"Eine ungewöhnlich mutige Frau, die in den letzten Jahren fast als Einzige die Wahrheit über den Krieg in Tschetschenien berichtet hat." (ZDF / aspekte)<br/><br/>"Anna Politkovskajas Material ist das Gegenteil dessen, was der Kreml alle Welt glauben machen möchte. Dass die Armee im Kaukasus einen gerechten Krieg gegen islamistische Fundamentalisten führe ..." (Neue Zürcher Zeitung)
 | Besprechung von 17.03.2003 |
Kriegsgewinnler auf dem Vormarsch
Russische Militärs,Verwaltungsbeamte und Rebellen bereichern sich
im besetzten Tschetschenien mit aller Macht
Am 23. März soll in Tschetschenien ein Referendum über eine neue
Verfassung der Kaukasus-Republik abgehalten werden. Offensichtlich
soll die Abstimmung die Sicht Moskaus unterstreichen, dass die im
August 1999 begonnene „Antiterror-Operation” erfolgreich verlaufen
ist und die „Befriedung” zügig voranschreitet. Von alledem kann
allerdings keine Rede sein, wie die russische Journalistin Anna
Politkovskaja eindringlich in ihrem Buch beschreibt.
Vermutlich gibt es keine bessere Kennerin der Hintergründe des
Krieges als die Autorin. Sie hat über ihn von Anfang für eine der
wenigen (noch) nicht gleichgeschalteten Zeitungen in Russland, die
„Nowaja Gaseta”, berichtet. Immer wieder fährt sie in das besetzte
Tschetschenien und überführt die offizielle Darstellung der Lüge.
Bei den russischen Truppen ist sie deswegen verhasst, einmal wurde
sie fast erschossen, in Moskau wird sie mit Morddrohungen
verfolgt.
Das düstere Bild, das sie zeichnet, unterstreicht, wie weit die
Verhältnisse in Tschetschenien …
 | Besprechung von 21.07.2003 |
Putin und TschetschenienDer verheerende Kriegszustand in der KaukasusrepublikAnna Politkovskaja: Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg. Mit einem Vorwort von Dirk Sager. Dumont Literatur und Kunstverlag, Köln 2003. 336 Seiten, 16,90 Euro.
Wer spricht schon noch von Tschetschenien? Wladimir Putin, der kurz nach Beginn des zweiten russischen Waffengangs gegen die kleine Kaukasusrepublik vor mittlerweile dreieinhalb Jahren als Präsident in den Kreml eingezogen und damit zugleich zum obersten Kriegsherrn des Landes geworden war, braucht sich längst nicht mehr darum zu sorgen, auf der internationalen Bühne mit kritischen Fragen nach den dortigen Geschehnissen belästigt zu werden. Im Gegenteil. Hat er die Tschetschenen nicht erst kürzlich über eine neue Verfassung zur Regelung der künftigen Beziehungen zwischen Moskau und Grosnyj abstimmen lassen? Und ist von der russischen Staatsduma nicht jüngst eine Teilamnestie für tschetschenische Rebellen beschlossen worden? Nein, für Putin stellt der Krieg, seit er ihn unwidersprochen als Kampf gegen den transnationalen Terrorismus ausgeben kann, außenpolitisch keine Bürde mehr …
perlentaucher.de<br /> Dieser Krieg macht wesentlich weniger von sich reden, obwohl er wesentlich mehr Opfer forderte als der Irak-Krieg. Ein "investigatives Meisterstück" habe die couragierte russische Journalistin Anna Politkovskaja mit ihrem Buch "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg" geschrieben, befindet die "Zeit". Dabei hat sie ein "Schwarzbuch in drei Teilen" vorgelegt. Das erste Kapitel beschreibe den Kriegsalltag, das zweite die Auswirkungen des Krieges auf Russen und Tschetschenen, und im dritten Teil frage Politkovskaja nach der Zukunft Tschetscheniens. Wer dieses Buch gelesen habe, glaube nicht mehr an die offizielle russische Darstellung, der Tschetschenienkrieg sei eine "antiterroristische Aktion" gegen islamische Fundamentalisten, versichert Marius Zippe in der "Zeit". "Die Wahrheit über den Krieg" dürfte Russlands Präsident Putin, der sich derzeit mit Gerhard Schröder offiziell um den Frieden sorgt, gar nicht gefallen", vermutet dagegen Barbara Oertel in der "taz".<br/><br/>literaturtest.de<br /> Mahnung an den Westen<br /> Ein vergessenes Land: Tschetschenien wird von der Weltöffentlichkeit nur noch selten wahrgenommen, etwa bei schrecklichen Ereignissen wie der Geiselnahme in einem Moskauer Theater. Das kleine Gebiet im Kaukasus, etwa so groß wie Thüringen, hatte 1991 seine Unabhängigkeit von Russland erklärt. Heute erlebt es, wie die russische Journalistin in ihrem Buch schreibt, "einen Staatsterror, der einen nichtstaatlichen Terror bekämpfen will".<br /> Elend ohne Ende<br /> Putin und seine Generäle hatten Lehren aus dem misslichen Ausgang des ersten Krieges (1994-1996) gezogen. Die wichtigste war wohl, dass der 1999 begonnene zweite Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte, so Dirk Sager, Moskau-Korrespondent des ZDF, im Vorwort des Buches. Jede Berichterstattung wurde konsequent, mitunter brutal unterbunden. Wer es, wie die Autorin, dennoch versucht, muss sich nach Verhaftung und späterer Freilassung zum Abschied von einem Oberstleutnant des 45. russischen Luftlanderegiments sagen lassen: "Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dich erschossen."<br /> Terror und Antiterror<br /> Hier geht es vor allem um Menschen, die Schreckliches erleiden, Terror, Folter, Plünderung, Erniedrigung. Russlands Präsident Putin sieht seine 100.000-Mann-Armee in Tschetschenien in einer Linie mit der Antiterror-Koalition des amerikanischen Amtskollegen Bush. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Reaktion des Westens auf das Sterben im Kaukasus so matt ausfällt. Wer das Buch von Anna Politkovskaja gelesen hat, bringt dafür allerdings kein Verständnis mehr auf.<br /> (Mathias Voigt)<br/><br/>"Eine ungewöhnlich mutige Frau, die in den letzten Jahren fast als Einzige die Wahrheit über den Krieg in Tschetschenien berichtet hat." (ZDF / aspekte)<br/><br/>"Anna Politkovskajas Material ist das Gegenteil dessen, was der Kreml alle Welt glauben machen möchte. Dass die Armee im Kaukasus einen gerechten Krieg gegen islamistische Fundamentalisten führe..." (Neue Zürcher Zeitung)<br/><br/>
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Bewundernswert findet der Rezensent Marius Zippe die Anklageschrift Anna Politkovskajas gegen den Tschetschenienkrieg: nicht nur weil das Buch ein "investigatives Meisterstück" sei, sondern auch, weil sich die Autorin durch ihre Recherchen teilweise in Lebensgefahr begeben habe. Politkovskaja hat ein "Schwarzbuch in drei Teilen" vorgelegt, erklärt Zippe. Das erste Kapitel beschreibe den Kriegsalltag, das zweite die Auswirkungen des Krieges auf Russen und Tschetschenen, und im dritten Teil frage Politkovskaja nach der Zukunft Tschetscheniens. Wer dieses Buch gelesen habe, glaube nicht mehr an die offizielle russische Darstellung, der Tschetschenienkrieg sei eine "antiterroristische Aktion" gegen islamische Fundamentalisten. Zippe lobt aber nicht nur die inhaltlich präzise Darstellung dieses vergessenen Krieges. Politkovskajas Reportagen widerstehen seiner Ansicht nach auch der Versuchung einer oberflächlichen Zuweisung von Täter- und Opfer-Rollen. Gerade dass sie nicht von "der" Armee, "den" Rebellen oder "der" Zivilbevölkerung spreche, macht dieses Werk für den Rezensenten so überzeugend.
© Perlentaucher Medien GmbHAnna Politkowskaja wurde 1958 geboren. Sie war die bekannteste russische Journalistin, mit ihren Berichten und Reportagen über Tschetschenien erlangte sie Berühmtheit und wurde dafür mit zahlreichen Preisen geehrt: 2001 erhielt sie den Preis der russischen Journalistenunion und 2005 den Olof-Palme-Preis sowie den Leipziger Medienpreis.
Sie arbeitete für die Moskauer Zeitung 'Nowaja Gaseta' und verbrachte seit dem Anfang des zweiten Tschetschenien-Krieges im September 1999 viele Monate als Korrespondentin in der Kaukasus-Republik. Am 7. Oktober 2006 wurde Anna Politkowskaja in Moskau erschossen.
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