Picknick mit Bären - Bryson, Bill

Bill Bryson 

Picknick mit Bären

Übersetzer: Stegers, Thomas
Broschiertes Buch
 
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Picknick mit Bären

Bill Bryson will es seinen gehfaulen Landsleuten zeigen: Gemeinsam mit seinem Freund Katz, der aufgrund gewaltiger Leibesfülle und einer festverwurzelten Leidenschaft für Schokoriegel nicht gerade die besten Voraussetzungen dafür mitbringt, will er den längsten Fußweg der Welt, den "Appalachian Trail", bezwingen. Eine abenteuerliche Reise quer durch zwölf Bundesstaaten der USA beginnt...

Ein Reisebericht der etwas anderen Art - humorvoll, selbstironisch und mit einem scharfen Blick für die Marotten von Menschen und Bären!



Produktinformation

  • Verlag: GOLDMANN
  • 1999
  • 1999.
  • Ausstattung/Bilder: 343 S.
  • Seitenzahl: 352
  • Goldmann Taschenbücher Bd.44395
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 116mm x 27mm
  • Gewicht: 270g
  • ISBN-13: 9783442443956
  • ISBN-10: 3442443954
  • Best.Nr.: 07939775

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der Autor ist nach Auskunft des Rezensenten Eberhard Falcke die Hälfte des Appalachian Trail, eines über 3000 Kilometer langen Wanderwegs an der Ostküste der USA, entlanggegangen, hat sich dabei, so scheint es, zuweilen herzlich gelangweilt - und hat dennoch ein kurzweiliges und informatives Buch drüber geschrieben. Wer den Weg wandern will, bekommt Anregungen, schließt Falcke, und wer ihn nicht wandern will, fühlt sich bestätigt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.09.1999

Ferne

"Picknick mit Bären" von Bill Bryson. Wilhelm Goldmann Verlag, München 1999. 352 Seiten, eine Karte. Broschiert, 14,90 Mark. ISBN 3-442-44395-4.

Bill Bryson ist immer der Fremde. Zwei Jahrzehnte lang arbeitete der amerikanische Schriftsteller und Journalist in England, beobachtete das seltsame Treiben um sich herum und notierte einem Anthropologen gleich seine Erkenntnisse - nur bissiger. Mit Büchern wie "Neither here nor there" ("Wo, bitte, geht's nach Domodossola?") über eine Reise durch Europa oder "Notes from a small Island" ("Reif für die Insel") über seine Erfahrungen in Großbritannien trat er die Nachfolge Mark Twains an, mimte den Arglosen, ließ sich aber keine Gelegenheit entgehen für Sticheleien angesichts überholter Etikette und bedenklicher Selbstüberschätzungen. Die Bücher sind zum Brüllen komisch und machten ihn im englischsprachigen Raum mit einer Millionenauflage zum Kultautoren. Vor einigen Jahren zog Bryson zurück in die Vereinigten Staaten - und sah sich, fast ein wenig britisch blasiert, wiederum einer fremden Welt gegenüber. Von einer Wanderung über den gut dreitausend Kilometer langen Appalachian Trail von …

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Bill Bryson wurde 1951 in Des Moines, Iowa, geboren. 1977 zog er nach Großbritannien und schrieb dort mehrere Jahre u. a. für die "Times" und den "Independent". Mit seinem Englandbuch "Reif für die Insel" gelang Bryson der Durchbruch, und heute ist er in England der erfolgreichste Sachbuchautor der Gegenwart. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt, stürmen stets die internationalen Bestsellerlisten. 1996 kehrte Bill Bryson mit seiner Familie in die USA zurück, wo es ihn jedoch nicht lange hielt. Er war erneut "Reif für die Insel", wo er heute wieder lebt.

Leseprobe zu "Picknick mit Bären" von Bill Bryson

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Leseprobe zu "Picknick mit Bären" von Bill Bryson

TEIL 1

1. Kapitel

Kurz nachdem ich mit meiner Familie in eine Kleinstadt in New Hampshire gezogen war, entdeckte ich zufällig einen Wanderweg, der sich am Ortsausgang in einem Wald verlor.

Ein Schild verkündete, daß es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Weg handelte, sondern um den berühmten Appalachian Trail. Mit seinen über 3.300 Kilometern durch die majestätischen und verlockenden Appalachen, entlang der amerikanischen Ostküste, zählt der AT, wie er bei Kennern heißt, zu den Altvordern unter den Fernwanderwegen. Er führt von Georgia bis nach Maine, durch 14 verschiedene Bundesstaaten, über stattliche, reizvolle Berge, deren Namen - Blue Ridge, Smokies, Cumberlands, Catskills, Green Mountains, White Mountains - schon wie eine Einladung zum Spazierengehen klingen.

Wer kann schon die Worte "Great Smoky Mountains" oder "Shenandoah Valley" aussprechen, ohne dabei nicht das Bedürfnis zu verspüren, "einen Laib Brot und ein Pfund Tee in einen alten Rucksack zu werfen, über den Gartenzaun zu springen und loszuziehen", wie es der Naturforscher John Muir ausdrückte.

Da war er also, der Weg, schlängelte sich - für mich ganz unerwartet - verführerisch durch das friedliche Nest in New England, in dem ich mich gerade niedergelassen hatte. Die Vorstellung, ich könnte von zu Hause aufbrechen und 2.800 Kilometer weit durch einen Wald bis nach Georgia wandern, oder in die andere Richtung, 700 Kilometer nach Norden, über die rauhen und gebirgigen White Mountains klettern, bis auf den sagenhaften burgähnlichen Gipfel des Mount Katahdin, die ganze Zeit über umgeben von Bäumen, durch eine Wildnis, die nur wenige Menschen je zu Gesicht bekommen haben - diese Vorstellung erschien mir so außergewöhnlich, daß sich eine leise Stimme in meinem Inneren meldete: "Hört sich toll an! Das machen wir!"

Ich legte mir eine Reihe vernünftiger Gründe zurecht, die dafür sprachen. Es würde mich nach Jahren der Faulenzerei wieder auf die Beine bringen. Es wäre eine interessante und besinnliche Art, sich nach 20 Jahren im Ausland wieder mit der Größe und Schönheit meines Heimatlandes vertraut zu machen. Es würde mir von Nutzen sein - wenn ich auch noch nicht wußte wie -, einmal zu lernen, mich in der Wildnis zurechtzufinden und für mich selbst zu sorgen. Ich brauchte mir nicht mehr wie ein Schlappschwanz vorzukommen, wenn die Männer in Tarnhosen und mit Jägerhüten im Four Aces Diner beisammensaßen und sich über ihre schaurigen Erlebnisse in der freien Natur unterhielten.

Ich wollte ein bißchen von der Großspurigkeit abhaben, die sich einstellt, wenn man mit Granitaugen in die Ferne blickt und mit einem gedehnten, virilen Räuspern sagen kann: "Ja, ich kenne den Wald wie meine Westentasche."

Es gab noch einen anderen, unwiderstehlicheren Grund. Die Appalachen sind die Heimat des größten Laubwaldes der Erde - der ausgedehnte Restbestand des üppigsten und abwechslungsreichsten Waldgebietes, das je die gemäßigte Klimazone unseres Planeten zierte -, und dieser Wald ist gefährdet. Sollte sich die Erdatmosphäre im Laufe der nächsten 50 Jahre um vier Grad Celsius erwärmen, was durchaus wahrscheinlich ist, würde sich die gesamte Wildnis der Appalachen südlich von New England in eine Savanne verwandeln. Das Baumsterben hat bereits erschreckende Ausmaße angenommen. Ulmen und Kastanien sind dort längst verschwunden; der stattliche Schierling und der blütenreiche Hartriegel sind im Verschwinden begriffen; Rottanne, Frasertanne, Eberesche und Zuckerahorn sind als nächste dran.

Wenn es jemals an der Zeit war, diese einzigartige Wildnis zu erleben, dann jetzt.

Ich faßte also den Entschluß, es zu machen. Vorschnell teilte ich Freunden und Nachbarn meine Absicht mit, informierte selbstsicher meinen Verlag, sorgte für Verbreitung der Neuigkeit unter allen, die mich kannten. Sodann kaufte ich mir ein paar Bücher und redete mit Leuten, die den Trail ganz oder abschnittweise gegangen waren, und allmählich wurde mir klar, daß dieses Unternehmen alles, aber wirklich alles übertreffen würde, was ich jemals angepackt hatte.

Fast jeder, mit dem ich mich darüber unterhielt, hatte eine Geschichte über irgendeinen arglosen Bekannten parat, der sich mit großen Hoffnungen und neuen Wanderschuhen auf den Weg gemacht hatte und zwei Tage später mit einem Rotluchs als Halskrause oder einem Hemdsärmel, aus dem nur noch ein bluttriefender Stumpf ragte, zurückgetorkelt kam und heiser flüsterte:
"Bär!" bevor er in tiefe Bewußtlosigkeit versank.

Die Wälder waren voller Gefahren - Klapperschlangen und Mokassinschlangen, Rotluchse, Bären, Kojoten, Wölfe und Wildschweine; gemütskranke Hinterwäldler, durch den großzügigen Konsum von Maisschnaps und sündigen Sexualpraktiken über Generationen aus der Bahn geworfen; tollwütige Stinktiere, Waschbären und sogar Eichhörnchen; unbarmherzige, rote Ameisen und wütende Kriebelmücken; gemeiner Giftsumach, kletternder Giftsumach, giftige Färbereiche und giftige Salamander; versprengte Elche, die von einem parasitären tödlichen Wurm befallen sind, der sich in ihrem Gehirn einnistet und sie dazu anstiftet, harmlose Wanderer über entlegene, sonnenbeschienene Wiesen zu jagen und sie in Gletscherseen zu treiben.

Unvorstellbare Dinge konnten einem da draußen widerfahren.

Ich habe von einem Mann gehört, der nächtens zum Pinkeln aus seinem Zelt trat und von einer kurzsichtigen Eule am Kopf gestreift wurde - seinen Skalp sah er zuletzt von den Krallen des Vogels herabbaumeln, hübsch anzuschauen vor der Silhouette des Vollmonds; und von einer jungen Frau, die von einem Kitzeln am Bauch aufwachte, in ihren Schlafsack blickte und eine Mokassinschlange entdeckte, die es sich in der Wärme zwischen ihren Beinen gemütlich gemacht hatte. Ich habe vier verschiedene Versionen - stets mit einem unterdrückten Lachen vorgetragen - von ein und derselben Geschichte über das Zusammentreffen von Wanderern und Bären gehört, die sich für einen kurzen, aufreibenden Moment ein Zelt miteinander teilten; Geschichten von Leuten, die auf einem Gebirgskamm, von einem plötzlichen Sturm überrascht und von mannsdicken Blitzstrahlen getroffen, sich in Dampf auflösten ("es blieb nur noch 'n Brandfleck von ihm übrig"); Geschichten von Zelten, die von stürzenden Bäumen zerschmettert, von strömendem Regen wie auf Kugellagern ganze Abhänge hinuntergerollt, gleitschirmartig in ferne Täler getragen oder von der Wasserwand einer Sturzflut weggespült wurden; von unzähligen Wanderern, deren letzter Gedanke im Angesicht der erzitternden Erde war: "Was um Himmels willen -?"

Bereits die oberflächliche Lektüre von Abenteuerbüchern und ein Mindestmaß an Phantasie reichten aus, um sich Situationen auszumalen, in die ich unweigerlich geraten würde: umzingelt von Wölfen, die der Hunger treibt; in die Flucht geschlagen von bissigen Ameisen, taumelnd, mir die Kleider vom Leib reißend oder wie versteinert vom Anblick des zum Leben erwachten Unterholzes, das wie ein Unterwassertorpedo auf mich zukommt und sich als schrankgroßes Wildschwein mit kalten, glänzenden Augen entpuppt, das mich, begleitet von markigen Grunzlauten, mit unstillbarem Appetit auf rosiges, schwabbeliges, vom Stadtleben verweichlichtes Menschenfleisch lustvoll verzehrt.

Dann wären da noch diverse Krankheiten zu nennen, für die der Mensch in der Wildnis anfällig ist - Giardiasis, östliche Pferdeenzephalitis, Rocky-Mountain-Fleckfieber, Lymekrankheit, Ehrlichiosis, Bilharziose, Bruzellose und die bazilläre Ruhr, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Die östliche Pferdeenzephalitis, durch einen Moskitostich hervorgerufen, greift Gehirn und Zentralnervensystem an. Man kann von Glück sagen, wenn man den Rest seines Lebens im Sessel sitzend verbringen darf, mit Lätzchen um den Hals - im allgemeinen ist die Krankheit tödlich.

Ein Gegenmittel ist nicht bekannt. Nicht weniger interessant ist die Lymekrankheit, die durch den Biß einer winzigen Rotwildzecke übertragen wird. Unentdeckt kann das Virus jahrelang im menschlichen Körper schlummern, bis es sich in einem wahren Inferno Bahn bricht. Diese Krankheit ist etwas für Leute, die es wirklich wissen wollen. Zu den Symptomen zählen - ohne Garantie auf Vollständigkeit - Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände, Fieberanfälle, Schüttelfrost, Kurzatmigkeit, Schwindelgefühl, stechende Gliederschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Gesichtslähmung, Muskelzuckungen, schwere geistige Schäden, Verlust der Kontrolle über Körperfunktionen und - was niemanden überraschen wird - chronische Depression.

Hinzu kommt die kaum bekannte Familie der Organismen, die man als Hantaviren bezeichnet. Sie tummeln sich mit Vorliebe in den Mikroschwaden, die sich über Mäuse- und Rattenkot bilden, und werden in die menschlichen Luftwege eingesogen, wenn der Betreffende versehentlich eine der Atemöffnungen in die Nähe hält - indem er sich beispielsweise auf ein Schlafpodest bettet, unter dem kürzlich ein paar Mäuse herumgetollt sind. 1993 kamen durch eine einzige Hantavirusepidemie im Südwesten der Vereinigten Staaten 32 Menschen ums Leben, und im Jahr darauf forderte die Krankheit ihr erstes Opfer auf dem AT. Ein Wanderer hatte sie sich in einer "nagetierbefallenen Schutzhütte" zugezogen, wobei gesagt werden muß, daß alle Schutzhütten auf dem Appalachian Trail von Nagetieren befallen sind. Von den bekannten Viren garantieren nur noch die Tollwut, das Ebolavirus und das HIV einen sicheren Tod. Auch für das Hantavirus gibt es kein Gegenmittel.

Zu guter Letzt gibt es immer noch die Möglichkeit, ermordet zu werden - wir leben schließlich in Amerika. Seit 1974 sind mindestens neun Wanderer auf dem AT ermordet worden, wobei die tatsächliche Zahl schwankt, je nachdem, welche Quelle man konsultiert und was man unter dem Wort Wanderer versteht.

Während ich den AT entlangwanderte, starben jedenfalls zwei Frauen.

Aus diversen praktischen Gründen, die im wesentlichen mit den langen, zermürbenden Wintern im nördlichen New England zu tun haben, stehen jedes Jahr nur entsprechend wenige Monate zum Wandern zur Verfügung. Beginnt man die Wanderung im Norden, am Mount Katahdin in Maine, muß man bis Ende Mai, Anfang Juni abwarten, damit aller Schnee geschmolzen ist. Beginnt man dagegen in Georgia und arbeitet sich Richtung Norden vor, gilt es, die Wanderung zeitlich so zu legen, daß man vor Mitte Oktober, wenn der erste Schneefall einsetzt, am Ziel angelangt ist. Die meisten wandern mit Beginn des Frühjahrs von Süden nach Norden und halten idealerweise immer einen Vorsprung von einigen Tagen vor der schlimmsten Hitze und den lästigen und Krankheiten übertragenden Insekten ein. Ich beabsichtigte, Anfang März im Süden aufzubrechen und rechnete sechs Wochen für die erste Etappe.

Die Frage nach der exakten Länge des Appalachian Trail bleibt ein interessantes Rätsel. Der U.S. National Park Service, der sich immer wieder durch diverse Ungereimtheiten hervortut, bringt es fertig, die Länge des Weges in einem einzigen Prospekt mal mit 3.468 Kilometer, mal mit 3.540 Kilometer anzugeben. Die Appalachian Trail Guides, der offizielle Wanderführer, ein Schuber mit elf Büchlein, von denen jedes einen bestimmten Bundesstaat oder einen Abschnitt behandelt, spricht nach Belieben von 3.450, 3.455, 3.474 und einmal von "über 3459 Kilometern". Die Appalachian Trail Conference legte 1993 die Länge des Wanderwegs auf genau 3.454,6 Kilometer fest, ging dann für ein paar Jahre zu der vagen Angabe "mehr als 3.460 Kilometer" über und kehrte erst kürzlich selbstbewußt zu der präzisen Angabe von 3.467,4 Kilometern zurück. Ebenfalls 1993 gingen drei Leute die gesamte Strecke mit einem Meßrad ab und kamen auf eine Distanz von 3.483,97 Kilometern. Ungefähr zur gleichen Zeit ergab eine sorgfältige Überprüfung, die auf Karten der U.S. Geological Survey basierte, eine Gesamtlänge von 3.408,98 Kilometern.

Eins ist sicher: es ist ein langer Wanderweg, und er ist, egal, an welchem Ende man startet, weiß Gott nicht leicht. Die Gipfel entlang des Appalachian Trail sind nicht gewaltig, im Vergleich zu den Alpen etwa - der höchste, Clingmans Dome in Tennessee, erreicht gerade mal 2.042 Meter -, aber sie wollen dennoch erklommen werden, und es bleibt nicht bei einem Berg. Mehr als 350 Gipfel am AT sind über 1.500 Meter hoch, und in der Umgebung befinden sich noch einmal tausend weitere. Insgesamt veranschlagt man etwa fünf Monate und fünf Millionen Schritte, um von einem Ende des Trails zum anderen zu kommen.

Natürlich muß man alles, was man unterwegs braucht, auf dem Rücken mitschleppen. Für andere mag das selbstverständlich sein, aber für mich war es ein kleiner Schock, als mir klar wurde, daß eine Wanderung entlang des AT nicht im entferntesten mit einem gemächlichen Spaziergang in den englischen Cotswolds oder im Lake District zu vergleichen ist, zu dem man mit einer Provianttasche aufbricht, die ein Lunchpaket und eine Wanderkarte enthält, und von dem man am Ende des Tages in eine gemütliche Herberge zurückkehrt, zu einem heißen Bad, einem herzhaften Abendessen und einem weichen Bett. Auf dem AT schläft man draußen und kocht sich sein Essen selbst. Kaum einem gelingt es, das Gewicht des Rucksacks auf weniger als 18 Kilogramm zu reduzieren, und wenn man so viel mit sich herumschleppt, spürt man jedes einzelne Gramm, das kann ich Ihnen versichern. 3.000 Kilometer zu wandern ist eine Sache, 3.000 Kilometer mit einem Kleiderschrank auf dem Rücken sind etwas ganz anderes.

Eine erste Ahnung davon, was für ein waghalsiges Unternehmen das werden würde, bekam ich in unserem Dartmouth Co-Op, als ich dort hinging, um mir eine Ausrüstung zu kaufen.

Mein Sohn hatte gerade angefangen, nach der Schule in dem Laden zu jobben, ich hatte also strengste Anweisung, mich gut zu benehmen. Vor allem sollte ich nichts Blödes sagen oder tun, nichts anprobieren, wozu ich meinen Bauch hätte entblößen müssen, nicht sagen: "Wollen Sie mich verarschen?", wenn mir der Preis eines Artikels genannt würde, betont unaufmerksam tun, wenn mir ein Verkäufer die richtige Pflege oder Nachbehandlung eines Produktes erläuterte, und unter gar keinen Umständen irgend etwas Unpassendes anziehen, zum Beispiel eine Skimütze für Damen aufsetzen, nur so aus Spaß.

Ich sollte nach einem gewissen Dave Mengle fragen, weil er große Abschnitte des Weges selbst gegangen war und so etwas wie ein wandelndes Lexikon in Sachen Outdoor-Bekleidung sein sollte. Mengle entpuppte sich als ein freundlicher, rücksichtsvoller Mensch, der schätzungsweise vier Tage lang ununterbrochen und mit großem Interesse über jeden Aspekt einer Wanderausrüstung dozieren konnte.

Ich war noch nie so beeindruckt und gleichzeitig so verwirrt worden. Wir gingen einen ganzen Vormittag lang sein Lager durch, und Dave konnte dabei Sätze loslassen wie etwa folgenden:
"Der hier hat einen 70 Denier, verschleißresistenten Reißverschluß mit hoher Dichte und Doppelzwirnnaht. Andererseits, und in dem Punkt will ich ehrlich zu Ihnen sein" - wobei er sich zu mir hinüberbeugte, seine Stimme senkte und einen freimütigeren Ton anschlug, als wollte er mir eröffnen, besagter Reißverschluß sei einmal zusammen mit einem Matrosen auf einer öffentlichen Bedürfnisanstalt verhaftet worden -, "die Nähte sind bandisoliert statt diagonal versetzt, und das Vestibül ist ein bißchen eng."

Da ich beiläufig erwähnt hatte, daß ich in England ein bißchen gewandert sei, unterstellte er mir eine gewisse Kompetenz. Ich wollte ihn nicht beunruhigen oder enttäuschen, so daß ich, als er mich fragte, "Was halten Sie eigentlich von Kohlenstoffasern?"

nur mit einem mitleidigen Lächeln den Kopf schüttelte, angesichts dieses heiklen Dauerthemas, und antwortete: "Wissen Sie, Dave, ich bin in dem Punkt immer noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Was meinen Sie?"

Gemeinsam diskutierten wir über Kompressionsriemen, erwogen ernsthaft die relativen Vorteile von Schneeschürzen, Klettverschlüssen, Lastentransferausgleich, Belüftungskanälen, Gewebeschlaufen und Kopfmulden für größere Bewegungsfreiheit.

Das wurde bei jedem Artikel durchexerziert. Selbst bei einem Kochgeschirr aus Aluminium ließen sich Überlegungen hinsichtlich Gewicht, Kompaktheit, Thermodynamik und allgemeiner Nützlichkeit anstellen, die den Verstand stundenlang beschäftigen konnten. Zwischendurch bot sich immer wieder Gelegenheit, über das Wandern ganz allgemein zu plaudern, was sich jedoch auf die Risiken beschränkte, als da wären Steinschlag, Begegnungen mit Bären, Kocherexplosionen und Schlangenbisse, die Dave mit einem verschleierten Blick hingebungsvoll beschrieb, bevor er sich wieder dem eigentlichen Thema widmete.

Wie gesagt, er redete viel, besonders viel über Gewicht. Mir erschien es eine Idee zu pingelig, einen bestimmten Schlafsack einem anderen vorzuziehen, weil dieser ein paar Gramm leichter war, aber immer mehr Ausrüstungsgegenstände türmten sich um uns herum auf, und immer deutlicher wurde mir vorgeführt, wie aus vielen Gramm ganz allmählich ein Kilo wird. Ich hatte nicht damit gerechnet, so viel zu kaufen - ich besaß bereits Wanderschuhe, ein Schweizer Offiziersmesser und eine Kartentasche aus Plastik, die man an einer Kordel um den Hals trug; ich dachte, ich sei eigentlich bestens ausgestattet - aber je länger ich mit Dave redete, desto klarer wurde mir, daß ich dabei war, mich für eine Expedition auszurüsten.

Was mich dann wirklich schockierte, war zum einen, wie teuer alles war - jedesmal, wenn Dave ins Lager sprang oder loszog, um das Gewicht des Gewebes in der Maßeinheit Denier zu überprüfen, warf ich einen verstohlenen Blick auf die Preisschildchen und war ausnahmslos entsetzt - und zum anderen, daß jeder Ausrüstungsgegenstand unweigerlich den Erwerb eines weiteren erforderlich machte. Wenn man einen Schlafsack kaufte, brauchte man einen Packbeutel für den Schlafsack. Der Packbeutel kostete 29 Dollar. Für diese Nötigung hatte ich zunehmend weniger Verständnis.

Als ich mich schließlich nach reiflicher Überlegung für einen Rucksack entschieden hatte - einen sehr hochwertigen Gregory, vom Allerfeinsten, nach dem Motto: es bringt nichts, hier zu knausern -, fragte Dave: "Was für Gurte wollen Sie dazu haben?"

Leseprobe zu "Picknick mit Bären" von Bill Bryson

18. Kapitel (S. 255-256)

Am Nachmittag des 12. April 1934 hatte Salvatore Pagliuca, ein Meteorologe der Wetterstation auf dem Gipfel des Mount Washington, ein Erlebnis, das niemand vor ihm je gehabt hatte und seitdem auch nie wieder jemand gehabt hat. Auf dem Mount Washington ist es, milde ausgedrückt, gelegentlich etwas stürmisch, und an jenem 12. April wehte ein besonders heftiger Wind. In den vorangegangenen 24 Stunden war die Windgeschwindigkeit nicht unter 170 Stundenkilometer gefallen, in den Böen lag sie zeitweilig sogar noch darüber. Als es Zeit wurde für Pagliuca, wie jeden Nachmittag die Anzeigen an den Meßgeräten abzulesen, war der Wind so stark, daß er sich ein Seil um die Taille band und zwei Kollegen bat, das andere Ende festzuhalten.

Die Männer hatten bereits Schwierigkeiten, die Tür zur Wetterstation aufzukriegen, und brauchten ihre ganze Kraft, damit ihnen Pagliuca nicht als lebender Drachen davonflog. Wie es ihm gelang, an seine Instrumente heranzukommen und die Werte abzulesen, ist nicht überliefert, auch nicht seine Worte, als er schließlich wieder in die Station getorkelt kam, aber »Wahnsinn! « scheint mir sehr wahrscheinlich. Fest steht jedenfalls, daß Pagliuca eine Bodenwindgeschwindigkeit des Windes von 371 Stundenkilometer gemessen hatte.

Ein solches Tempo war nie zuvor auf der ganzen Welt registriert worden. In seinem Buch The Worst Weather: A History of the Mount Washington Observatory bemerkt William Lowell Putnam dazu trocken: »Vielleicht gibt es gelegentlich irgendwo an einem gottverlassenen Ort auf dem Planeten Erde schlechteres Wetter, aber das muß erst noch korrekt gemessen werden.« Zu den Rekorden der Wetterstation auf dem Mount Washington kommen noch weitere hinzu: die meisten zerstörten Wettermeßinstrumente, der meiste Wind innerhalb von 24 Stunden (fast 5.000 Kilometer insgesamt), und die extremste Windkälte (eine Kombination aus einer Windgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern und einer Außentemperatur von – 40 Grad Celsius; das wird selbst in der Antarktis nicht übertroffen).

Der Mount Washington verdankt seine extremen Wetterverhältnisse nicht so sehr der Höhe oder dem Breitengrad, obwohl beide Faktoren eine Rolle spielen, sondern vielmehr seiner Lage an einer Stelle, wo zwei von ihrer Höhe bestimmte Wettersysteme aus Kanada und von den Großen Seen auf feuchte, relativ warme Luft vom Atlantik beziehungsweise aus dem Süden der Vereinigten Staaten treffen. In der Folge fallen im Jahresdurchschnitt 625 Zentimeter Schnee. Während eines besonders denkwürdigen Sturms im Jahr 1969 fielen innerhalb von drei Tagen zweieinhalb Meter Schnee auf dem Gipfel.

Der Wind ist ein zusätzliches, spezielles Merkmal: Im Winter weht er an zwei von drei Tagen mit durchschnittlicher Hurrikanstärke (das sind 120 Stundenkilometer); auf das ganze Jahr gerechnet, bläst er an 40 Prozent aller Tage mit dieser Geschwindigkeit. Wegen der Dauer und der Strenge des Winters beträgt die durchschnittliche Jahrestemperatur schlappe – 2 Grad Celsius. Das sommerliche Mittel liegt bei etwa zehn Grad Celsius, gute fünf Grad niedriger als am Fuß des Berges.

Es ist ein grausamer Berg, aber dennoch steigen die Menschen hinauf, manche sogar im Winter. In ihrem Buch Into the Mountains berichten Maggie Stier und Ron McAdow von zwei Studenten der University of New Hampshire, Derek Tinkham und Jeremy Haas, die sich vorgenommen hatten, im Januar 1994 den gesamten Presidential Range abzugehen – sieben Gipfel, einschließlich des Mount Washington, die alle nach amerikanischen Präsidenten benannt sind.

Beide waren erfahrene Winterwanderer und verfügten über eine gute Ausrüstung, trotzdem hätten sie sich niemals vorstellen können, worauf sie sich da eingelassen hatten. In der zweiten Nacht stieg die Windgeschwindigkeit auf 145 Stundenkilometer, und die Temperatur sank auf – 35 Grad Celsius. Ich habe – 30 Grad Celsius erlebt, bei ruhigen Verhältnissen wohlgemerkt, und ich kann nur sagen, selbst wenn man gut eingepackt ist und noch Restwärme von der Hütte in sich hat, kann es sehr schnell sehr ungemütlich werden.

Kundenbewertungen zu "Picknick mit Bären" von "Bill Bryson"

5 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 5 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von schulkindmama am 23.05.2011 ***** ausgezeichnet
zum brüllen komisch - bill bryson besticht verlässlich durch sachwissen, das er in urkomische texte packt. die beschreibung seiner wanderung am appalachian trail schreit nach einer verfilmung!

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Bewertung von Raingard Karpf aus Kronbergstr. 27, 97078 Würzburg am 23.02.2002 ***** ausgezeichnet
Eine unwiderstehliche Kombination aus Information und Humor, pures Lesevergnügen. Man würde am Ende des Buches gerne weiter lesen.
Genauso witzig: Streiflichter aus Amerika

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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 03.11.2001 ***** ausgezeichnet
Endlich mal ein Autor, der sich in seinem "Abenteuerbericht " nicht ständig selber feiert und erzählt wie tough er ist. Man muss kein Übermensch sein, um ein paar Wochen in der Wildnis zu leben. Bryson zeigt, dass es ganz normal ist wenn man jeden Knochen spürt, einem das Rascheln im Gebüsch manchmal gespenstisch vorkommt und man ab und zu für einen Burger morden würde. Danke!

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Bewertung von Ruwen Noltenhans aus Sankt Augustin am 03.08.2001 ***** ausgezeichnet
Zum Kranklachen und Lernen! Wirklich super! Ein sachlicher, humorvoller Reisebericht, der Einblicke in die Ausbeutung und Vernachlässigung der Natur wie die Qualen, Abenteuer und Begegnungen eines begeisterten Wanderers gibt. Klasse!

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Bewertung von Wolfgang Häusler aus Hamburg am 13.07.2000 ***** ausgezeichnet
Ein witzig, ironischer Reisebericht mit wertvollen historischen Informationen zum Apalachian Trail.
Ergreifend geschrieben; aber wer das Buch liest, dem tun eher die Füße und der Rücken als die Augen weh.

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