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Auf einer traumhaften Küstenstraße kreuzen sich zwei Lebenswege auf verhängnisvolle Weise: Zoran ist ein Serbe, der keiner sein will, seiner Heimatstadt Sarajevo den Rücken gekehrt hat und inzwischen in Wien lebt. Seit er nach einem Punkkonzert der Staatssicherheit berichten musste, verfolgt ihn die Scham über seine Schwäche. Erstmals nach langer Zeit ist er mit seiner Frau in einem roten Jaguar wieder in der alten Heimat unterwegs. Der Kroate Ante Gavran dagegen, der aus einfachen Verhältnissen zum General aufgestiegen ist, hält große Stücke auf sein Land. Voller Stolz verhilft er dem …mehr

Produktbeschreibung
Auf einer traumhaften Küstenstraße kreuzen sich zwei Lebenswege auf verhängnisvolle Weise: Zoran ist ein Serbe, der keiner sein will, seiner Heimatstadt Sarajevo den Rücken gekehrt hat und inzwischen in Wien lebt. Seit er nach einem Punkkonzert der Staatssicherheit berichten musste, verfolgt ihn die Scham über seine Schwäche. Erstmals nach langer Zeit ist er mit seiner Frau in einem roten Jaguar wieder in der alten Heimat unterwegs. Der Kroate Ante Gavran dagegen, der aus einfachen Verhältnissen zum General aufgestiegen ist, hält große Stücke auf sein Land. Voller Stolz verhilft er dem faschistischen Erbe der Ustascha mit Gewalt zur Geltung. Mitten in einem aufgeheizten Fußballspiel zwischen den beiden Nationen, das alle im Fernsehen verfolgen, läuft der Sohn des Generals auf die Straße. Direkt vor den Jaguar.Mit unbändiger Erzähllust und gewohnt kritischem Geist braust Miljenko Jergovic in seinem neuen Roman in eine nahe Zukunft, in der die Geister des Nationalismus, die der Balkan rief, mithilfe von Fake News außer Rand und Band geraten sind.
Autorenporträt
Miljenko Jergovic, geboren 1966 in Sarajevo, lebt in Zagreb. Er arbeitet als Schriftsteller und politischer Kolumnist und ist einer der großen europäischen Gegenwartsautoren. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt (gemeinsam mit seiner deutschen Übersetzerin Brigitte Döbert) mit dem Georg-Dehio-Buchpreis 2018. Der Österreichische Buchhandel verleiht ihm am 20. November 2022 den Ehrenpreis. Brigitte Döbert, geboren 1959, lebt in Berlin. Sie überträgt seit über zwanzig Jahren Belletristik aus verschiedenen exjugoslawischen Staaten ins Deutsche, darunter Die Tutoren von Bora Cosic und das Werk von Miljenko Jergovic. Dafür wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW (2016) sowie dem Preis der Leipziger Buchmesse (2016).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Jörg Plath kann Miljenko Jergovic nur bewundern für den Kraftaufwand, den ihn seine Kritik an seiner Heimat Kroatien kostet. Wie der Autor in seinem Roman das Verdrängte des serbisch-kroatischen Krieges wiederaufleben lässt, indem er verschiedene Handlungsstränge über Kroaten und Serben schließlich miteinander kollidieren lässt, erscheint Plath hingegen mehr mit einer der ätzenden Zeitungskolumnen des Autors gemein zu haben als mit einem Roman. Unterwegs verliert der Text alles, was Plath zunächst schätzt: seinen "betörenden" Ton, die Ambivalenzen der Figuren und die plastischen Nebenhandlungen. Was laut Rezensent übrigbleibt, ist eine ausladende Kritik an den kroatischen Behörden und Medien.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.10.2021

Kroate, Serbe, Bosniak
Bei Miljenko Jergović fängt Gewalt mit Zuschreibungen an
Nach dem Bosnien-Krieg, heißt es zu Beginn dieses Romans einmal, hätten zahllose Menschen darunter gelitten, dass Geschosssplitter aus ihren Körpern drangen. Reste von Schrapnells oder Granaten. Ein Zeit lang lagen sie unter der Haut, brachen dann irgendwann durch und kamen heraus. Als würden Kinder ihre Milchzähne verlieren. Oder als würden Erinnerungen sich ihren Weg an die Oberfläche des Bewusstseins suchen.
Miljenko Jergović, der 1966 in Sarajevo geboren wurde, ist der große Vivisecteur der Bilder in unseren Köpfen. Es sind jene Bilder, denen man nicht entkommt. Vorurteile, gespeist aus Ängsten oder Hass, „Zerrbilder“, wie Jergović an einer Stelle schreibt, die regelmäßig hervorbrechen und die ganze Wahrnehmung bestimmen.
Spätestens seit seinem Roman „Buick Rivera“ (2002) sind damit vor allem Zuschreibungen gemeint, Selbst- und Fremdzuweisungen als „Kroate“, „Serbe“ oder „Bosniak“, die in extremer Weise nationalistisch instrumentalisiert werden. In vielen seiner Erzählungen und Romane hat Jergović gezeigt, wie sich solche Zerrbilder über ein Jahrhundert hinweg entwickelt haben, um in den Jugoslawien-Konflikten der 90er-Jahre ihren blutigen Höhepunkt zu finden – und wie sich seither ihre Wirkkraft immer weiter entfaltet.
In seinem neuen Roman spitzt Jergović diese Sichtweise noch einmal zu. Von zwei Seiten aus setzt er sein Erzählen in Gang. Da ist zum einen Zoran. Er und seine Frau Borka haben ein halbes Leben lang erfahren, was es heißt, in Sarajevo als Serben identifiziert, ausgegrenzt und immer wieder auch bedroht zu werden. Dafür genügte es, seinen Namen zu nennen. Was ihr Leben seither bestimmt, ist Angst. Um etwas gegen diese Angst zu tun, setzen sie sich nicht etwa mit ihr auseinander, sondern akzeptieren die ihnen zugedachten Rollen, mehr noch, füllen sie in idealer Weise aus. Doch die Strategie trägt nicht. So schwenken sie um und flüchten nach Wien, um dort ein Dasein zu führen, in dem nichts mehr an ihre Herkunft erinnert.
Aber auch in Wien greifen die alten Muster, sobald Zoran auf „Landsleute“ trifft, zum Beispiel aus Kroatien. Wie Jergović dieses Wirksamwerden einer tief verankerten Vorurteilsstruktur beschreibt, ist eine Kunst für sich: „Unvermittelt erkenne ich mich in ihrem Bild von einem Serben wieder und wehre mich gegen dieses Bild und was es alles bedeuten könnte, indem sie in meinem Kopf zu Kroaten werden, und zwar den Kroaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die in Jasenovac folterten und mordeten, und zu den Kroaten, die in der jüngeren Vergangenheit das Kloster Žitomislići samt Kirche zerstörten.“
Ein solcher Mensch, der sich ganz und gar über das Klischee eines Kroaten definiert, ist die Hauptfigur des zweiten Erzählstrangs: Ante Gavran alias Ćumur, der wie Zoran seine Geschichte selbst skizziert. Aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammend, landete er in jungen Jahren in einem Heim für Schwererziehbare, weil er eine Parole des Faschisten Ante Pavelić in den frischen Beton einer Türschwelle schrieb. Seine Karriere beim Militär, wo er schließlich General wird und eine wichtige Rolle im Bosnien-Krieg spielt, verdankt sich dem Fortschreiben dieser Linie: „Damals wusste ich nichts vom Führer der Kroaten (...). Heute schätze und liebe ich ihn!“
Es ist nur konsequent von Miljenko Jergović, dass er seine Hauptfiguren in der Ich-Form erzählen lässt, denn so dockt man beim Lesen an ihre Denk- und Wahrnehmungsbewegung an. Und erlebt dabei Selbstanfeuerungen und Machtmuster – und gerade auch Vorurteile, Denkschleifen, Verdrängungsstrukturen und blinde Flecke in der Wahrnehmung. Wobei im Fall von Ćumur noch ein spezifischer Sprechgestus hinzukommt, der viel mit Selbstinszenierung zu tun hat: Er gibt offenbar einer Journalistin ein Interview.
Die mehr als blutige Pointe, die sich Jergović für seine beiden Hauptfiguren ausgedacht hat, zündet parallel zu einem Fußballspiel zwischen Serbien und Kroatien, das an einem späten Augusttag stattfindet. Ein Unfall, bei dem Ćumurs Sohn durch Zorans Wagen verletzt wird, lässt dieselben Feindschaftsbilder aufblühen und dieselben Hassgefühle hochkochen, die auch auf dem Spielfeld vorherrschend sind. Spätestens bei der mehrfachen Nennung der Jahreszahl „20XY“ wird deutlich, dass der Roman nach und nach in ein halbdystopisches Szenario kippt.
Was folgt, ist eine durch aufputschende Meldungen in den sozialen Medien angefeuerte Phase von Ausschreitungen, die man später mit dem Begriff „Pogrom“ zusammenfassen wird. Jergović verbindet hier die Analyse nationalistischer Denkweisen mit einer Fallstudie über die Frage, welche Rolle die Kommunikationskanäle spielen, die das postfaktische Zeitalter bestimmen. Eine Welle von einseitigen oder schlichtweg falschen Meldungen genügt – und der Hass bricht sich Bahn.
So überzeugend die Ich-Erzählungen von Zoran und Ćumur sind, so problematisch ist dieser dritte Teil des Buches. Es gehört zu seinen Stärken, dass er in einer Art Berichtform angelegt ist. So bildet er ein Gegengewicht zu den subjektiven Erzählteilen von Zoran und Ćumur. Jergović inszeniert unterschiedliche Quellen und Textsorten und mischt historische Daten und Erfundenes – mit diesem fingierten Dokumentarismus zeigt er zugleich, welche Kraft jene analogen Techniken haben können, deren Versagen er auf der stofflichen Ebene beschreibt. Als wolle er das Erzählen in seiner ganzen Brüchigkeit stark machen gegen alle twitterartigen Sätze und News-Feeds.
Aber es ist nicht klar, wer in diesem Schlussteil eigentlich spricht. Ein Arrangeur von Materialien? Ein plötzlich hochploppender Berichterstatter? Auf jeden Fall jemand, der unter der Hand doch Kommentare und Wertungen in die Sätze einspeist. Zudem arbeitet Jergović nun zunehmend mit Reihungen, die das Geschehen in alle möglichen Weltgegenden ausweiten und so verwässern: „Die kollektive Paranoia spielte längst Populisten, Nationalisten und Verschwörungstheoretikern von Rio de Janeiro bis Jakarta und von Brižnik bis Washington in die Hände.“
Bei alldem bewegt er sich eher unentschlossen zwischen Beschreibung und Satire hin und her. Das kratzt den harten Kern seines Buches und seine klugen literarischen Analysen immer wieder an. So bleibt einem nach der Lektüre vor allem ein Satz von Zoran im Gedächtnis, mit dem er sein eigenes Erzählen beschreibt: „O je, jetzt gehen mir die Pferde durch ...“
NICO BLEUTGE
Nach und nach kippt
der Roman in ein
halbdystopisches Szenario
Miljenko Jergović:
Der rote Jaguar. Roman.
Aus dem Kroatischen von
Brigitte Döbert.
Schöffling, Frankfurt
am Main 2021.
191 Seiten, 22 Euro.

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.12.2021

Das andere Sarajevo
Miljenko Jergovics Roman "Der rote Jaguar"

Autos und pensionierte Offiziere der jugoslawischen Volksarmee, das sind oft Protagonisten der Romane von Miljenko Jergovic, und so ist es auch in seinem neuesten Werk, "Der rote Jaguar": Der Berufssoldat Starovic (dass er einen Vornamen hat, findet nur beiläufig Erwähnung) wird 1985 im Generalsrang pensioniert und setzt sich in Sarajevo zur Ruhe. Sechs Jahre später zerfällt der gemeinsame Staat der Südslawen, dem er aus Überzeugung gedient hatte. Starovic wird das Land unter den Füßen weggezogen. Er will Jugoslawe sein, doch die Zeit reduziert ihn wider Willen auf eine scheinbar simplere Identität, auf eine Definition von sich selbst, die er hinter sich gelassen zu haben glaubte: Der Krieg macht ihn in den Augen der anderen wieder zum Serben. Starovic empfindet sich fortan als heimatlos, "weil er auf das, was nicht mehr ist, einen Eid geschworen habe und weil er für das, was nicht mehr ist, General gewesen sei", wie Jergovic ihn sagen lässt. Dass Jergovic (wo wir schon bei scheinbar simplen Identitäten sind: ein in Sarajevo geborener kroatischer Schriftsteller, der bei Zagreb lebt) unter anderem aus der Perspektive von Serben erzählt, die im Krieg in Bosniens geschundener Hauptstadt blieben, ist einer der vielen Kniffe dieses Buches. Es wird selten thematisiert, dass im belagerten Sarajevo, das fast vier Jahre lang von Soldaten des serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic beschossen wurde, auch Serbinnen und Serben ausharrten.

Indem Sarajevo aus einer solchen Perspektive erzählt wird, bekommt die Stadt eine Färbung, die sie besonders in der ausländischen Wahrnehmung sonst kaum hat. Aus der Ferne wird Sarajevo oft als multiethnische und multireligiöse Metropole geschildert, als "Europas Jerusalem" oder (einstige) "Wunderstadt", wie Dzevad Karahasan sie genannt hat. Jergovics Sarajevo ist anders - eine Stadt, in der es "nicht mehr egal war, ob du Ahmo oder Zoran, Borka oder Fata heißt". Starovic ist, "wie jeder Sarajevoer Serbe, der in der Stadt geblieben war, ein bisschen schlimmer dran als der Durchschnitt".

Seine Tochter und deren Mann, aus dessen Perspektive das Buch zum Teil erzählt ist, haben die Stadt deshalb nach dem Krieg verlassen und leben in Wien. In Sarajevo seien sie nämlich stellvertretend für alles verantwortlich gemacht worden "was Serben Muslimen antaten, in Srebrenica, Prijedor, Sarajevo". Daran änderte auch der Umstand nichts, das beide "während des Krieges in einer übrigens mächtig überschätzten Wirklichkeit in Sarajevo lebten, in Reichweite serbischer Sniper und Granatwerfer", heißt es an anderer Stelle. "Denn als Serben sind wir nicht nur schuld an allem, das Muslimen angetan wurde, haben nicht nur den Tod der in Srebrenica, Prijedor und Sarajevo ermordeten Muslime ebenso zu verantworten wie das Leid der überlebenden Muslime von Srebrenica, Prijedor und Sarajevo, nein, wir sind auch für das Leid der Muslime verantwortlich, die aus München, Ankara oder Riad auf das schauten, was in Srebrenica, Prijedor und Sarajevo geschah, die sich von Amerika, Australien oder Arabien aus in das Leid ihrer Brüder und Glaubensgenossen einfühlten."

Für Serben scheint in der Leidensgeschichte Sarajevos kein Platz zu sein. "Jeder Muslim, ganz gleich, ob bosnischer, türkischer, arabischer oder malaysischer Muslim, ganz gleich, ob er Bosnisch oder Arabisch spricht, Bier trinkt oder Biertrinkern den Kopf abhackt", könne sich auf das muslimische Leid im belagerten Sarajevo berufen, doch den (wenigen) in der Stadt gebliebenen Serben werde das nicht zugestanden, konstatiert Jergovics Erzähler. Belagert und beschossen wie alle anderen, gehörten sie im Krieg zur Masse der Eingeschlossenen, seien aber "wie alle Serben nach dem Krieg von Muslimen aus Sarajevo vertrieben" worden, "weil sie uns nicht mehr brauchten, um der Welt ihr angeborenes Merhamet und ihre Toleranz zu beweisen". So leben die Kinder des Generals also in Wien, verharren dort aber, obschon beruflich erfolgreich, in einem emotionalen Niemandsland. Für sie bleibt das versunkene Jugoslawien eine Realität, "zusammengesetzt aus mehreren Ängsten".

Jergovics Roman kreist um die Unbehaustheit der Emigrierten und die Vielschichtigkeit ihrer Identitäten, die komplizierter sind als eine Fahne, eine Hymne oder ein Reisepass. Dieser Roman ist so auch eine Variation von Ivo Andrics Spätwerk "Omer Pascha Latas". Dort macht ein fahnenflüchtiger habsburgischer Kadett Karriere im Osmanischen Reich, träumt aber noch als alter Mann davon, sein Ruhm möge nicht in Istanbul oder Sarajevo, sondern in Wien anerkannt werden. Bei Jergovic ist es umgekehrt. Ein bosnischer Flüchtling macht Karriere in Österreich und sehnt sich nach Sarajevo zurück: "Der ganze Wiener Ruhm galt ihm nichts im Vergleich zu dem trübselig-schwermütigen Ruhm in der Bascarsija und in Marijin Dvor."

Ein zweiter Erzählstrang, der erst am Ende mit dem ersten zusammengeführt wird, handelt von einem kroatischen Freischärler, einem Kriegsverbrecher, der ein brutaler Mörder und zugleich ein sanft-liebender Vater seines geistig behinderten Sohnes ist. Dieser Teil des Romans ist auch eine Satire auf das heutige Kroatien, "einer primitiven, chauvinistischen, katholisch-balkanischen Kultur", wie es bei Jergovic heißt. Namentlich nicht genannt und doch unschwer zu erkennen, tritt die frühere kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic auf, als deren bedeutendste politische Leistung in Erinnerung blieb, dass sie nach Kroatiens Niederlage im verregneten Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Moskau, ein klatschnasses Trikot der kroatischen Nationalmannschaft tragend, jeden Spieler ihres Landes herzte, der sich nicht beizeiten in Sicherheit gebracht hatte. Jergovic erwähnt diese Szene beiläufig und porträtiert die Präsidentin als chauvinistische Schreckschraube an der Spitze eines Staates im nationalistischen Fieberwahn. Dabei mischt er im Stil einer vermeintlichen Dokumentation ständig Fiktives und Reales. Den Journalisten Rathfelder von der "taz" etwa, der in der Geschichte als Geldbriefträger auftaucht, gibt es wirklich, ebenso wie den bei Ajax Amsterdam spielenden Fußballprofi Dusan Tadic, den Jergovic ein Tor in einer Partie Serbiens gegen Kroatien erzielen lässt. Dass Dusan Tadic zudem der Name des Serben ist, gegen den wegen "ethnischer Säuberungen" und anderer Schandtaten in Bosnien das erste Urteil des Haager Kriegsverbrechertribunals erging, muss man nicht wissen, um dieser Satire folgen zu können.

Das alles ist im furiosen Stil des begnadeten Erzählers Jergovic geschrieben, und doch ist "Der Rote Jaguar" wohl nicht geeignet als Einstiegslektüre in sein Werk. Wer die Schauplätze dieses Romans nicht gut kennt, dürfte hier und da ratlos zurückbleiben angesichts von Namen und Anspielungen, die im außerjugosphärischen Kontext unbekannt sind. Dass "Teritorijalci" regionale Militäreinheiten zur Landesverteidigung waren, Kosevo ein Stadtteil Sarajevos ist und Bijelo dugme (Weißer Knopf) der Name einer in Jugoslawien bekannten Rockband war, hätte sich durch ein Glossar aufklären lassen, wird so aber zumindest jenen, die nicht alle paar Buchseiten eine Internetrecherche anstellen wollen, verschlossen bleiben. Insgesamt aber ist es wie stets bei Jergovic: Die Geschichten wuchern und sprießen wie ein verwilderter Garten in einem fruchtbaren Landstrich. Wer dort war, will unbedingt wiederkommen. MICHAEL MARTENS

Miljenko Jergovic: "Der rote Jaguar". Roman.

Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Schöffling Verlag, Frankfurt 2021. 192 S., geb., 22,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Jergovic ist wunderbar - er weiß, was er erzählen will und wie, er erzählt es geradeheraus.« »Jergovic ist nicht nur ein außergewöhnlicher Erzähler der Irrungen und Wirrungen im ehemaligen Jugoslawien, sondern auch einer der streitbarsten Publizisten Kroatiens.« Deutschlandfunk Kultur »Lesart«