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Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Brief von Haruki Murakami an seine deutschen Leser: "Ich habe ein Buch über den Giftgas-Anschlag auf die U-Bahn von Tokyo verfasst. Dabei habe ich einen nachdrücklichen Eindruck davon erhalten, welch große Gefahr der Terrorismus für die modernen Gesellschaft darstellt." "Untergrundkrieg" untersucht die Vorgänge und Folgen des Giftgas-Anschlags von Tokyo 1995. Zwölf Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Haruki Murakami hat auf diese Tat geantwortet, indem er mit Opfern, aber auch mit Tätern sprach.…mehr

Produktbeschreibung
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Brief von Haruki Murakami an seine deutschen Leser: "Ich habe ein Buch über den Giftgas-Anschlag auf die U-Bahn von Tokyo verfasst. Dabei habe ich einen nachdrücklichen Eindruck davon erhalten, welch große Gefahr der Terrorismus für die modernen Gesellschaft darstellt." "Untergrundkrieg" untersucht die Vorgänge und Folgen des Giftgas-Anschlags von Tokyo 1995. Zwölf Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Haruki Murakami hat auf diese Tat geantwortet, indem er mit Opfern, aber auch mit Tätern sprach. Entstanden ist ein eindrucksvolles und zutiefst aufwühlendes Dokument über den Terror und seine Folgen.
  • Produktdetails
  • btb Bd.73075
  • Verlag: Btb
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: Februar 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 118mm x 32mm
  • Gewicht: 414g
  • ISBN-13: 9783442730759
  • ISBN-10: 3442730759
  • Artikelnr.: 11964276
Autorenporträt
Murakami, Haruki
Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, ist der international gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Roman "Gefährliche Geliebte" entzweite das Literarische Quartett, mit "Mister Aufziehvogel" schrieb er das Kultbuch seiner Generation. Ferner hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.
Rezensionen
Besprechung von 12.04.2002
Niemand sagte etwas an diesem höllischen Morgen
Interviews mit Vergifteten: Haruki Murakami dokumentiert den Gas-Anschlag der Aum-Sekte

Am 20. März 1995 legten Mitglieder der japanischen Aum-Sekte in fünf Tokioer U-Bahn-Linien saringefüllte Beutel aus und durchstachen sie mit einem spitzen Regenschirm, bevor sie die Züge verließen. Regenschirme konnten an diesem Tag an sich schon Verdacht erregen, denn der Himmel war strahlend blau. Doch niemand kam auf die Idee, seine Mitpassagiere zu mustern.

Der klassische Tokioer Pendler steht gegen sechs Uhr auf, nimmt eine mit mehrmaligem Umsteigen verbundene, oft zweistündige Anfahrt zum Arbeitsplatz in Kauf und folgt dem Usus, lieber eine Stunde zu früh im Büro zu sein, nicht zuletzt, um die rituelle Morgenbegrüßung nicht zu versäumen. Der morgendliche U-Bahn-Benutzer ist ein diszipliniertes Wesen, das sich in mehreren Reihen vor den immer gleichen Zugtüren anstellt, die Augen schließt, wenn die Massen ihn wie ein Sandwich zusammenpressen, und in Schlaf verfällt, sobald er einen Sitzplatz findet. Er war das ideale Opfer für das "Armageddon" der Weltuntergangssekte. Ein Jahr zuvor hatte Aum dasselbe Giftgas mit einem Sprühwagen im Freien verteilt und so sieben Menschen umgebracht und Hunderte verletzt. Doch erst der Anschlag auf die unterirdischen Transportwege brachte das vom Sektenführer Shoko Asahara erwünschte Desaster hervor.

Kontrolliert auf allen vieren

"Untergrundkrieg", eine Interviewsammlung des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami, gibt einen packenden Einblick in die sich langsam entfaltende Katastrophe. Die Züge, in denen die Sarin-Beutel lagen, fuhren stundenlang ungehindert weiter, der Fahrtwind entgegenkommender Züge verteilte das Gas in den Stationen. Die ahnungslosen Bahnbeamten entsorgten die suspekte Flüssigkeit mit den Händen, verstauten sie bestenfalls in offenen Plastiksäcken, die in den Schächten stehenblieben. Die Augenzeugen berichten von einer stummen Panik in den Zügen: als der schlechte Geruch sich verbreitet, die Mitreisenden zu husten beginnen, einzelne umfallen oder auf ihrem Sitz zusammensinken, wechseln Entschlossene den Wagen, andere freuen sich über die frei werdenden Plätze und harren aus. Gespenstisch ist der Kommunikationsmangel unter den Betroffenen.

Die Reisenden führen die Beschwerden auf den permanenten Streß zurück, dem sie ausgesetzt sind; da Zusammenbrüche keine Seltenheit scheinen, ignorieren sie auch die ersten Opfer. Plötzlich eskaliert die Situation, das Insektizid fällt die Menschen "wie die Fliegen". Sie stürzen aus den sich öffnenden Türen, krümmen sich auf dem Bahnsteig mit Schaum vor dem Mund oder schleppen sich noch ein paar Treppen hinauf, sofern der entgegenkommende Menschenstrom ihnen dazu Raum läßt. Wer es an die frische Luft schafft, muß feststellen, daß sie ihm keine Erleichterung bringt. Der Himmel hat sich nun tatsächlich verdunkelt, doch es ist kein Regen, sondern eine Erblindungserscheinung. Jedes Opfer erlebt die Vergiftungssymptome anders, ihnen gemein ist der Versuch, sie herunterzuspielen. Viele nehmen sich ein Taxi, um doch noch ins Büro zu kommen, einige kriechen auf allen vieren weiter.

So bescheiden Murakami seine Absicht formuliert, abseits von der Sensationspresse eine Anschauung davon zu gewinnen, was an diesem höllischen Morgen wirklich geschah, so brisant sind seine Ergebnisse. Bezeichnenderweise waren von 3800 Geschädigten nur sechzig, also kaum zwei Prozent, zu einem Gespräch bereit. Das Bedürfnis, Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen, ist auf allen Seiten groß. Die dennoch gewonnenen Berichte geben einen bizarren Eindruck von der kompletten Hilflosigkeit der öffentlichen Stellen, von einem Gesundheitsamt, das telefonisch nicht zu erreichen ist, gelähmten Polizeibehörden, einer nicht besetzten Feuerwehr und einem miserabel koordinierten Krankenwageneinsatz. Nur die Medien sind unfehlbar schnell am Platze und müssen von verzweifelten Helfern dazu überredet werden, ihre Busse zum Krankentransport herzugeben.

Der vierten Gewalt im Staat war es zu verdanken, daß überhaupt eine Verständigung über die Krise zustande kam, erste Informationen die Bevölkerung erreichten und die Zahl der Toten schließlich nicht über elf hinausging. Krankenhäuser schickten Erblindete zunächst mit der Begründung von dannen, sie seien keine Augenpraxen, Schwervergiftete mußten vor der Notaufnahme warten, es dauerte Stunden, bis die Sarin-Diagnose sich herumgesprochen hatte - und auch das ist auf einzelne Ärzte zurückzuführen, die die Initiative ergriffen und ihre Kollegen per Fax über Gegenmittel informierten. Zu den gesundheitsschädigenden Folgen trug nicht zuletzt bei, daß die Verseuchten unbelehrt ihre Kleider anbehielten.

Murakamis Studie bringt die Konsequenzen einer fehlenden Krisenzentrale und Katastrophenlogistik erbarmungslos an den Tag. Nicht nur der erste Sarin-Anschlag, auch das jüngste Erdbeben in Kobe hatte keine präventiven Maßnahmen gezeitigt. Symptomatisch erscheint in diesem Zusammenhang, daß eine der betroffenen U-Bahn-Stationen direkt an einem von Ministerien gesäumten Platz lag - und doch niemand zu Hilfe eilte: "Nicht einmal ein Taxi haben sie gerufen." Zugleich zeigt "Untergrundkrieg", daß die Schuld nicht allein bei den Behörden zu suchen ist: "Alle gingen weiter, als gingen wir sie nichts an", berichtet eine Frau aus der Opferperspektive am U-Bahn-Eingang. "Es saßen zwar eine ganze Menge Leute um mich herum, aber geredet habe ich eigentlich mit keinem", erinnert sich ein anderer an die Szene auf dem Asphalt.

Es ist nicht selten, daß plötzliche Katastrophen von Inkompetenz und Kopflosigkeit begleitet werden. Doch in der hier geschilderten Apathie scheint sich ein mentalitätsbedingter Faktor zu verraten: "Niemand sagte etwas. Keine Reaktion, keinerlei Kommunikation", erzählt ein Fahrgast: "Ich habe ein Jahr in Amerika gelebt. Wenn das gleiche in Amerika passiert wäre, hätte es einen Riesenaufruhr gegeben." Die von Murakamis Buch gezeichnete japanische Gesellschaft ist stark funktionalistisch und in geschlossenen Systemen organisiert. Ausfälle sind nicht vorgesehen, der einzelne ist ein verläßliches Rädchen, das pflichtbewußt, zielstrebig und duldsam seinen Aufgaben nachgeht. Weder Desinteresse noch Egoismus und humane Kälte scheinen daher den mangelnden Beistand verschuldet zu haben. Der Grund ist im Gegenteil eher in der Selbstlosigkeit des japanischen Angestellten und in seinem starken Verantwortungsbewußtsein dem Arbeitsplatz gegenüber zu suchen, der als familiengleiche Bindung gepflegt und empfunden wird.

Die Eltern der Sarin-Opfer waren nicht selten einfache Leute vom Lande, an denen die traditionellen japanischen Werte noch ungetrübt zu studieren sind. Auffällig in Murakamis Gesprächen mit ihnen ist das Bedürfnis, selbst noch dem Tod gegenüber die Fassung zu bewahren, die Haltung nicht zu verlieren, die Gefühle zu kontrollieren. Darin steckt Rücksichtnahme auf den anderen, die Scheu, sich aufzudrängen und wichtig zu machen. Die Kehrseite dieses ehrenwerten Ethos ist ein problematisches Phlegma, das die Verantwortung delegiert und Konflikte meidet.

Die Aum-Sekte sprach beide Aspekte des im Umbruch befindlichen, japanischen Charakters an, das Bedürfnis nach Folgsamkeit und den vehementen Widerspruch gegen eine wertefreie, zynische Moderne. Murakami hat auch eine Reihe von Sektenmitgliedern für sein Projekt gewinnen können. Er selbst vertritt die These, daß dem japanischen System die Auffangnetze für Aussteiger und Kritiker fehlen. Tatsächlich ist häufig eine zu große Aufgewecktheit Grund für den Eintritt meist junger Leute in Shoko Asaharas Orden gewesen. Der Sektenführer lockte durch Gesprächsbereitschaft, er hatte Antworten auf alle Fragen, die Eltern und Lehrer beiseite wischten. Auch der mystische Überbau der Sekte war eine Antwort auf das Schweigen einer weltlichen Gesellschaft, die mit seelischen Obdachlosigkeitsgefühlen nicht mehr umzugehen wußte.

Sobald der Aspirant Aum-Mitglied war, faßten ihn dann sehr diesseitige Mechanismen. Hohe Beitrittszahlungen erschwerten die Rückkehr in die Bürgerlichkeit, sklavische Arbeitspensen, monotone Riten und rüde Bestrafungsaktionen löschten den kritischen Geist aus, eine diktatorische Organisation führte zu Ichverlust und blindem Gehorsam. Murakami hat also in gewissem Grade recht, wenn er Aum zum Spiegel des heutigen Japan erklärt. Wer im Sektengefüge vorankommen wollte, brauchte dieselben Qualitäten, die ihm auch im Tokioer Alltag halfen, die Männer mußten gebildet, die Frauen attraktiv sein: "Bei Frauen kam es auf ihr Aussehen an. Wirklich! Nicht anders als in der normalen Gesellschaft." Eine Nonne, die sich den Avancen Shoko Asaharas widersetzte, wurde mit Elektroschocks behandelt und verlor dadurch zwei Jahre aus ihrem Gedächtnis. Andere Querköpfe hing man an den Füßen auf, bis sie den Tod herbeiwünschten; sie sollen nach dieser zweifelhaften Initiation die treuesten Mitglieder geworden sein.

"Untergrundkrieg" ist ein Indiz dafür, daß der Sarin-Anschlag in der japanischen Öffentlichkeit weiterwirkt. Die Katastrophe führte manchem seine Einsamkeit vor Augen. Wenn es darauf ankommt, läßt das System Gute wie Böse allein. Besonders bewegend ist der Einblick in die mit der Vergiftung verbundenen Grenzerfahrungen. Wer aus dem Koma zurückfand, ist oft auf lange Zeit nicht nur mit Kopfschmerzen und Gedächtnislücken, sondern auch mit Alpträumen, halluzinatorischen Tantalos-Qualen, mit Angst vor Kälte, Nacht und Gespenstern geschlagen.

Japans fehlende Worte

Für die Katastrophenopfer wenigstens hat das japanische Ideal persönlicher Unfehlbarkeit seine Plausibilität verloren. Sie haben auf grausame Weise erfahren, daß man des anderen bedarf und sich dafür nicht zu schämen hat. "Was wir brauchen, sind neue Worte", schreibt Murakami, "mit deren Hilfe wir eine neue Geschichte erzählen." Sein Buch beweist, daß es eine Fülle unbestechlicher, selbständig denkender Menschen unter den Leidträgern und Tätern gibt, die ihre eigene Geschichte so zu erzählen wissen, daß sie von geradezu alarmierendem allgemeinem Interesse ist. Dazu gehört nicht zuletzt ein vom japanischen Pferderennsport engagierter Jockey aus Irland. Abseits vom Aum-Anschlag spricht er auch über berufliche Erfolge - und kommt der Misere so vielleicht am nächsten: Die jungen, japanischen Reiter seien jetzt viel inspirierter als bei seiner Ankunft: "Dennoch bin ich der Meinung, daß sie sich noch mehr verbessern könnten, wenn sie kommunikativer mit den Pferden umgingen, aber das ist wahrscheinlich kulturell bedingt."

INGEBORG HARMS

Haruki Murakami: "Untergrundkrieg". Der Anschlag von Tokyo. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2002. 400 S., br., 18,- .

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 16.04.2002
Leben Sie glücklich und bleiben Sie gesund
Noch der Sterbende will zur Arbeit kriechen: Haruki Murakami sammelt Zeugenberichte über den Giftgasanschlag von Tokyo
In den Morgenstunden des 20. März 1995, mitten im größten Gedränge des Berufsverkehrs, kommt es in der Untergrundbahn von Tokyo zu einem unerhörten Vorfall: Fast auf die Minute gleichzeitig zersticht in fünf Waggons verschiedener Linien je ein Fahrgast mittels einer zugeschliffenen Regenschirmspitze eine mitgeführte Plastiktasche und setzt neunhundert Milliliter des hochgiftigen Gases Sarin frei. Die Attentäter handeln im Auftrag der Aum-Sekte, auf Anordnung ihres Führers Shoko Asahara. Fünftausend Menschen werden verletzt, viele davon schwer. An ein Wunder grenzt es, dass nur zwölf von ihnen sterben.
Das Erdbeben von Kobe liegt erst zwei Monate zurück; und auch dieser zweite Schlag scheint mit der sekundenschnellen Gewalt einer Naturkatastrophe aus einer unerkennbaren Tiefe hervorzubrechen, um alle Gewissheiten der Zivilisation dauerhaft zu erschüttern. Mit einer fast sarkastisch zu nennenden Präzision bildet der gelbe Plastik-Einband von „Untergrundkrieg” ab, was geschieht: Man sieht den Umriss einer menschlichen Figur und in ihrem Brustkorb, als bronchiales Astwerk gedeutet, den schematischen bunten Plan eines U-Bahn-Netzes. Das kreatürliche Bedürfnis, zu atmen, der zivilisatorische Zwang, in engen Röhren zur Arbeitsstätte zu pendeln, und die tödliche Bedrohung sind eins geworden.
Aber anders als bei einem Erdbeben kann das Unbegreifliche des Terror- Anschlags nicht einfach auf sich beruhen; und um so weniger, als er nicht von einem äußeren Feind kam, sondern vom Innern der Gesellschaft selbst ausging. So jedenfalls denkt der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, der gerade von einem achtjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ist und seine Heimat darum mit frischen Augen sieht. Die Frage kommt ihm so drängend vor, dass er als Autor ganz zurücktritt und sich darauf beschränkt, Zeugen zu befragen. Er findet, mit großer Mühe, ihre Namen heraus und bittet sie um ein Gespräch. Die schriftliche Fassung der mitgeschnittenen Protokolle legt er seinen Gesprächspartnern vor und berücksichtigt in jedem Fall ihre Änderungs- und Streichungswünsche.
Das Ergebnis kann man als enttäuschend betrachten, soweit es das Ereignis selbst betrifft. Alles ging so schnell; und Giftgas, so effektiv es sein mag, zeichnet sich durch eine ganz eigentümliche Unwirklichkeit aus. Die Begegnung mit ihm, sein Geruch, wird auf geradezu mystische Weise von jedem anders geschildert, den einen erinnert er an gegerbtes Leder, den anderen an Früchte oder Glasreiniger, wieder andere spüren nur eine schwere Präsenz im Raum, die fast geisterhaft ist. Es löst keine Panik aus, selbst wenn seine Wirkungen schon manifest sind und der Bahnsteig sich mit zusammengekrümmten und ohnmächtigen Menschen füllt, denen Schaum vor dem Mund steht. Die Betroffenen berichten, wie ihnen Augen und Nase zu triefen begannen, wie Übelkeit, Sehstörungen und Verwirrung über sie hereingebrochen sind – es bleibt irgendwie abstrakt, es wirkt nach einiger Zeit wie die x-te Zeitlupen- Wiederholung eines strittigen Tors beim Fußball, die immer noch nicht den ersehnten Aufschluss liefert.
Und die Sektenmitglieder? Sie werden vom zweiten Teil des Buchs befragt. Es handelt sich, ganz wie man es erwartet, um grüblerische Einzelgänger, Zukurzgekommene, deren Weltbild sich schlagartig und euphorisch vereinfacht, als sie ihr Leben ihrem Guru darbringen dürfen. Sie präsentieren sich, nach der polizeilichen Zerschlagung ihrer Organisation und den Prozessen gegen die Täter, teils bockig, teils verstört.
Murakamis Analyse, die sich mit den weniger angenehmen Zügen des japanischen Gesellschaftscharakters befasst und Parallelen zu den Kriegen der dreißiger und vierziger Jahre zieht, hat ihre Berechtigung und ist als Akt der Selbstkritik in einem Land, wo die Wahrung des Gesichts über alles zu gehen scheint, gewiss sympathisch; aber sie dringt nicht so tief, wie sie es selbst für nötig hält.
Aus dem Fegefeuer in die Hölle
Die Stärken des Buchs liegen woanders – nicht im erklärten thematischen Schwerpunkt, sondern an den Rändern, dort, wo vielleicht nicht einmal der Urheber ganz weiß, was ihm gelungen ist. Was es für einen Nicht- Japaner so ungemein lesenswert macht, das sind die Einblicke ins alltägliche Leben. Ganz beiläufig ergeben sie sich und stehen jenseits des Tauziehens um Klischees, die bestätigt oder widerlegt werden sollen und es in jedem Fall schwer machen, zu einem Bild dieser Gesellschaft zu gelangen. Die U-Bahn, das begreift man, hat nur darum zur Hölle werden können, weil sie schon vorher das Fegefeuer war. Fahrgäste beten still um einen Sitzplatz; wenn sie ihn bekommen, schlafen sie sofort ein – nur so erreichen sie einigermaßen die nötige Nachtruhe. Manche können sogar im Stehen schlafen. Vielmehr, so behauptet die dreiundzwanzigjährige Aya Kazaguchi: „Die meisten können das. Ich mache ganz einfach gemütlich die Augen zu. Bewegen kann man sich sowieso nicht, also habe ich es so bequemer.” Aber nicht alle wollen es, zum Beispiel nicht die vierundzwanzigjährige Yoko Iizuka: „Ich halte mich nie an den Griffen fest. Weil sie so schmutzig sind. Das haben meine Eltern mir eingeschärft, als ich klein war. Ich stehe freihändig.” Auf Murakamis besorgten Einwurf, so stehe sie doch sehr unsicher, erwidert sie: „Meine Beine sind kräftig vom Tennisspielen. Ich trage hohe Absätze und habe einen sicheren Stand.” Will man einem Zusammengebrochenen helfen, so erkundigt man sich zuerst nach seiner Firma, denn selbstverständlich ist erst diese zu benachrichtigen und beileibe nicht die Familie. Noch die Sterbenden versuchen, zur Arbeit zu kriechen. Und woran denkt man zuerst, wenn man zwei Passagiere verschiedenen Geschlechts nebeneinander kollabieren sieht? „Herrje, ein Liebesdoppelselbstmord!” Offenbar liegt hier ein gewisser romantischer Standard vor. Soziale Kontrolle wird unverblümt und reuelos gehandhabt. „Es roch nach einem Desinfektionsmittel oder Nagellackentferner. ,Der Kerl stinkt’, dachte ich und starrte ihn an.” Dabei war es schon das Gift, das stank. In einem ganz vergifteten Waggon, in dem sich die krampfhaften Symptome häufen, spricht nicht einer ein Wort. Alkoholkonsum spielt eine so erhebliche Rolle, dass bei jeder Person, die nicht oder wenig trinkt, dies eigens vermerkt ist.
Aber es gibt auch schöne Dinge, die in Japan anders sind als hierzulande. Man träumt den Namen, den man seinem Kind geben wird. „In diesem Traum rannte ich hinter einem kleinen Mädchen her und rief seinen Namen. Ich habe mich selbst nicht daran erinnert, aber mein Mann hat gehört, wie ich ,Asuka! Asuka!’ gerufen habe.” So erinnert sich die Witwe, während sie die kleine Asuka im Arm hält. Und die Liebe der Generationen zueinander beglaubigt sich darin, wie sie zusammen um dasselbe verschieden trauern.
„Die Kinder waren natürlich noch zu klein, um zu verstehen, was los war. Aber als ich sie sah, löste sich meine Anspannung, und ich fing an zu weinen. , Es ist etwas Schlimmes mit Tante Shizu passiert’, sagte ich. Die Kinder sind furchtbar erschrocken. Sie wussten, dass es wirklich etwas Schlimmes war, denn sie hatten mich noch nie weinen sehen. ,Papa, Papa, wein doch nicht!’ Sie versuchten mich zu trösten, und dann heulten wir alle. Meine Eltern sind noch von der alten Schule und bemühten sich, ihre Gefühle nicht zu zeigen. Im Krankenhaus rissen sie sich die ganze Zeit zusammen, aber zu Hause haben sie die ganze Nacht geweint.”
Das Furchtbare schließt humoristische Szenen nicht aus. „Murakami: ,Sind sie vergesslicher geworden?’Kei’chi Ishikura: ,Einen Moment mal. Ich frage meine Frau, ich weiß es nicht genau.’ (Geht und kommt zurück.) ,Sie sagt, ich sei sehr vergesslich geworden.’”
Dass man über diesen fünfundsechzigjährigen Mann, dem das Gift das Gedächtnis beschädigt hat, lachen kann, ohne dass es die Achtung vor ihm verringert – es ist das Verdienst des Fragenden. Was für eine außergewöhnliche Tat es in einem Land wie Japan bedeuten mag, so viele Privatpersonen zur Veröffentlichung ihrer Gefühlslage zu veranlassen, das lässt sich nur erahnen. In einem bewundernswerten Grad besitzt Murakami die Gabe des Takts, die allein die Versöhnung des öffentlichen mit dem privaten Bereich zu vollbringen vermag, nicht nur in Japan.
Gelbe Blumen für eine Blinde
Was nach der Lektüre von „Mister Aufziehvogel” schon zu vermuten war, hier findet man es bestätigt: Murakamis künstlerische Leistung geht hervor aus einer Qualität des Menschlichen. Sie spricht aus seiner Dankbarkeit für die außergewöhnlich wohlschmeckenden Äpfel, die ihm die kleinbäuerlichen Eltern des verstorbenen Eiji Wada mit auf den Weg geben, und aus dem Bedacht, mit dem er für die schwerstbehinderte Shizoku, die schon erwähnte „Tante Shizu”, die Farbe der Blumen auswählt, als er sie im Krankenhaus besucht, gelb wie die Lebensfreude – ebenso wie aus seinem Bedauern: „Schade, dass Shizoku die Far-be der Blumen nicht sehen kann. Sie braucht sehr helles Sonnenlicht, um Dinge zu sehen.” Und sie spricht auch aus dem Ungenügen, das er empfindet:
„Sie (Eiji Wadas Witwe) holte mich mit Asuka auf dem Arm am Bahnhof ab und begleitete mich auch wieder zurück. Es war ein heißer Sommertag, die Straßen waren wie ausgestorben. Hier draußen im Freien wirkte sie wie eine ganz normale, glückliche junge Ehefrau aus der Vorstadt. Ich hätte Yoshiko Wada zum Abschied gern einige besondere Worte mit auf den Weg gegeben, aber etwas Besseres als ,Leben Sie glücklich und bleiben Sie gesund’ fiel mir nicht ein. Ich empfand diese Worte im Nachhinein als kraftlos, und als Schriftsteller habe ich schließlich nichts anderes zu geben als Worte.” Nein, ein Buch über den Terrorismus ist es nicht geworden, so lieb das dem Verlag gewesen wäre, der es im Hinblick auf gegenwärtige Aktualitäten entsprechend angekündigt hat; dafür ein sehr humanes.
BURKHARD MÜLLER
HARUKI MURAKAMI: Untergrundkrieg. Der Anschlag von Tokyo. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, Köln 2002, 400 S., 18,– Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

"Behutsam", "engagiert" und "höchst verantwortlich" setzt sich Haruki Murakami in diesem Buch mit dem Japan von heute auseinander, lobt Rezensent Ludger Lütkehaus. Im März 1995 verübte die Aum-Shinrikyo-Sekte von Shoko Asaharas in der U-Bahn von Tokyo einen Giftgasanschlag, bei dem 12 Menschen ums Leben kamen und Tausende teilweise schwere Verletzungen erlitten, erinnert Lütkehaus. Murakami hat Angehörige der Opfer und Mitglieder der Sekte kurze Zeit danach interviewt und diese Interviews 1997 und 1998 in zwei Bänden in Japan publiziert, informiert der Rezensent. Diese Interviews liegen nun auf deutsch in einem Band vor. Lütkehaus hat vor allem eines beeindruckt: die "Einfühlsamkeit", der Respekt und die "Suggestionslosigkeit" eines "hoch begabten" Beobachters und "sensiblen Registrators", der mitfühlend die Opfer porträtiere und mit "frappierender Genauigkeit" die Täter konturiere. Und, ist Lütkehaus beeindruckt, diese Interviews zeigen eine "Innenseite des Terrors", die für islamische, hinduistische und christlich-fundamentalistische Terrorformen noch geschrieben werden muss. "Ein großes Buch", schwärmt der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
„Wie Murakamis Romane lässt Untergrundkrieg seine Leser erschüttert zurück."THE ECONOMIST