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Exil- und Migrationsliteratur ist so alt wie die Literatur selbst. Gerschon Schoffmann war aus dem Zarenreich nach Galizien und weiter nach Wien emigriert und hatte sich 1921 in einem Vorort von Graz niedergelassen; 1938 floh er ein zweites Mal, diesmal vor den Nazis. Und er schrieb seine Erzählungen von der ersten Veröffentlichung an (1902) auf Hebräisch. Eins seiner großen Vorbilder war Peter Altenberg, den er in Wien kennengelernt (und ins Hebräische übersetzt) hatte. Schoffmann - ein hebräisch schreibender österreichischer Dichter, der in Österreich bis heute nicht wahrgenommen wurde?…mehr

Produktbeschreibung
Exil- und Migrationsliteratur ist so alt wie die Literatur selbst. Gerschon Schoffmann war aus dem Zarenreich nach Galizien und weiter nach Wien emigriert und hatte sich 1921 in einem Vorort von Graz niedergelassen; 1938 floh er ein zweites Mal, diesmal vor den Nazis. Und er schrieb seine Erzählungen von der ersten Veröffentlichung an (1902) auf Hebräisch. Eins seiner großen Vorbilder war Peter Altenberg, den er in Wien kennengelernt (und ins Hebräische übersetzt) hatte. Schoffmann - ein hebräisch schreibender österreichischer Dichter, der in Österreich bis heute nicht wahrgenommen wurde?
"Nicht für immer" ist die erste Sammlung seiner Texte, die auf deutsch erscheint, und wir staunen über dieses Werk und den Bogen, den es schlägt: von den Geschichten über das zaristische Schtetl, die Kindheit in der russischen Provinz, die Bedrohungen durch verschiedene Kriege, das Elend der Soldaten, der Verwundeten und Deserteure, Armut und Einsamkeit in den Krisenjahren (wobei diese Krisenjahre für manche keinen Anfang und kein Ende hatten), die permanente Bedrohung durch einen immer tödlicher organisierten Antisemitismus; und egal, ob die Erzählungen nur eine halbe oder sehr viele Seiten umfassen, Schoffmanns Blick für das Wesentliche garantiert für pointierte Einblicke in vergangene (und gar nicht so vergangene) Lebenszusammenhänge.
  • Produktdetails
  • Verlag: Literaturverlag Droschl
  • Seitenzahl: 350
  • Erscheinungstermin: 10. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 35mm
  • Gewicht: 527g
  • ISBN-13: 9783854209911
  • ISBN-10: 3854209916
  • Artikelnr.: 46994727
Autorenporträt
Schoffmann, Gerschon
Gerschon Schoffmann, geboren 1880 in Orscha (heute in Weißrussland), floh vor dem russisch-japanischen Krieg nach Westen ins Habsburgerreich und nach Wien; 1921 zog er mit seiner Frau nach Wetzelsdorf (damals ein Vorort von Graz), wo er bis zur Flucht nach Palästina 1938 lebte. Er starb 1972 in Gedera, Israel. Er publizierte seit 1902 in Warschau, London, Lemberg, Odessa und Tel Aviv, den damaligen Zentren für hebräische Literatur; eine Gesamtausgabe seiner Erzählungen erschien zuletzt in 5 Bänden 1960 in Tel Aviv.
Rezensionen
"Schoffman's sharp, dark humored Hebrew stories, are now back to the German sphere, where he had originally wrote them." (Tomer Gardi)
Besprechung von 20.09.2017
Und all das dauerte, dauerte, dauerte
Hebräische Verzweiflung: Die Erzählungen von Gerschon Schoffmann erscheinen erstmals auf Deutsch

Die Lebensdaten des neuhebräischen Erzählers Gerschon Schoffmann (1880 bis 1972) sind aufschlussreich: Er ist etwas älter als sein Zeitgenosse Samuel Josef Agnon, der als die große Vaterfigur der israelischen Literatur gilt, und beide begannen ihre Schriftstellerkarrieren im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg. Nicht weniger aufschlussreich aber ist Schoffmanns Biographie. Denn sie zeigt, dass das Neuhebräisch, das seit dem späten neunzehnten Jahrhundert geschrieben wurde, mit Israels moderner Literatur keineswegs identisch ist.

Schoffmann kam in der Nähe von Minsk zur Welt, und bald nach seiner Geburt begannen die Pogrome, die viele russische Juden nach Westen trieben. Von dieser Bewegung wurde auch der heranwachsende Schoffmann erfasst. Um 1900 verbrachte er einige Jahre im damals noch österreichischen Galizien, und als er 1913 nach Wien zog, war er bereits ein bekannter Schriftsteller. Nach dem Krieg heiratete er eine österreichische Katholikin und zog mit ihr in ein Dorf bei Graz in der Steiermark. Dort lebte er bis 1938 und ließ sich erst nach dem Anschluss in Palästina nieder.

Warum schrieb er in all diesen Jahren weder in seiner russischen Muttersprache noch im Deutsch seiner Umgebung, sondern auf Hebräisch? Schoffmanns Werk macht deutlich, dass die Renaissance der jüdischen Sakralsprache als literarisches Medium in Europa begann und mit dem politischen Zionismus zunächst wenig zu tun hatte. Sie erwuchs aus der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, ihre Protagonisten waren Schriftsteller wie Mendele Mocher Sfarim und J. L. Peretz, die noch orthodoxe Talmudschulen besucht hatten und das Hebräische säkularisierten. Wie alle Aufklärer passten sie alte Traditionen einer neuen Zeit an, verwandelten Religion in Kultur.

Auch bei Gerschon Schoffmann lässt sich dieser Prozess beobachten. Die traditionelle Ausbildung seiner ostjüdischen Kindheit und Jugend hatte er hinter sich gelassen, und im steirischen Dorf hielt er keinen Kontakt zur jüdischen Gemeinde im nahe gelegenen Graz. Seine Erzählungen aber schrieb er auf Hebräisch. Er gehörte zur Schriftstellergeneration, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die Sprache formte, in der nach der Staatsgründung dann die israelische Literatur entstand - gerade das aber hat die Rezeption seines Werkes erschwert.

Während er von seinen Schriftstellerkollegen in Palästina immer geschätzt wurde und später auch den israelischen Staatspreis erhielt, war er niemals populär. Es ist kein Zufall, dass er so spät ins Deutsche übersetzt wird, denn auch in Israel hat man ihn vor etwa zwanzig Jahren erst wiederentdecken müssen, und ein Blick auf seine Erzählungen macht verständlich, warum das so ist: Was Schoffmann beschreibt, sind nicht nur die Menschen, mit denen er gelebt hat; mehr noch ist es die Zeit, die diese Menschen und dieses Leben formt. Schoffmann ist Erzähler und zugleich Chronist, erzählend gibt er der Zeit ihr Profil und zeigt das Elend der Zwischenkriegsjahre.

Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts war der Erste Weltkrieg, und bei Schoffmann erleben wir seine verheerende Wirkung in Echtzeit. Viele Texte des Bandes tragen die Daten ihrer Niederschrift, und im Dezember 1918 wird er Zeuge, wie der ohnmächtige Aufstand der Wiener Bevölkerung gegen die Hungersnot scheitert. "Die Schüsse knallten lauter und häufiger, und das Herz weinte in hilfloser Wut über das ewige Ungeheuer, das in seinem Hinterhalt lacht, den Rachen nie voll bekommt und auch die letzten Überlebenden nicht verschont. Versehrte aller Art strauchelten, stürzten, wanden sich, bald entstand ein Knäuel zappelnder, getretener Körper . . . Und all das dauerte, dauerte, dauerte. Vielleicht bis in alle Ewigkeit? Denn ein Erwachen gab es hier nicht, eines, das die Träume zerstreut."

Wie mit einer Kamera nimmt Schoffmann seine Zeit auf, und ihre Bilder lassen wenig Raum für Illusionen. Schon hier wird deutlich, warum man in Palästina an solchem Fatalismus wenig Gefallen finden konnte, und auch Schoffmanns spätere Schilderungen des steirischen Hinterlandes waren kaum dazu angetan, dem zionistischen Unternehmen Auftrieb zu geben. Lange blieben sie im Schatten der politisch inspirierten Literatur, die damals im britischen Mandatsgebiet und dann im Staat Israel entstand, jetzt aber macht ihre Wiederentdeckung sichtbar, was diese Texte verbergen.

In den Jahren vor dem "Anschluss" beobachtet Schoffmann, wie die österreichische Provinz sich auf ihren Führer vorbereitet. "Berüchtigt für ihre nationalsozialistische Gesinnung ist Frau Ludmilla Koleritsch", heißt es schon 1934. "Da hat sie auf dem Hof der jüdischen Nachbarn (der einzigen jüdischen Familie im Dorf) den Jungen, den Gymnasiasten, gesehen und ruft zu ihm hinüber: - Komm bitte, Hugo, und hilf unserem Franzl ein bisschen bei den Hausaufgaben! - Und später in ihrer Wohnung deutet sie auf das große Bild an der Wand: - Weißt du, wer das ist? - Hitler. - Und weißt du, was er will? Eines Tages wird er auch hier der Führer sein, wird die jüdischen Ladenbesitzer aus der Stadt vertreiben, wie sie es in Deutschland gemacht haben."

Ein alter Bauer leidet unter den jungen Leuten, die auf den Feldern die Halme zertreten. "Wir Alten wissen das Feld zu achten! - So redete der arglose Bauer mit mir und hörte gern meine Antworten und Anmerkungen. Aber nach der nationalsozialistischen Revolution war auch er wie umgekrempelt, hielt sich von mir fern." Einmal jedoch "wollte es der Zufall, dass wir einander auf einem schmalen Feldweg entgegenkamen, von dem es kein Ausweichen nach rechts oder links gab. Was würde er jetzt machen . . .? Er bestand die Probe nicht, der alte Bauer - und ging ins Korn."

In oft fast wortlosen Bildern hält Schoffmann fest, was es zu sehen gibt, und in der schönen Übersetzung von Ruth Achlama sind seine Erzählungen jetzt auch für deutsche Leser eine Entdeckung. Wie in Hans Falladas lange vergessenem Roman "Jeder stirbt für sich allein" taucht hier noch einmal der nationalsozialistische Alltag auf - in der Sicht eines Fremden und vor den Augen des Opfers.

JAKOB HESSING

Gerschon Schoffmann: "Nicht für immer". Erzählungen.

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Hrsg. und mit einem Nachwort von Gerald Lamprecht. Literaturverlag Droschl, Graz 2017. 352 S., geb., 25,- [Euro].

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