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American Dirt
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Jeanine Cummins: American Dirt

Spektakulär ist schon die Vorgeschichte dieses Buchs: Mehrere große Verlage übertrumpften sich gegenseitig mit bis zu siebenstelligen Geboten für das Manuskript der noch recht unbekannten Autorin Jeanine Cummins. Zur Veröffentlichung warteten namhafte Autor*innen und Medien mit Lobpreisungen auf. Don Winslow stellte „American Dirt“ gar auf eine Stufe mit dem Klassiker „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Der Roman schnellte in den US-Bestsellerlisten an die Spitze und löste eine anhaltende, rege Diskussion aus. Die brisante Geschichte eines Mutter-Sohn-Duos auf der Flucht durch Mexiko trifft den – höchst gespannten – Nerv der Zeit. Nun erscheint „American Dirt“ als erster von Jeanine Cummins‘ Romanen auf Deutsch.

Aufsehenerregend ist bereits die verstörende Eingangsszene: Haarscharf verfehlt die durchs Fenster schnellende Kugel den Kopf des achtjährigen Luca, als er auf einer Familienfeier gerade zur Toilette geht. Einen Augenblick darauf kauert er mit seiner Mutter Lydia in der Dusche. Dort harren die beiden bewegungslos aus, während vor der Tür alle Menschen, die sie lieben, von den Handlangern des Kartells „Los Jardineros“ hingerichtet werden. Wie durch ein Wunder bleiben sie unentdeckt. Als die Polizei eintrifft und halbherzig die Spuren sichert, ist Lydia längst klar, dass sie in Acapulco keinen Moment mehr sicher sind. Irgendwie muss sie es schaffen, ihren Sohn unerkannt zum entfernten Onkel in die USA, nach „el norte“, zu bringen – koste es, was es wolle.

Ohne sich von ihrem Mann, ihrer Mutter oder den 14 anderen Opfern des Massakers verabschieden zu können, bricht Lydia zu einer Flucht auf, deren Gefahren und Abgründe sie kaum erahnen kann. Das erste Stück des Wegs legt sie mit Luca in wechselnden Bussen zurück. Aber jede der unberechenbaren Straßensperren könnte ihr Aus bedeuten. Mexico City wird zur Sackgasse, als weder die Autobahnen noch …mehr
Autorenporträt
Die Amerikanerin Jeanine Cummins wurde in Spanien geboren. Nach zehn Jahren im Verlagswesen kehrte sie der Branche den Rücken, um ausschließlich als Autorin zu arbeiten. Gleich ihr erstes Buch, ein Memoir, in dem sie ihre eigene tragische Familiengeschichte verarbeitete, wurde ein durchschlagender Erfolg und zum New-York-Times-Bestseller. Jeanine Cummins lebt mit ihrer Familie in New York.
Interview mit Jeanine Cummins zu „American Dirt”

In diesen schwierigen Zeiten ist Lesen eine der besten Beschäftigungen. Was haben Sie zuletzt gelesen?

Jeanine Cummins:
Ich war schon immer eine unersättliche Leserin, aber durch die Pandemie lese ich sogar noch mehr als gewöhnlich. Gedichte tun mir derzeit besonders gut, zum Beispiel von Mary Oliver und Maya Angelou. Dazu kommen Romane. Zuletzt habe ich „Afterlife“ von Julia Alvarez beendet, einen wunderschönen, herzzerreißenden Roman. Ich saß morgens im Sonnenschein da und mir liefen die Tränen – es hatte auch etwas Reinigendes. Außerdem las ich kürzlich Oyinkan Braithwaites Buch „Meine Schwester, die Serienmörderin“, das für mich der perfekte Quarantäneroman ist: gleichzeitig klug und lebendig, lustig und düster, es passiert viel Unerwartetes und ist leicht zu lesen.

Ihre Heldin Lydia führt einen Buchladen in Acapulco. Würden Sie ebenfalls gern einen solchen Laden besitzen?

Jeanine Cummins:
Nie im Leben! Buchhändler*innen arbeiten sehr schwer – für einen eigenen Buchladen bin ich zu faul. Tatsächlich würde ich sehr gern einen kleinen Buchladen besitzen, allerdings nur, wenn jemand kluges und engagiertes die Leitung übernimmt. Buchhändler*innen haben auf stille Weise etwas Heldenhaftes an sich. Denn Buchhandlungen sind oft extrem wichtig für die Nachbarschaft, ein Ort zur Verteidigung der Meinungsfreiheit in unserer Kultur. Wer einen Buchladen führt, ist Therapeut*in, Sanitäter*in, Wachhund und Aktivist*in. Das erfordert eine große Hingabe und viel Kreativität. Ich tauge eher dazu, Buchhändler*innen zu bejubeln, als selbst eine Buchhändlerin zu sein. Ich bleibe beim Schreiben.

Unglücklicherweise kann Lydia ihren Laden nicht behalten. Stattdessen durchlebt sie einen Albtraum, als ihre Familie gelyncht wird und sie mit ihrem kleinen Sohn in Richtung USA flüchten muss. Können Sie Ihre Reise mit diesem Buch – von der Idee über die Recherche bis zur Veröffentlichung – beschreiben?

Jeanine Cummins:
Ja, auch die Arbeit an diesem Buch war ein weiter Weg. 2013 begann ich mit dem Schreiben, das fünf Jahre dauerte. Ich verbrachte viel Zeit in Mexiko. Dort besuchte ich Flüchtlingsunterkünfte, Waisenheime oder Suppenküchen und sprach mit vielen Geflüchteten sowie Menschen, die sie unterstützen. In der Zeit schrieb und verwarf ich zwei Entwürfe. Ich wollte schreiben, ohne die Perspektive einer Migrantin oder eines Migranten als Protagonist*in einzunehmen. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob ich das tun sollte, ob ich nicht an meine Grenzen als Schriftstellerin stoßen würde. Als sich schließlich Lydia zur Hauptfigur entwickelte, steckte ich bereits seit dreieinhalb Jahren in der Recherche. Ich kannte längst meine Figuren und die Geschichte, die ich erzählen wollte. Nachdem ich endlich auch die Stimme gefunden hatte, ging das Schreiben sehr schnell – wie in einem Rausch.

Wie schafften Sie es, schöne und tröstende Momente in diese erschütternde Geschichte einzubauen?

Jeanine Cummins:
Ich empfinde es so, dass sie unbedingt und grundlegend zum Wesen von Trauma dazugehören. Traumata sind nicht isoliert, sondern eingebettet in ein ganzes Menschenleben. Freundlichkeit und Unversehrtheit, die einem zum Zeitpunkt des Traumas entgegengebracht wird, ist in meiner Erfahrung nicht nur ein Rettungsring, sondern gerade der Moment, in dem das Trauma erst real wird – und ein Weiterleben möglich. Bei meiner Recherche erlebte ich immer wieder erstaunlichen Mut und gegenseitige Großzügigkeit auf der Flucht. Und da sie so verbreitet waren, schienen sie ganz normal zu sein. Dass die Menschen wie selbstverständlich aus Mitgefühl handelten, beeindruckte mich – und mir war klar, dass das Erzählen solcher Momente grundlegend für die Wahrhaftigkeit meines Romans über die Fluchterfahrung war.

„American Dirt” ist bereits ein Bestseller und wird kontrovers diskutiert. Was überraschte Sie bei den vielfältigen Reaktionen auf Ihr Buch am meisten?

Jeanine Cummins:
Alles bei dieser Veröffentlichung überraschte mich! Es war mein viertes Buch, und ich erwartete ähnliche Reaktionen wie bei meinen letzten Büchern – also nur wenige. Ich freute mich einfach, einen Verlag gefunden zu haben. Nie hätte ich vorhersehen können, dass mein Roman so viel Lob und auch so viel Hass ernten würde. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass er weltweit in unzähligen Übersetzungen erscheinen würde. Ich habe es für eine sehr persönliche Angelegenheit gehalten, meine Stimme einem Thema geben, das mir am Herzen liegt, und mich ihm für mich allein lernend und arbeitend zu widmen. Als eine Schriftstellerin tue ich das nur, weil mein Herz davon berührt ist. Umso besser, wenn das Ergebnis meiner Arbeit Menschen dazu bewegt, sich auf einer persönlicheren Ebene mit Migration zu beschäftigen. Und noch besser, wenn sie sogar wichtige Themen, an die ich gar nicht dachte, diskutieren.

Die Produktionsfirma Imperative Entertainment hat sich bereits die Filmrechte an „American Dirt“ gesichert. Was erhoffen Sie sich von der Verfilmung?

Jeanine Cummins:
Es ist wie bei meinem Buch: Ich wünsche mir, dass sich das Publikum in die Situation der Geflüchteten versetzen und Mitgefühl entwickeln kann. Flucht und Migration sind die brennenden Themen unserer Zeit – und dennoch fehlt es an Mitgefühl und Vorstellungsvermögen unter den Privilegierten auf dieser Welt.

Es heißt, Ihr nächstes Buch spielt in Puerto Rico. Welchen Themen werden Sie sich widmen?

Jeanine Cummins:
Es war ein Fehler, jemandem zu verraten, dass ich über Puerto Rico als Setting nachdenke. Bisher habe ich damit noch nicht begonnen. Tatsächlich fühle ich mich zu Geschichten hingezogen, die sich um Fragen der sozialen Gerechtigkeit drehen, und in Puerto Rico geschehen derzeit große Ungerechtigkeiten, zum Großteil durch die Regierung der Vereinigten Staaten, Ungerechtigkeiten, die der Mainstream mehr oder weniger ignoriert. Nach dem Hurrikane Maria bekam das Thema in den USA kurz etwas Aufmerksamkeit, zu kurz. Irgendwann will ich einen Roman über die rücksichtslose Wirtschafts- und Sozialpolitik der USA schreiben, die diese Insel weiter kolonisiert. Wenn es nach meinem Mann ginge, würde ich stattdessen über Regenbogen und Einhörner schreiben.

Interview: Literaturtest, 2020