Die Memel - Rada, Uwe

Uwe Rada 

Die Memel

Kulturgeschichte eines europäischen Stromes

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Die Memel

"Eine gelungene Mischung aus Geschichtsstunde und Horizonterweiterung - detailreich, berührend, brillant geschrieben." -- Welt am Sonntag

"Uwe Rada legt eine lesenswerte Kulturgeschichte des Flusses vor" -- Rheinischer Merkur

"Ein Muss für alle, die sich für die Geschichte und Gegenwart Osteuropas interessieren." -- DER NEUE TAG, 24.11.2010


Produktinformation

  • Verlag: Siedler
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 366 S. m. SW-Fotos im Text, 8 farb. Fototaf. u. 2 farb. Übers.-Ktn.
  • Seitenzahl: 366
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 135mm x 35mm
  • Gewicht: 505g
  • ISBN-13: 9783886809301
  • ISBN-10: 3886809307
  • Best.Nr.: 29501020
"Ein Muss für alle, die sich für die Geschichte und Gegenwart Osteuropas interessieren." (Der Neue Tag, 24.11.2010)

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Dieses Buch von Uwe Rada hat dem Rezensenten mit dem Kürzel "cas" wieder in Erinnerung gerufen, welch großer europäischer Fluss eigentlich aus unserem Bewusstsein entschwunden ist - und wie bedauerlich dies ist. "Kenntnisreich und mit Sympathie", meint der Rezensent, erzähle Rada von Geschichte, Literatur und Mythen des Flusses, schildert die an seinen Ufern lebenden Menschen in Polen, Weißrussland, Litauen und leistet damit eine "kulturhistorische Tiefenbohrung", die den Rezensenten beeindruckt hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

»Ein Muss für alle, die sich für die Geschichte und Gegenwart Osteuropas interessieren.«
Uwe Rada, geboren 1963, ist Redakteur der taz sowie Buchautor und lebt in Berlin. Für seine publizistische Arbeit hat er mehrere Stipendien und Preise erhalten, unter anderem von der Robert-Bosch-Stiftung und dem Goethe-Institut. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Osteuropas veröffentlicht.

Leseprobe zu "Die Memel" von Uwe Rada

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Leseprobe zu "Die Memel" von Uwe Rada

Weder Maas noch Memel

Die Deutschen und ihr verlorener Strom Nichts deutet darauf hin, dass im Rücken des Fotografen Tilsit liegt, Ostpreußens zweitgrößte Stadt. Es war die Abgeschiedenheit und landschaftliche Schönheit Ostpreußens, die Walter Engelhardt Anfang der dreißiger Jahre veranlasste, von Thüringen an den östlichen Rand des Reiches zu ziehen. Tilsit wurde der Ausgangspunkt seiner Streifzüge mit der Kamera durch das "Land der vielen Himmel". Seine Frau hat diese Fotos 1945 auf die Flucht mitgenommen und nach Thüringen gerettet.

Ostpreußen. Auch wer nie da war, kennt die Bilder. Herausgeputzte Dörfer und schattige Alleen, über die sich ein weiter Himmel spannt; Pferdefuhrwerke und Bauern auf den Feldern; Königsberg mit dem Dom und den Kähnen auf dem Pregel; die Seenlandschaft Masurens; Menschen vor ihren Häusern, die Frauen mit Kopftüchern, die Kinder oft barfuß. Ostpreußen war, wie es Marion Gräfin Dönhoff formulierte, "eine Welt, die noch von der Natur bestimmt war und von einer gewissen Ehrfurcht, die inzwischen der gedankenlosen und unbarmherzigen Hybris des Menschen zum Opfer gefallen ist".

Doch nicht nur dem technischen Fortschritt fiel dieses Ostpreußen zum Opfer, sondern auch der Geschichte. Mit der Flucht und Vertreibung von 2,2 Millionen der ehemals 2,5 Millionen Bewohner endet in den Jahren nach 1945 das 700 Jahre währende Kapitel der Deutschen in der ostpreußischen Geschichte.

Insgesamt werden aus dem deutschen Osten, aus Ostpreußen und Westpreußen, aus Pommern und Schlesien, aus dem Posener Land und den Sudeten 14 Millionen Menschen vertrieben. All das, wovon Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Buch Namen die keiner mehr nennt spricht, ist seitdem Vergangenheit, eine versunkene Welt, bestenfalls noch abrufbar auf den Schwarz-Weiß-Fotografien, die geblieben sind: "ein großer Himmel (...), bescheidene Dörfer, Kopfsteinpflaster, Sonnenblumen im Vorgarten, Gänse auf den Straßen". Dönhoff bezeichnet ihre Schrift als "Buch des Abschieds". Es ist ein Abschied von einer Welt, "in der die Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens noch ganz unmittelbar bestimmten: das weidende Vieh auf sommerlichen Wiesen, Regenwolken über leeren Stoppelfeldern, der Schrei der Wildgänse, die im Frühjahr gen Norden ziehen, der Ruf der Häher im herbstlichen Gehölz, die Fuchsspur im frisch verschneiten Wald".

Es sind Autoren wie Marion Gräfin Dönhoff oder Christian Graf von Krockow, aber auch Schriftsteller wie Johannes Bobrowski oder Siegfried Lenz, die den nachfolgenden Generationen die Bilder Ostpreußens erhalten haben. Zu diesen Bildern gehören auch die Fotografien des Königsberger Denkmalamtes aus den Jahren 1880 bis 1943, die der 1934 im ostpreußischen Jäglack geborene Schriftsteller Arno Surminski veröffentlicht hat. In ihnen wird die "versunkene Landschaft" noch einmal lebendig, nicht nur für jene, die sie einst mit eigenen Augen gesehen haben, sondern auch denen, die sie nur vom Hörensagen kennen. Eines aber sucht man in dem Bilderreigen vergeblich: eine Würdigung der Memel. In all den Erinnerungen, Fluchtberichten, Bildbänden, die sich seit der Wende zu Dutzenden auf den Büchertischen stapeln, kommt der größte Strom Ostpreußens allenfalls am Rande vor. Nicht einmal das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg widmet ihm ein eigenes Kapitel. Beinahe scheint es, als sei die Memel im Erinnern der Deutschen an ihre einst östlichste Provinz gar nicht eingeschlossen, als würden der Strom und mit ihm Städte wie Tilsit, Ruß und Memel ein zweites Mal in Vergessenheit geraten.

Ein Grund für diese Fehlstelle mag in der erinnerten Topografie Ostpreußens liegen. Anders als der Pregel mit seinen Quellflüssen Inster und Angerapp floss die Memel nicht durch die Mitte Ostpreußens - und damit mitten durch seine einzige Metropole Königsberg -, sie streifte die Provinz lediglich im Norden. Hinzu kam, dass das deutsche Ordensland, aus dem später das Herzogtum Preußen und die deutsche Provinz Ostpreußen hervorgingen, an seinen Ränder seit jeher ein ethnisch, kulturell und religiös gemischtes Grenzland war. Das ostpreußische Gut Quittainen, von dem die Dönhoff im Januar 1945 mit ihrem Reitpferd in Richtung Westen aufgebrochen war, grenzte unmittelbar an das katholische Ermland, das lange Zeit zu Polen gehört hatte. Preußisch wurde es erst im Jahre 1772 bei der ersten Teilung Polen-Litauens. Im Südosten Ostpreußens erstreckte sich mit Masuren eine ebenso arme wie ethnisch gemischte Region, in der sich die deutsche und polnische Kultur gegenseitig beeinflussten. Schließlich der Norden. Rechts und links der Memel, in Preußisch-Litauen, waren vor allem in den Niederungsdörfern die Litauer in der Mehrheit. Zwar gehörten sie dem protestantischen Glauben an und waren über die Jahrhunderte hinweg auf Distanz zu den katholischen Litauern im Großfürstentum und auch später im russischen Zarenreich gegangen. Als preußische Litauer aber bewahrten sie sich eine sprachliche und kulturelle Autonomie. In seinem Buch Ostpreußen. Geschichte und Mythos beschreibt der 1970 geborene Historiker Andreas Kossert Ostpreußen zu Recht als multikulturelle Landschaft. "Hugenotten, reformierte Glaubensflüchtlinge aus Hessen-Nassau, dem Siegerland, der Pfalz, Schweizer aus Neuchatel, Halberstädter und Magdeburger, Schotten, Salzburger Protestanten, polnische Reformierte und Arianer, russische Philipponen, sie alle fanden den Weg in das Land zwischen Weichsel und Memel." Preußen, so Kossert, hatte dort seinen Ursprung, wo heute Russen, Polen und Litauer Nachbarn sind, dort entstand ein Staat, der jahrhundertelang aufs engste mit diesen drei Nationen verflochten war."

War Ostpreußen also nicht das Bollwerk des Deutschtums, als das es lange galt, sondern vielmehr ein melting pot im Nordosten des Reiches? Das mag, neben der Geografie, der zweite Grund für das Fremdeln der ostpreußischen Erinnerungsliteratur mit der Memel sein. Immerhin wurde vor allem Preußisch-Litauen mit seinem Verwaltungszentrum Tilsit im deutschen Kaiserreich auch spöttisch als "Preußisch-Sibirien" bezeichnet. Für die Memel kam erschwerend hinzu, dass der große Strom der Ostpreußen nur auf den letzten 110 Kilometern seines insgesamt 937 Kilometer langen Laufs durch deutsches Territorium floss. Oberhalb der ostpreußischen Grenzstadt Schmalleningken war die Memel seit jeher litauisch, weißrussisch, polnisch, russisch und jüdisch. So fremd muss dieser Mittel- und Oberlauf den Deutschen gewesen sein, dass sie sogar den Namen des Stroms teilten. Memel, das war nur das Wort für den ostpreußischen Abschnitt von Schmalleningken bis zum Kurischen Haff. Der Mittel- und Oberlauf des Stroms dagegen wurde im Deutschen beim slawischen Namen genannt - Njemen. Diese semantische Teilung schlug sich auch in den Werken der Historiker nieder. Der Frieden von Tilsit und der Bittgang der Königin Luise bei Napoleon fand 1807 demnach an der Memel statt. Als die Grande Armée Napoleons fünf Jahre später bei Kaunas zum Feldzug gegen das zaristische Russland antrat, überschritt sie den Njemen. Memel und Njemen, das ist, als ob die Donau hinter Passau auch im Deutschen Dunaj, Duna, Dunav oder Dunarea hieße. Eine derartige Aufteilung eines Stroms in einen "eigenen" und den "fremden" war selbst im Europa des aufziehenden Nationalismus einzigartig.

Auch der Gräfin Dönhoff war die Memel in ihrem Buch Namen die keiner mehr nennt keine Erwähnung wert. Die multikulturellen Grenzlandschaften von Ostpreußen waren ihr freilich keine Bedrohung; von Anfang an war die Dönhoff eine Gegnerin der Nazis; ihr "Abschied von Ostpreußen" schloss die ostpreußischen Litauer und Polen in die Trauer ein. Der Grund für die Missachtung der Memel ist bei ihr eher biografischer Natur. Quittainen, das Gut, das sie im Januar 1945 verlassen musste, lag im Südwesten Ostpreußens, nicht weit entfernt von Preußisch Holland und Elbing. Schloss Friedrichshain wiederum, wo die spätere Chefredakteurin der Wochenzeitung Die Zeit geboren wurde, befand sich östlich von Königsberg - und damit am zweitwichtigsten Strom Ostpreußens, dem Pregel. Die Memel und Preußisch-Litauen dagegen waren weit entfernt. Manch anderer aber suchte im Rückblick Halt in Eindeutigkeiten, die es nie gegeben hat. Dass die Memel so selten in den Erinnerungen und Bildern derer vorkommt, die das alte Ostpreußen als imaginäre Landschaft wieder aufleben lassen, kann also auch damit zu tun haben, dass ihre Grenzregionen nicht deutsch genug waren.

Umso erstaunlicher ist es, dass wir heute, wenn wir an die Memel denken, vor allem eine Liedstrophe auf den Lippen haben - "von der Maas bis an die Memel". Unter dem Eindruck der Rheinkrise, in der Frankreich die linksrheinischen Gebiete für sich beanspruchte und den Rhein als "natürliche Grenze" zwischen Franzosen und Deutschen etablieren wollte, hatte der 43-jährige Dichter und Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 das "Lied der Deutschen", die spätere deutsche Nationalhymne, geschrieben. Auch in diesem Lied war von den Flüssen als "natürlichen Grenzen" die Rede - und von der Memel als Deutschlands Grenze im Osten. Die erste Strophe führt darüber hinaus in die anderen Himmelsrichtungen:
Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt, Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel, Von der Etsch bis an den Belt - Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt!

Hoffmann hatte seine Verse "Lied der Deutschen" genannt, zum "Deutschlandlied" wurde es erst später. Zur Zurückhaltung des Dichters gehörte auch, dass er sich im Liedtext zur heftig diskutierten "Rheinfrage" nicht äußerte. Das überließ er anderen wie Ernst Moritz Arndt, der den nationalen Taumel mit seinem "Kriegslied gegen die Wälschen" befeuerte, oder Max Schnecken- burger, der mit der "Wacht am Rhein" eine inoffizielle Hymne der Deutschen schrieb. Deren erste Strophe und Refrain lautete:
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein?

Lieb Vaterland magst ruhig sein, lieb Vaterland magst ruhig sein: Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Solcherlei Chauvinismus war die Sache des Breslauer Professors für deutsche Sprache und Literatur nicht. Noch nicht. Deutscher Patriotismus aber musste sein. Das Erweckungserlebnis Hoffmanns war im Grunde ein Allerweltsereignis. Im August des Jahres 1841 trat er eine Schiffspartie von Hamburg zur Nordseeinsel Helgoland an. Kurz vor dem Einlaufen des Schiffs in den Helgoländer Hafen schmetterte die Bordkapelle für die französischen Passagiere die Marseillaise, die Briten wurden mit ihrer Hymne "God save the Queen" begrüßt. Für die deutschen Passagiere aber stand nichts auf den Notenblättern. Kaum auf der Insel angelangt, machte sich Hoffmann von Fallersleben ans Werk. Der Ursprung des "Deutschlandlieds" ist weniger der deutschen Überheblichkeit geschuldet als einer schmerzlich empfundenen Fehlstelle.

Und die deutschen Grenzen: Maas, Belt, Etsch, Memel? Schon ein Jahr vor seinem Helgoländer Erlebnis hat von Fallersleben einmal bemerkt, der Deutsche Zollverein habe mehr zur Überwindung der Teilstaaterei und zum Bewusstsein deutscher Einheit beigetragen, als es der Deutsche Bund je vermocht hätte.

Gleichwohl stand ihm dieser Bund, ein 1815 auf dem Wiener Kongress gegründetes lockeres Bündnis deutscher Territorialstaaten, bei seiner literarischen Vermessung der deutschen Grenzen Pate. Die Maas im Westen etwa floss durch das Herzogtum Limburg, das seit 1839 zum Deutschen Bund gehörte. Im Norden markierte die Meerenge des Kleinen Belts die Nordgrenze des Herzogtums Schleswig. Die Etsch, der Fluss der Südtiroler, gehörte bis zur Höhe des Gardasees zum Kaiserreich Österreich und damit (bis zum preußisch-österreichischen Krieg 1866) ebenfalls zum Deutschen Bund. Die Grenzen Deutschlands, an die sich Hoffmann gehalten hat, entsprachen also eher den Tatsachen, als dass sie - im Geist der Zeit - territoriale Ansprüche formuliert hätten. Dass sowohl die Maas, aber auch Etsch und Belt von jeher gemischtsprachige Regionen waren, hat Hoffmann weder gestört, noch in seinem Patriotismus angestachelt. Bei den Grenzen des "Deutschlandliedes" überlagern sich vielmehr multikulturelle Realität und deutsches Einheitsstreben.

Und die Memel? Streng genommen hätte Hoffmann von Fallersleben sein Deutschland im Nordosten westlich der Weichsel enden lassen müssen. Dort nämlich lag die Ostgrenze des Deutschen Bunds. Dass es die Memel dennoch ins Lied der Deutschen schaffte, war der wiedergewonnenen Rolle Preußens als deutscher und europäischer Macht geschuldet. Deshalb schlug der Patriot Hoffmann das Königreich Preußen mit seinen Provinzen West- und Ostpreußen einfach dem Deutschen Bund zu. Allerdings unterlief ihm auch dabei eine Ungenauigkeit. Ostpreußen nämlich reichte im Norden einige Kilometer über die Memel hinaus - genauer gesagt bis zum Örtchen Nimmersatt, wo, wie es später hieß, "das Deutsche Reich sein Ende hat".

Dass das "Lied der Deutschen" schon im Laufe des 19. Jahrhunderts einen nationalistischen Beigeschmack bekam, lag weniger an Maas, Memel, Etsch und Belt als vielmehr am Beginn und Refrain der ersten Strophe. Auch wenn Hoffmann seinen emphatischen Imperativ "Deutschland, Deutschland über alles" als Plädoyer für den Vorrang der deutschen Einigung vor allen anderen politischen Fragen begriffen haben mag - eindeutig war das nicht. Hoffmann selbst hat dem späteren Missbrauch der Strophe im Ersten Weltkrieg und durch die Nazis mit seinem Hass auf Frankreich Vorschub geleistet. So schrieb er in einem Brief vom 27. August 1870 an Adolf Strümpell:
"(...) und lässt uns nur den Hass übrig, den Hass gegen dies verworfene Franzosengeschlecht, diese Scheusale der Menschheit, diese tollen Hunde, diese grande nation de l'infamie et de la bassesse. Gott gebe und Er gibt es, dass wir aus diesem schweren Kampfe glorreich hervorgehen und der Menschheit den großen Dienst erweisen, dass mein, unser aller >Deutschland über alles< zur Wahrheit wird."

All der Patriotismus, der am Ende doch in Chauvinismus umgeschlagen war, nützte Hoffmann wenig. Obgleich er als 73-Jähriger die Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 erlebte, musste er mit anhören, dass nicht sein "Lied der Deutschen" zu offiziellen Anlässen gespielt wurde, sondern Preußens alte Hymne "Heil Dir im Siegerkranz". Zur deutschen Nationalhymne wurde sein Lied, gesungen zur Melodie von Joseph Haydns "Kaiserlied" von 1797, erst in der Weimarer Republik - auf Anordnung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert im Jahre 1922. Die Nazis behielten die Hymne bei, strichen aber die zweite und dritte Strophe. Stattdessen erklang seit 1940 im Anschluss an die erste Strophe des "Deutschlandlieds" die Hymne der Nationalsozialisten, das "Horst-Wessel-Lied". Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das "Deutschlandlied" auf Erlass des Alliierten Kontrollrats verboten. Die Bundesrepublik Deutschland wurde 1949 ohne Nationalhymne gegründet. Eine dreistrophige "Hymne an Deutschland", die Bundespräsident Theodor Heuss 1950 in Auftrag gegeben hatte, erwies sich als Fehlschlag. Schließlich gab der Präsident 1952 in einem Briefwechsel der Bitte von Bundeskanzler Konrad Adenauer nach und erkannte das "Deutschlandlied" an. Gesungen werden sollte fortan allerdings nur die dritte Strophe.

Anders als in der Bundesrepublik standen in der DDR die Zeichen nicht auf Kontinuität, sondern auf Neuanfang. Den lieferte, zu einer Melodie von Hanns Eisler, ein Liedtext des Schriftstellers Johannes R. Becher:
Auferstanden aus Ruinen Und der Zukunft zugewandt, Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.

Doch schon bald nach dem Bau der Mauer 1961 war der Slogan "Deutschland, einig Vaterland" nicht mehr im Sinne der SED-Machthaber. So kam es, dass die DDR-Hymne seit 1970 ohne Text blieb, während die Montagsdemonstranten in Leipzig im Herbst 1989 mit derselben Parole für die deutsche Einheit auf die Straße gingen. Dem Vorschlag des letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maiziere, die dritte Strophe des "Deutschlandlieds" mit Bechers erster Strophe zu verbinden, war allerdings kein Erfolg beschieden. Zur Hymne des vereinigten Deutschland wurde allein die dritte Strophe des Hoffmann-Textes. Die ersten beiden Strophen sind, entgegen einer weitläufigen Annahme, nicht verboten.

Dass sich die Memel bis heute vor allem in Hoffmann von Fallerslebens Strophe "Von der Maas bis an die Memel" im Gedächtnis hält, mag also ein Missverständnis sein. Gleichwohl ist die wechselvolle Geschichte der deutschen Nachkriegshymnen auch ein Abbild für den Umgang der Deutschen mit ihrem verlorenen Osten, mit dem weiten Himmel über Ostpreußen, seinen herausgeputzten Dörfern und schattigen Alleen und seinem großen Strom, der Memel.

Trauer über den Verlust oder Neuanfang, "der Zukunft zugewandt"? Nur selten wurden die politischen Gegensätze zwischen der Bundesrepublik und der DDR so deutlich wie im Umgang mit jenen Straßennamen, die nach dem Krieg in beiden deutschen Staaten und dort vor allem im geteilten Berlin an Ostpreußen und an die Memel erinnerten. Nach dem Nordischen Viertel mit seiner Bornholmer, Gotland- oder Malmöer Straße war ab 1911 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg im Umfeld der Greifs- walder Straße das sogenannte Ostpreußenviertel entstanden. Insgesamt wurden zwölf Straßen nach ostpreußischen Orten benannt. Daran änderte zunächst auch die Gründung der DDR im Jahr 1949 nichts. Einen Handlungsbedarf entdeckte erst Erich Honecker. Zwei Jahre nach seinem Machtantritt ordnete er 1974 an, dass aus dem Ostpreußenviertel in der Hauptstadt der DDR ein antifaschistisches Viertel werden sollte. So wurde aus der Gumbinner Straße (ehemals Pregelstraße) die Anton-Saefkow- Straße, die Rastenburger Straße wurde zur Bernhard-Lichtenberg-Straße, aus der Wehlauer Straße wurde die Eugen-Schönhaar-Straße, die Braunsberger Straße wurde nach Hans Otto benannt, die Kurische Straße nach John Schehr, die Allensteiner Straße nach Liselotte Herrmann, aus der Bartensteiner Straße wurde die Margarete-Walter-Straße, die Neukuhrer Straße wurde zur Olga-Benario-Prestes-Straße, aus der Ermländer Straße (ehemals Gumbinner Straße) wurde die Rudolf-Schwarz-Straße und schließlich aus der Pregelstraße (ehemals Labiauer Straße) die Werner-Kube-Straße. Nach einem ähnlichen Muster benannte die DDR-Regierung zur gleichen Zeit auch das Westpreußenviertel zwischen S-Bahn und Volkspark Friedrichshain um. Hier erhielten 18 Straßen den Namen von Antifaschisten. Einzig die Masuren- und die Samländische Straße in Berlin Pankow durften bleiben.

Die meisten dieser Umbenennungen blieben bestehen, als nach der Wende zahlreiche Ostberliner Straßen ihre alten Namen zurückbekamen. Offenbar stand die Erinnerung an Ostpreußen nach wie vor unter Revanchismusverdacht. So wurde der nach dem Begründer der polnischen sozialistischen Partei benannte U-Bahnhof Marchlewskistraße 1992 wieder umbenannt. Seinen alten Namen Memeler Straße bekam er aber nicht zurück. Vielmehr heißt der Bahnhof seitdem Weberwiese. Auch die Tilsiter Straße im Stadtbezirk Friedrichshain, die 1969 in Richard-Sorge-Straße umbenannt wurde, erhielt ihren alten Namen nicht zurück. An die Stadt an der Memel erinnert seit der Wende nur ein Kino - die Tilsiter Lichtspiele.

Mitunter trieb die Furcht, in die revanchistische Ecke gestellt zu werden, recht seltene Blüten. Als im Jahre 1993 die Willi-Bredel-Straße in Prenzlauer Berg ihren alten Namen Schivelbeiner Straße zurückbekommen hatte, schrieb der damalige PDS-Vorsteher des Bezirksparlaments einen Entschuldigungsbrief ans polnische Swidwin. Darin beklagte er sich bei seinem polnischen Kollegen, "dass nach wie vor von konservativen Verbänden und Parteien ungestraft nach einem Deutschland in den Grenzen von 1937 laut gerufen wird".

Ganz anders dagegen Westberlin. Umbenennungen von ostpreußischen Straßen hat es dort während der Teilung nicht gegeben. Allerdings waren im Westteil der Stadt auch nur selten Straßenschilder abmontiert worden, die an Fliegerhelden des Ersten Weltkriegs, Vordenker des Nationalsozialismus oder die Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg erinnerten. Was in der DDR unter dem Mantel des Antifaschismus revidiert wurde, blieb im Westen unter dem Hinweis auf Traditionspflege erhalten. So gab und gibt es bis heute im Westteil Berlins neben pommerschen und sudetendeutschen Straßennamen eine Ostpreußenallee und eine Königsberger Straße. Eine Memeler Straße oder eine Tilsiter Straße sucht man dort allerdings vergeblich. An den ehemals deutschen Strom in Ostpreußen erinnert lediglich die Ragniter Allee in der Nähe des Olympiastadions.

Die Geschichtspolitiken, die sich im Umgang mit den ostpreußischen Straßennamen zeigten, stehen natürlich nicht für sich alleine. Vielmehr waren sie Teil des Verhältnisses der Deutschen in beiden Staaten zu ihren Ostgebieten und zum Thema Flucht und Vertreibung. Während in der DDR im Zuge ihres Neuanfangs als "antifaschistischer Staat" über das Thema ein weitreichendes Tabu verhängt wurde und aus Vertriebenen sogenannte "Umsiedler" wurden, durfte in der Bundesrepublik der "alten Heimat" durchaus gedacht werden, aber bloß nicht zu laut. Denn das hätte die Westintegration Konrad Adenauers gestört und nach 1970 auch die Ostpolitik von Willy Brandt. Eine Besonderheit im Vergleich zur Erinnerungskultur in der DDR war in der Bundesrepublik die Studentenbewegung. Neben dem Protest gegen den Vietnamkrieg und den "Muff von tausend Jahren" ging es ihr vor allem darum, das Schweigen der Elterngeneration über ihre Verstrickung mit der Nazizeit zu beenden. Mit dem kollektiven Verdrängen, eingeübt gleich nach dem Krieg und in der Wohlfühlphase des Wirtschaftswunders erneuert, sollte endlich Schluss sein. Die rebellierende Jugend wollte die Tätergeschichten hören - und verschloss ihre Ohren mehr noch als zuvor vor den Opfergeschichten. "Nach dem, was im Faschismus geschehen war", schrieb die 1951 geborene Ulla Lachauer in ihrem unmittelbar nach der Wende veröffentlichten Reisebericht Die Brücke von Tilsit, "lag es nahe, auf die ursprünglichste Form der Bindung, auf Väter und Ahnen, überhaupt zu verzichten. Die Erziehung schmeckte nach Tyrannei, ihre Werte waren nicht nur kompromittiert, sondern angesichts des raschen Wandels anachronistisch. (...) Vor diesem Hintergrund, der freiwilligen Flucht meiner Generation, ließ sich nur schwer Verständnis für die Vertreibung aus dem Osten entwickeln."

Es ist der 68er-Generation immer wieder vorgeworfen worden, mit der Ersetzung des einen Tabus durch ein anderes ähnlich zum Verschweigen des Unrechts an den Vertriebenen beigetragen zu haben wie die Politik der SED-Regierung in der DDR. Richtig ist wohl das Gegenteil. Es war gerade die Abrechnung mit der Elterngeneration, die es ermöglichte, dass man sich nach der Wende offen und ohne ideologische Scheuklappen dem Thema Flucht und Vertreibung nähern konnte. Namentlich die Aufarbeitung der Täterbiografien war die Grundlage dafür, sich nun auch den Opferbiografien zuwenden zu können - ohne dabei die Geschichte der Deutschen von einem Täter- in ein Opfervolk umzuschreiben. Das Gleiche galt für den Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete, der vor allem in den Vertriebenenverbänden bis in die jüngste Gegenwart bekämpft wurde. Dabei hatten sowohl die Ostpolitik Willy Brandts als auch die frühe Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze in der DDR die Grundlage dafür geschaffen, in Schlesien wie in Pommern, in den Sudeten, in West- und Ostpreußen nicht nur eine "versunkene Landschaft" zu sehen, sondern auch eine - polnische, tschechische, litauische und russische - Gegenwart. Weder Maas noch Memel, so der Titel einer Aufsatzsammlung von Wolf Jobst Siedler, war im Grunde ein Programm: durch den Abschied hin zur Gegenwart und mit ihr in die Zukunft. Die Begegnungen, die seitdem zwischen alten und neuen Schlesiern, Pommern oder Ostpreußen stattfanden, haben den deutschen Osten endlich aus der Folklore- und Traditionsecke geholt und damit einer neuen, europäischen Begegnungskultur zwischen West und Ost Platz gemacht.

Bilder eines verlorenen Ostens gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen. Von den zahlreichen Büchern, Bildbänden und Reiseberichten, die es zwischen Oder und Bug über die "Kresy", die ehemals östlichen Grenzgebiete Polens, gibt, erinnern die meisten an Wilna und Lemberg. Es sind die großen Städte der polnischen Kultur und Literatur im Osten, im Deutschen vergleichbar mit Königsberg und Danzig, Breslau und Stettin. Seit der Westverschiebung der polnischen Grenzen 1945 gehörten beide Städte zur Sowjetunion, nach dem Ende des Kommunismus aber sind die alten Bande wieder geknüpft worden. Nach Wilna, der litauischen Hauptstadt, strömen Hunderttausende von Touristen aus Polen, um die Schwarze Madonna im Tor der Morgenröte zu sehen, die schon Polens Dichterfürst Adam Mickiewicz besungen hat. In Lemberg diskutieren Intellektuelle seit dem Ende der Teilung Europas über den Bau einer Normalspurstrecke ins polnische Przemysl, die die russische Breitspur ersetzen soll - der wohl sinnfälligste Beweis für die Zugehörigkeit Lembergs zu Europa.

Die Klassiker der polnischen Literatur, die nicht nur zum kulturellen Erbe Polens, sondern auch seiner östlichen Grenzlande gehören, wurden schon seit den achtziger Jahren verfilmt. Ein Beispiel ist Tadeusz Konwickis Tal der Issa nach einer Erzählung des Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz (geboren im heutigen Litauen) aus dem Jahr 1982. Im polnischen Fernsehen lief 1986 unter der Regie von Zbigniew Kuzminski der erfolgreiche Dreiteiler An der Memel nach dem Roman der Grodnoer Schriftstellerin Eliza Orzeszkowa (geboren im heutigen Weißrussland). 1999 schließlich verfilmte Andrzej Wajda, der Altmeister des polnischen Kinos, Adam Mickiewiczs (ebenfalls geboren im heutigen Weißrussland) Versepos Pan Tadeusz.Zum verlorenen Osten gehört in Polen auch der Niemen, die Memel. Ihr war eine Veranstaltung gewidmet, die am 18. Juni 2008 im Warschauer "Haus der Begegnung mit der Geschichte" stattfand. Der Titel des Abends: "Erzählungen aus den Kresy. Der Lauf der Memel. Belarussische, polnische und litauische Landschaften." Die Choreografie des Abends folgte ganz dem Bericht einer Expedition des polnischen Ethnologen und Archäologen Zygmunt Gloger aus dem 19. Jahrhundert.

Kundenbewertungen zu "Die Memel" von "Uwe Rada"

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Bewertung von MaWiOr aus Halle am 27.12.2010 ***** ausgezeichnet
Ostpreußen ist für Millionen Deutsche Heimat, Land ihrer Vorfahren und versunkenes Sehnsuchtsland ihrer Erinnerungen. Zahlreich sind die Buchpublikationen über dieses faszinierende und widersprüchliche Land zwischen Weichsel und Memel Und doch sucht man in dieser ostpreußischen Erinnerungsliteratur, die sich seit der Wende als Dutzendware auf den Verkaufsbüchertischen stapelt, bisher eines vergeblich: eine Würdigung der Memel.

Diese Fehlstelle füllt nun der Journalist Uwe Rada mit seinem neuen Buch „Die Memel - Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ aus. Der „taz“-Redakteur hat schon mehrere Bücher zur osteuropäischen Geschichte veröffentlicht, zuletzt „Die Oder. Lebenslauf eines Flusses“ (2009, ebenfalls bei Siedler).

Zunächst geht Rada den Ursachen nach, warum die Memel heute in der deutschen Gegenwart nur eine Randerscheinung darstellt, ja direkt in Vergessenheit geraten ist. Liegt es daran, dass der Strom als ehemalige Grenzregion zu Litauen nicht deutsch genug war oder ist es unsere kritische Haltung zum angeblich chauvinistischen Deutschlandlied „von der Maas bis an die Memel“?

Uwe Rada folgt dem historisch-geografischen Lauf dieses magischen Flusses von der Quelle nahe der weißrussischen Hauptstadt Minsk bis zur Mündung ins Kurische Haff der Ostsee. Fast tausend Kilometer legt die Memel dabei zurück und passiert in ihrem Lauf drei Länder.

Danach nimmt der Autor den Leser mit auf eine historische Reise entlang der Memel. Hier warten interessante Begegnungen u.a. mit der preußischen Königin Luise, dem französischen Kaiser Napoleon oder Wladimir Putin. Die Memel war jahrhundertelang ein Synonym für eine umkämpfte Region, eine zerschundene Landschaft in Europa. So war das Memel-Gebiet auch immer wieder Kriegsland im Osten Europas, vom „Drang nach Osten“ der Deutschen Ordensritter bis zur Ostfront im Zweiten Weltkrieg.

Doch es gibt auch eine andere Memel. Deutsche und Litauer, Polen und Weißrussen, Juden und Russen lebten über Jahrhunderte friedlich an ihren Ufern - eine Geschichte, an die heute in Weißrussland, Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad wieder erinnert wird.

Uwe Rada ist mit seiner Kulturgeschichte ein wunderbares und lesenswertes Porträt dieses geschichtsträchtigen Flusses gelungen, der den Osten Europas mit dem Westen verbindet. Er ruft die Memel als verbindendes Band einer vergessenen Vielvölkerlandschaft in unser Gedächtnis zurück. Das Buch, das auch durch einige Fotos illustriert wird, ist ein Muss für alle, die sich für europäische Geschichte interessieren.

Manfred Orlick

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