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Bewertung von Isabel von Belles Leseinsel aus Mainz am 23.08.2011 |
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Die wunderbare Absurdität des Hierseins Ausdrucksstark und bildhaft beginnt Sandro Veronesi seinen Roman und erzählt so anfangs erst ein wenig über das beschauliche, in geordneten Bahnen verlaufende Leben des Dorfes. Und gerade die Schilderung dieses anfangs so beschaulichen, so vorhersehbaren Lebens sorgt dafür, dass jetzt der Gänsehauteffekt einsetzt, als er urplötzlich auf das grauenhafte Geschehen umschwenkt. Die Stimmung ist plötzlich sehr geheimnisvoll, mysteriös und durch die Abgeschiedenheit des Dorfes wirkt die Story hier irgendwie auch gruselig. Diese Szene beschreibt der Autor aus Sicht von Don Ermete, dem Dorfpfarrer, anschließend wechselt er zum Leben der Psychiaterin Giovanna. Und auch diese Szene ist äußerst verwirrend. In der Ich-Form beschreibt Sandro Veronesi die Gefühle von Giovanna als sie feststellen muss, dass eine fünfzehn Jahre alte Narbe an ihrem Finger wieder aufgebrochen ist. Als dann Giovanna aus dem Radio über das grausame Geschehen in San Giuda erfährt, sieht sie hier sofort einen Zusammenhang. Und so wechselt die Geschichte ständig zwischen Giovanna und Don Ermete. Und man lernt so ihre Gedanken, ihre Gefühle und somit auch nach und nach etwas über ihr Leben kennen. Hierdurch stellt man schnell fest, dass Beide traumatische Erlebnisse in ihrer Vergangenheit hatten, die sie bis heute geprägt haben oder aber auch noch nicht verwunden haben. Dies alles vermittelt der Autor tiefschürfend, geheimnisvoll und anspruchsvoll, durchaus auch interessant, jedoch sehr spannungsarm. Tja, und bald stellt man fest, dass zwar das grausame Geschehen im Wald von San Giuda der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist, jedoch im Verlauf der Geschichte immer mehr in den Hintergrund rückt und das es sich hierbei definitiv nicht um einen Thriller handelt. Eher ist es eine Geschichte über Glaube und Vertrauen und über Schuld und Unschuld. Somit ist das Buch mehr eine Analyse über die Seelenwelt von Giovanna und Don Ermete, ihre Bewältigung mit ihrer Vergangenheit und die ständige Infragestellung ihrer Gefühle. Keine Frage, der Sprachstil von Sandro Veronesi überzeugt von Anfang an, er sehr ausdrucksstark und durchaus anspruchsvoll. Doch die ständigen Analysen der Seelenwelt der Protagonisten ist teilweise extrem ausschweifend beschrieben und obwohl einen schon schnell klar ist, dass die Auflösung dieses seltsamen Geschehens im Wald von San Giuda keine logische Lösung haben kann und man somit lange rätselt, wie diese der Autor seinen Lesern präsentieren wird, verliert man doch recht bald die Lust am Lesen. Denn die Spannung verliert sich nach dem fulminanten Start extrem schnell und gerade die ständigen Telefonate zwischen Giovanna und ihrer Mutter haben mich irgendwann ziemlich angenervt. Ein wenig Spannung kam eigentlich für mich erst wieder zum Schluss auf, als Giovanna und Don Ermete gemeinsam in der Kirche versuchen, hinter das Geheimnis zu kommen. Aber da ist der Roman auch schon fast wieder fertig. Fazit: Wer sich für Psychologie und Religiosität auf anspruchsvoller Ebene interessiert, liegt mit dem Roman sicherlich richtig. Wer jedoch einen Psychothriller erwartet, wird sehr enttäuscht sein. |
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Bewertung von allegra am 19.08.2011 |
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Die Ausgangslage, die in der Inhaltsangabe kurz angerissen wird, war sehr spannend und interessant. Ich hätte polizeiliche Ermittlungsarbeit erwartet, wie es zum Mord an den 11 Personen gekommen sein könnte. Stattdessen wird schon in einem rätselhaften Vorwort sehr vieles vorweggenommen. Die Ermittlungsarbeit führt dann weniger auf Spurensuche um den Tatort, wie man sie bei einem Thriller erwarten würde, als in die Tiefen der menschlichen Seele und des Glaubens. Da das Buch wichtige literarische Preise gewonnen hat, nehme ich an, dass es als literarisch wertvoll gilt. Ich möchte dieses Urteil auch gar nicht in Frage stellen, da ich nur Hobbyleser bin und den literarischen Wert womöglich nicht einschätzen kann. Vermutlich hätte mir Kafkas „Process“ auch nicht gefallen, wenn ich es vorab gelesen hätte. Nach etwa 150 Seiten fühlte ich mich mehr und mehr verstört durch das Buch. Es hat sich nicht positiv auf mein Wohlbefinden ausgewirkt und deshalb habe ich es nur noch quer gelesen. Aufgrund des Zusatzmaterials, das der Verlag online zur Verfügung stellt, schließe ich, dass es im Wesentlichen um eine Vielzahl an neurologischen und psychologischen Störungen geht, und wie diese in der Gemeinschaft zusammenspielen. Das mag ganz interessant sein, für mich ist es aber eindeutig ein „Zuviel“. Sprachlich beginnt es sehr angenehm. Einerseits viel im Telefonstil, aber auch die ausformulierten Passagen sind zwar nicht einfach zu lesen, aber dennoch gut geschrieben. Mit der Zeit wird der Stil aber immer gewöhnungsbedürftiger. Die Sätze bestehen mehr und mehr aus Satzfragmenten, beliebig durch Kommas aneinandergereiht. Dieses Stil unterstreicht den Inhalt, der zunehmend absurder. Manchmal hatte ich Mühe die Erzählperspektive zuzuordnen. Das Lesen wurde mehr und mehr zum Kampf. Man kann natürlich sagen, dass gute Literatur genau das auslösen soll. Mag sein. Ich habe beschlossen, das Buch ausnahmsweise nicht so aufmerksam zu Ende zu lesen, wie ich das sonst bei Rezensionsexemplaren halte, weil es mir einfach nicht gut getan hat. Hinten bedankt sich der Autor bei einer Bekannten, die ihm eine Tür gezeigt hat, um aus diesem Roman herauszufinden. Mich erinnert dieses „Herausfinden“ eher an einen Mann, er in der Küche ein 5-Sterne Menu zaubern will, nach emsigem Bemühen ein Spiegelei kredenzt und die Küche in einem enormen Chaos hinterlässt. |
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| Bewertung von Scorch aus Berlin am 29.07.2011 | |
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Das kleine Dorf San Guida liegt von der Außenwelt fast komplett abgeschieden in den Bergen und jeder Tag läuft dort nach dem gleichen Muster ab. Beppe bringt jeden Morgen die Touristen mit seinem Schlitten in das italienische Dorf, damit diese die Kirche besichtigen und einen Kaffee trinken können. Alle Einwohner sind auf irgendeine Weise miteinander verwandt oder verschwägert, bis auf den Pfarrer, der vor 10 Jahren in die Gemeinde kam, um den Glauben an den Heiligen Judas aufrechtzuerhalten. In Trauer und Freude steht die Gemeinschaft der 42 Seelen fest zueinander – bis zu jenem Tag, der alles verändern sollte. 11 Leichen werden im Wald gefunden und ein Mädchen wird vermisst. Sind die elf Leichen schon furchtbar genug, so schockieren die unterschiedlichen Morde noch mehr und die Dorfbewohner verlieren die Harmonie und werden anscheinend verrückt, sodass der Pfarrer Don Ermete sich nicht anders zu helfen weiß, als die Psychiaterin Giovanna zu sich zu holen, doch diese hat ihre eigenen Probleme.. Der Roman besteht aus zwei Handlungssträngen, die uns die gleiche Geschichte aus der Sichtweise von der Ärztin Giovanna und dem Pfarrer Don Ermete erzählen. Der Geistliche ist sehr vernünftig und schildert uns aus seiner Perspektive den Tag X, genau wie die darauf folgenden Tage beim Staatsanwalt. Man wird bei seinen Ausführungen ruhiger und erlebt mit ihm, wie er durch diese unglaublichen Dinge an seinem Glauben zweifelt und er gleichzeitig aus eben diesem wieder die Kraft für das Weitermachen schöpft. Giovanna hingegen ist sehr hektisch und ihre Gedanken sind sehr sprunghaft, da sie auch häufig durch Anrufe ihrer Mutter oder ihres Ex-Partners unterbrochen werden. Sie lebt für die Wissenschaft und sucht für alles eine plausible Erklärung. Damit stehen diese Sichtweisen im Widerspruch und so ist es besonders spannend, wie der Autor die Personen immer weiter annähert, bis sie miteinander kommunizieren, um mit Hilfe der Wissenschaft UND der Glaubenskraft die Lösung für ihre missliche Lage zu finden. Ich bin mit der Erwartung an den Roman gegangen, dass ich hier einen gut durchdachten Thriller in den Händen halte und wurde in dieser Hinsicht enttäuscht, denn „XY“ ist viel mehr eine philosophische Arbeit über das Gute und Böse gepaart mit der ewig glühenden Glaubensfrage. In der heutigen Zeit rückt die Kirche immer mehr in den Hintergrund und die Gottesdienste sind höchstens zu den christlichen Festen gut besucht, doch Veronessi greift diesen Verlust des Glaubens auf und verarbeitet ihn so geschickt, dass man am liebsten sofort selbst anfangen möchte, an das Unmögliche zu glauben, ja es viel mehr zu leben. Dieser Roman ist ein Buch der Extreme und so wird man es entweder toll finden oder nicht – empfehlen kann ich „XY“ Liebhabern von anspruchsvoller Lektüre und Menschen, die gerne einmal den Blick über den Tellerrand werfen wollen und das Alltägliche hinter sich lassen möchten. „XY“ hat mir viele schöne Lesestunden beschert, doch nichts stört mich bei einem Buch mehr, als ein offenes Ende und deswegen kann ich nur vier Sterne vergeben, obwohl ich selten so einen tiefgründigen Roman gelesen habe. |
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Bewertung von Xirxe aus Hannover am 13.06.2011 |
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Ein grausamer Auftakt: In einem Wald, völlig abgelegen, geschieht ein Verbrechen, das es eigentlich nicht geben kann. Elf Tote, alle an unterschiedlichen Ursachen gestorben (eine Person an Haibissen(!)), alle zur selben Uhrzeit. Die Polizei erklärt die Sache zu einem Staatsgeheimnis und vertuscht das wahre Geschehen, um ihre Hilflosigkeit zu verbergen. Im nahegelegenen Dorf, dessen Bewohner die Toten gefunden haben, brechen derweil uralte Konflikte wieder auf, die Gemeinschaft droht zu zerbrechen. Der Pfarrer und eine Psychiaterin versuchen, eine Art Frieden wiederherzustellen und auch die Gründe für das Geschehene zu ermitteln. Doch jede Form logischen Denkens stößt hier an Grenzen. Erzählt wird aus zwei Blickwinkeln: Einmal berichtet der Pfarrer, dann die Psychiaterin Giovanna, die überwiegend eine Form von Selbstgesprächen führt: meist endlose Sätze, teilweise auch ohne jede Interpunktion - etwas gewöhnungsbedürftig, vermittelt aber überzeugend die Gefühlssituation, in der sich Giovanna befindet. Trotz des entsetzlichen Beginns ist es kein Krimi oder Thriller, in dessen Mittelpunkt die Auflösung dieses Verbrechens steht. Vielmehr entwickelt sich die Geschichte zu einer Art Psychogramm, nicht nur des ganzen Dorfes, sondern auch der beiden Hauptfiguren, Don Ermete dem Pfarrer und Giovanna, der Psychiaterin, während das unfassbare Ereignis immer mehr in den Hintergrund rückt. Dennoch: Ich fand das Buch spannend bis zum Schluss und hatte Mühe, es aus der Hand zu legen. Anstrengend sind die ganzen Familienbande, die in diesem Buch bestehen, ich hatte gelegentlich doch Mühe, einen Überblick zu behalten. So zeichnete ich mir beim Lesen die Verwandtschaftsverhältnisse auf, was sich dann auch immer wieder als nützlich erweisen sollte. Hilfreich ist hierzu ebenso die Website www.xy-roman.de, auf der alle Personen mit ihren Eigenheiten und Beziehungen auf geführt werden. Einziges Manko dort: Es fehlte mir eine Art übersichtlicher Stammbaum - doch den hatte ich mir ja zwischenzeitlich schon selbst gezeichnet. |
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