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Benutzername: booklooker
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Bewertungen

Insgesamt 34 Bewertungen
Bewertung vom 21.07.2019
Die Lotosblüte
Sok-Yong, Hwang

Die Lotosblüte


gut

Die Emotionslosigkeit irritiert

Der Roman von Hwang Sok-Yong handelt von der 15jährigen Chong, die von ihrer Stiefmutter verkauft wird und in einem ihr fremden Land als Freudenmädchen arbeiten muss.
Zunächst landet sie auf einem Schiff nach China. Sie wird ihrer Seele beraubt (in einem Ritual mit Strohpuppe), gefoltert (waterboarding) und man nimmt ihr den Namen und damit ihre Identität. Schließlich landet sie als Zweitfrau bei einem greisen Chinesen, dem sie ihren jugendlichen Körper für sexuelle Handlungen zur Verfügung stellen muss...

Mehr vom Inhalt möchte ich gar nicht verraten.

Ich hätte mehr Tiefe bei der Figurenentwicklung gewünscht. Insbesondere der Charakter der Protagonistin Chong (Lenhwa - Lotosblüte) bleibt mir zu oberflächlich.
Denn sie scheint jegliches Leid emotionslos zu ertragen. Weder zu Beginn, als sie entführt wird, noch in den folgenden Szenen zeigt Chong Regungen, die für mich nachvollziehbar wären. Im Gegenteil. Sie findet (scheinbar) Gefallen an dem Missbrauch durch den Achtzigjährigen, dem sie als erstes dienen muss: "Ch´en drehte sich langsam um und näherte sich vorsichtig dem jungen Mädchen, das erwartungsvoll auf dem Rücken lag."(56) Danach folgt eine Textpassage, in der sie lustvoll stöhnt...
Der Roman ließ mich stellenweise irritiert zurück. Was genau will der Autor mit seinem Werk zum Ausdruck bringen?

Der Schreibstil gefällt mir recht gut, wobei ich an einigen Stellen den Eindruck hatte, dass er besser hätte übersetzt werden können.
Das Thema und die politischen Hintergründe sind interessant. Allerdings hatte ich mir insgesamt mehr von dem Roman versprochen.

Bewertung vom 21.07.2019
All das zu verlieren
Slimani, Leïla

All das zu verlieren


ausgezeichnet

Bewegende Geschichte einer Nymphomanin

All das zu verlieren zeichnet das Porträt einer zerrissenen Frau, die es nicht schafft, sich ihrer Sucht zu widersetzen.
Nach außen unabhängig, verstrickt sich Adèle immer mehr in die Ausweglosigkeit ihrer Sexsucht und riskiert dabei alles. Das Leben an der Seite ihres angesehenen Ehemannes, ihre Mutterrolle. Sie kann ihren Körper, ihre Seele scheinbar nur durch Extremhandlungen fühlen.
Sie hungert, sie rennt und dennoch gelingt es ihr nicht, der Sucht nach sexuellen Abenteuern und Schmerzen zu entkommen. Sie will sich entzweireißen, um zu heilen. Sie verstrickt sich in Lügen und wird schließlich enttarnt. Heilung ist nicht möglich.

Leila Slimani zeichnet mit Adèle eine tragische Figur, die polarisiert. Als Leserin schwankte ich permanent zwischen Mitleid, Verständnis und Entsetzen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Atemlosigkeit, die Adèle empfand, spürte ich auch.

Die Autorin erzeugt durch ihren präzisen Schreibstil, der kein Blatt vor den Mund nimmt, einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Sie zeichnet ein Bild der Ausweglosigkeit, der (inneren) Leere, welches sie kunstvoll auch auf den Ort des Geschehens projiziert: "Paris liegt wie ausgestorben da... . Der eisige Wind hat die Brücken leer gefegt, die Stadt von Passanten befreit,... . Die Stadt erscheint ihr endlos, sie fühlt sich anonym." (105)

Ein Buch, das mich nachdenklich zurücklässt in der Gewissheit, dass ich die anderen Werke der Autorin lesen werde.

Bewertung vom 20.07.2019
Mein Leben als Sonntagskind
Visser, Judith

Mein Leben als Sonntagskind


gut

Interessantes Thema - langatmig umgesetzt
In "Mein Leben als Sonntagskind" erzählt die Autorin vom Erwachsenwerden mit einer doch recht tiefgreifenden Entwicklungsstörung - mit dem Asperger-Syndrom.
Der Leser bekommt schnell einen Eindruck, wie es der Protagonistin Jasmijn im Alltag ergeht und welche Schwierigkeiten ihr täglich begegnen.
Und das ist für mich der Kritikpunkt, der dazu führt, dass ich keine 5 Sterne vergeben kann.
Das ständige Wiederholen von Jasmijns Empfindungen, insbesondere unter den Migräneattacken und das Beschreiben des Alltags bis ins allerkleinste Detail, haben mich beim Lesen mürbe gemacht.
Ich habe mich nach 300 Seiten immer wieder gefragt, was ich verpassen würde, wenn ich das Buch einfach zuklappen würde. Ob das, was noch kommt vielleicht wichtiger wird als das, was bereits erzählt wurde.
Die Handlung plätschert dahin.
Der Aufbau gleicht, in vielerlei Hinsicht, einem Tagebuch. So sind die Kapitel zum Beispiel sehr kurz gehalten.

Die Autorin findet einen eingängigen Schreibstil, der es dem Leser etwas leichter macht, sich durch die 600 Seiten zu lesen.
Die Charaktere sind nett. Aber auch da gibt es, bis auf den Charakter der Colette vielleicht, keine großen Highlights.

Ein Buch zu einem sehr interessanten Thema. Schade, dass es nicht so herübergebracht wurde, wie das Thema es verdient gehabt hätte.

Bewertung vom 19.06.2019
Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.
Läckberg, Camilla

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.


weniger gut

Nervige Achterbahnfahrt
Eine Frau, charakterstark in der Kindheit, wird in der Beziehung zu einem Mann devot, schwach und unsicher, um dann wiederum, nach der Beziehung, rücksichtslos und rachesüchtig über Leichen zu gehen. Was für Wandlungen. Nicht, dass ich sie nicht für möglich halten würde, aber in Zusammenhang mit der Story, kommen mir diese charakterlichen und emotionalen Achterbahnfahrten völlig widersinnig vor.
Das, was der Klappentext inhaltlich beschreibt, kommt größtenteils erst auf den letzten Seiten vor. Bis dahin muss man sich durch einen Inhalt lesen, der bisweilen äußerst abwegige Handlungen der Protagonistin und der Nebenfiguren bereit hält.
Es ist nicht nachvollziehbar, wieso sie (die Hauptfigur) es schafft, die Polizei mehrfach an der Nase herumzuführen. Keine ihrer Taten wird hinterfragt. Es gibt keine Verdächtigungen. Auch als sie internes Wissen an die Presse weitergibt, wird sie nicht verdächtigt. Sie kann machen, was ihr beliebt, um ihren Rachefeldzug zum Erfolg zu führen. Selbst der Zufall, zum Beispiel in Gestalt einer älteren Frau, die passenderweise ein sehr ähnliches Schicksal vorweisen kann, wird aus der Schriftstellerfeder hervorgeholt.
Es gibt Ungereimtheiten, bzw wenig logische Verhaltensmuster: Die Mutter-Kind-Beziehung nach der Trennung ist eine davon.
Oder, dass ein Handy leise gestellt wird, damit der Besitzer nicht gestört wird, um dann Nachrichten laut abzuspielen, um sie aufnehmen zu können. Sorry, aber spätestens da hatte mich die Autorin verloren.

Das Ende war absehbar.
Auch hier hatte die Hauptfigur wieder leichtes Spiel beim schnellen Lösen all ihrer Konflikte.

Ein allzu klischeehafter Roman, dessen Figuren überwiegend fad geblieben sind.
Einzig die Erzählperspektive war etwas ungewöhnlich: Das Vergangene wird in der ersten Person erzählt, das aktuelle Geschehen in der dritten. Reizvoll.

Da die Vergabe von drei Sternen bedeutet, es handele sich um ein gutes Buch, vergebe ich nur zwei. Von gut ist dieser Roman meiner Meinung nach ein gutes Stück entfernt.

Bewertung vom 10.06.2019
Ein perfider Plan / Hawthorne ermittelt Bd.1
Horowitz, Anthony

Ein perfider Plan / Hawthorne ermittelt Bd.1


ausgezeichnet

Er kann es einfach

Anthony Horowitz ist mit Hawthorne ermittelt - "Ein perfider Plan" ein stimmungsvoller Krimi gelungen, der mit einzigartigen Figuren aufwartet.
Die Geschichte ist schnell erzähl:
Diana Cowper, alleinstehend und wohlhabend, wird sechs Stunden nachdem sie ihre eigene Beerdigung plante in ihrem Haus ermordet.
Hawthorne, ehemaliger Polizist, wird als Ermittler seitens der Polizei hinzugezogen. Er, der Einzelgänger hat eine großartige Idee. Er möchte, dass der Schriftsteller Anthony Horowitz ein Buch über ihn und den Fall schreibt.
Horowitz, der bisher stets fiktiv geschrieben hat lässt sich schließlich überzeugen und gerät so als Autor tiefer in den Fall, als ihm lieb ist.

Die Idee, dass ein Autor angeheuert wird, einen Roman über einen anderen zu schreiben ist ganz und gar nicht ungewöhnlich.
Dass der Autor selbst darin auf unaufdringliche Weise vorkommt und somit Teil des Romans wird, schon.
Hawthorne kritisiert zum Beispiel das Manuskript (zu dem Buch, was der Leser ja in den Händen hält). Der daraus entstehende Dialog mit dem Horowitz treibt die Handlung voran und der Leser ist mitten im Geschehen. Einfach genial.

Der Schreibstil ist großartig und die Figuren werden auf eine Weise beschrieben, wie man es nicht besser machen kann.
Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und werde auch Hawthornes nächsten Fall gerne lesen.

Bewertung vom 30.05.2019
Was uns erinnern lässt
Naumann, Kati

Was uns erinnern lässt


gut

Super Story, fade Figuren

Die Rechtsanwaltsgehilfin Milla entdeckt bei einem Streifzug durch die Natur des Thüringer Waldes die Grundmauern eines alten Hotels. Von dem ehemals stattlichen Gebäude ist nur noch der Keller vorhanden. Milla, die hobbymäßig immer wieder auf der Suche nach sogenannten "Lost Places" ist, wird von diesem Ort sehr beeindruckt. Sie beginnt, Nachforschungen anzustellen, wobei sie tief in die Familiengeschichte der Familie Dressel eindringt, in deren Besitz sich Grund und Boden und das stattliche Hotel einst befanden.

Aus thematischer Sicht hat mir das Buch von Kati Naumann gefallen, greift es doch die Zwangsenteignung zur Zeit der DDR-Diktatur auf und die mit dem Regime zusammenhängenden Einschränkungen für das Volk.
Lesen lässt sich die Geschichte ebenfalls flüssig und ohne Längen.

Allerdings ist mir die Figurenentwicklung zu kurz gekommen.
Johanna Dressel war mir zu langweilig. Eine die IMMER Ja und Amen sagt. Nervig!
Auch mit der Protagonistin Milla und mit ihrem Sohn bin ich nicht warm geworden. Diese Beziehung schien mir durch die gekünzelt wirkende Nähe zwischen Mutter und Sohn unglaubwürdig.
Bei den Figuren hätte es mehr Tiefe geben müssen, um mich zu beeindrucken. Daher von mir nur 3 Sterne.

Bewertung vom 14.05.2019
Der Wal und das Ende der Welt
Ironmonger, John

Der Wal und das Ende der Welt


ausgezeichnet

Hoffnung auf Menschlichkeit

John Ironmonger erzählt auf 480 Seiten eine wunderbare Geschichte über die Menschen und die Menschlichkeit.
Joe Haak, angespült an den Stand eines Küstenortes in Cornwall, wird von mehreren Dorfbewohnern gerettet. Der Angespülte findet sich recht schnell in die kleine Dorfgemeinschaft ein und setzt schließlich alles daran, die Einwohner vor einem drohenden (Welt-)Untergang zu bewahren.

Dieses Buch ist sehr vielfältig. Es geht um Gier, Wiedergutmachung, (Nächsten-)Liebe, Glaube und Hoffnung.

Mit einem sehr feinfühligen und unterhaltsamen Schreibstil gelingt es dem Autor für seine Geschichte zu begeistern, die oft philosophisch daherkommt, ohne jemals belehrend zu wirken.
Er schafft es, auf sehr bildhafte Weise von der Menschlichkeit zu erzählen, die wir von uns selbst und unseren Mitmenschen (nicht nur) in Krisensituationen erhoffen.

Ich kann den Roman uneingeschränkt empfehlen.

Bewertung vom 11.03.2019
1793
Natt och Dag, Niklas

1793


gut

Jean Michael Cardell birgt eine nicht verrottete Leiche, die ihn aus leeren Augen anzustarren scheint, aus dem zähen und dickflüssigen Wasser der "Stadtkloake" Stockholms. Man schreibt das Jahr 1793 und das Opfer wurde mit Präzision über einen längeren Zeitraum brutal verstümmelt. Arme und Beine wurden abgetrennt, Augen und Zunge entfernt.
Der Stadthäscher Mickel und der schwerkranke Jurist Cecil Winge bilden ein ungewöhnliches Ermittlerduo, das den mysteriösen Todesfall aufklären soll. Die Zeit drängt. Cecil wird nicht mehr lange leben und an der Aufklärung scheint nicht allen gelegen zu sein.

Die Sprache, in der Autor Niklas Natt och Dag seinen Historienkrimi geschrieben hat, ist bisweilen recht anspruchsvoll. Es empfiehlt sich aufmerksames Lesen. Die Bilder, die der Autor mit dieser Sprache erzeugt, lässt den Leser live dabei sein - was einem, wegen der Düsterness, der Gerüche, etc. - nicht immer recht ist, und ein großes Können erfordert.
Für mich hatte der Roman einige Längen und richtig spannend war es im ersten Drittel nicht. Daher zwei Punkte Abzug.

Bewertung vom 11.03.2019
Das Echo der Wahrheit
Chirovici, Eugene O.

Das Echo der Wahrheit


weniger gut

Trotz toller Dialoge nicht überzeugend

Der todkranke Joshua Fleischer bittet den berühmten Psychiater James Cobb um Hilfe. Er soll mithilfe von Hypnosesitzungen herausfinden, ob sich Josh eines schrecklichen Verbrechens schuldig gemacht hat. Joshua befürchtet, seine Freundin Simone in einem Hotelzimmer im Jahr 1976 ermordet zu haben. Dr. Cobb lässt sich von dem Leukämiekranken überreden und beginnt mit den Sitzungen. Leider sind diese nicht erfolgreich und so beschließt Cobb, einige Tage vor dem Tod Fleischers, seine Ermittlungen fortzusetzen, um die Wahrheit herauszufinden.

Die Leseprobe des Romans von Eugene Chirovici hatte mich schnell in den Bann gezogen. Das Thema Vergangenheitsbewältigung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit eigenen (manchmal alternativen) Wahrheiten schien mir sehr vielversprechend.

Der Autor schreibt aus der Sicht von Dr. Cobb.
Er findet eine Sprache, der man stets gut folgen kann und selten habe ich einen Roman mit so vielen interessanten Dialogen und einer solchen Komplexität gelesen.

Leider hat mich das Buch inhaltlich dennoch nicht überzeugt.
Es wirkte auf mich stark konstruiert und bisweilen unglaubwürdig.
Ein Arzt, der kurz nach Unterzeichnung einer Schweigeverpflichtung dieselbige bricht, eine Person, die eine Leiche im Koffer Treppen hoch trägt und ein plötzlich auftauchendes Tagebuch, dessen Herkunft nicht verraten werden kann, sind nur einige Punkte, die mir fragwürdig erschienen.
Die Motivation des Protagonisten blieb für mich jedoch das größte Mysterium. Meiner Meinung nach hätte der Autor in die Figur des Dr. Cobb und die ihn antreibenden Motive mehr Zeit investieren können. Die dargestellte Nebenhandlung und die daraus resultierende Konfrontation mit den eigenen Dämonen war mir zu wenig.
Das Ende mag überraschen, konnte mich aber nicht versöhnen. Dafür wurden mir hier zu viele Figuren und Wendungen aus dem (Schriftsteller-)Hut gezaubert, deren Auftreten für Verwirrung bei mir sorgte, ohne die ein schlüssiges Ende aber nicht möglich gewesen wäre.

Bewertung vom 28.01.2019
Fünf Tage im Mai
Hager, Elisabeth R.

Fünf Tage im Mai


ausgezeichnet

Reintei, freintei! Dieser Ausruf von Illys Großvater begleitet den Leser durch dieses wundervolle Buch, welches mich sehr überrascht hat.

Fünf Tage im Mai erzählt die Geschichte von Illy und ihrer Beziehung zu ihrem Urgroßvater Tat´ka. Es werden nur fünf Tage in deren Leben beschrieben, aber genau diese fünf Tage sind atmosphärisch dicht und so bildhaft beschrieben, dass sie ausreichen, um beim Leser ein bleibendes Bild zu zeichnen. Hat man einmal mit dem Lesen begonnen, mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Es sind oft die kleinen Dinge im Leben, die Alltäglichen, die Elisabeth R. Hager auf einzigartige Weise beschreibt, so dass man sich der Geschichte, den Gefühlen nicht entziehen kann.
Sie zeichnet ein gefühlvolles Bild von Traditionen, Beziehungsgeflechten, Liebe, Tod, Schuld und vor allem vom Erwachsen werden.
Besonders hervorzuheben ist, dass die Dialoge allesamt in Dialekt geschrieben sind. Zuerst fand ich das gewöhnungsbedürftig, konnte mich aber schnell darauf einlassen. Es passt einfach zum Stil der Autorin.

Fazit:
Ein absolutes Lieblingsbuch 2019! Vielleicht besonders für diejenigen, die eine besondere Beziehung zu einem (Ur-)Großelternteil hatten.