Leseprobe zu "Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für..."
1.2 Zu Inhalt und Aufbau dieses Buches
Dieses Buch setzt bei den Lesern voraus, dass sie mit Grundlagen der Psychotraumatologie, wie in "Imagination als heilsame Kraft" und "Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT). Das Manual" bereits ausgeführt, schon etwas vertraut sind. Auch gehen wir davon aus, dass interessierte Kinder- und Jugendlichentherapeuten mit einer Therapieausbildung über einen Wissensstand verfügen, der eine Erläuterung von Grundlagenbegriffen der psychodynamisch orientierten Kinder-, Jugendlichen- sowie Familientherapie in diesem Buch erübrigt. Wir haben uns bemüht, den Text dennoch so zu gestalten, dass auch der interessierte Laie das Buch lesen und grundsätzlich verstehen kann.
Entsprechend den Überlegungen aus der Einführung haben wir uns für folgendes Vorgehen des manualisierten Teils des Textes entschieden. Grundsätzlich orientieren wir uns an den Themen des Manuals, auch inhaltliche Überlegungen von "Imagination als heilsame Kraft" fließen da ein, wo es sinnvoll ist. Redundanzen mit dem Erwachsenenmanual haben wir bewusst an den Stellen in Kauf genommen, wo uns eine Wiederholung der Themen besonders wichtig erschien. Wir bitten hier die kundigen LeserInnen um Geduld. Weiter werden wir entlang einer entwicklungspsychologischen Betrachtung die Themen behandeln. Alterstypische Ressourcen werden berücksichtigt.
Den Ausführungen für den Umgang mit dem betroffenen Kind werden kursorische Ausführungen über den Umgang mit der Familie und dem weiteren sozialen Umfeld angefügt. Therapeutisches Handeln sollte immer das reale Leben der Patienten integrieren. Viele Therapeuten neigen zu einem begrenzten Interesse an der Wahrnehmung anderer Lebensbereiche des Patienten. Einige familientherapeutische Schulen schlagen deshalb sogar vor, Familien im Behandlungsverlauf wenigstens einmal im häuslichen Umfeld aufzusuchen. Wichtige Details der Realität können so "sichtbar" werden. Patienten erzählen für sie selbstverständliche Dinge nicht spontan, wir müssen gelegentlich aktiv die Welt der Patienten erkunden.
Wir werden im Text der Einfachheit halber oft den Begriff "Eltern" verwenden, auch wenn wir wissen, dass oftmals gerade beziehungstraumatisierte Kinder bei "Ersatzeltern" aufwachsen. Für die therapeutische Praxis und die Kinder selbst hat sich aber ohnehin bewährt, als "Mama und Papa" anzusprechen, was sich auch so "anfühlt". Jugendliche werden von mir (A. K.) in der Regel ab dem Alter von 16 Jahren gesiezt. In den Ausführungen werden alle Kinder und Jugendlichen der Einfachheit halber geduzt, was viele Kinder- und Jugendlichentherapeuten bis zum Erwachsenenalter ohnehin tun.
Neben systemischen werden auch bindungsrelevante Aspekte dort behandelt, wo es uns sinnvoll erschien.
Wir wenden uns in unseren Ausführungen vornehmlich Kindern zu, die über kommunikative Fähigkeiten verfügen, die auch eine (einfache) verbale Auseinandersetzung zwischen den Parteien ermöglicht. Wir beschäftigen uns also mit Kindern ab dem Alter von etwa drei Lebensjahren, wobei bei diesen Kindern die Elternpersonen z. T. direkt in die Therapiestunde mit einbezogen werden. In diesem Alter sind die sogenannten expliziten Gedächtnisfunktionen so weit entwickelt, dass autobiografische Erlebnisinhalte mit einem Zeitbezug gespeichert werden können. Bereits ab dem zweiten Lebensjahr sind mittels der expliziten Gedächtnisfunktionen Erinnerungen zwar im Sinne von szenischen Sequenzen und Lerninhalten möglich, werden aber normalerweise nicht bewusstseinsfähig.
Jüngere Kinder, also Säuglinge und Kleinkinder, werden in für sie konzeptualisierten Behandlungseinrichtungen gemeinsam mit den Bezugspersonen kompetent behandelt. Dies geschieht beispielsweise in den vielerorts vertretenen Eltern-Säuglings- und Kleinkind-Beratungsstellen oder kinderpsychosomatischen Ambulanzen nach Standards, die sich u. a. aus den Erkenntnissen der Bindungsforschung ergeben. Bei krisenhaften Entwicklungen im ersten Lebensjahr wird die Störung hier in der Regel eher unter bindungstheoretischen Gesichtspunkten verstanden. Frühe Bindungsstörungen und allgemein anerkannte traumapsychologische ätiopathogenetische Überlegungen weisen konzeptuelle Überschneidungen auf, die hinsichtlich der therapeutischen Konsequenzen für das zu versorgende Kind kompatibel erscheinen. (Zum Thema empfehlen wir das Buch von K. H. Brisch und T. Hellbrügge "Bindung und Trauma" [2005, s. a. 2003].) Eine intensive Betreuung der Elternpersonen steht hier im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit. Eigene traumatische Erfahrungen der Elternpersonen spielen z. B. im Zusammenhang mit dem Vorhandensein von dissoziativen Störungen bei diesen eine erhebliche Rolle hinsichtlich der Beelterungskompetenzen. Wo die Bindungsforschung seit Jahren wissenschaftlich den Zusammenhang von elterlichem Störungsbild und Symptomatik beim Kind in direkten Zusammenhang bringt, wird bei älteren Kindern eher eine individualpsychologische Perspektive eingenommen und der direkte Einfluss elterlicher Haltungen, Affekte und Verhaltensweisen mit Einfluss auf die kindliche Symptomatik eher vernachlässigt. Auch hier sehen wir eine wichtige Funktion traumazentrierter familientherapeutischer Arbeit, die in einer späteren Veröffentlichung dargelegt werden wird.
Wir sind uns bewusst, dass insbesondere Kinder im Alter von ein bis drei Jahren wiederum nicht ausreichend Würdigung für ihre Probleme durch chronisch traumatisierende Lebensumstände erhalten. Zwar verfügen wir über einige Erfahrung auch im Umgang mit diesen Kindern und ihren Begleitern. Dieses Thema berührt aber in stärkerem Maße die Kooperation mit der stationären Jugendhilfe, die bei gesicherten Fällen von Beziehungsgewalt im nahen sozialen Umfeld die elterliche Sorge für das Kind vom Familiengericht übertragen bekommt. Eine Kooperation mit therapeutischen Einrichtungen ist hier eher selten. In diesem Fall wäre für die Zukunft eine engere Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Therapeuten zu wünschen. Es gibt erfreuliche Ansätze einer traumapsychologisch fundierten Pädagogik, in der theoretisch-praktische Überlegungen der Traumapsychologie und Psychotherapie einfließen (Weiß, 2006).
Das Buch hat Begrenzungen, die sich dadurch ergeben, dass grundsätzlich alle Aspekte einer differenzierten Betrachtung für jede Entwicklungsphase bedürften. Das würde den Rahmen dieses Buches aber sprengen, sodass wir uns auf besonders wichtige Aspekte beschränkt haben, deren Ausführungen zulassen, auf andere Altersstufen übertragen zu werden.
Wir hoffen, mit dieser Einteilung den besonderen Bedürfnissen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen angemessen Rechnung getragen zu haben. Die Arbeit mit traumatisierten Kindern bedarf noch intensiver klinischer Entwicklungen, die durch Forschung begleitet werden sollte. [...]
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