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Benutzername: booklooker
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Bewertungen

Insgesamt 40 Bewertungen
Bewertung vom 26.08.2020
Und auf einmal diese Stille
Graff, Garrett M.

Und auf einmal diese Stille


ausgezeichnet

Eine Chronik, die gefehlt hat

"Und auf einmal diese Stille" von Garrett M. Graff ist eine Chronik, die bislang gefehlt hat. In ihr trägt der Autor die Worte derer zusammen, die den 11. September tatsächlich erlebt haben. Aus erster HAnd wird so vom Schicksal derrer berichtet, die dabei waren. Garrett M. Graff sammelt Interviews und Dokumente und bündelt somit das Erleben der Opfer und gibt ihnen eine Stimme.

Ich konnte und wollte das Werk nicht lesen wie einen Roman. An einem Stück, Seite für Seite. Dazu war es viel zu aufwühlend. Die Stimmen der Betroffenen zu "hören", ihre Sicht zu "sehen", ihre Verluste zu "spüren" ist dem Autor gelungen. Außerdem ließ es eigene Erinnerungen aufkommen, denen Raum gegeben werden wollte und sollte.

Durch die Vielzahl der Stimmen, die zu Wort kommen, war es manchmal schwierig, sich zu erinnern, über welche Person bereits geschrieben worden war, um deren Schicksalslauf weiter nachzuvollziehen. Das empfand ich jedoch nicht als negativ.
Der Aufbau des Buches kommt dem Wunsch nach Lesepausen entgegen, denn die Kapitel sind kurz gehalten. Auch nach der Lektüre habe ich immer darin geblättert.

Es ist großartig, dass es nun eine Sammlung der Stimmen in dieser "Oral History" gibt, auch und vor allem für diejenigen, die den Tag nicht selbst erlebt haben.

Bewertung vom 08.08.2020
Alter Hund, neue Tricks / Sean Duffy Bd.8 (eBook, ePUB)
McKinty, Adrian

Alter Hund, neue Tricks / Sean Duffy Bd.8 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein solider Krimi, ein explosives Setting

Eigentlich fungiert Sean Duffy nur noch gelegentlich als Polizist, denn er steht kurz vor seiner Pensionierung. Einen Fall gibt es für ihn vorher allerdings zu lösen:

Was zunächst wie ein versuchter Autodiebstahl mit Todesfolge aussieht, stellt sich als Täuschungsmanöver heraus. Duffy beginnt zu recherchieren und zeigt, dass ein alter Hund durchaus neue Tricks auf Lager hat.

Ich habe schon einige Mordermittlungen mit Duffy hinter mir und kann sagen, dass auch diese wieder so spannend und unterhaltsam war, dass ich auf den nächsten McKinty warte. Die 90er Jahre in Nordirland waren hart. Eine Krimiserie in dieses Setting zu verlagern, verspricht, zumindest aus McKintys Feder, gute Unterhaltung. Der 9. Fall kann kommen. Noch ist Zeit bis zur Pension, Sean Duffy.

Bewertung vom 08.08.2020
Dankbarkeiten
Vigan, Delphine de

Dankbarkeiten


gut

Für kurzweilige Stunden

Mischka, die an einer speziellen Form der Demenz leidet, verliert nach und nach ihren Wortschatz. Auch in ihren Träumen werden ihre Verlustängste deutlich.
Mischka kann nicht mehr alleine leben und kommt in eine Pflegeeinrichtung.
Marie, wie eine Tochter für die alte Dame, und ein junger Mann, Angestellter Logopäde, kümmern sich rührend um sie.
Eine alte Schuld lässt Mischka keine Ruhe. Sie möchte sie begleichen und Marie hilft ihr dabei.

Ich hatte unmittelbar vor der Lektüre von "Dankbarkeiten" den Vorgängerroman "Loyalitäten" von Delphine de Vigan gelesen.
Für mich war "Dankbarkeiten" sowohl was die Figuren, als auch was die Handlung an sich betraf, weitaus weniger bemerkenswert.
Die Charaktere hätten für mich noch stärker herausgearbeitet werden können und die Dialoge wirkten manchmal etwas unpassend und gewollt.

Alles in allem aber ein schönes Buch mit dem man kurzweilige Stunden verbringen kann.

Bewertung vom 08.08.2020
Offene See
Myers, Benjamin

Offene See


ausgezeichnet

Suche nach dem Sinn des Lebens

In der Rahmenhandlung begegnet der Leser einem Mann, Schriftsteller, der nachdenklich am Fenster sitzt, sich ans Leben klammert, so, wie er sich im Laufe seines Lebens an die Macht der Worte geklammert hat. Er blickt zurück, nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er versucht herauszufinden, welcher Weg der richtige ist und entfernt sich dabei immer mehr von dem, was ihm vorherbestimmt schien: ein Leben als Bergarbeiter. Robert ist lange unterwegs, trifft auf Dulcie, die ein Cottage mit viel Land am Ende einer Sackgasse bewohnt und bleibt zunächst. Was als kurzer Aufenthalt geplant war, wächst zu einer langjährigen Freundschaft zwischen dem Jugendlichen und der alten Dame. Robert bringt den Garten und schließlich auch eine dem Verfall überlassene Hütte, ehemals ein Künstleratelier, in Schuss. Dabei werden stückweise Dulcies Erinnerungen freigelegt. Eine schmerzhafte Vergangenheit, die Dulcies Leben veränderte, und die mit der Hütte verfallen sollte. Robert bringt Dulcie und das Atelier ins Leben zurück. Sie stellt sich den Geistern ihrer Vergangenheit, er blickt nach vorn, findet den Sinn, während Dulcie sich nach und nach mit der Vergangenheit aussöhnt.
Mein Fazit:
Toller Plot, die Sprache ist poetisch und ansprechend, wirkt aber an einigen Stellen gewollt, etwas 'drüber', was mir eine Identifizierung mit den Figuren schwer gemacht hat.
Bis Seite 130 passierte nicht viel, das mich mitreißen konnte. Doch dann nahm die Story Fahrt auf und auch die Dialoge werden interessanter. Dulcies Vergangenheit, des Rätsels Lösung, könnte emotional mitreißen. Ich habe leider nicht viel gespürt (und ich bin nah am Wasser gebaut), zumal mich Dulcies Verhalten zum Ende hin sehr irritiert hat.
Insgesamt eine unterhaltsame Lektüre mit Längen.

Bewertung vom 16.04.2020
Nach Mattias
Zantingh, Peter

Nach Mattias


ausgezeichnet

Geschickt erzählt - eine Entdeckung!
Vielleicht löst der Tod tiefe Trauer aus. Vielleicht nur ein kurzes Innehalten. Beim Arzt zum Beispiel, der vergeblich auf den Patienten wartet. Mit dem Wegradieren des Namens aus dem Terminbuch hätte der Tod dann nur, aber immerhin, eine Geste bewirkt.
Jeder Tod macht das. Etwas auslösen, im Leben der anderen. In jedem Fall ist es mutig, auf dem Lebensweg weiterzugehen, wenn ein geliebter Mensch fehlt.
Diesen Mut beschreibt Peter Zantigh und gibt diese Charsktereigenschaft jeder seiner Figuren mit.

Peter Zantigh lässt sie in 'nach Mattias' weiterleben: die Freundin, den besten Freund, Großeltern, Menschen, die ihn kaum kannten und flicht deren Geschichten ineinander, so dass sich am Ende alles zusammenfügt: Das Bild von Mattias Beziehungen und das der Umstände seines Todes.

Zu Beginn eines jeden Kapitels ost oft nicht sofort klar, in welcher Beziehung die Figur zu Mattias stand. Wenn es sich einem dann erschlossen hat, ist man überrascht, erschüttert, beeindruckt.
Beeindruckend ist vor allem die geschickte Erzählweise des Autors. Seine Sprache wirkt verknappt, sachlich und reduziert auf das Wesentliche. Diese äußere Form korrespondiert auch mit dem Inhalt. Der Autor, kommt zum Punkt. Am Ende möchte man ihm gerne unterstellen, einige Personen im Leben von Mattias vergessen zu haben. Das Ende kommt zu schnell.

Bewertung vom 16.04.2020
Der Riesenlolli-Raub / Familie von Stibitz Bd.1
Sparring, Anders; Gustavsson, Per

Der Riesenlolli-Raub / Familie von Stibitz Bd.1


sehr gut

Wenn aus klauen stibitzen wird
... dann war Familie von Stibitz am Werk.

Der schwedische Autor Anders Sparring hat mit der sympathischen Familie von Stibitz Figuren ins Leben gerufen, die für frischen Wind in den Kinderzimmern sorgen werden. Bebildert hat das Ganze der Illustrator Per Gustavsson. Seine kriminell guten Bilder finden sich zahlreich auf jeder Doppelseite. Langeweile sollte weder beim Vor- noch Selberlesen aufkommen.
Das Cover ist hochwertig, ebenso wie die Seiten an sich.

Vater Ede, Mama Fia und Tochter Ella würden niemals auf die Idee kommen, Dinge auf legalem Weg an sich zu bringen. Alles wird stibitzt. Da kommt der Wunsch des Filius Ture nicht so gut, als er eröffnet, Polizist werden zu wollen. Er macht nämlich nur, was erlaubt ist. Somit scheint das schwarze Schaf der Familie diesmal der zu sein, der "alles richtig macht".
Tures Geburtstag steht an und er wünscht sich einen riesengroßen Lolli.
Klar, dass Kaufen nicht in Frage kommt...

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und werde es an meiner Nichte "testen". Ich bin gespannt, wie sie auf die "verkehrte Welt" der kriminellen Familie von Stibitz reagiert.
Eine lustige Idee mit dem Potenzial für eine ganze "von Stibitz-Reihe". Mich würde es freuen.

Bewertung vom 21.07.2019
Die Lotosblüte
Sok-Yong, Hwang

Die Lotosblüte


gut

Die Emotionslosigkeit irritiert

Der Roman von Hwang Sok-Yong handelt von der 15jährigen Chong, die von ihrer Stiefmutter verkauft wird und in einem ihr fremden Land als Freudenmädchen arbeiten muss.
Zunächst landet sie auf einem Schiff nach China. Sie wird ihrer Seele beraubt (in einem Ritual mit Strohpuppe), gefoltert (waterboarding) und man nimmt ihr den Namen und damit ihre Identität. Schließlich landet sie als Zweitfrau bei einem greisen Chinesen, dem sie ihren jugendlichen Körper für sexuelle Handlungen zur Verfügung stellen muss...

Mehr vom Inhalt möchte ich gar nicht verraten.

Ich hätte mehr Tiefe bei der Figurenentwicklung gewünscht. Insbesondere der Charakter der Protagonistin Chong (Lenhwa - Lotosblüte) bleibt mir zu oberflächlich.
Denn sie scheint jegliches Leid emotionslos zu ertragen. Weder zu Beginn, als sie entführt wird, noch in den folgenden Szenen zeigt Chong Regungen, die für mich nachvollziehbar wären. Im Gegenteil. Sie findet (scheinbar) Gefallen an dem Missbrauch durch den Achtzigjährigen, dem sie als erstes dienen muss: "Ch´en drehte sich langsam um und näherte sich vorsichtig dem jungen Mädchen, das erwartungsvoll auf dem Rücken lag."(56) Danach folgt eine Textpassage, in der sie lustvoll stöhnt...
Der Roman ließ mich stellenweise irritiert zurück. Was genau will der Autor mit seinem Werk zum Ausdruck bringen?

Der Schreibstil gefällt mir recht gut, wobei ich an einigen Stellen den Eindruck hatte, dass er besser hätte übersetzt werden können.
Das Thema und die politischen Hintergründe sind interessant. Allerdings hatte ich mir insgesamt mehr von dem Roman versprochen.

Bewertung vom 21.07.2019
All das zu verlieren
Slimani, Leïla

All das zu verlieren


ausgezeichnet

Bewegende Geschichte einer Nymphomanin

All das zu verlieren zeichnet das Porträt einer zerrissenen Frau, die es nicht schafft, sich ihrer Sucht zu widersetzen.
Nach außen unabhängig, verstrickt sich Adèle immer mehr in die Ausweglosigkeit ihrer Sexsucht und riskiert dabei alles. Das Leben an der Seite ihres angesehenen Ehemannes, ihre Mutterrolle. Sie kann ihren Körper, ihre Seele scheinbar nur durch Extremhandlungen fühlen.
Sie hungert, sie rennt und dennoch gelingt es ihr nicht, der Sucht nach sexuellen Abenteuern und Schmerzen zu entkommen. Sie will sich entzweireißen, um zu heilen. Sie verstrickt sich in Lügen und wird schließlich enttarnt. Heilung ist nicht möglich.

Leila Slimani zeichnet mit Adèle eine tragische Figur, die polarisiert. Als Leserin schwankte ich permanent zwischen Mitleid, Verständnis und Entsetzen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Atemlosigkeit, die Adèle empfand, spürte ich auch.

Die Autorin erzeugt durch ihren präzisen Schreibstil, der kein Blatt vor den Mund nimmt, einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Sie zeichnet ein Bild der Ausweglosigkeit, der (inneren) Leere, welches sie kunstvoll auch auf den Ort des Geschehens projiziert: "Paris liegt wie ausgestorben da... . Der eisige Wind hat die Brücken leer gefegt, die Stadt von Passanten befreit,... . Die Stadt erscheint ihr endlos, sie fühlt sich anonym." (105)

Ein Buch, das mich nachdenklich zurücklässt in der Gewissheit, dass ich die anderen Werke der Autorin lesen werde.

Bewertung vom 20.07.2019
Mein Leben als Sonntagskind
Visser, Judith

Mein Leben als Sonntagskind


gut

Interessantes Thema - langatmig umgesetzt
In "Mein Leben als Sonntagskind" erzählt die Autorin vom Erwachsenwerden mit einer doch recht tiefgreifenden Entwicklungsstörung - mit dem Asperger-Syndrom.
Der Leser bekommt schnell einen Eindruck, wie es der Protagonistin Jasmijn im Alltag ergeht und welche Schwierigkeiten ihr täglich begegnen.
Und das ist für mich der Kritikpunkt, der dazu führt, dass ich keine 5 Sterne vergeben kann.
Das ständige Wiederholen von Jasmijns Empfindungen, insbesondere unter den Migräneattacken und das Beschreiben des Alltags bis ins allerkleinste Detail, haben mich beim Lesen mürbe gemacht.
Ich habe mich nach 300 Seiten immer wieder gefragt, was ich verpassen würde, wenn ich das Buch einfach zuklappen würde. Ob das, was noch kommt vielleicht wichtiger wird als das, was bereits erzählt wurde.
Die Handlung plätschert dahin.
Der Aufbau gleicht, in vielerlei Hinsicht, einem Tagebuch. So sind die Kapitel zum Beispiel sehr kurz gehalten.

Die Autorin findet einen eingängigen Schreibstil, der es dem Leser etwas leichter macht, sich durch die 600 Seiten zu lesen.
Die Charaktere sind nett. Aber auch da gibt es, bis auf den Charakter der Colette vielleicht, keine großen Highlights.

Ein Buch zu einem sehr interessanten Thema. Schade, dass es nicht so herübergebracht wurde, wie das Thema es verdient gehabt hätte.

Bewertung vom 19.06.2019
Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem / Golden Cage Bd.1
Läckberg, Camilla

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem / Golden Cage Bd.1


weniger gut

Nervige Achterbahnfahrt
Eine Frau, charakterstark in der Kindheit, wird in der Beziehung zu einem Mann devot, schwach und unsicher, um dann wiederum, nach der Beziehung, rücksichtslos und rachesüchtig über Leichen zu gehen. Was für Wandlungen. Nicht, dass ich sie nicht für möglich halten würde, aber in Zusammenhang mit der Story, kommen mir diese charakterlichen und emotionalen Achterbahnfahrten völlig widersinnig vor.
Das, was der Klappentext inhaltlich beschreibt, kommt größtenteils erst auf den letzten Seiten vor. Bis dahin muss man sich durch einen Inhalt lesen, der bisweilen äußerst abwegige Handlungen der Protagonistin und der Nebenfiguren bereit hält.
Es ist nicht nachvollziehbar, wieso sie (die Hauptfigur) es schafft, die Polizei mehrfach an der Nase herumzuführen. Keine ihrer Taten wird hinterfragt. Es gibt keine Verdächtigungen. Auch als sie internes Wissen an die Presse weitergibt, wird sie nicht verdächtigt. Sie kann machen, was ihr beliebt, um ihren Rachefeldzug zum Erfolg zu führen. Selbst der Zufall, zum Beispiel in Gestalt einer älteren Frau, die passenderweise ein sehr ähnliches Schicksal vorweisen kann, wird aus der Schriftstellerfeder hervorgeholt.
Es gibt Ungereimtheiten, bzw wenig logische Verhaltensmuster: Die Mutter-Kind-Beziehung nach der Trennung ist eine davon.
Oder, dass ein Handy leise gestellt wird, damit der Besitzer nicht gestört wird, um dann Nachrichten laut abzuspielen, um sie aufnehmen zu können. Sorry, aber spätestens da hatte mich die Autorin verloren.

Das Ende war absehbar.
Auch hier hatte die Hauptfigur wieder leichtes Spiel beim schnellen Lösen all ihrer Konflikte.

Ein allzu klischeehafter Roman, dessen Figuren überwiegend fad geblieben sind.
Einzig die Erzählperspektive war etwas ungewöhnlich: Das Vergangene wird in der ersten Person erzählt, das aktuelle Geschehen in der dritten. Reizvoll.

Da die Vergabe von drei Sternen bedeutet, es handele sich um ein gutes Buch, vergebe ich nur zwei. Von gut ist dieser Roman meiner Meinung nach ein gutes Stück entfernt.