Leseprobe zu "Meditationen über die Erste Philosophie"
Strategischer Zweifel (S. 11)
Dominik Perler
Die Funktion skeptischer Argumente in der Ersten Meditation
2.1.
Der Gedankengang, den Descartes in der Ersten Meditation entwickelt, erscheint auf den ersten Blick nicht nur originell, sondern auch so anschaulich und leicht verständlich, daß er sich in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt: Viele scheinbar wahre Meinungen haben sich als falsch herausgestellt. Deshalb müssen wir unsere Meinungen mithilfe skeptischer Überlegungen auf den Prüfstand stellen.
Es könnte ja sein, daß sie auf irreführenden Sinnesinformationen beruhen, daß wir sie nur in einem Traumzustand haben oder daß ein böser Dämon sie uns eingegeben hat. Da restlos alle unsere Meinungen falsch sein könnten, sind alle anzuzweifeln und können nicht als Grundlage für ein Wissenssystem dienen.
So weit, so gut. Doch was ist an diesen Überlegungen originell? Descartes stellt selber bescheiden fest: „Ich zielte nicht darauf ab, durch ihre Darstellung Lob zu erwerben. Ich glaube aber, daß ich sie nicht weniger auslassen konnte, als ein Arzt die Beschreibung einer Krankheit auslassen kann, für die er eine Heilmethode lehren will" (AT VII 172).
Die Krankheit, die er diagnostizieren und heilen will, ist offensichtlich jene der unkritischen Festlegung auf scheinbar wahre Meinungen. Diese Absicht verfolgten aber bereits die pyrrhonischen Skeptiker, die sich als Therapeuten verstanden und die Dogmatiker von ihrem Leiden zu befreien versuchten. Sie verwiesen explizit auf widersprüchliche Sinnesinformationen, Träume und übernatürliche Manipulationen, um vorschnell akzeptierte Meinungen ins Wanken zu bringen.
Dank lateinischer Übersetzungen von Sextus Empiricus’ Werken (der Grundriß der pyrrhonischen Skepsis wurde 1562 in einer lateinischen Fassung gedruckt, Adversus Mathematicos 1569) war die pyrrhonische Skepsis zu Descartes’ Zeiten gut bekannt und wurde rege rezipiert.1 Ebenso präsent war die akademische Skepsis (vor allem dank Ciceros Academica und Augustins Contra Academicos), die sich ebenfalls auf eine Reihe von Täuschungsszenarien berief (vgl. Schmitt 1972 und Maia Neto 1997).
Schließlich waren auch die skeptischen Überlegungen verbreitet, die scholastische Autoren im Rahmen der christlichen Omnipotenzlehre und der Dämonologie entwickelt hatten. Sie hatten ausführlich die Frage erörtert, ob wir Menschen nicht permanent vom allmächtigen Gott oder von gefallenen Engeln getäuscht werden könnten. Mersenne wies Descartes ausdrücklich auf diese Diskussionen hin und fragte höflich nach, was an den Täuschungshypothesen denn so neu und aufregend sei (AT VII 125 f.).
Versammelt Descartes in der Ersten Meditation also nur altbekannte skeptische Argumente? Wärmt er „nur mit Widerwillen den Kohl" der antiken Skeptiker wieder auf, wie er in seiner Antwort an Mersenne selber einräumt (AT VII 1 0)? Man könnte sogleich erwidern, daß er in zwei entscheidenden Punkten von den traditionellen Debatten abweicht.
Erstens führt er die skeptischen Überlegungen aus rein methodischen Gründen ein. Im Gegensatz zu den pyrrhonischen Skeptikern geht es ihm nicht darum, das skeptische Argumentieren als Lebensform zu wählen und fortwährend Meinungen auf den Prüfstand zu stellen. Nur „einmal im Leben", so betont er schon im allerersten Satz (AT VII 17, auch AT VIII-1 5), sollen alle Meinungen bezweifelt werden.
Ist der Zweifel einmal überwunden, können und müssen Meinungen sogar wieder zugelassen werden. Es wäre daher unangemessen, in Descartes den permanenten Zweifler zu sehen oder jemanden, der alle Meinungen neutralisieren und dadurch zur Seelenruhe gelangen will.
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