Wer bin ich, wenn ich online bin... - Carr, Nicholas

Wer bin ich, wenn ich online bin...

und was macht mein Gehirn solange? - Wie das Internet unser Denken verändert

Nicholas Carr 

Übersetzer: Dedekind, Henning
 
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Wer bin ich, wenn ich online bin...

"Die Macht der Computer ist noch lange nicht die Ohnmacht der Vernunft: Nicholas Carr geht nüchtern und elegant der Frage nach, wie die Symbiose mit dem Internet unser Denken verändert." -- Detlef Borchers, Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Carr argumentiert mit Hilfe von Studien aus der Medienpsychologie und der Neurobiologie. Dazu gesellt sich die aufrichtige Selbstbeobachtung eines Autors, der die Verlockungen der neuen Technologien zu schätzen weiß, aber auch besorgt feststellt, dass er sich nicht mehr ohne weiteres auf längere Texte konzentrieren kann. So hat er einen überaus informativen Beipackzettel für das Internet geschrieben, in dem er über dessen Nebenwirkungen aufzuklären versucht." -- Boja Krstulovic, Der Tagesspiegel

"Nicholas Carrs Buch erfüllt den besten Zweck, den ein Buch erfüllen kann: Es macht nachdenklich." -- Brigitte Baetz, Deutschlandfunk, Andruck


Produktinformation

  • Verlag: Blessing
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 383 S.
  • Seitenzahl: 383
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 146mm x 35mm
  • Gewicht: 556g
  • ISBN-13: 9783896674289
  • ISBN-10: 3896674285
  • Best.Nr.: 29500998

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Werden wir alle Shallowers? Ich will aber ein interessantes Gehirn, scheint Detlef Borchers zu sagen, der das Buch von Nicholas Carr als lesbarere Fortsetzung von Joseph Weizenbaums Computerkritik nimmt und es wegen seiner Nüchternheit allen Dramatiersierungsversuchen des Problems weit vorzieht. Carr ist Borchers Beleg, dass es auch anders geht, ohne Google, dass Langzeitdenken schöner ist als Kurzzeitdenken. Die Entwicklungsgeschichte der Technik, die Carr ihm auch liefert, die Beschäftigung mit McLuhans Medienkritik und mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung, die nimmt Borchers richtig multitaskingmäßig aber gerne mit.

© Perlentaucher Medien GmbH

Werden wir alle Shallowers? Ich will aber ein interessantes Gehirn, scheint Detlef Borchers zu sagen, der das Buch von Nicholas Carr als lesbarere Fortsetzung von Joseph Weizenbaums Computerkritik nimmt und es wegen seiner Nüchternheit allen Dramatiersierungsversuchen des Problems weit vorzieht. Carr ist Borchers Beleg, dass es auch anders geht, ohne Google, dass Langzeitdenken schöner ist als Kurzzeitdenken. Die Entwicklungsgeschichte der Technik, die Carr ihm auch liefert, die Beschäftigung mit McLuhans Medienkritik und mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung, die nimmt Borchers richtig multitaskingmäßig aber gerne mit.

© Perlentaucher Medien GmbH
Nicholas Carr, geboren 1959, studierte englische und amerikanische Literatur an der Harvard University und war als Herausgeber der Harvard Business Review tätig. Mit Beiträgen u.a. in The New York Times Magazine, Wired, The Financial Times, Die Zeit, den Sachbüchern The Big Switch und Does IT Matter? und nicht zuletzt seinem wegweisenden Artikel Is Google Making Us Stupid? erwarb er sich den Ruf als einer der provokantesten und prophetischsten Denker zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel in der Dot-Com-Ära.

Leseprobe zu "Wer bin ich, wenn ich online bin..." von Nicholas Carr

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Die digitale Revolution verändert das Denken und den Denkapparat. An diesem Befund kann kein Zweifel mehr bestehen, und die Widerrede dagegen, sofern sie nicht ausschließlich von Geschäftsinteressen gespeist ist, hat Züge des Ewiggestrigen. Das neunzehnte Jahrhundert hat die Industrialisierung dessen erlebt, was menschliche Hände machen können. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Industrialisierung der menschlichen Fortbewegungsorgane vollzogen. Jetzt erleben wir die Industrialisierung des Gehirns.

Mühsam und unter enormen Opfern musste der Mensch die Kommunikation mit den Maschinen des Industriezeitalters lernen. Er musste seine Muskeln, seine Ernährung, seine Ausbildung an die neuen Gegebenheiten anpassen, Familienstrukturen und soziale Milieus wurden von den neuen Arbeitsplätzen verändert, Zeit- und Raumempfinden revolutionierte sich innerhalb einer einzigen Generation und jahrhundertealte Erfahrungskontinente versanken, weil man sie nicht mehr benötigte. Was geschieht nun, da es um unser Hirn geht, und welche kognitiven und psychologischen Folgen hat die Kommunikation mit intelligenten Maschinen?

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet diejenigen, die sich an der Spitze des digitalen Fortschritts wähnen, sich gar nicht vorstellen können, dass auch wir einen Preis zahlen werden, und vielleicht eines Tages gar nicht mehr wissen, dass wir ihn gezahlt haben. Das ist nicht Kulturpessimismus oder Technikfeindlichkeit, sondern eine der erregendsten Fragen für jeden, der gerne Herr im eigenen Haus, nämlich in seinem Kopf, bleiben möchte.

Es war Nicholas Carr, der mit seinem denkwürdigen Essay "Is Google making us stupid?" als erster diese Frage gestellt hat. Und er legt jetzt eine grundlegende Recherche vor: Was bedeutet die Industrialisierung menschlichen Denkens für den Menschen? Was geschieht, wenn Entscheidungsprozesse nicht nur an Computer abgegeben werden, sondern auch alle soziale Kontakte über Algorithmen, also mathematische Modelle, verwaltet und selektiert werden? Die Folgen sind womöglich nicht so sichtbar wie in der ersten industriellen Revolution, denn die digitale Revolution kennt keine Bilder von Fließbandarbeitern, Massenproduktion, von arbeitslosen Webern oder von geisttötenden Routinen nach dem Gesetz der Stechuhr. Aber nur weil wir es nicht sehen, bedeutet es nicht, dass nicht das Gleiche geschieht. Längst haben sich beispielsweise die Arbeitszeiten des modernen Menschen verschoben. Er liest seine E-Mails zu Hause, nutzt das iPhone im Urlaub und weiß, dass jede Minute irgendetwas geschehen könnte, das von ihm eine Reaktion verlangen könnte. Die Vernetzung der Computer hat einen neuen, faszinierenden Raum der Kommunikation und des Wissens geschaffen. Gleichzeitig aber ist das Internet wie auch der digitale Arbeitsplatz ein Ort fast frühkapitalistischer Konflikte, in der Millionen von Menschen die Grenzen zwischen gerechtem Lohn und ungerechter Selbstausbeutung nicht mehr erkennen können.

Das Gleiche gilt für den Multitasker, zu dem wir alle gezwungenermaßen geworden sind. Gewiss, auch in der Vergangenheit mussten Menschen oft mehrere Dinge gleichzeitig tun. Aber das Problem ist - und Nicholas Carr weist darauf hin -, dass der moderne Netzbewohner gezwungen ist, ausschließlich zu multitasken. Multitasking zerstört Nachdenklichkeit, Reflexion, deformiert Denken überhaupt. Gesetzt - wogegen alle wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen - wir könnten es lernen; welchen Preis müssten wir bezahlen? Was würden wir verlieren?

Nichts ist mehr von gestern als die Debatte über digital immigrants oder digital natives. Die Unterscheidung war triftig für den kurzen Moment des Übergangs zwischen 1995 und 2005. Die Beschleunigungskräfte sind enorm, und das hat mit der kinderleichten Bedienbarkeit der modernen Technologien zu tun. Täuschen die Zeichen nicht, so ist die Zeit der Berater und Experten glücklicherweise vorbei. Die Menschen wissen, was das Netz ist. Aber wissen sie auch, dass das Netz nur die Oberfläche einer allumfassenden Kommunikation mit Computern ist? - einer Kommunikation, die vom Kühlschrank bis zum Freundschaftsnetzwerk und der Beurteilung durch den Arbeitgeber, den Rastern der Sicherheitsbehörden oder der Finanzbehörden reicht? Längst leben wir in einer Zeit, wo Journalisten nicht mehr für Menschen, sondern für Google schreiben, nämlich Überschriften und Teaser so formulieren, dass die Suchmaschine sie erkennt und bevorzugt. Nicht ohne Ironie muss man feststellen, dass ausgerechnet die Journalisten, deren Arbeitswelt als erste (aber keineswegs als letzte) sich revolutionierte, noch immer so tun, als handele es sich lediglich um ein Anpassungsproblem. Auch das hat die Carr-Rezeption gezeigt: Gegen Carr zu sein bringt gute Google-Suchergebnisse.

Nicholas Carrs Buch ist ein Buch der Aufklärung. Es widerlegt jene Ideologen des digitalen Zeitalters, hinter denen sich oft nicht mehr als Glücksritter verbergen, wie jene, die einst den Eisenbahnbau im Wilden Westen begleiteten. Es wäre wünschenswert, wenn Carrs Intervention dazu beitragen würde, das banale Dafür und Dagegen zu beenden. Niemand ist gegen das Netz. Und niemand ist gegen Computer. Auch Carr nicht. Er ist auch nicht "gegen" Google. Es geht gar nicht darum, dagegen oder dafür zu sein - man kann auch nicht gegen das Wetter oder die Farbe des Himmels sein. Die digitale Revolution ist irreversibel, und altertümlich ist an der Debatte nur der zwanghafte Versuch der Ideologen, die Analyse mit Formaten des neunzehnten Jahrhunderts zu beantworten, also Technikfeindlichkeit dort zu wittern, wo es in Wahrheit um den Umgang mit den neuen Techniken geht.

Nicholas Carr geht vom eigenen Befund aus, einen, den ich teile: An den Schwierigkeiten konzentriert zu lesen, merkt der denkende Mensch als erstes, dass etwas mit seinem Denken geschieht. Das geht weit über pädagogische Fragen hinaus. Es kennzeichnet einen wirklichen Übergang. Vermutlich wird Lektüre in der künftigen Gesellschaft fast zur therapeutischen Operation. Auch im frühen zwanzigsten Jahrhundert hat sich niemand vorstellen können, dass Menschen freiwillig atemlos über Straßen, über Felder und Wälder laufen, weil sie die Deformationen therapieren müssen, die ihnen eine Technik beibrachte, die sie doch gerade von Atemlosigkeit und vom Laufen befreien sollte. Welche Maßnahmen müssen und werden wir uns einfallen lassen? Soviel lässt sich heute schon sagen: Das Selbstverständliche des Denkens und Lesens wird verschwinden, und an seine Stelle wird das Unselbstverständliche treten. Wir werden in Schulen und an Arbeitsplätzen Kontemplation so fördern müssen, wie wir vor hundert Jahren gelernt haben, den Sport zur Pflicht zu machen. Zu den uralten meditativen Praktiken zählt, auf das eigene Atmen zu hören - das Selbstverständlichste von der Welt sich bewusst zu machen. Zu den Praktiken der Zukunft wird als erste gehören, wieder auf das eigene Denken zu hören.

Frank Schirrmacher PROLOG:
DER WACHHUND UND DER DIEB Im Jahre 1964, als die Beatles sich gerade anschickten, den amerikanischen Äther im Sturm zu erobern, veröffentlichte Marshall McLuhan Die magischen Kanäle. Durch dieses Buch wurde der kauzige Akademiker über Nacht zum Star. Es war orakelhaft, geheimnisvoll und bewusstseinsverändernd, also durch und durch ein Produkt der Sechziger, jenem inzwischen fernen Jahrzehnt der Drogentrips, Mondraketen und inneren wie äußeren Reisen.

Die magischen Kanäle war im Grunde eine Prophezeiung, in der die Auflösung des linearen Denkens vorhergesagt wurde. McLuhan erklärte, die "elektrischen Medien" des 20. Jahrhunderts - Telefon, Radio, Kino, Fernsehen - bedeuteten das Ende einer Diktatur des Textes über unsere Sinne und Gedanken. Unser isoliertes, bruchstückhaftes Selbst, durch die Lektüre bedruckter Seiten jahrhundertelang in sich gefangen, werde nun geheilt und verschmelze mit dem globalen Äquivalent eines Stammesdorfes. Wenn der kreative Prozess des Wissens zum kollektiven und allgemein zugänglichen Gut der gesamten Menschheit werde, näherten wir uns einer "technischen Simulation des Bewusstseins".

Doch selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität war Die magischen Kanäle ein Buch, über das man mehr sprach, als dass es gelesen wurde. Heute ist es ein kulturelles Relikt, das nur noch in Medienseminaren an Universitäten diskutiert wird. McLuhan war jedoch nicht nur ein kluger Kopf, sondern auch ein großer Showman und ein Meister des Schlagworts. Einer seiner Sätze aus dem Buch hat sich verselbstständigt und führt heute ein Eigenleben als beliebtes Sprichwort: "Das Medium ist die Botschaft."

Was wir gerne vergessen, wenn wir diesen rätselhaften Aphorismus zitieren, ist, dass McLuhan die ungeheure Macht der neuen Kommunikationstechnik nicht nur anerkannte und guthieß. Er warnte auch vor der Gefahr, die eine solche Macht darstellte - und vor dem Risiko, diese Bedrohung zu übersehen: Die "elektrische Technik" sei längst nicht mehr wegzudenken. Doch die Menschheit verschließe Augen und Ohren davor, was alles passieren könne, wenn sie auf die Technik Gutenbergs treffe, auf welcher der gesamte "American Way of Life" aufgebaut sei.

Wann immer ein neues Medium aufkommt, konzentrieren sich die Menschen - McLuhan zufolge - zunächst auf die von ihm transportierten Informationen. Sie interessieren sich für die Nachrichten in der Zeitung, die Sendungen im Fernsehen, die Worte, die eine Person am anderen Ende der Telefonleitung sagt. Die Technologie des Mediums jedoch, so erstaunlich sie auch sein mag, verschwindet dabei hinter seinem Inhalt - hinter den Fakten, der Unterhaltung, den Anweisungen, der Konversation.

Wenn die Leute zu diskutieren beginnen (was sie immer tun), ob die Auswirkungen eines Mediums nun gut oder schlecht sind, dann streiten sie sich regelmäßig nur über den Inhalt. Enthusiasten sind begeistert; Skeptiker machen alles schlecht. Der Streit ist bei jedem neuen Informationsmedium mehr oder weniger derselbe und mindestens so alt wie die ersten Bücher, die in Gutenbergs Presse entstanden.

Nicht ohne Grund preisen die Enthusiasten die Flut neuer Inhalte, die durch die jeweilige Technik ausgelöst wird, als Zeichen für eine "Demokratisierung" der Kultur. Ebenso begründet ist die Kritik der Skeptiker, die in den ungeschönten Inhalten ein Anzeichen für den Niedergang der Kultur sehen. Was dem einen ein großer Garten Eden, ist dem anderen ein riesiges Ödland.

Das Internet ist das jüngste Medium, das diese Debatte anheizt. Der Kampf zwischen Netz-Enthusiasten und Netz-Skeptikern ist so polarisierend wie eh und je. Während der letzten zwei Jahrzehnte wurde er in Dutzenden von Büchern und Artikeln sowie in Tausenden von Blog-Posts, Videoclips und Podcasts geführt. Die Befürworter verkünden ein neues Goldenes Zeitalter der allgemeinen Informationszugänglichkeit, wohingegen die Zweifler über ein dunkles Zeitalter der Mittelmäßigkeit und des Narzissmus klagen. Die Debatte war zwar wichtig, denn Inhalte sind zweifelsohne von Bedeutung, doch da sie auf Basis von persönlichen Ansichten und Neigungen geführt wurde, endete sie unweigerlich in einer Sackgasse. "Technikfeind", zischt der Enthusiast, "alte Unke!" Und der Skeptiker kontert: "Kulturbanause! Unverbesserlicher Optimist!"

Was beide übersehen, ist McLuhans Beobachtung, dass hinsichtlich unseres Denkens und Handelns der Inhalt eines Mediums langfristig weniger wichtig ist als das Medium selbst. Was wir sehen und wie wir es sehen, verschmelzen in einem Massenmedium miteinander. Es ist für uns Fenster zur Welt und zu uns selbst zugleich. Wenn wir es oft genug nutzen, verändert es schließlich unser Wesen, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Die Auswirkungen der Technologie zeigten sich nicht auf einer Ebene von Meinungen oder Konzepten, schrieb McLuhan. "Stattdessen verändern sie ständig und ohne jeden Widerstand unsere Wahrnehmungsmuster." Damit übertreibt der Showman vielleicht ein wenig, hat aber trotzdem recht. Ob Technikwunder oder Teufelszeug - die Magie der Medien wirkt jedenfalls direkt auf unser Nervensystem.

Wenn wir uns allein auf den Medieninhalt konzentrieren, kann es passieren, dass uns solche unterschwelligen Wirkungen völlig entgehen. Wir sind von der Informationsfülle viel zu verwirrt oder verstört, um zu bemerken, was in unseren Köpfen vor sich geht. Schließlich reden wir uns ein, dass die Technik selbst keine Rolle spielt. Wir gaukeln uns vor, es käme allein auf die Art ihrer Nutzung an, und wiegen uns in der trügerischen Sicherheit, wir hätten alles unter Kontrolle. Die Technik ist in unseren Augen ein Werkzeug, das erst in unserer Hand zum Leben erwacht und das wir nach Gebrauch wieder beiseitelegen.

McLuhan zitierte den Medienmogul David Sarnoff, der sowohl bei RCA-Radio als auch beim Fernsehsender NBC Pionierarbeit geleistet hatte. In einer Rede an der Universität von Notre Dame im Jahre 1955 wies Sarnoff die Kritik an den Massenmedien zurück, auf denen er sein Imperium und sein Vermögen aufgebaut hatte. Er bestritt, dass die Technik selbst negative Auswirkungen habe, und schob stattdessen den Hörern und Zuschauern den Schwarzen Peter zu: Man sei viel zu sehr darauf aus, das Instrument der Technik zum Sündenbock zu machen, anstatt die Nutzer ins Visier zu nehmen. Die Produkte der modernen Wissenschaft seien weder gut noch böse. Vielmehr bestimme die Art ihrer Nutzung ihren Wert. McLuhan entrüstete sich über diesen Gedanken und verspottete Sarnoff, er rede daher wie einer jener Schlafwandler, die augenblicklich überall zu finden seien.

Jedes neue Medium, so stellte McLuhan fest, verändert uns. Unsere eingeübte Reaktion auf die Medien, insbesondere, dass in erster Linie die Art ihres Gebrauchs zähle, sei die Haltung eines "technologischen Idioten". Medieninhalte seien lediglich das "saftige Stück Fleisch", das ein Einbrecher bei sich habe, um den vor dem menschlichen Geist postierten Wachhund abzulenken.

Nicht einmal McLuhan hätte vorhersehen können, welches Festmahl das Internet für uns bereitet hat: Ein Gang folgt auf den anderen, jeder saftiger als der vorangegangene, sodass uns zwischen den Bissen kaum Zeit zum Atmen bleibt. Seitdem Netzwerkcomputer auf die Größe von iPhones und Black-Berrys geschrumpft sind, ist das Festmahl transportabel geworden, überall und jederzeit verfügbar.

Es findet in unserem Zuhause statt, im Büro, im Auto, im Klassenzimmer, in unserem Geldbeutel, in unserer Tasche. Sogar Leute, die den zunehmenden Einfluss des Internets auf unser Leben misstrauisch beäugen, lassen sich durch ihre Besorgnis kaum die Freude und den Nutzen verderben, die der Technikgebrauch ihnen bietet. Der Filmkritiker David Thomson stellte einmal fest, dass "angesichts der Gewissheit des Mediums" jeglicher Zweifel als Schwäche ausgelegt werden könne.

Er meinte damit das Kino und wie es Gefühle und Sinneseindrücke nicht nur auf die Leinwand projiziert, sondern auch auf uns, das stille, willfährige Publikum. Noch besser trifft seine Feststellung auf das Internet zu: Der Computerbildschirm walzt mit seinen Segnungen und Annehmlichkeiten sämtliche Zweifel wie ein Bulldozer nieder. Der Computer ist so sehr unser Diener, dass es fast schon kleinlich erschiene zu bemerken, dass er gleichzeitig auch unser Herr ist.

ERSTES KAPITEL:
HAL und ICH "Bitte, Dave. Hör auf. Ich bitte dich. Hör auf, Dave. Bitte. Lass es sein", fleht der Supercomputer HAL den unerbittlichen Astronauten Dave Bowman in einer berühmten und seltsam ergreifenden Szene gegen Ende von Stanley Kubricks Film 2001 - Odyssee im Weltraum an. Bowman, den die fehlerhaft funktionierende Maschine beinahe ins Weltall und damit in den Tod geschickt hätte, deaktiviert ruhig und ungerührt die Speicherelemente des Gedächtnismoduls. "Mein Gedächtnis", sagt HAL verloren. "Mein Gedächtnis schwindet. Ich spüre es. Ich spüre es."

Ich spüre es ebenfalls. Während der letzten paar Jahre beschlich mich immer wieder das unangenehme Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumgepfuscht, die neuronalen Schaltkreise neu vernetzt und mein Gedächtnis umprogrammiert hatte. Mein Gedächtnis schwindet nicht - zumindest, soweit ich das beurteilen kann. Aber es verändert sich. Ich denke nicht auf dieselbe Weise wie früher. Am meisten fällt mir das beim Lesen auf. Einst fiel es mir leicht, mich in ein Buch oder einen langen Artikel zu vertiefen. Mein Geist biss sich in die Wendungen einer Geschichte oder die unterschiedlichen Positionen eines Textes fest, und ich konnte mich stundenlang mit Prosa beschäftigen. Heute ist das nur noch selten der Fall. Nach einer oder zwei Seiten schweifen meine Gedanken ab. Ich werde unruhig, verliere den Faden und suche nach einer anderen Beschäftigung. Es kommt mir immer vor, als müsste ich mein eigensinniges Gehirn zum Text zurückzerren. Das konzentrierte Lesen, das einmal etwas ganz Natürliches war, ist zu einem Kampf mit mir selbst geworden.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was los ist. Seit mittlerweile über einem Jahrzehnt habe ich regelmäßig viel Zeit online verbracht, habe im Netz gesurft, herumgesucht und manchmal auch einen kleinen Beitrag zu den unermesslich großen Datenbanken geleistet. Für mich als Schriftsteller ist das Internet wie ein Geschenk Gottes. Recherchen, für die man sich manchmal tagelang durch die Zeitschriftenstapel oder -abteilungen der Bibliotheken wühlen musste, können heute innerhalb weniger Minuten erledigt werden. Ein bisschen gegoogelt, ein paar schnelle Klicks auf Hyperlinks, und schon habe ich die harten Fakten oder das kernige Zitat, wonach ich gesucht habe.

Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele Stunden oder wie viele Liter Benzin ich durch das Internet gespart habe. Ich erledige die meisten Bankgeschäfte und einen Großteil meiner Einkäufe online. Ich benutze meine Browser, um Rechnungen zu bezahlen, Verabredungen zu treffen, Flüge und Hotelzimmer zu buchen, meine Fahrerlaubnis zu erneuern, Einladungen und Grußkarten zu versenden. Selbst wenn ich nicht arbeite, stöbere ich im Datendickicht des Netzes herum - lese und schreibe E-Mails, überfliege Überschriften und Blog-Posts, verfolge Facebook-Updates, sehe mir Video-Streams an, lade Musik herunter oder hüpfe einfach nur federleicht von einem Link zum nächsten.

Das Netz ist zu meinem Allzweckmedium geworden, dem Kanal für die meisten Informationen, die an meine Augen, Ohren und meinen Geist gelangen. Die Vorteile des direkten Zugangs zu einer solch unglaublich großen und leicht zu durchsuchenden Datenmenge sind vielfältig; man hat sie ausführlich beschrieben und gebührend gewürdigt. Google sei ein gewaltiger "Segen für die Menschheit", sagt Heather Pringle, eine Autorin der Zeitschrift Archaeology. "Dort werden Informationen und Gedanken gesammelt und gebündelt, die zuvor so weit über die ganze Welt verstreut waren, dass kaum jemand davon profitieren konnte."1 Clive Thompson von Wired indes bemerkt: "Wenn man sämtliche Speichermedien wieder abschaffen würde, wäre das ein gewaltiger Segen für unser Denken."

Die Segnungen gibt es tatsächlich. Aber sie haben ihren Preis. Wie McLuhan feststellte, sind Medien nicht einfach nur Informationskanäle. Sie liefern den Stoff für neue Gedanken, aber sie formen auch den Prozess des Denkens. Eine Auswirkung des Internets scheint es zu sein, dass es mir zunehmend schwerfällt, mich zu konzentrieren und intensiv nachzudenken. Ob ich nun online bin oder nicht, mein Gehirn erwartet, dass man ihm Informationen so füttert, wie es das Internet tut: in einer schnell dahinfließenden Partikelflut. Einst war ich ein Sporttaucher im Meer der Worte. Heute rase ich über die Oberfläche wie ein Typ auf einem Jet-Ski.

Vielleicht bin ich ja ein Einzelfall, eine Ausnahme. Das scheint jedoch nicht so zu sein. Wenn ich Freunden von meinen Leseschwierigkeiten erzähle, sagen viele, dass sie selbst ganz ähnliche Probleme haben.

Die digitale Revolution verändert das Denken und den Denkapparat. An diesem Befund kann kein Zweifel mehr bestehen, und die Widerrede dagegen, sofern sie nicht ausschließlich von Geschäftsinteressen gespeist ist, hat Züge des Ewiggestrigen. Das neunzehnte Jahrhundert hat die Industrialisierung dessen erlebt, was menschliche Hände machen können. Das zwanzigste Jahrhundert hat die Industrialisierung der menschlichen Fortbewegungsorgane vollzogen. Jetzt erleben wir die Industrialisierung des Gehirns.

Mühsam und unter enormen Opfern musste der Mensch die Kommunikation mit den Maschinen des Industriezeitalters lernen. Er musste seine Muskeln, seine Ernährung, seine Ausbildung an die neuen Gegebenheiten anpassen, Familienstrukturen und soziale Milieus wurden von den neuen Arbeitsplätzen verändert, Zeit- und Raumempfinden revolutionierte sich innerhalb einer einzigen Generation und jahrhundertealte Erfahrungskontinente versanken, weil man sie nicht mehr benötigte. Was geschieht nun, da es um unser Hirn geht, und welche kognitiven und psychologischen Folgen hat die Kommunikation mit intelligenten Maschinen?

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet diejenigen, die sich an der Spitze des digitalen Fortschritts wähnen, sich gar nicht vorstellen können, dass auch wir einen Preis zahlen werden, und vielleicht eines Tages gar nicht mehr wissen, dass wir ihn gezahlt haben. Das ist nicht Kulturpessimismus oder Technikfeindlichkeit, sondern eine der erregendsten Fragen für jeden, der gerne Herr im eigenen Haus, nämlich in seinem Kopf, bleiben möchte.

Es war Nicholas Carr, der mit seinem denkwürdigen Essay "Is Google making us stupid?" als erster diese Frage gestellt hat. Und er legt jetzt eine grundlegende Recherche vor: Was bedeutet die Industrialisierung menschlichen Denkens für den Menschen? Was geschieht, wenn Entscheidungsprozesse nicht nur an Computer abgegeben werden, sondern auch alle soziale Kontakte über Algorithmen, also mathematische Modelle, verwaltet und selektiert werden? Die Folgen sind womöglich nicht so sichtbar wie in der ersten industriellen Revolution, denn die digitale Revolution kennt keine Bilder von Fließbandarbeitern, Massenproduktion, von arbeitslosen Webern oder von geisttötenden Routinen nach dem Gesetz der Stechuhr. Aber nur weil wir es nicht sehen, bedeutet es nicht, dass nicht das Gleiche geschieht. Längst haben sich beispielsweise die Arbeitszeiten des modernen Menschen verschoben. Er liest seine E-Mails zu Hause, nutzt das iPhone im Urlaub und weiß, dass jede Minute irgendetwas geschehen könnte, das von ihm eine Reaktion verlangen könnte. Die Vernetzung der Computer hat einen neuen, faszinierenden Raum der Kommunikation und des Wissens geschaffen. Gleichzeitig aber ist das Internet wie auch der digitale Arbeitsplatz ein Ort fast frühkapitalistischer Konflikte, in der Millionen von Menschen die Grenzen zwischen gerechtem Lohn und ungerechter Selbstausbeutung nicht mehr erkennen können.

Das Gleiche gilt für den Multitasker, zu dem wir alle gezwungenermaßen geworden sind. Gewiss, auch in der Vergangenheit mussten Menschen oft mehrere Dinge gleichzeitig tun. Aber das Problem ist - und Nicholas Carr weist darauf hin -, dass der moderne Netzbewohner gezwungen ist, ausschließlich zu multitasken. Multitasking zerstört Nachdenklichkeit, Reflexion, deformiert Denken überhaupt. Gesetzt - wogegen alle wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen - wir könnten es lernen; welchen Preis müssten wir bezahlen? Was würden wir verlieren?

Nichts ist mehr von gestern als die Debatte über digital immigrants oder digital natives. Die Unterscheidung war triftig für den kurzen Moment des Übergangs zwischen 1995 und 2005. Die Beschleunigungskräfte sind enorm, und das hat mit der kinderleichten Bedienbarkeit der modernen Technologien zu tun. Täuschen die Zeichen nicht, so ist die Zeit der Berater und Experten glücklicherweise vorbei. Die Menschen wissen, was das Netz ist. Aber wissen sie auch, dass das Netz nur die Oberfläche einer allumfassenden Kommunikation mit Computern ist? - einer Kommunikation, die vom Kühlschrank bis zum Freundschaftsnetzwerk und der Beurteilung durch den Arbeitgeber, den Rastern der Sicherheitsbehörden oder der Finanzbehörden reicht? Längst leben wir in einer Zeit, wo Journalisten nicht mehr für Menschen, sondern für Google schreiben, nämlich Überschriften und Teaser so formulieren, dass die Suchmaschine sie erkennt und bevorzugt. Nicht ohne Ironie muss man feststellen, dass ausgerechnet die Journalisten, deren Arbeitswelt als erste (aber keineswegs als letzte) sich revolutionierte, noch immer so tun, als handele es sich lediglich um ein Anpassungsproblem. Auch das hat die Carr-Rezeption gezeigt: Gegen Carr zu sein bringt gute Google-Suchergebnisse.

Nicholas Carrs Buch ist ein Buch der Aufklärung. Es widerlegt jene Ideologen des digitalen Zeitalters, hinter denen sich oft nicht mehr als Glücksritter verbergen, wie jene, die einst den Eisenbahnbau im Wilden Westen begleiteten. Es wäre wünschenswert, wenn Carrs Intervention dazu beitragen würde, das banale Dafür und Dagegen zu beenden. Niemand ist gegen das Netz. Und niemand ist gegen Computer. Auch Carr nicht. Er ist auch nicht "gegen" Google. Es geht gar nicht darum, dagegen oder dafür zu sein - man kann auch nicht gegen das Wetter oder die Farbe des Himmels sein. Die digitale Revolution ist irreversibel, und altertümlich ist an der Debatte nur der zwanghafte Versuch der Ideologen, die Analyse mit Formaten des neunzehnten Jahrhunderts zu beantworten, also Technikfeindlichkeit dort zu wittern, wo es in Wahrheit um den Umgang mit den neuen Techniken geht.

Nicholas Carr geht vom eigenen Befund aus, einen, den ich teile: An den Schwierigkeiten konzentriert zu lesen, merkt der denkende Mensch als erstes, dass etwas mit seinem Denken geschieht. Das geht weit über pädagogische Fragen hinaus. Es kennzeichnet einen wirklichen Übergang. Vermutlich wird Lektüre in der künftigen Gesellschaft fast zur therapeutischen Operation. Auch im frühen zwanzigsten Jahrhundert hat sich niemand vorstellen können, dass Menschen freiwillig atemlos über Straßen, über Felder und Wälder laufen, weil sie die Deformationen therapieren müssen, die ihnen eine Technik beibrachte, die sie doch gerade von Atemlosigkeit und vom Laufen befreien sollte. Welche Maßnahmen müssen und werden wir uns einfallen lassen? Soviel lässt sich heute schon sagen: Das Selbstverständliche des Denkens und Lesens wird verschwinden, und an seine Stelle wird das Unselbstverständliche treten. Wir werden in Schulen und an Arbeitsplätzen Kontemplation so fördern müssen, wie wir vor hundert Jahren gelernt haben, den Sport zur Pflicht zu machen. Zu den uralten meditativen Praktiken zählt, auf das eigene Atmen zu hören - das Selbstverständlichste von der Welt sich bewusst zu machen. Zu den Praktiken der Zukunft wird als erste gehören, wieder auf das eigene Denken zu hören.

Frank Schirrmacher PROLOG:
DER WACHHUND UND DER DIEB Im Jahre 1964, als die Beatles sich gerade anschickten, den amerikanischen Äther im Sturm zu erobern, veröffentlichte Marshall McLuhan Die magischen Kanäle. Durch dieses Buch wurde der kauzige Akademiker über Nacht zum Star. Es war orakelhaft, geheimnisvoll und bewusstseinsverändernd, also durch und durch ein Produkt der Sechziger, jenem inzwischen fernen Jahrzehnt der Drogentrips, Mondraketen und inneren wie äußeren Reisen.

Die magischen Kanäle war im Grunde eine Prophezeiung, in der die Auflösung des linearen Denkens vorhergesagt wurde. McLuhan erklärte, die "elektrischen Medien" des 20. Jahrhunderts - Telefon, Radio, Kino, Fernsehen - bedeuteten das Ende einer Diktatur des Textes über unsere Sinne und Gedanken. Unser isoliertes, bruchstückhaftes Selbst, durch die Lektüre bedruckter Seiten jahrhundertelang in sich gefangen, werde nun geheilt und verschmelze mit dem globalen Äquivalent eines Stammesdorfes. Wenn der kreative Prozess des Wissens zum kollektiven und allgemein zugänglichen Gut der gesamten Menschheit werde, näherten wir uns einer "technischen Simulation des Bewusstseins".

Doch selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität war Die magischen Kanäle ein Buch, über das man mehr sprach, als dass es gelesen wurde. Heute ist es ein kulturelles Relikt, das nur noch in Medienseminaren an Universitäten diskutiert wird. McLuhan war jedoch nicht nur ein kluger Kopf, sondern auch ein großer Showman und ein Meister des Schlagworts. Einer seiner Sätze aus dem Buch hat sich verselbstständigt und führt heute ein Eigenleben als beliebtes Sprichwort: "Das Medium ist die Botschaft."

Was wir gerne vergessen, wenn wir diesen rätselhaften Aphorismus zitieren, ist, dass McLuhan die ungeheure Macht der neuen Kommunikationstechnik nicht nur anerkannte und guthieß. Er warnte auch vor der Gefahr, die eine solche Macht darstellte - und vor dem Risiko, diese Bedrohung zu übersehen: Die "elektrische Technik" sei längst nicht mehr wegzudenken. Doch die Menschheit verschließe Augen und Ohren davor, was alles passieren könne, wenn sie auf die Technik Gutenbergs treffe, auf welcher der gesamte "American Way of Life" aufgebaut sei.

Wann immer ein neues Medium aufkommt, konzentrieren sich die Menschen - McLuhan zufolge - zunächst auf die von ihm transportierten Informationen. Sie interessieren sich für die Nachrichten in der Zeitung, die Sendungen im Fernsehen, die Worte, die eine Person am anderen Ende der Telefonleitung sagt. Die Technologie des Mediums jedoch, so erstaunlich sie auch sein mag, verschwindet dabei hinter seinem Inhalt - hinter den Fakten, der Unterhaltung, den Anweisungen, der Konversation.

Wenn die Leute zu diskutieren beginnen (was sie immer tun), ob die Auswirkungen eines Mediums nun gut oder schlecht sind, dann streiten sie sich regelmäßig nur über den Inhalt. Enthusiasten sind begeistert; Skeptiker machen alles schlecht. Der Streit ist bei jedem neuen Informationsmedium mehr oder weniger derselbe und mindestens so alt wie die ersten Bücher, die in Gutenbergs Presse entstanden.

Nicht ohne Grund preisen die Enthusiasten die Flut neuer Inhalte, die durch die jeweilige Technik ausgelöst wird, als Zeichen für eine "Demokratisierung" der Kultur. Ebenso begründet ist die Kritik der Skeptiker, die in den ungeschönten Inhalten ein Anzeichen für den Niedergang der Kultur sehen. Was dem einen ein großer Garten Eden, ist dem anderen ein riesiges Ödland.

Das Internet ist das jüngste Medium, das diese Debatte anheizt. Der Kampf zwischen Netz-Enthusiasten und Netz-Skeptikern ist so polarisierend wie eh und je. Während der letzten zwei Jahrzehnte wurde er in Dutzenden von Büchern und Artikeln sowie in Tausenden von Blog-Posts, Videoclips und Podcasts geführt. Die Befürworter verkünden ein neues Goldenes Zeitalter der allgemeinen Informationszugänglichkeit, wohingegen die Zweifler über ein dunkles Zeitalter der Mittelmäßigkeit und des Narzissmus klagen. Die Debatte war zwar wichtig, denn Inhalte sind zweifelsohne von Bedeutung, doch da sie auf Basis von persönlichen Ansichten und Neigungen geführt wurde, endete sie unweigerlich in einer Sackgasse. "Technikfeind", zischt der Enthusiast, "alte Unke!" Und der Skeptiker kontert: "Kulturbanause! Unverbesserlicher Optimist!"

Was beide übersehen, ist McLuhans Beobachtung, dass hinsichtlich unseres Denkens und Handelns der Inhalt eines Mediums langfristig weniger wichtig ist als das Medium selbst. Was wir sehen und wie wir es sehen, verschmelzen in einem Massenmedium miteinander. Es ist für uns Fenster zur Welt und zu uns selbst zugleich. Wenn wir es oft genug nutzen, verändert es schließlich unser Wesen, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft. Die Auswirkungen der Technologie zeigten sich nicht auf einer Ebene von Meinungen oder Konzepten, schrieb McLuhan. "Stattdessen verändern sie ständig und ohne jeden Widerstand unsere Wahrnehmungsmuster." Damit übertreibt der Showman vielleicht ein wenig, hat aber trotzdem recht. Ob Technikwunder oder Teufelszeug - die Magie der Medien wirkt jedenfalls direkt auf unser Nervensystem.

Wenn wir uns allein auf den Medieninhalt konzentrieren, kann es passieren, dass uns solche unterschwelligen Wirkungen völlig entgehen. Wir sind von der Informationsfülle viel zu verwirrt oder verstört, um zu bemerken, was in unseren Köpfen vor sich geht. Schließlich reden wir uns ein, dass die Technik selbst keine Rolle spielt. Wir gaukeln uns vor, es käme allein auf die Art ihrer Nutzung an, und wiegen uns in der trügerischen Sicherheit, wir hätten alles unter Kontrolle. Die Technik ist in unseren Augen ein Werkzeug, das erst in unserer Hand zum Leben erwacht und das wir nach Gebrauch wieder beiseitelegen.

McLuhan zitierte den Medienmogul David Sarnoff, der sowohl bei RCA-Radio als auch beim Fernsehsender NBC Pionierarbeit geleistet hatte. In einer Rede an der Universität von Notre Dame im Jahre 1955 wies Sarnoff die Kritik an den Massenmedien zurück, auf denen er sein Imperium und sein Vermögen aufgebaut hatte. Er bestritt, dass die Technik selbst negative Auswirkungen habe, und schob stattdessen den Hörern und Zuschauern den Schwarzen Peter zu: Man sei viel zu sehr darauf aus, das Instrument der Technik zum Sündenbock zu machen, anstatt die Nutzer ins Visier zu nehmen. Die Produkte der modernen Wissenschaft seien weder gut noch böse. Vielmehr bestimme die Art ihrer Nutzung ihren Wert. McLuhan entrüstete sich über diesen Gedanken und verspottete Sarnoff, er rede daher wie einer jener Schlafwandler, die augenblicklich überall zu finden seien.

Jedes neue Medium, so stellte McLuhan fest, verändert uns. Unsere eingeübte Reaktion auf die Medien, insbesondere, dass in erster Linie die Art ihres Gebrauchs zähle, sei die Haltung eines "technologischen Idioten". Medieninhalte seien lediglich das "saftige Stück Fleisch", das ein Einbrecher bei sich habe, um den vor dem menschlichen Geist postierten Wachhund abzulenken.

Nicht einmal McLuhan hätte vorhersehen können, welches Festmahl das Internet für uns bereitet hat: Ein Gang folgt auf den anderen, jeder saftiger als der vorangegangene, sodass uns zwischen den Bissen kaum Zeit zum Atmen bleibt. Seitdem Netzwerkcomputer auf die Größe von iPhones und Black-Berrys geschrumpft sind, ist das Festmahl transportabel geworden, überall und jederzeit verfügbar.

Es findet in unserem Zuhause statt, im Büro, im Auto, im Klassenzimmer, in unserem Geldbeutel, in unserer Tasche. Sogar Leute, die den zunehmenden Einfluss des Internets auf unser Leben misstrauisch beäugen, lassen sich durch ihre Besorgnis kaum die Freude und den Nutzen verderben, die der Technikgebrauch ihnen bietet. Der Filmkritiker David Thomson stellte einmal fest, dass "angesichts der Gewissheit des Mediums" jeglicher Zweifel als Schwäche ausgelegt werden könne.

Er meinte damit das Kino und wie es Gefühle und Sinneseindrücke nicht nur auf die Leinwand projiziert, sondern auch auf uns, das stille, willfährige Publikum. Noch besser trifft seine Feststellung auf das Internet zu: Der Computerbildschirm walzt mit seinen Segnungen und Annehmlichkeiten sämtliche Zweifel wie ein Bulldozer nieder. Der Computer ist so sehr unser Diener, dass es fast schon kleinlich erschiene zu bemerken, dass er gleichzeitig auch unser Herr ist.

ERSTES KAPITEL:
HAL und ICH "Bitte, Dave. Hör auf. Ich bitte dich. Hör auf, Dave. Bitte. Lass es sein", fleht der Supercomputer HAL den unerbittlichen Astronauten Dave Bowman in einer berühmten und seltsam ergreifenden Szene gegen Ende von Stanley Kubricks Film 2001 - Odyssee im Weltraum an. Bowman, den die fehlerhaft funktionierende Maschine beinahe ins Weltall und damit in den Tod geschickt hätte, deaktiviert ruhig und ungerührt die Speicherelemente des Gedächtnismoduls. "Mein Gedächtnis", sagt HAL verloren. "Mein Gedächtnis schwindet. Ich spüre es. Ich spüre es."

Ich spüre es ebenfalls. Während der letzten paar Jahre beschlich mich immer wieder das unangenehme Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumgepfuscht, die neuronalen Schaltkreise neu vernetzt und mein Gedächtnis umprogrammiert hatte. Mein Gedächtnis schwindet nicht - zumindest, soweit ich das beurteilen kann. Aber es verändert sich. Ich denke nicht auf dieselbe Weise wie früher. Am meisten fällt mir das beim Lesen auf. Einst fiel es mir leicht, mich in ein Buch oder einen langen Artikel zu vertiefen. Mein Geist biss sich in die Wendungen einer Geschichte oder die unterschiedlichen Positionen eines Textes fest, und ich konnte mich stundenlang mit Prosa beschäftigen. Heute ist das nur noch selten der Fall. Nach einer oder zwei Seiten schweifen meine Gedanken ab. Ich werde unruhig, verliere den Faden und suche nach einer anderen Beschäftigung. Es kommt mir immer vor, als müsste ich mein eigensinniges Gehirn zum Text zurückzerren. Das konzentrierte Lesen, das einmal etwas ganz Natürliches war, ist zu einem Kampf mit mir selbst geworden.

Ich glaube, ich weiß jetzt, was los ist. Seit mittlerweile über einem Jahrzehnt habe ich regelmäßig viel Zeit online verbracht, habe im Netz gesurft, herumgesucht und manchmal auch einen kleinen Beitrag zu den unermesslich großen Datenbanken geleistet. Für mich als Schriftsteller ist das Internet wie ein Geschenk Gottes. Recherchen, für die man sich manchmal tagelang durch die Zeitschriftenstapel oder -abteilungen der Bibliotheken wühlen musste, können heute innerhalb weniger Minuten erledigt werden. Ein bisschen gegoogelt, ein paar schnelle Klicks auf Hyperlinks, und schon habe ich die harten Fakten oder das kernige Zitat, wonach ich gesucht habe.

Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele Stunden oder wie viele Liter Benzin ich durch das Internet gespart habe. Ich erledige die meisten Bankgeschäfte und einen Großteil meiner Einkäufe online. Ich benutze meine Browser, um Rechnungen zu bezahlen, Verabredungen zu treffen, Flüge und Hotelzimmer zu buchen, meine Fahrerlaubnis zu erneuern, Einladungen und Grußkarten zu versenden. Selbst wenn ich nicht arbeite, stöbere ich im Datendickicht des Netzes herum - lese und schreibe E-Mails, überfliege Überschriften und Blog-Posts, verfolge Facebook-Updates, sehe mir Video-Streams an, lade Musik herunter oder hüpfe einfach nur federleicht von einem Link zum nächsten.

Das Netz ist zu meinem Allzweckmedium geworden, dem Kanal für die meisten Informationen, die an meine Augen, Ohren und meinen Geist gelangen. Die Vorteile des direkten Zugangs zu einer solch unglaublich großen und leicht zu durchsuchenden Datenmenge sind vielfältig; man hat sie ausführlich beschrieben und gebührend gewürdigt. Google sei ein gewaltiger "Segen für die Menschheit", sagt Heather Pringle, eine Autorin der Zeitschrift Archaeology. "Dort werden Informationen und Gedanken gesammelt und gebündelt, die zuvor so weit über die ganze Welt verstreut waren, dass kaum jemand davon profitieren konnte."1 Clive Thompson von Wired indes bemerkt: "Wenn man sämtliche Speichermedien wieder abschaffen würde, wäre das ein gewaltiger Segen für unser Denken."

Die Segnungen gibt es tatsächlich. Aber sie haben ihren Preis. Wie McLuhan feststellte, sind Medien nicht einfach nur Informationskanäle. Sie liefern den Stoff für neue Gedanken, aber sie formen auch den Prozess des Denkens. Eine Auswirkung des Internets scheint es zu sein, dass es mir zunehmend schwerfällt, mich zu konzentrieren und intensiv nachzudenken. Ob ich nun online bin oder nicht, mein Gehirn erwartet, dass man ihm Informationen so füttert, wie es das Internet tut: in einer schnell dahinfließenden Partikelflut. Einst war ich ein Sporttaucher im Meer der Worte. Heute rase ich über die Oberfläche wie ein Typ auf einem Jet-Ski.

Vielleicht bin ich ja ein Einzelfall, eine Ausnahme. Das scheint jedoch nicht so zu sein. Wenn ich Freunden von meinen Leseschwierigkeiten erzähle, sagen viele, dass sie selbst ganz ähnliche Probleme haben.


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Bewertung von narnia aus Alt Ruppin am 25.11.2010   ausgezeichnet
Dank dem Internet haben wir heute vom eigenen Wohnzimmer aus die Möglichkeit mit jedermann auf der ganzen Welt Informationen auszutauschen und uns stehen soviele Informationsquellen zur Verfügung wie keiner anderen Generation vor uns, aber was macht diese Tatsache mit uns?

Einige meinen wir würden schneller schlau, aber zu welchem Preis? Bislang dachte man, dass Gehirn eines erwachsenen Menschen verändert sich nicht mehr. Nicholas Carr schreibt in seinem Buch von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nun etwas anderes besagen. Heute gilt als anerkannt, dass das Internet uns nicht nur für die Zeit des online - seins verändert. Es hat viel mehr Auswirkungen auf dem Menschen. Das nicht mehr Bücher lesen können und die Nachrichtensucht sind da nur zwei von vielen Auswirkungen.

Der Autor schildert das Internet als eine Schwellenüberschreitung in ein völlig neues Zeitalter. Überschritten haben wir diese Schwelle noch lange nicht, wir sind grad noch so in der Schwebe über der Schwelle, die negativen Auswirkungen dieser Schwellenüberschreitung sind und längst nicht alle in ihrem Ausmaß bekannt.

Nicholas Carr erwähnt zwar die Erfindung des Alphabets und des Buchdrucks um andere große menschliche Schwellenüberschreitungen aufzuzeigen, die größte jedoch bleibt das Internet. Um nicht falsch verstanden zu werden: Carr verteufelt nicht, aber er fordert vor dem Knopfdruck am PC genau zu überlegen, brauche ich das Internet jetzt wirklich? Und wozu genau?

Es ist sicher wie so oft: Auf das richtige Maß kommt es an. Wird dies überschritten überwiegen die negativen Folgen.



Christian Döring, www.buecherveraendernleben.npage.eu

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