Verstummt / Atlanta Police Department Bd.1 - Slaughter, Karin

Karin Slaughter 

Verstummt / Atlanta Police Department Bd.1

Thriller

Übers. v. Klaus Berr
Broschiertes Buch
 
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Verstummt / Atlanta Police Department Bd.1

Der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind ...
Selbst der erfahrene Detective Michael Ormewood vom Atlanta Police Department ist schockiert, als er die grausam ermordete Frau vor sich sieht. Das Werk eines krankhaften Serienmörders? Alles deutet darauf hin. Michael wird daher gezwungen, mit Special Agent Will Trent zusammenzuarbeiten, einem Mann, dem er instinktiv misstraut. Und mit der Polizistin Angie Polaski, die verdeckt ermittelt und früher seine Geliebte war - bis sie sein Feind wurde. Nur wenig später verschafft sich das Böse dann Zutritt zu Michaels eigenem Haus. Und längst Vergangenes sickert in die Gegenwart, wie Gift in seine Adern ...


Produktinformation

  • Verlag: (Blanvalet)
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 527 S.
  • Seitenzahl: 528
  • Special Agent Will Trent Bd.1
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 119mm x 45mm
  • Gewicht: 408g
  • ISBN-13: 9783442372218
  • ISBN-10: 3442372216
  • Best.Nr.: 26244438
Lesen Sie diesen Thriller nicht, wenn Sie allein sind. Lesen Sie ihn nicht nach Einbruch der Dunkelheit. ABER LESEN SIE IHN! Daily Express, London

"Sorgfältig gesetzte Spannungs-Höhepunkte und ein bemerkenswertes Ende."

"Karin Slaughter fackelt nicht lange, gleich auf den ersten Seiten bricht das Grauen ein in die Welt des Vertrauten. - Und doch geht es in Karin Slaughters Büchern nicht um Gewalt um der Gewalt willen, nicht allein um das Verbrechen, sondern um das, was den Verbrecher treibt; nicht um die Suche nach dem Mörder, sondern vor allem um die Irr- und Umwege der Suchenden." (Die Welt)
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia. 2003 erschien ihr Debütroman Belladonna, der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Grant County-Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton und Polizeichef Jeffrey Tolliver sind inzwischen in 30 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 20 Millionen mal verkauft worden.

Leseprobe zu "Verstummt / Atlanta Police Department Bd.1"

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Leseprobe zu "Verstummt / Atlanta Police Department Bd.1"

Decatur City Observer, 17. Juni 1985

JUNGES MÄDCHEN AUS DECATUR ERMORDET

Gestern Morgen fanden die Eltern die fünfzehnjährige Mary Alice Finney tot in ihrem Haus in der Adams Street. Die Polizei veröffentlichte bisher noch keine Details zu dem Verbrechen. Zu erfahren war lediglich, dass dieser Fall als Mord betrachtet werde und alle, die zuletzt mit Finney gesehen wurden, befragt würden. Paul Finney, der Vater des Mädchens und einer der stellvertretenden Bezirksstaatsanwälte für das DeKalb County, sagte in einer gestern Abend veröffentlichten Stellungnahme, er vertraue vollstens darauf, dass die Polizei den Mörder seiner Tochter der Gerechtigkeit zuführen werde. Mary Alice, eine ausgezeichnete Schülerin der Decat ur Highschool, war aktives Mitglied der Cheerleader-Truppe und wurde erst kürzlich zur Sprecherin ihres Jahrgangs gewählt Informierte Quellen bestätigten, dass die Leiche des Mädchens verstümmelt wurde.

5. Februar 2006 Detective Michael Ormewood hörte sich im Radio das Footballspiel an, während er die DeKalb Avenue hinunter zu den Grady Homes fuhr. Je näher er der Sozialsiedlung kam, desto angespannter wurde er, und als er nach rechts in das Viertel einbog, das die meisten Polizisten als Kriegsgebiet betrachteten, vibrierte sein Körper förmlich unter der Belastung. Während die Atlanta Housing Authority sich allmählich selbst auffraß, wurden solche subventionierten Projekte wie Grady zu einem Modell der Vergangenheit. Die innerstädtischen Grundstücke waren zu wertvoll, das Potential zum Absahnen zu hoch. Gleich anschließend lag Decatur mit seinen schicken Restaurants und sündteuren Wohnhäusern. Weniger als eine Meile in die andere Richtung erhob sich die vergoldete Kuppel des Kapitols von Georgia. Grady war so etwas wie ein Worst-Case-Szenario zwischen diesen beiden, eine lebendige Mahnung, dass die Stadt zu beschäftigt war, um zu hassen, aber auch zu beschäftigt, um sich um ihre Leute zu kümmern.

Da eben das Spiel lief, waren die Straßen ziemlich leer. Die Dealer und Zuhälter hatten sich den Abend freigenommen, um ein sehr seltenes Schauspiel mitzuerleben: Die Atlanta Falcons spielten im Superbowl. Da es Sonntagabend war, versuchten die Prostituierten, ihr Geld zu verdienen und den Kirchgängern etwas zu geben, das sie in der nächsten Woche beichten konnten. Einige der Mädchen winkten Michael zu, als er vorbeifuhr. Er erwiderte den Gruß und fragte sich, wie viele zivile Einsatzfahrzeuge hier anhielten, damit die Beamten, nachdem sie der Zentrale durchgegeben hatten, sie würden zehn Minuten Pause machen, ein Mädchen zu sich winken und sich einen blasen lassen konnten.

Gebäude neun befand sich im hinteren Teil der Siedlung, und die bröckelnden Ziegelmauern waren markiert mit dem Logo der Ratz, einer der neuen Gangs, die in die Homes eingezogen waren. Vier Streifenwagen und ein weiteres Zivilfahrzeug standen vor dem Gebäude. Auf den Bewohnerparkplätzen sah er einen schwarzen BMW und einen aufgemotzten Lincoln Navigator, dessen Zehntausend-Dollar-Sportfelgen im Licht der Straßenlaternen golden glänzten. Michael verkniff es sich, das Lenkrad herumzureißen und dem Siebzigtausend-Dollar-Geländewagen ein wenig an den Lack zu gehen. Dass diese Wichser so teure Autos fuhren, machte ihn stocksauer. Im letzten Monat war Michaels Sohn fast zehn Zentimeter in die Höhe geschossen, und alle seine Jeans waren ihm zu kurz, aber neue Klamotten mussten bis zu Michaels nächstem Gehaltsscheck verschoben werden. Tim sah aus, als würde er auf eine Springflut warten, während Daddys Steuerdollars die Miete dieser Ganoven subventionierten.

Anstatt sofort auszusteigen, blieb Michael kurz sitzen, hörte sich noch ein paar Sekunden des Spiels an und genoss einen Augenblick des Friedens, bevor seine Welt auf den Kopf gestellt würde. Er befand sich jetzt seit fast fünfzehn Jahren bei der Truppe, war direkt von der Armee zur Polizei gegangen und hatte zu spät gemerkt, dass es, abgesehen vom Haarschnitt, keinen großen Unterschied zwischen den beiden gab. Er wusste, sobald er ausstieg, würde alles in Gang kommen wie eine Uhr, die zu stark aufgezogen war. Die schlaflosen Nächte, die endlosen Spuren, die nie irgendwohin führten, die Chefs, die ihm im Nacken saßen. Die Medien würden wahrscheinlich auch Wind davon bekommen. Dann hätte er Kameras vorm Gesicht, kaum dass er das Revier verließ; die Leute würden ihn fragen, warum der Fall noch nicht gelöst sei, sein Sohn würde es in den Nachrichten sehen und von ihm wissen wollen, warum die Leute so wütend auf ihn waren.

Collier, ein junger Streifenpolizist mit Armen, die so muskelbepackt waren, dass er sie nicht gerade herunterhängen lassen konnte, klopfte an die Scheibe und bedeutete Michael, sie zu öffnen. Collier machte dabei mit seiner fleischigen Hand eine Kreisbewegung, auch wenn der Junge wahrscheinlich noch nie in einem Auto gesessen hatte, dessen Scheiben sich per Hand herunterkurbeln ließen.

Michael drückte auf den Knopf auf der Mittelkonsole und sagte: "Ja?", während das Glas nach unten glitt.

"Wer gewinnt?"

"Nicht Atlanta", teilte ihm Michael mit, und Collier nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Atlantas letzte Teilnahme am Superbowl lag mehrere Jahre zurück. Denver hatte sie mit 34:19 überrannt.

Collier fragte: "Wie geht's Ken?"

"Ken geht's, wie's Ken geht", antwortete Michael, ohne näher auf den Gesundheitszustand seines Partners einzugehen.

"Könnten ihn bei dem da brauchen." Der Streifenbeamte deutete mit dem Kopf in die Richtung des Gebäudes. "Ziemlich unappetitlich."

Michael behielt seine Meinung für sich. Der Junge war Anfang zwanzig, wohnte wahrscheinlich bei seiner Mutter im Keller und glaubte, er sei schon ein Mann, nur weil er sich jeden Morgen eine Waffe umschnallte.

Michael hatte in der irakischen Wüste schon einige Colliers getroffen, als damals der erste Bush beschloss, dort einzumarschieren. Das waren alles eifrige Jungs mit diesem Funkeln in den Augen, an dem man erkannte, dass sie nicht nur wegen der drei Mahlzeiten und der kostenlosen Ausbildung zur Armee gegangen waren. Sie waren besessen von Pflicht und Ehre, dieser ganzen Scheiße, die sie im Fernsehen gesehen hatten und die ihnen von den Anwerbern eingetrichtert worden war, die sie dann aus der Highschool pflückten wie reife Kirschen. Man hatte ihnen eine technische Ausbildung und Einsätze nur in der Heimat versprochen, so ziemlich alles, was sie nur dazu brachte, auf der gepunkteten Linie zu unterschreiben. Die meisten von ihnen wurden schließlich mit der ersten Transportmaschine in die Wüste geschafft, wo man sie erschoss, noch bevor sie ihre Helme aufsetzen konnten.

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Decatur City Observer, 17. Juni 1985

JUNGES MÄDCHEN AUS DECATUR ERMORDET

Gestern Morgen fanden die Eltern die fünfzehnjährige Mary Alice Finney tot in ihrem Haus in der Adams Street. Die Polizei veröffentlichte bisher noch keine Details zu dem Verbrechen. Zu erfahren war lediglich, dass dieser Fall als Mord betrachtet werde und alle, die zuletzt mit Finney gesehen wurden, befragt würden. Paul Finney, der Vater des Mädchens und einer der stellvertretenden Bezirksstaatsanwälte für das DeKalb County, sagte in einer gestern Abend veröffentlichten Stellungnahme, er vertraue vollstens darauf, dass die Polizei den Mörder seiner Tochter der Gerechtigkeit zuführen werde. Mary Alice, eine ausgezeichnete Schülerin der Decatur Highschool, war aktives Mitglied der Cheerleader-Truppe und wurde erst kürzlich zur Sprecherin ihres Jahrgangs gewählt. Informierte Quellen bestätigten, dass die Leiche des Mädchens verstümmelt wurde.

Kapitel 1

5. Februar 2006

Detective Michael Ormewood hörte sich im Radio das Footballspiel an, während er die DeKalb Avenue hinunter zu den Grady Homes fuhr. Je näher er der Sozialsiedlung kam, desto angespannter wurde er, und als er nach rechts in das Viertel einbog, das die meisten Polizisten als Kriegsgebiet betrachteten, vibrierte sein Körper förmlich unter der Belastung. Während die Atlanta Housing Authority sich allmählich selbst auffraß, wurden solche subventionierten Projekte wie Grady zu einem Modell der Vergangenheit. Die innerstädtischen Grundstücke waren zu wertvoll, das Potential zum Absahnen zu hoch. Gleich anschließend lag Decatur mit seinen schicken Restaurants und sündteuren Wohnhäusern. Weniger als eine Meile in die andere Richtung erhob sich die vergoldete Kuppel des Kapitols von Georgia. Grady war so etwas wie ein Worst-Case-Szenario zwischen diesen beiden, eine lebendige Mahnung, dass die Stadt zu beschäftigt war, um zu hassen, aber auch zu beschäftigt, um sich um ihre Leute zu kümmern.

Da eben das Spiel lief, waren die Straßen ziemlich leer. Die Dealer und Zuhälter hatten sich den Abend freigenommen, um ein sehr seltenes Schauspiel mitzuerleben: Die Atlanta Falcons spielten im Superbowl. Da es Sonntagabend war, versuchten die Prostituierten, ihr Geld zu verdienen und den Kirchgängern etwas zu geben, das sie in der nächsten Woche beichten konnten. Einige der Mädchen winkten Michael zu, als er vorbeifuhr. Er erwiderte den Gruß und fragte sich, wie viele zivile Einsatzfahrzeuge hier anhielten, damit die Beamten, nachdem sie der Zentrale durchgegeben hatten, sie würden zehn Minuten Pause machen, ein Mädchen zu sich winken und sich einen blasen lassen konnten.

Gebäude neun befand sich im hinteren Teil der Siedlung, und die bröckelnden Ziegelmauern waren markiert mit dem Logo der Ratz, einer der neuen Gangs, die in die Homes eingezogen waren. Vier Streifenwagen und ein weiteres Zivilfahrzeug standen vor dem Gebäude. Auf den Bewohnerparkplätzen sah er einen schwarzen BMW und einen aufgemotzten Lincoln Navigator, dessen Zehntausend-Dollar-Sportfelgen im Licht der Straßenlaternen golden glänzten. Michael verkniff es sich, das Lenkrad herumzureißen und dem Siebzigtausend-Dollar-Geländewagen ein wenig an den Lack zu gehen. Dass diese Wichser so teure Autos fuhren, machte ihn stocksauer. Im letzten Monat war Michaels Sohn fast zehn Zentimeter in die Höhe geschossen, und alle seine Jeans waren ihm zu kurz, aber neue Klamotten mussten bis zu Michaels nächstem Gehaltsscheck verschoben werden. Tim sah aus, als würde er auf eine Springflut warten, während Daddys Steuerdollars die Miete dieser Ganoven subventionierten.

Anstatt sofort auszusteigen, blieb Michael kurz sitzen, hörte sich noch ein paar Sekunden des Spiels an und genoss einen Augenblick des Friedens, bevor seine Welt auf den Kopf gestellt würde. Er befand sich jetzt seit fast fünfzehn Jahren bei der Truppe, war direkt von der Armee zur Polizei gegangen und hatte zu spät gemerkt, dass es, abgesehen vom Haarschnitt, keinen großen Unterschied zwischen den beiden gab. Er wusste, sobald er ausstieg, würde alles in Gang kommen wie eine Uhr, die zu stark aufgezogen war. Die schlaflosen Nächte, die endlosen Spuren, die nie irgendwohin führten, die Chefs, die ihm im Nacken saßen. Die Medien würden wahrscheinlich auch Wind davon bekommen. Dann hätte er Kameras vorm Gesicht, kaum dass er das Revier verließ; die Leute würden ihn fragen, warum der Fall noch nicht gelöst sei, sein Sohn würde es in den Nachrichten sehen und von ihm wissen wollen, warum die Leute so wütend auf ihn waren.

Collier, ein junger Streifenpolizist mit Armen, die so muskelbepackt waren, dass er sie nicht gerade herunterhängen lassen konnte, klopfte an die Scheibe und bedeutete Michael, sie zu öffnen. Collier machte dabei mit seiner fleischigen Hand eine Kreisbewegung, auch wenn der Junge wahrscheinlich noch nie in einem Auto gesessen hatte, dessen Scheiben sich per Hand herunterkurbeln ließen.

Michael drückte auf den Knopf auf der Mittelkonsole und sagte: "Ja?", während das Glas nach unten glitt.

"Wer gewinnt?"

"Nicht Atlanta", teilte ihm Michael mit, und Collier nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Atlantas letzte Teilnahme am Superbowl lag mehrere Jahre zurück. Denver hatte sie mit 34:19 überrannt.

Collier fragte: "Wie geht's Ken?"

"Ken geht's, wie's Ken geht", antwortete Michael, ohne näher auf den Gesundheitszustand seines Partners einzugehen.

"Könnten ihn bei dem da brauchen." Der Streifenbeamte deutete mit dem Kopf in die Richtung des Gebäudes. "Ziemlich unappetitlich."

Michael behielt seine Meinung für sich. Der Junge war Anfang zwanzig, wohnte wahrscheinlich bei seiner Mutter im Keller und glaubte, er sei schon ein Mann, nur weil er sich jeden Morgen eine Waffe umschnallte.

Michael hatte in der irakischen Wüste schon einige Colliers getroffen, als damals der erste Bush beschloss, dort einzumarschieren. Das waren alles eifrige Jungs mit diesem Funkeln in den Augen, an dem man erkannte, dass sie nicht nur wegen der drei Mahlzeiten und der kostenlosen Ausbildung zur Armee gegangen waren. Sie waren besessen von Pflicht und Ehre, dieser ganzen Scheiße, die sie im Fernsehen gesehen hatten und die ihnen von den Anwerbern eingetrichtert worden war, die sie dann aus der Highschool pflückten wie reife Kirschen. Man hatte ihnen eine technische Ausbildung und Einsätze nur in der Heimat versprochen, so ziemlich alles, was sie nur dazu brachte, auf der gepunkteten Linie zu unterschreiben. Die meisten von ihnen wurden schließlich mit der ersten Transportmaschine in die Wüste geschafft, wo man sie erschoss, noch bevor sie ihre Helme aufsetzen konnten.

Ted Greer kam eben aus dem Gebäude und zerrte an seinem Krawattenknoten, als bräuchte er mehr Luft. Der Lieutenant war für einen Schwarzen ziemlich bleich, da er die meiste Zeit unter Neonbeleuchtung an seinem Schreibtisch saß und auf seine Pensionierung wartete.

Er sah Michael noch im Auto sitzen und runzelte die Stirn. "Hast du heute Nacht Dienst, oder fährst du nur zum Vergnügen durch die Gegend?"

Michael ließ sich Zeit beim Aussteigen. Er zog den Schlüssel erst aus dem Zündschloss, als der Halbzeitkommentar anfing. Es war für Februar ein ziemlich warmer Abend, und die Klimaanlagen in den Fenstern der Hausbewohner summten wie Bienen um einen Bienenstock.

Greer fuhr Collier an: "Haben Sie nichts zu tun?"

Collier war so schlau, einen Abgang zu machen, und drückte dabei das Kinn an die Brust, als hätte er einen Schlag auf die Nase bekommen.

"Verdammte Sauerei", sagte Greer zu Michael. Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich Schweiß von der Stirn. "Irgendein kranker Perverser hat sie sich geschnappt."

Das wusste Michael schon von dem Anruf, der ihn von seiner Wohnzimmercouch geholt hatte. "Wo ist sie?"

"Im sechsten Stock." Greer faltete das Taschentuch zu einem ordentlichen Quadrat zusammen und steckte es in die Tasche. "Den Notruf konnten wir zu dem Telefon da zurückverfolgen." Er deutete auf die andere Straßenseite.

Michael starrte die Telefonzelle an, ein Relikt aus der Vergangenheit. Inzwischen hatte jeder ein Handy, vor allem Dealer und Zuhälter.

"Frauenstimme", sagte Greer. "Das Band kriegen wir irgendwann morgen."

"Wie lange hat es gedauert, bis jemand hier war?"

"Zweiunddreißig Minuten", erwiderte Greer, und Michael überraschte nur, dass es so schnell gegangen war. Nach Recherchen eines lokalen Nachrichtenteams dauerte es durchschnittlich fünfundvierzig Minuten, bis auf einen Notruf aus Grady reagiert wurde. Krankenwagen brauchten sogar noch länger.

Greer drehte sich wieder dem Gebäude zu. "Bei dem Fall werden wir Hilfe anfordern müssen."

Michael stellten sich bei diesem Vorschlag die Haare auf. Statistisch war Atlanta eine der amerikanischen Städte mit den meisten Gewaltverbrechen. Eine tote Nutte war kaum ein welterschütterndes Ereignis, vor allem, wenn man wusste, wo sie gefunden wurde.

So sagte er zu Greer: "Also ein Arschloch, das mir sagt, wie ich meine Arbeit tun soll, ist so ziemlich das Letzte, was ich brauche."

"Dieses Arschloch hier denkt, dass du genau so was brauchst", entgegnete der Lieutenant. Michael wusste, dass streiten nichts brachte - nicht weil Greer Insubordination nicht zuließ, sondern weil er Michael zustimmen würde, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, sich dann aber umdrehen und genau das tun würde, was er sowieso wollte.

Greer fügte hinzu: "Der ist echt übel."

"Übel sind sie alle", erinnerte ihn Michael, öffnete die hintere Tür seines Autos und holte sein Sakko heraus.

"Das Mädchen hatte keine Chance", fuhr Greer fort. "Geschlagen, geschnitten, in jedes Loch gefickt, das man sich nur vorstellen kann. Wir haben's da mit einem echt kranken Wichser zu tun."

Michael zog sein Sakko an und dachte, dass Greer klang, als wollte er sich für eine Krimiserie bei den Privatsendern bewerben. "Ken ist aus dem Krankenhaus raus. Meinte, man könnte mal vorbeikommen und ihn besuchen."

Greer murmelte, dass er im Augenblick wahnsinnig viel am Hals habe, trottete dann zu seinem Auto und schaute sich um, als hätte er Angst, dass Michael ihm folgen würde. Michael wartete, bis sein Chef im Auto saß und vom Parkplatz fuhr, bevor er auf das Gebäude zuging.

Collier stand an der Tür, die Hand an der Waffe. Wahrscheinlich glaubte er, er würde Wache halten, aber Michael wusste, dass derjenige, der das Verbrechen begangen hatte, nicht für einen Nachschlag zurückkommen würde. Er war fertig mit der Frau. Von ihr wollte er nichts mehr.

Collier sagte: "Der Chef ist aber schnell verschwunden."

"Danke für die Information."

Michael atmete kurz durch, bevor er die Tür öffnete, und ließ sich dann von dem feuchten, dunklen Gebäude hineinziehen. Wer die Homes entworfen hatte, der hatte nicht an glückliche Kinder gedacht, die aus der Schule zu Milch und Keksen nach Hause kamen. Man hatte sich auf Sicherheit konzentriert, freie Flächen auf ein Minimum beschränkt und alle Beleuchtungskörper mit Stahldraht versehen, um die Glühbirnen zu schützen. Die Wände waren nackter Beton mit schmalen Fenstern in engen, kleinen Winkeln; die Drahtgitter in den Scheiben sahen aus wie gleichgeschaltete Spinnennetze. Graffiti bedeckte Oberflächen, die früher einmal weiß gestrichen waren: Bandenlogos, Warnungen und verschiedene Informationsfetzen. Links von den kaputten Briefkästen hatte jemand hingekritzelt: Kim ist eine Nutte! Kim ist eine Nutte!

Michael schaute das gewundene Treppenhaus empor und zählte die sechs Stockwerke, als eine Tür einen Spalt aufging. Er drehte sich um und sah eine uralte schwarze Frau, die ihn mit kaltem Blick anstarrte.

"Polizei", sagte er und zückte seine Marke. "Keine Angst."

Die Tür ging ein Stückchen weiter auf. Die Frau trug eine Schürze mit Blumenmuster über einem weißen T-Shirt und Jeans. "Hab doch keine Angst vor dir, du Scheißer."

Hinter ihr drängten sich vier alte Frauen, alle bis auf eine Afroamerikanerinnen. Michael wusste, dass sie nicht hier waren, um zu helfen. Grady lebte, wie jede kleine Nachbarschaft, von Klatsch, und das waren die Münder, die für Nachschub sorgten.

Dennoch musste er fragen: "Hat jemand von Ihnen irgendwas gesehen?"

Sie schüttelten simultan die Köpfe, Wackeldackel auf Gradys Hutablage.

"Super", sagte Michael und steckte seine Marke wieder ein. "Danke, dass Sie uns helfen, Ihr Viertel sicherer zu machen."

Sie keifte: "Das ist dein Job, Schwanzlutscher."

Einen Fuß bereits auf der ersten Stufe, blieb er stehen, drehte sich zu ihr um und schaute ihr direkt in die Augen. Sie erwiderte den Blick, und ihre wässrigen Augen wanderten hin und her, als würde sie das Buch seines Lebens lesen. Die Frau war jünger als die anderen, vermutlich Anfang siebzig, aber irgendwie grauer und kleiner als ihre Freundinnen. Fältchen kräuselten sich wie Spinnweben um ihre Lippen, Spuren jahrzehntelangen Ziehens an Zigaretten. Ein breiter, grauer Streifen teilte oben auf der Schädelkrone ihre Haare, grau wie die Stoppeln, die wie Dreadlocks aus ihrem Kinn wucherten. Sie trug den grellsten orangefarbenen Lippenstift, den er je an einer Frau gesehen hatte.

"Wie heißen Sie?", fragte er.

Sie hob verächtlich das Kinn, antwortete aber trotzdem: "Nora."

"Jemand hat von der Telefonzelle da draußen einen Notruf getätigt."

"Hoffentlich hat derjenige sich danach die Hände gewaschen."

Michael gestattete sich ein Lächeln. "Haben Sie sie gekannt?"

"Alle ham wir sie gekannt." Ihr Ton verriet, dass es noch viel mehr zu sagen gäbe, sie aber nicht diejenige sei, die es einem vertrottelten, weißen Bullen erzählen würde. Es war ziemlich offensichtlich, dass Nora nicht unbedingt einen Collegeabschluss in der Tasche hatte, aber auf so etwas hatte Michael noch nie Wert gelegt. Er sah es an den Augen, dass die Frau es faustdick hinter den Ohren hatte. Straßenschläue. In einer Gegend wie Grady wurde man nicht so alt, wenn man blöd war.

Michael nahm den Fuß von der Stufe und ging auf die Frauen zu. "Hat sie gearbeitet?"

Nora schaute ihn noch immer argwöhnisch an. "Fast jede Nacht."

"Sie war ein anständiges Mädchen", bemerkte die weiße Frau hinter ihr.

Nora schnalzte mit der Zunge. "So ein junges kleines Ding." Ihre Stimme klang fast vorwurfsvoll, als sie sagte: "Kein Leben für sie, aber was hätte sie denn tun sollen?"

Michael nickte, als würde er verstehen. "Hatte sie Stammkunden?"

Sie schüttelten alle den Kopf, und Nora antwortete: "Sie hat die Arbeit nie mit nach Haus gebracht."

Michael wartete, ob sonst noch etwas kommen würde. Er zählte im Geist die Sekunden und dachte, zwanzig würde er ihnen geben. Ein Hubschrauber flog über das Gebäude, und ein paar Straßen entfernt quietschten Autoreifen, aber niemand achtete darauf. Es war ein Viertel, wo die Leute nervös wurden, wenn sie nicht wenigstens ein paarmal pro Woche Schüsse hörten. Ihr Leben hatte eine natürliche Ordnung, und Gewalt - oder deren Androhung - gehörte dazu wie Fastfood und Schnaps.

"Okay", sagte Michael, als er bei fünfundzwanzig angelangt war. Er zog eine Visitenkarte heraus und gab sie Nora mit der Bemerkung: "Was zum Arschwischen."

Sie schnaubte verächtlich und hielt die Karte zwischen Daumen und Zeigefinger. "Mein Arsch ist größer als die hier."

Er zwinkerte anzüglich und ließ seine Stimme heiser klingen. "Glaub bloß nicht, dass ich das nicht bemerkt hätte, Darling."

Sie lachte rau und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Die Karte hatte sie allerdings behalten. Er wertete dies als positives Zeichen.

Michael ging wieder zur Treppe und nahm die erste Etage zwei Stufen auf einmal. Alle Gebäude in Grady verfügten über Aufzüge, aber sogar die funktionierenden waren gefährlich. In seinem ersten Jahr als Streifenpolizist war Michael zu einer häuslichen Auseinandersetzung in die Homes gerufen worden und in einem dieser quietschenden Kästen mit einem kaputten Funkgerät stecken geblieben. Ungefähr zwei Stunden lang hatte er versucht, nicht noch zusätzlich zu dem überwältigenden Gestank nach Pisse und Kotze beizutragen, bis sein Sergeant bemerkte, dass er sich nicht gemeldet hatte, und ein Team schickte. Die alten Hasen hatten dann noch eine halbe Stunde über seine Dummheit gelacht, bevor sie ihn befreiten.

Willkommen bei den Brüdern.

Als Michael die zweite Etage in Angriff nahm, spürte er eine Veränderung in der Luft. Zuerst bemerkte er den Geruch: die übliche Mischung aus frittiertem Essen, Bier und Schweiß, jetzt allerdings durchsetzt von dem unverkennbaren Gestank eines gewaltsamen Todes.

In dem Gebäude hatten die Leute auf den Tod wie üblich reagiert. Anstatt des beständigen Wummerns von Rap aus unzähligen Lautsprechern hörte Michael jetzt nur das Murmeln von Stimmen hinter geschlossenen Türen. Fernseher waren leise gedreht, die Showeinlagen zur Halbzeit dienten als Hintergrundgeräusch, während die Leute über die junge Frau im sechsten Stock redeten und Gott dankten, dass es diesmal sie getroffen hatte und nicht ihre Töchter oder sie selbst.

In der relativen Stille drangen nun Geräusche das Treppenhaus herunter, die vertrauten Laute an einem Tatort, wenn Spuren gesichert und Fotos geschossen wurden. Auf dem Absatz der vierten Etage blieb Michael stehen, um Atem zu holen. Er hatte zwei Monate zuvor mit dem Rauchen aufgehört, aber seine Lunge wollten ihm das noch nicht so recht glauben. Er kam sich vor wie ein Asthmatiker, als er die nächste Etage hochstieg. Über ihm lachte jemand heiser auf, und er hörte, wie andere Polizisten mit einfielen, die übliche, aufgesetzt kaltblütige Heiterkeit, die es ihnen erst ermöglichte, ihre Arbeit zu tun.

Unten wurde eine Tür aufgerissen, Michael lehnte sich über das Geländer und erblickte zwei Frauen, die eine Trage ins Foyer bugsierten. Sie hatten dunkelblaue Regenjacken an mit der Aufschrift LEICHENSCHAUHAUS in leuchtend gelben Buchstaben.

Michael rief: "Hier oben."

"Wie weit oben?", fragte eine der beiden.

"Sechster Stock."

"Verdammte Scheiße", fluchte sie.Michael packte den Handlauf des Geländers, zog sich die nächsten Stufen hoch und hörte, wie die beiden Frauen bei ihrem Aufstieg weitere Flüche ausstießen und die Trage gegen das Metallgeländer klapperte.

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Bewertung von sidk am 22.07.2011 ***** sehr gut
Der Titel lautet schon so spannend...und genau so ist auch dieses Buch. Zwischendrin ist es etwas langatmig bechrieben, ansonsten aber super. Seit diesem Buhc bin ich ein Karin Slaughter Fan! Und seit diesem Buch habe ich noch viele andere ihrer Bücher gelesen und sie sind alle toll!
Wenn man dieses gelesen hat, will man einfach noch mehr!

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Bewertung von Gudrun aus Hagen am 17.11.2010 ***** sehr gut
Bislang habe ich drei englische Originalausgaben gelesen... aber auch in deutscher Sprache "kriminell gut" und sehr empfehlenswert. Mir gefällt auch die Darstellung der Charaktere, die nicht so glatt sind.

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Bewertung von Saiya aus Nürnberg am 18.08.2010 ***** sehr gut
erst etwas verwirrend, aber dann hochspannend

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Bewertung von Elissa aus Hamburg am 31.07.2010 ***** sehr gut
... bin nicht enttäuscht worden - ein echter Slaughter!

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Bewertung von garfieldundlisa aus Kerpen am 27.07.2010 ***** ausgezeichnet
karin slaughter grandios und fesselnd wie immer, für mich eine der besten krimiautorinnen überhaupt

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Bewertung von Katharina aus Tostedt am 07.05.2010 ***** ausgezeichnet
Karin Slaughter ist eine der besten Autorinen der Gegenwart. Ihre Bücher sind alle extrem spannend bis zur letzten Seite und man muß sie einfach gelesen haben.Man kann ihre Bücher nicht einfach zur Seite legen Ich warte schon gespannd auf ein neues Buch meiner Lieblings-Autorin.

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Bewertung von lala aus Berlin am 19.04.2010 ***** ausgezeichnet
Das beste Buch, das ich je gelesen habe. Es ist nict nur spannend, sondern durch die verschiedenen Lebensgeschichten auch sehr facettenreich. An einigen Stellen wäre ich am liebsten ins Buch hineingesprungen und hätte John da aus der Misere herausgezerrt...

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Bewertung von Igelchen aus kiel am 05.04.2010 ***** sehr gut
ein sehr schönes und spannendes Buch

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Bewertung von Grumi aus München am 22.03.2010 ***** gut
Stellenweise ein bisschen langgezogen, viele Klischees, aber eine gute Lektüre

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