A Visit from the Goon Squad\Der größere Teil der Welt, englische Ausgabe - Egan, Jennifer
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Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein. Jennifer Ega entwirft ein großes Portrait des kulturellen Umbruchs seit dem Ende der Utopien bis zum digitalen Zeitalter und erzählt in wechselnden Perspektiven von Liebe, Freundschaft und Verlust. Der größere Teil der Welt reicht von der Musikszene San Franciscos Ende der Siebziger und dem New York der Neunzige…mehr

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Produktbeschreibung

Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein. Jennifer Egan entwirft ein großes Portrait des kulturellen Umbruchs seit dem Ende der Utopien bis zum digitalen Zeitalter und erzählt in wechselnden Perspektiven von Liebe, Freundschaft und Verlust. Der größere Teil der Welt reicht von der Musikszene San Franciscos Ende der Siebziger und dem New York der Neunziger bis zur ökologischen Katastrophe der Zukunft und einem verblüffenden Konzert am Ground Zero. Für ihren Roman erhielt Jennifer Egan den Pulitzer-Preis 2011 und zahlreiche weitere renommierte Auszeichnungen.

Jennifer Egan's spellbinding novel circles the lives of Bennie Salazar, an aging former punk rocker and record executive, and Sasha, the passionate, troubled young woman he employs. Although Bennie and Sasha never discover each other's pasts, the reader does, in intimate detail, along with the secret lives of a host of other characters whose paths intersect with theirs, over many years, in locales as varied as New York, San Francisco, Naples, and Africa. We first meet Sasha in her mid-thirties, on her therapist's couch in New York City, confronting her longstanding compulsion to steal. Later, we learn the genesis of her turmoil when we see her as the child of a violent marriage, then a runaway living in Naples, then as a college student trying to avert the suicidal impulses of her best friend. We meet Bennie Salazar at the melancholy nadir of his adult life - divorced, struggling to connect with his nine-year-old son, listening to a washed up band in the basement of a suburban house - and then revisit him in 1979, at the height of his youth, shy and tender, reveling in San Francisco's punk scene as he discovers his ardor for rock and roll and his gift for spotting talent. We learn what became of his high school gang - who thrived and who faltered - and we encounter Lou Kline, Bennie's catastrophically careless mentor, along with the lovers and children left behind in the wake of Lou's far flung sexual conquests and meteoric rise and fall. "A Visit from the Goon Squad" is a book about the interplay of time and music, about survival, about the stirrings and transformations set inexorably in motion by even the most passing conjunction of our fates. In a breathtaking array of styles and tones ranging from tragedy to satire to Powerpoint, Egan captures the undertow of self-destruction that we all must either master or succumb to; the basic human hunger for redemption; and the universal tendency to reach for both - and escape the merciless progress of time - in the transporting realms of art and music. Sly, startling, exhilarating work from one of our boldest writers.
  • Produktdetails
  • Verlag: Constable & Robinson; Corsair
  • Seitenzahl: 351
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 351 p.
  • Englisch
  • Abmessung: 18 cm
  • Gewicht: 204g
  • ISBN-13: 9781849019910
  • ISBN-10: 1849019916
  • Best.Nr.: 33128657

Autorenporträt

Jennifer Egan, geboren in Chicago und aufgewachsen in San Francisco, lebt heute in New York. Sie schrieb zahlreiche Kurzgeschichten, unter anderem für den "New Yorker".

Rezensionen

Besprechung von 18.02.2012
Nabokov und Bowie singen Lieder über Paranoia und Entfremdung

Amerikas Literatur hat einen neuen Superstar: Jennifer Egan, die Frau, die sogar Jonathan Franzen schlagen kann. Ihr Roman "Der größere Teil der Welt" erzählt vom Klang der Zeit.

Dieses Buch zu lesen ist ein seltsames Wunder; es zu rezensieren aber ein Albtraum. Fangen wir also damit an, was die Sache schwierig macht. Jennifer Egans Roman "Der größere Teil der Welt" lässt sich praktisch nicht zusammenfassen. Bestehend aus zwei Teilen, "A" und "B", die man sich vielleicht am besten als die beiden Seiten einer Vinylschallplatte vorstellt, und mit dreizehn Kapiteltracks, von denen wiederum zwei mehrere Untertitel haben und jeder eine andere Erzählstimme aufbietet, berichtet er ohne Rücksicht auf Chronologie von den frühen Siebzigern bis in die nahe Zukunft von einem guten Dutzend Personen. Diese stehen zwar alle in irgendeiner Verbindung miteinander, ahnen davon aber oft nichts - ähnlich wie beim Small-World-Projekt "Six Degrees of Separation", das zu Beginn des Internetzeitalters beweisen wollte, dass jeder Mensch nur maximal sechs Kontaktecken von jedem anderen auf der Welt entfernt ist. Eines der Kunststücke Jennifer Egans besteht darin, diesen Aha-Effekt, aus dem Facebook eine der größten Geschäftsideen unserer Zeit gemacht hat, mit den ureigenen Mitteln der Literatur zu erzeugen.

Der Roman spielt im exzentrischen Milieu der amerikanischen Musikindustrie, die ihre besten Jahr hinter sich lässt. Er erzählt von Musikern, Produzenten, Assistenten, Groupies und PR-Leuten, von verstörten, unsicheren Teenagern und deren späteren Ausgaben als spleenige, kaputte und nach wie vor unsichere Erwachsene. Er handelt von der Sehnsucht danach, einen eigenen Platz im Leben einzunehmen, und von der Schwierigkeit, sich dann mit ihm abzufinden. Er fragt nach den Möglichkeiten, sich in einer vollständig technologisierten Welt noch sinnlich zurechtzufinden. Es geht um die Zerbrechlichkeit von Gefühlen, Beziehungen, Lebensläufen. Vor allem aber um die Fragmentierung durch die Zeit, jene "Goon Squad" oder auch Schlägerbande, die keinen ungeschoren davonkommen lässt.

"A Visit from the Goon Squad" heißt Jennifer Egans Roman im amerikanischen Original, und es bringt wenig, darauf herumzureiten, wie brav und verwechselbar sich daneben der deutsche Titel "Der größere Teil der Welt" ausnimmt. Die Journalistin und Schriftstellerin Jennifer Egan, die in diesem Jahr fünfzig wird, hat bereits drei ausgezeichnete Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die alle auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Trotzdem ist dieses Werk, für das sie im vergangenen Jahr unter anderem den Pulitzer-Preis erhielt (womit sie über Jonathan Franzens "Freiheit" triumphierte), ihr Durchbruch - und das nicht nur, weil das Werk in Amerika zum Bestseller wurde, verfilmt werden soll und Übersetzungen in fast dreißig Ländern erscheinen. Vielmehr hat die Abenteuerin Egan zwar schon früher mit neuen Formen und Themen experimentiert, doch noch nie wirkte dieser Drang nach einer Schreibweise, deren Vielseitigkeit den Komplexitäten der Realität entsprechen könnte, so wenig artifiziell, so wenig gewollt wie hier. Denn die disparaten Einzelteile dieses Konzeptromans aus dreizehn Storys fügen sich zu einer verblüffend eleganten Gesamtkomposition: "Der größere Teil der Welt" ist eine schrille Kakophonie von der erhebenden Schönheit eines Oratoriums.

Ihre Inspirationsquellen für den Roman seien Prousts "Recherche" und "The Sopranos", die Fernsehserie um einen angeschlagenen Mafiaboss in New Jersey, hat Jennifer Egan einmal erzählt. Während ihr Buch, das wie aus einer anderen Galaxie auf die Postmoderne schaut, bereits als literarische Avantgarde von der epochalen Wirkung eines "Tristram Shandy" gewürdigt wird, haben für die einzelnen Kapitel eher Pioniere wie Vladimir Nabokov und David Bowie, Led Zeppelin und David Foster Wallace Pate gestanden.

Die Ankerfiguren sind Bennie Salazar und Sasha. Als wir ihn kennenlernen, hat Bennie sich vom früheren Punkrocker zum Musikproduzenten gemausert, dessen Erfolg und Ruhm indes bereits verblassen. In der vagen Hoffnung, damit seiner Potenz aufzuhelfen, sprenkelt er Blattgoldflocken über seinen Kaffee und versucht unbeholfen, zu seinem Sohn vorzudringen, von dessen Mutter er getrennt lebt. Sasha, seine Assistentin, tritt uns zunächst als jugendliche Kleptomanin entgegen, die versucht, ihre Klausucht in den Griff zu bekommen (was ihr nie ganz gelingen wird), dann als Bennies rechte Hand; später erleben wir sie in Neapel als Flüchtling vor ihrem amerikanischen Teenager-Leben und gegen Ende als Mutter und Ehefrau.

Um die von Egan entworfenen Verbindungslinien aufzuzeigen, könnte man aber auch mit Lou anfangen, dem koksenden, Teenager aufreißenden Musikproduzenten, der sich in den siebziger Jahren eines untalentierten Bassisten namens Bennie annimmt, der später selbst Produzent wird und Sasha einstellt, die mit einem jungen Mann namens Alex schläft und ihn beklaut, der viele Jahre später, als Bennie seine zweite Frau und seinen zweiten Lauf als Produzent hat, von diesem engagiert wird, um bei der Organisation des Comeback-Konzerts seines ehemaligen Schulkameraden und Bandkollegen Scotty Hausmann zu helfen, der zwanzig Jahre zuvor ziemlich verzweifelt in Bennies Büro aufgetaucht war und ihm einen Fisch schenken wollte, den er soeben im East River geangelt hatte, in dessen eisigen Wassern einst Sashas bester Freund umgekommen ist, als er mit jenem Jungen schwimmen ging, den Sasha später heiraten würde. Bennies erste Frau jobbt für eine PR-Agentin namens Dolly, die durch einen missratenen Stunt in Ungnade fällt und gezwungen ist, unterirdische Aufträge anzunehmen wie den, die Ausstrahlung eines lateinamerikanischen Generals mit Gaddafi-ähnlichen Imageproblemen aufzupolieren. Dazu heuert sie eine halb vergessene B-Schauspielerin an, die wiederum in besseren Tagen bei einem Mittagessen von einem Journalisten, dem Bruder von Bennies Frau, fast vergewaltigt worden ist. (Dass ausgerechnet eine solche drastische Szene lustig sein kann, lässt sich hier nebenbei auch erleben.) Dolly hat eine Tochter namens Lulu, die später mit Alex arbeiten und einen Ingenieur heiraten wird, dessen Großvater, ein afrikanischer Krieger, uns zuvor bei einer Safari von Lou, seiner Band, seiner Geliebten und seinem Sohn in Kenia begegnet ist. Dessen Jagddolch, die Memorabilia eines unendlich fernen Lebens, stellen Lulu und Joe in ihrem Loft in Tribeca fünfunddreißig Jahre später in einem Plexiglaswürfel zur Schau.

Die jeweiligen Storys sind mal aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, mal in der ersten, mal in der dritten Person und einmal auch an ein direktes Leser-Du gerichtet geschrieben. Die Vergewaltigungsreportage imitiert den füßeküssenden Stil von Magazinartikeln über Prominente, gebrochen durch einige überlange Fußnoten. Geradezu legendär aber ist, wie Egan eine gut siebzigseitige Powerpoint-Präsentation zum Herzstück ihres Romans macht. "Die besten Pausen der Rockgeschichte" heißt dieses vorletzte Kapitel und stammt von Sashas Tochter Alison. Seine anrührende Wirkung entfaltet es, weil man da gerade zu verstehen beginnt, dass sich erst in der Pause, der Stille, dem stummen Weiteratmen der Figuren, während sie unserem Blick und unserer Anteilnahme entzogen sind, die Brüche zeigen, die Sollbruchstellen zwischen Tun und Lassen, Gesagtem und Gemeintem. Lauter kleine Tode, abgerissene Verbindungen und lose Enden stecken in den Pausen - mithin all das, was Literatur sonst gern zu reparieren versucht. Jennifer Egan dagegen hält es eher wie Sasha, die die unweigerliche Fragmentierung der modernen Existenz durch unzählige Collagen aufhalten will, in denen sie Splitter aus dem Familienalltag fixiert: So stiehlt sie der Zeit einzelne Momente.

"Die Zeit will einen fertigmachen, oder? Willst du dich etwa so rumstoßen lassen?", fragt Bennie Salazar seinen alten Kumpel Scotty gegen Ende des Romans. Da hat die Hoffnung auf Kontinuität sie längst alle getrogen. Was bleibt - und das nicht nur in der Musikindustrie, deren Entwicklung zur austauschbaren digitalen Mitmach-App Egan ohne Anklage schildert -, ist eine verschüttete Sehnsucht nach Unverfälschtheit und Kompromisslosigkeit, dem einen Augenblick, in dem Sein und Schein zusammenfallen, nach Epiphanien. Da, wo Jennifer Egans Roman solche Momente schafft, lässt er selbst all seine Theorien und Thesen weit hinter sich.

FELICITAS VON LOVENBERG

Jennifer Egan: "Der größere Teil der Welt". Roman.

Aus dem Amerikanischen von Heide Zeltmann. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2012. 386 S., geb., 22,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 17.02.2012
Die Zeit schlägt alle Wunden
Jennifer Egans Roman „Der größere Teil der Welt“ spielt virtuos mit den jähen Abstürzen und Comebacks, die das Leben mit sich bringt
Bei der guten alten Schallplatte war es noch leicht, von der A- zur B-Seite zu kommen: Man drehte sie einfach um. Doch die Schallplatte erfreut heute nur noch Nostalgiker, und auch sonst scheint es keinen direkten Weg von A nach B mehr zu geben. Das ist Konsens zumindest in der postmodernen Literatur, die Brüche und Umwege einer stringenten Erzählweise vorzieht.
Es sind die Seitenlinien und Schlenker auf den Lebenswegen ihrer Figuren, für die sich auch Jennifer Egan in ihrem Roman „Der größere Teil der Welt“ vor allem interessiert. Und für die Pausen, die im Leben wie in der Kunst oft eintreten, wenn man sie am wenigsten erwartet. Zum Beispiel in der Rockmusik, wo sie als wirkungsvolles Irritationsmoment eingesetzt werden, wie der 13-jährige Lincoln feststellt. Seine akribisch geführte Analyse von Rocksongs wird von seiner Schwester in einem Folientagebuch dokumentiert – beide sind Kinder einer nahen Zukunft, in der Schreiben mit der Hand und selbst die alltägliche Konversation ohne Zuhilfenahme eines Smartpads als nicht mehr zeitgemäß angesehen werden.
Wie eine Power-Point-Präsentation hat Jennifer Egan diesen Teil ihres Romans gestaltet, ein Meta-Kapitel über die Bedeutung der Sprache beim Erfassen der Welt und ein Experiment, das sich wie selbstverständlich einfügt in ein Buch, bei dem da Spiel mit den Formen Ehrgeiz verrät, aber nie zum Selbstzweck wird. Stattdessen lässt das Werk an den Aufbau eines Rockalbums denken, bei dem jeder Titel mit einem eigenen Charakter ausgestattet wurde. Durchaus passend für einen Roman, der zum großen Teil in und am Rande der Musikindustrie spielt.
Im vergangenen Jahr gewann Jennifer Egan, 1962 geboren, für „Der größere Teil der Welt“ den Pulitzer-Preis. Dadurch avancierte sie binnen kurzem vom Geheimtipp zum neuen Literatur-Star. Schon mit ihren früheren Romanen durfte sie freilich zu den originellsten amerikanischen Prosa-Autorinnen unserer Zeit gezählt werden. Das prägnanteste Merkmal ihrer Werke ist ihre inhaltliche wie stilistische Vielseitigkeit, mit der Jennifer Egan den Leser stets aufs Neue überrascht: Keines ihrer Bücher lässt sich mit den anderen vergleichen.
In ihrem preisgekrönten Roman verfolgt Jennifer Egan eine Strategie der ständig wechselnden Perspektiven und kunstvollen Verschachtelungen. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Figur erzählt, deren Erzählungen über Charaktere und Themen miteinander verknüpft sind. Virtuos wechselt die Autorin dabei auch von einer Stilebene zur anderen: Neben dem Power-Point-Experiment findet sich ein Kapitel, das in der zweiten Person geschrieben ist, ein anderes ist in seinem ausufernden Einsatz von Fußnoten eine ironische Hommage an David Foster Wallace.
Die Chronologie ist vollkommen aufgebrochen, munter springt die Autorin zwischen Zeiten und Orten hin und her: So befindet man sich im einen Moment noch im New York nach der Jahrtausendwende, unternimmt dann im nächsten eine Zeitreise ins Siebziger-Jahre-Punkrock-Milieu von San Francisco, macht einen kleinen Abstecher nach Afrika und nimmt an einer Safari teil, um über den Umweg Neapel in ein New York zurückzukehren, wie es in zehn bis fünfzehn Jahren aussehen könnte. Gar nicht so einfach, bei all diesen Sprüngen halbwegs den Überblick zu behalten. Als Vorbilder für die polyphone Erzählweise lassen sich Pynchon und DeLillo ausmachen, vor allem aber auch multiperspektivische Fernsehserien wie „The Wire“ oder „The Sopranos“. Dass der Bezahlsender HBO, auf dem beide Serien liefen, sich wiederum bereits die Filmrechte an „Der größere Teil der Welt“ gesichert hat, ist nur folgerichtig.
Sehr ambitioniert führt Jennifer Egan als weiteren Referenzpunkt Marcel Proust an. Auch ihre Figuren befinden sich auf der Suche nach der verlorenen Lebenszeit, jagen alten Erfolgen hinterher und wünschen sich, sie könnten getroffene Entscheidungen rückgängig machen. Im letzten Kapitel lauscht einer der Charaktere dem New Yorker Straßenlärm und vernimmt Unerwartetes: „Die samtene Nacht in seinen Ohren. Und das Summen, immer dieses Summen, das vielleicht gar kein Echo war, sondern der Klang der vergehenden Zeit.“ An anderer Stelle wird ein abgewrackter Rockgitarrist noch deutlicher: „Die Zeit macht einen fertig“, heißt es in der deutschen Übersetzung, das Original formuliert wesentlich prägnanter „Time’s a goon“, was auch im englischen Titel des Romans „A Visit from the Goon Squad“ – ein Besuch vom Schlägertrupp – aufgenommen wird. Für den früheren Rockstar ist die Konsequenz klar: Als letzte Option bleibt ihm, seinen Abstieg öffentlich auszuschlachten, um dann auf einer finalen Tournee so lange sein Äußerstes zu geben, bis ihn die übermäßige Anstrengung umbringen wird. Dadurch glaubt er, als Legende überdauern und die Zeit überlisten zu können.
Die Erkenntnis, dass die Zeit nicht alle Wunden heilt, sondern sie selbst schlägt, zieht sich als Motiv durch die Geschichten. Keiner Figur ist dauerhafter Erfolg beschieden, das Leben trifft sie in all seinen Unwägbarkeiten. Das schließt heftige Abstürze mit ein, aber auch unerwartete Comebacks, die Jennifer Egan mit erkennbarem Vergnügen satirisch zuspitzt: Die Geschichte der PR-Beraterin Dolly etwa, die in Ungnade gefallen ist, aber die Rückkehr an die Spitze schafft, als sie einem afrikanischen Kriegsverbrecher mit einem simplen Bluff zu einem neuen Image verhilft.
In der Vielzahl handelnder Personen lassen sich zwei Hauptfiguren ausmachen, um die herum alle anderen drapiert sind. Die eine, der Plattenproduzent Bennie Salazar, vollzieht eine ironisch übersteigerte branchenübliche Berg- und Talfahrt. Vom Bassisten der Punkband Flaming Dildos steigt er erst zum erfolgreichen Produzenten auf, dann lässt sein Ansehen wieder nach, ebenso wie sein Gespür für Talente und auch seine Potenz, der er versucht, mit einer Goldflocken-Diät wieder auf die Sprünge zu helfen. Erst mit über 70 katapultiert ihn der unerwartete Triumph eines früheren Bandkumpels selbst noch mal ins Rampenlicht zurück.
Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits Ewigkeiten her, dass Bennie seine langjährige Assistentin Sasha wegen ihrer Anlage zur Kleptomanie gefeuert hat. Sasha ist die zweite Protagonistin und die Figur, die beim Leser die größte Anteilnahme erweckt. Zwei Kapitel, die von ihren Jugenderlebnissen als Ausreißerin und von ihrer Studentenzeit handeln, sind die dichtesten des Romans: Kleine Meisterwerke der Beschreibungskunst finden sich dort in dem sonst eher durch Dialoge vorangetriebenen Buch. Am Ende kehrt noch einmal das Motiv der verlorenen Zeit zurück, wenn ein Mann, mit dem Sasha einmal ein Date hatte, sich gemeinsam mit Bennie auf die Suche nach ihr macht. Vergeblich, denn sie hat sich da schon lange in ein Spießbürgerdasein als Frau eines Arztes und Mutter verabschiedet. Wie Proust führt auch Jennifer Egan vor, dass die Jugend nicht wiederkehrt. Es sei denn in der Erinnerung.
MARIUS NOBACH
JENNIFER EGAN: Der größere Teil der Welt. Roman. Aus dem Englischen von Heide Zeltmann. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2012. 392 Seiten, 22,95 Euro.
Die polyphone Erzählweise
bringt Proust und die Sopranos
ganz locker zusammen
Jennifer Egan vor ihrem Haus in Brooklyn. Foto: ddp images/AP/H.R. Abrams
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