Das letzte Jahrhundert der Pferde - Raulff, Ulrich
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Seit Urzeiten war das Pferd der engste Partner des Menschen. Es war unverzichtbar in der Landwirtschaft, verband Städte und Länder, entschied die Kriege. Doch dann zerbrach der kentaurische Pakt, und in nur einem Jahrhundert fiel das Pferd aus der Geschichte heraus, aus der es jahrtausendelang nicht wegzudenken war. Furios erzählt Ulrich Raulff die Geschichte eines Abschieds - die Trennung von Mensch und Pferd.
Der Exodus des Pferdes aus der Menschengeschichte ist ein erstaunlich unbeachteter Vorgang. Ganze Bibliotheken zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts schweigen sich aus über das
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Produktbeschreibung
Seit Urzeiten war das Pferd der engste Partner des Menschen. Es war unverzichtbar in der Landwirtschaft, verband Städte und Länder, entschied die Kriege. Doch dann zerbrach der kentaurische Pakt, und in nur einem Jahrhundert fiel das Pferd aus der Geschichte heraus, aus der es jahrtausendelang nicht wegzudenken war. Furios erzählt Ulrich Raulff die Geschichte eines Abschieds - die Trennung von Mensch und Pferd.

Der Exodus des Pferdes aus der Menschengeschichte ist ein erstaunlich unbeachteter Vorgang. Ganze Bibliotheken zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts schweigen sich aus über das Pferd, das gleichwohl in Europa und Amerika allgegenwärtig war - bis das letzte Jahrhundert der Pferde in der Zeit Napoleons anbricht und mit dem Ersten Weltkrieg ausklingt. Ulrich Raulff zieht in seinem neuen Buch alle Register der Kultur- und Literaturgeschichte und beschreibt mit beeindruckender Erzählkunst eine untergehende Welt - ein Kapitel vom Auszug des Menschen aus der analogen Welt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 461
  • Erscheinungstermin: 5. Oktober 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 149mm x 40mm
  • Gewicht: 890g
  • ISBN-13: 9783406682445
  • ISBN-10: 3406682448
  • Artikelnr.: 42605052
Autorenporträt
Ulrich Raulff ist Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar. Zuvor war er u. a. Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er hat Bücher über Marc Bloch und Aby Warburg geschrieben und für seine Arbeiten den Anna-Krüger-Preis für wissenschaftliche Prosa und den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik erhalten. Sein bei C.H.Beck erschienenes Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben wurde 2010 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für das beste Sachbuch ausgezeichnet.
Inhaltsangabe
Der lange Abschied

A . Der kentaurische Pakt. Energie

Die Pferdehölle

Ein Unfall auf dem Land

Ritt nach Westen

Der Schock

Die jüdische Reiterin

B . Ein Phantom der Bibliothek. Wissen

Blood and speed

Die Anatomiestunde

Kenner und Täuscher

Die Forscher

C . Die lebendige Metapher. Pathos

Napoleon

Der vierte Reiter

Die Peitsche

Turin, ein Wintermärchen

D . Der vergessene Akteur. Historien

Zahn und Zeit

Land nehmen

Das elliptische Tier

Herodot

Anhang

Dank

Anmerkungen

Bildnachweis

Register
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der hier rezensierende Historiker Jürgen Osterhammel sieht die Geschichte von nun an als Hippophiler. Dank Ulrich Raulff weiß er nicht nur, dass dem Pferd am besten mit unsentimentalem Respekt zu begegnen ist, wo es Pferde unter prominenten Reitern und in Schlachtengemälden zu entdecken gilt oder wie sich der ein oder andere berühmte Ehebruchroman als Pferderoman lesen lässt, sondern auch, was es über Kavalleristik, Landbau mit und zu Pferd und über Pferdeanatomie zu wissen gibt. Universalhistorisch vor allem das Ende der Pferde-Ära im Blick, scheint das Buch dem Rezensenten beliebig erweiterbar. Keine Enzyklopädie, meint er, eher eine mit allen Wassern der Theorie gewaschene Sammlung kluger und überraschender Betrachtungen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.11.2015

14. Neues aus der Sattelzeit

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, in den Abendstunden des 1. September 1939, bäumte die alte Zeit sich noch ein letztes Mal gegen die neue auf. Mit gezückten Säbeln warf sich - so die Legende - eine Kompanie polnischer Lanzenreiter den heranrollenden deutschen Panzern entgegen. Den Untergang klar vor Augen, zogen die Totgeweihten in einen aussichtslosen Kampf und wurden wenig später von den 20-Millimeter-Kanonen der stählernen Maschinen in Stücke gerissen. Eine blutige Heldengeschichte, die so wahrscheinlich nie stattgefunden hat und sich doch hervorragend zur geschichtsphilosophischen Metapher einer Zeitenwende eignet. Zum eindrücklichen Schlussbild einer langen Szenenfolge, in dem sich die historische Hauptfigur Pferd endgültig von der Bühne des Weltgeschehens verabschiedet.

Ulrich Raulff, der leidenschaftliche Fährtensucher einer europäischen Ideengeschichte, spürt in seinem neuen Buch, "Das letzte Jahrhundert der Pferde", dem Ende des "Pferdezeitalters" nach. Mit feiner Melancholie erzählt er von der Auflösung des "kentaurischen Paktes" zwischen Mensch und Pferd, der lange stabil blieb und dann doch im Verlauf des langen neunzehnten Jahrhunderts auseinanderbrach. Dabei ermöglichte das Pferd als "Geheimagent der Modernisierung" überhaupt erst das, was der Historiker Reinhart Koselleck wohl nicht von ungefähr als "Sattelzeit" bezeichnete: Es beschleunigte das Leben der Menschen, dynamisierte Produktion, zirkulierte Waren und transformierte Kriege. Zugleich sicherte es den Anschluss an vergangene Zeiten: Wer auf dem Rücken eines Pferdes saß, blieb der Tradition verbunden, war den Ahnen nahe.

Raulff präsentiert, mal historisch, mal typologisch argumentierend, eine regelrechte Phänomenologie des Pferdes, zeichnet seine Laufbahn als Repräsentationsfigur, Wettkämpfer und Forschungsobjekt nach; liest nicht nur sämtliche Ehebruchromane als "Pferderomane", sondern erkennt im verletzten Pferd auch "die Pathosformel für Kriegsleiden schlechthin", deren Suggestivkraft von Nietzsche bis zu Jünger und Picasso wirkt. Über das Auto wird wahrscheinlich nie so gefühlsklug geschrieben werden - als kulturgeschichtliches Reflexionsobjekt bleibt es also im Vergleich zum Pferd vielleicht doch eine "vorübergehende Erscheinung".

Simon Strauß

Ulrich Raulff: "Das letzte Jahrhundert der Pferde: Geschichte einer Trennung". Verlag C. H. Beck, 461 Seiten, 29,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.11.2015

Im
Galopp
Ulrich Raulff besichtigt das
letzte Jahrhundert der Pferde
VON FRITZ GÖTTLER
Der Abschied vom Pferd, dem dieses Buch sich widmet, hatte noch einen weiteren Abschied zur Folge. „Der seit 1960 fühlbar werdende Mangel an Pferdeäpfeln machte nicht nur dem traditionsbewussten Teil der Dorfjugend schwer zu schaffen, er traf auch das kleine Volk der Spatzen schwer. Solange es Pferde gab, lebten die Spatzen, ob auf dem Land oder in der Stadt, wie Gott in Frankreich. Der Pferdekot enthielt immer noch beträchtliche, jedenfalls für einen Spatzenmagen erhebliche Reste dessen, was auch die Lieblingsspeise der Pferde war: Er war haferhaltig. Das liegt an der Natur des Haferkorns, das durch die umhüllenden Spelzen stabiler verpackt ist als die Körner anderer Getreidearten . . . Im selben Maß wie die Pferde verschwanden, ging auch der Haferanbau zurück.“
  Mit souveräner Eleganz lässt Ulrich Raulff – ehemals Redakteur im SZ-Feuilleton, nun Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach – in seiner passionierten Pferde-Geschichte die diversen Wissenschaften gemeinsam spielen, bringt das Große und das Kleine zusammen, das Erhabene und das Niedrige, das Universelle und das Persönliche, die politische und die Alltagsgeschichte. Er ist in einem kleinen Ort in Westfalen aufgewachsen und gehörte damit zur traditionsbewussten Dorfjugend – das heißt, er hat sich dem dort üblichen Initiationsritual, der Mutprobe bei der Aufnahme in eine der vielen Jugendbanden unterzogen. „Sie bestand darin, vor den Augen der arrivierten Bandenmitglieder ein prominentes ländliches Produkt zu essen . . .“
  Heute überlebt das Pferd nur noch in der extremen Form der Domestizierung, in idyllischer Ponyhof-Romantik, in Mädchenträumen. Jahrhunderte lang aber war das die wesentliche historische Verbindung, die Arbeitsgemeinschaft von Mensch und Pferd, der „kentaurische Pakt“, schreibt Ulrich Raulff. Die Pferdestärken haben gewaltig beigetragen zur kulturellen Entwicklung der Menschheit, haben für Energie und Mobilität gesorgt. 2003 hatte Reinhard Koselleck, um einen anderen Blick auf die Geschichte zu forcieren, die Geschichte dreigeteilt, in ein Pferdezeitalter und jeweils eins davor und eins danach. Das „letzte Jahrhundert der Pferde“ war im Grunde das „lange 19. Jahrhundert“, das sich von Napoleon bis zum Ersten Weltkrieg erstreckt – auch wenn in den beiden Weltkriegen der Pferdeeinsatz und -verbrauch sich noch einmal brutal steigerte. Kavallerie gegen Panzer, den Untergang der großen „Reiterarmeen“ – die russische, die deutsche – skizziert Raulff in seiner absurd tragischen Qualität.
  Im Grunde aber ist im 20. Jahrhundert die „Entpferdung“ (so Isaak Babel) abgeschlossen, die Traktionsenergie, die noch im Verlauf der Industrialisierung zum großen Teil von den Pferden kam, wird nun durch Maschinen und Motoren besorgt. Im großen Panorama zeigt Raulff, wie im 19. Jahrhundert das Pferd das Bild und das Leben der Städte prägte: der Fuhrverkehr, die Droschken und Pferdetrams, die Ställe, der Gestank, die Unfälle, die Erschöpfung der Tiere, die nach wenigen Jahren kaputt waren. Paris, die „Pferdehölle“, auch Turin war wohl eine, wo Nietzsche sich der leidenden Kreatur erbarmen wollte. Damals galten die Pferde als Umweltverschmutzer, das Automobil als sauber.
  Eine eigene Dynamik entwickelte das Jahrhundert der Pferde in Amerika. Im Bürgerkrieg verlor die Kavallerie wohl an Glamour gegenüber der Infanterie und ihren neuen Feuerwaffen, blieb aber schlagkräftig in den folgenden Indianerkriegen – die Indianer der Great Plains waren ursprünglich gar nicht beritten, passten sich aber den eindringenden Weißen an. Die Vernichtung der Pferdebestände war eine effektive Taktik – schon hier wollte man totalen Krieg. In der Thanksgiving-Nacht 1868 griff der notorische General Custer eine kleine Cheyenne-Gemeinschaft an, löschte den Stamm aus und dann seine Ponys. Der Versuch, sie einzufangen und ihnen die Kehlen durchzuschneiden, misslang, also musste man sie erschießen. Der Mythos einer Reiternation blieb Amerika, beim Leichenzug von Präsident Kennedy noch wurde ein Trauerpferd mitgeführt, gesattelt und mit Stiefeln in den Steigbügeln, nach hinten ausgerichtet, als wäre der Reiter rückwärts drauf gesessen.
  Neben der Energie lieferte das Pferd jede Menge „Wissen“ und „Pathos“, das Ulrich Raulff unermüdlich herbeischafft – manchmal gönnt er sich auch einen sanften Tempowechsel, mit dem über Land zockelnden Landarzt Bovary zum Beispiel, oder der Kutsche, in der seine Frau Emma sich ihrer Liebschaft hingibt. Dazu gibt es die Stammbücher der britischen Adeligen, die wuchtigen Pferdebilder Théodore Géricaults, die nicht minder wuchtigen von Rosa Bonheur, schließlich die Studien, in denen Étienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge die Bewegung der Pferde studierten mit ihren fotografischen Serien, die dann das Kino vorwegnahmen. Das Kino selbst bleibt hier leider so gut wie unsichtbar, das sich doch als treuer Pferdenarr erwies – von den Kavalleriewestern John Fords, die den Reitern und Stuntmen – Ben Johnson, Cliff Lyons – mehr Raum gewähren als den Akteuren, bis zu den „Misfits“, in denen Clark Gable und Montgomery Clift Mustangs fangen und Marilyn Monroe zusammenbricht, als sie merkt, sie sollen zu Hundefutter werden.
  Mit der Zähmung des Pferds fing die menschliche Geschichte an, davon handelt ein letzter Teil, der durchspielt, was wir vom Pferd lernen können – Loslösung vom Boden, Mobilität, eine neues Krieger- und Herrentum. Karl Jaspers, Alfred Weber und Oswald Spengler haben sich Gedanken dazu gemacht, Ulrich Raulff wirft mit seiner klugen Dialektik den ideologischen Ballast ab, der auf ihnen lastet – die Nomaden bedeuten eine neue Freiheit, sind die „natürlichsten Krieger, die je von ökologischen Umständen erzeugt wurden“. Und der literarische Großnomade ist Kafka, der eine Miniatur so beginnt: „Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden . . .“ Das mikroskopisch kleinste Script zum kürzesten Western der Filmgeschichte, schreibt Ulrich Raulff. Ein galoppierender Satz.   
In den Kavalleriewestern von
John Ford wird den Reitern mehr
Raum gewährt als den Akteuren
    
    
    
  
Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. C. H. Beck Verlag, München 2015. 461 Seiten, 29,95 Euro. E-Book 24,99 Euro.
Das Ende einer großen Freundschaft – Mustangfang in „The Misfits“.
Foto: Elliott Erwitt/Magnum Photos/Agentur Focus
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"grandioses Panorama der Mensch-Pferd-Symbiose"
Joachim Radkau, Historische Zeitschrift, Heft 303/3

"Ein fabelhaftes Buch."
Uli Hufen, WDR3, 6. Dezember 2015

"Großartige Kulturgeschichte."
Der Tagesspiegel, 5. Dezember 2015

"So hat noch niemand vom Pferd erzählt - und von seinen Reitern, Haltern, Nutznießern, Gegnern. Was Raulff vorlegt, ist die Hohe Schule der Kulturgeschichtsschreibung."
Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Dezember 2015

"Ein brillanter, unterhaltsamer Parforceritt."
Alexander Cammann, Die Zeit, 3. Dezember 2015

"Verblüffende Einsichten kehren in dem Buch beständig wieder, in eine hinreißende Erzählung gebettet und gespickt mit Fakten."
Claudia Kühner, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 25. Oktober 2015

"Ulrich Raulff ist ein wunderbarer Erzähler, aber nie war er so gut wie in 'Das Jahrhundert der Pferde'."
Denis Scheck, Südwestrundfunk, 14. Oktober 2015

"Wer dieses Buch in die Hand nimmt, den lässt es nicht mehr los."
Detlev Claussen, taz, 13. Oktober 2015

"Ein ebenso anregender wie unterhaltender Ausritt durch abwechslungsreiche Landschaften."
Harry Nutt, FR, 13. Oktober 2015

"Ein inspirierendes Lesevergnügen."
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2015