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mimitatis_buecherkiste
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Krefeld

Bewertungen

Insgesamt 513 Bewertungen
Bewertung vom 11.06.2024
Das Schweigen des Wassers
Tägder, Susanne

Das Schweigen des Wassers


ausgezeichnet

Anfang der Neunzigerjahre kehrt Hauptkommissar Groth nach vielen Jahren im Westen in seine Heimatstadt zurück, allerdings nicht ganz freiwillig. Als Aufbauhelfer Ost schult er seine Kollegen in westdeutscher Polizeiarbeit. Eines Tages spricht ihn ein Mann durch das Fenster seiner Dienststelle an, erzählt Groth, dass er verfolgt wird und verspricht Beweise. Als kurz darauf die Leiche des Bootsverleihers Siegmar Eck im örtlichen See gefunden wird, will sein Vorgesetzter den Fall als Unfall zu den Akten legen. Groth aber hat Zweifel, handelt es sich bei dem Toten um seinen Gesprächspartner, der nie zurückgekommen ist, und verbeißt sich in die Ermittlungen, wobei er Hilfe eines ostdeutschen Kollegen bekommt, der genauso wie er in Ungnade gefallen ist, wenn auch aus anderen Gründen. Alles weist auf einen zehn Jahre alten Mord hin, der nie zufriedenstellend aufgeklärt werden konnte.

„Er trägt eine weite Cordhose, die ihm selbst mit Gürtel fast über die Hüften rutscht. Wie alt mag er sein? Um die dreißig vielleicht? Schwer zu schätzen im schwindenden Licht. Das Gesicht des Mannes wirkt grau. Wenn Groth richtig sieht, ist er barfuß, ein Detail, das Groth nicht einzuordnen weiß.“ (Seite 17)

Inspiriert von dem wahren Mordfall Karin Grabowski, Tochter eines Oberstleutnants der Kriminalpolizei, zum Zeitpunkt des Todes 20 Jahre alt, aus dem Jahr 1979, der erst in den 1990er Jahren neu aufgerollt und später aufgeklärt werden konnte, hat die ehemalige Richterin Susanne Tägder einen Kriminalroman geschrieben, der es in die Liste meiner Top Ten in diesem Genre geschafft hat. Mit feiner Sprache, Sätzen, die unbeirrt ins Schwarze treffen, und völlig unaufgeregt nähert sie sich dem Geschehen an, zwei Perspektiven bemüht sie dafür. Beide Charakter sind so sperrig wie unnahbar und wachsen mir trotzdem ans Herz, denn menschlich sind beide und bescheiden, dazu dermaßen authentisch, dass es weh tut.

„Es folgen Seiten um Seiten, und als Groth durch ist und das Heft zuklappt, sitzt er benommen da, denn es hat gerade ein Toter zu ihm gesprochen.“ (Seite 78)

Es ist ein ruhiges Buch, das sich viel mit den zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt und mit der Frage, was Heimat ist. Der Kriminalfall wirft zudem die Frage auf, was sonst alles so vertuscht worden ist und warum. Der Weg zur Lösung, auf der Suche nach Wahrheit, hätte nicht spannender sein können, noch lange nach dem Zuklappen hat mich das Buch beschäftigt und blieb in meinem Kopf. „Diese Autorin ist gekommen, um zu bleiben“ wird auf dem Buchrücken ein weiterer großartiger Autor, nämlich der von mir sehr geschätzte Andreas Pflüger, zitiert. Dem möchte ich mich uneingeschränkt anschließen. Ich freue mich sehr auf weitere Bücher der Autorin!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.06.2024
Grenzfall - In den Tiefen der Schuld / Jahn und Krammer ermitteln Bd.4
Schneider, Anna

Grenzfall - In den Tiefen der Schuld / Jahn und Krammer ermitteln Bd.4


sehr gut

Rosa Szabo, die Kollegin von Chefinspektor Bernhard Krammer, ist spurlos verschwunden, in ihrer Wohnung finden die Beamten einen toten Mann, der zur Verblüffung aller eine Tauchermaske trägt. Krammer bittet Kriminaloberkommissarin Alexa Jahn von der Inspektion Weilheim um Hilfe, da ein erster Hinweis zum Walchensee führt. Rosa wurde dort zwar gesehen, aber es fehlt von ihr weiterhin jede Spur. Nur eines wird langsam klar; jemand ist hinter Rosa her und wird nicht aufgeben, sie schwebt in tödlicher Gefahr.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich bereits um den vierten Teil der Buchreihe mit Alexa Jahn und Bernhard Krammer. Die Bücher sind so miteinander verbunden, dass ich dringend empfehlen möchte, diese nacheinander und in der richtigen Reihenfolge zu lesen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen, besonders was das Verhältnis der Beteiligten zueinander betrifft. Zusätzlich gibt es viele Hinweise zu den vorangegangenen Fällen, die ein gewisses Vorwissen voraussetzen. Der letzte und wichtigste Grund ist natürlich, dass diese Reihe großartig ist!

Nachdem mich der dritte Teil unglaublich gut unterhalten und mit einem bösen Cliffhanger geendet hat, war ich sehr gespannt darauf, wie es weitergeht. Nahtlos knüpfte der vorliegende Band an die Ereignisse an, sodass ich mir vorab das letzte Kapitel erneut durchgelesen habe, um besser reinzukommen. Leider kam trotzdem bei mir lange keine Begeisterung auf, denn vorrangig fühlte ich mich wie in einem Beziehungsdrama, ob es nun die Beziehung von Alexa zu ihrem früheren Kollegen Jan betraf, oder die schwierige Beziehung zu ihrem Vater und umgekehrt. Seitenlang kämpften beide mit sich, wie es weitergehen soll und wird, was mich ziemlich gestört hat, denn eine aufregende Ermittlung wäre mir lieber gewesen.

Bedauerlicherweise muss ich auch in diesem Zusammenhang Kritik äußern, denn was da zu Beginn abgeliefert wurde, war fernab jeglicher Realität. Abgesehen davon, dass grenzübergreifend ein Fall untersucht wurde, in dem eine Polizistin verschwunden ist, wo es aber keine der beteiligten Personen für nötig gehalten hat, auch nur einen Vorgesetzten zu informieren, nein, es wurde zusätzlich eklatant fehlerhaft, um nicht zu sagen stümperhaft vorgegangen, was mögliche Spuren angeht. Rückwirkend kann ich mich an kaum eine Situation erinnern, wo mir solche Versäumnisse und Fehler aufgefallen wären in den letzten drei Büchern.

Glücklicherweise legte das Tempo im zweiten Teil des Buches erheblich zu, es kam sprichwörtlich Leben in die Bude, und meine Freude darüber war grenzenlos. Eine Vermutung von mir bestätigte sich bald, was jedoch vorrangig den immer wieder eingestreuten Hinweisen zu verdanken war, die zur Klärung beigetragen haben. Dies minderte allerdings in keiner Weise die nun aufgekommene Spannung oder den feinen Nervenkitzel, den ich verspürte. Die Ereignisse überschlugen sich, alles führte unaufhaltsam auf ein explosives Finale zu, dem ich ungeduldig entgegenfieberte, weil ich wissen wollte, welche Auflösung mir präsentiert wird. Und ich wurde nicht enttäuscht, das Ende hatte es wirklich in sich! Der Abschluss war gemacht, da ging es plötzlich weiter und ein neuer Fall wurde auf einem Silbertablett präsentiert. Ich freue mich drauf!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.06.2024
Die Töchter des Bärenjägers
Jordahl, Anneli

Die Töchter des Bärenjägers


ausgezeichnet

Der berüchtigte Bärenjäger Heikki Leskinen ist tot, gestorben im Kampf mit einem Bären. Als kurze Zeit später die ungeliebte Mutter stirbt, machen sich die sieben Schwestern auf den Weg in die Wildnis, um sich hundertfünfzig Kilometer von der Zivilisation entfernt ein eigenes Leben aufzubauen. Völlig unbedarft und unvorbereitet stellen sich die jungen Frauen dem rauen Dasein, nicht ahnend, dass der nahende Winter keine Gnade kennt.

„Ich konnte den Blick nicht von den drei Schwestern wenden. Sie zogen mich an, so diskret wie möglich umkreiste ich ihren Stand. Notierte ihre groben, von Kratzern und Wunden übersäten Hände, ihre langen Finger und die Schmutzränder unter den Nägeln, als sie ihren Kunden Pilze in Papiertüten reichten.“ (Seite 9)

Eine zu Beginn namenlose Erzählerin nahm mich mit auf die Reise in die finnischen Wälder, bekundete ihre Faszination für die Familie Leskinen und erzählte eine Geschichte über die sieben Schwestern, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, obwohl sogar zwei Zwillingspaare darunter waren. Anfangs tat ich mich schwer mit dem Buch und befürchtete schon, dass ich es abbrechen würde, als der Zauber zu wirken begann. Dies lag nicht etwa an den Schwestern oder ihrem Umgang miteinander, denn dieser war wild und ungestüm, von schwesterlicher Liebe gab es keine Spur, im Gegenteil war ich entsetzt darüber, wie barbarisch es zwischen ihnen zuging. Es lag auch nicht an der Sprache, die derb und oft mit den schlimmsten Schimpfausdrücken und unflätigsten Wörtern gespickt war. Anscheinend war ich einfach der gleichen Faszination erlegen, wie es der Erzählerin passiert ist, und konnte den Blick nicht mehr abwenden.

Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben, obwohl mich bis kurz vor dem Ende jede der sieben Schwestern regelrecht abgeschreckt, um nicht zu sagen abgestoßen hat. Es gab nichts, was dazu beigetragen hätte, dass bei mir auch nur ein Funken Sympathie für eines der Mädchen beziehungsweise jungen Frauen gewachsen wäre. Dies muss man bei einer solchen Geschichte aber aushalten können und das habe ich mit großem Genuss getan. Auf den letzten Seiten versöhnte ich mich mit einigen der Schwestern, spürte fast so etwas wie Stolz auf die Leistung manch einer von ihnen. Es war eine aufregende, manchmal anstrengende, insgesamt aber eine atemberaubende Reise in eine andere Welt. Große Leseempfehlung!

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.06.2024
Der Ausflug - Nur einer kehrt zurück
Kvensler, Ulf

Der Ausflug - Nur einer kehrt zurück


weniger gut

Anna, ihr Verlobter Henrik und ihre beste Freundin Milena fahren jeden Sommer zusammen zum Wandern. Dieses Jahr verschiebt Anna die Wanderung aus beruflichen Gründen in den September hinein, außerdem hat sich Jacob, der neue Freund von Milena, der Gruppe angeschlossen. Dieser schlägt ein gänzlich anderes Ziel vor und setzt sich durch. Die von ihm angestrebte Route ist anspruchsvoller, aber auch gefährlicher und die Dynamik zwischen den Personen entwickelt sich immer mehr in die falsche Richtung. Bald eskaliert eine Situation und das Misstrauen wird größer.

Aus der Sicht der Ich-Erzählerin Anna erfuhr ich, was passiert ist, unterbrochen wurde diese Erzählung durch Wechsel der Perspektive, Anna wurde vernommen und beantwortete Fragen zum Geschehen. Anna war keine gute Erzählerin, sie verlor sich in seitenweisen Beschreibungen der Natur, hängte sich an Kleinigkeiten fest, manches mal sehnte ich mich nach den Passagen mit der Vernehmung zurück, die im Laufe der Geschichte mein einziger Lichtblick waren im Buch. Die restlichen Charaktere blieben bis zum Ende für mich nicht greifbar, ich weiß nicht, ob dies geheimnisvoll wirken sollte, oder der fehlenden Phantasie geschuldet ist.

Die komplette Story hätte gekürzt wahrscheinlich ihre Wirkung nicht verfehlt, so aber bleibe ich enttäuscht zurück. Nur wenig Spannung war zu spüren, ein minimaler Nervenkitzel hier und da, und lediglich die Hoffnung auf eine gute Auflösung hielt mich im Buch, aber auch da hatte ich kein Glück. Für Fans von sehr ruhigen Spannungsromanen, die gleichzeitig naturliebend sind, wäre dies sicherlich das passende Buch.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.06.2024
Alles schweigt
Harper, Jordan

Alles schweigt


ausgezeichnet

Mae Pruett arbeitet als Krisenspezialistin bei einer PR-Agentur, die sich in Hollywood um VIPs und Stars kümmert, deren sprichwörtlichen Brände löscht und Probleme im Keim erstickt. Als ihr Vorgesetzter Dan Hennigan erschossen wird, glaubt sie der offiziellen Version eines gewöhnlichen Raubüberfalls nicht und beginnt, Nachforschungen anzustellen. Ein schwangeres Mädchen, seltsame Partys und berühmte Personen scheinen in die Geschichte verwickelt zu sein, die Strippenzieher sitzen ganz weit oben und bald wird Mae klar, dass sie in ein Wespennest gestochen hat. Mit Hilfe ihres Ex-Freundes, des Ex-Polizisten Chris Tamburro, sucht Mae nach der Wahrheit, muss aber bald feststellen, dass die Mächtigen ihnen immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

„Man kann eine Ameise töten, aber wenn der Zucker auf dem Boden liegen bleibt, werden weitere Ameisen kommen. Vielleicht eine andere Art, aus einer anderen Kolonie. Genauso ist es mit Menschen - man kann Monster bekämpfen, aber wenn Geld, Sex und Macht locken, tauchen schon bald andere Monster auf.“ (Seite 298)

Vor Jahren konnte mich Jordan Harper mit seinem abgefahrenen Thriller „Die Rache der Polly McClusky“ wunderbar unterhalten, umso gespannter war ich auf sein neues Buch, das mich mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch ein bisschen mehr begeistern konnte, wie ich zugeben muss. Die Scheinwelt von Hollywood, wo Träume wachsen und manchmal schneller als Seifenblasen platzen, dazu ein mysteriöser Mordfall, zwei außergewöhnliche Charaktere mit einer interessanten Vergangenheit und eigenen Dämonen und schon haben wir eine Geschichte, die durch überraschende Wendungen und einen spannenden Plot überzeugt. Gewisse Parallelen zu lebenden Personen können nicht vermieden werden, der letzte riesige Skandal ist in der realen Welt noch immer nicht abgeschlossen, beim Gedanken daran kommen bei mir erneut Wut und Abscheu zum Vorschein. Die hässliche Fratze der Filmindustrie, hier trat sie ins Licht. Großes Kino und mehr als lesenswert!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.06.2024
Romeos Tod
Thiesler, Sabine

Romeos Tod


weniger gut

Der Theaterschauspieler Jan Jespik geht in seiner Rolle als Hamlet auf, er spielt mit einer Intensität, die seinesgleichen sucht. Seine Mutter Dorothea bringt zur Premiere des Stücks eine Frau mit, die sie kurz davor in einem Zug kennengelernt und kurzerhand eingeladen hat. Monas einziger Besitz passt in eine Sporttasche, die geheimnisvolle Frau fasziniert Jan vom ersten Augenblick an. In den nächsten Tagen verbringen die beiden jede freie Minute zusammen und Mona erzählt Jan ihre Lebensgeschichte. Erbost darüber, was ihr zugestoßen ist, macht sich Jan kurz darauf auf den Weg nach Italien, um das Unrecht, das seiner Geliebten zugestoßen ist, zu rächen.

„Denn dieser Schauspieler mochte vielleicht genial sein - das konnte er nicht beurteilen -, aber er hatte unter Garantie einen an der Waffel. Und insgeheim rechnete Wolf jeden Abend damit, dass er nicht erschien.“ (Seite 119)

Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich das Buch einordnen soll, ich bin immer noch etwas irritiert von der Geschichte. Kein Roman, kein Krimi, mehr Tragödie oder Drama, aber vorrangig wahrscheinlich eine Hommage an den verstorbenen Schauspieler Klaus Kinski, der ähnliche Charakterzüge aufwies, wie der Protagonist im vorliegenden Werk. Die cholerischen Momente, die Beschimpfungen und Beleidigungen, die zuweilen vulgäre Art und Weise beider Hauptfiguren sollten wahrscheinlich schocken, erzeugten bei mir allerdings eher das gegenteilige Gefühl.

„Es gibt Katastrophen, die brechen aus heiterem Himmel über einen herein, und andere nähern sich langsam und unaufhörlich. Das hier war so eine von den langsamen.“ (Seite 92)

Leider hatte ich stellenweise das Gefühl, einen Groschenroman zu lesen, aber keinen von den Guten, wie ich sie früher wirklich gerne gelesen habe, sondern eher einen, der sich nicht um einen literarischen Anspruch schert und eher auf Schockmomente sowie billige körperliche Reize setzt. So etwas bin ich von der Autorin nicht gewohnt und bleibe enttäuscht zurück. Da half auch die Enthüllung am Ende nichts, die folgende Auflösung konnte ebenfalls nicht mehr retten, was nicht zu retten war. Schade, denn dies habe ich nicht erwartet und nicht gewünscht. Ich hoffe, das nächste Buch wird mich besser unterhalten.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.05.2024
Das verborgene Leben der Farben
Imai Messina, Laura

Das verborgene Leben der Farben


gut

Mio ist ein außergewöhnliches Kind und wächst zu einer besonderen Frau auf, in dem Atelier ihrer Eltern fühlt sie sich am wohlsten. Ihre Familie näht und bestickt traditionelle Hochzeitskimonos. Die Welt der Farben fasziniert Mio ungemein, weil sie eine besondere Gabe hat; sie kann alle Farben benennen und sieht ihre Abstufungen, wo andere einfach nur einen Farbklecks erkennen. Aoi begleitet Beerdigungszeremonien, hat das Geschäft von seinen Eltern übernommen und lebt in einer gänzlich anderen Welt. Als Mio und Aoi sich begegnen, geschieht dies nicht ohne Grund, denn ihre Begegnung war kein Zufall.

„Wo ein anderer einfach nur ein schlichtes Rot sah, kannte Mio von einem Farbton mindestens zehn verschiedene Abstufungen. Und sie alle mit einem einzigen Wort zu bezeichnen, erschien ihr ein Fehler.“ (Seite 20)

Nach ihrem Roman „Die Telefonzelle am Ende der Welt“ habe ich mich auf das neue Buch von Laura Imai Messina sehr gefreut. In einer schönen Sprache verstand es die Autorin, mir die fremde und faszinierende Kultur näherzubringen und mich stundenlang zu fesseln. Hierbei verwebte sie die Geschichten der beiden Hauptfiguren, sprang aber auch in die Vergangenheit und wieder zurück. Die Geschichte blieb dabei zurückhaltend und sehr ruhig, wer aufregende Erzählungen mag, der wird hier nicht fündig. Mich konnte das Buch gut unterhalten, ein paar Längen gab es zwar, aber das fand ich nicht schlimm, denn die vielen schönen Sätze entschädigten mich dafür, ich fühlte mich immer wieder versetzt in eine vergangene Zeit. Lesenswert!

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.05.2024
Blutige Stufen / Detective Robert Hunter Bd.12
Carter, Chris

Blutige Stufen / Detective Robert Hunter Bd.12


ausgezeichnet

Der Schauplatz des Mordes, an den Hunter und Garcia gerufen werden, entsetzt selbst die erfahrenen Ermittler, obwohl die beiden im Laufe ihrer Karriere bereits viele Grausamkeiten gesehen haben. Eine Tote hängt an der Decke, aufgespießt an einem Angelhaken, der ihr zu Lebzeiten von unten durch ihr Kinn getrieben wurde. Bei der Autopsie macht die zuständige Gerichtsmedizinerin eine verblüffende Entdeckung. Bevor die Suche nach der Täterperson Fortschritte machen kann, werden die Detektives zu einem weiteren Tatort gerufen. Die Mordserie hat nämlich gerade erst begonnen.

Beim vorliegenden Buch handelt es sich bereits um den zwölften Teil der gleichermaßen brutalen wie genialen Buchreihe mit Robert Hunter und dessen Partner Carlos Garcia. Ergänzt wird diese übrigens durch eine Novelle mit dem Titel „One Dead: Der erste Fall für Robert Hunter“, die allerdings nur als E-Book erschienen ist. Diese Serie ist nichts für sensible Menschen, handelt sie von der Ultra Violent Crimes Unit des LAPD, kurz UV-Einheit genannt, die für die blutigsten und brutalsten Fälle zuständig ist. Die Taten werden ausführlich beschrieben, beschönigt wird dabei wirklich nichts. Dies geschieht immer in allen Einzelheiten, sodass sich der Leser oder die Leserin ein umfassendes Bild machen kann, was für manche Person kaum zu ertragen sein könnte. Jedes Buch kann unabhängig voneinander gelesen werden, wichtige Informationen werden immer wieder eingestreut, sodass sich ein ausreichendes Gesamtbild ergibt.

Das erste Kapitel gab mir bereits einen kleinen Vorgeschmack darauf, was mich erwarten wird. Um mich auf die Folter zu spannen, folgte zuerst eine kleine Ablenkung, bis es dann endlich losging. Ich konnte kaum glauben, was ich da las, denn obwohl ich nicht zart besaitet bin, gab es bereits bei diesem Tatort einen Moment, als meine Hand sich hob, um mein Gefühl des Ekels zu unterdrücken. WTF?! Meisterlich verstand es der Autor, jede kleinste Einzelheit zu benennen und so zu beschreiben, dass keine Frage offen blieb. Faszinierend und abstoßend war dies. Die Ermittlungen erstreckten sich in viele Richtungen, mit seinem großartigen Schreibstil führte mich Chris Carter durch eine Geschichte, die unglaublich komplex, aber eben auch ungemein brutal war. Das Weglassen bestimmter Kleinigkeiten führte neben der permanenten Spannung dazu, dass ich voller Ungeduld darauf gewartet habe, erlöst zu werden, indem mir diese verraten werden. Einige überraschende Wendungen gaben der Story eine zusätzliche Würze, sogar als ich glaubte, die Auflösung zu kennen, riss Carter das Ruder rum und präsentierte einen Umweg, der es in sich hatte. Genial!

Diese Buchreihe begleitet mich seit vielen Jahren und meine Begeisterung bleibt von Buch zu Buch ungebrochen. Umso größer meine Freude, dass bereits in Kürze der nächste Teil erscheinen wird. Ich kann es kaum erwarten!

5 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.05.2024
Demon Copperhead
Kingsolver, Barbara

Demon Copperhead


ausgezeichnet

Demon Copperhead kommt in einem Trailer in den Wäldern Virginias zur Welt, seine Mutter ist frisch auf Entzug, der Vater tot. Die Vermieter wohnen nebenan, die Peggots sind wie eine Ersatzfamilie für den kleinen Jungen mit der großen Klappe und dem guten Herz. Als Demons Mutter stirbt, beginnt eine Odyssee für das Kind, das von einer Pflegefamilie zur anderen weitergereicht wird, immer wieder vergessen von einem System, das versagt, wo es eigentlich helfen soll. Letztendlich nimmt Demon es selbst in die Hand und macht sich auf die Suche nach seinem Glück, ohne zu ahnen, was das Schicksal noch alles für ihn bereithält.

„Er fragte mich nach meiner Bürde, und ich sagte: elf Jahre alt und keinen Cent in der Tasche, abgehauen von einem Ort, wo sich keiner einen Schei..dreck um mich kümmert, und jetzt gings zu einem anderen Ort, wo mich wahrscheinlich noch mehr davon erwartete.“ (Seite 302)

Angelehnt an die berühmte Geschichte David Copperfield von Charles Dickens folgte ich den Erzählungen von Demon, der keinen leichten Start ins Leben hatte, angefangen mit der Geburt auf dem Boden eines Trailers als Kind einer Junkiebraut. Der Ich-Erzähler hatte mich bereits auf den ersten Seiten für sich eingenommen, nüchtern und ungeschönt schilderte er die Einzelheiten seiner Kindheit, war sarkastisch, ironisch, aber nie verbittert, sondern immer voller Hoffnung, dass es anders sein könnte. Natürlich kam es anders, das Leben ist schließlich kein Ponyhof, allerdings hätte ich nicht damit gerechnet, wie schlimm es wirklich wurde.

„Wo beginnt der Weg in den Untergang? Das ist der ganze Sinn davon, das alles aufzuschreiben, hat man mir gesagt. Damit du dich mit einer Entscheidung auseinandersetzen kannst, die du mal getroffen hast. Oder die andere für dich getroffen haben. Die brutalen Kerle, die dein unschuldiges Herz verdorben haben, oder die vor ihnen, die deren unschuldige Herzen verdorben haben.“ (Seite 527)

Die erste Hälfte war dramatisch, traurig und erschütternd, es war kaum auszuhalten, was dem Kind geschah. Ich musste zwischendurch pausieren, weil es so schwer war, dem zu folgen, ohne eingreifen zu können. Als es einen Lichtblick gab, konnte ich es nicht glauben, habe genauso wie Demon gezweifelt, war skeptisch und auf der Hut. Mir brach das Herz, als ich las, wie schwer er es sich machte, weil er überzeugt davon war, kein Glück zu verdienen, wie er die nächste Grausamkeit erwartete, obwohl es gut war, wie es war. Ich habe mitgelitten, gebangt, gehofft und geweint, wollte so gerne, dass er rausfindet aus dem Sumpf der Armut, der Drogen und der Perspektivlosigkeit, die sie alle umgab. Dieser Weg war nicht einfach, aber ich bin ihn mitgegangen und darüber sehr froh, selten ging mir eine Figur so nah.

Ein großartiger Roman über Familie und Freundschaft, Liebe und Hass, aber auch über die Hoffnung auf eine bessere Welt. Große Leseempfehlung!

9 von 9 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.05.2024
Der Tod spielt auf der Luisenburg
Eckstein, Yvette

Der Tod spielt auf der Luisenburg


gut

Auf der Freilichtbühne finden die Luisenburg-Festspiele statt, als mitten am Abend einer der Hauptdarsteller vor dem Publikum auf der Bühne stirbt. Kriminalkommissarin Klara Stern, die in der Vorführung sitzt, ruft sofort ihren Chef, den Kriminalhauptkommissar Johann Kranzfelder, an, weil sie ein Verbrechen vermutet. Die Ermittlungen in der Theaterszene kommen nur langsam voran, was beide Ermittler frustriert. Dazu kommt, dass sie mit dem unbeliebten Kollegen Fridolin Himmelreiter und dessen Protegé Sebastian Mayer zusammenarbeiten müssen.

Dies ist der zweite Band der Krimireihe mit dem ungewöhnlichen Duo Stern und Kranzfelder. Den ersten Teil mit dem Titel „Wen die Specht holt“ fand ich seinerzeit sehr unterhaltsam, sodass ich gespannt war, wie es mit den beiden Ermittlern weitergeht. Man muss den Vorgängerband nicht unbedingt gelesen haben, um zurechtzukommen, aber vom Lesen in der falschen Reihenfolge würde ich dringend abraten, da im vorliegenden Buch einiges verraten wird, was den ersten Fall und auch das Privatleben der ermittelnden Personen angeht.

Das vorliegende Buch zog mich nur langsam in die Geschichte rein und leider blieb diese zudem überwiegend sehr blass. Ich hatte das Gefühl, permanent zwischen der Freilichtbühne, dem Präsidium und einem Esslokal zu pendeln, die Kommissare mögen dabei durchaus witzig gewesen zu sein, aber von einer richtigen Ermittlung war dies alles weit entfernt. Die Zeugen und auch die Verdächtigen benahmen sich seltsam, um nicht zu sagen kurios, so wirklich ernst genommen hat hier keiner den anderen. Erst im letzten Drittel kam etwas mehr Bewegung rein, wurden die Akteure plötzlich alle lebhaft. Die Auflösung war schlüssig, aber unspektakulär, eine echte Überraschung war das Ende für mich leider nicht. Insgesamt ein schwächerer zweiter Teil, der sich in der Fortsetzung hoffentlich wieder steigern wird.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.