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In Der Sandler wird eine Geschichte erzählt, die eigentlich gar nicht erzählt werden darf. Denn sie handelt von der Scham des sozialen Abstiegs - und diese Scham macht die Betroffenen schweigen. Der Sandler ist deshalb eine fiktive Geschichte, die Obdachlose ins Zentrum stellt und trotz aller Fiktion ein realistisches und vielschichtiges Bild ihres Alltags auf den Münchner Straßen vermittelt. Einer von ihnen ist Karl Maurer. Er mäandert durch die Stadt, besucht Suppenküchen und Kleiderkammern und manchmal wird er von den Bildern seines früheren Lebens eingeholt - von seiner Frau und seiner…mehr

Produktbeschreibung
In Der Sandler wird eine Geschichte erzählt, die eigentlich gar nicht erzählt werden darf. Denn sie handelt von der Scham des sozialen Abstiegs - und diese Scham macht die Betroffenen schweigen. Der Sandler ist deshalb eine fiktive Geschichte, die Obdachlose ins Zentrum stellt und trotz aller Fiktion ein realistisches und vielschichtiges Bild ihres Alltags auf den Münchner Straßen vermittelt. Einer von ihnen ist Karl Maurer. Er mäandert durch die Stadt, besucht Suppenküchen und Kleiderkammern und manchmal wird er von den Bildern seines früheren Lebens eingeholt - von seiner Frau und seiner kleinen Tochter, der Zeit als Mathematiklehrer und dem Kind, das ihm vors Auto lief. Gleichzeitig durchstreift auch sein Freund Lenz die Stadt auf der Suche nach ihm. Lenz, ein Zettelschreiber und Utopist, merkt, dass es mit ihm zu Ende geht. Er will Karl seine unfertigen Notizen vermachen und, was noch viel wichtiger ist, den Schlüssel zu seiner Wohnung, die er geerbt hatte, in der er sich aber geweigert hatte zu leben. Lenz' Tod ist ein Wendepunkt. Die Wohnung könnte Karls Chance sein, die diffusen, stets auf die lange Bank geschobenen Pläne, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, in die Tat umzusetzen. Gleichzeitig merkt auch Kurt, ein Haftentlassener, der stets den Angriff für die beste Verteidigung hält, dass er sein Leben ändern muss. Auch er sucht eine Bleibe, die er mit niemandem mehr zu teilen braucht. Der Sprachlosigkeit der Obdachlosen setzt Markus Ostermair eine Sprache entgegen, die nahe an ihr Leben heranführt, ohne dabei zu werten, zu romantisieren oder voyeuristisch zu sein.
Autorenporträt
Markus Ostermair, geboren 1981, arbeitet seit seinem Studium der Literaturwissenschaft als Übersetzer, Texter und Lehrer für Englisch sowie Deutsch als Fremdsprache. Seine Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit begann in der Bahnhofsmission München als Zivildienstleistender. Er nahm an der Bayerischen Akademie des Schreibens teil und erhielt für Der Sandler diverse Stipendien und Förderpreise, darunter das Literaturstipendium der Stadt München und ein Residenzstipendium auf Schloss Wiepersdorf. Der Sandler ist sein literarisches Debüt. Der Autor steht für Lesungen zur Verfügung.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Alex Rühle meint, die großen Verlage sollten sich schämen, Markus Ostermairs Text nichts ins Programm genommen zu haben. Derart gelungen und wichtig findet er den Roman um einen Obdachlosen auf der Schwelle zum Dach überm Kopf, derart gut beobachtet und geschrieben, fern von Kitsch, Moralisierung und Larmoyanz. Auch als Stadtführer München taugt das Buch laut Rühle, komplettiert es doch die Topografie um die eher gemiedenen beziehungsweise unbekannten Orte der Suppenküchen und Missionen. Rühle schätzt die Milieukenntnis des Autors, der in einer Bahnhofsmission gearbeitet hat, und seine Feinarbeit am Text, der geschickt den Ton hält. Gerade in Zeiten gepflegten Gejammers ein Augenöffner in eine andere Welt, die aber nirgends allzu fern ist, findet Rühle.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.12.2020

Ein Wunder namens Wohnung
Wenn man nicht zu Hause bleiben kann, weil es keines gibt: Markus Ostermair erzählt in seinem Debüt vom Leben
des Obdachlosen Karl im reichen München. Aus einem seltenen Thema der Literatur wird ein gnadenlos guter Roman
VON ALEX RÜHLE
Karl hat diesen Schlüssel, den er die letzten 50 Seiten über so fest in der Hand gehalten hat, dass seine Rechte irgendwann zu „einer Faust mit metallenem Kern“ wurde. Sein Freund Lenz hat ihn ihm vermacht. Zusammen mit der kleinen Souterrainwohnung in der Mauerkircherstraße. Jetzt steht Karl endlich vor der Tür und muss nur noch aufsperren. Er, der seit Jahren auf der Straße schläft, der permanent nach Nischen und Verstecken Ausschau hält, wo ihn keiner nachts überfällt und wo es nicht reinregnet. Er, dem die Scham über seinen verwahrlosten Zustand, seinen stechenden Geruch, sein Scheitern längst so in alle Ritzen der Seele gedrungen ist, dass er sie kaum noch als eigenes Gefühl wahrnimmt. Weshalb er sich zunächst nicht mal ins Treppenhaus traut, schließlich leben in solch einem Haus ja normale Menschen.
Als Leser hat man in dem Moment schon 250 Seiten mit Karl verbracht, immer draußen, in München, meist zu Fuß. Von der überfüllten Suppenküche in Sankt Bonifaz über Kleiderkammern und Notschlafstellen zum Getränkeautomaten im Supermarkt. Und jetzt diese Möglichkeit des Ankommens. Karl sperrt irgendwann doch zitternd die Wohnung auf, schiebt sich durch den Türspalt, macht schnell wieder zu hinter sich – und dann wird er geflutet von diesem stillen Erleichterungsglück, dass da ab jetzt schützende Wände um ihn herum sein könnten. Und dazu fast schon flamboyanter Luxus: Trockenheit. Eine Tür, die er selbständig schließen kann. Eine Kloschüssel, nur für ihn. Und, völlig verrückt, eine Badewanne mit warmem Wasser.
Allein diese Szene ist wertvolle Lektüre in diesen Tagen, in denen wir alle so beherzt um die Wette jammern, weil wir mal für eine Weile einfach zu Hause bleiben sollen. Dieser Text schafft es tatsächlich, einem den Blick um 180 Grad umzustellen, ohne dass man es zunächst merken würde, man folgt Karl Maurer einfach nur von der ersten Seite an durch seine verflusten Tage, durch das Münchner Straßenlabyrinth und durch das oft alkoholumnebelte Gestrüpp seiner Gedanken. Wenn man lange Tage später erstmals mit ihm in dieses Wunder namens Wohnung kommt, staunt man tatsächlich selbst, was das alles an Annehmlichkeiten bedeutet. Fast als würde man als Kind plötzlich in einem Adventskalender stehen. Oder, inhaltlich passender, als würde man nach hartem Fasten den ersten Bissen Nahrung zu sich nehmen.
Acht Jahre hat Markus Ostermair, Jahrgang 1981, an diesem Romandebüt gearbeitet. Das Milieu der Obdachlosen kennt er, seitdem er seinen Zivildienst in der Münchner Bahnhofsmission abgeleistet und danach jahrelang ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe gearbeitet hat. Auf diesen Erfahrungen sattelt der Roman sehr stabil auf. Noch mehr merkt man aber, dass hier einer seinen Text wieder und wieder durchgearbeitet hat, da sitzt einfach alles an seinem Platz.
Die Figur, die er wählt, um seine Leser erst mal in die sehr ferne, ganz nahe Welt der Obdachlosigkeit einzuführen, lebte früher dahin wie du und ich: Karl Maurer hat als Jugendlicher gern Madonna gehört und war Drittbester seines Abitur-Jahrgangs, die Mutter hat die Zeitungsnotiz darüber aufbewahrt. Karl wurde später Mathematiklehrer, er hatte Frau und Kind. Und dann ist ihm ein kleiner Junge vors Auto gelaufen. Das Gericht hat ihn damals freigesprochen, er selbst aber kam nie darüber hinweg, irgendwann konnte nur noch der Alkohol den immer gleichen Schreckensfilm stoppen, und so ging eben alles kaputt.
Das Problem, dass ein versierter Autor seiner Hauptfigur nicht allzu komplizierte Gedanken in den Mund legen darf, wenn er sie nicht zum Aufsageautomaten machen will, unterläuft Ostermair, indem er Karl einen Freund an die Seite stellt: Lenz, den psychisch kranken Besitzer der Wohnung in der Mauerkircherstraße, die dieser aus Gründen der Selbstverachtung aber längst nicht mehr bewohnt. Ein philosophischer Geist, der auf wilden Zetteln eine andere, gerechtere Gesellschaft skizziert, von der er freilich weiß, dass sie niemals kommen wird. Diese ungeordneten, utopischen Zettelskizzen bilden so etwas wie das ideologisch wärmende Innenfutter des Buches, das freilich die steinerne Wirklichkeitskälte nur noch beißender macht.
Lenz bringt sich aus Verzweiflung um, hinterlässt Karl seine Wohnung, und ab diesem Moment wird das Buch so spannend wie ein Krimi, denn man wünscht Karl Maurer so unbedingt, dass er es schafft, sich diesen Raum tatsächlich auf Dauer zu erobern. Leider gibt es da schon mal seine eigenen Unzulänglichkeiten, wie soll ein Mensch, dem die Armutsverwahrlosung angewachsen scheint wie der Vollbart, plötzlich in einem piekfeinen Bogenhausener Wohnhaus klarkommen? Vor allem lauert aber am Rand der Handlung als dritte Figur noch Kurt, ein Haftentlassener, durch dessen unterirdische Leitungen permanent so viel Strom pulst, dass man nie weiß, wann er wieder zuschlagen wird, eine Art böser Bruder des Franz Biberkopf. Kurt braucht selbst dringend eine Bleibe. Und dann fällt ihm dieser Penner auf, der sich verunsichert an der Mauerkircherstraße herumtreibt, wo er ganz bestimmt nicht wirklich hingehört.
Ostermair lässt noch andere Obdachlose zu Wort kommen, eine Rumänin, die auf der Suche nach Arbeit bei einem Zuhälter gelandet ist. Mechthild, die nicht mehr zu bremsen ist, wenn sie sich erst mal in eine Umlaufbahn um ihre schwarze Wut geschossen hat. Aber bleiben wir bei diesen drei Männern. Karl. Lenz. Kurt. Drei Einsilber. Schließlich wird auf der Straße das Allermeiste weggeschliffen. Das könnte nun ein literarischer Bußgang werden. Oder literarisch belehrende Moralexerzitien. Stattdessen ist es ein tiefes Lesevergnügen. Natürlich, das Buch ist so wirklichkeitsgesättigt, dass bald schon aus jedem Satz auch der Bodensatz des Elends emporquillt, die versifften T-Shirts, die eingewachsenen Fußnägel, der beißende Geruch der Notunterkünfte.
Trotzdem wird es nie larmoyant und geht sich auch nicht selbst in die Falle, indem es aus seinen gestrandeten Figuren bessere Menschen machen würde. Schließlich gibt es da den trockenen, ziemlich gnadenlosen Humor, mit dem Karl in den klaren Momenten seine Umwelt beschreibt und der den Text schon von innen heraus gegen alle Kitschpfützen imprägniert, etwa als er in einer der Unterkünfte einen Mann beobachtet, der lauter Anstecker am Hemd trägt, „eine Breze, die Bayernfahne, eine schäumende Maß – als hätte man ihn erst im Ei und dann im Souvenirladen gewälzt“. Oder hier, als er vier Männer sieht, von denen er seit Langem weiß, dass sie eine Art evangelikalen Dachschaden haben: „Vier Typen, die in einer Tour von Gott reden und vom Paradies, diesem letzten aller Notnägel, den sie mit einer solchen Gewissheit sehen können, als würde seine Spitze ins Diesseits ragen, weil Er drüben den Hammer einmal zu doll geschwungen hat.“
Sankt Bonifaz in der Karlstraße, der Keller in der Lukaskirche, der kleine Nussbaumpark hinter der Markuskirche – es wäre tatsächlich möglich, einen Stadtplan der Armut zu zeichnen nach diesem Buch, einen Stadtplan, wie er in keinem Reise- oder Szeneführer steht. So ist „Der Sandler“ auch ein wichtiger Text über München, er komplettiert gewissermaßen diese Stadt, die ja meist so behaglich in ihrem Wohlstand liegt wie die Weihnachtsgans im eigenen Fett und deren Bewohner oft in dem Glauben zu leben scheinen, sich das alles aber wirklich so was von verdient zu haben.
Gerade bei den Wohnungspassagen fällt auf, dass der Roman auch ein Text über das Un-Heimliche im Freud’schen Sinne ist, also das einst ganz Vertraute, das aber verdrängt wurde und in unheimlichen Erlebnissen und Vorstellungen in entfremdeter Form wiederkehrt. Obdachlose sind insofern unheimlich, als sie einen daran erinnern, wie schnell es gehen kann. Wie schnell man eben kein Heim mehr haben kann. Tombola, Leute! Dem einen läuft ein Kind vors Auto, der andere wird reich durch den anschließenden Prozess. Der eine erbt ein Haus, der andere kann die Miete nicht mehr zahlen. Als er mal einen alten Mann am Glascontainer beim Flaschenangeln sieht, nennt Karl ihn im Stillen einen „Nochzuhauseschläfer“, so als wisse dieser Rentner nur noch nicht, was ihm bald widerfahren wird.
Das Wertvollste daran ist aber, dass es ja kaum Texte über oder von Obdachlosen gibt. Was auch wieder mit der Scham zu tun hat. „Das darf man eigentlich niemandem erzählen, denkt Karl.“ Mit diesem Satz hebt der Text an. Mit einem inneren Monolog also, der wiederum mit einem Verbot sich selbst gegenüber anfängt. Nicht dürfen. Nicht erzählen. Niemandem. Karl steht da in der Vorhalle einer Stadtsparkassenfiliale und muss daran denken, dass er als kleiner Junge gern Bankkaufmann geworden wäre, die weißen Hemden, die Krawatten ... Er wird diese Erinnerung für sich behalten. Denn die unmittelbare Folge der chronischen Scham ist das Verstummen. Weshalb die Schamlosen dauerquasseln, die Beschämten aber ins Dunkel abdrehen, um sich vor uns allen zu verstecken. Markus Ostermair hat ihnen tatsächlich nicht eine Stimme gegeben, sondern jedem von ihnen seine je eigene.
Unverständlich, ja nachgerade ärgerlich, dass nicht einer der großen Verlage den Mut zu diesem Debüt hatte, denn das hier ist große Literatur und Aufklärung in einem. Wann hätte je ein literarischer Text das Leben auf der Straße derart tief beleuchtet? Umso dankbarer muss man dem Hamburger Osburg-Verlag sein, dass er den „Sandler“, für den Ostermair den diesjährigen Tukan-Preis bekam, ins Programm genommen hat.
Markus Ostermair: Der Sandler. Roman. Osburg, Hamburg 2020. 371 Seiten, 20 Euro.
Man merkt, dass hier einer den
Text immer wieder
durchgearbeitet hat. Alles sitzt
Es fängt mit einem Verbot
gegen sich selbst an. Nicht
dürfen. Nicht erzählen
Gleich am zweiten
Haus ist das Betteln und
Hausieren verboten,
wo du doch so gern
reingegangen wärst, jedem
bis unters Dach hättest
du einen schönen
guten Morgen gewünscht
und ihm deine
Geschichte erzählt.“
Ein Wohnungsloser
im Hof des
Haneberghauses
von Sankt Bonifaz
in München.
Der Schriftsteller
Markus Ostermair (unten).
Foto: Robert Haas,
Fabian Frinzel
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