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Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann derZwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich ihren Lehrer Smutek als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Es beginnt ein perfides Spiel. Ganz ruhig fängt das an: Ada, überaus selbstbewußte Schülerin, vierzehn Jahre alt, kommt…mehr

Produktbeschreibung
Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann derZwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich ihren Lehrer Smutek als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Es beginnt ein perfides Spiel.
Ganz ruhig fängt das an: Ada, überaus selbstbewußte Schülerin, vierzehn Jahre alt, kommt neu an ein Gymnasium namens Ernst-Bloch, wo der Alltag sie nicht fordert und die Lehrer meist schwache Gegner beim intellektuellen Kräftemessen sind. Anfangs erregt Ada auf Ernst-Bloch wenig Aufmerksamkeit. Das soll sich ändern im Fortgang dieses Romans.
  • Produktdetails
  • btb Bd.73369
  • Verlag: BTB BEI GOLDMANN
  • Seitenzahl: 576
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 565 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 40mm
  • Gewicht: 488g
  • ISBN-13: 9783442733699
  • ISBN-10: 3442733693
  • Best.Nr.: 14112561
Autorenporträt
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).
Juli Zeh
Rezensionen
"Bewundernswert." Ulrich Greiner, Die Zeit
Besprechung von 24.12.2004
Im Literatur-Leistungskurs
Mädchen ohne Eigenschaften: Juli Zehs zweiter Roman

Juli Zeh ist die Autorin des Augenblicks. Die 1974 geborene Schriftstellerin hat seit dem Erfolg ihres Debütromans "Adler und Engel" (2001) die nach der Popliteraturbaisse vakante Planstelle des Fräuleinwunderfräuleins eingenommen und sich als Stimme der jüngeren Generation etabliert. Durch ihre parallel zur Literatenlaufbahn verfolgte Juristenausbildung gilt sie als natürliche Mittlerin zwischen Poesie und Wirklichkeit und daher als ideale Kandidatin für Schriftstellerumfragen über Gott und die Welt. Kaum ein aktuelles Thema, zu dem sie nicht eine Meinung hat und kundtun darf: sei es der Krieg in Bosnien (über den sie einen Reisebericht verfaßte), die Inflation der Ich-Perspektive (sie selbst schreibt mutig auktorial), das Jammern der Ostdeutschen (sie selbst stammt aus Bonn), die Pornographisierung der Kunst (ihre Romanhelden stehen wirklich nicht auf Sex) oder das Verschwinden der politisch engagierten Literatur (mit einer wichtigen, leicht zu erratenden Ausnahme).

Mit ihrem neuen Roman "Spieltrieb" trifft sie abermals den Puls der Zeit: Eine Schüler-und-Lehrer-Tragödie, angesiedelt an einem Bonner Privatgymnasium, darf in Zeiten von Littleton und Erfurt, Bildungsdebatte und Pisa-Schock mit besonderem Interesse rechnen. Hauptfigur ist die vierzehnjährige Ada, ein hochbegabtes, zugleich fast autistisch-eigenbrötlerisches Mädchen, für die das "Ernst Bloch" nach dem Verweis von ihrer früheren Schule die letzte Chance ist. Mit ihrer einschüchternden Bildung - sie hat sich als Kind durch die elterliche Bibliothek gefressen und alles behalten - und ihrer Schlagfertigkeit, die Aphorismen fertigt wie andere in ihrem Alter Papierkügelchen, wird sie rasch zum Schrecken der naiv-hübschen "Prinzessinnen" ihrer Stufe und Liebling gerade der gefürchteten Lehrer: vor allem des zynischen Geschichtslehrers "Höfi" und des ehrgeizigen Smutek (Deutsch und Sport), eines polnischstämmigen und attraktiven Mannes, der von seinem ersten Leistungskurs und einer neuen Tartanbahn träumt und dabei Ada eine zentrale Rolle zugedacht hat. Denn sie denkt nicht nur, sie läuft auch am schnellsten - das häßliche Entlein als Klassenbeste und Sportskanone.

Mit Beginn der elften Klasse bringt ein neuer Schüler die Gruppendynamik der Jahrgangstufe durcheinander: Alev El Qamar, Halb-Ägypter, Viertel-Franzose, ein kosmopolitischer und charismatischer Dandy, den Ada sofort als Seelenverwandten erkennt - wenn die beiden selbsternannten "Urenkel der Nihilisten" an die Existenz einer Seele noch glauben würden. Doch während Ada nur ihren Haß auf Dummheit kultiviert, spielt Alev die Rolle eines mephistophelischen Versuchers, der seine Mitmenschen als Marionetten auf seiner Privatbühne betrachtet. Nachdem er Ada in seinen Bann gezogen und mit speziellen Lektüren auf Höheres vorbereitet hat, macht er sie zur Komplizin. Smutek wird von seiner Lieblingsschülerin in der Turnhalle verführt und hinterher mit Fotos erpreßt.

Daß dieses "Spiel" ohne jedes Motiv auskommt, ist gerade sein Witz: Die Vernichtung einer Existenz ist purer Selbstzweck, Produkt der nachmittäglichen Schüler-AG "L'art pour l'art". Man tut es, weil es möglich ist und keine moralischen Skrupel näherer Überprüfung standhalten, so der nietzscheanisch zurechtgestrickte Kommentar, der als Lebensgefühl der jüngeren Generation erscheint. Nach einer spektakulären Wendung kommt es zu einem Gerichtsverfahren, das Ada zu einem Plädoyer in eigener Sache, dem pathetischen Manifest einer neuen, freigeistigen Epoche, nutzt.

Dieser Plot hätte nun eine spannende Novelle abgeben können, zumal Juli Zeh durchaus spannend erzählen kann; der Eskalation der Intrige folgt man gefesselt. Allerdings beginnt das "Spiel" erst auf Seite 345. Das Vorspiel umfaßt eineinhalb Jahre und so viel Erzählstoff, wie ihn keine Oberstufenreform in einen Lehrplan pressen könnte: Da wird Ada aus Rache einer gedemütigten Prinzessin auf dem Jungenklo gefoltert, da vernascht sie ihren einzigen Freund, womit sie gleichgültig ihre Beziehung zerstört, und rettet umgekehrt ebenso teilnahmslos während einer Kursfahrt das Leben von Smuteks depressiver Frau, da stürzt sich der Geschichtslehrer Höfi in den Tod - dramatische Ereignisse, effektheischend wie Adas Gothic-Rock-Musik, die aber derart folgenlos bleiben, daß der Leser seine Ohren getrost auf Durchzug schalten kann wie früher im Sowi-Kurs. Alles versetzungsrelevante Wissen aber wird bis zum Überdruß wiederholt.

Zu dieser ausufernden Handlungsfülle kommt die chronische Verwendung gesuchter und oft schiefer Metaphern: "Ein Müllwagen bog um die Ecke und trank Mülltonnen auf ex"; "es galt abzuwarten, bis der Stadtplan des Lebens neu gefaltet wurde"; jemand rollte "den Bahndamm der eigenen Biographie hinunter". . . . Am meisten aber nervt die prätentiöse Geschwätzigkeit, mit der Lesefrüchte altkluger Teenager ohne jede ironische Brechung ausgebreitet werden. Es wimmelt von Sätzen wie diesen: "Die Hoffnung, es zum Kind zu bringen, hat nie wirklich in mir gelebt." Gegen Zehs Dialoge wirkt Platons "Phaidon" wie ein Dokudrama. Vom realistischen Anspruch bleiben nur das detailliert bis zum letzten Pausenbrot geschilderte Setting und die ständig durch Nachrichtenfetzen (Erfurt, Madrid, Ost-Erweiterung), Wetterberichte und aktuelle Kommunikationstechnik (SMS) behauptete Zeitgenossenschaft.

Mit den dauernden literarischen Verweisen - das fängt bei den auf Nabokov und Borges anspielenden Figurennamen an und hört beim "Mann ohne Eigenschaften", Smuteks Pflichtlektüre für die Klasse elf, noch lange nicht auf - legt sich Juli Zeh die Latte unerreichbar hoch. Wie kann sich eine nicht unbegabte Autorin nur so eklatant in der Schublade vergreifen und glauben, einfach aus dem Handgelenk mit etwas Rechtsphilosophie Musil und Dostojewski aktualisieren und zugleich eine neue Ära der Geistesgeschichte einläuten zu können (denn nur so ist der Prozeß am Schluß zu verstehen, dessen Richterin die eigentliche Erzählerin des Romans ist)?

Vielleicht ist es kein Zufall, daß Juli Zeh die Welt des schulischen Konkurrenzkampfes und des Notendrucks als interessanter Stoff erscheint. Nach dem Abitur studierte sie Jura, legte ein Spitzenexamen ab, absolvierte nebenbei das Literaturinstitut Leipzig und diverse Praktika. Man könnte meinen, sie habe die Schulbank nie wirklich verlassen und komme auch als Autorin nicht mehr aus ihrer Haut als ewig Klassenbeste. Unterliegt sie vielleicht dem Mißverständnis, daß auch Kunst wie ein Leistungskurs funktioniert, daß Literatur die Fortsetzung der Paukerei mit anderen Mitteln ist? Doch nun geht es nicht mehr darum, nach der höchsten Punktzahl und den meisten Praktika auch noch den dicksten, anspielungsreichsten und prophetischsten Roman ihrer Stufe zu schreiben.

Juli Zeh: "Spieltrieb". Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2004. 572 S., geb., 24,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

In Juli Zehs neuem Roman "Spieltrieb" geht es um das Überschreiten von Grenzen und das Vertrauen auf die Macht der eigenen Vernunft, so das Fazit von Anne Kraume. Was soll man aber auch tun, wenn es nichts mehr gibt außer der eigenen Vernunft, an das man sich halten könnte? Angesiedelt ist die Handlung in einem klischeehaften Milieu: Bonner Villengegend, Privatgymnasium, zwei wohl noch jugendliche, aber schon ausgesprochen unabhängige Geister, allgegenwärtiger Ennui und grassierende Wohlhabendheit, die sich zusammenschließen zu einem state of mind jenseits des Nihilismus. Wie zum Spaß beschließen Ada und Alev also, einen Lehrer in die sexuelle Falle zu locken. Das gelingt. Und es gefällt der Rezensentin. Der Vorwurf, den Kraume allenfalls glaubt, Zeh machen zu können, ist der der Konstruiertheit. Aber finden wir nicht manchmal Gefallen gerade an den konstruierten Plots? Wenn sie nur intelligent genug konstruiert sind? So die Argumentation Kraumes, die in die Feststellung mündet, dass Zeh den Klischees, mit denen sie spielt, nicht in die Falle geht - weil sie dafür schlicht und einfach zu intelligent vorgeht.

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