Leseprobe zu "fußballbekloppt!" von Reiner Calmund
Ein Spiel dauert 90 Minuten. Und ein Leben? Mit 90 Jahren wäre ich allemal zufrieden.
Würde es so lange gehen, wäre ich jetzt im übertragenen Sinne in der 60. Minute. Liege ich in Führung in diesem Spiel, das Leben heißt? Ich denke schon, zumindest knapp. Die positiven Stunden überwiegen. Aber ich weiß, wenn ich die Führung bis zum Schluss verteidigen will, muss ich cleverer spielen: Zeit schinden, keinen Treffer mehr kassieren, schon gar keine Verletzung riskieren, und ich sollte Gelbe oder gar Rote Karten vermeiden. Ich will nicht schon ausgewechselt werden, beileibe nicht. Den Vorsprung halten, den Sieg souverän nach Hause tragen und in vollen Zügen genießen: Das ist mein an mich selbst gestellter Auftrag für den Rest des Spiels, das Leben heißt - und längst nicht immer ein Spiel ist, sondern manchmal bitterer Ernst.
Ich habe dieses Buch geschrieben, um Zwischenbilanz zu ziehen. In meinen Worten, in meiner Sprache. Ich wollte zeigen, wie sehr ich den Fußball liebe, diesen Sport, dem ich so viel zu verdanken habe. Und ich wollte der Öffentlichkeit den anderen Reiner Calmund zeigen, den, der nicht in der Zeitung steht oder aus der Glotze schaut. Den Sohn, Enkel, Messdiener und Akkordeonspieler, den Soldaten, Halbwaisen, Vater, Freund und Ehemann. Ich habe den Vorhang gelüftet, blicken Sie mit mir dahinter.
Ich bin und bleibe ein Fußballbekloppter. Doch Sie werden sich wundern, wie viele der Storys nichts mit Fußball zu tun haben - auch wenn im Zentrum natürlich meine drei Jahrzehnte unterm Bayer-Kreuz stehen. Immerhin die Hälfte meines bisherigen Lebens. Im Laufe meiner langjährigen Managertätigkeit habe ich natürlich viele Angebote von anderen Klubs erhalten. Dabei war ich besonders stolz auf die Offerte von Schalke 04. Von dem Verein der Malocher und Zechenarbeiter war ich als kleiner Fan restlos begeistert. Ich war auch absolut happy, dass der 1. FC Köln, "mein" Heimatklub als Frechener Junge, oder Hertha BSC Berlin - ich bin sehr gerne in der Hauptstadt - versucht haben, mich zu verpflichten. Doch ich blieb in Leverkusen, bei meiner "Familie", meinen Kumpels. Und ich habe es keinen Tag bereut.
Den letzten Anstoß für dieses Buch gab ein Ereignis im Jahr 2008: Ich machte mich in Vietnam auf die Suche nach dem Grab meines früh verstorbenen Vaters. Es war auch eine Suche nach mir selbst, nach meinen Wurzeln, meiner Vergangenheit. Als ich mit diesem Buch begann, fielen mir tausendundeine Geschichten ein. Einige hätte ich am liebsten sofort noch einmal erlebt, andere lieber vergessen. Doch wenn ich in den Spiegel schaue, dann erkenne ich die Summe aller gemachten Erfahrungen, Fehler, Erfolge, Tränen, Schmerzen, Freude. All das ist Reiner Calmund, wie er leibt, lebt und liebt. Auch noch etwas, das ich spät, aber nicht zu spät, gelernt habe.
Freunde und Bekannte, die das Manuskript vorab lasen, empfanden meine Geschichte(n) als manchmal anrührend, überraschend und amüsant, aber auch spannend, informativ und sehr unterhaltsam. Ich hoffe, Ihnen geht es genauso!
Ihr Calli
Reiner Calmund
Die erste Halbzeit - Wie ich wurde, was ich bin
Spätsommer 2003: Ich sitze mit Rudi Völler und meiner Frau Sylvia im Auto. Von Essen aus donnern wir durch die Nacht über die A 3 Richtung Leverkusen. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, und das liegt zweifellos an der eindrucksvollen Premiere von Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern", zu der wir an diesem Abend in der Ruhrmetropole eingeladen waren. Wie die meisten anderen Besucher ließ ich mich gefangen nehmen von der einfühlsamen Schilderung des ersten großen Erfolges der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Ob dieser 4. Juli 1954 tatsächlich der "wahre" Gründungstag der "Bonner Republik" war, darf sicherlich bezweifelt werden. Trotzdem halte ich ihn für ein wichtiges Datum in der deutschen Geschichte. Sportlich wollte nun jeder Bundestrainer sein, mitbestimmen, diskutieren, möglichst alles wissen, am liebsten alles besser. Und bei den nächsten Wahlen hätte Bundestrainer Sepp Herberger, egal für welche Partei, sicherlich blendend abgeschnitten. Deutschland war infiziert von der lederummantelten Schweinsblase mit den stabilen Nähten, die beim Kopfball dicke Beulen hinterließen.
Doch der Fußball spielte hierzulande fortan über den Sport hinaus eine Führungsrolle, die er nie mehr abgeben sollte. Wenn "Deutschland" gewann, ging es den Deutschen gut. Und so ganz nebenbei waren "wir" ja auch wieder jemand. Nämlich Fußball-Weltmeister neun Jahre nach dem Ende eines verheerenden
Krieges, den Deutschland angezettelt und der Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Undenkbar übrigens damals die patriotischen Symbole, die während der WM 2006 und der EM 2008 das öffentliche Bild beherrschten. Schwarz-Rot-Gold fast an jedem Auto, an jedem Haus, auf jeder Wange, ja, auf praktisch jedem Busen. Der offene, freie Nationalstolz gepaart mit (vorher unvorstellbar) herzlicher Gastfreundschaft bescherte Deutschland 2006 weltweit Sympathien und Anerkennung. 52 Jahre vorher wäre dies politisch völlig unkorrekt gewesen. Solche Gefühle waren verpönt, der verbrecherische Nationalsozialismus hatte jeden Gedanken daran zerstört. Es verbot sich von selbst.
Überdies darf der Juli 1954 als Geburtsstunde jenes Mediums angesehen werden, das bis heute einen Teil unseres Lebens bestimmt: Die Flimmerkiste eroberte Deutschland, das Fernsehgerät startete seinen beispiellosen Siegeszug und wurde schlagartig salonfähig. Ausverkauft schon während des Turniers, meldeten die Firmen Telefunken, SABA und Mende. Philips-Tischgeräte fanden reißenden Absatz; rund tausend Stück wurden binnen 14 Tagen verkauft. Standen vor der WM 1954 rund 15 000 TV-Geräte in bundesdeutschen Haushalten und Kneipen, - auch ich zitterte als sechsjähriger Knirps in der Rheinbraun-Werkskneipe mit dem schönen Namen "Kantine" gemeinsam mit Dutzenden Brühlern um die deutsche Elf - waren es am Ende des historischen Jahres bereits rund 90 000 gemeldete Apparate. Millionen sollten folgen ...
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