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Benutzername: Blümchen
Wohnort: Dresden
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Danksagungen: 5 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 23 Bewertungen
Bewertung vom 11.10.2019
The Wonderful Wild
Neitzel, Gesa

The Wonderful Wild


sehr gut

Wie lebt man im Einklang mit der Natur – im 21. Jahrhundert?

Wir leben im 21. Jahrhundert. Mit kleinen Kästen, die uns sicher an jedes Ziel führen. Mit dem gesammelten Wissen der Welt in der Hosentasche. Mit Smart Homes und digitalem Fingerabdruck. Wo ist in dieser hochtechnisierten Welt noch Platz für die Natur? Und… brauchen wir die Natur eigentlich noch? Gesa Neitzel geht diesen Gedanken nach und zeigt in ihrem Buch auf, dass die Generation der „Millenials“, also der jetzt Bis-40-Jährigen ganz anders aufwächst als noch Menschen vor 50 Jahren. Gesa kommt sehr schnell zu dem Schluss, dass wir das Leben mit der Natur verlernt haben. Und dass wir sie leider kaum noch bewusst wahrnehmen, während wir – den Blick auf unser Smartphone gesenkt – durch unsere Städte eilen.

Gesas Buch ist ein Plädoyer dafür, sich der Natur wieder anzunähern, sich seiner Umwelt bewusst zu werden und die Augen zu öffnen für seine Umgebung. Denn egal ob wir Auge in Auge mit Leoparden in Afrika leben oder mit Wölfen in der Lausitz – wir leben ständig in und mit der Natur – und keiner kann das ändern. Sie umgibt uns wo wir gehen und stehen. Und wenn wir und unsere Kinder noch etwas von ihr haben wollen, sollten wir etwas für sie tun – das ist Gesas Anliegen.

Man merkt ihr an, dass ihr Leben in Afrika ihren Blick ge-schärft hat für Umwelt-, Natur- und Artenschutz, aber auch, dass sie sich der Schwierigkeiten bewusst ist, die dies mit sich bringt. Denn es gibt immer eine Kehrseite der Medaille, ganz besonders in Regionen wie Afrika. Die Welt ist mittlerweile sehr komplex – auch was den Naturschutz angeht.

Es geht in diesem Buch aber nicht nur darum. Einen großen Teil in den ersten 2 Dritteln nehmen die Themen Achtsamkeit und Selbstverwirklichung ein – und da muss ich sagen, hatte ich teilweise das Gefühl, es wird zuviel „geratgebert“. Die Kapitel muten an, wie aus vielen Esoterik- und Lebensratgebern zusammengestellt, so als könne man sich aus einem bunten Strauß Weisheiten seine eigene zusammenstellen. Das war mir etwas zuviel des Guten.

Mir hat der Teil, in dem es um das bewusste Leben in und mit der Natur geht, viel besser gefallen (der Übergang zu dieser Thematik ist aber fließend). Aus diesen Kapiteln habe ich mir viele Anregungen geholt und mir ist wieder einmal ins Bewusstsein gerückt worden, dass wir nur diese eine Erde haben – und wenn wir weiterhin Raubbau an ihr betreiben, sind wir – wie Gesa es so schön sagt – in naher Zukunft die einzigen Tiere auf diesem Planeten.

Gesa plädiert dafür, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas für Nachhaltigkeit und für den Natur-/Artenschutz tun sollte. Das kann für den einen eine Geldspende an eine entsprechende Organisation sein, für den anderen ökologisches Bewusstsein beim Reisen, für einen Dritten vielleicht eine bewusstere gesunde Ernährung. Jeder fühlt sich mit anderen Dingen wohl und kann trotzdem zum großen Ganzen beisteuern. Dieses Plädoyer nehme auch ich gerne an und werde meinen Weg finden, um etwas für mich und meine „Mutter Erde“ zu tun. Und es ist doch ein gutes Zeichen, wenn das Buch mich zum Nach- und Umdenken animiert hat. Ich hoffe, das tut es auch bei vielen, vielen anderen Lesern!

Bewertung vom 02.09.2019
Kastanienjahre
Baumheier, Anja

Kastanienjahre


ausgezeichnet

Ich fühlte mich in meine Kindheit zurück versetzt

Man sagt ja immer: das zweite Buch ist das schwerste. Besonders, wenn das erste ein großer Erfolg war. Denn für viele Autoren ist es schwierig, anzuknüpfen oder sogar eine Geschichte zu finden, die noch besser ist als die des Erstlings. Anja Baumheier ist das gelungen.

Ihr zweiter Roman „Kastanienjahre“ hat mich noch mehr gefesselt als ihr Debüt „Kranichland“, es wirkte auf mich runder und noch besser recherchiert. Und auch gefühlsmäßig hat die Autorin mich voll erwischt. Da ich selbst auch in der DDR geboren wurde und die Wende als 10jährige erlebte, konnte ich so vieles, was in diesem Buch dargestellt ist, nachvollziehen. Formulierungen, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe („bei der Fahne“) und die aber irgendwie jeder DDR-Bürger kennt, waren plötzlich wieder gegenwärtig. Natürlich kenne ich die Zeit vor den 1980er Jahren auch nur aus Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, aber es deckt sich sehr vieles mit dem, was ich in diesem Buch lesen konnte. Ich habe den Roman als sehr authentisch empfunden.

Die Geschichte kreist um das (fiktive) Dorf Peleroich an der Ostsee und seine Bewohner, an deren Beispielen der Aufschwung und Niedergang des Sozialismus dokumentiert und in eine bewegende Geschichte verpackt wird. Im Mittelpunkt steht Elise, die in der Rahmenhandlung des Jahres 2018 schon 58 Jahre alt ist und in die frühe DDR hineingeboren wurde. Sie erlebt Kindheit und Jugend im Sozialismus und wird mitten im Leben stehend von der Wende überrascht. Eine Wende zum Besseren? Das klärt das Buch nicht wirklich auf, aber es beschreibt sehr anschaulich auch die Situation in den neuen Bundesländern in den Nachwendejahren. Die Überforderung mit der neuen Welt, die Vereinnahmung durch westliche Strukturen und die Hilflosigkeit, als plötzlich – als Preis für die vielgewünschte Freiheit - der Staat keine Verantwortung mehr für den Einzelnen übernimmt und jeder sich selbst der nächste sein muss. Eine Situation, die viele DDR-Bürger (denen Gemeinschaftssinn praktisch eingeimpft wurde) als extrem verstörend empfanden.

Die Licht-, aber vor allem auch die Schattenseiten der DDR werden hier in die Handlung integriert, von der Stasi-Bespitzelung über die mehr oder weniger staatlich verordnete Berufswahl bis hin zu den großen Risiken einer Flucht oder auch Fluchthilfe.

Ich wurde mit diesem Roman plötzlich zurückkatapultiert in meine Kindheit (die ich rückblickend als sehr harmonisch empfinde) und wurde von lange schlummernden Gefühlen übermannt. Allerdings wird mir an vielen Stellen jetzt erst bewusst, wie wenig ich mitbekommen habe von dem, was auf politischer Ebene oder hinter vorgehaltender Hand passierte. Eigentlich logisch, denn mit jeder unbedachten Äußerung machte man sich angreifbar und wie schnell erzählt ein Kind unbekümmert etwas weiter, was Mama oder Papa gesagt haben...

Mich, die diese Zeit selbst noch ein Stück weit miterlebt hat, hat dieses Buch tief berührt und bewegt. Ich habe in fast jedem Charakter einen Menschen wiedererkannt, der mich selbst ein Stück auf meinem Lebensweg begleitet hat und ich fand die melancholische Geschichte dieses kleinen Dorfes unheimlich liebens- und lesenswert.

Wer selbst noch ein Stück DDR erlebt hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Und wer nicht, der erst recht – denn mit diesem Roman kann man die Zeit lebendig und authentisch nacherleben. Ein ganz, ganz wichtiges Buch, das ich nur empfehlen kann!

Bewertung vom 28.06.2019
Honigblütentage
Cramer, Sofie

Honigblütentage


ausgezeichnet

So viel Wahrheit in einem Buch…

Dieses Buch fand ich einfach nur soooooo schön! Ein Buch zum Träumen, Fallenlassen, aber auch zum Aufhorchen, Nachdenken und Reflektieren.

Valerie wird von ihrer Redakteurin auf Recherchereise auf den Heidschnuckenweg quer durch die Lüneburger Heide geschickt – Thema: Pilgern vor der eigenen Haustür. Valerie, die in einer Ehekrise steckt und sich schwertut zu akzeptieren, dass ihre 16jährige Tochter langsam eigene Entscheidungen trifft, passt das gar nicht. Was soll dieses tagelange Herumgelatsche? Das ach so idyllische Vogelgezwitscher würde sie eh nicht hören, mit ihrem Tinnitus… Valerie macht sich übellaunig auf den Weg und genau so verläuft auch der erste Teil ihrer Wanderung.
Sie kommt mit sich allein nicht klar und wird immer verstimm-ter. Durch einen Zufall macht sie eine längere Rast auf einem Hof mit Pension mitten in der Lüneburger Heide, der von der robusten Annegret geführt wird. Annegret sieht sofort, dass Valerie mit sich nicht im Reinen ist und führt sie mit behutsa-men, aber gezielten Gesprächen wieder auf den Weg zu sich selbst.

Das quasi mitzuerleben, war für mich als Leser selbst auch ein erhellendes Erlebnis – denn viele Fragen, die Annegret Valerie stellt, könnte man sich auch selbst immer wieder stellen, wenn man sich mit Problemen konfrontiert sieht.

„Wir können in unserer Opferrolle verharren, uns einbilden, das Leben sei schlecht und die Welt habe sich gegen uns ver-schworen… Oder wir beginnen zu akzeptieren, was war und wer wir dadurch geworden sind, um unsere Geschichte umzu-schreiben und all dem Leid einen Sinn zu geben.“ (S. 164)

Fast jeder wird schon Situationen erlebt haben, in denen man am liebsten in Selbstmitleid versinkt und meint, alles sei schlecht und habe eh keinen Sinn. Dieses Buch rüttelt aus sol-chen Situationen auf und zeigt, dass kleine Perspektivwechsel manchmal bereits Wunder bewirken können. Sofie Cramer regt in Gestalt von Annegret dazu an, Gefühle zu hinterfragen und sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Sie von verschiede-nen Seiten aus zu betrachten – z. B. so, wie sie vielleicht der Partner, der Chef oder das halbwüchsige Kind sieht. Ich fand das sehr anregend und habe durch das Lesen des Buches den Mut gefunden, auch eigene Schwachstellen anzugehen und zu hinterfragen. Vielleicht findet man für die eine oder andere scheinbar aussichtslose Situation ja doch einen Strohhalm, nach dem man greifen kann?Ich muss wirklich sagen, ich war erstaunt, wieviel Wahrheit und Weisheit in diesem kleinen Büchlein steckt, das als ganz normaler „Frauenroman“ daher-kommt und doch so viel mehr sein kann.

Wer sich ein klein wenig für Psychologie und/oder Esoterik interessiert, wird viel Freude an diesem Roman haben. Und wer nicht… den werden die idyllischen Landschaftsbe-schreibungen und der zum Teil auch amüsante Plot über-zeugen! Absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 28.05.2019
Die kleine Bäckerei in Brooklyn
Caplin, Julie

Die kleine Bäckerei in Brooklyn


sehr gut

Ein süßer Roman im wahrsten Sinne des Wortes

Nachdem ich über den Vorgänger „Das kleine Café in Kopen-hagen“ geteilte Meinungen gehört hatte, habe ich mich ent-schlossen, es einfach mit Band 2 der „Romantic Escapes“-Reihe zu probieren. Eine gute Entscheidung! Denn ich fand dieses Buch wirklich süß.

Sophie ist eine rundum sympathische junge Frau, die ihre adelige Herkunft nicht als Eintrittskarte in die High Society benutzt, sondern lieber ihren Leidenschaften folgt: Essen und Schreiben. Als Food-Journalistin geht sie für ein halbes Jahr nach New York – auch, um sich von einer sehr unschönen Trennung zu erholen. Dass sie dabei über der kleinen Bäckerei von Bella wohnen kann, wird für beide Frauen zur win-win-Situation.

Ich war mit Begeisterung dabei, als Sophie erste neue Kontakte knüpft, die Stadt erkundet, Sehenswürdigkeiten besucht und sich langsam aber sicher in ihren Arbeitskollegen verliebt. Was als Ablenkung von der Trennung gedacht war, wird schnell viel zu ernst und verursacht – natürlich – turbulente Probleme.

Ein bisschen nervig fand ich die sehr oft eingestreuten „guten Ratschläge“ der neuen New Yorker Freunde, Sophie solle doch endlich mehr ausgehen, sich mehr ins Leben stürzen, mehr Party machen… vielleicht habe ich selbst mehr von Sophie als gedacht – aber mir kam ihre Art, sich langsam mit der Stadt vertraut zu machen, eigentlich gar nicht so schlecht vor… sie hat sich halt nicht auf jede Partyeinladung gestürzt. Aber bei ihrem Arbeitspensum und der zahlreichen Arbeitseinsätze in der kleinen Bäckerei, über der sie ihr Apartment hatte, war auch einfach wenig Zeit dafür. Sind die New Yorker wirklich so vergnügungssüchtig wie hier im Buch dargestellt? Okay, dann ist die Stadt wohl nur bedingt was für mich ;-)

Besonders schön fand ich den Abschnitt, der in den Hamptons spielt. Dass das Buch auch einen Ausflug dorthin enthält, fand ich grandios. Die Hamptons haben einfach etwas total glamouröses und das wird im Buch gut rübergebracht, ohne dass es in der Story fehl am Platz wirkt. Ganz im Gegenteil – es passt gut zur Geschichte und gibt ihr noch ein paar ganz besondere Momente.

Einen Nachteil habe ich an dem Buch aber auch gefunden: es macht hungrig auf Süßkram!!! Wirklich, wenn man aller paar Seiten liest, wie Hochzeitstorten oder Cupcakes verziert werden und was gerade wieder für Leckereien aus dem Backofen geholt werden… da fängt der Magen einfach an, sich zu melden und man träumt so vor sich hin, von rosa Topping auf Schokomuffin… (toll, ich merke gerade, auch das Schreiben dieser Rezension macht hungrig!)

Deshalb meine Empfehlung: holt euch eine große Ladung Cupcakes aus der Bäckerei eures Vertrauens, setzt euch gemütlich in den Garten/auf den Balkon/auf die Couch und lest diesen wirklich süßen Schmöker!

Bewertung vom 25.05.2019
Die Katze im Lavendelfeld
Stellmacher, Hermien

Die Katze im Lavendelfeld


ausgezeichnet

Alice im Wunderland – mit Katze statt Kaninchen

Alice lebt seit einiger Zeit im provenzalischen Beaulieu, be-treibt einen erfolgreichen Food-Blog und träumt von einem Haus mit Garten. Sie hat in der malerischen Kleinstadt einige Freunde, z. B. Koch Georges (der ausgebildeter Psychologe ist) und die ältere Dame Jeanine, die sie unterstützen wo sie nur können. Als Alice am Verhalten von Jeanine merkt, dass die Freundin an Demenz erkrankt sein könnte, wird die Situation schwieriger. Doch da taucht in einem Lavendelfeld ein kleines dreifarbiges Kätzchen auf und bringt einen Stein ins Rollen, der das Leben aller Figuren in diesem Roman verändert.

Mit Alice und ihren Freunden kommt man schon nach wenigen Seiten im Lese-Kurzurlaub an. Jede Seite versprüht Urlaubsgefühle, man riecht förmlich die würzigen Kräuter der Provence und das eine oder andere Mal schleicht sich beim Lesen ein leichtes Magenknurren ein, weil da gerade wieder eine Szene mit leckerem Essen ist… ;-)

Die Figuren fand ich auf ihre eigene Art eigentlich alle sympathisch. Am meisten ins Herz geschlossen habe ich aber trotz allem Jeanine. Wie sie langsam erkennt, dass ihre Schusseligkeit und Vergesslichkeit einen tieferen Grund haben könnte als nur das fortschreitende Alter, war sehr feinfühlig beschrieben – hier merkt man, dass die Autorin selbst Erfahrungen im Umgang mit Demenzkranken hat und sich mit deren Verhaltens- und Sichtweisen auskennt.

Das Buch, das zum Teil als „Katzenroman“ beworben wird, ist für mich viel mehr als nur das. Denn die Fellnasen spielen zwar eine Schlüsselrolle, sind aber dennoch nicht übertrieben „vermenschelt“ im Text. D. h., sie haben keine Sprechrollen oder ähnliches, wie man es von diversen anderen Tierromanen kennt. Vielmehr runden die Vierbeiner das Buch ab, sie machen es ein wenig bunter und lassen einen (als Katzenbesitzer) das eine oder andere Mal schmunzeln, wenn einige typische Verhaltensweisen ins Spiel kommen. Die Katzen werden aber nicht in den Vordergrund gestellt und es wird auch nicht aus Katzensicht erzählt. Das finde ich gut, denn das kann über die Länge eines ganzen Buches dann doch ermüdend werden. Hier ist eine gute Mischung gelungen aus vordergründiger (Menschen)geschichte und begleitenden 12 Tatzen.
Neben der Handlung an sich kommt auch die Landschaft, die Kulinarik und das Lebensgefühl Frankreichs und speziell der Provence nicht zu kurz, was dem Roman Urlaubsflair verleiht und Entspannung garantiert.

Ich konnte die „Lesereise nach Frankreich“ sehr genießen und fand den Roman in sich rund und nicht zu überladen mit ernsten Themen, obwohl sie deutlich angesprochen und verarbeitet werden. Meine Leseempfehlung für relaxte Lesestunden im Sommer!

Bewertung vom 13.05.2019
Veranda zum Meer
Johnson, Debbie

Veranda zum Meer


gut

Wenn ein Mensch langsam verschwindet...

An alle, die manchmal Bücher aufgrund des Titels kaufen: bitte lasst euch hier nicht ins Bockshorn jagen! Denn die titelgebende Veranda zum Meer werdet ihr hier vergeblich suchen. Auch ich fand den Titel toll und idyllisch und einfach schön – und war dann enttäuscht, dass er so gar nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat. Aus verkaufsstrategischen Gründen kann ich nachvollziehen, dass ein wohlklingender Titel gefunden werden musste. Aber es hätte sicherlich passendere Varianten gegeben als diese.

Doch nun zum Buch bzw. zur Story:

In diesem schon 4. Band rund um das Comfort Food Café geht es diesmal um die Mittzwanzigerin Willow, die im Café arbeitet und die ihr Leben ansonsten seit einigen Jahren fast komplett ihrer Mutter widmet – und sich selbst dabei fast verliert. Denn Lynnie Longville hat Alzheimer und braucht mittlerweile ständige Betreuung. Ein Kraftakt für Willow, die sich als einziges daheimgebliebenes von 4 Kindern alleingelassen sieht mit der Situation. Ihre Geschwister sind in alle Welt verstreut und Willow hat nie ernsthaft versucht sie zu finden und um Hilfe zu bitten – zumal sie zu ihnen nicht das beste Verhältnis hat.

Die Suche nach den Angehörigen nimmt ihr der neu zugezogene Tom ab, der als Außenstehender sehr schnell mitbekommt, wie überfordert Willow ist und der ihr einen Gefallen tun will. Schnell macht er die Geschwister ausfindig und schon nehmen plötzlich Veränderungen ihren Lauf, die Willow Angst machen – obwohl sie ihr doch einen Lichtblick bescheren sollten.

In einem sehr großen Teil der Geschichte geht es um den Umgang mit Alzheimer-Patienten, aber auch um die Hilflosigkeit, die man als Pflegender oftmals empfindet. Ein Zitat von Willow aus dem Buch macht das besonders deutlich: „Das Traurige ist, dass ich meine Mom noch immer vermisse – gelegentlich selbst dann, wenn wir beide im selben Zimmer sind“ (S. 169).

Willow war für mich eine Figur, der ich etwas zwiespältig gegenüber stand. Einerseits habe ich ihre Tatkraft und ihre Geduld bewundert, mit der sie so ausdauernd für ihre Mutter gesorgt hat, obwohl sie sich selbst dabei vernachlässigen musste. Andererseits hat Willow – besonders am Anfang des Buches – einen für mich etwas eigenwilligen Humor, mit dem ich nicht recht warm geworden bin. Vielleicht ist das der generelle Schreibstil der Autorin, aber durch die Ich-Erzählerin klingt es immer so, als kämen die Witze direkt von Willow. Aus meiner Sicht wurden zum Teil an unpassenden (sehr ernsten) Stellen Sachen mit gewollt witzigen Kommentaren ins Lächerliche gezogen – mir kam es unpassend vor, aber vielleicht empfinden das andere Leser anders.

Die Autorin hat sich hier an ein vielschichtiges Thema gewagt, das schwer in einem Unterhaltungsroman umsetzbar ist. Gelungen ist es ihr aus meiner Sicht nicht ganz. Der für mich unpassende Titel gab den Ausschlag, das Buch „nur“ mit 3 Sternen zu bewerten, obwohl es grundsätzlich lesenswert ist.

Bewertung vom 03.05.2019
Über alle Grenzen
Lind, Hera

Über alle Grenzen


gut

Eine zwiespältige Geschichte über ein zweigeteiltes Deutschland

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer deutschen Familie in Deutschland. Was nichts Besonderes wäre, wenn sich diese Geschichte nicht in einem zweigeteilten Deutschland abgespielt und das Leben aller Beteiligten dramatisch verändert hätte.

Lotti berichtet als Ich-Erzählerin von ihrem und dem Leben ih-rer Familie von ihrer Kindheit bis zur Ausreise in die BRD. Sie kommt in den 1950er Jahren als Kind mit ihren Geschwistern von Bayern nach Erfurt, von der BRD in die DDR. An sich schon ungewöhnlich und für mich als DDR-Kind interessant, denn ich dachte immer alle wollen nur in den Westen… hier war es an-dersherum. Allerdings war das auch vor dem Mauerbau – und danach sah sich die Familie eingesperrt in einem Land, das nicht ihres war.

In diesem ersten Drittel des Buches blieben mir die Familie und auch Lotti etwas fremd. Die Familie pflegte weiterhin ihr bayerisches Brauchtum und die Autorin sparte an dieser Stelle nicht an Klischees („Mia san mia“, S. 62). An dieser Stelle be-fremdete mich die Geschichte etwas, denn ich hoffte doch, etwas über die Schwierigkeiten und Repressalien zu erfahren, mit denen die Familie konfrontiert war.

Erst ab ca. Seite 150 wurde es für mich wirklich interessant, denn dann ging es um die Republikflucht von Lottis Bruder und die Auswirkungen, die das auf die Familie hatte. Diese Schil-derungen fand ich sehr spannend, denn da wird ein Stück Zeit-geschichte auf der Grundlage tatsächlicher Begebenheiten er-zählt (im Nachwort erfährt man dies von der Person, die für Lotti Pate stand).

Mit der sprachlichen Umsetzung durch die Autorin habe ich mich zum Teil aber schwer getan. Ich möchte fast die Hand dafür ins Feuer legen, dass Anfang der 80er Jahre in der DDR niemand von einem „Job“ gesprochen oder „Wir haben Power!“ gesagt hat, geschweige denn das Wort „cool“ im Alltag verwendet hat. Anglizismen gab es nach meiner Erinnerung in der DDR so gut wie gar nicht – und sie wurden auch nicht gern gesehen.
Neben der deutsch-deutschen Geschichte im historischen Teil des Buches wird parallel noch einen weiterer Erzählstrang auf-gemacht – die Jahre 2010/2011, in denen sich Lotti um ihren mittlerweile pflegebedürftigen Bruder kümmert. In diesem Teil steht der Umgang mit Pflegebedürftigen im Vordergrund. Hier wird Lotti als fast schon übereifrige Schwester geschildert, die ihrem vom Schlaganfall und Krebsleiden gezeichneten Bruder eine angenehme restliche Zeit bereiten will. Lottis hingebungsvolle und kämpferische Art empfand ich einerseits als bewundernswert, andererseits zum Teil schon fast als be-sessen, was mir ein ambivalentes Verhältnis zur Hauptfigur be-scherte.

Insgesamt lässt mich das Buch mit einer zwiegespaltenen Meinung zurück. Die Schilderungen der Lebensbedingungen von Personen, welche unter Stasi-Beobachtung standen, sind grandios. Der Rest des Buches geht daneben für mich ein wenig unter.

Bewertung vom 12.04.2019
Großes Sommertheater
Goldammer, Frank

Großes Sommertheater


ausgezeichnet

Vorhang auf für den etwas anderen Goldammer!

Huch! Was schreibt der denn jetzt für Zeug? denkt sich vielleicht der eine oder andere Fan von Frank Goldammers Kriminalkommissar Max Heller und beäugt erstmal skeptisch das metallisch glänzende Cover dieses Satire-Romans. Mit „Großes Sommertheater“ befreit sich der Autor aus dem historisch-zeitgeschichtlichen Korsett seiner Krimi-Reihe um Kommissar Heller und bricht auf zu neuen Ufern (wie passend, diese Geschichte dann an der Ostsee spielen zu lassen!). Aber die Krimi-Fans können ganz beruhigt sein: ohne den einen oder anderen Toten kommt er auch diesmal nicht aus ;-)

Angekommen im 21. Jahrhundert schaut Herr Goldammer seinen Mitmenschen sehr genau auf die Finger (und diverse andere Körperteile) und bringt die Wahrheit über Zwangszusammenrottungen wie Familien mit viel (schwarzem) Humor zu Papier. Vom verzogenen Kleinkind bis zum Hartz-4-Schmarotzer ist alles vorhanden, wozu die heutige Gesellschaft gern den moralischen Zeigefinger hebt (oder sich in den sozialen Medien mehr oder weniger geistreich echauffiert).

Alles etwas überspitzt in diesem Roman? Da wäre ich mir nicht so sicher, denn es scheint oft mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in bzw. hinter den Figuren zu stecken. Anfangs habe ich mich dabei ertappt, beschriebene Klischees hinzunehmen und gedanklich mitunter sogar zu unterstützen. Aber irgendwann war da ein Punkt, da setzte das Nachdenken ein. Und das Hinterfragen. Letztlich hat alles (mindestens) zwei Seiten... jede Verhaltensweise hat Ursachen, jeder sinnentleerte Kommentar auf Facebook eine Vorgeschichte. Nur blenden wir das gern aus und nehmen erstmal nur das zur Kenntnis, was uns ganz offensichtlich präsentiert wird.

Das Buch ist genau das, was der Name verspricht – ein Theaterstück. Und zwar eins mit Finesse und erstaunlichem Tiefgang angesichts der locker-flockigen Sprache. Zwangsläufig wird man als Leser einige Wahrheiten erfahren... und zwar meistens unbequeme, und die dann auch noch über sich selbst. Wer das nicht scheut, kann in diesem Roman eine kleine satirische Perle entdecken.

Und die Moral von der Geschicht‘? Nachdenken lohnt sich. Miteinander reden meistens auch. Und vor allem lohnt es sich, diesen Roman zu lesen. Ich! Will! Mehr! Davon!

Bewertung vom 05.03.2019
Eine neue Zeit / Café Engel Bd.1
Lamballe, Marie

Eine neue Zeit / Café Engel Bd.1


gut

Das wichtige Jahr 1945 aus verschiedenen Perspektiven

Mit „Café Engel“ reiht sich Marie Lamballe ein in die Vielzahl der historischen Familien-Trilogien, die derzeit auf den Markt schwemmen. Aber der Erfolg gibt den Büchern in der Regel recht – epische Familiensagas im historischen Gewand sind gefragt wie noch nie. Auch in bin eine begeisterte Leserin solcher Bücher – wenn sie gut geschrieben und mitreißend sind.

Letzteres kann ich hier auf jeden Fall unterschreiben. Der erste Teil dieser Trilogie katapultiert den Leser in die letzten Kriegsmonate – in den Winter des Jahres 1945. Doch nicht nur die Zustände im Café Engel werden hier beleuchtet. Das Buch erzählt vom Schicksal mehrerer Personen, deren Verbindung zum Café Engel erst im Laufe der Geschichte offenbar wird.

Besonders im ersten Drittel haben mich die Schilderungen gefangen genommen. Da ging es z. B. um Soldaten in Gefangenschaft, ostpreußische Flüchtlinge, aber auch um die vormals berühmten Künstler, die vor dem 2. Weltkrieg im Café Engel gegenüber des Theaters ein und aus gingen. Ihre Schicksale demonstrieren den Wahnsinn des Krieges aus ganz verschiedenen Perspektiven und die Lektüre geht nah.
Leider kann das Buch nicht über die gesamte Länge halten, was es im ersten Drittel verspricht. Als die Handlungsstränge langsam aufeinander zu laufen, hatte ich den Eindruck, dass die Charaktere zugunsten der Dramatik arg „zurechtgebogen“ wurden. Eine ehemals patente junge Frau mit dem Herz auf dem rechten Fleck wird zur missgünstigen Furie, der alternde Cafebesitzer (der in Gefangenschaft seinen jungen Kameraden ein Vorbild an Genügsamkeit und Mut war) wird zum wehleidigen Pascha. So ganz nachvollziehbar erklärt waren diese Sinneswandel für mich nicht. Ganz im Gegenteil – es wird noch eins draufgesetzt und nach einer kleinen Wendung wird die missgünstige Schnepfe plötzlich wieder zur liebevollen Freundin…

So sehr ich das Buch auch beim Lesen genossen habe – diese Missklänge wollten nicht aus meinem Kopf verschwinden, ich konnte sie nicht einfach ausblenden. Das Buch ist dadurch für mich nicht ganz „rund“, so dass ich es im guten Mittelfeld mit 3,5 Sternen ansiedele.

Bewertung vom 02.12.2018
Muttertag / Oliver von Bodenstein Bd.9
Neuhaus, Nele

Muttertag / Oliver von Bodenstein Bd.9


ausgezeichnet

Den liest man in einem Rutsch!

Nele Neuhaus‘ neuer Krimi „Muttertag“ hat ähnlich wie der Vorgänger „Im Wald“ einen verzwickten Plot mit vielen Figuren und Wendungen – so wie auch schon die Vorgänger, die ich kenne. Ich bin als „Späteinsteiger“ ca. ab Band 4 in die Serie eingestiegen, verbinde aber zwischenzeitlich mit der Taunus-Krimireihe gute und spannende Unterhaltung.

Auch diesmal hat Nele Neuhaus es geschafft, mich sofort mitzunehmen und mich „mitermitteln“ zu lassen. Unweigerlich habe ich im Kopf ab und zu verschiedene Konstellationen durchgespielt und mir überlegt, wie alles zusammenhängen könnte... dabei hab ich des Öfteren die Zeit vergessen und das Buch quasi in einem Rutsch durchgelesen. Genau das macht für mich einen guten Kriminalroman aus.

Die Figuren Pia Sander und Oliver von Bodenstein sind mittlerweile ja auch feste Größen in der deutschen Krimilandschaft. Nachdem beim letzten Mal Oliver und seine Vergangenheit im Mittelpunkt stand, geht es diesmal (auch) um das Umfeld von Pia. Ob es wirklich glaubhaft ist, dass beide Ermittler durch ihre Vergangenheit (oder die ihrer Familie) in ihre eigenen Kriminalfälle mit hineingezogen werden, mag mal dahingestellt sein. Spannend ist es auf jeden Fall und mal ehrlich – wie soll man denn beim 8. Fall immer noch einen draufsetzen, ohne dass man mal ein Stück von dem abweicht, was wahrscheinlich ist? Ich kann’s auf jeden Fall gut verschmerzen, denn der Fall war sehr gut aufgebaut und durch die vielen Möglichkeiten (Täter? Beteiligte?) auch hervorragend umgesetzt.

Einzig am Ende (Achtung, Spoiler!) die Szene mit dem Flugzeug fand ich etwas übertrieben. Aber vielleicht wurde da schon an den gigantischen Effekt bei einer möglichen Verfilmung gedacht... ;-) Sei’s drum – ich fand auch diesen Taunus-Krimi wieder richtig klasse und freue mich schon auf den nächsten Band!