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Insgesamt 122 Bewertungen
Bewertung vom 10.07.2017
Der Brief
Hagebölling, Carolin

Der Brief


ausgezeichnet

Die Journalistin Marie, die mit ihrer Lebensgefährtin Johanna in Hamburg lebt, findet eines Tages einen Brief in ihrem Postkasten. Adressiert auf ihren Namen, jedoch mit einer Pariser Adresse. Etwas irritiert öffnet sie ihn und stellt fest, dass er von ihrer alten Schulfreundin Christine ist, die über Gott und die Welt und über Marie und ihrem Mann Victor, so wie deren gerade geborenes Kind schreibt. Auch von Maries Galerie in Paris ist die Rede und einer überstandenen Krankheit. Christine selbst schreibt von ihren beiden Kindern, ihrem Mann und ihrem Leben in Berlin. Dabei weiß Marie ganz sicher, dass Christine ihre alte Heimat nie verlassen hat.

Ein Besuch Maries bei ihrer Freundin stiftet eher noch mehr Verwirrung, als dass er Aufschlussreiches zutage bringt, denn Christine hält das Ganze für einen grausamen Scherz, da sie das zweite Kind damals vorher verloren hat und niemand davon weiß. Aber wer, wenn nicht Christine hat diesen Brief geschrieben und warum? Marie möchte der ganzen Sache auf die Spur kommen und macht sich auf den Weg nach Paris und trifft dort tatsächlich auf Victor. Und zu ihrem Schrecken muss sie feststellen, dass ihr alles so vertraut vorkommt und sie plötzlich fließend französisch spricht …

Mich hat zunächst die Aufmachung des Covers von Carolin Hageböllings Roman angesprochen. Es sieht aus wie die Vorderseite einer Postkarte mit einem Pariser Motiv und der Buchtitel „Der Brief“ verleitet gleich zum Lesen des Klappentextes und genau dort hat die Falle dann zugeschnappt. Kein Thriller, sondern ein normaler Roman über die Frage der Realität und was wäre passiert, wenn? …

Der sehr angenehme und flüssig zu lesende Schreibstil der Autorin hat das Buch zu einer wundervollen Lektüre gemacht. Immer davon getrieben, erfahren zu müssen, was es mit dem Brief auf sich hat, habe ich Seite um Seite umgeblättert und mich mitreißen lassen von dem Spiel, das Carolin Hagebölling mit ihren Lesern treibt. Protagonisten, mit denen man mitfühlen - sie aber in der Ausführung ihrer Aktionen nicht immer verstehen kann. Mir ging es die ganze Zeit wie den Protagonisten, auf der Suche nach der Wahrheit, die letztlich doch keine ist oder? Am Ende bleibe ich mit weit mehr Fragen zurück und bin dennoch zufrieden mit der Geschichte, die die Autorin mir bietet. Mit dieser Realität habe ich, genau wie die Protagonisten am Ende, meinen Frieden gemacht und wurde dafür mit einigen Stunden absolutem Lesevergnügens belohnt. Daher von mir fünf Sterne für „Der Brief“ und eine Entschuldigung an die Leser meiner Rezension, dass ich mich etwas zurückhalte mit dem Schreiben über den Inhalt. Aber ich denke, hier wäre jedes weitere Wort einfach zu viel. Ich möchte keinen Leser um die wohlverdiente Spannung bringen ;-)

Bewertung vom 25.06.2017
Das Haus der schönen Dinge
Rehn, Heidi

Das Haus der schönen Dinge


sehr gut

München im Jahr 1897: Der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl hat sich mit der Eröffnung seines Kaufhauses Hirschvogl am Rindermarkt einen großen Traum erfüllt. Als Jacob zum Königlich Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, ist sein Glück perfekt. Er und seine Frau Thea investieren viel Zeit und Kraft, um der Kundschaft stets das Beste vom Besten zu präsentieren. Den Wunsch, einer ihrer Söhne möge das Haus irgendwann einmal weiterführen, erfüllt sich jedoch nicht. Dafür interessiert sich Tochter Lily umso mehr für das prunkvolle Kaufhaus und ist ihren Eltern eine sehr große Hilfe.

Doch die Zeit des Nationalsozialismus zeigt sehr deutlich, dass auch ein jüdischer Kaufmann keinen Sonderstatus besitzt und selbst einige seiner Stammkunden stellen sich plötzlich gegen ihn. Er sieht sich einer Mischung aus Neid, Hilflosigkeit und Wut gegenüber …

Neben dem Titel „Das Haus der schönen Dinge“ ist bereits das Cover ein echter Blickfang. Genau so habe ich mir das Kaufhaus Hirschvogl bei den ausschweifenden Beschreibungen der Autorin auch vorgestellt. Die bildhaften Beschreibungen über das Kaufhaus haben mir noch am besten gefallen. Egal ob es die überbordende Dekoration oder Beleuchtung war, das fulminante Warensortiment, die Soireen, die von Zeit zu Zeit stattfanden, das große Kinderkarussell oder die Rolltreppen, die im Lichthof eröffnet wurden, waren – ich habe all das zusammen mit der Familie Hirschvogel genossen. Ich habe mich selbst mit staunendem Gesicht in der Menge der heranströmenden Kunden gesehen, als das Kaufhaus eröffnet wird. Und war ebenso fassungslos wie Lily, als sie 1952 vor den Trümmern des einstmals so imposanten Gebäudes steht.

Weit über 600 Seiten hat das neueste Werk von Heidi Rehn. Einige davon leider etwas zu langatmig und das an Stellen, wo ich mir eher weniger gewünscht hätte. Bei den Protagonisten habe ich diesen Tiefgang leider etwas vermisst. Es waren mehrere große Zeitsprünge vorhanden, bei denen ich lieber davon gelesen hätte, wie es den Protagonisten in der Zeit ergangen ist. Auch konnte ich das Handeln einiger Charaktere nicht ganz nachvollziehen, wie z. B. Bennos Weggang aus München und sein Verhältnis zu Wiggerl, denn so richtig bekannt hat er sich ja nie zu ihm.

Sehr hilfreich ist der vorne im Klappentext angegebene Stammbaum. Es tauchen aber noch weitaus mehr Charaktere in der Geschichte auf und es war nicht immer ganz einfach, die ganzen Namen zuzuordnen. Ich liebe Romane, die über mehrere Generationen hinweg spielen und Heidi Rehn überzeugt mit einem sehr bildhaften Schreibstil. Von mir gibt es vier Sterne für „Das Haus der schönen Dinge“.

Bewertung vom 05.03.2017
Perfect Girl - Nur du kennst die Wahrheit
MacMillan, Gilly

Perfect Girl - Nur du kennst die Wahrheit


sehr gut

Auf dem Rückweg von einer Party kommen an einem Winterabend drei Jugendliche ums Leben. Die Fahrerin des Wagens, Zoe Guerin, ist zum Unfallzeitpunkt erst 14 Jahre alt. Obwohl sie es bestreitet, Alkohol getrunken zu haben, fällt der Alkoholtest positiv aus. Sie verbüßt ihre Strafe im Jugendarrest und währenddessen geht die Ehe ihrer Eltern in die Brüche. Nun, drei Jahre später hat Zoes Mutter Maria einen neuen Lebensgefährten und zusammen mit dessen Sohn Lucas wohnt die Patchworkfamilie in Bristol. Zoe trägt nun den Nachnamen Maisey, weil Mutter und Tochter alles daran setzen, dass niemand sie mit diesem Unfall in Verbindung bringt. Als Zoe, die eine begabte Pianistin ist, eines Abends zusammen mit ihrem Stiefbruder ein Konzert gibt, steht plötzlich ein Mann aus dem Publikum auf und beginnt Zoe wüst zu beschimpfen. Es stellt sich heraus, dass es der Vater eines der ehemaligen Unfallopfer ist. Das Kartenhaus fällt in sich zusammen und die Vergangenheit hat die beiden Frauen wieder eingeholt. Nur Stunden später ist Zoes Mutter tot …

Mir hat „Perfect girl“ ganz gut gefallen. Als Thriller jedoch würde ich den Roman nicht unbedingt betiteln, denn dafür ist mir einfach zu wenig Spannung vorhanden. Gilly Macmillan lässt ihre Protagonisten die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Und es sind nicht wenige, die etwas zu sagen haben. Zu Wort kommen Zoe selbst, ihr Strafverteidiger, Zoes Tante Tessa und ihr Onkel Richard. Die Schilderungen lassen sich sehr flüssig lesen und auch der Schreibstil der Autorin hat mir zugesagt. Meiner Meinung nach werden viele Romane jedoch aus Werbezwecken künstlich aufgebauscht. „Perfect Girl“ hat das aber nicht nötig. Es handelt sich hier zwar nicht um einen Thriller, entwickelt aber nichtsdestotrotz seinen eigenen Charme und kann als Familienroman durchaus mithalten. Wer jedoch einen Thriller erwartet, wird eher enttäuscht sein.

Das Ende war für mich jetzt keine große Überraschung – eher, dass es so schnell abgehandelt wurde. Der Titelzusatz „Nur Du kennst die Wahrheit“ ist somit auch nur Mittel zum Zweck, um den Verkauf des Buches anzukurbeln. Spätestens nach 100 Seiten hat jeder Leser zumindest eine leise Ahnung, wohin die Reise geht.

Gilly Macmillan hat mich mit ihrem Roman sehr gut unterhalten und ich würde auch ihr nächstes Werk gerne wieder lesen. Von mir gibt es vier Sterne.

Bewertung vom 28.01.2017
Minus 18 Grad / Fabian Risk Bd.3
Ahnhem, Stefan

Minus 18 Grad / Fabian Risk Bd.3


ausgezeichnet

Eiskalt erwischt …

Der dritte Band aus der Fabian Risk-Reihe ist nichts für schwache Nerven. Nach einer wilden Verfolgungsjagd fährt ein Mann mit seinem Auto direkt ins Hafenbecken. Als der Tote geborgen wird, stellt sich bei der Obduktion heraus, dass er keineswegs erst gerade verstorben ist, sondern bereits vor über zwei Monaten und dass die Leiche tiefgefroren war, als das Auto im Wasser versank. Doch das deckt sich nicht mit den Aussagen eines Bankberaters und eines Maklers, mit denen der Tote ein paar Tage zuvor noch einen Termin gehabt haben soll. Das Team der schwedischen Polizei Helsingborg steht vor einem Rätsel und es bleibt nicht bei diesem einen sonderbaren Todesfall. Die Ermittler müssen schnell feststellen, dass hier ein Serienmörder am Werk ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Teamchefin Astrid Tuvesson ganz offensichtlich ein Alkoholproblem hat, seit der Trennung von ihrem Mann. Aber auch in der Ehe von Kommissar Fabian Risk kriselt es noch immer gewaltig und auch hier scheint eine Trennung ins Haus zu stehen.

Zeitgleich ermittelt in Dänemark die strafversetzte Polizistin Dunja Hougaard in mehreren Fällen von „Happy Slapping“, wo Menschen auf offener Straße misshandelt werden. Dies wird mit dem Handy gefilmt und anschließend ins Netz gestellt. Die Taten werden immer brutaler und finden schließlich ihren Höhepunkt in der Ermordung von Obdachlosen. Ihr ehemaliger Chef, der für ihre Strafversetzung verantwortlich ist, scheint seinen persönlichen Rachefeldzug gegen Dunja noch nicht eingestellt zu haben und intrigiert bereits bei ihrem neuen Chef. Dunja wird von dem Fall abgezogen, lässt sich krankschreiben und ermittelt schließlich auf eigene Faust weiter ..

Ich liebe die schwedischen Krimis, weil sie so herrlich melancholisch geschrieben sind. Auch in „Minus 18 Grad“ ist so ziemlich jeder Charakter problembehaftet und man stürzt als Leser von einem Extrem ins nächste. Die kurzen Kapitel und die dabei wechselnden Erzählstränge erhöhen die Spannung noch zusätzlich und Stefan Ahnhem lässt einen aufgrund des hohen Tempos gar nicht zu Atem kommen. Geschickt legt er Spuren, die in die Irre führen und die nicht nur die Ermittler, sondern auch mich verzweifeln ließen. Das Beste an einem Krimi ist immer noch, wenn der Leser sich an den Ermittlungen beteiligen kann. Das war hier definitiv gegeben.

Dieser Band ist ganz bestimmt nichts für zartbesaitete Leser, denn die Morde sind brutal und werden sehr detailliert beschrieben. Vorteilhaft ist, dass das Privatleben der Charaktere sehr viel Raum einnimmt und man sie noch besser kennenlernen kann. „Minus 18 Grad“ kann unabhängig von den anderen Bänden aus der Reihe gelesen werden. Ich würde dies jedoch nicht empfehlen, weil einfach zu viel aufeinander aufbaut. Der absolute Cliffhanger ist der Epilog. Wer diesen liest, für den ist der nächste Band automatisch ein „Muss“. Volle Punktzahl von mir für diesen rasanten Krimi.

Bewertung vom 01.01.2017
Nenne drei Hochkulturen: Römer, Ägypter, Imker
Greiner, Lena; Padtberg-Kruse, Carola

Nenne drei Hochkulturen: Römer, Ägypter, Imker


ausgezeichnet

Allgemeinunwissen

Schon die äußere Aufmachung des Buches fällt ins Auge. Wem der Titel des Buches bereits ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der ist mit dieser Lektüre bestens beraten. Spiegel Online ist für solche Bücher natürlich prädestiniert. Ich habe mich köstlich amüsiert über die Versprecher und Verschreiber, war aber schon etwas entsetzt über das Allgemein(un)wissen einiger Schüler – vor allen Dingen in den Oberstufen.

Interessant sind die Übelsetzungen von deutschen Sätzen ins Englische. Hier kommen die abenteuerlichsten Kombinationen zusammen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen, wenn man sie korrekt wieder ins Deutsche übersetzen würde. „I think I spider“ ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben. Die Ausreden der Schüler fand ich nun nicht so spektakulär und ich frage mich, wie Menstruationsbeschwerden eines Jungen als Entschuldigung durchgewunken werden. Ich war mir manchmal nicht so ganz sicher, ob alles sich tatsächlich so abgespielt hat wie beschrieben, oder aber ob an manchen Stellen etwas hinzugemogelt wurde. Aber egal, es ist auf alle Fälle witzig, was die Lehrer in ihrem Schulalltag so zu hören bekommen. Trotzdem möchte ich nicht tauschen, denn Lehrer haben es oft nicht leicht. Und wenn man manche Schülerantworten liest, kann man wohl schon mal verzweifeln.

Die 240 Seiten sind natürlich ganz fix gelesen. Trotzdem sollte man das Buch öfter mal zur Seite legen und es nicht in einem Rutsch durchlesen, sonst wird es schnell monoton. Die beiden Spiegel-Redakteurinnen lockern mit ihren lustigen Kommentaren das Ganze aber schon erheblich auf. „Nenne drei Hochkulturen“ eignet sich sehr gut als Mitbringsel, um jemandem eine kleine Freude zu bereiten. Viel mehr gibt es zu diesem Büchlein mit der Sprüchesammlung auch nicht zu sagen – außer, dass ich fünf Sterne vergebe.

Bewertung vom 22.11.2016
Die Säulen des Zorns
Wucherer, Bernhard

Die Säulen des Zorns


sehr gut

Staufen im Jahr 1649: Der Dreißigjährige Krieg ist zu Ende, aber die Pest hat den Menschen stark zugesetzt und die rund 300 verbliebenen Einwohner sind der Verzweiflung nahe. Das verödete Land gibt nichts mehr her und der Winter steht vor der Tür. Selbst bei der Familie des Kastellans Lodewig Dreyling von Wagrain sieht es nicht besser aus.

Um den Leuten wieder etwas von ihrem Lebensmut zurückzugeben, löst Reichsgraf Hugo von Königsegg sein vor Jahren gegebenes Versprechen ein und stiftet eine sehr wertvolle Fahne samt Umzug und einem dazugehörigen Festmahl für die noch ledigen Burschen. Ein Fähnrich muss gefunden werden. Doch schnell breitet sich Unruhe unter den Burschen aus, denn jeder ist davon überzeugt, den besten Fähnrich abzugeben. Bald darauf wird die erste Leiche gefunden und der vermeintliche Mörder schnell ausgemacht. Im Schwarzfischer Jockel Mühlegg ist ein leichtes Opfer gefunden und man ist sich sicher, dass ein Geständnis durch eine peinliche Befragung nicht lange auf sich warten lässt. Doch Jockel beteuert ganz beharrlich seine Unschuld. Läuft der wahre Mörder noch frei herum?

„Die Säulen des Zorns“ ist bereits der dritte Band aus der Reihe um die Familie Dreyling von Wagrain und mit über 1.000 Seiten auch der umfangreichste. Sehr anschaulich beschreibt der Autor das karge Leben nach dem Krieg und der Pest. Bernhard Wucherer hat sehr sympathische Charaktere geschaffen und hat ihnen durch ihre authentische Art sehr viel Lebendigkeit verliehen, sodass ich sehr gut mit ihnen mitfühlen konnte. Die detaillierten Beschreibungen der peinlichen Befragung sind sicherlich nicht jedermanns Sache und ließen selbst mich schlucken.

Bernhard Wucherer hat wieder einmal mehr bewiesen, dass er es meisterhaft versteht, Fiktion mit historischen Fakten zu verbinden. Geschichte war mir in der Schule immer zu trocken. Verpackt in einer spannenden Story jedoch, wird sie zu einem wahren Abenteuer und hier gelingt es dem Autor, mir die Persönlichkeiten der damaligen Zeit sowie das Geschehen nahezubringen. Natürlich weist ein über 1.000 Seiten starkes Werk auch seine Längen auf und es hätten mit Sicherheit auch 200 – 300 Seiten weniger sein können, aber von mir bekommt „Die Säulen des Zorns“ vier Sterne und eine ganz klare Empfehlung.

Bewertung vom 22.11.2016
Der Garten der Abendnebel
Eng, Tan Twan

Der Garten der Abendnebel


sehr gut

Als Jugendliche gerät Teoh Yun Ling zusammen mit ihrer Schwester in ein japanisches Arbeitslager. Die grausamen Erlebnisse ertragen die beiden Schwestern nur, indem sie sich in einen Fantasiegarten hineinträumen, um wenigstens für ein paar Augenblicke der Gewalt und dem großen Hunger entfliehen zu können. Yun Ling ist am Ende die Einzige, die das Internierungslager überlebt. Im Gedenken an ihre Schwester möchte Yun Ling ihren Zufluchtsort nachbauen lassen. Im malaysischen Hochland wird sie fündig und wendet sich, trotz ihrer Abneigung gegen die Japaner, an Aritomo, den ehemaligen Gärtner des Kaisers. Doch dieser lehnt Yun Lings Bitte ab und bietet ihr stattdessen eine Lehre bei ihm an. Trotz der vielen Vorbehalte nimmt sie seinen Vorschlag an und arbeitet hart an ihrem Traum. Die Beziehung zwischen dem Japaner und der, durch die Erlebnisse schwer traumatisierten Frau, ist kompliziert und das Vertrauen stellt sich erst sehr spät ein. Das gemeinsame Projekt ist für beide Seiten eine Art, den Frieden wiederherzustellen. Der Garten bekommt von Yun Ling den Namen „Garten der Abendnebel“.

Mittlerweile ist Yun Ling seit über 30 Jahren Richterin in Kuala Lumpur, verurteilt Kriegsverbrecher und wird nun in den Vorruhestand verabschiedet. Eine degenerative Nervenerkrankung, die rasch voranschreitet und zum Verlust des Gedächtnisses führen wird, weckt in ihr den Wunsch, alle Erinnerungen Revue passieren zu lassen und schriftlich festzuhalten. Sie begibt sich noch einmal auf den Weg zum „Garten der Abendnebel“ …

Tan Twan Engs hat mit seiner Protagonistin Yun Ling einen sehr starken und eindrucksvollen Charakter geschaffen. Dadurch, dass er sie ihre Geschichte in der Ich-Form und im Präsens erzählen lässt, ist der Leser sehr nah am Zeitgeschehen. Allerdings wird die Geschichte auf mehreren Zeitebenen erzählt und ich hatte etwas Mühe auszumachen, in welcher Zeit sich die Protagonistin gerade befindet.

In diesem Roman begegnen uns weitere verschiedene Charaktere, die alle auch sehr unterschiedliche Bindungen zur Protagonistin haben. Die innere Zerrissenheit von Yun Ling wird sehr gut beschrieben. Es ist nachzuvollziehen, wie schwer es ihr fallen muss, den Anweisungen des japanischen Gärtners zu folgen. Besonders schwer tut sich Yun Ling mit der Verbeugung vor ihrem Lehrmeister, die sie jedes Mal wieder in das verhasste Arbeitslager zurückversetzt, in dem diese Verbeugungen Pflicht waren und für sie eine Demütigung darstellten. Einzig die Liebe zu diesem Garten ermöglicht es den beiden, eine tatsächlich auf gegenseitigem Respekt beruhende Beziehung aufzubauen.

Der Autor erzählt mit sehr leisen Tönen die ebenso ereignisreiche wie ergreifende Geschichte von Yun Ling, wobei ihm der Spagat zwischen den grauenvollen Szenen und den wundervollen Beschreibungen der Landschaft meisterhaft gelungen ist. „Der Garten der Abendnebel“ ist kein Buch, das man schnell durchlesen kann. Immer wieder musste ich innehalten und habe auch den wunderbaren Schreibstil des Autors sehr genossen. Ich kann diesen Roman allen empfehlen, die Wert auf anspruchsvolle Literatur legen, und vergebe vier Sterne.

Bewertung vom 19.11.2016
Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8
Neuhaus, Nele

Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8


gut

Der achte Band aus der Bodenstein / Sander (Kirchhoff)-Reihe ist der wohl persönlichste Fall für Oliver von Bodenstein. Im Wald von Ruppertshain geht ein Wohnwagen in Flammen auf und ein Mann kommt darin um. Die Ermittler vom K11 in Hofheim finden schnell heraus, dass hier jemand vorsätzlich gemordet hat. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord in einem Hospiz. Warum tötet jemand eine Frau, die sowieso nicht mehr lange zu Leben gehabt hätte? Für Oliver von Bodenstein war die Frau keine Unbekannte, denn sie war die Mutter eines ehemaligen Schulkameraden von ihm.

Die Ermittlungen führen Pia und Oliver ins Jahr 1972 zurück – zu einem Fall, der nie aufgeklärt werden konnte - das Verschwinden des kleinen Arturs. Ein ganzes Dorf hüllte sich damals wie auch jetzt in Schweigen. Oliver von Bodenstein trifft dieser Fall ganz besonders hart, denn Artur war sein bester Freund …

Das in blau-grau gehaltene Cover mit dem Fuchs auf dem umgestürzten Baumstamm ist ein echter Hingucker und passt wieder sehr gut zur Thematik. Im Innenteil befindet sich dieses Mal eine Karte mit den örtlichen Gegebenheiten sowie ein Personenregister, welches sich – wie sich schnell herausstellt – als sehr hilfreich erweist. Durch die große Anzahl an Figuren, die Nele Neuhaus in ihrem Roman ins Rennen schickt, sieht man den Wald vor lauter Bäumen oder den Mörder vor lauter Charakteren nicht.

Ich habe nun alle Bände aus dieser Reihe gelesen und war jedes Mal ganz begeistert. „Im Wald“ hat meine Erwartungen leider nicht erfüllt. Spannend ist der Fall – ohne Frage. Doch die vielen Charaktere haben den Lesefluss ganz massiv gestört. Jeder ist mit jedem irgendwie verwandt, verschwägert, befreundet oder befeindet. Permanent musste ich wieder zum Personenverzeichnis zurückblättern – wenn nicht sofort, dann spätestens am nächsten Tag, weil ich da den Überblick bei den ganzen Namen wieder verloren hatte. Natürlich gerät auch so irgendwie jeder mal in Verdacht. Ich mag es eigentlich, wenn man bei Krimis in die Irre geführt wird oder die eigenen Ermittlungen in einer Sackgasse enden. In diesen Fall war das Ganze allerdings ein bisschen übertrieben.

Über das Wiedersehen mit allen alten Bekannten aus den Vorgängerbänden habe ich mich natürlich gefreut. Henning Kirchhoff, Cem Altunay und Nicola Engel zum Beispiel. Aber auch der neue Kollege Tariq Omari ist schon jetzt ein Sympathieträger. Der Syrer mit dem fotografischen Gedächtnis sorgt für so manchen Schmunzler und lockert den Krimi ganz gewaltig auf. Das ist als Gegengewicht zu Oliver von Bodenstein auch notwendig. Dieser kommt gerade in diesem für ihn so persönlichen Fall sehr depressiv rüber. Auch die Tatsache, dass seine Exfrau Cosima ihn mit der jüngsten Tochter mal wieder ganz allein lässt, sorgt nicht gerade für eine Besserung seines Zustandes. Oliver scheint den Glauben an die Menschheit verloren zu haben und ich kann gut verstehen, dass er beruflich erst einmal ein Sabbatjahr einlegen möchte.

Bücher mit über 500 Seiten sind für mich immer ein Genuss. In diesem Fall hätten die 560 Seiten gerne 100 Seiten weniger haben dürfen, denn die ausführlichen Beschreibungen waren stellenweise sehr langatmig. An diesen Band habe ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich lange gelesen. Trotz der spannenden Handlung ist „Im Wald“ für mich der schwächste Band aus der Reihe. Ich hoffe sehr, dass der nächste Roman wieder mit der brillanten Schreibweise der Autorin überzeugen kann, und vergebe drei Sterne.

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.11.2016
Kinderland
Sonnleitner, Marco

Kinderland


ausgezeichnet

Bartholomäus Kammerlander hatte sich fest vorgenommen, sich intensiv um seine Frau und das neu erworbene Hotel zu kümmern. Der abgetrennte Kinderfinger im Magen eines Hechtes lässt den ehemaligen Kommissar jedoch noch einmal als Ermittler tätig werden. Nachdem der Rest der Leiche gefunden wird, versucht jeder, eine Erklärung für diesen absurden Fall zu finden. Doch je weiter die Polizei ermittelt, umso haarsträubender werden die Fakten und die Erklärung stellt alles Vorstellbare in den Schatten und lässt selbst die hartgesottenen Ermittler schlucken.

Wie bereits beim ersten Band mit dem ehemaligen Kommissar Kammerlander beginnt auch dieser Krimi wieder sehr verworren und erfordert etwas Durchhaltevermögen. Aber dann wird der Leser mit einem sehr spannenden Fall belohnt und einem durch und durch sympathischen Protagonisten, der auch viel von Alleingängen hält.

Dieser Fall ist nichts für schwache Nerven. Auch wenn Marco Sonnleitner auf blutige Details verzichtet, die Beschreibungen von entführten und ermordeten Kindern haben mir ganz schön zugesetzt. Der Täter ist alles anders als leicht zu entlarven, denn der Autor versteht es meisterhaft, seine Ermittler, samt Leserschar, mehr als einmal in eine Sackgasse zu führen.

Marco Sonnleitner hat mich mit seinem spannenden Schreibstil wieder in seinen Bann ziehen können. Eine Steigerung von Seite zu Seite - das gelingt nicht jedem Krimiautor. „Kinderland“ ist noch einmal eine Steigerung zum ersten Band „Blutzeugen“ und bekommt von mir fünf Sterne.

Bewertung vom 04.11.2016
Bullenpeitsche / Chas Riley Bd.5
Buchholz, Simone

Bullenpeitsche / Chas Riley Bd.5


sehr gut

Im Hamburger Elbvorort Groß Flottbek werden zwei Streifenpolizisten erschossen. So schnell sich erste Erfolge bei den Ermittlungen einstellen, so abrupt kommt plötzlich auch alles zum Stillstand. Staatsanwältin Chastity Riley wird hineingezogen in einen Strudel aus Macht und Korruption und gerät an ihre Grenzen …

„Bullenpeitsche“ ist bereits der fünfte Band aus der Chas Riley-Serie und war gleichzeitig mein erster Roman der Autorin. Ich liebe Krimis mit viel Lokalkolorit und davon ist in diesem reichlich vorhanden. Das verregnete Hamburg und sein St. Pauli bieten die perfekte Kulisse für die Handlung.

Der Sprachstil war etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Ich mag zwar gerne Romane lesen, die ohne Schnörkel, kurz und bündig geschrieben sind, aber Simone Buchholz‘ Schreibstil hat mich eher an Steno für Fortgeschrittene erinnert. Passt aber zum Umfang des Buches, welches mit 220 Seiten nicht gerade zu den dicksten Wälzern gehört.

Protagonistin Chas Riley ist eine humorvolle Frau, manchmal etwas derb – was jedoch an der Hamburger Schnauze liegt – hat aber einen sehr guten Draht zu ihren Kollegen. Ihr Privatleben kam leider etwas kurz und so bin ich mir noch nicht ganz sicher, wie und wo ich sie einstufen soll. Ich habe schon das Gefühl, dass mir dadurch, dass ich die anderen Bände nicht gelesen habe, einiges an Vorwissen fehlt. Der Krimi ist aber ohne Probleme eigenständig zu lesen.

Positiv anzumerken ist, dass sich dieser Roman deutlich vom Einheitsbrei abhebt. Um mir ein besseres Bild von der Protagonistin zu machen und um zu sehen, ob ich die Reihe weiterverfolge, werde ich mir auf jeden Fall noch einen Band zu Gemüte führen. Von mir gibt es vier Sterne.