natürlichen Tod gehandelt zu haben, aber Eschenbach entdeckt Unstimmigkeiten und hakt nach.
Der Roman wird abwechselnd aus Lenz‘ und Eschenbachs Perspektive erzählt, es ist kein typischer Whodunnit mit Mord, Spurensuche und Beweisen, jedoch fand ich ihn außerordentlich spannend. Bevölkert von interessanten Charakteren mit ungewöhnlichen Lebensläufen, Einsichten über die Machenschaften von Regierungsorganisationen und Geheimdiensten, von außen angezettelte Kriege, die letztlich nur dazu dienen sollen, die Versorgung Europas und der USA mit Erdöl und Erdgas zu gewährleisten. Und eine sehr ausdrucksstarke Sprache, ein gut zu lesender Schreibstil. Mit der üblichen Krimikost nicht zu vergleichen und daher vermutlich nicht jedermanns Sache, aber mir hat die Lektüre sehr gut gefallen.

Bewertung vom 28.11.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


sehr gut

Vergangenheitsbewältigung
Interessant verpackte Geschichtslektion! Die junge Frankfurter Gastwirtstochter und Dolmetscherin Eva Bruhns wird zufällig als Übersetzerin beim ersten Auschwitzprozess eingesetzt. Beim ersten Vortermin ist sie noch ganz naiv und versteht nicht, worum es eigentlich geht. Sie ist zu dem Zeitpunkt eher daran interessiert, dass ihr Freund bei ihrem Vater um ihre Hand anhält.
Doch je mehr sie sich damit beschäftigt, desto mehr ist sie involviert und empört über das, was in Auschwitz passiert ist und von weiten Kreisen der Bevölkerung immer noch geleugnet wird. Gegen den Wunsch ihrer Eltern und auch ihres Verlobten beschließt sie, den ganzen Prozess als Dolmetscherin zu begleiten. Diese Erfahrung verändert sie und lässt sie reifen. Außerdem entdeckt sie, dass auch ihre Familie am Rande in die Naziverbrechen verwickelt war, was zum Zerwürfnis mit ihren Eltern führt.
Wie schon in den Fernsehspielen Kudamm 56 und 59 ist es der Autorin hervorragend gelungen, die Atmosphäre der Zeit (hier die mittleren 60er Jahre) zu erfassen. Man kann es kaum glauben, dass im Jahr 1964 ein Ehemann (hier ist es sogar nur ein Verlobter, also ein zukünftiger Ehemann) noch das Recht hatte, ein Arbeitsverhältnis seiner Frau zu kündigen! Die Zeugenaussagen über die Gräueltaten sind ergreifend, nicht nur für die Protagonistin Eva, sondern auch für den heutigen Leser. Durch die Verknüpfung mit Evas Geschichte ist das keine dröge Geschichtslektion, sondern eine spannende, zeitgeschichtliche Erzählung. Angesichts der momentanen politischen Entwicklungen ist dies der richtige Roman zur richtigen Zeit - sehr zu empfehlen!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.10.2018
Stern des Nordens
John, D. B.

Stern des Nordens


ausgezeichnet

Spannender Politthriller mit viel Hintergrundinformationen über Nordkorea
Wann immer ich auf ein Buch oder einen Film mit dem Thema Nordkorea stoße, bin ich sofort fasziniert. Entsprechend reizte mich ein Thriller vor der Kulisse dieses geheimnisvollen und undurchsichtigen Landes.
Das Buch beginnt mit dem Protokoll eines Ereignisses aus dem Jahre 1998, bei dem ein koreanischer Student und eine halbkoreanische Studentin mit amerikanischem Pass an einem Strand Südkoreas verschwinden. Dann geht es weiter im Jahr 2010 in Washington DC, wo die 30jährige Dozentin Jenna Williams von einem Freund ihres verstorbenen Vaters kontaktiert wird, der sie als Agentin für die CIA anwerben will. Jenna ist die Schwester der 1998 verschwundenen Studentin und ihr Vater ist Afroamerikaner, ihre Mutter Koreanerin. Ihr Schicksal ist verwoben mit dem des Parteifunktionärs Cho und dem der Bäuerin Moon.
Die drei Handlungsstränge um diese Protagonisten wechseln sich ab und das liest sich sehr spannend und informativ. Vor allem eins wird deutlich: das nordkoreanische Volk wird mit Angst beherrscht, und das trifft für jeden zu, sei es eine arme Bäuerin, die ums tägliche Überleben kämpfen muss, sei es ein priviligierter Kader, der auch jederzeit in Ungnade fallen kann. Auf der einen Seite große Not und Armut, auf der anderen Seite extremer Luxus für die regierende Dynastie und ihre Höflinge. Grausame Arbeitslager, unter Folter erzwungene Geständnisse, Eliteinstitute für halbkoreanische Kinder, die später als Spione ausgesandt werden sollen, Gehirnwäsche für alle - ein Schreckensregime, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Bei all dem ist das Buch jedoch vor allem ein spannender Thriller, den man kaum aus der Hand legen kann. Von mir unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 19.10.2018
Tödliches Sushi
Niedermeier, Christof A.

Tödliches Sushi


sehr gut

Solide Krimikost mit leichtem Exotenfaktor
Der Koch und Restaurantbesitzer Jo Weidinger ist ein Serientäter: er kann das Ermitteln nicht lassen und pfuscht der Polizei immer wieder ins Handwerk - mit Erfolg, wohlbemerkt!
In diesem Fall geht es um die Ermordung eines Japaners, der häufiger in seinem Restaurant zu Gast war. Nachdem noch ein zweiter Japaner der in Düsseldorf lebenden japanischen Community getötet wird, und zwar genau wie der erste mit einem traditionellen japanischen Schwert, hat Jo wieder einmal das Jagdfieber ergriffen, so dass er sogar beschließt, seinen Urlaub dafür zu opfern und nach Japan zu fliegen. Damit hat er seine Komfortzone verlassen, denn er spricht kein Japanisch und ist auf Hilfe angewiesen, die er sich eigentlich von seinem alten Freund Kenji Matsuda verspricht, einem Hotelerben, den er aus seiner Zeit als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff kennt. Doch Kenji hat keine Zeit und delegiert diese Aufgabe an seine Quasi-Cousine Mikiko, die als jüngste Professorin an der Uni in Tokyo mittelalterliche Geschichte lehrt. Was sich als günstig erweist, da dieser Fall mit der Geschichte aus der Zeit der Samurais zusammenhängt.
Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass ein deutscher Koch sich nach Japan aufmacht, um dort ein Verbrechen aufzuklären, aber da ich gern Krimis lese, die in Japan handeln, habe ich das einfach mal als Tatsache hingenommen. Das Ganze wirkt schon ein wenig konstruiert, ist aber, wenn man sich darauf einlässt, durchaus spannend zu lesen. Der Autor hat das japanische Umfeld gut recherchiert und einen Mörder erfunden, dessen Rachephantasien sich aus einer alten Legende speisen. Auch wenn Kommissar Zufall dem Ermittler-Duo oft auf die Sprünge hilft. Nach und nach kommen sie auf die Fährte des Mörders und erahnen seine Motive.
Das japanische Ambiente wirkt durchaus gelungen und vor allem gegen Ende wird der Roman immer temporeicher und spannender bis zu einem rasanten Finale. Ich habe mich gut amüsiert und hatte Schwierigkeiten, das Buch aus der Hand zu legen. Spannung, gewürzt mit Humor und Lokalkolorit, was will man mehr? Nur das titelgebende Sushi hat eigentlich mit der Handlung nichts zu tun.

Bewertung vom 14.10.2018
Die Welt war so groß
Jaffe, Rona

Die Welt war so groß


sehr gut

Vier Töchter der 50er Jahre
Annabel, Daphne, Emily und Chris gehören zu der Elite, die es schafft, im Jahr 19953 am renommierten Radcliffe College - einer Erweiterung der Harvard Universität, an der damals nur männliche Studenten zugelassen waren - einen Studienplatz zu ergattern.
Für Frauen war ein Universitätsstudium damals keine Selbstverständlichkeit. Und auch sind die Mädchen so erzogen, dass sie die vier Unijahre als einen letzten Freiraum betrachten, bevor der Ernst des Lebens mit Ehe und Familiengründung beginnt. Die Uni ist für sie der perfekte Heiratsmarkt. Und auch unsere 4 Protagonistinnen, so verschieden sie auch sind und so unterschiedliche Probleme sie auch haben, streben letztendlich vor allem nach Ehemann und trautem Heim.
Aus heutiger Sicht ist es ziemlich haarsträubend, wie damals gedacht wurde und wirkt fast ein wenig, wie eine ethnologische Studie über eine seltsame Spezies.
Die Themen gehen von Jungfräulichkeit vor der Ehe über Homosexualität, Antisemitismus bis zur Angst, einen Makel (in diesem Fall eine schwere Krankheit, nämlich Epilepsie), eine Abweichung von der Norm einzugestehen.
Annabel die Südstaatenschönheit lässt bei den Männern nichts anbrennen und wird schließlich von den anderen Studenten als "Hure" gebranntmarkt und gemieden. Die schüchterne Emily aus (neu)reicher jüdischer Familie ist die erste aus ihrer Familie, die studiert und hat große Wunschträume für ihre berufliche Zukunft (Kinderärztin), die sie dann jedoch zugunsten der Familiengründung und ihren Status als Arztgattin aufgibt. Chris entstammt einer dysfunktionalen Familie und schämt sich dafür, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist. Und dann verliebt sie sich in einen jungen Mann, der homosexuell ist, es aber nicht zugibt. Die wunderhübsche Daphne, das sogenannte "Golden Girl", ist nach außen hin perfekt, verbirgt aber ihre Epilepsie, sogar vor ihrem geliebten Ehemann, aus Angst, dass er sie verlassen würde.
1957 ist das Studium abgeschlossen und wir folgen den Lebensläufen bis zur 20jährigen Jubiläumsfeier, auf der alle 4 unabhängig voneinander Entscheidungen treffen über ihr zukünftiges Leben und den Leser mit einem kleinen Hoffnungsschimmer entlassen. Alle haben sie aus ihren Fehlern gelernt und sind nun bereit, die Weichen neu einzustellen.
Das Alles liest sich sehr flüssig und spannend, weckt Anteilnahme an den Schicksalen der jungen Frauen, auch wenn man sich manchmal die Haare raufen möchte. Besonders gegen den Strich ging mir der Fall von Emily, einer sehr intelligenten, ambitionierten Frau, die bemerkt, dass das Dasein als Hausfrau und Mutter sie nicht ausfüllt und dann die entstandenen Aggressionen gegen sich selbst richtet und psychisch krank wird. Es erschien mir unplausibel, dass sie keinen anderen Ausweg finden kann. Nichtsdestotrotz eine spannende und unterhaltsame Lektüre, im Grunde schon ein historischer Roman. Mich hat er auch stark an den ca. 15 Jahre früher entstandenen Roman "Die Clique" von Mary McCarthy erinnert, einem in den 60er Jahren skandalumwitterten Werk.

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