-51%12)

Matthias Nawrat
Gebundenes Buch
Der traurige Gast (Mängelexemplar)
Sofort lieferbar
Gebundener Preis: 22,00 € **
Als Mängelexemplar:
Als Mängelexemplar:
**Frühere Preisbindung aufgehoben
Weitere Ausgaben:
PAYBACK Punkte
5 °P sammeln!
Minimale äußerliche Macken und Stempel, einwandfreies Innenleben. Schnell sein! Nur begrenzt verfügbar.
Es ist der Winter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Ein Mann ohne Namen begegnet den Menschen in seiner Umgebung mit neuer Aufmerksamkeit: Dariusz, dem Tankwart, der einmal Chirurg war und einen Sohn hatte, der in Südamerika verschwand. Eli, dem polternden Überlebenskünstler. Oder Dorota, der alten polnischen Architektin, deren intellektuelle Energie auf ihn genauso verwirrend wie ansteckend wirkt. Sie erzählen ihm aus ihrem Leben, aber nicht nur: Ihre Geschichte ist unsere gewesen, und sie wird unsere sein."Der traurige Gast" ist eine Selbst- und Wel...
Es ist der Winter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Ein Mann ohne Namen begegnet den Menschen in seiner Umgebung mit neuer Aufmerksamkeit: Dariusz, dem Tankwart, der einmal Chirurg war und einen Sohn hatte, der in Südamerika verschwand. Eli, dem polternden Überlebenskünstler. Oder Dorota, der alten polnischen Architektin, deren intellektuelle Energie auf ihn genauso verwirrend wie ansteckend wirkt. Sie erzählen ihm aus ihrem Leben, aber nicht nur: Ihre Geschichte ist unsere gewesen, und sie wird unsere sein.
"Der traurige Gast" ist eine Selbst- und Weltbefragung von bestrickender erzählerischer Intensität. Ein philosophischer und zutiefst menschlicher Roman, der weiß, was Verlieren, Verdrängen, Neu-Ankommen bedeuten. Ein Buch vom Überleben, in aller Schönheit, trotz allem Schrecken. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019.
"Der traurige Gast" ist eine Selbst- und Weltbefragung von bestrickender erzählerischer Intensität. Ein philosophischer und zutiefst menschlicher Roman, der weiß, was Verlieren, Verdrängen, Neu-Ankommen bedeuten. Ein Buch vom Überleben, in aller Schönheit, trotz allem Schrecken. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019.
Dieser Artikel kann nur an eine deutsche Lieferadresse ausgeliefert werden.
Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, emigrierte als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bamberg. Für seinen Debütroman 'Wir zwei allein' (2012) erhielt er den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis; 'Unternehmer' (2014), für den Deutschen Buchpreis nominiert, wurde mit dem Kelag-Preis und dem Bayern 2-Wortspiele-Preis ausgezeichnet, 'Die vielen Tode unseres Opas Jurek' (2015) mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises sowie der Alfred Döblin-Medaille. 'Der traurige Gast' (2019) war unter anderem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2020 erhielt Matthias Nawrat den Literaturpreis der Europäischen Union. 'Reise nach Maine' (2021) ist sein fünfter Roman. Zuletzt erschien der Gedichtband 'Gebete für meine Vorfahren' (2022), ausgezeichnet mit dem Fontane-Literaturpreis der Stadt Neuruppin.
Produktdetails
- Verlag: Rowohlt, Hamburg
- 2. Aufl.
- Seitenzahl: 304
- Erscheinungstermin: 22. Januar 2019
- Deutsch
- Abmessung: 211mm x 134mm x 27mm
- Gewicht: 394g
- ISBN-13: 9783498047047
- ISBN-10: 3498047043
- Artikelnr.: 60922463
Herstellerkennzeichnung
Die Herstellerinformationen sind derzeit nicht verfügbar.
Die Stadt, die Sinne und der Tod
Ein namenloser Erzähler streift im Winter des Terroranschlags durch Berlin:
Matthias Nawrats neuer Roman „Der traurige Gast“ zieht die Leser leise in seinen Bann
VON JULIANE LIEBERT
Ein Mann fährt auf „die andere Seite der Stadt“, Berlins, zum Südstern. Gerade endet die Messe der polnischen Gemeinde in einer neben der vatikanischen Nuntiatur gelegenen Kirche. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein kleines polnisches Restaurant und Feinkostgeschäft. Dort geht der Mann essen und unterhält sich kurz mit einem ehemaligen Klavierstimmer, der sich zu ihm an den Tisch setzt, während immer mehr Besucher des Gottesdienstes in den Laden strömen. Wer jemals an einem Sonntag in
Ein namenloser Erzähler streift im Winter des Terroranschlags durch Berlin:
Matthias Nawrats neuer Roman „Der traurige Gast“ zieht die Leser leise in seinen Bann
VON JULIANE LIEBERT
Ein Mann fährt auf „die andere Seite der Stadt“, Berlins, zum Südstern. Gerade endet die Messe der polnischen Gemeinde in einer neben der vatikanischen Nuntiatur gelegenen Kirche. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein kleines polnisches Restaurant und Feinkostgeschäft. Dort geht der Mann essen und unterhält sich kurz mit einem ehemaligen Klavierstimmer, der sich zu ihm an den Tisch setzt, während immer mehr Besucher des Gottesdienstes in den Laden strömen. Wer jemals an einem Sonntag in
Mehr anzeigen
der Gegend spazieren war, wird bestätigen können, dass alle Details wirklichkeitsgetreu geschildert sind. Selbst der Name des Restaurants, „Mały Książę“, „Der kleine Prinz“, ist korrekt. Damit ist der Ton gesetzt. Der Text bewegt sich ganz dicht an nachprüfbaren Fakten. Wir erfahren, dass der Erzähler, wie sein Autor, offenbar polnischstämmig und Schriftsteller ist.
Es geschieht wenig. Die Pierogi sind nicht die besten, die er jemals gegessen hat, aber gut. Das Gespräch ist vordergründig belanglos. Und trotzdem baut sich eine eigenartige Spannung auf. Es ist, als wäre die ganze Szene mit einem Summen unterlegt, dem Betriebsgeräusch hochgeregelter Wahrnehmungsempfindlichkeit.
Matthias Nawrat hat mit seinen bisher drei Romanen ein hohes Formbewusstsein bewiesen. Als Zehnjähriger kam er 1989 mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte er zunächst Biologie, und man ist versucht, eine Analogie zwischen der Wandelbarkeit seines literarischen Stils und der Lehre von den Lebewesen zu ziehen. Um morphologische Merkmale oder die Feinheiten der Zellfunktion entschlüsseln zu können, sind eine scharfe Mustererkennung und klare Kategorien nötig. Aber um sie wirklich zu verstehen, auch ein zärtliches Staunen. Denn wir betrachten unsere eigenen Wurzeln, die Bausteine unserer Existenz und die Vielfalt, deren Teil wir sind.
Literatur will dieses Staunen über die Phänomene immer wieder neu ermöglichen. Dafür muss sie die richtige Form finden. Im vielgelobten Buch „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (2015) war das der Schelmenroman, der einmal quer durch die polnisch-europäische Geschichte führte und vor Auschwitz nicht haltmachte. Auf welche Weise von der Vernichtung der Juden in fiktionalen Texten die Rede sein kann, wird aktuell wieder diskutiert. Auch die launigen Berichte des Opas Jurek sorgten seinerzeit bei manchen Rezensenten für Irritationen. Aber Nawrat hatte seine Entscheidung, das Unvorstellbare durch die Augen des Picaros zu zeigen, nicht leichtfertig getroffen.
Sein jüngster Roman ist der Krise abgelauscht. Einer Krise des Schreibens, begriffen wenn nicht als Symptom, dann doch als in Verbindung stehend mit einer fundamentalen Leerstelle im Leben der Menschen. „Der traurige Gast“ – das ist zunächst der Erzähler selbst. In den Monaten vor und nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, der so etwas wie den beiläufigen Angelpunkt des Romans bildet, streift er, offenbar unfähig, seinem Beruf nachzugehen, also zu schreiben, durch die Stadt, lernt Menschen aus verschiedenen, einander kaum berührenden Milieus kennen, besucht sie und hört ihnen zu. Nicht selten tut er das widerwillig, aber er kann sich nicht losreißen. Es ist, als sei es seine Bestimmung, sich ganz auf seine Nächsten einzulassen. Er erinnert darin an die Engel im Wim-Wenders-Film „Himmel über Berlin“. Allerdings mit dem Unterschied, dass seine Menschlichkeit außer Zweifel steht und ihm wohl bewusst ist.
Seine „Berufsunfähigkeit“ und irgendwann sogar der Unwille, überhaupt noch vor die Tür zu gehen, werden Voraussetzung, um so empfänglich gegenüber der Welt zu sein. Von Pathos keine Spur. Alle, denen er zuhört, sind versehrt, versuchen ihrer Vergangenheit eine Form zu geben, mit der sie heute leben können. Sei es die Architektin, die ihr Haus kaum noch und ihr Viertel in Schöneberg gar nicht mehr verlässt, oder der bei einer Tankstelle jobbende frühere Arzt, der säuft und den Tod seines Sohnes nicht verwinden kann. Sie philosophieren aus existenzieller Notwendigkeit. In ihren Geschichten, ihren Orientierungsversuchen wird alles gleichermaßen Gegenwart.
Oder vielleicht eher: Die Gegenwart weitet sich in die Vergangenheit hinein. Das Schicksal historischer Personen wie des polnisch-jüdischen Dichters Arnold Słucki, der seine Heimat verlor und schließlich in West-Berlin strandete, wo er mit 52 Jahren starb, findet ebenso seinen Platz wie verschrobene Privatphilosophien, Schuldgefühle, Migrationserfahrungen. Es ist ein Anerzählen gegen die Vergeblichkeit, in dem die Verwerfungen eines Jahrhunderts sichtbar werden. Der misstrauische Junge vom Hinterhof ist ebenso unbehaust wie die polnischen Auswanderer oder die Rumäniendeutschen. Die Sinne des Ichs, das von all dem berichtet, sind hellwach. Besonders reizoffen ist es gegenüber der Stadt. Sein Zustand zwischen Erschöpfung und Unruhe lässt Alltägliches ganz leicht überbelichtet erscheinen.
Im Kontext der verschiedenen Lebensgeschichten und verstörenden Ereignisse, allen voran der Terroranschlag, wird ohne jede Kulissenschieberei der spezifische Charakter Berlins deutlich. Die Stadt ist Magnet und ewiger Transitraum. Zwischen den Zeiten, zwischen Ost und West. Zwischen den Kulturen. Alle landen irgendwie hier. Niemand scheint wirklich ganz angekommen zu sein. „Jede Straße sah plötzlich identisch aus“, so die Architektin über einen Spaziergang. „Ich war nur zweimal abgebogen. Ich kehrte um und ging den Weg zurück, den ich gekommen war. Aber mir kam kein einziges Gebäude mehr bekannt vor, ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen. Ich wusste nicht mehr, welche Farbe die Eingangstür unseres Wohnhauses hatte.“
Als in den Nachrichten gemeldet wird, dass ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist, schaut der Erzähler gerade eine amerikanische Serie. Während die junge französische Autorin Frederika Amalia Finkelstein in ihrem Roman „Überleben“ (dt. 2018) auf die traumatisierende Wirkung der Pariser Anschläge fokussierte, verdichtet der – nur medial wahrgenommene – Einbruch der Gewalt bei Nawrat eine grundsätzliche Verlorenheit: „Ich hatte plötzlich das Gefühl, irgendwo zwischen Manhattan und meinem Zimmer zu sein, in einem leeren Zwischenbereich“. Seine kunstvolle, aber unprätentiöse Erzählweise ist das Gegenteil des ominösen Kopfkinos, das manche Reportagejournalisten für erstrebenswert halten. Sie simuliert kein Miterleben, keine bewegten HD-Bilder. Sie stellt Präsenz her. Das Ich dieses Romans registriert seine Empfindungen punktgenau, befragt sie mitunter knapp. Irritationen werden benannt, nicht aufgelöst.
„Der traurige Gast“ entstand aus entschlackten, stilistisch geschliffenen Tagebucheinträgen, die dann mit den Berichten der Romanfiguren angereichert wurden. In diesen Passagen finden sich kleinere Schwächen. An manchen Stellen scheint die Recherchefleißarbeit zu sehr durch, dann wird es langatmig. Dass die Paranoia, die den Erzähler nach dem islamistischen Terroranschlag erfasst, unmittelbar mit der Lektüre über die Gräueltaten von Kolonialisten kontrastiert werden muss, wirkt etwas pflichtschuldig. Auch die gleichförmige „Sagte-sie-sagte-ich“-Lakonie kann einen phasenweise ungeduldig machen. Das fällt aber kaum ins Gewicht, weil die narrative Grundkonzeption und ihre sorgfältige Ausführung in den Bann ziehen.
Man vollzieht die Wahrnehmungs- und Reflexionsbewegung eines wirklichen Subjekts nicht nur nach, sondern mit. Das funktioniert durch Wiedererkennen: „Ich zahlte vorne an der Kasse, bei derjenigen der zwei jungen Frauen, von der ich glaubte, dass sie Małgorzata hieß, und trat in die kühle Winterluft hinaus, für einen Moment geblendet von dem grellen Himmel, der sich über die Kirche und den Friedhof auf der anderen Straßenseite und über die ganze Stadt spannte. Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder wusste, wo ich war, und ging dann los, Richtung U-Bahn-Station.“ Es ist dieser Augenblick der Orientierungslosigkeit, des Übergangs, wenn das Bewusstsein im Alltag flackert, der packt. Jeder kennt das, nimmt es ohne größere Irritation hin. Hier wird es, im „Diaspora“ betitelten ersten Kapitel, zum Erkenntnisprinzip des Romans. Er ist ein Beispiel integeren Erzählens.
Matthias Nawrat: Der traurige Gast. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 304 Seiten, 22 Euro.
In diesen Geschichten wird
alles, auch die Vergangenheit,
gleichermaßen Gegenwart
„Ich hatte plötzlich das Gefühl,
irgendwo zwischen Manhattan
und meinem Zimmer zu sein …“
Berlin am 20. Dezember 2016, einen Tag nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz: Totengedenken vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Foto: Regina Schmeken
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
Es geschieht wenig. Die Pierogi sind nicht die besten, die er jemals gegessen hat, aber gut. Das Gespräch ist vordergründig belanglos. Und trotzdem baut sich eine eigenartige Spannung auf. Es ist, als wäre die ganze Szene mit einem Summen unterlegt, dem Betriebsgeräusch hochgeregelter Wahrnehmungsempfindlichkeit.
Matthias Nawrat hat mit seinen bisher drei Romanen ein hohes Formbewusstsein bewiesen. Als Zehnjähriger kam er 1989 mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte er zunächst Biologie, und man ist versucht, eine Analogie zwischen der Wandelbarkeit seines literarischen Stils und der Lehre von den Lebewesen zu ziehen. Um morphologische Merkmale oder die Feinheiten der Zellfunktion entschlüsseln zu können, sind eine scharfe Mustererkennung und klare Kategorien nötig. Aber um sie wirklich zu verstehen, auch ein zärtliches Staunen. Denn wir betrachten unsere eigenen Wurzeln, die Bausteine unserer Existenz und die Vielfalt, deren Teil wir sind.
Literatur will dieses Staunen über die Phänomene immer wieder neu ermöglichen. Dafür muss sie die richtige Form finden. Im vielgelobten Buch „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (2015) war das der Schelmenroman, der einmal quer durch die polnisch-europäische Geschichte führte und vor Auschwitz nicht haltmachte. Auf welche Weise von der Vernichtung der Juden in fiktionalen Texten die Rede sein kann, wird aktuell wieder diskutiert. Auch die launigen Berichte des Opas Jurek sorgten seinerzeit bei manchen Rezensenten für Irritationen. Aber Nawrat hatte seine Entscheidung, das Unvorstellbare durch die Augen des Picaros zu zeigen, nicht leichtfertig getroffen.
Sein jüngster Roman ist der Krise abgelauscht. Einer Krise des Schreibens, begriffen wenn nicht als Symptom, dann doch als in Verbindung stehend mit einer fundamentalen Leerstelle im Leben der Menschen. „Der traurige Gast“ – das ist zunächst der Erzähler selbst. In den Monaten vor und nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, der so etwas wie den beiläufigen Angelpunkt des Romans bildet, streift er, offenbar unfähig, seinem Beruf nachzugehen, also zu schreiben, durch die Stadt, lernt Menschen aus verschiedenen, einander kaum berührenden Milieus kennen, besucht sie und hört ihnen zu. Nicht selten tut er das widerwillig, aber er kann sich nicht losreißen. Es ist, als sei es seine Bestimmung, sich ganz auf seine Nächsten einzulassen. Er erinnert darin an die Engel im Wim-Wenders-Film „Himmel über Berlin“. Allerdings mit dem Unterschied, dass seine Menschlichkeit außer Zweifel steht und ihm wohl bewusst ist.
Seine „Berufsunfähigkeit“ und irgendwann sogar der Unwille, überhaupt noch vor die Tür zu gehen, werden Voraussetzung, um so empfänglich gegenüber der Welt zu sein. Von Pathos keine Spur. Alle, denen er zuhört, sind versehrt, versuchen ihrer Vergangenheit eine Form zu geben, mit der sie heute leben können. Sei es die Architektin, die ihr Haus kaum noch und ihr Viertel in Schöneberg gar nicht mehr verlässt, oder der bei einer Tankstelle jobbende frühere Arzt, der säuft und den Tod seines Sohnes nicht verwinden kann. Sie philosophieren aus existenzieller Notwendigkeit. In ihren Geschichten, ihren Orientierungsversuchen wird alles gleichermaßen Gegenwart.
Oder vielleicht eher: Die Gegenwart weitet sich in die Vergangenheit hinein. Das Schicksal historischer Personen wie des polnisch-jüdischen Dichters Arnold Słucki, der seine Heimat verlor und schließlich in West-Berlin strandete, wo er mit 52 Jahren starb, findet ebenso seinen Platz wie verschrobene Privatphilosophien, Schuldgefühle, Migrationserfahrungen. Es ist ein Anerzählen gegen die Vergeblichkeit, in dem die Verwerfungen eines Jahrhunderts sichtbar werden. Der misstrauische Junge vom Hinterhof ist ebenso unbehaust wie die polnischen Auswanderer oder die Rumäniendeutschen. Die Sinne des Ichs, das von all dem berichtet, sind hellwach. Besonders reizoffen ist es gegenüber der Stadt. Sein Zustand zwischen Erschöpfung und Unruhe lässt Alltägliches ganz leicht überbelichtet erscheinen.
Im Kontext der verschiedenen Lebensgeschichten und verstörenden Ereignisse, allen voran der Terroranschlag, wird ohne jede Kulissenschieberei der spezifische Charakter Berlins deutlich. Die Stadt ist Magnet und ewiger Transitraum. Zwischen den Zeiten, zwischen Ost und West. Zwischen den Kulturen. Alle landen irgendwie hier. Niemand scheint wirklich ganz angekommen zu sein. „Jede Straße sah plötzlich identisch aus“, so die Architektin über einen Spaziergang. „Ich war nur zweimal abgebogen. Ich kehrte um und ging den Weg zurück, den ich gekommen war. Aber mir kam kein einziges Gebäude mehr bekannt vor, ich hatte sie noch nie in meinem Leben gesehen. Ich wusste nicht mehr, welche Farbe die Eingangstür unseres Wohnhauses hatte.“
Als in den Nachrichten gemeldet wird, dass ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast ist, schaut der Erzähler gerade eine amerikanische Serie. Während die junge französische Autorin Frederika Amalia Finkelstein in ihrem Roman „Überleben“ (dt. 2018) auf die traumatisierende Wirkung der Pariser Anschläge fokussierte, verdichtet der – nur medial wahrgenommene – Einbruch der Gewalt bei Nawrat eine grundsätzliche Verlorenheit: „Ich hatte plötzlich das Gefühl, irgendwo zwischen Manhattan und meinem Zimmer zu sein, in einem leeren Zwischenbereich“. Seine kunstvolle, aber unprätentiöse Erzählweise ist das Gegenteil des ominösen Kopfkinos, das manche Reportagejournalisten für erstrebenswert halten. Sie simuliert kein Miterleben, keine bewegten HD-Bilder. Sie stellt Präsenz her. Das Ich dieses Romans registriert seine Empfindungen punktgenau, befragt sie mitunter knapp. Irritationen werden benannt, nicht aufgelöst.
„Der traurige Gast“ entstand aus entschlackten, stilistisch geschliffenen Tagebucheinträgen, die dann mit den Berichten der Romanfiguren angereichert wurden. In diesen Passagen finden sich kleinere Schwächen. An manchen Stellen scheint die Recherchefleißarbeit zu sehr durch, dann wird es langatmig. Dass die Paranoia, die den Erzähler nach dem islamistischen Terroranschlag erfasst, unmittelbar mit der Lektüre über die Gräueltaten von Kolonialisten kontrastiert werden muss, wirkt etwas pflichtschuldig. Auch die gleichförmige „Sagte-sie-sagte-ich“-Lakonie kann einen phasenweise ungeduldig machen. Das fällt aber kaum ins Gewicht, weil die narrative Grundkonzeption und ihre sorgfältige Ausführung in den Bann ziehen.
Man vollzieht die Wahrnehmungs- und Reflexionsbewegung eines wirklichen Subjekts nicht nur nach, sondern mit. Das funktioniert durch Wiedererkennen: „Ich zahlte vorne an der Kasse, bei derjenigen der zwei jungen Frauen, von der ich glaubte, dass sie Małgorzata hieß, und trat in die kühle Winterluft hinaus, für einen Moment geblendet von dem grellen Himmel, der sich über die Kirche und den Friedhof auf der anderen Straßenseite und über die ganze Stadt spannte. Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder wusste, wo ich war, und ging dann los, Richtung U-Bahn-Station.“ Es ist dieser Augenblick der Orientierungslosigkeit, des Übergangs, wenn das Bewusstsein im Alltag flackert, der packt. Jeder kennt das, nimmt es ohne größere Irritation hin. Hier wird es, im „Diaspora“ betitelten ersten Kapitel, zum Erkenntnisprinzip des Romans. Er ist ein Beispiel integeren Erzählens.
Matthias Nawrat: Der traurige Gast. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 304 Seiten, 22 Euro.
In diesen Geschichten wird
alles, auch die Vergangenheit,
gleichermaßen Gegenwart
„Ich hatte plötzlich das Gefühl,
irgendwo zwischen Manhattan
und meinem Zimmer zu sein …“
Berlin am 20. Dezember 2016, einen Tag nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz: Totengedenken vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Foto: Regina Schmeken
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
Schließen
Ein Roman von großer literarischer Kraft und philosophischer Tiefe ... zutiefst beeindruckend. Marta Kijowska FAZ.NET 20190320
Als Leser in der Titelrolle
Mit «Der traurige Gast» spielt der neuen Roman von Matthias Nawrat im Titel auf das Gedicht «Selige Sehnsucht» an, das zu den «geheimnisvollsten der lyrischen Gedichte Goethes» gehört und interpretatorisch einige Schwierigkeiten …
Mehr
Als Leser in der Titelrolle
Mit «Der traurige Gast» spielt der neuen Roman von Matthias Nawrat im Titel auf das Gedicht «Selige Sehnsucht» an, das zu den «geheimnisvollsten der lyrischen Gedichte Goethes» gehört und interpretatorisch einige Schwierigkeiten bereitet. Dieser Roman stellt seine Leser in gleicher Weise vor Probleme, auch hier ist eine Hürde der Gelehrsamkeit zu überwinden, um an seinen poetologischen Kern vorzustoßen und sich an dem Erzähltalent seines Autors erfreuen zu können, der darin kühn nichts Geringeres als den Weltschmerz thematisiert.
In drei Teilen mit recht kurzen Kapiteln erzählt der Autor getreu dem Goetheschen Sinnspruch «Stirb und werde!» von der Krise des Subjekts in der Gegenwart, man schreibt das Jahr 2016. Der in Berlin wohnende Ich-Erzähler, Schriftsteller natürlich, autofiktional geprägt also, gehört dem Typus des Flaneurs an, er streift aufmerksam beobachtend durch die Großstadt, in die es ihn nach seiner Emigration aus Polen über einige Zwischenstationen schlussendlich verschlagen hat. Man erfährt kaum etwas über ihn, er ist verheiratet, kinderlos und lebt von seiner Schriftstellerei, scheint sich aber in einer Art Schreibblockade zu befinden, denn er hat alle Zeit der Welt zu Streifzügen durch die Metropole. Diese Figur fungiert als überwiegend zuhörender Gesprächspartner, als lethargischer Stichwortgeber zumeist für die eigentlichen Protagonisten, deren erste die Architektin Dorata ist, eine faszinierende, äußerst skurrile Intellektuelle. Sie stammt wie der namenlose Ich-Erzähler aus dem polnischen Opole, und der eigentliche Grund ihres Zusammentreffens, die Umgestaltung seiner Wohnung nämlich, tritt sehr schnell völlig in den Hintergrund, wird schließlich vollends vergessen. Denn Dorata, die kaum noch aus dem Haus geht und ihren Stadtteil niemals verlässt, erzählt mehr oder weniger ihr ganzes, ereignisreiches Leben, berichtet von den philosophischen Erkenntnissen, zu denen sie mit den Jahren gekommen ist. Überraschend endet dieser erste Teil abrupt mit ihrem Suizid.
In einer Art Zwischenspiel werden dann im zweiten Teil «Die Stadt» sensibel erfasste Gegenwartserlebnisse und Alltagsbetrachtungen beschrieben, bevor unter der Überschrift «Der Arzt» im dritten Teil mit Dariusz wieder eine Person im Fokus steht, ein Chirurg, dem wegen Alkoholismus die Approbation entzogen wurde und der nun als Kollege des Ich-Erzählers an einer Tankstelle arbeitet. Mit ihm erweitern sich auch die geografischen Radien der Geschichte, er erzählt nämlich in einem weiten Bogen von seiner Reise auf den Spuren seines in Mexico bei einem Badeunfall umgekommenen Sohnes. In viele dieser der Erinnerung gewidmeten, allzu eintönig monologisch erzählten Abschnitte baut Matthias Nawrat immer wieder die Gegenwart mit ein, und zwar in Form von kurzen Alltagsbegebenheiten im geradezu sezierend scharfen Blickfeld seines emphatischen Helden.
Es ist ein weites Feld, das da bearbeitet wird, denn Leben und Tod sind die großen Themen. Dabei wechseln sich das Schicksal der Kreatur und seine deprimierende Bedeutungslosigkeit angesichts der Geschichte mit dem belanglos Alltäglichen ab. Letzteres wiederum ist allenfalls für das Individuum selbst relevant, das schlussendlich aber auch nichts anderes ist als kompliziert zusammengesetzte, belebte Materie, deren Aggregatzustand jederzeit wandelbar ist, «Asche zu Asche, Staub zu Staub». Die philosophische Vermischung von Einzelschicksalen mit der historischen Wirklichkeit insbesondere der Immigranten ergeben in diesem Roman ein Bild der Gegenwart, dessen erschreckende Brüche ebenso unvermeidbar erscheinen wie rätselhaft. Als Identitätssuche angelegt scheitert er jedoch, weil er zu viel auf einmal will und sich im Geäst seiner ambitionierten Reflexionen hoffnungslos verheddert. Und so ist der Leser bei seiner Lektüre insoweit auch nur «der traurige Gast», wird aber gut unterhalten und zuweilen sogar kognitiv bereichert.
Weniger
Antworten 0 von 0 finden diese Rezension hilfreich
Antworten 0 von 0 finden diese Rezension hilfreich
Berlin-Geschichten mit polnischem Migrationshintergrund
Ruhig und sachlich erzählt Nawrat drei Geschichten im Stile Handkes. Sein Ich-Erzähler bleibt blass, weil er andere Personen reden lässt, die auch in der Ich-Form sprechen. Da auch die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet …
Mehr
Berlin-Geschichten mit polnischem Migrationshintergrund
Ruhig und sachlich erzählt Nawrat drei Geschichten im Stile Handkes. Sein Ich-Erzähler bleibt blass, weil er andere Personen reden lässt, die auch in der Ich-Form sprechen. Da auch die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet ist, wird dies mitunter verwirrend. Auch konnte ich mich nicht so gut in die Personen hinein fühlen, weil das Thema weit von meinem Alltagsleben entfernt ist.
Im ersten Teil hören wir von einer Architektin, die ihre Häuser nur über Fotos plant und Schöneberg nicht mehr verlässt. Nur der Liebe wegen war sie früher mal segeln im Wannsee. Der letzte Teil erzählt vom Arzt Darius, der in Polen Militärarzt werden sollte, dies aber nicht wollte und in den Westen ausreiste mit Trennung von seiner Familie, die er aber nicht mehr liebte. Alkoholabhängig verliert er seinen Job und lernt den Ich-Erzähler bei einer Arbeit an einer Tankstelle kennen. Ohne vorher Kontakt zu haben, erfährt vom Tod seines Sohnes in Bolivien und reist dann auf dessen Spuren.
Der mittlere Teil gefällt mir weniger, weil er von Nachbarn handelt, die entweder im Treppenhaus hausen oder auch sonst nicht vertrauenswürdig erscheinen. Und dann passiert der Terroranschlag in Berlin und unser Ich-Erzähler traut sich nicht mehr auf die Straße.
Mit dem Leben in Deutschland wird auch der Katholizismus zur Hintergrundmusik. Es bleibt dem Leser selbst überlassen, sich einen Sinn im Leben zu suchen. 3 Sterne.
Ein richtig guter Roman wäre mal wieder schön.
Weniger
Antworten 0 von 0 finden diese Rezension hilfreich
Antworten 0 von 0 finden diese Rezension hilfreich
Andere Kunden interessierten sich für