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Bewertung von Tarzan von Aquin aus München

Mit Recht hat Charles Taylor für dieses Buch den höchsten Preis bekommen, den die philosophische Wissenschaft zu vergeben hat. Taylor beschreibt nichts weniger als die …


  • Format: ePub

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Was heißt es, daß wir heute in einem säkularen Zeitalter leben? Was ist geschehen zwischen 1500 ? als Gott noch seinen festen Platz im naturwissenschaftlichen Kosmos, im gesellschaftlichen Gefüge und im Alltag der Menschen hatte ? und heute, da der Glaube an Gott, jedenfalls in der westlichen Welt, nur noch eine Option unter vielen ist? Um diesen Wandel zu bestimmen und in seinen Folgen für die gegenwärtige Gesellschaft auszuloten, muß die große Geschichte der Säkularisierung in der nordatlantischen Welt von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart erzählt werden ? ein herkulisches Unterfangen,…mehr

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Produktbeschreibung
Was heißt es, daß wir heute in einem säkularen Zeitalter leben? Was ist geschehen zwischen 1500 ? als Gott noch seinen festen Platz im naturwissenschaftlichen Kosmos, im gesellschaftlichen Gefüge und im Alltag der Menschen hatte ? und heute, da der Glaube an Gott, jedenfalls in der westlichen Welt, nur noch eine Option unter vielen ist? Um diesen Wandel zu bestimmen und in seinen Folgen für die gegenwärtige Gesellschaft auszuloten, muß die große Geschichte der Säkularisierung in der nordatlantischen Welt von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart erzählt werden ? ein herkulisches Unterfangen, dem sich der kanadische Philosoph Charles Taylor in seinem mit Spannung erwarteten neuen Buch stellt. Mit einem Fokus auf dem »lateinischen Christentum«, dem vorherrschenden Glauben in Europa, rekonstruiert er in geradezu verschwenderischem Detail die entscheidenden Entwicklungslinien in den Naturwissenschaften, der Philosophie, der Staats- und Rechtstheorie und in den Künsten. Dem berühmten Diktum von der wissenschaftlich-technischen »Entzauberung der Welt« und anderen eingeschliffenen Säkularisierungstheorien setzt er die These entgegen, daß es die Religion selbst war, die das Säkulare hervorgebracht hat, und entfaltet eine komplexe Mentalitätsgeschichte des modernen Subjekts, das heute im Niemandsland zwischen Glauben und Atheismus gefangen ist.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, D ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Seitenzahl: 1297
  • Erscheinungstermin: 16.11.2010
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518740408
  • Artikelnr.: 37091622
Autorenporträt
Charles Taylor ist emeritierter Professor für Philosophie an der McGill University in Montreal und einer der einflussreichsten Sozialphilosophen der Gegenwart. Geboren 1931 in Kanada, studierte er an der McGill University und an der Universität Oxford, wo er 1961 seinen Ph.D. erwarb. Danach kehrte er nach Montreal zurück und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung politische Philosophie. Er hat bahnbrechende Studien vorgelegt, u.a. zu Hegel sowie zum Kommunitarismus, Säkularismus und Multikulturalismus. Charles Taylor nahm Gastprofessuren u.a. an den Universitäten von Oxford, Princeton, Berkeley, an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt und der Hebrew University Jerusalem wahr. 1997 erhielt er den Hegel-Preis der Stadt Stuttgart und 2007 den Templeton-Preis (für Ein säkulares Zeitalter), 2008 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Kyoto-Preis ausgezeichnet, der als »Philosophie-Nobelpreis« gilt. Charles Taylor war zudem Mitglied der britischen Labour-Partei und kandidierte für das kanadische Unterhaus.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.10.2009

Im Glanz des noch nie Dagewesenen

Ein monumentales Werk, so dick wie die Bibel oder der Koran: Charles Taylor erzählt die Geschichte der Säkularisierung und stellt sich der Spannung zwischen religiöser Tradition und ihrer Reform.

Von Christian Geyer

Es war einmal eine Zeit, da gab es die Möglichkeit des Unglaubens nicht, jedenfalls nicht für die Massen des Volkes. Die Leute lebten in einem religiös verfassten Gemeinwesen ohne säkulare Option. Man muss diesen Befund nur einen Moment lang auf sich wirken lassen, um die Faszination zu verstehen, die er bei Charles Taylor auslöst. Wie, so fragt der kanadische Sozialphilosoph in seinem neuen Buch, haben sich die Bedingungen für Gläubige und Ungläubige durch die Entstehung der säkularen Option verändert? Wie verändern sich die Formen religiöser Erfahrung, wenn es sich auch ohne Gott gut leben lässt?

Unter dem ausholenden Titel "Ein säkulares Zeitalter" umkreist Taylor diese Fragen anhand eines reichhaltigen geistes- und kulturgeschichtlichen Materials, im Ganzen mehr erzählend als argumentierend. Er selbst bittet den Leser im Vorwort, sein Buch "nicht als fortlaufende, argumentativ durchgestaltete Erzählung aufzufassen, sondern als eine Reihe ineinander verschränkter Essays, die einander erhellen und einen Kontext wechselseitiger Relevanz bilden". Kein Wunder, wenn in diesem monumentalen Werk viele Fäden lose hängen bleiben, wie der Erfurter Soziologe Hans Joas feststellte, als er Taylors Thesen nach Erscheinen des amerikanischen Originals unlängst in der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" diskutierte.

Um das Jahr 1500 herum wäre der Atheismus-Bus, der neulich durch Europa kurvte, auf der Höhe der Zeit gewesen. Aber im Jahre 2009? "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Nun hör auf, dir Sorgen zu machen und genieße dein Leben", stand weithin sichtbar auf dem Geisterbus. Das provokativ gemeinte Bekenntnis juckte nur wenige. Das Spektakel blieb aus. Es stellt keine gesellschaftliche Abweichung dar, wenn man an einen Gott glaubt oder nicht glaubt. Es gibt diesbezüglich keine bürgerliche Erwartung. Es ist dieser metaphysisch leidenschaftslose Raum, den Charles Taylor als Resonanzraum seines Buches aufmacht.

Er erzählt darin die allmähliche Entkörperlichung Gottes ("Dekarnation") vom Mittelalter bis heute, verarbeitet eine Vielfalt religiöser Erfahrungsformen in Anlehnung an die Phänomenologie von William James und lässt durch einen dramaturgischen Kunstgriff den Leser mit einer veränderten Sicht zurück. Es gelingt dem Autor nämlich, dem Säkularisierungsvorgang die Aura des Selbstverständlichen, des notwendigerweise Aufgeklärten und Vernünftigen zu nehmen.

Wir leben nur rein zufällig nicht im Mittelalter, sagt Taylor. Und plötzlich bedarf es wieder einer Erklärung, warum jemand glaubt oder nicht glaubt. Diese Zumutung ist eine Bereicherung. Sie reißt die Gottesidee aus den Akademien und politischen Diskussionen heraus, in denen das Thema des Glaubens stets nur als gekoppeltes auftritt: Glaube und Gewalt, Glaube und Menschenrechte, Glaube und Hirnforschung, Glaube und Gesundheit. Der eigentliche Glaubensakt, die Frage, was Glauben denn für eine Sorte Überzeugung ist, wie er entsteht und wieder vergeht - das bleibt in der Regel ungeklärt, wenn von der neuen politischen Brisanz der Religion die Rede ist. Gott unterliegt nicht seinen Leugnern, er versandet im öffentlichen Debattenzirkus.

Taylors Buch rückt den monotheistischen Gottesglauben in den Mittelpunkt und fragt, wie er sich unter den verschiedenen Säkularisierungsschüben verändert hat. Mit der psychologischen Folge, dass die Gottesfrage hier im Glanz des noch nie Dagewesenen erscheint. Es ist, als sei in den gewohnten Gemäuern alles frisch gestrichen. Taylor renoviert das Christentum und bringt den Atheismus in Erklärungsnot. Der Autor geht dem auf den Grund, was er distanzierend die "Selbstverständlichkeit der abgeschlossenen Perspektive" nennt: "Damit meine ich jene Formen unserer Welt (also, wie bei Heidegger, der Welt in ihrer Bedeutung für uns), die für das Vertikale oder Transzendente keinen Platz lassen, sondern es ausschließen, unzugänglich oder sogar undenkbar machen." Er lädt den Leser zu einem Gedankenexperiment ein: Man springe 500 Jahre in unserer abendländischen Zivilisation (alias lateinisches Christentum) zurück, um festzustellen, "dass es zu dieser Zeit für die große Mehrzahl der Menschen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit war, nicht an Gott zu glauben, während es sich heute ganz und gar nicht so verhält".

Ein Kunstgriff wie gesagt, mit dem Taylor eine Blickumkehr erreicht. Seine Darstellung bricht die historische Gewöhnung auf und macht den Stachel spürbar, der der Vorstellung des Heiligen innewohnt? Es wird von seinen ästhetischen und ethischen Vermittlungen gelöst, bis es als das Ungeheure in den Blick gerät. "Man kann die Kreuzigung nicht als bedauerliches Nebenereignis einer schätzenswerten Lehrerlaufbahn abtun." Taylor pflegt den lapidaren Gestus.

Für ihn ist es ein Unding, ein Analysefehler der Moderne, die Säkularisierung als "Substraktionsgeschichte" zu erzählen - als eine Geschichte des gewinnbringenden Wenigerwerdens von Glaube, Metaphysik und Spiritualität, bis endlich der strahlende Kern des Aufgeklärt-Säkularen hervortritt. Ballastabwerfer, so Taylors Tenor, sind nicht die Heilsbringer der Moderne. Das säkulare Zeitalter ist kein goldenes Zeitalter, in das wir nach einer Epoche der Finsternis Einzug hielten. Den Rationalitätsgewinnen stehen vielmehr Verlustgeschäfte gegenüber, die mit dem Ausklammern der Gottesidee zu tun haben. Säkularisierung ist weder als Fortschrittsgeschichte noch als Verfallsgeschichte erzählbar.

Wie aber soll man sie dann erzählen? Als Geschichte der Entzauberung, wie Max Weber dies tat? Hans Joas rät Taylor entschieden davon ab. Zu unsauber habe Weber zwischen vor-achsenzeitlichem Magischem und nach-achsenzeitlichem Sakramentalem unterschieden, sondern beides häufig durch einen bloßen Bindestrich ("magisch-sakramental") so gereiht, als wäre es praktisch dasselbe. Wenn Weber das Sakrament der Eucharistie "wesentlich magisch" nennt, sei das religionssoziologisch mangelhaft und eher als Teil einer calvinistisch inspirierten Konfessionspolemik aufzufassen.

Taylor spricht denn auch weniger von Entzauberung als von Fragilisierung, von einem Brüchigwerden der religiösen Einstellungen. Was ist damit gemeint? Bereits der Religionssoziologe Peter Berger hatte die sozialpsychologischen Folgen des kulturellen Pluralismus im Sinne einer Fragilisierung beschrieben, gegen die sich Taylor hier jedoch scharf abgrenzt. Bergers These lautete, dass ständiger Kontakt der Gläubigen mit Anders- und Nichtgläubigen relativistische Folgen habe. Die starke Dauerpräsenz von Alternativen zehrt demnach notwendigerweise an der Substanz der eigenen Position. Taylor jedoch legt Wert darauf, "dass das, was ich (in meiner Terminologie) als ,Fragilisierung' bezeichne, nicht das Gleiche ist wie das, was Berger meint. Bei mir geht es darum, dass die größere Nähe der Alternativen eine Gesellschaft hat entstehen lassen, in der mehr Menschen ihre Positionen verändern, also im Laufe ihres Lebens ,konvertieren' oder sich eine andere Position als die ihrer Eltern zu eigen machen. Die Zahl der Positionswechsel im Laufe eines Lebens und von einer Generation zur nächsten nimmt zu. Das hat aber nichts damit zu tun, dass der schließlich angenommene (oder beibehaltene) Glaube fragiler wäre, wie Berger anzunehmen scheint. Im Gegenteil, der Glaube, der aus dieser prekären Gegenwart hervorgeht, kann gerade deshalb stärker sein, weil er sich der unverzerrten Alternative gestellt hat." Was den Glauben nicht umbringt, macht ihn stärker. Nicht das Beschweigen von Alternativen, sondern die Auseinandersetzung mit ihnen festigt die eigene, in diesem Sinne fragiler gewordene Perspektive. Ein Substanzverlust droht dem Religiösen laut Taylor nur durch das absichtsvolle Unterschlagen seiner Kontexte, durch "Triumphe der selektiven Wahrnehmung über die Realität".

Nicht weniger unerschrocken möchte Taylor das Verhältnis der Glaubensgemeinschaften zu ihren Traditionen erörtert sehen. Statt auf dem Islam "rumzuprügeln", soll ihm jener Spielraum zur Selbstverständigung eingeräumt werden, den etwa auch die katholische Kirche für sich in Anspruch nimmt, wenn sie ihre Tradition ins Verhältnis zu den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils setzt. Die reaktionären Piusbrüder haben ja Recht, wenn sie auf den Widerspruch beispielsweise zwischen der Erklärung über die Religionsfreiheit und früheren Lehren hinweisen - und diesen Widerspruch nicht kleinreden wollen, wie dies der Philosoph Robert Spaemann unternimmt, wenn er die im Hintergrund der Auseinandersetzung gärende Wahrheitsfrage mit kirchenpolitischen Argumenten ausblenden möchte und die Debatte für "müßig" erklärt. So kurzerhand lässt sich die Tradition nicht passend machen.

Taylor indessen stellt sich der Spannung zwischen religiöser Tradition und ihrer Reform auf ganzer Front. Er verweist auf die offene Situation, die sich daraus ergibt, dass das Zweite Vatikanum die bis dahin "vorherrschenden Vorstellungen zu Themen wie: die Bedeutung der Freiheit, der Wert der Demokratie, die zentrale Stellung der Menschenrechte, die Beurteilung fremder Glaubenstraditionen" verändert und damit früher Gelehrtes revidiert habe. Tatsächlich hilft es ja nicht weiter, wenn Spaemann - um den Eindruck der Kontinuität im Wandel zu erhalten - zur apologetischen Standardformel greift: "Der Wandel der Lehre ist kein Wandel des Prinzips, sondern ein Wandel der geschichtlichen Wirklichkeit."

Die Frage, die dadurch nur verschoben wird, ist doch gerade, was die Geschichtlichkeit jedes lehramtlichen Sprechens für seine Verbindlichkeit bedeutet. Prinzip und geschichtliche Wirklichkeit stehen für Taylor nicht in einem Additionsverhältnis, sondern das Prinzip erscheint nicht anders als geschichtlich, so wie Christus sich nicht anders als im Stall greifbar macht. Mit anderen Worten: Die Geschichtlichkeit der Inkarnation lässt sich nicht durch ihre Auslegung überspringen. Ein absoluter Geist steht als Interpret nicht zur Verfügung. Für Taylor beginnt das philosophische Problem genau dort, wo Spaemann es als Kirchenpolitiker für beendet erklärt.

Wie es aussieht, kann der Gläubige seinem prekären Zustand nicht entrinnen. Sollte er sich deshalb nicht lieber an die hellen säkularen Tatsachen halten, statt im trüben Wasser des religiös Ideellen zu fischen? Über den Tatsachenfetischismus der immanenten Perspektive spottet Taylor auf grundlegend handlungstheoretischer Ebene. Tatsachen sind nur in der Einheit eines Erfahrungsmoments gegeben, noch jede wissenschaftliche Hypothesenbildung kommt nicht ohne ideelle Initiative aus, die das erst herstellt, was man dann Tatsache nennt.

Taylors Buch ist so dick wie die Bibel oder der Koran. Es zeigt, bei allem Ungefähren im Einzelnen, was ein religiöser Mensch beherzigen muss, wenn er bei Verstand bleiben will.

Charles Taylor: "Ein säkulares Zeitalter". Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 1298 S., geb., 68,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.10.2009

Gottes Stelle bleibt nicht leer
Charles Taylor besichtigt ein säkulares Zeitalter
Lassen sich Epochen mit einem einzigen Attribut charakterisieren? Natürlich nicht, jedenfalls nicht mehr im Zeitalter der Pluralisierungen, der multiplen Identitäten, Modernisierungen und Mobilisierungen. Und doch darf man es wagen, das Charakteristische unserer Zeit bei einem Namen zu nennen. Während in Deutschland jedoch die Ideengeschichte dabei ist, bis auf wenige Ausnahmen stilvoll zu verarmen oder gleich bei lebendigem Leibe vergessen zu werden, sichtet der kanadische Philosoph Charles Taylor, dem im vergangenen Jahr der hoch angesehene Kyoto-Preis verliehen wurde, bravourös die abenteuerliche nordatlantische Geistes- und Kulturgeschichte der vergangenen gut 500 Jahre, um unser Saeculum als säkulares zu beschreiben.
Säkularisierung im Sinne Taylors meint dabei keinen Glaubensverlust. Weder Marginalisierung noch gar das Verschwinden religiöser Praxis und Erfahrung aus modernen westlichen Gesellschaften stehen im Blickpunkt. Seine These lässt sich daher auch nicht bestreiten, indem auf das Fortbestehen gelebter Religiosität verwiesen wird, sei es in konventionellen, sei es in neuen Formen. Insofern ist die verbreitete Rede von der postsäkularen Gesellschaft geschichtsphilosophisch voreilig.
Philosophie im Breitwandformat
Nein, Säkularisierung, wie Taylor sie versteht, ist vielmehr Ausdruck eines prinzipiellen Optionalismus. Religiöser Glaube und religiöse Lebensführung stellen in nordatlantischen Gesellschaften nur eine Wahlmöglichkeit unter anderen dar, und selbst, wenn sie mehrheitlich angenommen wird wie in den Vereinigten Staaten, macht die Möglichkeit, dass es anders sein könnte, den entscheidenden Unterschied aus. Der Markt und der Wettbewerb, sie bestimmen den maßgeblichen Deutungshorizont. Religionsgemeinschaften machen Sinnangebote, für die es eine Nachfrage gibt, für die eine Nachfrage gegebenenfalls erzeugt werden kann oder auch nicht. Dass sich Kirchen mit nachlassender Attraktivität entsprechend Rat bei Consultingfirmen suchen, versteht sich dann von selbst.
In Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch” sagt der Graf Chojnicki einmal, man glaube nicht mehr an Gott. Die neue Religion sei der Nationalismus. Die Völker gingen nicht mehr in die Kirchen, sondern in nationale Vereine. Das war im letzten Jahrhundert, aber daran ist soviel von fortdauernder Aktualität, dass religiöser Glaube nicht einfach verloren geht und aus dem öffentlichen Leben verschwindet, sondern gemeinschaftliche Lebensformen sich auf alternative Bestimmungen dessen gründen, was uns unbedingt angeht. Die Stelle Gottes bleibt nicht leer, zuletzt hält sie sich noch als Ort des Überwundenen, als immer wieder aufbrechende Narbe, wie etwa im Wort „Gott ist tot”. Aus gutem Grund vermeidet Taylor daher den Typus reiner „Subtraktionsgeschichten”, denn sie erklären nichts.
Was Charles Taylor in seinem – jetzt in Joachim Schultes wie gewohnt flüssig zu lesender Übersetzung auf deutsch erschienenen – zweiten Opus magnum (nach „Quellen des Selbst”, im Original 1989), stattdessen erzählt, ist die Geschichte eines epochalen Wandels in der Art, wie Menschen sich selbst, die natürliche Welt und die Gesellschaft erfahren. Es geht um eine Verschiebung des ganzen Horizonts, innerhalb dessen diese Erfahrung gedeutet wird, es geht um Verinnerlichung, Individualisierung, Verrechtlichung, um Entzauberung und Disziplinierung, das offene Universum und vieles mehr. Von Grund auf verwandelt haben sich auch so fundamentale Vorstellungen wie die vom gelungenen Leben.
„Jede Person”, so Taylor, „und jede Gesellschaft lebt mit und nach einer Vorstellung oder mehreren Vorstellungen vom menschlichen Gedeihen: Was macht ein erfülltes Leben aus?” Es ist eine auch das politische Denken bestimmende hermeneutische Grundvoraussetzung, die liberale Denker verkennen, wenn sie den Vorrang des Rechten vor dem Guten behaupten, wie er zum „sozialen Vorstellungsschema der Neuzeit” gehört. Wie aber konnte als Alternative zum religiösen Glauben ein selbstgenügsamer, „ausgrenzender Humanismus” („exclusive humanism”) entstehen, dessen Vorstellung vom menschlichen Gedeihen auf nichts Höheres Bezug nehme und der nach Taylor das „innerste Wesen der neuzeitlichen Säkularität” ausmache? Darauf gibt das Buch eine sehr facettenreiche Antwort.
Der Autor verfügt souverän über das Rüstzeug, das eine solche Spurensuche und Erzählung im philosophischen Breitwandformat verlangt: einen langen Atem, einen weiten intellektuellen Horizont, ein famoses Vermögen der geistigen Zusammenschau, die Fähigkeit, das Gedachte dem Leser zu erschließen, Sensibilität, Toleranz, Verständigungswillen – und nicht zuletzt: Mut zur Verkürzung.
Von diesem Mut aber hätte es durchaus noch etwas mehr sein dürfen. Ja, das Buch ist aus den Fugen geraten. Dennoch bleibt es lesbar, denn nirgends fällt es etwa in den uncharmanten Ton eines geschichtsphilosphischen Defätismus oder eines eifernden Antisäkularismus. Auch ein paradoxer katholischer Hegelianismus darf sich keine Modernitätsverweigerung erlauben. Den notorischen metaphysischen Dekadenzgeschichten von Transzendenzverlust und Seinsvergessenheit will Taylor kein Kapitel hinzufügen – und kann dann doch bisweilen nicht anders. Denn auch in seiner Geschichte bleibt Säkularisierung, woran Hans Blumenberg einst Anstoß nahm – nämlich eine katholische Kategorie historischen Unrechts.
Manch einer der üblichen Verdächtigen wird geradezu im Vorübergehen verhaftet. „Am Anfang”, heißt es unheilsschwanger, „steht die nominalistische Revolte” gegen die Vorstellung von der Autonomie der Natur im Sinne eines Thomas von Aquin. Es ist jedoch ein geistesgeschichtlicher Kurzschluss, dass franziskanische Denker wie Johannes Duns Scotus oder Wilhelm von Ockham im frühen 14. Jahrhundert, indem sie einer autonomen Naturnotwendigkeit aus theologischen Gründen widersprachen, im Prinzip eine zweckrationale Einstellung zu den natürlichen Dingen vorbereitet hätten – eine Einschätzung, die im übrigen auch im Widerspruch steht zu der richtungsweisenden Rolle, die das Buch dem Deismus mit der Vorstellung einer unentrinnbaren unpersönlichen Ordnung als „Leitidee der Moderne” (idée force) zuspricht.
Wer langzeitliche Veränderungen von Mentalitäten, Denk- und Erfahrungsformen nachvollziehen will, muss besonders empfänglich sein für erstaunliche gegenläufige Kausalitäten, in sich verschlungene Verursachungsketten und wirkungsgeschichtliche Ironien. Taylor spricht von „Zickzack-Erklärungen” und bringt im Verlauf der Geschichte „zahlreiche unbeabsichtigte Konsequenzen zur Sprache”. In philosophiegeschichtlichen Seminaren müsste eigentlich mehr gelacht werden über die verblüffenden Haken, die der Weltgeist schlägt.
Religionsathletischer Verschleiß
Die Reformation zum Beispiel. Die strenge Aufforderung, mehr Religion zu wagen, und die religiöse Erfüllung der alltäglichen Lebensführung haben laut Taylor die Entwicklung eines immanenten Welt- und Selbstverständnisses befördert. Das Gravitationszentrum des religiösen Lebens hat sich dadurch in den Alltag verschoben oder ins persönliche Erleben. Dieser Zug aber zur persönlichen Religion war zugleich ein Impuls zur Säkularisierung. Die Welt entzauberte sich, und die religiöse Überdosierung hatte eine weitreichende Individualisierung als Nebenwirkung. Anders ausgedrückt: Die Entzauberung der Moderne ist auch ein religionsathletisches Verschleißphänomen. Oder man nehme den modernen gouvernementalen Policey- und Wohlfahrtsstaat, der uns schult „in disziplinierter, nüchterner und tüchtiger Lebensführung”. Zuletzt hat es Thilo Sarrazin als Tribun der Disziplinargesellschaft wieder drastisch vor Augen geführt, dass ein Staat, der sich anschickt, das Leben seiner Bürger in rationaler Weise zu organisieren, sie mit Bildung und allem möglichen versorgt, diesen Bürger auch abverlangt, „ein wirtschaftlich gewinnbringendes Leben zu führen”.
Wer wissen will, wie es kommt, dass vielen von uns so etwas heute ganz evident erscheint, lese Taylors große Erzählung, die ebensowohl eine nüchterne Geschichte von Trauer und Hoffnung ist wie eine Abenteuergeschichte des Denkens. DIRK LÜDDECKE
CHARLES TAYLOR: Ein säkulares Zeitalter. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 1298 Seiten, 68 Euro.
Der kanadische Philosoph Charles Taylor Foto: Beekman/Hollandse Hoogte/laif
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Auch als Gläubiger lebt man heute im Westen in einer Welt, die Gott nicht mehr braucht. Charles Taylor, der christliche Philosoph, erzählt die Geschichte der Entwicklung zu diesem Zustand. Und dabei gelingt es ihm, so der Rezensent Christian Geyer, eine ungewohnte Perspektive auf diese Entwicklung zu werfen. So nämlich, dass mit einem Mal der Unglauben nicht mehr als das "Selbstverständliche" erscheint, und die Fortschrittsgeschichte Richtung Säkularisierung zur Geschichte einer "Fragilisierung" des Gottglaubens wird. Was aber nicht Abschwächung des Glaubens selbst bedeutet, sondern eher Phänomene des Konvertierens, seine Stärkung sogar durch Auseinandersetzung mit seinen Kritikern, seiner Negation, dem Säkularismus. Christian Geyer ist an keiner Stelle seiner Rezension zum Ein- oder Widerspruch geneigt. Gewiss, ein Werk aus einem Guss sei das nicht. Aber das sieht auch Taylor selber so und selbst wenn auf den mehr als tausend Seiten der eine oder andere "Faden lose hängen bleibt", scheint der Erkenntnisgewinn Geyer mehr als immens.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Es geschieht nicht oft, dass ein Buch zum Referenzwerk für einen ganzen Diskurs wird. Dem kanadischen Philosophen Charles Taylar ist es mit seinem opus magnum ,,A Secular Age" gelungen."
Martin Reppenhagen, theologische beiträge Oktober 2014
»Ein höchst lebendiges und folgenreiches Archiv für all die, die gerne mal über die Rückkehr der Religion schwadronieren, aber auch für jene, die die folgenschwere Entzauberung des Religiösen durch Humanismus, wissenschaftliche Revolution und Reformation noch immer für ein Märchen oder irgendwie reparabel halten.«