Dr. Sex - Boyle, T. C.

Dr. Sex

Roman

T. C. Boyle 

Aus dem Amerikan. v. Dirk van Gunsteren
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Dr. Sex

Es ist das Jahr 1939, und auf dem Campus der Universität Indiana ist eine Revolution ausgebrochen. Alfred Kinsey, Zoologe, beschäftigt sich mit dem sexuellen Verhalten von Männern und Frauen - rein empirisch natürlich. John Milk, Student und ehrgeiziger Provinzler, gerät in seinen Bann und in seinen engsten Forscherkreis. T. C. Boyle erzählt die Geschichte eines genialen, fanatischen Helden und porträtiert dabei die prüde und heuchlerische Gesellschaft des Amerikas der vierziger und fünfziger Jahre. Dr. Kinsey, Verfasser der berühmt-berüchtigten Kinsey-Reports über das sexuelle Verhalten von Mann und Frau, ist der Protagonist von T.C. Boyles Roman "Dr. Sex". Auch fünfzig Jahre nach dem Skandal ist das Thema Sex noch immer nicht aus der Mode.


Produktinformation

  • Verlag: HANSER
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 468 S.
  • Seitenzahl: 468
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 670g
  • ISBN-13: 9783446205666
  • ISBN-10: 3446205667
  • Best.Nr.: 13288082
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Kinsey-Boom im April: Im Kino läuft Bill Condons Biografie und auch T. C. Boyle widmet sich in seinem neuesten Roman dem skandalumwitterten Sexforscher der 40er. Doch "Dr. Sex" zählt zu Boyles eher schwächeren Büchern. Er lässt den fiktiven Mitarbeiter John Milk vom Pioniergeist der Forscher erzählen, durchsetzt die historischen Fakten mit erfundenen Nebenhandlungen und untersucht in dem experimentellen Umfeld Begriffe wie Vertrauen, Liebe und Treue. Während Boyle in früheren Romanen historische Autoritäten mit satirischer Überzeichnung und schwarzem Humor bloßstellte, hält er sich bei Kinsey zurück. Noch überraschender ist aber, dass er Sexszenen entweder ausspart oder zurückhaltend und nahezu klinisch beschreibt. Gut, dass das Hörbuch zeitgleich zum Roman erscheint. Nachdem Jan Josef Liefers schon "Wenn der Fluß voll Whisky wär" veredelte, kann er bei "Dr. Sex" zumindest einige Schwächen ausgleichen. Wo der Roman plätschert, steuert der Schauspieler mit nuancenreichem Vortrag dagegen, ohne die angemessene Tonlage des etwas einfältigen Erzählers aufzugeben. Gut auch, dass Liefers den Autor auf der großen Lesereise im Mai begleitet. (cs)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.05.2005

Dreihundertfünfzig Fragen, die niemanden etwas angehen
Danach ist alles erst einmal ein bißchen unscharf: "Dr. Sex", T.C. Boyles Roman über den Sexualstatistiker Alfred Kinsey und die praktischen Seiten der Theorie

Vor elf Jahren, als T. C. Boyle etwa die halbe Wegstrecke von der heißen Kultfigur in der Nachbarschaft eines Chadwick oder Gibson zum coolen Kritikerliebling auf Augenhöhe mit Paul Auster oder Don DeLillo zurückgelegt hatte, durfte ihn "Mondo 2000", die klügere, weniger technotrottelig kleinkarierte und inzwischen leider eingegangene Cousine der Zeitschrift "Wired", zu seinem Literaturverständnis und zum Umgang mit zeitgeschichtlichen Stoffen befragen. Boyle hatte glücklicherweise gerade seinen entspannten Tag und gab zu Protokoll: "Ich bin kein James Michener oder irgend so ein traditioneller historischer Romancier, der sich für die Rekonstruktion des Gewesenen interessiert. Ich möchte diese Sachen als Sprungbretter der Vorstellungskraft behandeln, als Abstoßungspunkte für die Untersuchung eines abstrakten Themas. Das ähnelt ein bißchen dem, wie sich Science-fiction-Autoren die Zukunft vorstellen. Es ist so ein Ort. Es ist halt …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

In Europa werden Buch und Film über den Sexualforscher Kinsey kaum die gleiche Empörung hervorrufen wie in Amerika, ist sich Julia Encke sicher. Das eine hat aber mit dem anderen nicht viel zu tun, weiß sie auch: anders als Bill Condon in seinem Film "Kinsey" setze T.C. Boyle dem Wissenschaftler kein romantisches Denkmal. Eher portraitiere er ihn als egomanen Wissenschaftler, der vom Zweiten Weltkrieg oder der Atombombe keinerlei Notiz genommen hat. "Dr. Sex" wird aus der Warte eines (von Boyle erfundenen) Assistenten geschildert, berichtet die Rezensentin, der sich zwischen den Anforderungen seines Jobs und der ablehnenden Haltung seiner Frau zerrieben sehe. Job und Privatleben seien für John Milk nicht klar zu trennen, erläutert Encke, da Kinsey den völligen Einsatz seiner Mitarbeiter fordere, nicht nur zeitlich, sondern auch als Experimentiersubjekte. Was den Autor interessiere, sei der "bittere Beigeschmack der Befreiung", erklärt Encke, weshalb Boyle die ambivalenten Seiten dieses schonungslosen Sexaufklärers herausarbeite und dabei ein "aufregend quälendes Porträt" von Kinsey zustande gebracht habe.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.03.2005

Sex Dollar fünfzig
Der manische Zoologe: T. C. Boyles Roman „Dr. Sex” über Alfred C. Kinsey
Mit ihm begann die sexuelle Revolution. Er wusste das. Und doch hatte weder Alfred C. Kinsey noch der engste Kreis seiner Mitarbeiter mit dem tornadogleichen Wirbel gerechnet, der losbrach, als im Januar 1948 sein Buch über „Das sexuelle Verhalten des Mannes” erschien: Das Institutstelefon hörte gar nicht mehr auf zu klingeln. Journalisten wollten Interviews, Zeitschriften-Verleger mit ihm verhandeln, Ärzte beschimpften ihn, und Frauen wie Männer drängten darauf, ihm sein Herz auszuschütten.
„Prok”, wie seine Vertrauten, zuhause an der Uni in Bloomington, Indiana, ihren Professor nannten, wurde binnen kürzester Zeit zum bekanntesten Amerikaner nach dem US-Präsidenten. Für sprichwörtliche „sex Dollar fünfzig” ging sein Sexbuch weg wie warme Semmeln, während im Radio und in der Jukebox Martha Rayes „Ooh, Dr. Kinsey” und der legendäre „Kinsey Boogie” rauf und runter liefen. Kinsey wurde geliebt und gehasst, verehrt und - spätestens nach Erscheinen seines zweiten Bandes, „Das sexuelle Verhalten der Frau” - ernsthaft verfolgt. Denn die …

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T. C. Boyle, geb. 1948 in Peekskill, New York im Hudson Valley, war Lehrer an der dortigen High-School und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten. Heute lebt er in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles Creative Writing.

Leseprobe zu "Dr. Sex" von T. C. Boyle

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Leseprobe zu "Dr. Sex" von T. C. Boyle

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren

An das Hotel kann ich mich kaum erinnern, und das ist sonderbar, denn diese Fahrt stellte einen markanten Einschnitt dar, aber die Hunderte von Kleinstädten und Hotels und Motels haben in mir anscheinend ein exemplarisches Bild entstehen lassen. Höchstwahrscheinlich war es ein Backsteinhaus aus dem vergangenen Jahrhundert, das sandgestrahlt und gestrichen werden mußte, und vermutlich stand es an der Hauptstraße, nicht weit vom Gerichtsgebäude. Schattenspendende Bäume, auf dem Bürgersteig vor dem Haus ein schlafender Hund, schräg geparkte Wagen. Das Haus hatte bestimmt drei Stockwerke und einen separaten Eingang für Restaurant und Bar. Um Geld zu sparen – Prok war ein Meister der Sparsamkeit –, teilten wir uns ein Zimmer. Das behielten wir auch in späteren Jahren bei, als zunächst Corcoran und dann Rutledge zu unserem Team stießen.

Die Vorlesung. Brauchte Prok noch irgend etwas? Nein. Er stand mit nacktem Oberkörper im Badezimmer und rasierte sich. Dann zog er ein frisches Hemd an, band seine Fliege, schlüpfte in das Jackett und ging zügig in Richtung Uni, so daß sein Gastgeber, Professor McBride vom Institut für Soziologie, Mühe hatte, Schritt zu halten. Ich folgte ihnen. Als wir eintrafen, war der Hörsaal bereits gefüllt (selbst damals, in der Frühzeit unseres Projekts, eilte uns ein gewisser Ruf voraus, und wenn sämtliche Soziologieseminare zusammen sechzig Studenten auf die Beine brachten, dann waren die übrigen dreihundert Anwesenden Neugierige, die mal vorbeischauten und auf ein wenig Stimulation hofften). Prok sprach wie immer frei, ohne schriftliches Konzept, und wie immer schlug er das Auditorium vom ersten bis zum letzten Wort in seinen Bann. (Ob das Thema vorehelicher Sex, die Psychologie der sexuellen Repression, die Funktion adoleszenter Triebbefriedigung, die Geschichte der Sexforschung oder der Vergleich der Häufigkeit von Masturbation bei Männern und Frauen einer Altersgruppe war – für Prok spielte das keine Rolle. Alle seine Vorträge waren im Grunde ein einziger Vortrag. Und ich sollte hinzufügen, daß er eine natürliche Begabung besaß und nie auf irgendwelche Tricks oder theatralischen Gesten zurückgriff. Er sprach klar und deutlich und weitgehend unmoduliert, jeder Zoll ein Mann der Wissenschaft, der sich über ein für die ganze Menschheit enorm wichtiges Thema verbreitete. Er war kein Mark Anton oder gar ein Brutus, aber er machte seine Sache besser als irgendein anderer.)

Und wie immer kamen anschließend viele, viele Studenten, die

uns ihre Geschichten anvertrauen wollten, und Prok und ich saßen

an einem langen Tisch hinter dem Podium und vergaben Termine. Abendessen? Ich kann mich nicht erinnern, ob wir an jenem Abend etwas gegessen haben – vielleicht ließen wir uns ein paar Sandwiches aufs Zimmer kommen –, aber wir begannen mit den Interviews, sobald sich der Hörsaal geleert hatte und wir wieder im Hotel waren. Prok führte seine Interviews in unserem Zimmer durch, und ich setzte mich in einen Nebenraum des Restaurants. Als ich fertig war, muß es schon nach Mitternacht gewesen sein (drei Soziologiestudenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, weil sie bei Professor McBride ein paar Extrapunkte kriegen wollten; ihre Antworten waren erwartungsgemäß: nichts, was ich nicht bereits gehört hatte). Ich ließ mich mit einem verdünnten Drink in einen der Sessel in der Hotelhalle sinken und sah den Uhrzeigern zu, während Prok das letzte Interview des Abends beendete.

Danach machten wir uns bereit, zu Bett zu gehen, und verglichen unsere Termine. Dabei entdeckten wir, daß wir einen Fehler gemacht hatten: Wir hatten für den nächsten Morgen zwei Frauen um dieselbe Uhrzeit bestellt, anstatt einen Mann und eine Frau. Entweder würden wir einen dieser Termine absagen müssen, oder ich wäre gezwungen, mein erstes Interview mit einer Frau zu führen, und das war etwas, was Prok mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht zutraute. Er sah vom Terminplan auf, schüttelte langsam den Kopf, erhob sich vom Sofa und ging ins Badezimmer, um seine Dentalprophylaxe vorzunehmen (er legte großen Wert auf Zahnpflege, eine Angewohnheit, der er es verdankte, daß er, als er starb, noch sämtliche Zähne hatte). »Ich weiß nicht, Milk«, sagte er mit erhobener Stimme, um das Geplätscher des Wassers zu übertönen, »aber ich sage sehr ungern einen Termin ab. Zum einen ist es ineffizient. Zum anderen kostet es uns Daten. Nein. Es bleibt uns nichts anderes übrig – wir machen es wie geplant.«

Im nächsten Augenblick war er wieder im Zimmer, und zwar vollbekleidet, was an sich schon ungewöhnlich war, denn sobald wir unser Tagwerk vollbracht hatten, zog er sich nackt aus und ermunterte mich, es ihm nachzutun. (Ja, auf diesen Reisen waren wir oft miteinander allein und setzten unsere sexuelle Beziehung fort, aber meine Entwicklung und meine Vorlieben zogen mich in die andere Richtung. Ich verehrte Prok und verehre ihn noch heute, doch in dieser Hinsicht entfernte ich mich von ihm und bewegte mich auf Mac und Iris zu, auf die Studentinnen in ihren weiten Pullovern und engen Röcken, die über den Campus zogen wie Antilopen über die Savanne. Wie auch immer: Ich genoß es, mit Prok zusammenzusein, ich fühlte mich geehrt und freute mich auf diese Reisen, denn sie enthoben mich der langweiligen Schreibtischarbeit und den Beschränkungen des Kleinstadtlebens und ermöglichten es mir, ein bißchen mehr von der Welt zu sehen und aufzunehmen, jedenfalls von Indiana, später aber auch von Chicago, New York, San Francisco und Havanna.) »Wir werden deine Ausbildung etwas beschleunigen müssen«, sagte er, und in seiner Stimme war nicht ein Hauch von Leichtigkeit.

Ich war erschöpft. Die Reise, die übersprungenen Mahlzeiten, die Konzentration, die man aufbringen mußte, um an einem Tag fünf komplette Geschichten aufzuzeichnen – das alles hatte mich so ermüdet, als hätte ich den Tag damit verbracht, an einen Sträfling gekettet Steine zu klopfen. »Müssen wir das?« fragte ich.

»Die Interviews von Frauen erfordern ein bißchen mehr Finesse, würde ich sagen, als die von Männern, insbesondere die von Studenten etwa deines Alters, wo du wie ein Kommilitone oder ein älterer Bruder wirkst. Nein, ich weiß, wie du in dieser Hinsicht empfindest, in Hinsicht auf Frauen, meine ich, Mac und ich haben ausführlich darüber gesprochen« – er ließ das kurz wirken –, »und ich frage mich, ob du imstande bist, absolut professionell und neutral zu sein.«

Ich machte ein paar bestätigende Geräusche.

Er musterte mich. Er stand vor mir, in Hemd und Fliege. »Versteh mich nicht falsch, Milk, aber deine Gefühle spiegeln sich zu oft auf deinem Gesicht wider, und wenn dir eine Frau – diese Frau morgen früh – etwas erzählt, was du möglicherweise stimulierend findest...«

Ich mühte mich, ein unbewegtes und möglichst blasses Gesicht

zu machen. »Also, ich glaube, wenn du mir eine Chance geben würdest... Ich bin sicher, daß ich das kann, das heißt...«

In dieser Nacht drillte er mich zwei Stunden lang. Zuerst war ich die Frau, dann er, dann wieder ich, dann wieder er. Die Fragen kamen eine nach der anderen, und seine Augen waren wie Peitschen, wie Güsse mit eiskaltem Wasser am frühen Morgen, hart und erbarmungslos. Er war anspruchsvoll, fordernd, überkritisch, und wenn ich einen Fehler machte, ließ er mich Kaffee trinken, bis meine Nerven so vibrierten, daß ich für den Rest der Nacht kein Auge zutat. Im Gegensatz zu Prok. Ich lag im Dunkeln da und dachte an tausend Dinge, hauptsächlich aber an Iris, die ich den ganzen Sommer nicht gesehen hatte, auch wenn wir uns beinahe täglich geschrieben hatten. Übermorgen würde sie zurück auf dem Campus sein, und ich dachte an sie, als die Schatten weicher wurden und von der Straße die ersten leisen Geräusche der erwachenden Welt hereindrangen. Prok schnaufte und schnarchte und schlief den Schlaf des Gerechten.

Am Morgen, beim Frühstück auf unserem Zimmer, prüfte Prok mich noch einmal. Ich hob eine Gabel mit Toast und Rührei zum Mund, legte sie wieder hin, beantwortete die Frage und trank rasch einen Schluck Kaffee. Ich hätte beinahe protestiert – setzte er denn nach all der Zeit kein Vertrauen in mich? –, doch ich ließ ihm seinen Willen, obgleich es keine großen Unterschiede zwischen den Fragebögen für Männer und denen für Frauen gab. Lediglich die Art und die Abfolge der Fragen waren auf das jeweilige Geschlecht abgestimmt. Frauen mußte man beispielsweise nach dem Alter beim Einsetzen der monatlichen Periode und dem Beginn der Brustentwicklung und so weiter fragen. Doch es war nicht meine Kompetenz, die Prok in Frage stellte, sondern mein Alter und meine Erfahrung oder vielmehr mein Mangel an beidem. »Milk, ach, Milk«, sagte er immer wieder, »ich wollte, du wärst zwanzig Jahre älter. Und verheiratet. Und hättest Kinder. Wie viele Kinder willst du mal haben, John – sagen wir drei?«

Zehn Minuten vor dem bewußten Interview, das um neun Uhr beginnen sollte, saß ich unten in dem Nebenzimmer. Bevor eine Person, die wir befragten, eintraf, notierten wir die grundlegenden Daten: Tag und Uhrzeit, laufende Nummer des Interviews (für unsere Registratur), Geschlecht der/des Befragten, Quelle der Geschichte (das heißt, auf welchem Weg der/die Befragte zu uns gekommen war – in diesem Fall handelte es sich natürlich um eine direkte Folge von Proks dringender Bitte am Ende seines Vortrags). Ich wußte nicht, was mich erwartete. In den kommenden drei Tagen würden wir etwa dreißig Interviews führen, und nächste Woche, auf dem Rückweg, würden es sogar noch mehr sein. Ich hatte keine Möglichkeit, eine Verbindung zwischen einem Namen auf der Terminliste und einem bestimmten Menschen herzustellen, obgleich ich diese Namen am Abend zuvor

in die Liste eingetragen hatte. Die Frau, die ich befragen sollte – aus Gründen der Diskretion werde ich ihr einen anderen Namen geben –, war die junge Frau eines Professors, fünfundzwanzig, noch kinderlos. Mrs. Foshay. Nennen wir sie Mrs. Foshay.

Es klopfte an der Tür. Ich saß in einem Sessel am feuerlosen Kamin, die Terminliste und Mrs. Foshays Fragebogen lagen ausgebreitet auf einem Couchtisch vor mir. Der andere Sessel – Mahagoni, roter Plüsch, edwardianische Standard-Hotelausstattung – stand mir genau gegenüber. »Herein«, rief ich und erhob mich, um sie zu begrüßen, als die Tür aufschwang.

Dort stand eine hübsche junge Frau und spähte in den Raum,

als hätte sie sich möglicherweise in der Tür geirrt. Sie war nach der neuesten Mode gekleidet und sah aus, als wäre sie soeben, nach einem Abend mit erlesenem Essen, Tanz und Champagner, aus einem Nachtclub in der Forty-second Street getreten. Sie lächelte zögernd. »Oh, hallo«, sagte sie. »Ich war mir nicht sicher, ob ich hier...«

Ich ging zu ihr, ergriff ihre Hand und schüttelte sie kurz und professionell. »Es ist... es ist sehr freundlich, daß Sie gekommen sind, und auch wichtig, ja, wichtig... Weil jede Geschichte, ganz gleich, wie umfangreich oder umfangarm... ich meine... zu dem Gesamtbild auf eine Weise beiträgt...«

Plötzlich ging in ihrem Gesicht ein Lächeln auf, ein strahlendes Lächeln, das in meinem Bauch ganze Vogelschwärme aufscheuchte und im Kreis fliegen ließ. »Oh, es ist mir ein Vergnügen«, sagte sie, als ich sie mit einer Geste einlud, sich zu setzen, und ihr dabei zusah. »Alles für die Wissenschaft, nicht?«

Ich bot ihr eine Zigarette an – sie wählte Lucky Strike –, gab ihr Feuer und wünschte, es wäre nicht neun Uhr morgens, sondern neun Uhr abends, so daß wir etwas trinken könnten. Ein Drink hätte meine Nerven enorm beruhigt.

»Gut«, sagte ich und beugte mich, den Bleistift in der Hand, über den Fragebogen. »Also, Mrs. Foshay, vielleicht möchten Sie mir etwas über sich selbst erzählen –«

»Alice. Nennen Sie mich Alice.«

»Gut. Alice. Leben Sie schon lange hier, in Lafayette, meine ich?«

Das einleitende Geplauder, das, wie gesagt, dazu diente, den Befragten zu entspannen, dauerte etwa fünf Minuten. Dann fror mein Gehirn ein. Unwillkürlich stellte ich fest, daß Mrs. Foshays Brüste die Bluse sehr gut füllten, ja den Stoff geradezu spannten, und daß die durchsichtigen Strümpfe ihren Beinen einen seidigen Schimmer verliehen. Ein Augenblick des Schweigens kroch dahin wie ein Güterzug. »Also gut«, sagte ich, »na, dann. Bis zu welchem Alter, sagten Sie, haben Sie in Trenton gelebt?«

Während wir uns durch die allgemeinen Angaben arbeiteten (Anzahl der Brüder, der Schwestern, Zwillingsstatus, Mitgliedschaft in einer studentischen Verbindung, Häufigkeit von Kinobesuchen usw.), gelang es mir, einen Rhythmus zu entwickeln und in einem einfachen Frage-Antwort-Muster zu bleiben, und auch die ersten fortlaufenden Fragen nach dem Beginn der Pubertät machten keine Schwierigkeiten, doch als wir in sensiblere Bereiche vorstießen, knickte ich leider ein wenig ein. »Wann haben Sie begonnen zu masturbieren?« fragte ich und zündete mir eine Zigarette an.

»Das muß mit elf gewesen sein«, antwortete sie und zog an ihrer Lucky. »Oder vielleicht mit zwölf.« Sie legte den Kopf in den Nacken, stieß den Rauch aus und wirkte so entspannt, als säße sie beim Friseur oder unterhielte sich am Telefon mit einer Freundin. »Wir wohnten damals noch in Newark, und ich kann mich an die Vorhänge erinnern. Meine Mutter hatte sie genäht, als ich noch klein war, sehr bunt und bedruckt mit Figuren aus irgendwelchen Kindergeschichten, Grimms Märchen und so. Meine Schwester Jean – sie ist ein Jahr älter als ich – hat mir gezeigt, wie es geht.«

Ich legte die Zigarette in den Aschenbecher und machte eine Notiz in dem entsprechenden Kästchen. »Ja? Würden Sie die Technik beschreiben?«

Sie wollte die Augen niederschlagen, doch ich hielt sie mit meinem Blick fest. Ich blinzelte nicht. Ich rührte mich nicht.

»Na ja, Sie werden das jetzt vielleicht seltsam finden, Sie werden es vielleicht nicht glauben –«

»Nein«, sagte ich, und meine Stimme war so gepreßt, daß ich Mühe hatte, einen Ton herauszubekommen. »Nein, ganz und gar nicht. Es gibt keine Praktik, die wir nicht verzeichnet haben, und überhaupt hat Prok, hat Dr. Kinsey ja gestern in seinem Vortrag darauf hingewiesen, daß wir keine Urteile fällen...«

Das schien sie zu ermutigen. Sie schob ihre Frisur zurecht. Ihre Haare waren toupiert und oben mit einer Spange zu einer Rolle geformt, und der Rest war zu einer ausladenden Pompadourfrisur gebürstet, die an Dolly Dawn erinnerte – die meisten werden sie aus George Halls Band kennen (»It’s a Sin to Tell a Lie« sollten Sie noch im Ohr haben, auf jeden Fall aber »Yellow Basket«). »Na ja«, sagte

sie, »ich bin sehr gelenkig. Jean ebenfalls. Und mein Bruder Charlie auch.«

»Ja?« sagte ich, den Stift bereit.

»Wir – Jean und ich – setzten uns nebeneinander aufs Bett und machten eine Art Rolle rückwärts, wie Akrobaten im Zirkus. Aber wir hielten mitten in der Bewegung an, und weil wir so gelenkig waren, na ja, konnten wir uns selbst lecken.«

Das Wort, das mir durch den Kopf schoß, lautete »Autocunnilingus«. Dafür gab es noch kein Kästchen, keinen Code, also machte

ich eine handschriftliche Notiz. Wahrscheinlich war ich errötet. Auf jeden Fall hatte ich eine Erektion.

Wir machten weiter.

War es ihre erste Ehe? Ja. Hatte sie vor der Ehe Erfahrungen mit Zungenküssen gemacht? Ja. Mit Petting? Ja. Hatte sie männliche Genitalien berührt, einen Penis mit dem Mund berührt, Geschlechtsverkehr gehabt? Ja, ja und ja. Wie viele Partner hatte sie gehabt, abgesehen von ihrem Mann? Ungefähr zwanzig, schätzte sie. »Zwanzig?« wiederholte ich und versuchte, meiner Stimme einen neutralen Klang zu geben. Sie wußte es wirklich nicht, vielleicht waren es ein paar weniger gewesen, vielleicht aber auch fünfundzwanzig, und während sie zurückdachte, bekam ihr Blick etwas Verträumtes. Und nun zum Orgasmus: Wann hatte sie ihren ersten bewußten Orgasmus? Konnte sie sich durch Masturbation, Petting oder Geschlechtsverkehr zum Orgasmus bringen? Wann hatte sie zuletzt einen Orgasmus erlebt?

Und hier verlor ich wieder den Boden unter den Füßen, denn ich stellte dieser im landläufigen Sinne hübschen und höchstwahrscheinlich verwöhnten Professorengattin, diesem eleganten blonden Juwel von einer Frau, geschmackvoll und makellos gekleidet, die nächste Frage dieser Sequenz, und die lautete: »Wie viele Orgasmen haben Sie im Durchschnitt?«

Sie war bei der fünften Zigarette, und wenn sie anfangs entspannt gewesen war, so war sie jetzt so aufgeschlossen und enthusiastisch wie irgendeiner der Studenten, die ich bisher befragt hatte. Sie sah mich an. Lächelte ein bißchen. Meine – unprofessionelle – Erektion dauerte nun schon seit Stunden an. »Ich würde sagen, so ungefähr zehn bis zwölf.«

Bestimmt war mir meine Überraschung anzusehen: Selbst unter den Interviewten mit der höchsten Orgasmusfrequenz gab es nur wenige, die an diese Zahl heranreichten. »Pro Woche?« fragte ich. Und dann, idiotischerweise: »Oder ist das eine auf den Monat bezogene Schätzung?«

Jetzt war sie es, die errötete – nur eine ganz zarte Verfärbung unter den Wangenknochen und entlang der Nasenflügel. »Nein«, sagte sie, »nein, ich meinte täglich.«

Kundenbewertungen zu "Dr. Sex" von "T. C. Boyle"

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Bewertung von Lisega am 22.02.2013   ausgezeichnet
John Milk, ein völlig unbedarfter Student der Universität Indiana, wird Anfang der 40er Jahre zum Mitarbeiter Alfred Kinseys, des "Erfinders“ der Sexualforschung. Milk ist der fiktive Erzähler in T.C. Boyles amüsantem Roman "Dr. Sex“, der Kinsey bei seinen empirischen Studien zum Sexverhalten von Männern und Frauen hilft und als Mitglied des engeren Kreises um "Prok“, wie der charismatische Forscher genannt wird, auch zu eigenen Experimenten angehalten wird. Den ein bisschen naiven Erzählton von John Milk trifft Jan Josef Liefers in dieser gekürzten Hörbuch-Ausgabe perfekt; er ist wieder mal der ideale Sprecher für T.C. Boyles Werk. Wie immer liest er klar und akzentuiert, und mit seiner geschmeidigen Stimme schafft er es, die vielen pikanten Szenen des Buches ein bisschen süffisant und mit genau dem richtigen Hauch Anzüglichkeit wiederzugeben.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD

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Bewertung von Polar aus Aachen am 03.09.2007   schlecht
Es fällt einem schwer von T.C. Boyle gelangweilt zu sein. Zu facettenreich sind seine Figuren, zu ausgefeilt seine Plots, und er weiß, mit Spannung umzugehen. So las man selbst Riven Rock einen knapp 550 Seiten langen Roman über einen von seiner Familie eingeschlossen Mann gern, weil Schauplatz und Nebenfiguren einen zu fesseln verstanden. Also fragt man sich, was stimmt mit Dr. Sex nicht? Die Geschichte Alfred Kinseys, dessen Report die amerikanische Gesellschaft aufrüttelte, in dem er eine Unmenge sexueller Biographien auswertete, lag Boyle offensichtlich so am Herzen, daß er sich detailversesessen der Geschichte annahm und sie etwas zu heroisch und selbstverliebt ausstattete. Nach einiger Zeit interessiert einen dieser Kensey nicht mehr, egal mit wem er es auch treibt, wie revolutionär seine Leistung auch gewesen sein mag. Boyles große Stärke Nebenfiguren, die um die Hauptfigur gruppiert sind, so auszustatten, daß ein Leser unbedingt herausfinden will, was aus ihnen wird, verfängt diesmal nicht. Sein John Milk bleibt blaß. Was nicht nur an dessen Namen liegt. Mit der Hälfte der Geschichte ist alles gesagt, egal welche überraschende Wendung Boyle auch einbaut. Wir verfolgen die Handlung, ohne daß sie uns packt. Etwas, was Boyle sonst immer schafft. Und das hat nichts damit zu tun, daß Sex einen vielleicht nicht interessiert.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Frank Schlösser am 13.06.2007   ausgezeichnet
Gott sei Dank, kann man in diesem Roman endlich mal wieder seine Phantasie spielen lassen, was das Thema Sex betrifft. Bis auf den deutschen Buchtitel finde ich den Roman hervorragend!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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