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Männerforscher Walter Hollstein geht auf fundierte und kurzweilige Art der Frage nach, was es heute bedeutet, ein Mann zu sein. Sein Resümee: Die Gesellschaft muss nach vier Jahrzehnten Feminismus auch ihr Bild vom Mann neu definieren. Männer wurden lange Zeit als Wesen ohne Probleme wahrgenommen, sie verfügten über Macht, verdienten mehr Geld als Frauen, galten als potent - sozial, politisch, sexuell, gesundheitlich, beruflich. Doch zunehmend steckt das "starke Geschlecht" in der Krise: In Industrienationen sterben Männer durchschnittlich sechs Jahre früher als Frauen, Jungen schneiden in der…mehr

Produktbeschreibung
Männerforscher Walter Hollstein geht auf fundierte und kurzweilige Art der Frage nach, was es heute bedeutet, ein Mann zu sein. Sein Resümee: Die Gesellschaft muss nach vier Jahrzehnten Feminismus auch ihr Bild vom Mann neu definieren. Männer wurden lange Zeit als Wesen ohne Probleme wahrgenommen, sie verfügten über Macht, verdienten mehr Geld als Frauen, galten als potent - sozial, politisch, sexuell, gesundheitlich, beruflich. Doch zunehmend steckt das "starke Geschlecht" in der Krise: In Industrienationen sterben Männer durchschnittlich sechs Jahre früher als Frauen, Jungen schneiden in der Ausbildung und im Studium häufig schlechter ab als Mädchen, Obdachlosigkeit, Suchtkrankheiten, Suizid treffen deutlich mehr Männer als Frauen. Mit anderen Worten: Der Lack der traditionellen Männlichkeit ist ab. "Entsteht endlich eine Männerbewegung?", fragte "Der Spiegel" den Männerforscher Walter Hollstein zum Thema. In diesem Buch gibt er Antworten: Fundiert und unterhaltsam untersucht er Männlichkeitsbilder, überholte Klischees und weist Wege in die Zukunft.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Seitenzahl: 304
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 304 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm
  • Gewicht: 455g
  • ISBN-13: 9783351026592
  • ISBN-10: 3351026595
  • Best.Nr.: 23281093
Autorenporträt
Walter Hollstein, Professor für politische Soziologie in Berlin, Bremen, heute in Basel, Gutachter des Europarates in Männerfragen, Mitbegründer der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Männerforschung. Zahlreiche Publikationen zum Thema Männer und Gesellschaft, u.a. "Die Männer. Vorwärts oder zurück", "Der Kampf der Geschlechter".
Rezensionen
Besprechung von 23.06.2008
Ein Gockel, der so gerne größer wäre
Männer im Hintertreffen: Walter Hollstein sorgt sich um das starke Geschlecht

Vielleicht ist der Autor Walter Hollstein ja so jemand wie Fräulein Kassandra aus dem alten Troja. In seinem Buch "Was vom Manne übrig blieb - Krise und Zukunft des starken Geschlechts" warnt er uns Männer vor den Gefahren, an die außer ihm und ein paar verstreuten Geistesverwandten wohl noch niemand so recht glauben mag.

"Der Mann erscheint coram publico heute als verachtenswerte, eher eklige und auf jeden Fall defizitäre Kreatur. Das haben in analytischer Genauigkeit Nathanson und Young exemplarisch belegt." Ich bin ein Mann, auch wenn ich noch kein Haus gebaut und noch keinen Baum gepflanzt habe, aber in diesen Worten kann ich mich nicht wiedererkennen. Das Übel, das Nathanson und Young in Amerika aufgedeckt haben und das auch uns betrifft, lässt sich folgendermaßen beschreiben: Die negativen Bilder von Männlichkeit, die der Feminismus verbreitet hat, wurden zunächst von der elitären, intellektuellen Kultur übernommen und haben sich inzwischen in der Populärkultur massiv verbreitet. So steht es jedenfalls in Hollsteins Buch. Doch an diesem Beispiel erkennt man gut, auf welch wackligen Füßen so eine Argumentation steht. Man könnte es ja zum Beispiel auch als Zeichen von Souveränität deuten, wenn Männer sich über sich selbst lustig machen können, aber auf die Idee kommt der Autor erst gar nicht.

Bitte alles aufdecken!

Männer und Frauen sind so verschieden wie Katholiken und Protestanten, wie Bayern und Franken, wie Maurer und Dachdecker, wie Hunde und Katzen, wie Mars und Venus. Vieles wird besser, wenn es Männer und Frauen gemeinsam miteinander versuchen, zum Beispiel der Abend beim Tango. Das Zusammenleben der Geschlechter ist kein Nullsummenspiel. Es gibt aber auch Ressourcen, die zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden müssen. Was die einen bekommen, kriegen die anderen nicht. Wenn die Stadt ein Frauenhaus finanziert, dann fehlt vielleicht das Geld für die Männergruppen. Wenn beide Seiten gleich laut jammern, dann ist der Gerechtigkeit oft schon Genüge getan. Dieser Diskurs erfolgt auch über das Schreiben von Büchern, und das Buch von Hollstein ist eines davon. Er könnte aber ruhig etwas phantasievoller jammern.

Hollstein ist ein Männerforscher. Er hat dem Thema Mann einen großen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet. Seine zentrale These besagt, dass die Frauenbewegung und der Feminismus so erfolgreich waren, dass jetzt die Männer in einer Krise stecken und dass diese Krise dem öffentlichen Bewusstsein noch weitgehend verborgen geblieben ist. Dahinter verbergen sich mindestens drei Annahmen: Erstens haben die Frauen - zumindest vorläufig - die Männer übertrumpft. Zweitens ist das schlecht, und es gibt triftige Gründe, mit der Gesamtsituation unzufrieden zu sein. Drittens ist das alles längst noch nicht so bekannt, wie es sein sollte, und muss schonungslos aufgedeckt werden.

Der Versuch, sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, gleicht allerdings dem sprichwörtlichen Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Hollstein hat Berge von Informationen angehäuft. Wenn man über Jahre die einschlägige Literatur studiert, wenn man die Entwicklung in Film und Fernsehen beobachtet, Frauenzeitschriften und Romane liest, dann kommt natürlich viel zusammen. Nehmen wir mal als Beispiel das Sorgerecht. Dieses Beispiel ist so typisch für das Buch wie die einzelne Kugel für ein Maschinengewehrfeuer.

Die Zahl der Ehescheidungen ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Männer und Frauen sind unterschiedlich. Nicht der einzelne Mann und die einzelne Frau, die unterscheiden sich vielleicht nur darin, dass er besser Landkarten lesen und sie das zweigestrichene A singen kann. Aber im statistischen Durchschnitt sind Frauen anders als Männer. Deshalb ist es vielleicht auch sinnvoll, wenn Scheidungskinder in der Mehrzahl der Fälle bei der Mutter bleiben. Die Frau hat wohl eher das Talent und das Bedürfnis, ein Kind großzuziehen, als ihr Exmann. Niemand fordert hier eine Quote von fünfzig Prozent. Im Einzelfall kann es aber durchaus vorkommen, dass ein Familiengericht einem Vater beim Sorgerecht ein himmelschreiendes Unrecht zufügt. Aber was beweist das? Es beweist zunächst einmal nur, dass es auf der Welt manchmal nicht gerecht zugeht. Für jeden solchen Einzelfall findet man in der Zeitung einen anderen, in dem eine Mutter bei der Scheidung den Kürzeren gezogen hat. Um weitergehende Schlüsse zu ziehen, müsste man zunächst eine sehr differenzierte Untersuchung durchführen, und zwar, ob es wirklich eine "väterfeindliche Rechtspraxis in Familien- und Scheidungsfragen" gibt, wie das Buch behauptet.

Hollstein schreibt meistens die Wahrheit, wählt dabei aber natürlich systematisch aus. Er weist darauf hin, dass Männer häufiger arbeitslos werden als Frauen, ignoriert aber, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer. Er beklagt, dass die armen Männer viel häufiger an Lungenkrebs und Leberzirrhose sterben als Frauen. Das bestreitet ja auch niemand. Deshalb folgt aus solchen Statistiken keineswegs, dass es eine aktuelle Krise des Mannes gibt.

Pelzmäntel und Cabrios

Das neunte Kapitel von Richard Dawkins' "Das egoistische Gen" beschäftigt sich mit dem Krieg der Geschlechter. Warum gibt es eigentlich ungefähr genauso viele Männer wie Frauen? Der Grund dafür ist, dass es sich nicht nur um ein Gleichgewicht, sondern sogar um ein "stabiles" Gleichgewicht handelt. Würde zum Beispiel der Anteil der Männer ein wenig zunehmen, so wären sofort die Frauen im Vorteil und umgekehrt. In diesem technischen Sinne sind Männer und Frauen automatisch völlig gleichberechtigt. Das heißt freilich nicht, dass sie auch gleiche Ziele haben. Die einen bevorzugen Pelzmäntel, die anderen Cabrios von Porsche. Dieses Gleichgewicht bleibt aber nur deshalb erhalten, weil die Männer und die Frauen permanent darum kämpfen. Es herrscht Krieg, aber der Krieg ist gerecht.

So sollten wir Hollsteins Buch lesen. Hollstein ist gewissermaßen von Beruf Mann. Er ist ein Söldner im Krieg der Geschlechter. Er schreibt Traktate über das Thema, er hält regelmäßig Vorträge, sein Einkommen und seine Reputation sind mit der Rettung der Männer verknüpft. Ignorieren wir einfach das weinerliche Gerede darüber, wie ungerecht doch die Knaben und Männer vom Schicksal gebeutelt werden. Das ist Propaganda. Was übrig bleibt, ist ein durchaus auch mal komisches Panorama des ewigen Kampfes zwischen XX und XY.

Der Autor endet im versöhnlichen Ton: "Gemeinsam wären wir stark." So ist es. Darauf können wir uns immer einigen. Wie aber so ein guter Vorsatz zu verwirklichen ist, darüber wird man auch in hundert Jahren noch streiten. Auf dem Schutzumschlag des Buchs ist ein kleiner Gockel zu sehen, der offenbar sehr gerne etwas Größeres wäre. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

ERNST HORST

Walter Hollstein: "Was vom Manne übrig blieb". Krise und Zukunft des starken Geschlechts.

Aufbau Verlag, Berlin 2008. 304 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Entsteht endlich eine Männerbewegung?" Der Spiegel

"Männlichkeit ist hochriskant." Neue Zürcher Zeitung
Besprechung von 02.09.2008
Jenseits der Lustreisenmentalität
Sind so arme Kerle, mit negativen Botschaften überversorgt: Neues und Altbekanntes aus der Männerdämmerung
Sind „die Männer” derzeit wirklich in der Krise? Wozu brauchen wir all die Diagnosen vom Identitätsverlust „des Mannes”? Sicher: Jungen sind in der Schule schlechter als Mädchen. Ja: Es gibt angsteinflößende und geschmacklose männerhasserische Pamphlete. Stimmt: die Lebenserwartung von Männern ist statistisch geringer als diejenige von Frauen. Und natürlich: Die Berufstätigkeit der eigenen Frau verlangt ein Nachbessern an der liebgewonnenen Rolle des heroischen Ernährers. Doch genau besehen kann man diese verschiedenen gesellschaftlichen Phänomene und Krisensymptome nur mit einiger Phantasie in der einen Männerdämmerungsinszenierung zusammenbringen.
Dass vorschnell Heterogenes miteinander in Verbindung gebracht wird, ist das große Problem des Männerkrisendiskurses. Damit entsteht nämlich leicht eine latent verschwörungstheoretische Stimmungslage. Das ist auch bei Walter Hollsteins Buch „Was vom Manne übrig blieb” der Fall. Hollstein ist, wie viele Publikationen belegen, Experte für diese Fragen und Gutachter des Europarats für Männer und Geschlechterfragen.
In seinem statistikreichen Buch tritt er geradezu als ein Lobbyist des umfassenden Männlichkeitsschutzes auf und formuliert seine Thesen entsprechend deutlich. Etwa: Junge Männer sind eine gefährdete Spezies, sie driften automatisch in eine kulturelle Orientierungslosigkeit, sind durchweg die Verlierer des Bildungssystems. Sogar Witze darf man ungestraft über sie erzählen!
Und gleichzeitig werde diese fatale Entwicklung weitgehend ignoriert: Positive Antworten auf das, was „männlich” ist, fehlen ihm in Öffentlichkeit und Politik: „Stattdessen werden Jungen und Männer mit negativen Botschaften zuhauf versorgt, und ihre Glaubenssätze von Stärke, Bedeutung und Vitalität werden brutal entmythologisiert.”
So geht’s in unserem Lande also zu. Doch auch wenn es richtig ist, dass einige junge Männer sehr gewalttätig werden können und sich vor lauter Versagensängsten in den Armen chauvinistischer Nationalismen trösten lassen – hat das wirklich etwas mit der „Krise des Mannes” zu tun?
Hier liegen doch in erster Linie soziale, ausbildungstechnische und berufliche Probleme vor. Der Verlust von konkreten Perspektiven, das Gefühl von Nutzlosigkeit und Überflüssigkeit sind die Gründe von ernstzunehmenden Identitätskrisen. Das hat sicher Auswirkungen auf das Mannseinkönnen. Doch ist dies ein Symptom unter anderen einer weiterreichenden sozialen Krise und nicht deren Ursache. Wenn man hier nicht klar unterscheidet, dann wird schnell suggeriert, zwischen der wachsenden Zahl von Frauen in Führungspositionen und aggressiven jungen Männern gebe es einen irgendwie kausalen Zusammenhang. Jede Generation hat mit sozialen Umbrüchen zu tun und muss ihr Wertesystem gegenüber der vorigen neu justieren. Und wenn man dann über den Verlust „männlicher Tugenden” redet, so bleiben Verantwortungsbewusstsein, Zivilcourage, Standfestigkeit, Aufrichtigkeit Haltungen, an denen sich auch der heutige Mann prima orientieren kann.
Wenn man demgegenüber die kümmerliche Lustreisenmentalität mancher Vorstandsmitglieder gewisser Konzerne abgeschmackt findet, dann mag sich immer noch jemand in seinem Selbstverständnis als Mann getroffen fühlen. Mitleidseinforderungen würde man zu Recht als Larmoyanz bezeichnen.
Als eine Antwort auf die düstere These, dass Männlichkeit heute nur noch negativ bewertet werde, liest sich „Das unmoralische Geschlecht” von Christoph Kucklicks sehr erfrischend. Kucklick zeigt in seiner Doktorarbeit über den Geschlechterdiskurs um 1800, dass auch dieses Thema ein alter Hut ist: Der Mann ist schon damals nicht nur der strahlende Held der Arbeit und der Familie, der von seinem Heimchen am Herd die Pantoffeln gebracht bekommt, sondern er gilt vielfach als eine Gefährdung der Gesellschaft. Seine Triebhaftigkeit und Stumpfsinnigkeit kann das Zusammenleben unterminieren.
Diese Etablierung eines negativen Diskurses über den Mann und die Männlichkeit nennt Kucklick „negative Andrologie”; er liest für seine These noch einmal all die philosophischen und anthropologischen Schriften der Umbruchszeit um 1800 Zeit, vor allem diejenigen Johann Gottlieb Fichtes, und kann immer wieder überraschend zeigen, dass oft nicht die Frau, sondern hin und wieder auch der Mann das Andere der Vernunft verkörperte.
Vielleicht hilft diese Einsicht ja auch bei der Gefühlsverwirrung in den derzeitigen virilen Standortbestimmungsversuchen. OLIVER MÜLLER
WALTER HOLLSTEIN: Was vom Manne übrig blieb. Krise und Zukunft des starken Geschlechts. Aufbau Verlag. Berlin 2008. 304 S., 19,95 Euro.
CHRISTOPH KUCKLICK: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008. 380 S., 13 Euro.
Fluch der Männlichkeit: Johnny Depp als Jack Sparrow Foto: Reuters
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Verhalten äußert sich Rezensent Oliver Müller zu Walter Hollsteins Buch über die gegenwärtige Krise der Männlichkeit. Den gesamten Männerkrisendiskurs betrachtet er eher skeptisch. Ein großes Problem sieht er darin, dass Dinge miteinander in Verbindung gebracht werden, die eigentlich nicht zusammen gehören. So unterstreicht er, dass die zu Gewalttätigkeit führende kulturelle Orientierungslosigkeit junger Männer in Deutschland weniger eine Sache des männlichen Identitätsverlusts ist, sondern soziale, ausbildungstechnische und berufliche Ursachen hat. Genanntes Problem stellt er auch bei Hollsteins "Was vom Manne übrig blieb" fest. Die Klage über die heute angeblich nur negative Bewertung von Männlichkeit führt nach Ansicht Müllers leicht zu einer "latent verschwörungstheoretischen Stimmungslage". Davon ist in seinen Augen auch Hollsteins Buch nicht frei.

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