Alles beginnt im Führerbunker. Der Krieg ist verloren, die Strippenzieher klammern sich an das letzte Fünkchen Hoffnung. Auch mit dabei: Werner Naumann, von dem Hitler sich unmittelbar vor seinem Selbstmord verabschiedet mit den Worten: „Ich setze auf Sie, dass Sie diesen Bunker verlassen und den nationalsozialistischen Geist nach draußen tragen. Sie müssen die Leute, die uns nicht verraten haben, zusammenbringen und sollten alles dafür tun, ein Netzwerk zu knüpfen!“ Der Krieg ist für die Deutschen endgültig verloren, Naumann gelingt als einem der wenigen die Flucht. Er taucht unter, lebt in der Illegalität, geschützt von alten Kameraden. Schon bald beginnt er, seine Fühler auszustrecken und nach Verbündeten zu suchen. Er plant, wieder in die Politik einzusteigen.
In Hans-Peter de Lorents gründlich recherchiertem Tatsachenroman werden die Entwicklungen nach Kriegsende beleuchtet, im Vordergrund stehen Naumanns Untertauchen und seine neuen politischen Bestrebungen. Ein wichtiges und anschauliches Buch, das zum Hinterfragen auffordert.
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Immer wieder aufs Neue unfassbar unbegreiflich
Bewertung aus Alfter am 12.09.2025
Bewertungsnummer: 2594577
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es ist nicht mein erstes Buch über das 3. Reich, seine letzten Tage, über eine Nazi-Größe bzw. einen Verbrecher, über den Untergang oder über die Schuldfrage des einzelnen, des Volkes, der Täter, der Mitläufer und der Wegseher. Aber dennoch ist mir das Gelesene bisweilen geradezu quälend und verstörend unbegreiflich. Wie viel Glück kann ein Mensch haben?
Unversehrt und unbehelligt in den allerletzten Kriegstagen aus dem Führerbunker entkommen, unentdeckt geflohen, unerkannt in die Nähe der Familie gelangt, aufgenommen, mit einem Job versorgt. Dann bald auf einem Karriereposten, Wohlstand, Aufstiegschancen, eine sich erneut anbahnende politische Karriere. Das ist das Leben eines der engen Vertrauten Goebbels, Werner Naumann, der von Goebbels und Hitler mit dem politischen Testament betraut wird, die Anhänger der Bewegung nach dem Untergang des 3. Reiches wieder zu sammeln, und der sich dieser Idee verschrieb bis fast zuletzt. Es ist unfasslich, wie es den ehemaligen Nazi-Größen, die das Ende des 3. Reiches überlebt hatten, in der jungen Bundesrepublik wieder Fuß zu fassen, und nicht nur das, wie sie wieder zu Geld, Einfluss und Ansehen kamen. Sie besetzten wichtige Ämter und Posten und hievten sich gegenseitig die Karriere- und Parteileiter hinauf. Wie standen sie zu dem allen, was die Nürnberger Prozesse zutage förderten von den dunklen Seiten des glorreichen 100jährigen Reiches, das zwar nur 12 Jahre Bestand hatte, aber einen Schaden anrichtete, der locker 100 Jahre währen kann. Alle haben von allem nichts gewusst, nur die Toten, die sich nicht wehren konnten, waren an allem schuld. Manchmal mag man es fast glauben, dass die großen Nazi-Schreibtischtäter, die den Krieg und die Judenvernichtung vom Reißbrett aus planten, keine wirkliche Vorstellungen von dem hatten, was sie da propagierten und anzettelten. Aber Nichtwissen(wollen) schützt vor Strafe nicht. Man könnte irre werden an der Frage nicht der Schuld, denn die ist klar, aber daran, wie jemand sich einer solchen Idee verschreiben kann so mit Haut und Haar, dass ihn nichts von den grauenvollen Kehrseite derselben erreicht. Oder war am Ende doch nur alles weinerliches Lippenbekenntnis von Männern, die zu feige waren, zu ihrer Schuld zu stehen, zu opportun auf ein neues Leben, eine zweite Chance zu bekommen, nur um es demselben Zweck zu widmen wie das erste?
Der Autor schreibt mit großer Sachkenntnis der großen Zusammenhänge und kleinen Details von den letzten Tagen im Führerbunker, über Neumanns Flucht, bis hin zu seinen Neuanfängen, begleitet von den Enthüllungen der Nürnberger Prozesse, und einer beginnenden politischen Karriere sehr nüchtern und sachlich, was der Thematik meines Empfindens nach sehr entgegen kommt. Dabei aber liest man zugleich gebannt und schockiert von den Ereignissen, den Zufällen und den Interessenslagen, die den einen in die Hände spielten, während anderen eine Form der Gerechtigkeit nicht zuteil wurde. Man muss wohl sagen, dass Naumann großes Glück gehabt hat, auf jeder Linie, dass er den amerikanischen Geheimdiensten zugegen kam und von der Lobbyarbeit ehemaliger Parteigenossen profitierte, die auf Generalamnestie drängten und davon profitierten, dass man einen deutschen Staat nicht hätte wieder aufbauen können, hätte man alle, die jemals in Berührung gekommenen sind mit der verheerenden Ideologie des 3. Reiches, zur Rechenschaft ziehen wollen.
Der Roman zeigt die Komplexität der Frage nach der Schuld und letztendlich die Unmöglichkeit absoluter Gerechtigkeit im Rahmen einer Geschichte, die sich ereignet, deren Verlauf aber nicht nach Gut und Böse urteilt, sondern dem Zufall oder dem Glück freien Lauf lässt.
Spannend, interessant und informativ
Bewertung aus Villingen-Schwenningen am 22.07.2025
Bewertungsnummer: 2546648
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich muss gestehen, mir war der Name Naumann im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus kein Begriff. Natürlich war mich hingegen Goebbels in diesem Kontext bekannt. Wem nicht ! Dadurch war meine Neugierde geweckt.
Der Roman beginnt mit den letzten Tagen im Führerbunker - Ende und Anfang zugleich . Die Lektüre hier war für mich eine Herausforderung, weil so viele Personen beteiligt waren, deren Namen und Positionen mir nicht geläufig waren. Sehr gut gefallen hat mir, dass in diesem Zusammenhang die Lebensläufe einzelner Personen wie Goebbels und seiner Frau Magda ausführlich dargestellt wurden. Das war informativ und ergab ein lebendiges Bild der Betroffenen. Was mich verstört hat, waren die Schilderungen der Ereignisse im Führerbunker. Das vehemente Leugnen der Realität. Die Propagandalügen Goebbels und auch Naumanns , die unnötige Menschenopfer zur Folge hatten. Die bedingungslose Treue und und das sklavische Festhalten an der Person Hitlers trotz der beginnenden Erkenntnis, dass er jeden Realitätsbezug verloren hatte.
Mit dem Selbstmord Hitlers beginnt die eigentliche Geschichte Naumanns, die mich über längere Passagen fassungslos und gegen Ende auch wütend gemacht hat. Naumann , erst entschlossen beim Führer bis zum Ende zu bleiben, erhält von diesem den Auftrag, die nationalsozialistische Ideologie in die neue Zeit zu tragen. Ihm gelingt die Flucht aus dem in Agonie liegenden Berlin und er kann sich über ein Jahr verstecken. Dieser Abschnitt war sehr spannend zu lesen, weil es hier auch Informationen zu den Nürnberger Prozessen gab.
Schritt für Schritt gelingt es Naumann , sich wieder ein bürgerliches Leben aufzubauen. Hilfreich ist dabei, dass viele alte Weggefährten sich ebenfalls erfolgreich ihrer Bestrafung entzogen haben. Und Naumann unternimmt Anstrengungen, Hitlers Auftrag zu erfüllen. Das Ende der Geschichte ist unspektakulär und genau deshalb so empörend. Wenig tröstlich ist, dass er nicht der einzige war, der sich seiner Verantwortung entziehen konnte. Der Autor nennt einige Namen, die im Nachkriegsdeutschland Karriere gemacht haben und die mir zu meinem Entsetzen und Erstaunen bekannt sind. Mich hat das Buch wirklich gefesselt und mir eine Fülle von Informationen und Erkenntnissen gebracht. Es stimmt nachdenklich und mich auch wütend.
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