Leseprobe zu "Lob der Schule" von Joachim Bauer
Schüler verstehen - eine "Neurobiologie der Schule"
Ein "Lob des Regens" hat noch keine Wüste in fruchtbares Land verwandelt. Ebenso wenig wird ein "Lob der Disziplin", wie es manche derzeit gern singen, zu mehr Disziplin und Lernkultur an unseren Schulen führen. Dieses Buch, das - trotz der beschränkten Effekte von Lobgesängen - den Titel "Lob der Schule" trägt, ist keine Bekenntnisschrift, sondern ein Sachbuch. In der Schule geht es um Köpfe, um Geist, Kreativität, Motivation und um ein kooperatives Miteinander, und das heißt: um dynamische Phänomene, die allesamt eine neurobiologische Grundlage haben. Gibt es eine "Neurobiologie der Schule"?
Mein Buch will allen, die die Schule zu einer lebendigen und menschlichen Bildungsstätte machen wollen, etwa das geben, was ein Buch über Brunnenbau und Bewässerung für diejenigen wäre, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ein von Austrocknung bedrohtes Stück Land fruchtbar zu erhalten. Selbstverständlich erfordern die Abläufe in der Schule ein Mindestmaß an Disziplin, jenem Desiderat, dem der langjährige Leiter der "Schule Schloss Salem", Bernhard Bueb, 2006 ein ganzes Buch gewidmet hat. Wer es aber einfach dabei belässt, von Kindern mehr "Respekt" und für Eltern und Pädagogen mehr "Autorität" zu fordern, ohne zu sagen, auf welchen Voraussetzungen Respekt und Autorität gründen, macht es sich zu leicht. Aus den Verhältnissen einer Schule für Jugendliche aus überwiegend privilegierten Elternhäusern, einer Schule, an der Schülerinnen und Schüler von früh bis spät intensive Erziehungs- und Bildungsangebote wahrnehmen dürfen bzw. müssen, lassen sich keine allgemein gültigen Lehren für das öffentliche Bildungssystem ziehen, das uns heute Sorgen macht.
Dieses Buch soll Schülern, Eltern, Lehrern, aber auch anderen, die junge Menschen und das System Schule fördern wollen, lebensnahe Hinweise geben, wie der Nährboden aussehen muss, auf dem Liebe zum Leben, Motivation und die Lust am Lernen wachsen können. Wer ein Haus bauen will, dem ist nicht damit gedient, dass ihm Dutzende von Leuten Hunderte von Möglichkeiten ausmalen, wie schön sich so ein Haus einrichten ließe, wenn ihm kein Ingenieur oder Architekt zur Seite steht, der weiß, mit welchen Materialien und welcher Konstruktion sich ein stand- und sturmfestes Gebäude errichten lässt. Nichts anderes gilt für die "Konstruktion" eines Systems namens Schule. Es gibt zahlreiche Wege,eine gute Schule zu realisieren. Was aber in ihr wie in jeder Bildungsinstitution wirklich zählt, ist jene Kompetenz, die im Falle eines Hausbaus vom Ingenieur oder Architekten erwartet werden muss. Der Bedeutung, die dort der Statik zukommt, entspricht im System Schule 1. die Motivation zum Erwerb von Bildung, 2. der Wille zur Kooperation zwischen Lernenden, Lehrenden und Eltern und 3. die Fähigkeit von Lehrern und Schülern, im Unterricht eine Beziehung zu gestalten, die Lehren und Lernen möglich macht. Doch wer kennt sich mit diesen drei dynamischen Größen aus?
Motivation, kooperatives Verhalten und Beziehungsgestaltung sind Faktoren, die neurobiologisch verankert sind. Folglich brauchen wir - und dies ist ein neuer Ansatzpunkt - eine "Neurobiologie der Schule". Welche Perspektiven sich aus ihr ergeben - für Schüler, Lehrer und Eltern, aber auch für die Schulpolitik und die Gesellschaft als Ganzes -, wird Thema dieses Buches sein. Die Neurobiologie hat weder Deutungshoheit noch einen Alleinvertretungsanspruch zu erheben. Keine Frage: Das Thema Schule erfordert die Beiträge vieler Disziplinen. Wir brauchen das Wissen von Entwicklungspsychologen, die Auskunft darüber geben können, was Kinder und Jugendliche - bezogen auf ihr jeweiliges Alter - begreifen und leisten können. Natürlich braucht die Schule auch Experten für Didaktik, die wissen, wie man Lerninhalte so präsentiert, dass sie für Schüler interessant, lebensnah und verständlich sind. Die Entwicklung des Systems Schule braucht vor allem erfahrene, souveräne Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schüler mögen und in der Lage sind, in der Manege des Klassenzimmers zu bestehen. Und natürlich benötigen wir Standards, an denen sich Schulen bundesweit orientieren können und an denen sich die Leistungen von Schülern messen lassen. Doch das alles - und manches mehr, was hier nicht erwähnt wurde - reicht nicht aus. Denn Standards gibt es seit langem (sie waren bisher nur nicht bundeseinheitlich definiert). Ebenso verfügen wir seit Jahren über ein fast lückenloses entwicklungspsychologisches Wissen. Auch an didaktischen Kenntnissen herrscht kein Mangel, Dutzende von Lehrstühlen haben sich in Deutschland darauf spezialisiert.
Und doch - trotz all dieser Bemühungen und Investitionen sind wir mit einem Phänomen konfrontiert, für das unsere Gesellschaft bereits jetzt einen hohen Preis zahlt und in Zukunft einen noch viel höheren Preis zahlen wird. Große Teile des deutschen Schulsystems stecken in einem allseits bekannten und dennoch beharrlich fortbestehenden Desaster. Dieses System entlässt Schulabgänger, die zu einem hohen Anteil weder für eine weiterführende Ausbildung tauglich noch aufs Leben vorbereitet sind. Knapp zehn Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs verlassen die Schule alljährlich ohne jeglichen Abschluss. Bei diesen jungen Leuten - aber auch bei vielen mit Schulabschluss - sind die zehn oder mehr Jahre ihrer Schulzeit abgetropft wie Wasser an einer Teflonschicht. Wir lassen heute einen Teil unserer Jugendlichen - vor allem jene aus der nicht privilegierten, nicht bildungsbürgerlichen Mehrheit der Bevölkerung - in einer Situation heranwachsen, in der kaum jemand Interesse an ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung zeigt und in der sie zunehmend - dies gilt insbesondere für männliche Heranwachsende - in eine Stimmung von Aussichtslosigkeit, Zynismus, Verachtung und Gewalt geraten. Viele Schulversager wären in der Lage, an der Spielekonsole eines Computers jeden PISA-Test mit Bravour zu bestehen, vorausgesetzt, es gäbe einen PISA-Test für Killerspiele. Kurz, ein Großteil eines jeden Jahrgangsnimmt aus der Schule nichts von dem mit, was einen Menschen fit fürs Leben macht: Selbstvertrauen und Motivation, fachliches Basiswissen sowie soziale und emotionale Kompetenz.
Ein Kind ist kein Aktenordner Die Akteure der Schulbürokratie tun, was Bürokraten gerne machen: Sie greifen zu bürokratischen Maßnahmen. Konkret: Sie versuchen das Problem mit Standards und Kontrollen zu lösen. Nichts gegen Standards, aber sie werden die Misere nicht beheben. Lehren und Lernen scheitern nicht daran, dass die Lehrkräfte unserer Schulen bisher nicht gewusst hätten, zu welchem Zeitpunkt Schüler welche Wissensinhalte beherrschen sollten. Schulen scheitern daran, dass es Lehrern und Schülern über weite Strecken nicht mehr gelingt, eine Unterrichtssituation herzustellen, die erfolgreiches Lehren und Lernen überhaupt erst ermöglicht.