Krimishop
Freedom's Child
14,99 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Vergriffen, keine Neuauflage
Wie wunderbar, dass es beim Lesen immer wieder Entdeckungen gibt. "Freedom's Child" von Jax Miller ist so eine Entdeckung - prall, böse, tolle Figuren, ein wilder Ritt durch eine klasse erzählte Geschichte. Die Geschichte von Freedom Oliver. So nennt sie sich, aber das ist nicht ihr richtiger Name. Der lautet Nessa Delaney. Seit sie im Zeugenschutzprogramm ist, lebt Freedom - Markenzeichen: loses Mundwerk, raucht, flucht, trinkt - inkognito in einem öden Kaff und arbeitet hinterm Tresen einer Rockerkneipe. Die liegt neben einem billigen Stundenhotel, an dem sich die "Ladys" vor dem andauernden Regen unter dem Vordach der Rezeption drängeln. Gerade kam ein neues Mädchen, "blond, vielleicht sechzehn. Sie hat leuchtende Augen, ist noch nicht lang genug im Geschäft. Wird sich bald ändern [...]." Freedom hat ein Auge auf die Kleine, denn Freedom weiß sich zu wehren. Ein bisschen Tabasco in der hohlen Hand soll Wunder wirken gegen aufdringliche Biker ...

Ein Kaff, verseucht von Crystal Meth, und eine Heldin mit dunkler Vergangenheit

Das Kaff heißt Painter, Oregon - Crystal Meth verseucht hier die Köpfe und lässt die Zähne faulen. Freedom's Droge aber ist der Alkohol. Der hilft ihr, den Schmerz zu ertragen, wenn sie in ihrem schäbigen Apartment sitzt und an ihre Kinder denkt: Ethan und Layla. Die heißen schon lange Rebekah und Mason, wuchsen bei einer anderen Familie auf. Ethan und Layla gehören zum alten Leben, einer Ehe mit Mark vom Delaney-Clan. Deren Oberhaupt war und ist "Ma" Lynn Delaney - eine Vierteltonne Speck Lebendgewicht, meist zugedröhnt mit einer Mischung aus Xanax und Cabernet, mit fünf Söhnen, von denen sie vier nach den Evangelisten (Mark, Luke, John und Matthew) benannt hat. Leider sind die vier ganz und gar nicht heilig geraten. Einzig Sohn Nummer fünf, Peter, war ein Lichtblick für Freedom, als sie sich noch nicht verstecken musste. Peter, "der im Rollstuhl, der mit der Zerebralparese, den alle …mehr
Autorenporträt
Jax Miller ist New Yorkerin mit irischen Wurzeln, erst 28 und gilt als herausragendes Talent. Ihr erstes Buch stand auf der Shortlist für den CWA Debut Dagger. Ihr richtiger Name ist Aine O’Domhnaill.
Interview Jax Miller, "Freedom's Child"

Ihre Hauptfigur in "Freedom's Child" nennt sich Freedom Oliver, aber das ist nicht ihr richtiger Name. Sie lebt unter falscher Identität in einem Zeugenschutzprogramm. Was für Geheimnisse hat Freedom?

Jax Miller: In ihrem früheren Leben war Freedom Oliver Nessa Delaney. Was niemand wissen soll und was sie selbst zu vergessen versucht: Ihr zweiter Vorname war damals "Ärger". Zu diesem Ärger gehörten ihr Ehemann, den sie schließlich umbrachte, seine drei Brüder und seine 300 Kilo schwere, mit Koks dealende Mutter. Unter diesen Umständen hat sie zwei Kinder zur Welt gebracht, die sie anschließend zur Adoption freigeben musste, was sie in den folgenden 18 Jahren immer bedauert hat. Ach ja, und auch die Popkultur der 1980er-Jahre würde sie gerne hinter sich lassen.

Freedom lebt in Painter, Oregon, einer traurigen Stadt, voll von Dreck, Regen und Crystal Meth. Sie arbeitet in der Spelunke Whammy Bar und ihre Gäste dort sind fette Biker, die ihr in den Ausschnitt glotzen. Außerdem hat sie ein Alkoholproblem und es scheint, als hätte sie mit ihrem Leben abgeschlossen, keine Träume mehr. Doch dann verschwindet ihre Tochter Rebekah - sie musste sie zur Adoption freigeben - und alles in Freedoms Leben verändert sich. Wer hat es auf Freedom abgesehen?

Jax Miller: Das sind die Söhne der bereits erwähnten Lynn Delaney, die sie geschmackloserweise Matthew, Mark, Luke und John genannt hat, also nach den vier Evangelisten im Neuen Testament. Die Jungs wollen nur eins: Rache. Freedom soll dafür büßen, dass sie mit dem Mord an ihrem Ehemann Mark davongekommen ist und an ihrer Stelle Matthew in den Knast wanderte. Und zu allem Überfluss will auch noch die Matriarchin der Familie, Lynn, endlich ihre mittlerweile erwachsenen Enkel kennenlernen - koste es, was es wolle.

Ihre Beschreibungen der unterschiedlichsten Milieus in "Freedom's Child" sind fantastisch - egal ob die kriminelle frühere Familie von Freedom, sogenannter White Trash, oder die religiösen Eiferer dieser Kirche. Sind Sie einfach ein besonders empathischer Mensch und können sich überall hineindenken und fühlen oder wie haben Sie zu diesen Milieus recherchiert?

Jax Miller: Nun, der Delaney-Clan stammt aus derselben Stadt wie ich, aus Mastic Beach im Bundesstaat New York. Den Ort gibt's also wirklich. Wir kommen aus einem Viertel, das von Drogen und Kriminalität geprägt ist, von daher musste ich mich nicht groß anstrengen, um diese Leute zu erfinden. Wie auch im Buch beschrieben, konnte man da wunderbar aufwachsen, aber dann ging es ziemlich rasant bergab, durch viele Sexualstraftäter, Gangs aus New York und natürlich die ganzen Heroinabhängigen.

Was den religiösen Kult angeht, so habe ich tatsächlich einige Zeit in Goshen in Kentucky verbracht, wo sich das Ganze ja in meinem Buch abspielt. Aber anders als beiMastic Beach habe ich bei Goshen ziemlich dick aufgetragen. Eigentlich ist das ein hübscher kleiner Ort, in dem Pferde gezüchtet werden, ganz in der Nähe von Louisville, für das ich eine Schwäche habe. Persönlich habe ich noch nie mit irgendwelchen Kulten zu tun gehabt, aber natürlich gibt es Menschen, die sehr religiös sind, und das ist ja auch in Ordnung. Ich habe mich einfach entschieden, das zu überzeichnen und aus etwas eigentlich Friedlichem etwas Furchteinflößendes zu machen.

Recherchieren in kulturellen Fragen musste ich eigentlich nur zu den amerikanischen Ureinwohnern, weil ich das für einige Szenen brauchte. Das hat sehr viel Spaß gemacht, ich finde diese Kultur unglaublich faszinierend.

Ebenso ein Lesevergnügen sind die unterschiedlichen Figuren wie z. B. Peter, Rollstuhlfahrer und bester Freund von Freedom, oder Officer Mattley. Unser Favorit, neben Freedom natürlich, ist Peter. Haben Sie auch einen Lieblingscharakter?

Jax Miller: Peter ist auch meine Lieblingsfigur :) Da steckt ein bisschen von meinem Schwager Roger drin, der an der Motoneuron-Krankheit leidet und deswegen im Rollstuhlsitzt, aber auch von Walter White Jr. aus "Breaking Bad" - beide sehen sich sogar ein bisschen ähnlich. Peter ist der Freund, den wir uns alle wünschen: loyal, liebenswürdig, und vor allem kann er Geheimnisse bewahren. Was ihm körperlich vielleicht fehlt, macht er durch seinen Anstand und seine Würde wett. Wenn es ihn wirklich gäbe, wäre er mein bester Freund.

"Freedom's Child" ist Ihr Debüt. Wie kamen Sie zum Schreiben und wann war der erste Moment, als Sie sich hingesetzt haben, um zu schreiben in der Gewissheit, eine Autorin zu sein?

Jax Miller:Ich bin durch einen Betreuer zum Schreiben gekommen. Er hat mich dazu ermutigt, als ich eine ziemlich schwere Zeit durchmachte. Das ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte, denn er zuckte jedes Mal zusammen, wenn ich derbe Ausdrücke verwendete, und das war nicht gerade selten. Er meinte, ich sollte Tagebuch schreiben, aber ich schreibe nicht gerne über mich selbst. Stattdessen habe ich eine Geschichte geschrieben, die später Teil meines ersten, unveröffentlichten Romans "The Assassin's Keeper" wurde. Und ich war dann natürlich doppelt überrascht, als er mir sagte: "Das ist echt das Geilste, was ich je gelesen habe!" Das war wahrscheinlich genau die Bestätigung, die ich brauchte, und seitdem habe ich einfach immer weitergeschrieben. Später wurde mir dann klar, dass ich nur durch Schreiben und Beten meine Dämonen in Schach halten und ein bisschen Frieden finden konnte.

Bewusst als Autorin habe ich mich noch nie zum Schreiben hingesetzt. Ich habe mich auch noch nicht daran gewöhnt und denke, dass ich diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdiene. Ich habe ja keinen Schulabschluss und konnte ziemlich viele der üblichen Probleme umgehen, indem ich Buch-Deals zubekommen versuchte. Ichschreibe, weil ich muss und weil es Folter für mich wäre, es nicht zu tun. Und so gefällt mir das auch ganz gut.

Wie fühlt sich das an,wenn das eigene Buch in viele Sprachen übersetzt wird, in anderen Ländern erscheint? Was für Hoffnungen macht das oderwas für Erwartungen daran haben Sie?

Jax Miller: Ich kann das immer noch gar nicht glauben. Eigentlich hätte ich durchaus auch schon tot sein können, und plötzlich bin ich Himmel. Das übersteigt bei Weitem alles, was ich mir je für mein Leben erträumt habe. Ich fühle mich geschmeichelt und geehrt.

Was fasziniert Sie am Krimigenre und warum sind Krimis aktuell so unglaublich erfolgreich?

Jax Miller: Als ich zwölf war, wollte ich wie mein Großvater sein (er ist in der Widmung des Buchs mit "To The Boss of The City" gemeint). Er las damals "Helter Skelter", den berühmten Kriminalroman über Charles Manson und seinen Kult. Also habe ich das auch gelesen, obwohl das ja nun weiß Gott nichts für Zwölfjährige ist. Und seitdem liebe ich einfach Krimis.

Vielleicht sind Krimis deswegen so erfolgreich, weil sie "sicher" sind: Sie vermitteln das aufregende Gefühl der Gefahr, ohne dass wir ihr wirklich nahe kommen oder Angst haben müssten, dass sie uns betrifft. Und sie gewähren uns Einblicke in normalerweise sehr private Bereiche, sei es aus der Perspektive eines Ermittlers oder sogar eines Mörders. Das gibtuns Zugang zu einer faszinierenden Welt, den wir normalerweise nicht haben.

Sie lieben Filme und Comics. Irgendwelche Tipps für uns?

Jax Miller: Was Comics angeht, verschlinge ich alles von Alan Moore - in meinen Augen kann der Mann einfach nichts falsch machen, und ich bin froh, dass die Comickultur in den letzten Jahren so aufgeblüht ist.

Bei den Filmen und Fernsehsendungen gehören "Die Verurteilten", "The Crow - Die Krähe" und "Trainspotting" zu meinen Allzeitfavoriten, und die Novelle, die Comicserie und den Roman, auf denensie basieren, sollte man auch lesen. "Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia", "Pans Labyrinth", "Road to Perdition", "American Beauty" ... Seit 1989, da war ich vier, gehe ich an jedem Wochenende ins Kino. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich schreibe, und dafür bin ich meinem Vater sehr dankbar. Ich liebe alles von Martin Scorsese, Christopher Nolan, Quentin Tarantino und Guillermo del Toro.

Auch das Fernsehen ist eine wunderbare Quelle. "Oz", "Breaking Bad" und "Sons of Anarchy" sind wunderbar. Ach, ich könnte noch stundenlang weiter darüber reden, wenn Siemich nicht davon abhalten ...

Welches Buch liegt zurzeit auf Ihrem Nachttisch und wartet darauf, gelesen zu werden?

Jax Miller: Mein Nachttisch ist gar nicht groß genug für meine Leseliste ... Ich würde zum Beispiel gerne endlich die Harry-Potter-Bücherlesen - wahrscheinlich bin ich die Einzige auf der Welt, die das noch nicht getan hat. Aber ich freue mich schon total darauf - wie ein Kind auf Weihnachten.

Und zuletzt die Frage: Woran arbeiten Sie aktuell?

Jax Miller: Der Arbeitstitel heißt "This Neckof The Woods". Das Buch spielt in den frühen 1990er-Jahren in der ländlichen Küstengegend von Virginia. Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Tochter eines Mannes, der als Serienmörder verurteilt wurde. Um nicht in eine Pflegefamilie zu kommen, flüchtet sie zum besten Freund ihres Vaters, einem Drogenboss aus Mexiko. Von dort versucht sie, den brutalen Mord an ihrer Zwillingsschwester zu rächen und die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, selbst wenn das ihr Leben kosten sollte. Die Geschichte erstreckt sich über 25 Jahre und spielt in zwei Ländern - und bietet jede Menge Teenagerängste, mexikanische Kartelle und Krabbenpuffer.

Interview Jax Miller: Ulrike Bauer, Literaturtest