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Was tun gegen den Zwang zur Anpassung?
Autonomie gilt als zentrale menschliche Eigenschaft. Doch sie gerät von vielen Seiten unter Beschuss: Die Neurowissenschaft erklärt, der Wille sei nicht frei, die Sozialpsychologie zeigt in ihren Experimenten ebenso wie Shitstorms im Internet, wie mächtig der Anpassungsdruck ist. Die Auswirkungen sind beträchtlich, wenn unsere Autonomie in Gefahr ist. Harald Welzer und Michael Pauen analysieren die Situation auf Grundlage eigener Experimente und Forschungen, um Möglichkeiten der Gegenwehr sichtbar zu machen: Wie können Gemeinschaften so gestaltet…mehr

Produktbeschreibung
Was tun gegen den Zwang zur Anpassung?

Autonomie gilt als zentrale menschliche Eigenschaft. Doch sie gerät von vielen Seiten unter Beschuss: Die Neurowissenschaft erklärt, der Wille sei nicht frei, die Sozialpsychologie zeigt in ihren Experimenten ebenso wie Shitstorms im Internet, wie mächtig der Anpassungsdruck ist. Die Auswirkungen sind beträchtlich, wenn unsere Autonomie in Gefahr ist.
Harald Welzer und Michael Pauen analysieren die Situation auf Grundlage eigener Experimente und Forschungen, um Möglichkeiten der Gegenwehr sichtbar zu machen: Wie können Gemeinschaften so gestaltet werden, dass Konformitätszwänge gering bleiben? Gleichzeitig zeigen sie, dass es wirksame Gegenstrategien nur auf der sozialen Ebene geben kann - solange wichtige Freiheitsspielräume noch bestehen. Die Zeit drängt.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 327
  • Erscheinungstermin: 23. April 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 30mm
  • Gewicht: 460g
  • ISBN-13: 9783100022509
  • ISBN-10: 3100022505
  • Artikelnr.: 41641645
Autorenporträt
Pauen, Michael
Michael Pauen, geboren 1956, studierte Philosophie in Marburg, Frankfurt am Main und Hamburg. Nach der Habilitation 1995 war er Professor für Philosophie an der Universität Magdeburg und lehrt nun am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er auch Sprecher der Berlin School of Mind and Brain ist. Im S. Fischer Verlag hat er veröffentlicht 'Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung' (2004), 'Grundprobleme der Philosophie des Geistes. Eine Einführung' (2005) sowie zuletzt gemeinsam mit Harald Welzer 'Autonomie. Eine Verteidigung' (2015).

Welzer, Harald
Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. In den Fischer Verlagen sind von ihm erschienen: '»Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis' (zus. mit S. Moller und K. Tschuggnall, 2002), 'Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden' (2005), 'Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben' (zus. mit Sönke Neitzel, 2011), der 'FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18' (2016), 'Selbst denken' (2013), 'Autonomie. Eine Verteidigung' (zus. mit Michael Pauen, 2015), 'Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit' (2016) und zuletzt 'Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft' (2017). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.
Rezensionen
Besprechung von 27.06.2015
Gegen den Strom ist es eben anstrengender
Politisch ganz korrekt: Michael Pauen und Harald Welzer verteidigen die prinzipienfeste Selbstbestimmung

Was ist Autonomie, und warum soll man sie verteidigen? Mit einfachen Antworten geben sich der Philosoph Michael Pauen und der Sozialpsychologe Harald Welzer nicht zufrieden. Autonom sei jemand, so die beiden Autoren, der nach Prinzipien handelt, die er für richtig hält, auch wenn er sich gegen Widerstand durchsetzen muss. So gesehen, können auch Verbrecher und Diktatoren autonom handeln. Autonome Menschen haben Handlungsspielräume, die Menschen in vormodernen Ordnungen nicht zu ihrer Verfügung haben. Wir haben uns daran gewöhnt, selbst zu entscheiden, wen wir heiraten und welchen Beruf wir ergreifen wollen. Aber Autonomie ist nicht einfach da. Sie ist vielmehr eine zivilisatorische Errungenschaft, die mit der Aufklärung in die Welt kam.

Pauen und Welzer berufen sich auf die Zivilisationstheorie des Soziologen Norbert Elias, der gezeigt hat, dass Autonomie nicht nur eine Leistung der Aufklärung, sondern auch eine Möglichkeit war, die sich aus der Entstehung des staatlichen Gewaltmonopols und seiner friedensstiftenden Wirkung ergab. In dem Maß, in dem die Gewalt aus dem Leben verschwand und Menschen ihr Leben über den nächsten Tag hinaus planten, konnten sie sich an eigenen Bedürfnissen orientieren, ohne dem Zwang der Gemeinschaft nachzugeben. Fremdzwang wird zum Selbstzwang, hätte Norbert Elias gesagt.

Ohne Privatsphäre keine Autonomie. Nur im geschützten Raum kann gelingen, was in einer transparenten Umgebung unmöglich wäre. Erst wenn die Augen des Herrschers nicht mehr sehen können, was die Untertanen tun, wenn sie unter sich sind, entstehen Entscheidungsspielräume. Totale Transparenz und Demokratie sind unvereinbar. Zwar wissen auch Pauen und Welzer, dass keine Ordnung überleben kann, wenn sie nicht auch Konformität und Anpassung erzwingt. Aber sie unterscheiden zwischen einer Unterwerfung, die erzwungen wird, und einer Anpassung, die aus eigener Einsicht kommt. Wer sich an der Theaterkasse anstellt, handelt autonom. Denn wenn sich niemand an Regeln hielte, wäre es auch um die eigene Freiheit schnell geschehen.

Autonomes Handeln beruht auf Voraussetzungen. Wer in einer offenen Gesellschaft Kritik übt, riskiert wenig, wer es in einer Diktatur tut, setzt womöglich sein Leben aufs Spiel. Manchmal bewirkt ein und dieselbe Tat Verschiedenes. Ein polnischer Bauer, der einen Juden rettete, begab sich in Lebensgefahr, und er tat, was sonst nur wenige wagten. Er handelte autonom. Ein dänischer Bürger, der das Gleiche tat, handelte hingegen konform, weil er sich verhielt, wie sich die meisten Dänen verhalten hätten. In jedem Fall gilt, dass Gruppendruck autonomes Handeln einschränkt. Erst wenn sich Risse im Gehäuse der Hörigkeit zeigen, sind Menschen bereit, sich zu widersetzen und Kritik zu üben.

Autonomie und Konformität gehören zueinander. In allen modernen Gesellschaften müssen Handlungen synchronisiert werden. Und wer einmal auf eine Weise gehandelt hat, wird es wieder tun, weil Menschen von ihren Gewohnheiten nicht abweichen wollen. Aber Konformität entlastet auch von Entscheidungszwängen. Wer anderen die Entscheidung darüber überlässt, wie er leben soll, muss sich den Zumutungen einer unübersichtlichen Welt nicht mehr aussetzen. Man kann sich aus freiem Willen für das Leben in Unfreiheit entscheiden, und es kommt vor, dass Menschen es tun, weil ihnen Sicherheit lieber ist als Entscheidungsfreiheit. Was historisch erreicht worden ist, kann also jederzeit wieder verspielt werden.

Pauen und Welzer beklagen, dass die Diktatur des Konformismus auch in die Wirklichkeit der europäischen Demokratien zurückgekehrt sei: Die Bürger seien zu Objekten der Geheimdienste und ihrer Überwachungstechnologie geworden, sie hätten sich Google und Facebook unterworfen und sich einreden lassen, dass es besser sei, wenn sie von Entscheidungszwängen entlastet würden. Diktaturen und Überwachungsmedien vernichteten Privatheit und bedrohten Autonomie. Das sei der Preis, der für die Übertragung von Rechten gezahlt werde. Der moderne Totalitarismus komme ohne Terror aus, hatte der Philosoph Günther Anders geschrieben. Pauen und Welzer stimmen ihm zu. Tatsächlich könne die moderne Informationsindustrie Menschen durch Manipulation steuern und sie dazu bringen, von selbst zu verrichten, was man von ihnen will. Die Welt wird dadurch entdifferenziert, Komplexität abgebaut, das Denken vereinfacht. Dagegen sollten wir uns wehren, schreiben die Autoren, wir sollten unsere Freiheit nicht gegen Sicherheit eintauschen und Autonomie nicht der Bequemlichkeit opfern.

Fast jeden Satz in diesem Buch möchte man unterschreiben. Aber müsste man nicht auch von den Chancen sprechen, die sich aus dem sozialen Netzwerk ergeben? Vom Protest, der durch sie organisiert und vernetzt werden kann, und vom Widerspruch, der in ihnen auch dann formuliert werden kann, wenn die Mehrheit ablehnt, was man selbst für eine gute Idee hält? In der Anonymität können andere Menschen verleumdet und verteufelt werden, aber sie eröffnet auch die Möglichkeit, sich zu widersetzen, ohne in Gefahr zu geraten, zur Verantwortung gezogen zu werden.

Handelt eigentlich nur autonom, wer Kritik so vorbringt, dass er linksliberalen Erwartungen entspricht? Was ist mit Menschen, die sich dem Diktat des politisch Korrekten verweigern, die sprechen, wie es ihnen gefällt, die sich weigern, an Wahlen teilzunehmen, und sich den Tugendwächtern in den Weg stellen, wenn sie wieder einmal für uns entscheiden wollen, wie wir leben sollen? Über sie sagen die Autoren wenig.

Wir schätzen Personen, die Widerstand überwinden, schreiben Pauen und Welzer. Wirklich? Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall. Die meisten Menschen schätzen nur, was ihrem Selbstbild entspricht. Sie wollen nicht verunsichert werden, sondern mit dem Strom schwimmen. Autonomie ist ein Luxus, den sich Menschen leisten können, die materiell und politisch unabhängig sind, oder solche, denen es egal ist, was andere über sie denken. "Man sollte sich dagegen verteidigen, dümmer und ohnmächtiger sein zu sollen, als man sein könnte", fordern Pauen und Welzer. An dieser Forderung kann man sich freilich orientieren.

JÖRG BABEROWSKI

Michael Pauen und Harald Welzer: "Autonomie". Eine Verteidigung.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 328 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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die beiden [Autoren] liefern mit diesem Buch wichtige Impulse, die die Diskussion über die notwendige Kontrolle der digitalen Sphäre voranbringen wird