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Benutzername: takabayashi
Wohnort: Berlin
Über mich: Vielleser


Bewertungen

Insgesamt 24 Bewertungen
Bewertung vom 01.01.2019
Die Plotter
Kim, Un-Su

Die Plotter


gut

Aus dem Leben eines koreanischen Auftragsmörders. Kein Krimi
Nach einem fulminanten Einstieg, in dem ein Auftragskiller mit Selbstzweifeln und Ladehemmung von seinem potentiellen Opfer zu einem Abend mit Essen und Whiskey am warmen Feuer eingeladen wird, sich dort sich sehr wohlfühlt und den freundlichen alten Mann dann doch am nächsten Morgen erschießt, hat der Roman, den ich nicht als Krimi oder Thriller empfinde, leider ziemlich nachgelassen.
Raeseng wurde als Säugling von Old Racoon aus dem Waisenhaus geholt und als Auftragsmörder aufgezogen. Seine Karriere begann er mit 17, ohne sie zu hinterfragen hat er seine Aufträge ausgeführt und ist dabei zum Meister geworden. Bis er dann einmal von dem vorgefertigten Plan der Plotter abwich und einen Mord anders ausführte als geplant. Seitdem steht er selbst auf der Abschussliste!
Die Zeiten haben sich auf dem "Fleischmarkt" geändert, aufgrund einer veränderten politischen Struktur gibt es nicht mehr so viele Auftragsmorde, Old Racoon ist alt geworden und hat viel von seiner Macht verloren und ein neuer Stern namens Hanja steigt am Plotterhimmel auf. Auch er ein Zögling von Old Racoon, der seinem Ziehvater aber nun Konkurrenz macht.
Raeseng ist orientierungslos, einen Ausbruchsversuch aus dem Killerleben bricht er wieder ab, so ganz bin ich nicht dahintergestiegen, was er eigentlich will.
Es treten einige interessante Nebenfiguren auf, der Schreibstil ist gut lesbar, aber es fehlt doch an Spannung und an mancherlei Erklärungen. Nach dem vielversprechenden Anfang war ich etwas enttäuscht vom weiteren Verlauf des Buches und mir wurde nicht klar, was der Autor uns damit eigentlich sagen will. Ich fremdele eigentlich nicht mit Büchern und Filmen aus Japan und Korea, im Gegenteil, aber hieraus bin ich irgendwie nicht schlau geworden.

Bewertung vom 05.12.2018
Lenz / Kommissar Eschenbach Bd.6
Theurillat, Michael

Lenz / Kommissar Eschenbach Bd.6


ausgezeichnet

Politthriller? Untypischer Krimi, eher ein spannender und mysteriöser Roman über die Gemengelage der heutigen Welt
Der Prolog - eine Reflektion über Menschen, die anders als die anderen sind - wirkte gar nicht wie ein Krimi. Aber dann geht es weiter mit der Versteigerung einer Nobelpreismünze bei Christie's, der titelgebende Herr Lenz telefoniert über ein altmodisches, schwarzes Bakelittelefon mit Wählscheibe, das jedoch mit modernster Sicherheitstechnik aufgerüstet wurde mit seinem alten Freund Walter, der sehr krank ist und kaum noch aus dem Haus geht, und Lenz um einen kleinen Gefallen bittet. Lenz soll einer alten Freundin einen Umschlag übergeben. Er hat früher im Archiv der Züricher Kripo gearbeitet, daher kennt er den Kommissar Eschenbach, einen der wenigen Kollegen, mit denen ihn eine persönliche Sympathie verbindet.
Ewald Lenz, Walter Habicht und Isabel Cron kennen sich seit ihren Studententagen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, alle drei sind hochintelligent und brillant, haben aber nicht die von ihnen erwartete große Wissenschaftskarriere gemacht. Lenz und Habicht waren beide in Isabel verliebt, aber Lenz hat aus Mitleid mit dem kleinwüchsigen Habicht einen Rückzieher gemacht und hat Isabel seit nunmehr 40 Jahren nicht mehr gesehen.
Kommissar Eschenbach kehrt nach mehrmonatiger Auszeit bei seiner Tochter in Kalifornien wieder in sein Präsidium zurück. Er hat seiner Tochter einen längeren Besuch abgestattet, fühlt sich erfrischt und gestärkt, merkt aber, dass sich die Atmosphäre unter den Kollegen inzwischen verändert, bzw. verschlechtert hat, was vor allem an seiner jungen Stellvertreterin Ivy Köhler zu liegen scheint. Ein aktueller Fall soll schnell abgeschlossen werden, es scheint sich um einen natürlichen Tod gehandelt zu haben, aber Eschenbach entdeckt Unstimmigkeiten und hakt nach.
Der Roman wird abwechselnd aus Lenz‘ und Eschenbachs Perspektive erzählt, es ist kein typischer Whodunnit mit Mord, Spurensuche und Beweisen, jedoch fand ich ihn außerordentlich spannend. Bevölkert von interessanten Charakteren mit ungewöhnlichen Lebensläufen, Einsichten über die Machenschaften von Regierungsorganisationen und Geheimdiensten, von außen angezettelte Kriege, die letztlich nur dazu dienen sollen, die Versorgung Europas und der USA mit Erdöl und Erdgas zu gewährleisten. Und eine sehr ausdrucksstarke Sprache, ein gut zu lesender Schreibstil. Mit der üblichen Krimikost nicht zu vergleichen und daher vermutlich nicht jedermanns Sache, aber mir hat die Lektüre sehr gut gefallen.

Bewertung vom 28.11.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


sehr gut

Vergangenheitsbewältigung
Interessant verpackte Geschichtslektion! Die junge Frankfurter Gastwirtstochter und Dolmetscherin Eva Bruhns wird zufällig als Übersetzerin beim ersten Auschwitzprozess eingesetzt. Beim ersten Vortermin ist sie noch ganz naiv und versteht nicht, worum es eigentlich geht. Sie ist zu dem Zeitpunkt eher daran interessiert, dass ihr Freund bei ihrem Vater um ihre Hand anhält.
Doch je mehr sie sich damit beschäftigt, desto mehr ist sie involviert und empört über das, was in Auschwitz passiert ist und von weiten Kreisen der Bevölkerung immer noch geleugnet wird. Gegen den Wunsch ihrer Eltern und auch ihres Verlobten beschließt sie, den ganzen Prozess als Dolmetscherin zu begleiten. Diese Erfahrung verändert sie und lässt sie reifen. Außerdem entdeckt sie, dass auch ihre Familie am Rande in die Naziverbrechen verwickelt war, was zum Zerwürfnis mit ihren Eltern führt.
Wie schon in den Fernsehspielen Kudamm 56 und 59 ist es der Autorin hervorragend gelungen, die Atmosphäre der Zeit (hier die mittleren 60er Jahre) zu erfassen. Man kann es kaum glauben, dass im Jahr 1964 ein Ehemann (hier ist es sogar nur ein Verlobter, also ein zukünftiger Ehemann) noch das Recht hatte, ein Arbeitsverhältnis seiner Frau zu kündigen! Die Zeugenaussagen über die Gräueltaten sind ergreifend, nicht nur für die Protagonistin Eva, sondern auch für den heutigen Leser. Durch die Verknüpfung mit Evas Geschichte ist das keine dröge Geschichtslektion, sondern eine spannende, zeitgeschichtliche Erzählung. Angesichts der momentanen politischen Entwicklungen ist dies der richtige Roman zur richtigen Zeit - sehr zu empfehlen!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.10.2018
Stern des Nordens
John, D. B.

Stern des Nordens


ausgezeichnet

Spannender Politthriller mit viel Hintergrundinformationen über Nordkorea
Wann immer ich auf ein Buch oder einen Film mit dem Thema Nordkorea stoße, bin ich sofort fasziniert. Entsprechend reizte mich ein Thriller vor der Kulisse dieses geheimnisvollen und undurchsichtigen Landes.
Das Buch beginnt mit dem Protokoll eines Ereignisses aus dem Jahre 1998, bei dem ein koreanischer Student und eine halbkoreanische Studentin mit amerikanischem Pass an einem Strand Südkoreas verschwinden. Dann geht es weiter im Jahr 2010 in Washington DC, wo die 30jährige Dozentin Jenna Williams von einem Freund ihres verstorbenen Vaters kontaktiert wird, der sie als Agentin für die CIA anwerben will. Jenna ist die Schwester der 1998 verschwundenen Studentin und ihr Vater ist Afroamerikaner, ihre Mutter Koreanerin. Ihr Schicksal ist verwoben mit dem des Parteifunktionärs Cho und dem der Bäuerin Moon.
Die drei Handlungsstränge um diese Protagonisten wechseln sich ab und das liest sich sehr spannend und informativ. Vor allem eins wird deutlich: das nordkoreanische Volk wird mit Angst beherrscht, und das trifft für jeden zu, sei es eine arme Bäuerin, die ums tägliche Überleben kämpfen muss, sei es ein priviligierter Kader, der auch jederzeit in Ungnade fallen kann. Auf der einen Seite große Not und Armut, auf der anderen Seite extremer Luxus für die regierende Dynastie und ihre Höflinge. Grausame Arbeitslager, unter Folter erzwungene Geständnisse, Eliteinstitute für halbkoreanische Kinder, die später als Spione ausgesandt werden sollen, Gehirnwäsche für alle - ein Schreckensregime, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Bei all dem ist das Buch jedoch vor allem ein spannender Thriller, den man kaum aus der Hand legen kann. Von mir unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 19.10.2018
Tödliches Sushi
Niedermeier, Christof A.

Tödliches Sushi


sehr gut

Solide Krimikost mit leichtem Exotenfaktor
Der Koch und Restaurantbesitzer Jo Weidinger ist ein Serientäter: er kann das Ermitteln nicht lassen und pfuscht der Polizei immer wieder ins Handwerk - mit Erfolg, wohlbemerkt!
In diesem Fall geht es um die Ermordung eines Japaners, der häufiger in seinem Restaurant zu Gast war. Nachdem noch ein zweiter Japaner der in Düsseldorf lebenden japanischen Community getötet wird, und zwar genau wie der erste mit einem traditionellen japanischen Schwert, hat Jo wieder einmal das Jagdfieber ergriffen, so dass er sogar beschließt, seinen Urlaub dafür zu opfern und nach Japan zu fliegen. Damit hat er seine Komfortzone verlassen, denn er spricht kein Japanisch und ist auf Hilfe angewiesen, die er sich eigentlich von seinem alten Freund Kenji Matsuda verspricht, einem Hotelerben, den er aus seiner Zeit als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff kennt. Doch Kenji hat keine Zeit und delegiert diese Aufgabe an seine Quasi-Cousine Mikiko, die als jüngste Professorin an der Uni in Tokyo mittelalterliche Geschichte lehrt. Was sich als günstig erweist, da dieser Fall mit der Geschichte aus der Zeit der Samurais zusammenhängt.
Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass ein deutscher Koch sich nach Japan aufmacht, um dort ein Verbrechen aufzuklären, aber da ich gern Krimis lese, die in Japan handeln, habe ich das einfach mal als Tatsache hingenommen. Das Ganze wirkt schon ein wenig konstruiert, ist aber, wenn man sich darauf einlässt, durchaus spannend zu lesen. Der Autor hat das japanische Umfeld gut recherchiert und einen Mörder erfunden, dessen Rachephantasien sich aus einer alten Legende speisen. Auch wenn Kommissar Zufall dem Ermittler-Duo oft auf die Sprünge hilft. Nach und nach kommen sie auf die Fährte des Mörders und erahnen seine Motive.
Das japanische Ambiente wirkt durchaus gelungen und vor allem gegen Ende wird der Roman immer temporeicher und spannender bis zu einem rasanten Finale. Ich habe mich gut amüsiert und hatte Schwierigkeiten, das Buch aus der Hand zu legen. Spannung, gewürzt mit Humor und Lokalkolorit, was will man mehr? Nur das titelgebende Sushi hat eigentlich mit der Handlung nichts zu tun.

Bewertung vom 14.10.2018
Die Welt war so groß
Jaffe, Rona

Die Welt war so groß


sehr gut

Vier Töchter der 50er Jahre
Annabel, Daphne, Emily und Chris gehören zu der Elite, die es schafft, im Jahr 19953 am renommierten Radcliffe College - einer Erweiterung der Harvard Universität, an der damals nur männliche Studenten zugelassen waren - einen Studienplatz zu ergattern.
Für Frauen war ein Universitätsstudium damals keine Selbstverständlichkeit. Und auch sind die Mädchen so erzogen, dass sie die vier Unijahre als einen letzten Freiraum betrachten, bevor der Ernst des Lebens mit Ehe und Familiengründung beginnt. Die Uni ist für sie der perfekte Heiratsmarkt. Und auch unsere 4 Protagonistinnen, so verschieden sie auch sind und so unterschiedliche Probleme sie auch haben, streben letztendlich vor allem nach Ehemann und trautem Heim.
Aus heutiger Sicht ist es ziemlich haarsträubend, wie damals gedacht wurde und wirkt fast ein wenig, wie eine ethnologische Studie über eine seltsame Spezies.
Die Themen gehen von Jungfräulichkeit vor der Ehe über Homosexualität, Antisemitismus bis zur Angst, einen Makel (in diesem Fall eine schwere Krankheit, nämlich Epilepsie), eine Abweichung von der Norm einzugestehen.
Annabel die Südstaatenschönheit lässt bei den Männern nichts anbrennen und wird schließlich von den anderen Studenten als "Hure" gebranntmarkt und gemieden. Die schüchterne Emily aus (neu)reicher jüdischer Familie ist die erste aus ihrer Familie, die studiert und hat große Wunschträume für ihre berufliche Zukunft (Kinderärztin), die sie dann jedoch zugunsten der Familiengründung und ihren Status als Arztgattin aufgibt. Chris entstammt einer dysfunktionalen Familie und schämt sich dafür, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist. Und dann verliebt sie sich in einen jungen Mann, der homosexuell ist, es aber nicht zugibt. Die wunderhübsche Daphne, das sogenannte "Golden Girl", ist nach außen hin perfekt, verbirgt aber ihre Epilepsie, sogar vor ihrem geliebten Ehemann, aus Angst, dass er sie verlassen würde.
1957 ist das Studium abgeschlossen und wir folgen den Lebensläufen bis zur 20jährigen Jubiläumsfeier, auf der alle 4 unabhängig voneinander Entscheidungen treffen über ihr zukünftiges Leben und den Leser mit einem kleinen Hoffnungsschimmer entlassen. Alle haben sie aus ihren Fehlern gelernt und sind nun bereit, die Weichen neu einzustellen.
Das Alles liest sich sehr flüssig und spannend, weckt Anteilnahme an den Schicksalen der jungen Frauen, auch wenn man sich manchmal die Haare raufen möchte. Besonders gegen den Strich ging mir der Fall von Emily, einer sehr intelligenten, ambitionierten Frau, die bemerkt, dass das Dasein als Hausfrau und Mutter sie nicht ausfüllt und dann die entstandenen Aggressionen gegen sich selbst richtet und psychisch krank wird. Es erschien mir unplausibel, dass sie keinen anderen Ausweg finden kann. Nichtsdestotrotz eine spannende und unterhaltsame Lektüre, im Grunde schon ein historischer Roman. Mich hat er auch stark an den ca. 15 Jahre früher entstandenen Roman "Die Clique" von Mary McCarthy erinnert, einem in den 60er Jahren skandalumwitterten Werk.

Bewertung vom 03.10.2018
Das Geheimnis der Grays
Meredith, Anne

Das Geheimnis der Grays


ausgezeichnet

Anspruchsvoller und ziemlich ungewöhnlicher Krimi
Allmählich kann man es schon als Tradition betrachten, dass Klett-Cotta zur Weihnachtszeit einen britischen Krimiklassiker als bibliophiles Leinenbändchen herausbringt. Dieser scheint sich von den gängigen Cosy-Krimis zu unterscheiden, denn ziemlich bald weiß man, wer der Mörder ist - also definitiv kein klassischer Whodunnit. Zu Beginn kommt die Vorstellung einiger Familienmitglieder sehr analytisch und etwas dröge daher, dann erfährt man, wer der Mörder ist, und ich wurde etwas ungeduldig und dachte, was kann jetzt schon noch kommen! Zum Glück habe ich weitergelesen und wurde dafür belohnt. Denn was folgt, ist eine Charakter-, Gesellschafts- und Zeitgeiststudie mit viel Tiefgang, eine Familiengeschichte, die auf ihre Weise sehr spannend ist.
Die zahlreichen Sprösslinge von Adrian Gray sind mehr oder weniger alle in Geldnot und wollen ihn während der Feiertage um finanzielle Unterstützung bitten. Doch auch Adrian selbst hat sich vom Schwiegersohn zu spekulativem Anlagegeschäften überreden lassen und hat viel Geld verloren. Die Grays sind sich auch untereinander nicht sonderlich gün und die Krise scheint vorprogrammiert. Und dann passiert es - Adrian Gray wird getötet. Das war nicht geplant, es passierte im Affekt und der Mörder selbst ist zutiefst erschrocken. Schafft er es, seine Spuren zu verwischen, den Verdacht auf jemand anderen zu lenken und zu entkommen? Damit befasst sich der größte Teil des Romans und die Frage, wie am Ende alles ausgehen wird erzeugt beim Leser durchaus Spannung.
Wenn man sich darauf einlässt und die (auch durch Aufmachung, Klappentext und Werbung) geweckten Erwartungen an einen klassischen britischen Landhaus-Krimi über Bord wirft, dann wird man sehr gut und tiefsinnig unterhalten. Und bekommt einigen Stoff zum Nachdenken, z.B. über moralisches Verhalten. Empfehlung für anspruchsvolle Leser, wer sich nicht vom Whodunnit-Schema lösen will oder kann, sollte lieber die Finger davon lassen.

Bewertung vom 14.09.2018
Walter muss weg / Frau Huber ermittelt Bd.1
Raab, Thomas

Walter muss weg / Frau Huber ermittelt Bd.1


gut

Weniger ein Krimi als eine schwarzhumorige Befindlichkeitsbeschreibung im dörflichen Österreich
In einem idyllischen Bergdorf mit überalterter Einwohnerschaft freut sich Frau Huber, dass sie nach über 50 Ehejahren endlich frei ist - frei durch den Tod ihres Gatten, mit dem sie als 17jährige mehr oder weniger zwangsverheiratet worden war . Verschieden bei einem letzten Liebesakt im örtlichen Freudenhaus - Frau Hubers Dank ist der Liebesdienerin Swetlana sicher. Aber dann, oh Schreck, öffnet sich der Sarg während der Beerdigung, und darin liegt nicht Walter, sondern der Bestatter! Wo ist Walter? Und nun beginnt die Huberin zu ermitteln.
Der Schreibstil ist sehr speziell, wenn auch teiweise etwas anstrengend zu lesen, die Beschreibungen des handelnden Personals sind amüsant, spöttisch und voller rabenschwarzem Humor, die Grundkonstellation ist auch sehr erheiternd.
Aber obwohl es um die Aufklärung seltsamer Vorfälle geht, empfand ich den Roman nicht wirklich als Krimi, sondern als eine Beschreibung des dörflichen Lebens im ländlichen Österreich, der Honoratioren und ihrer Machenschaften, der noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommenen Lebenskonzepte.
Frau Huber, zuerst sehr ruppig und unsympathisch, durchläuft eine Art Selbstfindungsprozess im Zuge ihrer Ermittlungen und wurde der Leserin allmählich sympathischer.
Bei den Ermittlungen tun sich Abgründe auf, aber das Ende ist eher versöhnlich und in Maßen optimistisch. Bei der Beurteilung des Romans habe ich ganz zwiespältige Empfindungen - für einen Krimi, selbst einen Cosy, wird mir zuwenig Spannung aufgebaut, aber ich finde diese Dorfgemeinschaft nahe der tschechischen Grenze schon sehr interessant, und die Beschreibungen unterhaltsam und witzig. Die Lektüre hat mir gefallen, nicht gelangweilt, aber auch nicht begeistert!

Bewertung vom 13.09.2018
Wie ich fälschte, log und Gutes tat
Klupp, Thomas

Wie ich fälschte, log und Gutes tat


sehr gut

Coming of Age mal ganz anders
Schulalltag im Hier und Jetzt - flotte Ich-Erzählung von Benedikt Jäger, einem knapp 16jährigen Junge aus sogenanntem "Guten Hause", der die Schule hasst, aber trotzdem alles tut, um seinen Eltern sein schulisches Versagen zu verheimlichen. Er ist alles andere als dumm, aber irgendwie sind andere Dinge - wie das Abhängen und Kiffen mit seinen Freunden - immer wichtiger als zu lernen.
Mit viel Einsatz und Raffinesse schafft er es, einerseits Zeugnisse und Klassenarbeiten für seine Eltern und andererseits deren Unterschriften zur Vorlage in der Schule auf den Originaldokumenten zu fälschen.
Für dieses Verhalten gibt es auch Vorbilder unter den Erwachsenen, vor allem seine Mutter, die nach dem von Depressionen geprägten Leben als repräsentative Hausfrau in München, beim Umzug ins kleinstädtische Weiden aufblüht und zur Society-Lady mutiert. Sie lügt fast immer und ihre Auftritte vor anderen Honoratioren sind bravouröse Performances. Benedikt durschaut das alles, bewundert seine Mutter trotzdem und hilft ihr auch bei ihrem Illusionszauber.
Aber auch die Rektorin der Schule, eine stromlinienförmige Karrierefrau, schreckt nicht davor zurück, z. B. sämtliche Noten eines strengen Lehrers zu verändern, damit die Schule weiterhin Auszeichnungen bekommen und ihren guten Ruf wahren kann.
Im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten, die das Buch als eher oberflächlich ja sogar unmoralisch und die verwendete Jugendsprache als nervig empfinden, finde ich das Buch sehr unterhaltsam und gesellschaftskritisch. Ich halte es eher für eine Satire und die muss naturgemäß übertreiben. Und Benedikt ist kein Monster, er ist nur irgendwie in einen Teufelskreis geraten, aus dem er nicht herauskommt. Die verwendete Jugendsprache ist dem Autor meines Erachtens gut gelungen, nicht peinlich anbiedernd. Interessante Schülerbiographie, die mit den Erinnerungen an meine Schulzeit nicht das Geringste zu tun hat. Ich habe den Roman mit großem Vergnügen gelesen.

Bewertung vom 08.09.2018
Das weibliche Prinzip
Wolitzer, Meg

Das weibliche Prinzip


gut

Nicht so überzeugend, wie es der englische Originaltitel verspricht
Am Ende der Lektüre fragte ich mich, was denn nun das "weibliche Prinzip" sein soll, bis mir die Idee kam, nach dem Originaltitel zu schauen: "The Female Persusasion", was übersetzt etwa "Die weibliche Überredungskunst" heißt. Und das passt auch viel besser, denn Faith Frank, feministische Ikone, die im Leben der jungen Protagonistin Greer Kadetsky eine große Rolle spielt, beherrscht die Kunst der Überredung, ja, der Verführung (nicht im sexuellen Sinne gemeint).
Greer begegnet Faith zum ersten Mal, als diese an ihrem Provinzcollege einen Vortrag hält. Das kurze persönliche Gespräch mit ihr gleicht einem feministischen Erweckungserlebnis für Greer, macht ihr Mut und gibt ihrem Leben eine Richtung.
Wir folgen den beiden über einen Zeitraum von 13 Jahren, in denen es Greer nach Studienabschluss gelingt, einen Job in der von Faith geleiteten Stiftung zu bekommen. Im Zuge dieser Arbeit lernt sie, wo ihre persönlichen Talente liegen, wird aber zu einem späteren Zeitpunkt von Faith enttäuscht und findet schließlich Erfüllung als erfolgreiche Buchautorin.
Neben Greer und Faith spielen noch 2 weitere Personen eine größere Rolle: Greers Studienfreundin Zee und der Nachbarssohn Cory, Sohn portugiesischer Einwanderer und Greers große Liebe. Der Roman springt zwischen den Protagonisten hin und her, erklärt in zahlreichen Rückblenden die Hintergründe der Figuren und liest sich generell gut und spannend. Allerdings ist er mit Themen überfrachtet und verzettelt sich darin: Gleichberechtigung, sexuelle Belästigung, gleichgeschlechtliche Liebe und Ehe, Rückhalt von Kindern in ihren Familien, Klassengesellschaft, Ausbeutung, Kommerzialisierung ... und und und. Es ist durchaus interessant, die handelnden Personen und ihr Leben kennenzulernen, aber mir fehlt irgendwie der rote Faden, ein Fazit, das klar macht, warum die Autorin uns diese Geschichten erzählt.
Nicht schlecht, aber im Verhältnis zum Hype um dieses Buch doch etwas enttäuschend.