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Benutzername: takabayashi
Wohnort: Berlin
Über mich: Vielleser
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Bewertungen

Insgesamt 36 Bewertungen
Bewertung vom 18.10.2019
Der Verein der Linkshänder
Nesser, Hakan

Der Verein der Linkshänder


sehr gut

Kommissare auf dem Holzweg
Ein alter Fall, der gelöst schien, wird plötzlich - 30 Jahre später - wieder aktuell, als die Leiche des für den Täter gehaltenen Mannes auftaucht: nach der Obduktion ist klar, dass auch er bereits seit 30 Jahren tot ist. Kommissar Van Veeteren ist längst im Ruhestand und plant gerade seinen 75. Geburtstag, aber da er damals der ermittelnde Kommissar war, wenden die Kollegen sich an ihn.
In den späten 50er Jahren wurden linkshändige Kinder noch dazu gezwungen, zum Schreiben ihre rechte Hand zu benutzen. Eine Gruppe von derart malträtierten Schülern schließt sich zum Verein der Linkshänder zusammen - 4 Jungen und 2 Mädchen, die eineiigen Zwillingsschwestern Clara und Birgitte. Als sie schon kurz vor dem Schulabschluss standen, betätigten sich die beiden Mädchen als Babysitter für Madeleine, die Tochter einer sehr wohlhabenden Familie. Das Kind wird entführt und getötet - danach fällt der Linkshänderverein auseinander.
Aber 1982 ruft eines der ehemaligen Mitglieder die Gruppe zu einem Treffen in ihrer Heimatstadt zusammen. Nur Clara nimmt teil, Birgitte hatte sich schon vorher von der Gruppe entfernt. Allerdings nimmt sie dann doch teil in Vertretung ihrer Schwester (und als diese auftretend), die das Wochenende mit ihrem Geliebten verbringen will. Die Pension, in der das Treffen stattfindet, brennt in dieser Nacht ab. Man findet 4 Leichen und hält entsprechend das fünfte Mitglied für den Täter. Diese Theorie ist aber nun nach dem Leichenfund von 2012 hinfällig. Und Van Veeteren beginnt - mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin - wieder zu ermitteln. Zu einem späteren Zeitpunkt gibt es noch einen weiteren Mord in Schweden, der mit der ursprünglichen Tat zusammenzuhängen scheint, und Nessers anderer Kommissar, Barbarotti, beteiligt sich an den Ermittlungen. Die Kommissare verfolgen viele Spuren und Theorien, die sich immer wieder als falsch erweisen - ein ungeheuer verzwickter Fall!
Ich hatte bisher erst einen Einzelkrimi von Nesser gelesen, "DER FALL KALLMANN", den ich außerordentlich gut fand. An dessen Niveau kommt dieser Roman nicht ganz heran. Die Van Veeteren und Barbarotti-Serien kenne ich nicht und kann daher keine Vergleiche ziehen. Das erste Drittel ist zwar nicht langweilig, aber etwas zäh, ich bin mit dem Lesen nicht sehr schnell vorangekommen. Das ändert sich aber ab dem zweiten Drittel rapide, die Geschichte wird immer rasanter und sehr spannend, und bis ganz kurz vor dem Ende hatte ich keine Ahnung, wer der Täter sein könnte. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Van Veeteren ist etwas altersmild und altersweise und ein sympathischer Protagonist. Und gut schreiben kann Hakan Nesser sowieso, das braucht man eigentlich gar nicht zu erwähnen. Deshalb alles in allem auf jeden Fall eine Leseempfehlung, besonders für Nesser-Fans, eher nicht für die Freunde blutiger hardboiled Thriller.

Bewertung vom 14.10.2019
Hotel Cartagena / Chas Riley Bd.9
Buchholz, Simone

Hotel Cartagena / Chas Riley Bd.9


ausgezeichnet

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird
Es ist schon eine Weile her, dass ich einige Bände aus der Chastity Riley-Reihe gelesen habe, aber der vorliegende neunte Band hat mich dermaßen gepackt und begeistert, dass ich die mir fehlenden Bände umgehend nachholen muss. Simone Buchholz kann einfach sehr gut schreiben! Ihr Stil ist lässig, lakonisch, kurz und knapp, Staccato manchmal.
Zwei Handlungsstränge werden miteinander verwoben: Es geht um die Lebensgeschichte eines jungen Mannes aus Hamburg, der im Jahr 1984 auf einem Schiff anheuert und dann in Cartagena in Kolumbien landet und dort schließlich als Handlanger der kolumbianischen Drogenkartelle agiert. Als er verraten wird, geht sein gesamtes Leben in die Brüche. Er hat nichts mehr zu verlieren und sinnt nur noch auf Rache ... Der zweite Handlungsstrang in der Gegenwart: eine Geburtstagsfeier unter Polizisten, in einer (zu) schicken Hamburger Bar, unter den Feiernden die Staatsanwältin Chastity, ihr Ex-Lover und ihr Ab-und-an-Lover - nur der aktuelle Lover fehlt. Gastgeber ist Faller, der Chef der Mordkommission, der 65 wird und kurz vor der Rente steht. Es zeigt sich, dass die beiden Geschichten eigentlich nur eine sind. Es kommt zu einer stundenlangen Geiselnahme in dieser Bar. Dort wird die Geschichte immer aus Chastitys Perspektive geschildert und ganz allmählich wird dem Leser klar, worum es bei dieser Geiselnahme geht.
Was besticht, sind die flotten Dialoge, die coole Sprache, die sehr ungewöhnliche Hauptfigur. Den letzten Band, den ich gelesen hatte, fand ich etwas zu depressiv, das war hier nicht der Fall, auch wenn durch Chastitys skeptische Weltsicht immer auch ein Hauch von Melancholie ins Spiel kommt. Und ich fand es sehr angenehm, mal nicht einen 500+-Seiten-Schinken vor mir zu haben.
Fernab der Krimi-Fließbandware haben wir hier einen anspruchsvollen, literarischen Kriminalroman, dessen Verlauf uns überrascht, der Hochspannung liefert und bestens unterhält. Etwas irritiert hat mich eine kurze Passage, in der der Text Gedichtform annimmt, aber auch daran konnte ich mich gewöhnen. Empfehlenswert, wenn auch vermutlich nicht jedermanns Sache!

Bewertung vom 16.09.2019
Die Dame hinter dem Vorhang
Peters, Veronika

Die Dame hinter dem Vorhang


sehr gut

Das Leben einer unangepassten Frau und Künstlerin im frühen 20. Jahrhundert
Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich noch nie etwas von Dame Edith Sitwell gehört.
Die Idee, diese literarische Biographie aus der Sicht ihrer (fiktiven) Zofe Jane erzählen zu lassen, hat mir gut gefallen. Dadurch wird auch das "Oben" versus "Unten"-Thema dieser Epoche angesprochen, so wie etwa in Downton Abbey, Gosford Park etc. Allerdings nimmt Jane sich sehr zurück, legt den Akzent auf das Leben ihrer Dienstherrin und erwähnt nur nebenbei ihr eigenes Leben, von dem sie immerhin 37 Jahre in deren Diensten verbringt.
Edith Sitwell ist die älteste Tochter einer britischen Adelsfamilie und ist ihren Eltern von Anfang an zu groß und zu häßlich, einfach weil ihr Aussehen nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Das wird ihr auch ständig vorgehalten, so dass sie schließlich selbst daran glaubt. Mit einer bestialischen Apparatur, an die man sie jahrelang fesselt, sollen diese negativen Merkmale korrigiert werden, um sie konkurrenzfähig für den Heiratsmarkt zu machen. Ihre jüngeren Brüder haben da etwas bessere Karten, aber generell lässt sich sagen, dass der Kontakt zwischen Eltern und Kindern wie beim Adel damals üblich, nicht sonderlich intensiv und herzlich war.
Mit der Heirat hat es nie geklappt, was Edith aber wohl auch nicht übermäßig bedauert hat. Sie nahm sich viele Freiheiten, mauserte sich zur Dichterin und Stil-Ikone in einschlägigen Künstlerkreisen - zuerst in London, später in Paris - und bildete mit ihren 2 Brüdern ein verrücktes Trio. Viele große Namen zählten zu ihrem Freundeskreis, u.a. Cecil Beaton und Marilyn Monroe. Finanziell gab es Zeiten, in denen sie sich durch ihre literarische Arbeit ganz gut über Wasser halten konnte, aber im Großen und Ganzen war sie doch immer auf großzügige Mäzene angewiesen. Sie hatte Freunde, jedoch keine Liebhaber, weder männliche noch weibliche.
Eine durchaus interessante Lektüre - das schätze ich an historischen Romanen, dass man einen persönlich geprägten Zugang zu historischen Ereignissen bekommt.

Bewertung vom 01.09.2019
Dead Lions
Herron, Mick

Dead Lions


ausgezeichnet

Lakonisch, humorvoll, rätselhaft und spannend - ein Wiedersehen mit den Slow Horses
Genial der Einstieg über die Katze, die durch Slough House pirscht und uns mit den Räumlichkeiten und den handelnden Personen bekannt macht. Skurrile und originelle Charaktere und ein mysteriöser neuer Fall, ausgelöst durch den plötzlichen Tod eines ehemaligen Agenten im Schienenersatzverkehr zwischen Reading und Oxford. Mick Herron gelingt wieder dieser Mix aus Spannung und Satire, der mir schon beim ersten Band so gut gefallen hat. Tolle Charaktere, witzige Dialoge und eine spannende Geheimdienstgeschichte. Ob das wirklich beim MI5 und MI6 so abläuft? Vermutlich ist in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer. Die (Anti-) Helden dieses Romans sind Agenten, die aufgrund eines persönlichen Versagens aus dem aktiven Dienst suspendiert und nach Slough House strafversetzt wurden, wo sie hautsächlich mit Büroarbeiten wie Recherche und Archivieren beschäftigt werden. Man hofft, dass sie davon so frustriert sind, dass sie von sich aus kündigen. Aber hin und wieder werden sie doch noch gebraucht und beweisen, dass sie durchaus einfallsreiche und findige Agenten sind.
In diesem Fall ist nichts so, wie es zuerst scheint. Herrons ironische Schilderung der Geheimdienstaktivitäten weist durchaus kritische Untertöne auf, aber vor allem unterhält er uns prächtig mit einer äußerst turbulenten und spannenden Geschichte. Ich freue mich schon auf die nächste Fortsetzung. Zum Ausklang schnüffelt sich wieder ein Tier - diesmal eine Maus - durch Slough House und besucht noch einmal die Protagonisten. Nicht der übliche Spionagethriller und vielleicht nicht jedermanns Sache, aber von mir gibt es die volle Punktzahl.

Bewertung vom 20.08.2019
Letzte Rettung: Paris
deWitt, Patrick

Letzte Rettung: Paris


gut

Hält nicht ganz, was der Klappentext verspricht
Frances Price, eine sehr exzentrische Mutter von der New Yorker Upper Eastside lebt nach dem Tode ihres Gatten mit ihrem erwachsenen Sohn Malcolm in Saus und Braus, ohne zu bedenken, dass das Vermögen des Verstorbenen zwar sehr groß, aber doch endlich ist, bzw. bekommt man sogar den Eindruck, dass sie es in selbstzerstörischer Absicht darauf anlegt, Pleite zu gehen. Beide sind gelangweilt, Malcolm ist ein echtes Muttersöhnchen, den seine Mutter zu Lebzeiten wohl nicht aus ihrem eisernen Griff lassen wird, und der sich ihr gegenüber nicht behaupten kann, es nicht einmal versucht. Seine Freundin Susan ist am Verzweifeln und versucht, von ihm loszukommen. Dann die schlechte Nachricht vom Hausbanker: es ist nichts, absolut nichts mehr vom Vermögen übrig.
Alle beweglichen Wertgegenstände werden auf Anraten des Bankers noch schnell versilbert und mit diesem nicht unerklecklichen Sümmchen in der Tasche geht es auf nach Paris in die Wohnung einer Freundin von Frances. Auch hier geht das Geldausgeben im großen Stil weiter. Kleiner Frank - der Kater der beiden, der nach Frances Meinung eine Reinkarnation ihres verstorbenen Ehemannes ist - der mitgekommen ist, verschwindet plötzlich. Die beiden scharen ein Grüppchen skurriler Gestalten um sich, die bei der Suche helfen sollen und bald zu einer Art WG werden.
Die Protagonisten erscheinen zwar nicht unbedingt sympathisch, aber wie von ihrem Leben berichtet wird, ist recht amüsant. Aber auch nicht mehr - Anteilnahme für das Schicksal der Personen konnte ich nicht aufbringen, ihre Handlungsweise blieb mir fremd und unerklärlich. Was sich amüsant liest, ist eigentlich traurig: ist es das, was der Autor uns mitteilen will?
Besteht am Ende etwas Hoffnung für Malcolm, der bislang immer ein Außenstehender, ein Beobachter war? Ich weiß es nicht und war von der Lektüre nicht gelangweilt, aber doch irgendwie frustriert. Ich lese lieber Romane mit Identifikationspersonen, doch hier bestand immer eine klare Distanz zu den Protagonisten, die auch kaum Ansätze einer Entwicklung zeigten. Also, guter humorvoller Schreibstil, aber was soll das Ganze?

Bewertung vom 12.08.2019
Im Wald der Wölfe / Jan Römer Bd.4
Geschke, Linus

Im Wald der Wölfe / Jan Römer Bd.4


gut

Etwas zu konstruierter aber ganz unterhaltsamer Krimi
Jan Römer brauchte nach seinem letzten Fall mal eine Auszeit und hat sich deshalb zu einem Urlaub in einer einsamen Hütte im Thüringer Wald zurückgezogen, wo er es genießt, einen Krimi nach dem anderen zu lesen. Doch platzt eines Abends eine Frau mit einer leichten Verletzung in sein ruhiges Idyll. Sie behauptet, nur gestolpert zu sein, wirkt aber ziemlich verstört. Sie kommen ins Gespräch und sie erzählt Jan von einer Mordserie, die schon vor über 50 Jahren begann, sich aber - mit großen Pausen - bis heute hinzieht. Die Gemeinsamkeit aller Fälle ist, dass die Opfer auf der Stirn mit einem Wolfsmal gebranntmarkt wurden. Jans journalistisches Interesse ist natürlich sofort geweckt, denn solche Cold Cases sind ja genau sein Thema.
Es dauert nicht lange, bis seine Kollegin Mütze mit seinem Freund Arslan anreist, um ihn zu unterstützen. Und Arslan bringt seine Freundin Lena mit, eine Psychologiestudentin mit Profiler-Intentionen.Die vier stochern zuerst ziemlich vergeblich in dem Fall herum. Handelt es sich bei diesem langen Zeitraum um einen Mörder oder vielleicht um 2 oder sogar 3 unterschiedliche Täter? Ist ein Trittbrettfahrer dabei?
Es gibt einen weiteren Toten, nämlich einen von ihnen befragten Zeugen, und Jan wird allmählich klar, dass sie sich in zu große Gefahr begeben.
Die Motive für diese generationenübergreifenden Verbrechen haben etwas mit der Nazi-Ideologie, dem DDR- und Stasi-Filz, wirtschaftlicher Gier und Freude am Töten zu tun. Ich mag es gar nicht, wenn in Krimis auch die Täter selbst zu Wort kommen und ihre meist recht kranken und krausen Gedanken ausbreiten. Geschke konstruiert hier eine Story um "das Böse an sich" - mir sind Krimis um Morde mit den gängigen Motiven lieber als Fälle, in denen irgendwelche Psychopathen am Werke sind. Mir wurde das gegen Ende zu heftig. Auch fand ich, dass sich die vier Protagonisten teilweise zu leichtsinnig in Gefahr begeben haben.
Das Aufklärer-Quartett fand ich sympathisch, aber die Mordserie an sich hat mich nicht so überzeugt.
Das war mein 2. Jan Römer-Krimi und einen weiteren Band werde ich eher nicht lesen, weil ich doch etwas humorvollere Krimis bevorzuge, aber wenn ich das richtig gedeutet habe, war dies sowieso der letzte Band der Reihe.

Bewertung vom 10.08.2019
Die geheime Mission des Kardinals
Schami, Rafik

Die geheime Mission des Kardinals


ausgezeichnet

Ein aufschlussreiches Bild der syrischen Gesellschaft – verpackt in einen Kriminalroman
Ich hatte bisher noch kein Buch von Rafi Schamik gelesen, da kam es mir als bekennender Krimileserin sehr zupass, dass sein neuster Roman als Kriminalroman „getarnt“ daherkam.
Der mäandernde, opulente Erzählstil hat mir sehr gefallen und ich habe diesen Bericht aus dem Syrien des Jahres 2010 – kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges – mit großem Vergnügen gelesen. Wobei die Krimihandlung nicht im Vordergrund steht und somit auch der Spannungssog eines Pageturners fehlt; ich habe für meine Verhältnisse relativ lange für diesen Roman gebraucht, was aber nichts über das Lesevergnügen aussagt!

Kommissar Barudi aus Damaskus steht kurz vor der Pensionierung, als er seinen letzten Fall auf den Tisch bekommt: In der italienischen Botschaft wurde ein Fass mit Olivenöl abgeliefert, in dem sich die Leiche eines aus dem Vatikan besuchsweise in Syrien weilenden Kardinals befand. Ein hochbrisanter Fall! Um sich abzusichern schlägt Barudi vor, einen italienischen Polizisten hinzuzuziehen. Ein Glücksfall, wie sich herausstellt. Kommissar Mancini hat Arabistik studiert, spricht also fließend Arabisch, und er und Barudi sind auf Anhieb auf einer Wellenlänge.

Der Roman wechselt häufig die Perspektiven: mal wird in der dritten Person vom Fortschritt der Ermittlungen berichtet, mal erfahren wir durch Ausschnitte aus Barudis Tagebuch sehr viel über seine Persönlichkeit und Vorgeschichte. Auch Mancini und den dritten Verbündeten der beiden, den Spurensicherer Schukri, lernen wir recht gut kennen.

Schamis Erzählweise ist ausufernd orientalisch, er kommt sozusagen vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber gerade das macht den Reiz dieser Erzählweise aus und lässt vor dem Auge des Lesers ein Kaleidoskop der syrischen Gesellschaft mit all ihren Facetten entstehen. Einer Gesellschaft, die von der Angst vor dem allgegenwärtigen Geheimdienst geprägt wird, von unterschiedlichen Religionen und von Aberglauben.

Barudi und Mancini machen sich auf zu einer Reise nach Norden, zu einem Bergheiligen, den auch der Kardinal aus Rom aufgesucht hatte. Dabei kommen sie durch das ländliche Syrien und werden schließlich von einer islamistischen Terrorgruppe gefangen genommen, dann aber von diesen beschützt. Mancini drängen sich immer wieder die Parallelen zwischen der mafiösen Gesellschaft Italiens und der geheimdienstverseuchten syrischen Gesellschaft auf.

Barudi hat im Laufe der Erzählung eine neue Liebe, eine Witwe aus der Nachbarschaft, und in Mancini einen neuen guten Freund gefunden. Er schafft es, den Fall aufzuklären, auch wenn er die Art, wie mit seinen Ermittlungsergebnissen umgegangen wird, als persönliche Niederlage empfindet.

Von nun an werde ich sicher noch mehr von Rafik Schami lesen – da habe ich wohl einiges nachzuholen. Durch die Lektüre dieses Romans habe ich sehr viel über Syrien erfahren und der Schreibstil hat mich begeistert. Klare Leseempfehung!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.06.2019
Wilder Winter / Hap & Leonard Bd.1
Lansdale, Joe R.

Wilder Winter / Hap & Leonard Bd.1


sehr gut

Hardboiled Krimi mit witzigen Dialogen
Die Protagonisten dieser Geschichte aus den siebziger Jahren sind zwei sehr unterschiedliche texanische Landarbeiter: Hap – Weiß, Ex-Revoluzzer, Pazifist und Hetero – und sein bester Freund Leonard – Schwarz, schwul, Vietnam-Veteran. Diese beiden unwahrscheinlichen Freunde geraten in ein blutiges Abenteuer, als Haps Exfrau Trudy auftaucht. Sie sollen dabei helfen, die in den texanischen Sümpfen versenkte Beute eines Bankraubs zu bergen; speziell Haps Ortskenntnis ist gefragt. Und trotz ihrer Skepsis gegenüber Trudy lassen sie sich von den in Aussicht gestellten 200000 Dollar verlocken. Hap und Leonard wollen einfach nur das Geld, während Trudy und ihre drei männlichen Kumpane als ewiggestrige Altachtundsechziger das Geld für „die gute Sache“ haben wollen, bzw. wie sich später herausstellt, in den Untergrund gehen wollen. Einer von ihnen hat im Gefängnis einen – inzwischen verstorbenen - Bankräuber kennengelernt, der ihm von der versteckten Beute erzählt hat. Hap und Leonard finden tatsächlich die Geldkanister im eiskalten Wasser, aber dann gehen die Probleme erst richtig los …
Der ungewöhnliche, originelle Krimi mit seinem Sammelsurium von merkwürdigen Charakteren endet in einem furiosen und sehr blutigen Finale. Die Geschichte folgt nicht dem üblichen Krimi-Schema und besticht vor allem durch die Beziehung und die Dialoge zwischen den beiden Freunden, den schwarzen Humor und die Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen. Für mich eher etwas zu gewalttätig, aber trotzdem hat mich dieser witzige und spannende Krimi gut unterhalten.

Bewertung vom 31.05.2019
Murder Swing / Vinyl-Detektiv Bd.1
Cartmel, Andrew

Murder Swing / Vinyl-Detektiv Bd.1


ausgezeichnet

Originell, schrullig, witzig und sehr spannend – ein liebenswerter, extrem unterhaltsamer Krimi
Der selbsternannte, namenlos bleibende Vinyl-Detektiv hat sein Hobby zum Beruf gemacht und schlägt sich damit durch, Sammlern Vinyl-Raritäten zu verkaufen, die er bei seinen Streifzügen durch Wohlfahrtsläden, Flohmärkte, spezielle Basare etc. aufgetrieben hat.
Doch eines Tages steht eine hübsche junge Frau namens Nevada Warren vor ihm, die seine – irgendwann spaßeshalber als Vinyl-Detektiv gedruckten - Visitenkarten ernst nimmt und einen Auftrag für ihn als Detektiv hat. Er soll eine rare LP des Jazz-Musikers Easy Geary auftreiben, die letzte Aufnahme eines obskuren Jazz-Labels, das während seines knapp einjährigen Bestehens in den Fünfziger Jahren insgesamt 14 LPs herausgebracht hatte.
Wie eine LP hat der Krimi eine A- und eine B-Seite. Die A-Seite handelt bis auf eine kurze Exkursion nach Japan in London, wo der Protagonist und Nevada sich Plattenkisten durchwühlend auf die Suche nach der LP für Nevadas japanischen Auftraggeber begeben.
Alsbald stellt sich heraus, dass es jemanden gibt, der ihrer Spur folgt und die rare LP unbedingt in seinen Besitz bringen will. Was es mit dieser Platte besonderes auf sich hat, warum sie so begehrt ist, scheint auch Nevada nicht zu wissen. Die beiden germanisch wirkenden Verfolger werden von unserem Detektiv Heinz und Heidi, die arischen Zwillinge, getauft. Eine weitere wichtige Person ist sein bester Freund Tinkler, nicht zu vergessen seine beiden Katzen Turk und Fanny und weiteres skurriles Personal aus seinem Umfeld, wie z.B. die Taxifahrerin Cleanhead.
Die Dialoge sind ziemlich abgedreht, die Marotten der handelnden Personen liebenswert. Auch wenn die Begeisterung für alles was mit LPs und deren Abspielen, Anhören, Reinigen etc. etwas nerdig ist, so versteht der Autor es doch so zu beschreiben, dass man fasziniert weiterliest.
Die B-Seite beschäftigt sich mit der Auflösung des Geheimnisses um die rare LP und handelt größtenteils in LA. Zusammen mit dem Vinyl-Detektiv rätseln wir an der Bedeutung dieser Platte herum, wobei ein altes Tagebuch eine große Rolle spielt. Und wir verfolgen mit Spannung, wie er es immer wieder schafft, den „arischen Zwillingen“ eine Nasenlänge voraus zu sein. Zum Ende hin wird es fast unerträglich spannend, wahrhaft „unputdownable“.
Ich habe diesen erfrischend anderen Krimi aus der Welt der Vinylsammler mit dem größten Vergnügen gelesen und kann es kaum erwarten, den nächsten Band zu lesen. Der Vinyl-Detektiv ist mir richtig ans Herz gewachsen. Uneingeschränkte Empfehlung!

Bewertung vom 07.05.2019
Der Zopf meiner Großmutter
Bronsky, Alina

Der Zopf meiner Großmutter


gut

Geschmacksache
„Kaum jemand kann so böse, so witzig und rasant von eigenwilligen und doch so liebenswerten Charakteren erzählen wie Alina Bronsky“ heißt es im Verlagstext. Doch ich konnte die dominante und bösartige Großmutter beim besten Willen nicht liebenswert finden, und fand ihre Art zu reden nach einer Weile auch nicht mehr witzig. Vermutlich ist sie als eine Art „raue Schale – zarter Kern“-Typ angelegt, aber bei mir kam das so nicht an, ich empfand sie als bissig, herrschsüchtig und gemein. Ihr Ehemann, Mäxchens Großvater ist unter ihrem Regiment fast vollständig verstummt, und dass Max nicht völlig verstört ist, sondern doch noch zu einem normalen jungen Mann heranwächst, geschieht nicht wegen, sondern eher trotz der großmütterlichen Erziehung.
Aber der Reihe nach: der sechsjährige Max kommt mit seinen Großeltern aus Russland in ein deutsches Flüchtlingswohnheim. Die Großmutter, eine ehemals erfolgreiche Balletteuse, hält Max für so schwächlich und krank, dass sie ihm eine spezielle Diät aus püriertem Gemüse zukommen lässt, selbst seine Geburtstagstorte darf er nicht essen, nur dran schnuppern. Er darf nirgends alleine hingehen, wird ständig gemaßregelt und beschimpft (Krüppel, Idiot), darf nicht mit anderen Kindern spielen, muss ihrer Meinung nach ständig vor gefährlichen Keimen geschützt werden. Die deutschen Kinderärzte, die sie mit Max aufsucht, sind ihrer Meinung nach unfähig, denn sie halten Max für kerngesund. Sogar in die Schule wird Max von seiner Großmutter begleitet, die kaum Deutsch kann und den Unterricht auf Russisch stört.
Der Großvater, der sich in eine etwas jüngere Nachbarin verliebt hat, versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten dagegen zu arbeiten. Bei dieser Frau soll Max Klavierstunden bekommen, und der Großvater muss ihn dorthin begleiten. Das alles wird aus der Sicht von Max geschildert, der ein erstaunlich dickes Fell zu haben scheint.
Das Buch ist schnell gelesen, ist gut geschrieben und unterhaltsam, ging mir aber doch irgendwie gegen den Strich. Für die Großmutter konnte ich keine Sympathie aufbringen und war am Ende nur dankbar, dass Max anscheinend seine Kindheit und Jugend mit ihr relativ unversehrt überstanden hat.