Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache - Fleck, Ludwik
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Flecks zuerst 1935 erschienene Studie ist die wohl erste soziologische Untersuchung der Produktion wissenschaftlichen Wissens: Wissen kann nicht losgelöst von den Menschen betrachtet werden, die es besitzen. Fleck entwickelt seine Konzeption am Beispiel einer historischen Fallstudie, nämlich der Entdeckung der sog. Wassermann-Reaktion, mit der sich Syphillis nachweisen läßt. …mehr

Produktbeschreibung
Flecks zuerst 1935 erschienene Studie ist die wohl erste soziologische Untersuchung der Produktion wissenschaftlichen Wissens: Wissen kann nicht losgelöst von den Menschen betrachtet werden, die es besitzen. Fleck entwickelt seine Konzeption am Beispiel einer historischen Fallstudie, nämlich der Entdeckung der sog. Wassermann-Reaktion, mit der sich Syphillis nachweisen läßt.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 312
  • Verlag: Suhrkamp
  • 12. Aufl.
  • Seitenzahl: 190
  • Erscheinungstermin: Juni 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 24mm
  • Gewicht: 151g
  • ISBN-13: 9783518279120
  • ISBN-10: 3518279122
  • Artikelnr.: 01699375
Autorenporträt
Fleck, Ludwik§Ludwik Fleck (1896-1961) war Mikrobiologe und Wissenschaftstheoretiker. Im Suhrkamp Verlag sind von ihm erschienen: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (stw 312) und Erfahrung und Tatsache (stw 404)
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.01.2021

Der Teufel hat sie's zwar gelehrt

Die Wissenschaft sollte die anschauliche und einfache Darstellung nicht fürchten, auch wenn sie damit einen Wunsch des Publikums erfüllt. Ludwik Flecks Überlegungen zur Dämonologie der Popularisierung.

Gewissheit ist kein Wahrheitskriterium. Auch wer sich sicher ist, heißt das, hat deshalb nicht recht mit einer Behauptung. Das Umgekehrte gilt ebenso: Ungewissheit ist kein Indiz für Falschheit; wer sich seiner Sache nicht ganz sicher ist, muss nicht danebenliegen. Wenn Wissenschaftler zu öffentlichen Experten werden, die nicht so tun, als gebe es hundertprozentige Gewissheit, die aber mit provisorischen Wahrscheinlichkeitsaussagen weitreichende politische Entscheidungen über das gesellschaftliche Leben und unsere Freiheitsspielräume beeinflussen, dann ist es ebenso nützlich, ein weitverbreitetes latentes Gewissheitsbedürfnis nicht zu vergessen, das sich zunächst und zumeist als Bereitschaft zum Zweifel Ausdruck verschafft.

Trivialerweise meldet das Gewissheits- oder Sicherheitsbedürfnis sich gerade dann mit Macht, wenn das Leben aus den gewohnten Bahnen geworfen wird und wenn es gilt, vermehrt mit Ungewissheiten zurechtzukommen. Ist es einmal geweckt, wird es sich nicht ohne weiteres mit dem gerne gespendeten psychologischen Trost wieder in den Schlaf wiegen lassen; viel schlimmer als völlige oder wachsende Ungewissheit wäre - wenn es sie gäbe - absolute Gewissheit, weil sie die Zukunft ihrer Offenheit beraubte. Auch wenn es in Ausnahmezuständen aufdringlich wird, hat das Gewissheitsbedürfnis in der Beziehung von Fachleuten und Laien eine gewöhnliche, eine alltägliche Seite. Es war - denkwürdig genug - ein Mikrobiologe und Immunologe, der sie vor 86 Jahren beschrieben hat: Ludwik Fleck, Pionier der Wissenschaftssoziologie und historischen Epistemologie, skizziert in seinem Buch "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" ein Zusammenspiel von wissenschaftlichem oder "esoterischem" und populärem oder "exoterischem" Wissen.

Bei einer solchen Wissenskommunikation, könnte man vorab vermuten, ist seitens der Wissenschaft die Kunst gefragt, nicht zu viel und nicht zu wenig zu sagen: nicht mehr zu sagen, als nach dem Stand der Dinge gewusst werden kann, aber auch nicht weniger - jedenfalls nicht so viel weniger, dass ein falscher Eindruck erweckt wird. Freilich scheint es gar nicht so leicht zu sein, diese Kunst zu beherrschen. Fleck zumindest erachtet es als charakteristisch für jede "populäre Darstellung" wissenschaftlicher Untersuchungsergebnisse, dass sie in der Tendenz vereinfache und vereindeutige: Einzelheiten würden weggelassen, der Streit unterschiedlicher wissenschaftlicher Einschätzungen werde weitgehend ausgeblendet, ein apodiktisches Urteil angestrebt und bei alledem auch auf bildhafte Formulierungen gesetzt.

Wortpyramiden aus Fußnoten

Das trete nicht erst zutage, wenn Wissenschaft sich an eine weitere Öffentlichkeit wende, es beginne bereits bei einem bakteriologischen Untersuchungsbefund, den ein Labormediziner für einen praktischen Arzt verfasse; und es setze sich - mit verstärkter Vereinfachungstendenz - fort im Gespräch zwischen Arzt und Patient. Durch jede "Mitteilung" werde wissenschaftlich gewonnenes Wissen unweigerlich exoterischer, populärer. "Man müsste sonst", malt Fleck sich aus, "an jedes Wort eine Fußnote mit Einschränkungen und Explikationen anschließen, ja eigentlich an jedes Wort dieser Fußnoten eine zweite Wortpyramide, deren Gipfel es bildete, und so fort, woraus ein Gebilde entstünde, das sich nur in einem Raume von sehr vielen Dimensionen darstellen ließe." Ein dergestalt sich in all seiner Vorläufigkeit ausweisendes Wissen wäre, was als "erschöpfendes Fachwissen" gelten dürfte - und es wäre, so Flecks bündiges Urteil, "für jeden praktischen Fall unzweckmäßig". Ein solchermaßen wissenschaftlich abgesichertes Wissen jedoch, das sei angesichts der potentiell unendlichen Vermehrbarkeit jener Wortpyramiden hinzugefügt, stößt an die Grenzen seiner Darstellbarkeit, noch bevor es "praktisch" angewendet oder einer Öffentlichkeit vermittelt werden soll. So betrachtet, mag die Fachwissenschaft dem Laienpublikum sogar dafür dankbar sein, wenn es sie dazu bringt, sich zu einer belastbaren Aussage durchzuringen, statt sich im Verfassen von Fußnoten zu Fußnoten zu Fußnoten zu verlieren.

Diese Rolle nämlich spielt das Publikum in Flecks Modell des Austauschs von esoterischem und exoterischem Wissen: Es sorgt dafür, dass Gewissheit, Einfachheit und Anschaulichkeit zu informellen Normen im Wissenschaftssystem werden können, obgleich dort primär neugierige Skepsis, methodischer Zweifel und der Vorbehalt kultiviert werden, dass jede Erkenntnis (mit Hans Blumenberg gesprochen) lediglich eine "Aussage auf Probe" ist. Den "Glauben" an Gewissheit, Einfachheit und Anschaulichkeit "als Ideal des Wissens", schreibt Fleck lapidar, "holt sich der Fachmann" aus dem "populären Wissen", mithin - erst - aus dem Kontakt mit dem Nichtfachmann. Der Experte, so ließe sich konkretisieren, operiert - ob bewusst oder nicht - mit einer Unterstellung; er erwartet, dass die Laien von ihm Gewissheit erwarten, Gewissheit vermittelnde Einfachheit und Eindeutigkeit. Auch wenn öffentlich auftretende Virologen und Epidemiologen in den letzten Monaten bewiesen haben, dass sich die Vorläufigkeit von Befunden und Beurteilungen durchaus "mitkommunizieren", den Laien verständlich machen lässt, bleibt das umrissene Problem doch erkennbar virulent.

Kampf- und Abwehrbilder

An der Nahtstelle von populärem Wissen und Fachwissen erlangen für Fleck Anschaulichkeit und Bildlichkeit besondere Bedeutung. Sie könnten vom Mittel der Darstellung zum Zweck werden. Das Bild gewinne dann "Oberhand" über Argumente und Beweise - und es "kehrt in dieser neuen Rolle vielfach zum Fachmann zurück", wie etwa das Bild von Schlüssel und Schloss im Bereich der Serologie. An ihrer "exoterischen Peripherie" sei die Wissenskommunikation, so Fleck, noch stärker von einer "gefühlsbetonten Anschaulichkeit" beherrscht; sie verleihe dem Wissen "die subjektive Sicherheit des Religiösen oder des Selbstverständlichen". Man könnte auch sagen, die Exoterik schlage hier - bisweilen - in eine ganz anders geartete, eine nichtwissenschaftliche Esoterik um.

Vor Augen hat Fleck als Beispiel einer solchen "krass-populären Wissenschaft" passenderweise die Illustration einer Tröpfcheninfektion: "Ein zum Skelett abgemagerter, sitzender Mann mit grauviolettem Gesicht hustet. Mit einer Hand stützt er sich mühsam an der Sessellehne, mit der anderen drückt er die schmerzende Brust. Aus dem offenen Munde fliegen die bösen Bazillen in Gestalt kleiner Teufelchen heraus... Ein rosiges Kind steht ahnungslos daneben. Ein Teufel-Bazillus ist dem kindlichen Mund ganz, ganz nahe... Halb Symbol, halb Glaubenssache, ist der Teufel in dieser Abbildung leiblich gemalt. Er spukt aber auch tief in der Fachwissenschaft, in den Anschauungen der Immunitätslehre, in ihren Kampf- und Abwehrbildern."

Die kursierenden Bilder des Sars-CoV-2-Virus präsentieren keine Teufelchen, aber doch immerhin kleine stachelige Kugelmonster, die ihrer Form nach zudem an explosive Seeminen erinnern. Mit einer Glaubensfrage verbinden sie sich aber doch wohl nur jenen, die bekennen, nicht an sie zu glauben - und dazu bruchstückhaft eine Geschichte erzählen, in der nicht Bazillen oder Viren die Teufel sind, sondern irgendwelche Drahtzieher, die sich angeblich verschworen haben, die Menschheit mit Hilfe einer inszenierten Pandemie zu versklaven. Sogenannte "Corona-Skeptiker", die sich mit derlei vernehmen lassen, verspüren vermutlich kein unbefriedigtes Gewissheitsbedürfnis. Sie wähnen sich im Besitz einer Welterklärung, die - um Flecks Formulierung zu bemühen - mit der "subjektiven Sicherheit des Religiösen" keine Frage unbeantwortet zu lassen meint.

Für Fleck sind wissenschaftliches Fachwissen und populäres Wissen unterscheidbar, aber nicht getrennt; sie können ein Kontinuum bilden, das er - gewissermaßen von der Seite des populären Wissens aus - als "Weltanschauung" beschreibt, als mentales Gebilde, das "sicher, abgerundet, fest gefügt" und "gefühlsbetont" erscheint, das aber, in der Gestalt der öffentlichen Meinung, durchaus auch "auf den Fachmann" zurückwirkt. Allerdings muss eine Weltanschauung in diesem Sinne doch wohl noch hinreichend viel mit erläuterbarem Wissen zu tun haben, sie darf nicht nur gefühlter Gewissheit entspringen, bloßen Glaubenssätzen oder gar wahnhaften Verschwörungsideologien. Dort, wo sich ein "Denkkollektiv", wie man - wiederum mit Fleck - jenes Kontinuum zwischen wissenschaftlichem und populärem Wissen nennen könnte, zu vermeintlichen Querdenkern hin öffnet, die sich als Wirrköpfe entpuppen, endet irgendwann - eher früher als später - auch das Denken.

UWE JUSTUS WENZEL

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