Wie viele junge Mädchen ist Katriona klug, neugierig und zukunftsfroh. Wie immer mehr Mädchen wächst sie in Armut auf. »Hosenpisserin« wird sie in der Grundschule von ihren Klassenkameradinnen genannt. Weil sie stinkt. Weil es bei ihr zu Hause keine Seife und keine Handtücher gibt. Armut beschämt und macht einsam. Und Armut bedeutet auch Armut an Sicherheit. Mit fünfzehn wird Katrina schwanger und obdachlos. Mit der Hilfe von zwei Lehrerinnen und einem Sozialarbeiter schafft sie dennoch den Aufstieg von ganz unten. Heute ist sie eine vielfach ausgezeichnete Psychologin und Aktivistin. »Working Class Girl« erzählt davon, was es bedeutet, alltäglich in existenzieller Armut zu leben. Und von unbedingter Solidarität und Hoffnung.
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Working Class Hero(in)
Lana aus Wien am 27.02.2026
Bewertungsnummer: 3060075
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Working Class Girl ist keine klassische Aufstiegsgeschichte. Es ist ein Buch, das weh tut und genau deshalb so wichtig ist.
Catriona O'Sullivan erzählt von ihrer Kindheit in extremer Armut mit einer schonungslosen Ehrlichkeit, die stellenweise kaum auszuhalten ist: drogenabhängige Eltern, Vernachlässigung, sexuelle Gewalt im eigenen Zuhause und ein Umfeld, das Kinder nicht schützt, sondern ihr Überleben dem Zufall überlässt.
Besonders erschütternd ist nicht nur das Erlebte selbst, sondern die Normalität, mit der Gewalt und Verwahrlosung hingenommen werden. Momente wie die Reaktion ihrer Mutter auf einen sexuellen Übergriff als Katriona nur ein kleines Kind war — nicht Empörung, sondern Resignation — machen wütend und zeigen brutal, wie tief soziale und emotionale Verwahrlosung greifen kann.
Gleichzeitig erzählt dieses Buch von Menschen, die Biografien verändern können: Lehrer:innen, die hinschauen, fördern und einem Kind erstmals vermitteln, dass es Wert besitzt. Freund:innen, die nicht verurteilen und befreundet sind, nicht wegen dem was man hat, sondern wegen dem wer man ist. Gerade diese Figuren machen deutlich, wie wenig manchmal nötig wäre, um Lebenswege zu verändern — und wie selten es geschieht.
Was dieses Memoir besonders stark macht, ist O'Sullivans radikale Selbstreflexion. Sie idealisiert weder sich noch ihren Weg. Sie spricht offen über Fehlentscheidungen, Überforderung als junge Mutter und den Versuch, verlorene Freiheit nachzuholen. Dadurch entsteht kein Held:innennarrativ, sondern ein zutiefst menschliches Portrait.
Das Buch entlarvt zugleich den Mythos des „Man muss nur hart genug arbeiten“. O'Sullivans akademischer Aufstieg wirkt gleichermaßen realistisch wie außergewöhnlich — fast unmenschlich hart erkämpft. Erfolg erscheint hier nicht als logische Folge von Fleiß, sondern als seltene Ausnahme trotz struktureller Barrieren.
Am Ende bleibt weniger Hoffnung als eine stille Traurigkeit darüber, wie stark Herkunft Chancen bestimmt. Und dennoch auch Bewunderung für eine Frau, die es geschafft hat, sich selbst neu zu definieren.
Ein schwer verdauliches, aber immens wichtiges Buch, das lange nachhallt und den Blick auf Klassismus und soziale Ungleichheit nachhaltig verändert.
So bewegend
MarieOn am 23.10.2025
Bewertungsnummer: 2634096
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Im Krankenhaus gab der Arzt Tony zu verstehen, dass er, wenn er jetzt gleich aufhörte, diesen Kampf noch für sich entscheiden könne. Tony selbst glaubte, er müsse einfach nur ein bisschen weniger rauchen. Ein Jahr später war er tot. Katrionas Vater war süchtig nach allem. Zigaretten, Alkohol. Heroin und Frauen.
Was in seinen ersten fünf Lebensjahren passiert war, wissen sie nicht. Er wurde von einem kinderlosen Paar adoptiert. Jim und Mary O´Sullivan. Jim war Buchhalter und Mary Hausfrau. Sie hatten ein schönes, friedliches Zuhause und Tony alles, was er brauchte, einschließlich einer guten Schulbildung. Als Jugendlicher rebellierte er und nahm gelegentlich leichte Drogen. Er wurde Tennis-Champion und man bot ihm einen Platz am Trinity College an. Er aber lehnte ab, ging nach England, verkaufte kleine Bilder an Haustüren und lernte Katrionas Mum kennen. Nur wenige Jahre später lebten sie mit fünf Kindern in unvorstellbarem Elend und zogen sich alles rein, was sie kriegen konnten.
Katriona war sechs, als sie ihren Vater leblos in seinem vollgekotzten und vollgepissten Bett liegen sah. Die Jeans war bis zu den Knöcheln runtergezogen, in seinem Fußgelenk eine Kanüle. Sie rief nach ihrer Mum Tilly, aber die war nicht da. Stattdessen kam Jimmy, ein Fixerfreund der Familie, die Treppe hoch gerannt, sah, was Katriona sah und rief die Sanitäter. Die waren nach ihrer Ankunft wenig motiviert, blickten herablassend auf die Szene und ließen sich Zeit beim Verladen Tonys. Da hatte sie schon gespürt, dass sie Abschaum waren.
Fazit: Katriona O´Sullivan hat ihre besondere Lebensgeschichte erzählt. Sie wuchs mit vier weiteren Geschwistern bei ihren drogenabhängigen Eltern in England auf. Sie hat die passenden Worte gefunden, um den Leidensdruck der Eltern und das Elend der verwahrlosten Kinder zu zeigen. Im Elternhaus gingen zahlreiche weitere Süchtige ein und aus. Sie lungerten benebelt auf den Sofas rum. Die Kinder hatten keine Rückzugsmöglichkeiten. Die Verwahrlosung betraf nicht nur die Kinder, sondern das ganze Haus. Handtücher waren feucht und schmutzig, Seife nicht vorhanden, von Unterwäsche ganz zu schweigen. Der Kühlschrank war meistens leer. Überall leere Flaschen und Zigarettenkippen. Die Schilderungen der Autorin beziehen sich aber nicht nur auf die Dramen, sondern auch auf den familiären Zusammenhalt. Die seltene Hilfe, die ihr von außen durch eine Lehrerin und später einen Sozialarbeiter zugutekam. Die bittere Wahrheit ist allerdings auch, dass Nachbarn und Jugendamt wegsahen. Katriona entwickelte sich zu einer klugen und charakterstarken jungen Frau, aber der familiäre Hintergrund hing an ihr wie eine Klette. Das würdelose Aufwachsen, das schulische Mobbing torpedierten ihren Selbstwert so lange und nachhaltig, dass sie sich in entscheidenden Momenten immer wieder selbst sabotierte. Erst durch hartnäckige fremde Hilfe und kleine Erfolge schaffte sie eine verlässliche Eigenständigkeit. Die Geschichte ist wirklich hart, krass und grausam und kaum nachvollziehbar. Und doch muss ich sagen, dass die Autorin mir ihre ganze Tragödie nahebringen konnte. Ich war wütend, erschrocken, angewidert, habe gehofft und geweint. Ich habe mich auf das eingelassen, was Katriona zu sagen hat und musste ihr weiter folgen, weil ich sehen wollte, dass sie es trotzalledem schafft.
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