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Benutzername: Ruth Justen
Wohnort: Leipzig
Über mich: Ich lese für mein Leben gern. Daraus ist "Ruth liest", ein Blog mit kurzen und prägnanten Büchertipps einer leidenschaftlichen Leserin, entstanden. Das Webtagebuch möchte anderen Bücherfreunden Orientierung im riesigen Reich der Belletristik geben. Interessierte können daher nicht nur nach Autoren, sondern auch nach Ländern und Schlagwörtern suchen.
Danksagungen: 27 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 64 Bewertungen
Bewertung vom 26.09.2012
Kolja
Noll, Chaim

Kolja


sehr gut

Über kaum einen Landstrich glauben wir so viel zu wissen wie über Israel. Chaim Noll fügt mit seinem jüngstem Werk "Kolja" diesem Wissen neues hinzu. In 37 wunderbaren Erzählungen beschreibt er die Lebensumstände und Schicksale so verschiedener Menschen wie dem Einwanderer Kolja, dem palästinensischen "Gastarbeiter" oder der indischen Postbotin. Es gelingt ihm, die Bandbreite der israelischen Gesellschaft zu beleuchten. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die ihrer geistigen Farbpalette ein paar Zwischentöne hinzufügen wollen.

Bewertung vom 08.08.2012
Das Spinoza-Problem
Yalom, Irvin D.

Das Spinoza-Problem


sehr gut

Was haben der Philosoph Baruch Spinoza und der Nazi Alfred Rosenberg gemeinsam? Der Reichsleiter ließ das Spinoza-Museum bei Amsterdam während der Besatzung plündern. Der große Psychoanalytiker und Autor Irvin D. Yalom konstruiert aus diesen wenigen historischen Überschneidungen einen faszinierenden Roman über den jüdisch-niederländischen Philosophen des 17. Jahrhunderts und einen der führenden Nazis des 20. Jahrhunderts.
Das Buch führt in die Philosophiegeschichte der Aufklärung ebenso ein wie in die Entwicklung der Psychoanalyse, indem es Kapitel für Kapitel die weitgehend erdachten Biographien dieser sehr unterschiedlichen Menschen schreibt.
Interessant sind die Kapitel zu Baruch Spinoza, die einen tiefen Einblick in die Philosophie- und Religionsgeschichte gewähren. Einziger Wermutstropfen: Die Abschnitte zu Alfred Rosenberg sind teils zu einfühlsam für meinen Geschmack. Rosenberg schildert sein Leben im Buch einem Psychoanalytiker. Für Unkundige könnten seine Seelennöte fast zu menschlich und sympathisch wirken.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.07.2012
Das große Heft
Kristof, Agota

Das große Heft


sehr gut

Ich liebe die kleinformatigen Reihen mit großer Literatur. Die meisten Titel kennt man zwar schon und einige Werke, die in diesen sehr schön aufgemachten Serien erscheinen, sind mir ein wenig zu populär. Doch immer wieder gilt es hier Schätze zu entdecken. Dazu gehört das Buch von Agota Kristof "Das große Heft".

Die aus Ungarn stammende Schweizerin schildert in ihrer Geschichte die Entwicklung von einem süßen, zehnjährigen Zwillingspaar hin zu mörderischen Männern. Ihre Verrohung entwickelt sich parallel zur Verrohung der Gesellschaft. Das Buch spielt vor dem Hintergrund der deutschen und anschließenden sowjetischen Besatzung Ungarns. Doch diese Kulissen sind austauschbar, die agierenden Menschen sind gleich. Kristofs literarische Gestalten würden sich auch in Mitten jeder anderen kaputten Gesellschaft ähnlich entpuppen.

Ein schönes Buch, ein starker Inhalt und eine wunderbare, viel zu früh verstorbene Autorin.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.05.2012
Katzentisch
Ondaatje, Michael

Katzentisch


sehr gut

Wie ein Abenteuerroman kommt der neue Ondaatje daher. An der Oberfläche erzählt der Autor in seinem aktuellen Werk "Katzentisch" die abenteuerliche Reise von Michael, Ramadhin und Cassius per Schiff von Ceylon nach England im Jahr 1954. Unter der Oberfläche verbirgt sich ein Gesellschaftsroman, der die verschiedenen Gesellschaftsschichten Ceylons und Englands schildert. Im zweiten Teil des Romans begleitet Ondaatje Michael auf seiner Lebensreise in England. Er zeigt Michaels Hoffnungen und Enttäuschungen, beschreibt aber auch das emotionale Versagen des angepassten Mittelstandes im heutigen England. Beide - Abenteuer- und Gesellschaftsroman - sind Ondaatje meisterhaft gelungen.

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.05.2012
Tage in Burma
Orwell, George

Tage in Burma


ausgezeichnet

Burma ist derzeit in aller Munde. Einen Einblick in das Burma der 20iger Jahre unter der Herrschaft der Briten gewährt George Orwell mit seinem Roman "Tage in Burma".

In dem Roman verarbeitet Orwell seine eigenen Erlebnisse als Offizier der Kolonialzeit. Schonungslos, humorvoll und zuweilen boshaft schildert er die "bessere" britische Gesellschaft in einem burmesischen Provinzstädtchen. Rassismus, Selbstverliebtheit und Langeweile prägen den Alltag dieser kleinen Gruppe. Das Einzige, was Offiziere, Geschäftsleute, Ehefrauen oder auf Ehemänner hoffende junge Damen zu motivieren scheint, ist der Kampf um das gegenseitige Übertrumpfen.

George Orwell legt mit dem schmalen Band in gewohnter Weise ein starkes Stück Weltliteratur vor, dass federleicht zu lesen ist und über Großbritannien mindestens so viel verrät wie über Burma.

Bewertung vom 09.04.2012
Die undankbare Fremde
Brezna, Irena

Die undankbare Fremde


ausgezeichnet

Eine dankbare Lektüre ist "Die undankbare Fremde" von Irena Brežná, einer slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin.

Mit ihrer Erzählung folgt die Autorin den Erlebnissen einer Dolmetscherin in der Schweiz. Die Hauptfigur ist selber aus der Slowakei nach dem gescheiterten Prager Frühling geflohen. In Rückblenden beschreibt sie die Zustände in der alten Heimat, die Diktatur und die Gewalt, die auf den Prager Frühling folgte. Die Autorin erzählt aber auch von der zweiten Heimat. Sie beleuchtet das Aufeinandertreffen der Fremden und der Einheimischen. So schildert sie die latente Fremdenfeindlichkeit hinter der freundlichen Maske und die Verlustängste der Wohlstandsgesellschaft. Die Überwachung in der Freiheit, die Kälte in der reichen Gemeinschaft und die Überheblichkeit gegenüber den Fremden weckt den Widerspruchsgeist der Dolmetscherin. So wird die Dolmetscherin zur undankbaren Fremden.

Das kleine Buch hat es in sich. Es ist sprachlich sowie politisch überzeugend und unbedingt empfehlenswert.

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.03.2012
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Grjasnowa, Olga

Der Russe ist einer, der Birken liebt


gut

Der Autorin Olga Grjasnowa ist mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ein bemerkenswerter Debütroman gelungen.

Der Leser begegnet zunächst der begabten, hoffnungsfrohen und verliebten Hauptfigur des Romans. Mascha lebt mit ihrem Freund Elias zusammen und hat einen wunderbaren, multikulturellen Freundeskreis. Die Idylle wird allerdings durch Maschas Albträume, die sie immer wieder an den Krieg in ihrem Geburtsland Aserbeidschan erinnern, getrübt. Zumal sie diese Erinnerungen nicht mit ihrem Freund teilen will. Ein harmloses Fußballspiel führt zu einer schweren Verletzung und dem plötzlichen Tod von Elias. Mascha, von Schuldgefühlen gequält, macht sich schließlich auf die Suche nach sich selbst und auf dem Weg nach Israel. Dort begegnet sie israelischer Gewalt an Palästinensern. Mit welchen Folgen für Mascha oder ihre Freunde erfährt der Leser nicht.

Olga Grjasnowa hat am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig studiert. Das Leipziger Literaturinstitut hat seit der Friedlichen Revolution eine ganze Reihe spannender und begabter Autoren ausgebildet. Autoren, die nicht nur sprachlich auf höchstem Niveau agieren, sondern auch inhaltlich in die Tiefe der menschlichen Seelen und politischen Abgründe vordringen. In dieser Tradition steht auch Olga Grjasnowa. Auch ihre Romanfiguren sind eingebettet in politische Strukturen, die die Autorin versucht aufzuzeigen. Hier sehe ich allerdings auch die einzige Schwachstelle des Romans. Auf mich wirkt gerade die politische Einschätzung Israels zu flach, zu wenig differenziert. Der Blick ist hier eher auf die Gräben zwischen Israelis und Palästinenser gerichtet als auf den Brückenbau zwischen beiden Parteien. Da gehen Romane wie „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von David Grossmann oder Zeruya Shalevs „Für den Rest des Lebens“ sehr viel reifer, tiefer und wertschätzender mit den am Konflikt beteiligten Menschen um.

5 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.03.2012
Inneres Land
Barbal, Maria

Inneres Land


gut

Eindrucksvoll schildert Maria Barbal die Auswirkungen des Franquismus auf die innersten Familienstrukturen.

Maria Barbal konzentriert sich in ihrem Roman "Inneres Land" auf ihre Mutter. Die Tochter skizziert als Ich-Erzählerin eine verbitterte, lebensunfrohe Mutter. Ständig scheint diese etwas an der Heranwachsenden auszusetzen zu haben. Zärtlichkeit und Lob sind Mangelware in ihrer beider Verhältnis. Die Tochter sucht Anerkennung und Liebe außerhalb des Elternhauses. Aber je mehr sie sucht, desto weniger wird sie fündig.

Erst aus dem Abstand ihres Erwachsenseins kann sie sich vorarbeiten in das innere Land ihrer Mutter, in die Verletzungen und Demütigungen aus der Wut, Trauer und Hoffnungslosigkeit entstanden sind. Denn der Großvater wurde im Zuge des spanischen Bürgerkrieges von den Franquisten ermordet und die gesamte Familie im Dorf als Außenseiter behandelt. Die ganze Verantwortung für das wirtschaftliche Schicksal der Familie übernahm damals die Mutter, die selber noch ein Teenager war.

Wer sich für die spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts interessiert, wird hier fündig. Brabal schildert eindringlich den Einfluss der Geschichte auf die Persönlichkeitsstrukturen. Allerdings gelingt es ihr nicht durchweg, auf 386 Seiten Spannung zu erzeugen.