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Erscheint vorauss. 12. November 2018
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Dieses Buch unternimmt ein Experiment: Wie im Labor werden zwei der aggressivsten "Säuren" moderner Theoriebildung in eine Schale gegossen, um dann zu beobachten, wie sich das Gemisch verhält. Charles Darwin und Michel Foucault stehen beide für ein Denken, das in radikaler Weise mit Traditionen bricht und den Unterschied zwischen Natur und Kultur ebenso in Frage stellt wie das angebliche Wesen der Dinge. Philipp Sarasin bringt die beiden herausragenden Theoretiker in einen spannenden Dialog. Durch seine akribische Lektüre erweist sich: Foucaults Denken stammt in vielerlei Hinsicht von Darwin ab. …mehr

Produktbeschreibung
Dieses Buch unternimmt ein Experiment: Wie im Labor werden zwei der aggressivsten "Säuren" moderner Theoriebildung in eine Schale gegossen, um dann zu beobachten, wie sich das Gemisch verhält. Charles Darwin und Michel Foucault stehen beide für ein Denken, das in radikaler Weise mit Traditionen bricht und den Unterschied zwischen Natur und Kultur ebenso in Frage stellt wie das angebliche Wesen der Dinge. Philipp Sarasin bringt die beiden herausragenden Theoretiker in einen spannenden Dialog. Durch seine akribische Lektüre erweist sich: Foucaults Denken stammt in vielerlei Hinsicht von Darwin ab.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft .2276
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: 12. November 2018
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518298763
  • ISBN-10: 3518298763
  • Artikelnr.: 52367658
Autorenporträt
Philipp Sarasin ist Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich. Im Suhrkamp Verlag erschienen: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse (stw 1639) und Fragen Sie Dr. Sex! Ratgeberkommunikation und die mediale Konstruktion des Sexuellen (hg. mit Peter-Paul Bänzinger, Stefanie Duttweiler und Annika Wellmann, es 2595)
Rezensionen
"Das Verdienst des einnehmend geschriebenen Buches: einen zum Klassiker erstarrten Denker, Darwin nämlich, unvoreingenommen und genau zu lesen. Selbst Biologen dürften hier die eine oder andere Entdeckung machen."
Urs Hafner, Neue Zürcher Zeitung 07.02.2009
Besprechung von 05.03.2009
Waren Sie in Wanne-Eickel?

Der umtriebige Wissenschaftshistoriker Philipp Sarasin meint: Foucault stammt von Darwin ab. Beide Denker fragen, was das Gewordensein der Dinge für ihre Geltung bedeutet.

Hier hat ganz offenkundig jemand Freude an der Provokation. Es gehe um "ein Experiment", heißt es gleich auf der ersten Seite: "Wie zwei korrosive Säuren, die man unter Laborbedingungen zusammenrührt, um eine chemische Reaktion auszulösen, sollen zwei Autoren miteinander in Verbindung gebracht werden." Beiden Autoren sei die "ätzende Schärfe ihrer Dekonstruktionen" gemeinsam, aber auch sonst gebe es "Ähnlichkeiten", die "kein Zufall" seien.

Die Rede ist von Charles Darwin, geboren 1809 und Begründer einer allgemeinen Theorie der Entwicklung der biologischen Arten, sowie von Michel Foucault, geboren 1926 und seit vier Jahrzehnten als Vordenker einer neuen Form der Wissens- und Machtgeschichte bekannt. Das Buch, das im Darwin-Jahr nun beide Autoren gemeinsam vorstellt, stammt von dem umtriebigen Züricher Wissenschaftshistoriker Philipp Sarasin. Wie in einer "Petrischale mit zwei Säuren, deren Charakteristika durch diese ungewohnte Vermischung zur Kenntlichkeit gesteigert werden sollen", soll die Konfrontation der beiden Ansätze funktionieren.

Kein Stein bleibt unumgedreht

Darwin und Foucault - ein terminjournalistischer Gag? Nein, Sarasin hat ein Buch von nicht geringem Umfang geschrieben, und er meint es einigermaßen ernst. Um ein "Experimentalsystem" soll es gehen, was einen auf Laborforschung zugeschnittenen Konzeptbegriff des Naturwissenschaftsforschers Jörg Rheinberger auf das lesende und vergleichende Tun des Historikers überträgt. Genussvoll wählt Sarasin denn auch gleich am Anfang das Verb "abstammen" zur Formulierung seiner zentralen These: Ähnlichkeiten zwischen den Werken Darwins und Foucaults seien kein Zufall. Sie zeigten vielmehr "eine Genealogie, die einem dunkel vorkommen mag. Foucault stammt von Darwin ab."

Sarasin sichtet beide Werke abwechselnd, und zwar am Leitfaden der für sie charakteristischen Zugriffsweise auf ihre jeweiligen Gegenstandsfelder: Für Darwin sind dies zoologische und botanische Funde, für Foucault ist es das wissenshistorische Material. Reißverschlussartig schiebt Sarasin vor diesem Hintergrund Abschnitte ineinander: zu Darwins Sammeltätigkeit, zu Foucaults Rekonstruktion biologischer Texte, zu Darwins Evolutionsthese, zu Foucaults Geschichtsphilosophie, zu Darwins "Nominalismus", zu Foucaults Ereignisdenken, zu Diagrammen jeweils bei beiden, zu ihrem Genealogie- und Geschichtsbegriff. Das klingt kompliziert, ist jedoch bestens lesbar und gerade in der lässigen Gestaltung der Übergänge souverän komponiert. Als your local guide bezeichnet Sarasin sich irgendwann einmal - was den geradezu touristischen Reiz des angebotenen Weges durch die beiden normalerweise so nie zu parallelisierenden Abschnitte der Naturwissenschaftsgeschichte und der historiographietheoretischen Zeitgeschichte genau trifft: Im Dickicht der Disziplinengeschichte spazierend, kann man die Fülle der Assoziationen nur bestaunen.

Im Blick auf Darwin zeigt Sarasin, dass es nicht etwa biologische, sondern auf die Natur projizierte kulturelle Kategorien sind, aus denen Darwin seine berühmte Theorie vom durch Variation und Selektion erklärlichen Ursprung der Arten gewinnt. Der später zum populären Schlagwort geronnene "Kampf" um die Existenz meint bei Darwin nicht rohe Gewalt, sondern sensible, auch zeichenvermittelte Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt. Außerdem finden sich Überlegungen zur Genese von Sympathie und Altruismus bei Darwin - Sarasin nennt das eine "Genealogie der Moral" und schlägt damit eine von vielen Brücken zu Nietzsche, der bei Sarasin durchweg als Foucaults Stichwortgeber gilt.

Steht der Autor des Ursprungs der Arten mit einem Bein im Reich der Kultur, so soll für den Historiker Foucault das Umgekehrte gelten. Mehr als an der Oberfläche sichtbar habe Foucault "das ,Leben' selbst und seine biologischen Eigenarten" als Möglichkeitsbedingung des Menschen und auch der Freiheit erkannt". Sarasin vermeidet einen direkten Naturalismusvorwurf, spricht aber von einer "natürlichen Anthropologie" und einem "Realismus" Foucaults. Was damit genau gemeint ist, bleibt offen. Jedenfalls aber geht es um mehr als darum, dass Geschichte für Foucault nicht nur aus Texten besteht.

Wo Denkbewegungen sich kreuzen, gibt es Kreuzungspunkte. In Sachen Darwin und Foucault lässt Sarasin buchstäblich keinen Stein unumgedreht und auch keinen auf dem anderen. Da sind theoretische Merkpunkte - für beide Autoren zählt in der Geschichte allein das Individuelle, beide sind radikale Prozesstheoretiker, beide sind Antistatistiker, beide verwenden den Begriff "Genealogie". Und da sind gewissermaßen klimatische Verwandtschaften - beide bedienen sich eines an Kraftvektoren erinnernden Modells von Kampf, Krieg oder Macht, beide haben sich in bestimmten Phasen ihrer Theoriearbeit mit dem Marktmodell der liberalen Ökonomietheorie beschäftigt. Mit Akribie präpariert Sarasin sämtliche der spärlichen expliziten Bezüge Foucaults auf Darwin sowie die Biologie nach Darwin heraus und versucht sie als Zustimmung zu lesen. Das Fazit lautet schließlich, Foucault habe seinen "antihegelianischen" Begriff von Geschichte "nicht zuletzt von Darwin her entwickelt". Auch die moderne Genetik habe Foucault im Grunde fasziniert.

So lebendig sich das alles liest - ein Preis des Experiments sind Fragezeichen, was handfeste Einsichten angeht. Was bleibt von den vielen gefühlten, als stillschweigende Bezüge gedeuteten Ähnlichkeiten? Warum wird so viel über mutmaßliche Hintergedanken von Autoren und deutlich weniger über theoretische Relevanzen erzählt? Allerlei "kann" immer "kein Zufall sein", eines "erinnert" an das andere, ein "Verdacht" dränge sich auf und so fort. Negativbefunde (Foucault und Darwin wenden sich gegen ein kontinuierliches Geschichtsbild) lassen an den bekannten Scherz denken, jemand, der noch nicht in Wanne-Eickel war, müsse den Bruder eines Bekannten kennen, denn der sei ebenfalls noch nicht in Wanne-Eickel gewesen.

Texte als Probebühne

Ausgerechnet den Hegelschen Begriff des "Konkreten" nimmt Sarasin mit Blick auf das 19. Jahrhundert als Beleg für eine unterschwellig naturwissenschaftliche Orientierung Foucaults - und verfehlt, dass Letzterer im Zusammenhang mit dem historisch Singulären und dem "Werden" trotz aller Hegel-Skepsis natürlich zuallererst Hegel vor Augen hat. Insgesamt fällt auf, wie bei Sarasin vieles isoliert als Entdeckung Darwins erscheint, was die Geschichtstheorie der Epochenschwelle lang vor Darwin ausformuliert hat - und also für Nietzsche wie für Foucault auf ganz normalen "kulturwissenschaftlichen" Linien zur Rezeption bereitlag. Wenig überzeugend ist auch Sarasins Parallelisierung des Darwinschen struggle for existence, des Ringens um das physische Überleben, mit Nietzsches und Foucaults Machttheorie. Während Darwin ein schlichtes Durchsetzungsmodell vor Augen hat, spielen der eigene körperliche Tod und der physische Überlebenskampf bei Nietzsche und Foucault für die offene Steigerungslogik von Machtverhältnissen gerade keine konstitutive Rolle.

Insgesamt täuscht die Symmetrie in Sarasins Präsentation von Darwin und Foucault. Dass Darwin kein monistischer "Biologist" war, weiß man eigentlich. Die Darwin betreffende Diagonale der im Buch angelegten Überkreuzbewegung ist insofern ein gelungener, aber wenig spektakulärer Beitrag zum Darwin-Jahr. Allenfalls dort schüttelt man etwas den Kopf, wo Sarasin ungewöhnlich wohlmeinend Darwins Ethik von allem "Darwinismus" abrückt und die sexual selection als nichtnaturalistisches Theorem deutet, obwohl es auch hier um einen Triebkampf - den der Männchen um die Weibchen - geht.

Der Rückstieg Foucault - Nietzsche - Darwin hingegen geht ans Eingemachte, will und wird Wirbel in die Foucault-Forschung bringen und versteht sich an keiner Stelle von selbst. Fast alle Zitate, die Sarasin als Votum Foucaults verkauft, sind Zusammenhängen entnommen, in denen Foucault fremde Theoriestücke referiert. Sie stammen zudem aus Texten, die allenfalls als Probebühne ernsthafter Theoriebildung durchgehen können - aus Rezensionen oder Vorlesungsmanuskripten nämlich. Vielfach gibt Sarasin zu, dass er allenfalls Untertöne ausdeutet. Gleichwohl bleibt es bei dem Anspruch, es werde nun endlich Foucault vom Kopf auf die Füße gestellt.

Zum Abschluss aber noch einmal das Bild der beiden aggressiven Säuren, die in der Laborsituation scheinbar ganz von allein miteinander reagieren. Sarasins Buch ist, mit Verlaub, das Gegenteil einer Petrischale, in die Darwin und Foucault einfach nur hineingegeben werden. Der Experimentator greift vielmehr fortwährend kräftig und manipulationsfreudig in sein "Experimentalsystem" ein. Womöglich also ist das Lösungsmittel, in welches die korrosiven Säuren - Darwin und Foucault - da geraten sind, noch ätzender als die beiden Säuren selbst.

PETRA GEHRING

Philipp Sarasin: "Darwin und Foucault". Genealogie und Geschichte im Zeitalter der Biologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 456 S., geb., 24,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 19.03.2009
Das Krustentier, das Meerschwein und der Hammer der Genealogie
Ursprung der Arten, Ordnung der Dinge: Michel Foucault stammt von Charles Darwin ab, behauptet der Historiker Philipp Sarasin
Der Mensch, so hat der französische Philosoph Michel Foucault berühmterweise prophezeit, wird einmal verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Gut 130 Jahre vor diesem Satz hat auch Charles Darwin an einem Meeresufer über das Verschwinden von Menschen nachgedacht. In einer Bucht in Feuerland hatte er die dort wachsenden Meerespflanzen untersucht und darin Polypen, Schnecken, Krustentiere, Muscheln und Fische gefunden.
Darwin war fasziniert von diesem geteilten Lebensraum, ließ sich aber nicht daran hindern, in ihm sogleich eine ganze Serie gedanklicher Verwüstungen anzurichten: „Zwischen den Blättern dieser Pflanze leben zahlreiche Arten von Fischen, welche nirgends anders Nahrung und Schutz finden würden; mit ihrer Vertilgung würden auch die vielen Kormorane und andere von Fischen lebende Vögel, die Ottern, Robben und Meerschweine untergehen; und endlich würde auch der Wilde des Feuerlandes, der elende Herr dieses elenden Landes, seine kannibalischen Mahlzeiten verdoppeln müssen, der Zahl nach abnehmen und vielleicht zu existieren aufhören.”
Der Zürcher Historiker Philipp Sarasin geht solchen Fährten in seinem Buch über „Darwin und Foucault” nach. Was verbindet die Zerstörungsphantasie des englischen Naturforschers mit dem Strandtraum des erschöpften französischen Professors? Auf den ersten Blick nicht viel: Darwin reflektiert in seinen Reisenotizen den Einbruch der kolonialen Zivilisation ins Reich der „Wilden”, Foucault träumt auf der letzten Seite seines Buches „Die Ordnung der Dinge” vom Ausbruch aus der Falle des humanistischen Denkens. Und doch behauptet Sarasin: Foucault stammt von Darwin ab.
Das ist natürlich nicht naturgeschichtlich, sondern diskurshistorisch gemeint. Sarasin möchte zeigen, wie hell viele ansonsten dunkle Passagen bei Foucault werden, sobald man sie von Darwin aus beleuchtet. Der Mittler zwischen dem Engländer und dem Franzosen war ein Deutscher: Friedrich Nietzsche. Alle drei waren gleichermaßen von der Möglichkeit fasziniert, eine kohärente und überzeugende Naturgeschichte zu entwerfen, die Gott zwar nicht ausschließt, aber doch völlig ohne ihn auskommt.
Philipp Sarasin erläutert, was das bedeutet. Darwins „Ursprung der Arten”lässt die Frage nach dem Ursprung genauso offen, wie er die Existenz von Arten leugnet. Der Ursprung als der verlorene Ort der Wahrheit? Das wäre ein verschämtes Schöpfungsdenken. Hinter der Vielfalt offensichtlich verschiedener Individuen steckt eine stabile, identische und unwandelbare Art? Auch das wäre bloß schlecht verhohlene Theologie.
Wer hingegen radikal antimetaphysisch denkt – und genau das wollen Foucault und Darwin –, der muss Zufälle und Brüche, das Flüchtige und Sinnlose aushalten. Er muss das mögliche Verschwinden des Menschen und auch den eigenen Tod ertragen und einsehen, dass es in der Natur keine Dialektik und in der Geschichte niemanden gibt, der sie organisiert und ordnet. Partielle Verbindungslinien, unreine Serien, Notwendigkeiten und Richtungen lassen sich im unaufhörlichen Gewirr und Geflecht der Gegenwart allenfalls nachträglich erkennen. Das bedeutet: Wer radikal antimetaphysisch denken möchte – muss zum Genealogen werden.
Der Autor führt diese Zusammenhänge zwischen Darwin und Foucault auf gelehrte Weise aus. Er ist ausgewiesener Foucault-Experte und hält mit Darwin durch dessen gesamtes Werk Schritt, ja er folgt den Rudimenten seiner Theorie sogar bis in deren moderne Synthese mit der Genetik. Genau das ist aber auch das Problem des Buches: Trotz aller genealogischen Smartness liest es sich in weiten Teilen wie eine professorale Ideengeschichte, deren Mittel weit hinter die Radikalität ihres Gegenstandes zurückfallen.
Und das, obwohl Sarasin versucht, Darwin und Foucault zu verteidigen: nach rechts gegen den Biologismus, der uns in das Gefängnis unserer angeblich seit der Jungsteinzeit unveränderten Gene und Gehirne sperren möchte; nach links gegen den Kulturalismus, für den es ist, als ob es tausend Diskurse gäbe, und hinter tausend Diskursen keine Welt. Diese Pattsituation zwischen einer Natur ohne Freiheit und einer Kultur ohne Realität soll mit dem Hammer der Genealogie zerschlagen werden: mit einer Geschichte, in der sich Natur und Kultur, Darwin und Foucault miteinander verknüpfen und in der man weder eine Tendenz zum Höheren und Stärkeren noch eine zu Verfall und Dekadenz erkennen kann.
Allerdings bleiben die wirklichen Konflikte dabei seltsam anonym. Am härtesten ist Sarasin in einer etwas koketten Geste zu sich selbst, wenn er sich auf die eigene „Jugend” als weltfremder und naturwissenschaftlich ahnungsloser Kulturalist bezieht. Ansonsten kämpft er mit sehr weichen Bandagen: Seine diskursive Überlebensstrategie ist eher auf Konsens ausgelegt.
Das wird besonders deutlich, wenn er davon spricht, er wolle Darwin und Foucault in Verbindung bringen „wie zwei korrosive Säuren, die man unter Laborbedingungen zusammenrührt, um eine chemische Reaktion auszulösen”. Tatsächlich haben Foucault und Darwin selbst wie Säureattentate gewirkt, der eine auf die alten Historiengemälde, der andere auf die überlieferten Darstellungen der Natur. Trotzdem ist Philipp Sarasins Metapher ein letzter Streich seiner naturwissenschaftlichen Ahnungslosigkeit, der zugleich illustriert, warum sein Buch trotz aller Gelehrsamkeit am Ende ein wenig enttäuscht: Rührt man nämlich zwei korrosive Säuren unter Laborbedingungen zusammen, dann geschieht: nichts. JAN FÜCHTJOHANN
PHILIPP SARASIN: Darwin und Foucault. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 455 Seiten, 24,80 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Beeindruckt ist Petra Gehring von Philipp Sarasins Werk über Darwin und Foucault, auch wenn sie mit dem Wissenschaftshistoriker nicht immer einer Meinung ist. Mit Lob bedenkt sie die Komposition des Buchs, das die Werke Darwins und Foucaults ausgehend vom Gedanken der Genealogie entlang ihres jeweiligen Zugriffs auf ihre Gegenstandsbereiche sichtet. Dabei findet sie jede Menge erhellende Einsichten und staunt über die "Fülle von Assoziationen", die der Autor bei seiner Konfrontation der beiden Ansätze ausschüttet. Manches allerdings scheint ihr fragwürdig, etwa wenn Sarasin den Darwin'schen "struggle for existence" mit Nietzsches und Foucaults Machttheorie parallel setzt.

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