Leseprobe zu "Das Bernstein-Teleskop" von Philip Pullman
In einem von Rhododendren überschatteten Talnahe der Schneegrenze, durch das schäumend ein Bach mit grünem Schmelzwasser floss und unter dessen gewaltigen Pinien sich Tauben und Bergfinken tummelten, lag unter einer Felsnase, halb versteckt hinter den schweren, harten Blättern der Büsche, eine Höhle.
Der Wald war voller Geräusche, dem Tosen des Baches zwischen den Felsen, dem leisen Wisperndes Windes in den Nadeln der Pinien, dem Zirpen der Insekten, den Lauten kleiner Waldtiere und dem Gezwitscher der Vögel. Hin und wieder fuhr ein Windstoß durch eine Zeder oder Tanne, und die Äste rieben aneinander und stöhnten wie ein Cello.
Glänzendes Sonnenlicht verwandelte den Wald in einen Ort der Helligkeit und nirgends fand sich eine Stelle ohne leuchtende Sprenkel. Zitronengelbe Strahlen teilten längliche und runde braungrüne Schatten auf dem Boden. Das Licht befand sich ständig in Bewegung und stand nie still, denn oft trieben Nebelschleier zwischen den Wipfeln. Sie dämpften das Sonnenlicht zu einem milchigen Schein und überzogen die Pinienzapfen mit einem feuchten Film, der, wenn der Nebel aufriss, in der Sonne glitzerte. Zuweilen verdichtete sich der Dunst auch zu feinen Tröpfchen, schon nicht mehr Nebel und noch nicht ganz Regen, die mehr nach unten schwebten als fielen und auf den Millionen Nadeln ein leises Rascheln erzeugten.
Am Bach entlang zog sich ein schmaler Pfad, der von einem Dorf oder eigentlich mehr einer Ansammlung von Hirtenhütten am Boden des Tales zu einem halb verfallenen Schrein nahe dem Gletscher am Talschluss führte. Dort flatterten verblichene Seidenfahnen in den immer währenden Winden, die vom Gebirge herabwehten, und fromme Dorfbewohner brachten Gerstenfladen und getrocknete Teeblätter als Opfergaben. Sonnenlicht, Eis und Dunst bewirkten, dass über dem Anfang des Tales ständig Regenbogen leuchteten.
Die Höhle lag etwas oberhalb des Pfades. Vor vielen Jahren hatte hier betend und fastend ein Einsiedler gelebt und seinetwegen galt die Höhle als heilig. Sie führte etwa zehn Meter tief in den Berg hinein und ihr Boden war trocken, ein idealer Unterschlupf für Bären oder Wölfe, doch lebten dort seit langem nur Vögel und Fledermäuse.
Das Wesen, das in diesem Augenblick am Eingang hockte, den Blick aus den schwarzen Augen wachsam umherwandern ließ und die spitzen Ohren lauschend aufgestellt hatte, war freilich weder Vogel noch Fledermaus. Golden glänzte die Sonne auf seinem weichen Fell und seine Affenhände drehten einen Pinienzapfen hin und her, rissen mit scharfen Nägeln die Schuppen ab und kratzten die süßen Nüsse heraus.
Hinter ihm saß knapp außerhalb der Reichweite der Sonnenstrahlen Mrs Coulter und erhitzte in einem kleinen Topf auf einem Naphtha-Kocher Wasser. Ihr Dæmon gab ein warnendes Geräusch von sich und sie sah auf.
Auf dem Weg näherte sich ein kleines Mädchen aus dem Dorf. Mrs Coulter kannte sie. Ama versorgte sie schon seit einigen Tagen mit Essen. Mrs Coulter hatte ihr bereits, als sie zum ersten Mal gekommen war, zu verstehen gegeben, sie sei eine Heilige, die ihr Leben dem Gebet und der Meditation geweiht habe und nicht mit Männern sprechen dürfe. Ama war die einzige Besucherin, die sie empfing.
Diesmal war das Mädchen allerdings nicht allein gekommen, sondern in Begleitung seines Vaters. Er wartete dann aber in einiger Entfernung, während Ama zur Höhle hinaufstieg.
Am Eingang verneigte sie sich.
"Mein Vater schickt mich mit seinen besten Segenswünschen", sagte das Mädchen.
"Sei gegrüßt, mein Kind", sagte Mrs Coulter.
Das Mädchen legte Mrs Coulter ein in ausgeblichene Baumwolle gewickeltes Bündel zu Füßen. Dann hielt sie ihr einen kleinen Blumenstrauß hin, ein Dutzend mit einer Baumwollschnur zusammengebundene Anemonen, und begann schnell und aufgeregt zu reden. Mrs Coulter verstand zwar die Sprache der Bergbewohner ein wenig, doch brauchten diese das nicht zu wissen. So bedeutete sie dem Mädchen nur lächelnd zu schweigen und die beiden Dæmonen zu beobachten.
Der goldene Affe streckte seine kleine schwarze Hand aus und Amas Schmetterling kam flatternd näher und setzte sich auf den runzligen Zeigefinger.
Der Affe führte ihn langsam an sein Ohr. Mrs Coulter spürte den Austausch der beiden in ihrem Bewusstsein und die Worte des Mädchens wurden ihr klarer. Die Dörfler fühlten sich geehrt, dass eine Heilige in der Höhle Zuflucht gesucht hatte. Doch gehe das Gerücht um, dass sie eine Begleiterin bei sich habe, die mächtig und gefährlich sei.
Vor ihr hatten die Dorfbewohner Angst. War diese Begleiterin Mrs Coulters Herrin oder ihre Dienerin? Führte sie etwas Böses im Schilde? Warum war sie überhaupt hierher gekommen? Wollte sie noch lange bleiben? Voller Sorge und Misstrauen übermittelte Ama diese Fragen.
Während die Dæmonen sich austauschten und Mrs Coulter durch ihren Affen informiert wurde, kam ihr plötzlich ein neuer Gedanke. Warum nicht einfach die Wahrheit sagen? Nicht die ganze natürlich, aber einen Teil wenigstens. Fast hätte sie darüber lachen müssen, doch sie ließ sich nichts davon anmerken.
"Ja, ich habe wirklich eine Begleiterin", erklärte sie. "Aber vor ihr braucht ihr keine Angst zu haben. Sie ist meine Tochter und schläft die ganze Zeit, denn sie ist verzaubert. Wir verstecken uns in der Höhle, damit der Zauberer, der den Bann über sie gesprochen hat, uns nicht findet, und ich versuche sie zu heilen und vor weiterem Schaden zu bewahren. Komm rein, du kannst sie dir ansehen, wenn du magst."
Ihre sanfte Stimme beruhigte Ama, doch ein Rest Angst blieb, und was Mrs Coulter von dem Zauberer gesagt hatte, steigerte noch ihre Scheu. Der goldene Affe allerdings streichelte ihren Dæmon so zärtlich und sie war so neugierig, dass sie Mrs Coulter in die Höhle folgte.
Ihr Vater unten auf dem Weg trat einen Schritt vor, und sein Dæmon in Gestalt einer Krähe hob ein-, zweimal die Flügel, doch der Mann blieb, wo er war.
Draußen wurde es rasch dunkel. Mrs Coulter zündete eine Kerze an und führte Ama in den hinteren Teil der Höhle. Das Mädchen sah sich mit großen, dunklen Augen um und schlug mehrfach rasch die Finger aneinander, immer den Zeigefinger der einen Hand auf den Daumen der anderen, um die bösen Geister zu verwirren und die von ihnen drohende Gefahr abzuwehren.
"Siehst du?", sagte Mrs Coulter. "Sie tut niemandem etwas. Du brauchst keine Angst zu haben." Ama betrachtete die Gestalt im Schlafsack, ein Mädchen, vielleicht drei oder vier Jahre älter als sie. Seine Haare wiesen eine Farbe auf, wie Ama sie noch nie gesehen hatte - ein leuchtendes Gelbbraun wie das Fell eines Löwen. Es hatte die Lippen zusammengepresst und schlief tief und fest, was schon daraus hervorging, dass sein Dæmon bewusstlos an seinen Hals gekuschelt lag. Er sah aus wie ein Mungo, nur mit rotgoldenem Fell und kleiner. Der goldene Affe kraulte behutsam das Fell zwischen den Ohren des schlafenden Dæmons, und das mungoähnliche Wesen bewegte sich unruhig und stieß ein heiseres, leises Miauen aus. Amas Dæmon drückte sich in Gestalt einer Maus fest an ihren Hals und spähte ängstlich durch ihre Haare.
"Jetzt kannst du deinem Vater sagen, was du gesehen hast", fuhr Mrs Coulter fort. "Keinen bösen Geist, nur meine Tochter, auf die ich aufpasse, weil sie verzaubert worden ist und schläft. Aber sag deinem Vater bitte, dass das ein Geheimnis bleiben muss, Ama. Niemand außer euch beiden darf wissen, dass Lyra hier ist. Wenn der Zauberer davon erfährt, kommt er und tötet sie, mich und alle, die hier leben. Also, behalte das für dich! Sag es deinem Vater, aber sonst niemandem."
Sie kniete sich neben Lyra hin, strich einige feuchte Haarsträhnen aus dem schlafenden Gesicht, beugte sich ganz hinunter und küsste ihre Tochter auf die Wange. Dann sah sie traurig und liebevoll wieder auf und lächelte Ama mit einer so tapfer getragenen, unendlichen Wehmut an, dass dem kleinen Mädchen Tränen in die Augen stiegen.
Mrs Coulter nahm Ama an der Hand und ging mit ihr zum Eingang der Höhle zurück. Der Vater des Mädchens sah ängstlich von unten herauf. Mrs Coulter legte die Hände zusammen und verneigte sich vor ihm, und er erwiderte den Gruß erleichtert. Seine Tochter verneigte sich ebenfalls vor Mrs Coulter und dem verzauberten Mädchen, dann sprang sie im Halbdunkel den Hang hinunter. Noch einmal verbeugten Vater und Tochter sich in Richtung der Höhle, dann drehten sie sich um und verschwanden im Schatten der üppig wuchernden Rhododendren.
Mrs Coulter wandte sich wieder dem Wasser auf dem Herd zu, das schon fast kochte.
Sie ging davor in die Hocke und krümelte einige getrocknete Blätter in das Wasser, fügte zwei Prisen aus diesem und eine aus jenem Säckchen hinzu, ferner drei Tropfen eines hellgelben Öls, rührte hurtig um und zählte dabei auf fünf Minuten. Dann nahm sie den Topf vom Herd und setzte sich hin um zu warten, bis der Sud abgekühlt war.
In der Höhle befanden sich einige Ausrüstungsgegenstände aus dem Lager am blauen See, wo Sir Charles Latrom ums Leben gekommen war: ein Schlafsack, ein Rucksack mit Kleidern zum Wechseln, Waschsachen und noch einiges mehr. Auch eine mit Kapok gefütterte Leinentasche mit einem stabilen Holzrahmen stand dabei, die verschiedene Instrumente enthielt. Daneben lag in einem Holster eine Pistole.
Der Sud kühlte in der dünnen Luft rasch ab. Sobald er die Temperatur von Blut erreicht hatte, goss Mrs Coulter ihn sorgfältig in einen Becher aus Blech und ging damit in den hinteren Teil der Höhle. Der Affen-Dæmon ließ den Pinienzapfen fallen und folgte ihr.
Vorsichtig stellte sie den Becher auf einen flachen Stein und kniete sich neben die schlafende Lyra. Der goldene Affe hielt sich geduckt auf der anderen Seite bereit, um den schlafenden Dæmon zu packen, falls der aufwachen sollte.
Lyras Haare waren verschwitzt und ihre Augen bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern. Sie begann sich zu rühren. Mrs Coulter hatte, als sie sie geküsst hatte, das Flattern ihrer Lider gespürt und wusste daher, dass Lyra bald aufwachen würde.
Sie schob eine Hand unter den Kopf des Mädchens und mit der anderen strich sie ihr die Haare aus der Stirn. Lyras Lippen teilten sich und sie stöhnte leise, doch ihre Augen blieben fest geschlossen. Pantalaimon drückte sich noch enger an ihre Brust. Der goldene Affe ließ Lyras Dæmon keine Sekunde aus den Augen. Nervös zupften seine kleinen schwarzen Finger an einem Zipfel des Schlafsacks.
Ein Blick von Mrs Coulter reichte, und er ließ den Zipfel los und wich eine Handbreit zurück. Die Frau hob ihre Tochter vorsichtig an den Schultern an. Lyras Kopf fiel zur Seite und ihr Atem stockte. Die Augen unter den flatternden Lidern gingen träge einen Spaltweit auf.
"Roger", murmelte sie. "Roger ... wo bist du ... Ich kann dich nicht sehen ..."
"Pst", flüsterte ihre Mutter. "Ganz ruhig, mein Schatz! Trink das hier!"
Sie hielt den Becher an Lyras Mund und kippte ihn, bis ein Tropfen die Lippen des Mädchens befeuchtete. Lyras Zunge spürte ihn und bewegte sich, um ihn abzulecken. Mrs Coulter kippte ihr ganz vorsichtig etwas mehr von der Flüssigkeit in den Mund und ließ sie die erst schlucken, bevor sie nachgoss.
Es dauerte einige Minuten, doch dann war der Becher leer. Mrs Coulter bettete ihre Tochter wieder hin. Sobald Lyras Kopf auf dem Boden lag, kroch Pantalaimon an seinen Platz an ihrem Hals zurück. Sein rotgoldenes Fell war genauso feucht wie ihre Haare. Beide schliefen wieder tief und fest.
Der goldene Affe sprang leichtfüßig zum Eingang der Höhle zurück, hockte sich hin und starrte wieder aufmerksam zum Weg hinunter. Mrs Coulter tauchte einen Waschlappen in eine Schale mit kaltem Wasser und betupfte damit Lyras Gesicht. Dann öffnete sie den Schlafsack und wusch ihr Hals, Arme und Schultern. Zuletzt nahm die Frau einen Kamm, zog ihn vorsichtig durch Lyras verfilzte Haare, kämmte sie aus der Stirn und machte ihr einen ordentlichen Scheitel.
Sie ließ den Schlafsack offen, damit das Mädchen abkühlen konnte, und faltete das Bündel auseinander, das Ama gebracht hatte. Es enthielt einige Fladenbrote, einen Ballen zusammengepressten Tees und etwas in ein großes Blatt eingewickelten klebrigen Reis. Höchste Zeit, Feuer zu machen. In den Bergen wurde es nachts bitterkalt. Methodisch schabte die Frau Zunder über einige dürre Zweige, schichtete sie aufeinander und brannte ein Streichholz an. Auch daran musste sie denken: Die Streichhölzer gingen zu Ende und genauso das Naphtha für den Kocher. Sie durfte das Feuer jetzt Tag und Nacht nicht ausgehen lassen.
Ihr Dæmon war unzufrieden. Ihm gefiel nicht, was sie tat, doch als er ihr seine Sorge ausdrücken wollte, schob sie ihn nur weg. Der Affe kehrte ihr den Rücken zu und schnippte die Schuppen seines Pinienzapfens wütend in die Dunkelheit. Mrs Coulter achtete nicht auf ihn. Geschickt hielt sie das Feuer in Gang und setzte dann einen Topf auf, um Wasser für den Tee zu erhitzen.
Trotzdem machten seine Zweifel ihr zu schaffen, wie es auch gar nicht anders sein konnte, weil sie in sich natürlich dieselben Zweifel verspürte. Mrs Coulter krümelte etwas von dem dunkelgrauen Teeballen ins Wasser und überlegte, was um Himmels willen sie da eigentlich tat. War sie denn wahnsinnig geworden, und, vor allem, was würde passieren, wenn die Kirche davon erfuhr. Der goldene Affe hatte Recht. Sie versteckte nicht nur Lyra, sie versteckte sich selbst.
Aus dem Dunkel trat voller Hoffnung und zugleich Angst der kleine Junge. "Lyra", flüsterte er immer wieder."Lyra - Lyra - Lyra ..."
Hinter ihm tauchten weitere Gestalten auf, noch schattenhafter als er und noch leiser. Sie schienen zur selben Gruppe zu gehören wie er und von der gleichen Art zu sein. Doch konnte man keine Gesichter sehen, keine Stimmen hören, und auch seine Stimme klang nie lauter als ein Flüstern, und sein Gesicht war schattenhaft und verschwommen wie etwas, das man schon fast vergessen hat.
"Lyra ... Lyra ..."
Wo waren sie?
Auf einer weiten Ebene unter einem bleigrauen Himmel, von dem kein Licht herunterschien. Dichter Nebel verhüllte den Horizont auf allen Seiten. Der Boden bestand aus nackter Erde, fest gestampft von Millionen von Füßen. Doch wogen diese Füße leichter als Federn, also musste es die Zeit gewesen sein, die ihn fest gestampft hatte. Aber die Zeit stand an diesem Ort still. Demnach verhielten sich die Dinge hier eben so, wie man sie antraf. Dies war das Ende aller Orte und die letzte aller Welten.
"Lyra ..."
Warum waren sie hier?
Sie wurden gefangen gehalten. Jemand hatte ein Verbrechen begangen, aber niemand wusste, was für eins oder wer es getan hatte oder wer über ihn zu Gericht saß.
Warum rief der Junge fortwährend Lyras Namen?
Hoffnung.
Wer waren sie?
Geister.
Und Lyra konnte sie nicht berühren, so sehr sie sich auch anstrengte. Immer wieder griffen ihre Hände ins Leere, und immer noch stand der Junge flehend da.
"Roger", rief sie, doch es war nicht mehr als ein Flüstern. "Ach, Roger, wo bist du denn? Was ist das für ein Ort?"
"Die Welt der Toten, Lyra", antwortete er. "Ich weiß nicht, was ich tun soll - ich weiß nicht, ob ich für immer hier bleibe und ob ich etwas Böses getan habe, denn ich wollte doch brav sein, aber ich halte es hier nicht aus, ich habe Angst vor allem, ich halte es nicht aus -"
Und Lyra sagte: "Ich 2 Balthamos und Baruch Und da der Geist an mir vorüberging, standen mir am ganzen Leibe die Haare zu Berge.
Buch Hiob "Seid still", sagte Will, "bitte. Stört mich nicht."
Eben erst hatte man Lyra verschleppt, kurz nachdem er den Berg heruntergekommen war, wo vor wenigen Momenten die Hexe seinen Vater umgebracht hatte. Er zündete die kleine Blechlaterne mit einem trockenen Streichholz an. Beides hatte er bei den Sachen seines Vaters gefunden. Dann ging Will im Windschatten des Felsens in die Hocke und öffnete Lyras Rucksack.
Er fühlte mit der gesunden Hand hinein und ertastete das schwere, in Samt eingeschlagene Alethiometer. Es schimmerte im Licht der Laterne, und er hielt es den beiden Gestalten entgegen, die neben ihm standen. Wesen, die sich Engel nannten.
"Könnt ihr damit umgehen?", fragte er.
"Nein", sagte eine Stimme. "Aber du musst jetzt mit uns kommen. Wir bringen dich zu Lord Asriel."
"Warum seid ihr meinem Vater gefolgt? Ihr sagtet, er hätte nichts von euch gewusst, aber das stimmt nicht." Will klang trotzig. "Er sagte, Engel würden mich führen. Er wusste mehr als ihr. Wer schickt euch?"
"Niemand. Wir kommen aus eigenem Antrieb", ertönte wieder die Stimme. "Wir wollen Lord Asriel dienen. Aber was, sagte der Tote, sollst du mit dem Messer tun?"
Will zögerte.
"Er verlangte, ich solle es Lord Asriel bringen."
"Dann komm mit uns."
"Nein. Erst wenn ich Lyra gefunden habe."
Er schlug das Alethiometer wieder in den Samt ein und steckte es in seinen Rucksack. Dann wickelte Will sich gegen den Regen in den schweren Mantel seines Vaters. Die beiden Schatten ließ er dabei nicht aus den Augen.
"Sprecht ihr auch die Wahrheit?", fragte er.
"Ja. Immer."
"Dann seid ihr stärker als die Menschen oder schwächer?" "Schwächer. Ihr besteht aus Fleisch und Blut, wir nicht. Trotzdem musst du unbedingt mit uns kommen."
"Nein. Wenn ich stärker bin, müsst ihr mir gehorchen. Außerdem habe ich das Messer. Ich kann euch also befehlen. Helft mir Lyra zu finden, egal wie lange das dauert. Zuerst will ich sie finden, dann gehe ich zu Lord Asriel."
Die beiden Gestalten schwiegen. Dann entfernten sie sich schwebend ein Stück und besprachen sich. Was sie sagten, konnte Will nicht verstehen.
Schließlich glitten sie wieder heran. "Also gut. Du machst zwar einen Fehler, aber du lässt uns keine Wahl. Wir helfen dir, das Kind zu finden."
Will versuchte das Dunkel mit den Augen zu durchdringen und sie deutlicher zu sehen, bekam aber nur Regen in die Augen.
"Kommt näher, damit ich euch erkennen kann", sagte er.
Sie kamen näher, schienen aber nur noch mehr zu verschwimmen.
"Sehe ich euch am Tag besser?"
"Nein, schlechter. Wir sind nur Engel eines niedrigen Ranges."
"Na gut, wenn ich euch nicht sehe, sieht euch auch kein anderer und ihr bleibt unbemerkt. Jetzt geht und sucht Lyra. Sie kann nicht weit sein. Da war eine Frau - sie wird bei ihr sein - die Frau hat sie mitgenommen. Macht euch auf die Suche und sagt mir, was ihr entdeckt habt."
Die Engel stiegen in die stürmische Nacht auf und verschwanden. Will spürte, wie ihn eine bleierne Müdigkeit überkam. Er hatte schon vor dem Kampf gegen seinen Vater kaum noch Kraft gehabt, jetzt war er völlig am Ende. Er wollte nur noch die Augen schließen, die unendlich schwer und vom Weinen wund waren.
Will zog den Mantel über den Kopf und drückte den Rucksack an die Brust. Im nächsten Moment war er eingeschlafen.
"Nirgends", sagte eine Stimme.
Will hörte sie in der Tiefe seines Schlafes und versuchte aufzuwachen. Endlich, und es dauerte eine ganze Minute, so tief hatte er geschlafen, konnte er die Augen öffnen. Es war heller Morgen.
"Wo seid ihr?", fragte er.
"Neben dir", sagte der Engel. "Auf dieser Seite."