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Bollywood-Ästhetik als absurd-ironisches Bezugssystem: Neu ist das nicht. Aber auch wenn man nicht das erste Mal über kitschige Tanzszenen in Bonbonfarben schmunzelt, ist es erheiternd, wenn Mohsen (Navid Akhavan) immer wieder in seinen Fantasien verliert - die mit der Realität, in der er dem persischen Patriarchen nichts recht machen kann, wenig zu tun haben. Schlachten soll der Endzwanziger, wie sein Vater. Nur leider kann er kein Blut sehen, und so verschanzt er sich in einer Welt aus Wolle und strickt sich den Schmerz in Form eines Endlosschals von der Seele. Erst als er durch einen missglückten Plan, die väterliche Metzgerei mit polnischen Schafen vor dem Ruin zu retten, in der ostdeutschen Provinz strandet und sich in die resolute Mechanikerin Ana (Anna Böger) verliebt, wendet sich das Blatt. Dumm nur, dass Ana Vegetarierin ist und Mohsen sich so weit in ein Lügengespinst verstrickt, dass die anfangs feindlichen Dörfler ihn für den künftigen Retter ihrer brachliegenden Textilfabrik halten. Charmant besetzter, surrealer Culture Clash - ein bisschen Satire, ein bisschen Märchen - und sehr viel schlauer und subtiler, als der Titel vermuten lässt. (kab)Extras: Interviews, Making-of, Porträt Filmmusik, Entstehung der Special Effects, Audi
Famose Culture-Clash-Komödie, die mit einem Gute-Laune-Stilfeuerwerk und einer ostdeutsch-persischen Liebesgeschichte begeistert.
2006 erhielt der iranischstämmige Ali Samadi Ahadi den Deutschen Filmpreis für seine erschütternde Dokumentation "Lost Children" über afrikanische Kindersoldaten. In seinem Spielfilmdebüt stand ihm nun der Sinn nach etwas Heiterem - einer Geschichte mit viel Humor und noch mehr Herz, die auf märchenhaft-spielerische Art von Identität und Heimat(losigkeit) handelt. Und das so zauberhaft-kreativ wie "Amélie" von Montmartre.
Wie eine ironische Scheherazade kommentiert Mohsen (Popsänger Navid Akhavan) sein Leben: Der Endzwanziger wohnt bei seinen aus dem Iran exilierten Eltern in Köln, wo der schmächtige Softie in der Fleischerei des Vaters (Michael Niavarani) Schafe schlachten soll, aber nicht will und deshalb solche Zumutungen mit Stricken von Schals verarbeiten muss. Schon in den ersten Minuten schüttet Ahadi ein Füllhorn an Ideen aus und brennt ein Stilfeuerwerk ab, das von animierten Sequenzen bis hin zu bollywoodesken Musicalnummern alles umfasst, was richtig Laune macht.
Als der naiv-sympathische Tagträumer den erkrankten Vater vertritt, lässt er sich sogleich übers Ohr hauen und investiert alles Geld in eine polnische Schafherde, die er nun selbst abholen muss. Mitten in der ostdeutschen Provinz strandet er durch einen Unfall in einem nach der Wende verödeten Dorf. Und findet die Liebe seines Lebens: KFZ-Mechanikerin Ana (Anna Böger aus "Shoppen"), die wegen ihrer massiven Physis jedoch einmal zu oft von Männern zurückgewiesen wurde. Um ihr zu gefallen, gibt er sich als Textilfabrikant aus, was zahlreiche komödiantische Verwechslungen und Verwicklungen auslöst: Anas Vater, der Wirt des Dorfes (Kabarettist Wolfgang Stumph), sieht in ihm den Retter der ansässigen Industriebrache und ruft zu Werbezwecken eine persische Woche aus, was seinen Höhepunkt erreicht, als Mohsens zürnender Vater eintrifft, um seinen Sohn die Leviten zu lesen.
Derweil sind einem die Figuren längst ans Herz gewachsen, während Vorurteile mit leichter Hand abgebaut werden: Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus im Wechsel mit den Schrecken dumpfer Provinzialität. Dabei nimmt Ahadi die Sorgen des wunderbaren Ensembles ernst, findet rührende Schicksale und Gemeinsamkeiten. Für den Aufschneider kommt die Stunde der Wahrheit, aber Ahadi verhilft dem Osten mit verblüffendem Ideenreichtum zu blühenden Landschaften. Trotz Arabesken funktioniert die Kollision von 1001 Nacht mit dem stillgelegten Sozialismus dramaturgisch erstklassig. Nicht zuletzt wegen eines der ungewöhnlichsten Traumpaare seit Langem, dürfte der Film das Zeug zum Sleeper Hit haben. In iranisch-deutsch: Ich steig dir auf die Augen, Kleines. tk.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag