 | Besprechung von 15.07.2010 |
Reden ist keine Kleinigkeit wie BerührenIhre Kurzgeschichten sind wie ein überstürztes, pubertäres Rendezvous: Jetzt liegt das Debüt der kanadischen Meistererzählerin Alice Munro in subtiler Übersetzung auf Deutsch vor.
Eine verschlafene Kleinstadt am See, wo sich das Leben nur zur Sommersaison auf der Promenade einstellt; ein verlassenes Café, wo sich die Aushilfskellnerin mehr für ihre Nagelpflege als für etwaige Gäste interessiert; zwei Halbwüchsige aus der Kreisstadt, erlebnishungrig und gefühlsgierig, die auf der Suche nach der passenden Gesellschaft für den Abend sind: das ist so eine typische Versuchsanordnung, mit der Alice Munro zu Werke geht. Viel braucht diese kanadische Erzählerin von Weltrang nicht, damit sich Spannung in ihren Geschichten aufbaut: keine große Bühne, kein heldenhaftes Personal, erst recht kein welterschütterndes Ereignis, das uns durch Schicksalhaftes aufwühlt oder packt.
Ihr reichen Alltagsillusionen, Sehnsüchte und karge Existenzen, um immer wieder unerbittlich zu erkunden, wie eine Welt zum Einsturz kommt und wer sich wohl am besten in den Trümmern einrichtet. Oftmals ist es genau das …
 | Besprechung von 14.04.2010 |
Die Pflicht, glücklich zu sein
Das erst jetzt auf Deutsch erschienene Debüt der Kanadierin Alice
Munro erzählt von weiblichem Aufbegehren
Wie eine Flaschenpost aus dem Jahr 1968 erscheint erst jetzt die
deutsche Ausgabe von Alice Munros Debütband „Dance of the Happy
Shades”. Gerade in seiner jahrzehntelangen Verspätung enthüllt er
die Kontinuitäten im Schreiben der 1931 in Ontario geborenen
Kanadierin, die immer wieder mit Tschechow verglichen und als
Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.
Hat Alice Munro mit dem Erzählungsband „Wozu wollen Sie das
wissen?” (2008) den Leitfaden ihres eigenen Lebens um den ihrer
Vorfahren verlängert, so bewegte sich ihr Debüt im Rahmen der
Erfahrungen einer Frau von ein paar mehr als dreißig Jahren.
Prägend ist der Schatten der Weltwirtschaftskrise, in die Alice
Munro hineingeboren wurde, der Bankrott der väterlichen
Silberfuchsfarm ebenso wie die Krankheit der Mutter. Prägend sind
Erfahrungen der Verarmung und des zähen Kampfes, den Status zu
wahren. Sei es durch ondulierte Haare, sei es durch ein
selbstgenähtes „Rotes Kleid – 1946”, in dem eine Tochter nicht nur
auf dem …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Tobias Döring freut sich, dass Alice Munros Debütband mit Erzählungen nun endlich auch auf Deutsch vorliegt, zumal er die Übersetzerin Heidi Zerning nachdrücklich für die Feinfühligkeit ihrer Übertragung lobt. Als erfreuliche Überraschung dieser Kurzgeschichten macht der Rezensent aus, dass die 1968 erstmals in Toronto veröffentlichen Texte immer noch zu berühren und erstaunen vermögen, auch wenn er einräumt, dass einige der Geschichten vielleicht allzu gradlinig auf ihre Pointe zielen. Alles in allem aber zeige sich schon hier die "Meisterschaft" der kanadischen Autorin, in ihren in der abgeschiedenen Provinz angesiedelten Geschichten die Unsicherheit der Existenz und die Brüche, aus denen sich manchmal neue Freiräume entwickeln, wirkungsvoll zu evozieren, so Döring fasziniert.
© Perlentaucher Medien GmbH
"Sowieso die Größte, wenn es um Erzählungen geht. Zwar ist es infam, Munro als "Frauenschriftstellerin" abzutun, andrerseits: Die Frau, die ihren Geschichten nicht verfällt, ist keine echte Leserin. ... Am besten, man liest alles, was es von Alice Munro gibt." (Die Welt)
"Es gibt ein neues Alice Munro-Buch und das erleichtert uns alle in einem Punkt: Wenn wir mal gefragt werden, was man jemandem für ein Buch zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken kann, haben wir jetzt eine Antwort. Alice Munro kann jeder lesen. Die Frau ist einfach auf jeder Ebene genial. Ich finde, sie ist sowohl spannend als auch packend als auch unglaublich weltweise und klug. Alice Munro beantwortet uns die allerwichtigsten Fragen, sie erklärt uns, was und wie Menschen sind und wie komplex und vielschichtig die Realität ist - und das ist die Königsklasse von dem, was Dichtung kann."
[Quelle: Traudl Bünger, Literaturclub]
"Ohne großes Aufheben zu machen und mit einem genauen Blick für Minderprivilegierte und Außenseiter gibt Munro den alltäglichen Tragödien auf subtile Weise Raum."
[Quelle: ORF-Bestenliste, Juli 2010]
"Der Erstling der Kanadierin Alice Munro, der erst jetzt übersetzt wurde, ist ein Fund ... Das Buch ist eine starke Einstiegsdroge für alle, die Alice Munro noch nicht kennen. Aber auch wer dieser Schriftstellerin bereits verfallen ist, sollte es sich auf keinen Fall entgehen lassen."
[Quelle: Gunhild Kübler, NZZ am Sonntag]
"In diesem ersten Buch ist er auf erstaunliche Weise schon da: der besondere Munro-Ton, der einen geradezu süchtig macht."
[Quelle: Manuela Reichart, rbb Kulturradio]
"Sowieso die Größte, wenn es um Erzählungen geht. Zwar ist es infam, Munro als 'Frauenschriftstellerin' abzutun, andrerseits: Die Frau, die ihren Geschichten nicht verfällt, ist keine echte Leserin. ... Am besten, man liest alles, was es von Alice Munro gibt."
[Quelle: Eva Menasse, Die Welt]
"Sie versteht es, aus wenigen Szenen ein ganzes Leben zu entfalten. Mehr noch: Sie zeigt das nicht gelebte Leben, die Wünsche und Sehnsüchte, die sich unter dem Alltag verbergen und die nur in besonderen Augenblicken spürbar werden."
[Quelle: Jörg Magenau, Deutschlandradio Kultur]
"Munro braucht selten mehr als dreißig Seiten, um uns diese Frauen, Kinder und Männer, ihre Ängste und Träume plastisch vor Augen zu führen. Über die Klarheit und Eleganz mit denen sie Beziehungen eskalieren lässt, mit denen sie die feinen Verästelungen mehr oder weniger beschädigter Gefühle nachzeichnet, kann man nur staunen."
[Quelle: Sabine Rohlf, Berliner Zeitung]
ALICE MUNRO, 1931 in Ontario geboren, gehört zu den renommiertesten Autorinnen der Gegenwart. Sie hat zahlreiche Erzählbände und einen Roman veröffentlicht. Für ihr umfangreiches literarisches Werk wurde sie mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2009 mit dem renommierten Man Booker International Prize. Alice Munro lebt in Ontario, Kanada.
HEIDI ZERNING übersetzt seit vielen Jahren englische und amerikanische Literatur, unter anderem Truman Capote, Steve Tesich, Virginia Woolf und eben Alice Munro, als deren "deutsche Stimme" sie gilt.