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ikatzhorse2005

Bewertungen

Insgesamt 175 Bewertungen
Bewertung vom 21.08.2022
Mama Melba
Conner, Christine

Mama Melba


ausgezeichnet

Mama Melba Heimweh schmeckt wie Sauerkirschen von Christine Conner (Tinte & Feder)
Ein paar Tage später legte mir Sarah D kleine Säckchen mit Samen auf den Küchentisch.
„Oregano – Rosmarin – Thymian - Basilikum“, zählte sie auf. Ihr süßsaurer Tonfall lies mich schon eine anstehende Neckerei erahnen. „Für deinen Garten. Für eine echte Gumbo.“
Sarah D drehte sich zu Helene um.
Diese schmunzelte nur, während sie den Teig ausrollte, um ihren berühmten Pfirsich-Pie zu machen. Endlich fingen die Früchte an, süß genug zu schmecken. S.127
Mit ihrem praktisch veranlagten Wesen und dem Wissen um ihre Kochkunst reist die junge Melba Koch 1860 von Bremerhaven nach Amerika. Es verschlägt sie auf die Belle Bleu Plantage in Louisiana. Dort lernt sie die regionale Küche kennen und lieben. Rezepte der kreolischen und akadischen Küche ziehen sich durch die Geschichte, die mit historischen Stoff und daraus erwachsenden Konflikten gespickt ist. Diesen kann sich auch Melba, die zu Mama Melba wird, nicht entziehen, als sie mehr und mehr begreift, was die Sklaverei wirklich bedeutet. Sie wird Zeugin der Standesunterschiede und der daraus resultierenden Gräueltaten sowie unmenschlicher Behandlung der Sklaven durch ihre Herren. Als sie Zuneigungen und Freundschaften zu den Sklaven entwickelt und der Bürgerkrieg ausbricht, muss sich Melba entscheiden.
Die Autorin lässt uns durch die überaus sympathische und ehrliche Melba die historischen Details hautnah miterleben. Sie erzählt eine emotionale Geschichte in bildgewaltigen, deutlichen und poetischen Worten. Durch die intensive Recherche und genaue Erzählweise erscheint das Erzählte überaus authentisch. Die Liebe zum Essen und das Interesse an Amerika spiegeln sich im Text hinreichend wieder. Man taucht ein in das historische Louisiana der Südstaaten und möchte bei Melbas Feinsinnigkeit und Leckereien weiter verweilen als diese knapp 500 Seiten.
Fazit: Ein gelungenes Meisterwerk mit zahlreichen Infos und grandiosen Rezepten, welches mich tief berührt hat.

Bewertung vom 21.08.2022
Mörderische Masche
Letterman, Karla

Mörderische Masche


ausgezeichnet

Mörderische Masche ein Fall für Henri und den Häkelklub von Karla Lettermann (dtv)

Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Nur dass die Ernte bei Maike gelandet war, und nicht, wo sie hingehört hätte: beim Rinderbaron selbst.
Henri stockte der Atem, als er sich klarmachte, worauf seine Mutmaßungen hinausliefen. Konnte Maikes Tod wirklich geplant gewesen sein? S.135

Ursprünglich wollte Maike das Polnische Warmblut auf dem Hof des Rinderbarons begutachten. Gatte Henri ärgert sich darüber, den Jahrestag, noch dazu einen Sonntag, allein verbringen zu müssen und öffnet den Cremant ohne seine Frau. Ohne Grüße und liebe Gesten verlässt sie mit dem Rad das gemeinsame Anwesen und fährt ihrem Schicksal entgegen. Der Zusammenstoß mit des Bauerns dicken, nasenberingten Bullen endet für die junge Frau tödlich und Henri bleibt als Witwer zurück. Übrig bleibt auch der kleine Handarbeitsladen mit dem resoluten Frollein Langner. Die Angestellte Edda nimmt sich Henri an und schleppt ihn zum Strickzirkel in den Häkel-Club. In Häkel-Henri kommt langsam wieder Leben und damit tauchen Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen. Mit Hilfe der Häkel-Frauen sucht Henri nach Lösungen mit dem Verlust fertig zu werden und Maikes Unglück zu rekonstruieren.

Karla Lettermann hat sich hier nicht um einen klassischen Krimi bemüht. Viel mehr ist ihr ein Roman mit liebenswerten Protagonisten und stimmiger Handlung gelungen. Der flüssige Schreibstil und die positive Grundstimmung helfen Henri bei der Trauerbewältigung.
Ganz nebenbei erfährt man Wissenswertes rund ums Thema Häkeln und eine Anleitung für Henris Sommerschal darf dabei nicht fehlen.

Fazit: Ein Cosy-Crime, der zum Nachdenken anregt und mir persönlich gut gefallen hat.

Bewertung vom 27.06.2022
Wie man sich einen Lord angelt
Irwin, Sophie

Wie man sich einen Lord angelt


ausgezeichnet

Wie man sich einen Lord angelt ein Roman von Sophie Irwin (Knaur Verlag)
„Entschuldigen Sie bitte vielmals, Miss, aber gehört dieser hier Euch?“
Ja! Sie blickte auf und sah dem jungen Gentleman in die Augen, der ihr den Slipper mit geröteten Wangen und einem Ausdruck in den Augen offerierte, der immer in interessierter wurde, während er ihr Gesicht musterte. Es war tatsächlich Mr de Lacy.
„Viele Dank“, hauchte sie ergriffen und nahm den Schuh entgegen. Fraglos wäre nun ein Erröten ihrerseits angemessen gewesen, und Kitty versuchte mit aller Macht, ihren Wangen einen sanften Rotton aufzuzwingen, allerdings ohne Erfolg. Wortlos verfluchte sie die Tatsache, dass sie einfach nicht zu den Menschen gehörte, die schnell rot wurden. S.40/41
Eine attraktive junge Frau, die weiß, was sie will und was zu tun ist, um ihre Familie zu retten. Sie setzt all ihren reizenden Charme und ihre berechnende Intelligenz ein, um sich einen potenziellen Kandidaten zu angeln, der bereit ist, die Spielschulden des verstorbenen Vaters zu tilgen und somit das Familiencottage, sie und ihre Schwestern vor dem Hungertuch zu bewahren.
Im Jahr 1818 wittert Kitty in London ihre Chance und hat den Fuß schon in der Tür, als sie sich auf listige Weise Zutritt zur Ballsaison und somit zur gehobenen Gesellschaft verschafft. Der ebenbürtige Gegner Lord Radcliffe scheint ihr dabei einige Steine in den Weg legen zu wollen. ...
Die Autorin versteht es durch einen anschaulichen Schreibstil und erfrischende Dialoge ein zeitgemäßes Bild der englischen Konventionen aufzustellen.
Mit Kitty Talbot hat Sophie Irwin eine umwerfend taffe Heldin erschaffen die ganz wunderbar in diese amüsante Geschichte passt. Die Begebenheiten sind eine perfekte Mischung durchzogen von historischen und romantischen Charme. Gern habe ich Kitty im Schlagabtausch mit Lord Radcliffe auf ihrem Weg begleitet und kann diesen zauberhaften Roman für vergnügliche Lesestunden wärmstens weiterempfehlen.

Bewertung vom 22.05.2022
Morgen kann kommen
Kürthy, Ildikó von

Morgen kann kommen


ausgezeichnet

Morgen kann kommen ein Roman von Ildiko von Kürthy (Wunderlich Rowohlt Verlag)
Damals lernte ich, dass Vorfurcht die schlimmste Furcht ist. Ihr helles Pendant ist die Vorfreude, die ebenfalls oft größer ist und länger dauert als das freudige Ereignis selbst. Was ich leider nicht lernte, war, wie es gelingen kann, sich die Angst für den Moment aufzusparen, wo man sie zu Recht hat. „Wir überqueren die Brücke dann, wenn wir sie erreichen“, hat mein Vater oft gesagt,... S.10
Was für ein wundervoller Roman! Die Geschichte lebt von dem brillanten Schreibstil der Autorin, der vor Metaphern, Wortwitz, Weisheiten und Lebensbejahung sprüht. Die Gedanken, Ideen und die ganze Bandbreite an Gefühlen transportiert Ildiko von Kürthy durch die bunte Mischung der Protagonisten direkt in die Geschichte. Der leichte Schreibstil macht die Auf und Abs der kapriziösen, manchmal strapaziösen und teils überzeichneten Figuren um Längen wieder wett. Die unterschiedlichsten Themen werfen Fragen auf und regen zum Nachdenken an. Wer das Ganze nicht zu ernst nimmt und zu viel erwartet liest hier eine tolle Geschichte verschiedenster Schicksale verpackt in einer humorvollen Geschichte.
Die liebevollen, farbigen Illustrationen untermalen den Text und fügen sich ausgezeichnet in die Aufmachung ein.
Fazit: Ildiko Kürthys „Morgen kann kommen“ hat mir sehr gut gefallen. Es ist eine wunderbare Botschaft, die ich im Gelesenen sehe: Verlass dich auf dein Bauchgefühl und lass dich nicht von den Meinungen anderer Leute leiten. Nimm dein Leben in die Hand und gestalte deine Veränderungen selbst. Steh zu deinen Konsequenzen und entscheide, was gut für dich ist und was dich voranbringt. Wenn Du Dich nicht entscheidest, wird jemand anderes das für Dich tun. Die Frage ist dann, wer das sein wird und die Antwort darauf könnte dir unter Umständen nicht gefallen.

Bewertung vom 27.03.2022
Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3
Ziebula, Thomas

Engel des Todes / Paul Stainer Bd.3


ausgezeichnet

Engel des Todes ein historischer Kriminalroman und 3. Band der Paul Stainer-Reihe von Thomas Ziebula (Wunderlich)
„Etwa eine Dienstreise nach Dresden?“ Valerie biss sich auf die Unterlippe.
Er schüttelte den Kopf und faltete die Briefbögen zusammen.
„Sag, dass du nicht fortmusst!“ Beinahe flehend schaute sie zu ihm auf.
„Schlimmer.“
„Randalieren etwa die Arbeiter wieder?“
„Noch schlimmer.“ Er atmete tief.
„Was denn?!“ Sie zerrte an seinem Arm. „Nun sag doch endlich, Gustl!“
„Bürgerkrieg.“
S.24
Thomas Ziebula lässt seinen Protagonisten 1920 in Leipzig zur Zeit des Kapp-Putsches agieren. Bürgerkriegsähnliche Zustände und Auseinandersetzungen an der Streikfront lassen Vergangenes in Stainers Erinnerungen aufflammen. Ein Mörder nutzt die Gelegenheit und lässt sich zu einer Serie grausamster Morde hinreißen. Er hat eine Liste erstellt und arbeitet diese gnadenlos ab. Die Spurensuche für Kriminalinspektor Paul Stainer und seine Mitarbeiter ist erschwert und sie ermitteln unter schwierigsten Bedingungen. Dank der historischen Straßenkarte von Leipzig 1920 im Inneneinband kann man die Aktivitäten verfolgen und gut einordnen.
Im dritten Band der historischen Reihe treffen wir auf altbekannte Figuren, Paul, Junghans, Vera Sonntag, Josephine und Mona König. Schnell ist man wieder ein Teil diese kleinen Gemeinschaft. Mit Blick auf dieses persönliche Milieu laufen die Ermittlungen nach dem Täter, der hintergründige Einblicke in seine Motive und Vorgehensweise zulässt. Unter den Einfluss historischer Aspekte liest man eine spannende und höchst interessant konstruierte Geschichte.
Der Einstieg in den neuen Stainer gestaltet sich höchst politisch. Doch sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Ich habe denn Anlass genutzt und weitere Informationen zu den historischen Gegebenheiten eingeholt. Thomas Ziebulas Romane sind immer ein Ausflug in die Geschichte und man kann einiges Wissenswertes dazulernen. An den fünftägigen Ausnahmezustand des Putschversuchs im März 1920 lehnt der Autor seine Kriminalgeschichte an. Dies gestaltet er mit Hilfe weiterer gekonnt stilistisch korrekter Mittel äußerst abwechslungsreich und spannungsreich. Besonders hat mir das Gedicht von Rainer Maria Rilke am Anfang gefallen. Auch weiß der Leser immer, in wessen Gedankengängen er sich beim Lesen gerade befindet. Mich hat der wunderbare Schreibstil von Thomas Ziebula wieder einmal beeindruckt, wobei ich mich in der ganzen Geschichte sehr gut zurechtgefunden habe. Ein fulminanter, rasanter Showdown in dem alle Fäden schlüssig zusammenlaufen, krönen das Ende dieser Erzählung, doch hoffentlich nicht das Ende dieser Reihe.
Mir hat das Lesen viele spannungsgeladene und aufschlussreiche Stunden beschert. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen mit Paul Stainer und Co. Ich empfehle zum Verständnis diese Reichenfolge: „Der rote Judas“, „Abels Auferstehung“, „Engel des Todes“.

Bewertung vom 13.03.2022
Für immer und noch ein bisschen länger
Leciejewski, Barbara

Für immer und noch ein bisschen länger


ausgezeichnet

Für immer und noch ein bisschen länger ein Roman von Barbara Leciejewski
Lächelnd, die Hände vor ihrem gazellengleichen Körper übereinandergelegt, beobachtete die alte Dame ihren Gast.
„Man munkelt, die Geliebte eines bedeutenden Mannes soll hier gewohnt haben“, erklärte sie,...
„Ich bin Guinella Wohlgemuth.“
„Anna Trost“ erwiderte Anna... S.53
Dieses Kennenlernen ist der ausschlaggebende Wendepunkt im Leben der Hauptprotagonisten. Gemeinsam schaffen sie es, sich von ihrer Einsamkeit und ihrer Trauer zu lösen. Dabei zeigen die Charaktere all ihre Seiten und bestechen durch Individualität und Liebreiz. Die Autorin kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern geht tiefer und dringt in die vielschichtigen Facetten jedes Einzelnen ein. Die gewählte Lokation München und das behagliche WG-Ambiente begleiten die stimmungsvolle Atmosphäre. Man möchte ein Stück dazu gehören und Teil dieser illustren Gemeinschaft sein.
Der Schreibstil von Barbara Leciejewski ist besonders. Leicht und gleichzeitig intensiv lesen sich die rührenden Zeilen. Warmherzig, traurig und umfangreich beschreibt sie die unterschiedlichsten Gefühle und Situationen. Trotzdem wirkt der begleitend melancholische Unterton nie überladen, sondern wird durch harmonisch kokette Dialoge aufgelockert.
Der Roman liest sich wie eine Geschichte aus dem Leben selbst mit allen Höhen und Tiefen. Vielleicht ist man deshalb so nah dran und fühlt sich tief berührt, als aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird!
Wie es Anna schafft über den Verlust ihres Mannes hinwegzukommen sowie Gunilla, Rose, Anders, Kurt und Michel ihre Probleme und Unsicherheiten in den Griff bekommen, beschreibt die Autorin in dieser zarten Liebes- und Lebensgeschichte.
Fazit: Ein leises Buch das das Herz berührt. Wer empfindsame und gefühlsbetonte Geschichten mag, der ist hier gut bedient. Ich lese die Romane der Autorin immer wieder gern.

Bewertung vom 13.03.2022
Offen für alles
Blank, Lilly

Offen für alles


ausgezeichnet

Offen für alles von Lilly Blank (Fischer Verlag)
Viviane drehte sich halb zu ihrer Freundin um. „Würdest du es etwa gut finden, wenn Diego mit einer anderen Frau ins Bett ginge?“ „Was meinst du damit? Ich finde es gut.“ S.17
Treffpunkt sonntags Rumford - Denkmal im Englischen Garten nahe der Eisbachwelle in München: Während einer lockeren Jogging-Runde entlang der Isar offenbart Claudia ihrer Mittvierziger-Freundin Viviane, dass sich ihr Mann ab und an mit anderen Frauen vergnügt. Über die Gelassenheit ihrer Vertrauten ist Viviane entsetzt.
Die Erkenntnis, dass es in ihrem eigenen Ehebett ähnlich flau zugeht, trifft sie wie ein Schlag. Nicht prickelnd und feurig sondern eher eingeschlafen! Doch bisher war Vivianes Leben eigentlich in Ordnung aber diese aufschlussreichen Diskussion hat in Vivis Gedanken so manche Überlegung ins Rollen gebracht.
Viviane ist jetzt angestachelt ihrem Liebesleben einen neuen Kick zu geben. Darüber hinaus sollten die Bedürfnisse ihres Mannes Karl nicht zu kurz kommen. Sie stürzen sich in ein prickelndes Abenteuer mit ungeahnten Folgen.
Und Claudia? Sie geht ihren eigenen Weg, manchmal mehr als Diego lieb sein dürfte. Aber ist sie wirklich so taff, oder tut sie einfach nur so?
Dann taucht noch Elena auf. Sie ist schwanger und möchte trotzdem unabhängig bleiben. Beziehungen engen sie ein. Dabei fragt sie sich, ob sie überhaupt einen Mann braucht, um ihr Kind großzuziehen?
Lilly Blank lässt ihre Figuren rasant über die Bühne tanzen. Dabei stolpern sie über herausfordernde Situationen, die das Leben so mit sich bringen. Verzwickte Beziehungen und gefühlvolle Momente geben sich die Klinke in die Hand. Die Charaktere glänzen durch Individualität und ihre liebenswerten Marotten. Der unterhaltsame Roman besticht durch treffsichere Dialoge, spontane Wendungen und überspitzte Umstände. Dabei ist die ganze Geschichte so wenig vorhersehbar und behält einen positiven Grundton bei. Wie sich die Wege von Viviane, Claudia und Elena letztendlich kreuzen beschreibt Lilly Blank in dieser charmanten Geschichte, die mitten ins Herz trifft.
Fazit: Seit langer Zeit habe ich keinen so gutes und unbeschwertes Buch gelesen. Dieser Roman ist ein wahrer Genuss! Ich liebe ihn! Die herrlich lockeren Dialoge fügen sich wunderbar in die leicht schlüpfrigen Stellen des Romans ein. Ich habe mich köstlich amüsiert und großartig unterhalten gefühlt! Ein Lesehighlight und unbedingt empfehlenswert!

Bewertung vom 12.03.2022
Flüchtiges Glück
Mothes, Ulla

Flüchtiges Glück


ausgezeichnet

Flüchtiges Glück von Ulla Mothes (Bastei Lübbe Verlag)
Getrieben von den Schatten der eigenen Vergangenheit versucht Navid reinen Tisch zu machen, bevor er Milla sein Ja-Wort gibt. Ungereimtheiten und Geheimnisse lasten auf ihrer Familie, verdrängt vom jahrelangen Schweigen einzelner Generationen. Navid fahndet nach der Schuld, die den Protagonisten durch verheerende Umstände der Geschichte auferlegt wurden. Er sucht Erlösung und Frieden für seine zukünftige Familie. Seine Fragen bringen etwas ins Rollen und sorgen für Spannungen zwischen den Familienmitgliedern.
Diese Grundstimmung nutzt Ulla Mothes und strickt eine interessante, generationsübergreifende Familiengeschichtegeschichte. Sie baut Brücken durch aufschlussreiche Rückblicke und perfekt getaktete Zeitsprünge. Zusammen mit den geschichtlichen Hintergründen der DDR-, Wende- und Nachwendezeit baut sie ein tragendes Gerüst auf der Suche nach den Wurzeln einer Familie.
Im Fokus steht die Region Bitterfeld Wolfen und die desaströse Umweltverschmutzung der Industrieanlagen der ehemaligen DDR. Die Regierung mitsamt der Stasi versuchten das Ausmaß der verheerende Umweltsünden geheim zu halten, denn die Industrieanlagen der ORWO sind der wichtigste Chemiestandort und das Standbein der Wirtschaft der DDR. Zwischen die Fronten gerät die junge Ärztin Renate, die versucht auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Sie sammelt Patientendaten und begibt sich somit in die Schusslinie des Diktatur-Staates.
Damit ist Ulla Mothes Flüchtiges Glück ist ein erstklassiges Portrait der damaligen Zeit. Dieser spannende historische Roman liest sich wie ein atmosphärischer Krimi zeitgenössischer Literatur. Der Schreibstil und die Figuren sind so lebendig, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Autorin auf die Empfindungen der Protagonisten aus dem Ostteil Deutschlands zur Wendezeit eingeht. Die Hoffnungen, Ängste und enttäuschten Erwartungen werden an verschiedenen Lebenswegen dieser Figuren ausgezeichnet dargestellt.
Die Autorin spannt durch verschiedene Themen und bereichernde stilistische Mittel einen Spannungsbogen, der sich am Ende zu einem schlüssigen Ganzen entlädt.
Fazit: Ein großartiges Buch, welches begeistert und wunderbar unterhält!

Bewertung vom 15.02.2022
Im Schatten der Wende
Goldammer, Frank

Im Schatten der Wende


ausgezeichnet

Im Schatten der Wende ein Kriminalroman von Frank Goldammer (dtv)

Er hatte so etwas noch nie gespürt. Und es brauchte eine Weile, bis er verstand, was es war. Es war die Angst vor dem Morgen. Was kam jetzt auf sie zu? Was sollte aus aus ihnen werden, aus ihnen allen? Plötzlich war die Zukunft offen, aber auch ungewiss. Plötzlich schien nichts mehr sicher. S.140

Tobias Falck ist Obermeister der Volkspolizei in Dresden. Kurz vor seinem Abschluss zum Leutnant in Aschersleben 1989 werden die Grenzen zwischen Ost und West geöffnet und die Mauer fällt. Falck versucht zu verstehen, was gerade passiert und versucht seinen Gefühlen auf den Grund zu gehen. Ein klein wenig Hoffnung aber auch ein schaler Nachgeschmack sowie Zukunftsangst mischen sich in seine Gedanken.
Im Winter 1989 beginnt er seinen Dienst beim Kriminaldauerdienst (KDD). Zum Team gehören Hauptmann Schmidt und Stefanie Bach, Bekannte eines alten Falls aus Vorwendezeiten.

„Der Witz ist nur, die meisten haben kaum Zeit, Es hat einige Veränderungen gegeben. Der Kader ist geschrumpft. Keiner fühlt sich mehr richtig zuständig. Außerdem werden Sie sehr schnell eines erkennen: Die Zeiten haben sich geändert. Also auch, was die Kriminalität betrifft. Man könnte meinen, sie sind alle verrückt geworden.“ S.150

Zur Abteilung gesellt sich Hauptkommissarin der Kriminalpolizei Frankfurt am Main Sybille Suderberg. Gleich mehrere Fälle gibt es zu lösen. Die grenzübergreifenden Ermittlungsarbeit des KDD-Teams laufen auf Hochtouren. Dabei gestaltet sich die Polizeiarbeit nicht nur durch die unterschiedlichen Ermittlungsmethoden schwierig.
Auch treffen die Protagonisten auf einige Vorurteile und Annahmen, basierend auf Missverständnissen und Unwissenheit, gegenüber dem Leben im jeweilig anderen Teil Deutschlands. Ost trifft West, eine absolut gelungenes Portrait dieser Zeit! Der Autor greift somit das Bild tiefgreifender Veränderungen authentisch auf. Der Titel trifft es auf den Punkt und passt hervorragend zu der Geschichte.

Frank Goldammer setzt mit Tobias Falck einen intelligenten und feinsinnigen Protagonisten in Szene. Er selbst und sein Weg haben mir besonders gut gefallen. Anfangs erscheint er mir jugendlich naiv, zutiefst menschlich und immer sympathisch. Doch diese scheinbar hörige Naivität wandelt sich, als er losgebunden von stattlichen Zwängen, sein Denken und Handeln aktiviert. Das Ergebnis sind scharfsinnige Schlussfolgerungen und eine brillante Polizeiarbeit. Auch in privaten Angelegenheiten reift er und stellt somit die Weichen für seine Zukunft. Ich bin gespannt, welche Entscheidungen er in folgenden Bänden treffen wird. Ich bin jedenfalls gern dabei!
Falcks Kollegen sind ebenfalls charakterstark und gut gezeichnet. Gern würde ich von ihnen noch mehr erfahren. Es gibt sicher noch einiges zu erzählen und ich hoffe, Frank Goldammer gibt zukünftig einige Einblicke in das Leben der Ermittler.

Fazit: Im Schatten der Wende ist ein sehr gelungener Auftakt der neuer Krimi-Reihe rund um das KDD-Team Ost-West. Die Kombination aus Kriminalfällen, die damit verbundenen Ermittlungen, die interessanten Charaktere, eine glaubwürdige Darstellung der geschichtlichen Ereignisse und Einblicke in Alltäglichkeiten dieser Zeit haben mich begeistern und überzeugen können. Frank Goldammer weiß, wovon er schreibt. Und er schreibt gut, mitreißend und ehrlich. Das macht den Roman so lesenswert!

Bewertung vom 29.01.2022
Über Angst
The School of Life

Über Angst


ausgezeichnet

Über Angst: Meditationen über ein Gefühl unserer Zeit The School of Life (mvg Verlag)

„Grundvertrauen“ ist das beste Mittel gegen Angst. (S.14)

Dieser wundervoll aufgemachte Ratgeber blickt philosophisch, soziologisch und psychologisch auf dieses große Thema Angst. Neben der Ursachenforschung beschäftigen sich die Experten mit den verschiedensten Formen der Angst und geben schlussendliche Hinweise und Tipps für ein ideales Leben. Aber letztendlich tut dieses Buch einfach gut. Es bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, lässt den Leser einige Zeit innehalten und über grundsätzliche Dinge nachdenken. Es geht auch darum, ehrlich mit sich zu sein und bestimmte Unwegsamkeiten zu akzeptieren.

Aber dann stellt sich heraus, dass das Leben für einige von uns, und auf einer bestimmten Ebene für alle, andere Pläne gemacht hat. (S. 63)

Ängste gab es schon immer, doch die äußeren Umstände und Einflüsse ändern die Art und vielleicht auch das Ausmaß dieser Empfindung. Heute habe ich andere Sorgen als vor 100 Jahren. Die multimediale 24h Verfügbarkeit Informationen jeglicher Art abrufen zu können und die Breitmachung verschiedenster Meinungen und deren teils unfreiwillige Konfrontation steigern unseren täglichen Stress zusätzlich. Ein Zuviel kann schaden und wir täten unseren psychischen Gesundheit einen guten Dienst, unser Leben zu vereinfachen.
Auch ein Zuviel am Denken und fortwährend die Gedanken kreisen zu lassen, ist hinderlich. Einfach mal loslassen und sich bewusst werden, was dem Menschen an sich gut tut.

Fazit: Ohne erhobenen Zeigefinger habe ich neue Aspekte aus der Lektüre ziehen können. Das Aufgreifen und die Betrachten philosophischer Aspekte hat mir gefallen. Mit Ästhetik und zahlreichen Denkanstößen gelingt hier ein liegevoll gestalteter Mutmacher und Ratgeber.
Ein wahrer Schatz und eine klare Leseempfehlung!