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Astrid Lindgren hat unsere Kindheit geprägt. Mit Pippi Langstrumpf und Wir Kinder aus Bullerbü hat sie unseren Blick auf die Welt verändert. Ihre Geschichten handeln von Mut, Hoffnung, Liebe und Widerstand. Bevor diese Bücher entstanden, schrieb sie ihre Gedanken über das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts nieder: den Zweiten Weltkrieg. In ihren Tagebüchern schildert sie, nachdenklich und betroffen, aber auch mit dem so unverwechselbaren Tonfall, wie Europa von Faschismus, Rassismus und Gewalt vergiftet wird. Das persönliche Zeitdokument einer sehr klugen Frau, die schon immer den Blick für das große Ganze hatte. …mehr

Produktbeschreibung
Astrid Lindgren hat unsere Kindheit geprägt. Mit Pippi Langstrumpf und Wir Kinder aus Bullerbü hat sie unseren Blick auf die Welt verändert. Ihre Geschichten handeln von Mut, Hoffnung, Liebe und Widerstand. Bevor diese Bücher entstanden, schrieb sie ihre Gedanken über das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts nieder: den Zweiten Weltkrieg. In ihren Tagebüchern schildert sie, nachdenklich und betroffen, aber auch mit dem so unverwechselbaren Tonfall, wie Europa von Faschismus, Rassismus und Gewalt vergiftet wird.
Das persönliche Zeitdokument einer sehr klugen Frau, die schon immer den
Blick für das große Ganze hatte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hörbuch Hamburg
  • ISBN-13: 9783957130198
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • ISBN-10: 3957130190
  • Best.Nr.: 42740330
  • Laufzeit: 375 Min.
  • Erscheinungstermin: 9. Oktober 2015
Autorenporträt
Astrid Lindgren, die bekannteste Kinderbuchautorin der Welt, wurde 1907 auf Näs im schwedischen Smaland geboren, wo sie im Kreis ihrer Geschwister eine überaus glückliche Kindheit verlebte. Für ihre mehr als siebzig Bilder-, Kinder- und Jugendbücher, die in über siebzig Sprachen übesetzt worden sind, wurde sie u.a. mit folgenden Preisen ausgezeichnet: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - Alternativer Nobelpreis - Internationaler Jugendbuchpreis - Hans-Christian-Andersen-Medaille - Große Goldmedaille der Schwedischen Akademie - Schwedischer Staatspreis für Literatur - Deutscher Jugenditeraturpreis - Prämie.
Astrid Lindgren
Rezensionen
Besprechung von 28.11.2015
Der Weltkrieg der Reptilien

In Briefen, Kriegstagebüchern und einer Biographie zeigt sich eine bislang unbekannte Astrid Lindgren.

Von Tilman Spreckelsen

Die Briefe kamen säckeweise, jedes Jahr wurden es mehr. Wildfremde Menschen baten Astrid Lindgren um Rat, manche auch um Geld, oder sie machten ihr Heiratsanträge. Die zwölfjährige Sara, die 1971 an die damals schon weltberühmte Autorin schrieb, hatte ein anderes Ziel: Sie wollte unbedingt Schauspielerin werden, und da auch Astrid Lindgrens Werke verfilmt worden waren, könnte sie bestimmt ein gutes Wort für Sara einlegen - "willst du mich glücklich machen?" war der Brief überschrieben, und am Ende stand, dass er von einem "sehr einsamen Mädchen" stamme.

Astrid Lindgren antwortete zwar, aber nicht wie erwünscht, so dass die junge Empfängerin den Brief zerriss und in der Toilette herunterspülte. Unter anderem fragte Lindgren Sara, die ihren Bewerbungsbrief mit dem Hinweis versehen hatte, wie schlecht alle Kinderschauspieler der Lindgren-Verfilmungen seien, ob sie sich eigentlich nicht vorstellen könnte, warum sie so einsam sei?

Der Briefwechsel, der trotzdem darauf folgte und am Ende etwa achtzig Schreiben umfasste, zeigt ein labiles, zwischen Arroganz und dem Gefühl eigener Wertlosigkeit schwankendes Mädchen und eine Autorin, die sich ihrer so einfühlsam und besorgt annimmt, als wären sie enge Freundinnen oder Verwandte - obwohl sie sich nie getroffen haben. Sie ringt um Sara, warnt sie vor Alkohol und Drogen, beschwört sie, die Schule nicht abzubrechen, und trifft den richtigen Ton. Vor allem aber kommentiert Lindgren die Eröffnungen Saras gern mit dem Hinweis auf eigene Erfahrungen im selben Alter. Und fragt die Dreizehnjährige sogar: "Kann ich Dir alles schreiben, was mir einfällt?"

Lindgrens Briefwechsel mit Sara Schwardt ist nur eines von drei jüngst erschienenen Büchern, die den Namen der berühmteste Kinderbuchautorin der Welt im Titel tragen. Weil keines von ihnen fiktional ist, versprechen sie einen neuen Blick auf die Frau, die "Pippi Langstrumpf" oder "Michel aus Lönneberga" schrieb, und das Interesse der erwachsenen Leser ist so groß, dass zwölf Jahre nach Lindgrens Tod wieder eines ihrer Bücher auf den Bestsellerlisten steht.

Es handelt sich um die Edition der sogenannten "Kriegstagebücher", die sie zwischen 1939 und 1945 führte - Notizen, die den Alltag der jungen Familie Lindgren ebenso wie die politischen und militärischen Ereignisse schildern. Ein drittes kommt hinzu: Astrid, seit 1931 mit dem Automobilclub-Funktionär Sture Lindgren verheiratet, sorgte nicht nur für ihre beiden Kinder Lasse und Karin, sondern arbeitete für eine schwedische Behörde, die den Postverkehr mit dem Ausland überwachte. Was sie dabei über die Verhältnisse in Europa lernte, die vielen deprimierenden und schockierenden Nachrichten etwa aus den von Hitler besetzten Gebieten, ergänzte die Zeitungsberichte, die in Schweden kursierten (F.A.Z. v. 13. Mai). Einige dieser Artikel und Fotos schnitt Lindgren aus und klebte sie ins Tagebuch. Sie schrieb Gedichte ab, referierte Nachrichten aus Stalingrad oder von der afrikanischen Front und notierte persönliche Katastrophen wie das Geständnis ihres Mannes, dass er eine Geliebte hätte und sich scheiden lassen wolle. Dazu kam es nicht, die familiären Verhältnisse wurden 1945 entschieden besser, und überhaupt fällt das Kriegsende zusammen mit dem rasanten Beginn einer beispiellosen Schriftstellerinnenkarriere: Lindgren gewann einen Literaturpreis für ein Jugendbuchmanuskript und reichte nun ein weiteres beim Verlag ein. Es enthielt die Abenteuer einer gewissen Pippi Langstrumpf, Geschichten, die Lindgren 1941 am Bett ihrer kranken Tochter Karin spontan erzählt und in den Folgejahren weiter ausgesponnen hatte. Auch in sie ist die Zeitgeschichte eingegangen - etwa in der Beschreibung eines Zirkusbesuchs, als Pippi im Ringkampf gegen den "starken Adolf" antritt und den aufgeblasenen Athleten im Nullkommanichts besiegt. Sehr zum Missvergnügen des Zirkusdirektors, der einen deutschen Akzent hat.

Nachzulesen ist das jetzt auch in Jens Andersens Astrid-Lindgren-Biographie, dem gewichtigsten unter den drei Bänden. Andersen zeichnet das Bild eines rebellischen Mädchens, geboren 1907, das in der Kleinstadt Vimmerby in der schwedischen Provinz Småland aufwächst - später wird das Bild dieser Gegend um die Welt gehen, liebevoll beschrieben von Lindgren in den "Bullerbü"- und "Michel"-Büchern und anderen mehr. Einen Aufsatz der Dreizehnjährigen legt ihr Lehrer dem Besitzer und Chefredakteur der lokalen Tageszeitung vor, der den Text druckt, später dessen Verfasserin als Volontärin einstellt und noch später eine Liebesbeziehung mit der dreißig Jahre Jüngeren beginnt. Astrid Ericsson wird schwanger, bringt das Kind in Dänemark zur Welt und verlässt dessen Vater, der sie gern geheiratet hätte. Ihr Sohn Lasse aber verbringt die ersten Jahre getrennt von der Mutter in Kopenhagen, und in einer gespenstischen Szene beschreibt der Biograph, wie Lasse, als er schon wieder bei seiner Mutter lebt, diese auffordert, dänisch mit ihm zu sprechen und so zu tun, als sei sie seine Pflegemutter.

Andersen betont, wie traumatisch Astrid Lindgren die Trennung von ihrem Sohn erlebt hat, und kaum zufällig wimmelt es im Werk dieser Autorin von vaterlosen Kindern. Explizit geht Andersen diesen Verbindungslinien aber nicht nach, so wie er sich insgesamt gern auf die Darstellung der Biographie zurückzieht, ohne sich in der Interpretation des Werks zu verlieren. Offensichtliches wird geschildert, aber nicht weiter ausgedeutet, etwa Lindgrens Bild vom Nationalsozialismus und vom Kommunismus als zwei urzeitliche Reptilien, die sich bekämpfen, in ihren Kriegstagebüchern - dreißig Jahre später kehrt das verwandelt in "Die Brüder Löwenherz" wieder, und vor dem Hintergrund der frühen Ausformung gewinnt der späte Märchenroman auf einmal eine politische Dimension.

Ein Beispiel für viele. Wer jedenfalls Lindgrens Werk weiter ausleuchten wollte, fände zahlreiche Ansätze dazu in Andersens materialreicher Biographie, Wegzeichen, denen der sonst so fleißige Autor offenbar nicht sehr viel weiter nachgehen wollte. Eine künftige Astrid-Lindgren-Forschung jedenfalls müsste exakt hier ansetzen: mit der Frage, welchen Anteil die erlebte Zeitgeschichte an der Gestaltung von Bullerbü, von Lönneberga, von Saltkrokan oder auch dem zum "Land der Dämmerung" umgeformten Stockholm einnimmt.

Jens Andersen: "Astrid Lindgren". Ihr Leben.

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 448 S., geb., Abb., 26,99 [Euro].

Astrid Lindgren/Sara Schwardt: "Deine Briefe lege ich unter die Matratze". Ein Briefwechsel 1971-2002.

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Oetinger Verlag, Hamburg 2015. 240 S., geb., 19,99 [Euro].

Astrid Lindgren: "Die Menschheit hat den Verstand verloren". Tagebücher 1939-1945.

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs. Ullstein Verlag, Berlin 2015. 576 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Angesichts der aktuellen Weltlage ist der Titel für Astrid Lindgrens Kriegstagebücher clever gewählt, findet Barbara Möller. "Die Menschheit hat den Verstand verloren" - das könnte man auch heute wieder feststellen und mag so manchen zu diesem Buch greifen lassen, vermutet die Rezensentin. Aus Lindgrens Tagebüchern wird ersichtlich, wie früh man - allein durch regelmäßige Zeitungslektüre - schon eine ganze Menge von den Gräueln der Nationalsozialisten und des Zweiten Weltkriegs wissen konnte, verrät Möller, die sich von Lindgrens Einfühlungsvermögen und Umsicht ermutigt fühlt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Astrid Lindgren hat sie nicht für ein Publikum geschrieben, sondern für sich selbst. Sie sind privat, zeigen Sorgen und Ängste der damals Anfang Dreißigjährigen, aber auch ihr großes politisches Interesse und den besonderen Blick von einer der wenigen friedlichen Inseln Europas im Krieg: Schweden konnte sich bis zum Schluss heraushalten und war doch nicht unbeteiligt.", Süddeutsche Zeitung, Silke Bigalke, 24.10.2015