Aus der Perspektive des Auslands ist eine unbefangene Sicht auf die
Geschichte des anderen deutschen Staates möglich. Wie diese Studien
britischer Historiker zeigen, die das Ergebnis einer Tagung an der
University of Reading im Sommer 2006 sind. Die Beiträge dieses
Bandes vermitteln einen Eindruck vom aktuellen Forschungsstand der
britischen Geschichtswissenschaft zur Zeitgeschichte. Methodisch
basieren diese mehrheitlich auf den interdisziplinär ausgerichteten
Ansätzen der Cultural Studies.
Marc-Dietrich Ohse: Jahrgang 1966, nach Ausbildung und Tätigkeit als Koch 1989-1991 Studium der Theologie am Theologischen Seminar/Kirchliche Hochschule Leipzig sowie ab 1991 der Geschichte und Evangelischen Religion an der Georg-August-Universität in Göttingen, hier 2001 Promotion in Mittlerer und Neuerer Geschichte zum Thema Jugendprotest in der DDR; seit März 2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover.
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Leseprobe zu "Views from Abroad"
Schwierigkeiten und Möglichkeiten der britischen DDR-Forschung vor 1990 (S. 31-32)
David Childs
Die DDR-Forschung stand (und steht zum Teil noch) in Großbritannien vor einigen Problemen. Führte sie anfangs nur ein Schattendasein gegenüber den klassischen Feldern der Politikwissenschaft und der Historiografie, so sieht sie sich im angelsächsischen Raum gegenwärtig vor allem der Konkurrenz finanzstarker amerikanischer Forschungseinrichtungen ausgesetzt. Geblieben ist zudem die Ignoranz der Briten gegenüber der DDR und damit zugleich der Auftrag, dieser entgegenzuwirken.
I.
Für die große Mehrheit der Engländer war die DDR ein unbekanntes Land, für eine Mehrheit hat sie sogar nie existiert. Während der vierzig Jahre ihrer Existenz war sie fast so unbekannt wie Nordkorea heute. Auch die Bundesrepublik war weitgehend unbekannt. Wenn die Engländer aber überhaupt eine Vorstellung von Nachkriegsdeutschland hatten, so orientierte sie sich an »West Germany«. Nach den Ergebnissen einer Umfrage von Mori, die in der Financial Times am 5. August 1990 veröffentlicht wurde, konnten 20 Prozent der Befragten (352 leitende Angestellte der britischen Wirtschaft!) die Hauptstadt Westdeutschlands nicht nennen. Drei Monate zuvor, im Mai 1990, als die Wiedervereinigung diskutiert wurde, hatten wir in Nottingham eine kleine Untersuchung durchgeführt: Auch hier konnte eine Mehrheit die deutsche Hauptstadt ebenso wenig nennen wie den leader von Westdeutschland. Wir hatten ganz bewusst den Begriff »Führer« benutzt, da die meisten Engländer keine Vorstellung von dem Begriff »Bundeskanzler« hatten – und heute noch immer nicht haben. Unter den Bundeskanzlern genossen lediglich Willy Brandt als Anti-Nazi und Helmut Schmidt – beide auch aufgrund ihrer guten Kenntnisse der englischen Sprache – ein gewisses Ansehen. Die deutsche Währung war immer the deutschmark, selbst bei John Major oder Tony Blair. Und trotz seiner Popularität – wer kann »Volkswagen « richtig aussprechen?
Wie lässt sich diese Ignoranz erklären? Erstens erfahren die Engländer sehr wenig über Nachkriegsdeutschland während ihrer Schulzeit: Hitler und die Nazis dominieren. Zweitens orientieren sich die elektronischen Medien sehr auf Amerika und, weit hinten, auf die wichtigen Commonwealth Länder. Ein dritter Grund besteht darin, dass Deutschland kein Urlaubsziel ist, ein weiterer, dass es nur wenige Romane und Filme mit Nachkriegsdeutschland als Hintergrund gibt. John Le Carré und Frederick Forsyth sind einige der Ausnahmen, und auch hier dominieren die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und/oder der Kalte Krieg. Auch das Fernsehen konzentriert sich bei der Programmgestaltung auf den Zweiten Weltkrieg, und unter den gezeigten Filmen sind ausgewogene Darstellungen, wie The Great Escape, eine wahre Geschichte über ein Kriegsgefangenenlager für britische Luftwaffen-Offiziere, die rühmliche Ausnahme. Immerhin hatte der Ostalgie-Film von Wolfgang Becker Goodbye, Lenin! auch in den britischen Kinos Erfolg und wurde im Fernsehen vorgeführt – Anzeichen einer Kursänderung?
II.
Auch von Politwissenschaftlern und Zeithistorikern wurde die DDR vernachlässigt. Dabei spielte sicher die Sprache eine wichtige Rolle, nur wenige konnten Deutsch. In den 50er- und 60er-Jahren konzentrierten sich zudem die Politikwissenschaftler auf die Großmächte USA und Frankreich. Zu Deutschland lagen erst in den 70er-Jahren die Beiträge von Kurt Sontheimer und Martin McCauley und mir vor. Ein drittes Problem schließlich war die Ortung der DDR: War sie bloß als Teil des sowjetischen Reiches anzusehen, oder war sie als zweiter deutscher Staat zu betrachten?
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt: Peter Barker / Dennis Tate: Views from Abroad - Die DDR aus britischer Perspektive. Kontroversen David Childs: Schwierigkeiten und Möglichkeiten der britischen DDR-Forschung vor 1990 Mary Fulbrook: Historiografische Kontroversen seit 1990 Dennis Tate: Das Ende des"Literaturstreits"und die Rehabilitierung der autobiografischen Prosa ostdeutscher Schriftsteller in der Berliner Republik Andrew H. Beattie : Orte des Terrors oder der"stalinistischen Entnazifizierung"? Zeitgenössische britische Wahrnehmungen sowjetischer Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Jessica Reinisch:"Man kommt zwangsläufig in die Rolle des Pg.-Schützers ..."Entnazifizierung und Gesundheitspolitik in der Sowjetischen Besatzungszone Mark Allinson: Zentrale Wirtschaftsplanung in der DDR - Fakt oder Fiktion? Mike Dennis: Die Vietnamesen in der DDR im letzten Jahrzehnt der SED-Herrschaft Jeannette Madarßsz: Andersdenkende Frauen in der Ära Honecker Peter Barker: Die Domowina und diepolitische Revolution in der DDR 1989/90 Anna Saunders: Junge Identitäten und die Wende Marianne Howarth: Vom Kalten Krieg zum"Kalten Frieden". Diplomatische Beziehungen zwischen Großbritannien und der DDR 1972/73-1975 Stefan Berger / Norman LaPorte: Ein zweiter Kalter Krieg? Die Beziehungen zwischen der DDR und Großbritannien 1979-1989 David Clarke : Das Institut für Literatur"Johannes R. Becher"und die Autorenausbildung in der DDR
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