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Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch "Glückstränen"war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als "Trauerlachen"tdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.…mehr

Produktbeschreibung
Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch "Glückstränen"war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als "Trauerlachen"tdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.
  • Produktdetails
  • btb Bd.74461
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 157
  • 2013
  • Ausstattung/Bilder: 2013. 160 S. 187 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 17mm
  • Gewicht: 170g
  • ISBN-13: 9783442744619
  • ISBN-10: 344274461X
  • Best.Nr.: 35522210
Autorenporträt
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich als "illegaler"hiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder, es folgten die Romane Die Orangen des Präsidenten (2011), Brief in die Auberginenrepublik (2013) und Ohrfeige (2016). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. Außerdem ist er zum Mainzer Stadtschreiber für das Jahr 2017 gewählt worden. Abbas Khider lebt in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 09.04.2011
Die Frucht der Freiheit
Abbas Khider porträtiert die Ära Saddam Husseins

Von Wolfgang Günter Lerch

Auch im Islam gilt die Taube als ein Symbol für Liebe und Frieden. "Tauq al hamama", das Halsband der Taube, nannte der berühmte mittelalterliche Schriftsteller Ibn Hazm al Andalusi, den der Autor auch erwähnt, seine poetische Liebes- und Lebenslehre; und in arabischen Dörfern - etwa im Niltal oder in Mesopotamien, an den Ufern von Euphrat und Tigris - stechen dem Besucher überall die turmhohen Taubenschläge in die Augen.

In "Die Orangen des Präsidenten", seinem zweiten Roman, lässt Abbas Khider seinen Protagonisten Mahdi Hamama, der mit dem Taubenzüchter Sami befreundet ist und später auch ein wenig in diese Kunst eingewiesen wird, seine Lebensgeschichte erzählen. Es ist, zu großen Teilen, auch die Lebensgeschichte des Autors selbst. Der Iraker Abbas Khider, dessen Erstling "Der falsche Inder" als Geschichte einer Flucht aus der verwüsteten irakischen Heimat schon für Aufsehen sorgte, lebt heute in Berlin. Der 1973 in der irakischen Hauptstadt Bagdad geborene Schriftsteller verließ 1996 den Irak, wo er aus politischen Gründen verurteilt und zwei Jahre lang unter entwürdigenden Umständen inhaftiert war.

Ein ähnliches Schicksal erleidet sein Romanheld. Im Jahre 1989 - der Krieg zwischen dem Irak Saddam Husseins und der Islamischen Republik Iran unter Ajatollah Chomeini ist gerade ein Jahr vorüber - wird der Abiturient Mahdi kurz nach dem Ende seiner schriftlichen Prüfungen festgenommen, als er mit seinem Freund Ali eine Spritztour mit dem Auto unternimmt. Was man ihm vorwirft, weiß er nicht. Im Irak des Diktators Saddam Hussein, der von Samir al Khalil, alias Kanan Makkija, als "Republik der Angst" beschrieben worden ist, bedarf es auch keiner Beweise; es genügt, dass man "die falschen Leute" kennt: Religiöse, Kommunisten, Demokraten, Kurden und andere, die das Regime nur als Staatsfeinde wahrnimmt. Mitgliedschaft in einer solchen staatsfeindlichen Gruppierung, lautet der Vorwurf.

Zwei Jahre bleibt Mahdi Gefangener in Saddams Kerkern. Eigene Erfahrungen des Autors aus dem Gefängnis fließen in dieses knappe, doch präzise geschriebene Buch ein, dessen unprätentiöse Sprache auf den Leser einen Sog ausübt. Ohne zu moralisieren, gelingt es dem Autor, durch die nüchterne Schilderung der zwiespältigen Alltagswirklichkeit jenes Klima der Angst zu rekonstruieren, in dem damals all jene lebten, die nicht zu den wenigen Nutznießern des "Systems" gehörten.

Im Wechsel mit den Kapiteln über die Haft Mahdi Hamamas erzählt Khider anhand seines Helden die Geschichte einer schiitischen Jugend. Die Hamamas ziehen von Hilla-Babylon im zentralen Irak in den Süden des Landes, nach Nasrija, in ein Kerngebiet der Schiiten. Die Familie ist traditionell religiös, doch nicht übertrieben eifrig. Sie hat sogar Kontakte zu Christen, die in vielem (etwa was die westliche Kleidung der Frauen angeht) so ganz anders sind. Doch selbst in der Republik der Angst gibt es einen normalen Alltag; der beginnt bei den persönlichen Problemen, die man meistern muss, und reicht bis zu den religiösen Festen der Schiiten, die das Regime freilich mit Misstrauen beobachtet. Mahdis Vater fällt im Krieg mit Iran, als der Junge neun ist; die Mutter stirbt später an Krebs. Mahdi kommt bei einem Onkel unter. Bald schon beginnt der nächste Krieg, nachdem der Irak Kuweit besetzt und sich einverleibt hatte. Repression, Gefangenschaft, Kriege - dies ist der Lebenshintergrund vieler Iraker, denen Khider hier eine Stimme verleiht.

Im Gefängnis trifft Mahdi auf Mitgefangene, die eines Tages verschwunden sind, Opfer des Geheimdienstes, der sie zuvor gefoltert hat, wie auch ihn. Doch eines Tages keimt Hoffnung auf - und der Roman bekommt seinen Titel: Denn immer am Geburtstag des großen Führers Saddam Hussein wird eine Amnestie verfügt. Euphorie bricht aus im Gefängnis; der Beamte, der die Amnestie verkündet, erscheint tatsächlich. Höchste, fast ekstatische Erwartungen schießen unter den Malträtierten ins Kraut. Dann der Tiefschlag: Niemand wird freigelassen, es gibt keine Amnestie. Lediglich eine Orange erhält jeder Gefangene. Nichts könnte den menschenverachtenden Zynismus im Reiche Saddams besser illustrieren als dieses Ereignis. Nur die Macht der Phantasie und das Erzählen von Geschichten helfen Mahdi Hamama über das Gefangensein hinweg. Es ist das aus den Erzählungen von "Tausendundeiner Nacht" bekannte Motiv, das auch Scheherazade, die mit dem Tod bedrohte Gefangene des Königs, am Leben erhält.

Abbas Khider: "Die Orangen des Präsidenten". Roman.

Edition Nautilus, Hamburg 2011. 160 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 19.04.2011
Lachen unter der Folter
Im irakischen Gefängnis: Abbas Khiders außergewöhnlicher Roman „Die Orangen des Präsidenten“ berichtet so poetisch wie nüchtern uns Unvorstellbares
Das hätte sich Abbas Khider, als er 1996 aus dem Irak floh, wohl kaum träumen lassen: Dass er eines Tages in Deutschland, wo er nach vierjähriger Odyssee durch zahlreiche Länder vor elf Jahren strandete, zum gefragten Gesprächspartner werden würde. Seit dem Beginn der Revolutionen in der arabischen Welt ist das Lachen des 1973 in Bagdad geborenen Schriftstellers, das sein Sprechen wie Musik begleitet, oft in den Medien zu sehen und zu hören. Es ist ein sehr spezielles Lachen, eine Eruption von Freundlichkeit und Melancholie, und es überkommt ihn selbst dann, wenn er von den Foltermethoden des Saddam-Regimes erzählt, die er am eigenen Leib erfahren hat.
Sein zweiter Roman, „Die Orangen des Präsidenten“, ist dem Geheimnis dieses Lachens auf der Spur und nicht nur ihm. Mit einer erzählerischen Ökonomie, die an ein Wunder grenzt, weil sie eine Vielzahl von Geschichten so anschaulich miteinander verknüpft, dass knapp hundertsechzig Seiten genügen, um dem Leser eine fremde Welt zu erschließen, schildert er das Leben im Irak der 1980er und frühen 90er Jahre.
Wie sein preisgekrönter, ebenfalls im Nautilus Verlag erschienener Erstling, „Der falsche Inder“, der die grausam abenteuerliche Flucht durch arabische, afrikanische und europäische Länder als Schelmengeschichte in acht Variationen erzählt, wäre auch dieser Roman schon ohne aktuellen Anlass eine Bereicherung. Abbas Khider schenkt dem Land, dessen Staatsbürger er mittlerweile ist und in dessen Sprache er schreibt, etwas sehr Wertvolles: Er übersetzt seine Erfahrungen in eine verstehbare Form. Die politischen Ereignisse haben uns gelehrt, dass die Probleme der arabischen Welt weniger mit dem Islam als mit Diktatur und sozialer Ungerechtigkeit zu tun haben. Davon erzählt auch sein neuer Roman.
Ein Gedicht von Hilde Domin liefert das Motto für die „wahre Geschichte“ des jungen Irakers Mahdi, die von einer Rahmenhandlung begleitet wird. Der Ich-Erzähler, erst vor kurzem aus dem Gefängnis befreit, sitzt mitten in der Wüste in einem Flüchtlingslager an der kuwaitisch-irakischen Grenze. Sonne, Wind und Sand setzen ihm zu, doch vor allem droht ihm die „unsägliche Langeweile“ dieses „Nicht-Orts“ (wie der französische Ethnologe Marc Augé solche Räume des Transits nennt), den Verstand zu rauben. Er weiß nicht, worauf er wartet, „jedenfalls nicht auf Godot“. Und so erzählt er gegen die Langeweile an.
Auf einer Spritztour zur Feier der letzten Abiturprüfung wird der achtzehnjährige Mahdi vor den Überresten der alten Stadt Ur verhaftet. Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, nicht einmal Flugblätter verteilt wie sein Autor. Doch Ali, der Klassenkamerad, mit dem er unterwegs ist, hat Kontakt zu Oppositionellen. Beide kommen in Untersuchungshaft. Ali überlebt sie nicht. Für Mahdi, aufgewachsen in einer schiitischen Familie im Kurdenviertel Babylons, beginnt ein zweijähriges Martyrium im Gefängnis von Nasrijah, der Stadt, in die er ein Jahr zuvor gezogen ist, nachdem der Vater im Iran-Irak-Krieg gefallen war und die Mutter wenige Tage vor dem Ende des Krieges an Krebs starb.
Mit einfachen Mitteln und doch mit ungeheurem Geschick erzählt Abbas Khider die Geschichte seines Helden. Genau gesetzte Details lassen erkennen, dass er dabei immer die Vermittlung im Auge hat. Mal stiefeln Touristen durch die Ruinen von Babylon und huldigen den heiligen Stätten der Menschheitsgeschichte, während sie den Alltag der dort lebenden Menschen ignorieren, mal zeigt die Todesart der Mutter, dass man auch in Kriegszeiten an Krankheiten sterben kann. Er weiß, dass er für deutsche Leser schreibt, und so versucht er die grausamen Schilderungen aus dem Gefängnis erträglich zu machen, in dem er sie mit Szenen aus der Kindheit und Jugend abwechseln lässt. Und auch sein Stil wechselt. Während der Alltag in poetischer Sprache geschildert wird, ist der Duktus der Gefängnisszenen von großer Nüchternheit.
Zwanzig Männer sind in den unterirdischen Zellen des Gefängnisses auf sechzehn Quadratmetern zusammengepfercht. Keine Sonne, keine Ablenkung, keine Bücher oder Zeitschriften, nur Feuchtigkeit, Enge, Ungeziefer und die ständige Angst, zum Verhör geholt zu werden. Immer wieder verschwindet einer, und die anderen hören seine Schreie. Die Foltermethoden sind vielfältig, von Stromschlägen bis zum tagelangen Aufhängen an den Beinen wie „Schlachtvieh“, und auch die Arten des Selbstmords. Der eine schlägt so lange mit dem Kopf gegen die Wand, bis er tot umfällt, der andere, der nach brutaler Folter schließlich wegen eines Kebabs Namen preisgab, hungert sich zu Tode.
Wie man mit dem beißenden Hunger, der zermürbendsten Foltermethode, zurechtkommt und die Tagesration Brot in drei Teile teilt, die wiederum zu kleinen Kügelchen geformt und getrocknet werden, um sie mit Wasser aufzuquellen, schildert dieser Roman ebenso wie die Regeln, die sich die Gefangenen geben, um durchzuhalten. Mangels Papier schreibt Mahdi seine Gedichte an die Wand und liest, was andere Gefangene dort hinterlassen haben. Jeder erzählt seine Lebensgeschichte so farbenprächtig, dass er damit die anderen unterhalten kann. Selbst mit den Wanzen, den Quälgeistern und Schlafräubern, lässt sich etwas anfangen. Es ist ein Spiel der Gefangenen, sie zu Tode zu quälen. Einer von ihnen, der eloquente Dhalal, der zu einer irakischen Existentialistengruppe gehört, sperrt je zwei in eine Plastiktüte und hetzt sie als Repräsentanten seiner ärgsten Feinde, Islam und Kommunismus, aufeinander los.
Mahdi ist der jüngste Gefangene und damit gleichsam der Novize, dem die Älteren, die davon ausgehen müssen, dass sie die Haft nicht überleben, ihr Wissen überantworten. Am 28. April geraten sie in freudige Erwartung. Es ist der Geburtstag Saddam Husseins, für alle politischen Gefangenen des Irak der wichtigste Tag des Jahres. Doch statt der erhofften Amnestie wird jedem Gefangenen mit großer Geste eine Blutorange überreicht. Auch Enttäuschung kann eine Foltermethode sein, tagelang rasen die Gefangenen vor Schmerz über diese Demütigung.
Im Gefängnis gibt es nichts Schlimmeres als Hoffnung, weil sie den Panzer der Emotionslosigkeit aufbricht. Davon erzählt „Die Orangen des Präsidenten“ ebenso eindrücklich wie von der Kindheit und Jugend des Helden, die trotz des Krieges und zahlreicher Verluste auch die normalen Höhen und Tiefen des Alltags kennt. Da gibt es die Freundschaft mit Jack und seiner älteren Schwester Rosa, Kinder reicher Christen, und den Stolz darauf, dass man sich gegenseitig achtet und bewundert. Und da ist die tiefe Freundschaft zu Sami, einem Jugendfreund des Vaters, der ihn in Nasrijah gleichsam adoptiert und in die Geheimnisse der Taubenzucht einweist. Sami kommt schließlich einer schönen Taube wegen ums Leben, und das hält er für ein durchaus würdigeres Ende als wegen der „dummen Kriege“ zu sterben.
Die Kriege skandieren den Roman wie ein dumpfes Hintergrundgrollen. Als Mahdi 1991 nach dem Einmarsch der Alliierten von Aufständischen aus dem Gefängnis befreit wird, erkennt er das Land kaum wieder. Die Bilder Saddam Husseins sind abgehängt, stattdessen sieht man alte Männer mit langen Bärten. Sein Onkel gibt ihm Geld, um sich den abziehenden amerikanischen Truppen anzuschließen. Die bringen ihn an die Grenze zum eben befreiten Kuwait, in das Flüchtlingslager, in dem er von seinem Leben und seinem Lachen erzählt. Eines Tages ist es unter der Folter aus ihm herausgeplatzt und er entdeckte, dass es ihn unempfindlich macht gegen Schmerz, Angst und Verzweiflung. Im harten Wechsel von Poesie und Nüchternheit ist Abbas Khider ein außergewöhnlicher Roman gelungen, der von Dingen erzählt, die unser Vorstellungsvermögen kaum fassen kann.
MEIKE FESSMANN
ABBAS KHIDER: Die Orangen des Präsidenten. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2011. 160 Seiten, 16 Euro.
Keine Sonne, keine Ablenkung,
Enge, Ungeziefer und Angst
Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland.
„Die Orangen des Präsidenten“ ist sein zweiter Roman. Foto: Brigitte Friedrich
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Lewis Gropp ist sehr angetan vom Autor und seinem neuen Roman. Laut Gropp hat sich hier jemand nicht nur vom irakischen Flüchtling und Tellerwäscher zum deutschen Bestsellerautor gemausert. Abbas Khider vermag es offenbar auch, den Rezensenten durch seinen irakischen Gefängnisroman wirklich zu fesseln, indem er noch dem Schauder etwas Heiteres, dem Heiteren wiederum das Tragische abgewinnt. Zudem fasziniert ihn Khiders schlichte, auf ihn nie konstruiert wirkende Sprache als eine am Menschen interessierte Kunst. Das Wissen um Khiders Mühe (auch beim Schreiben in der deutschen Sprache), um seinen literarischen Ehrgeiz macht den Autor in Gropps Augen zu einem wirklich Großen.

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